Die größten Irrtümer und Missverständnisse über Islam – Kapitel Hintergründe zu Dschihad

Künstlerin: Sharman Beheshti

mehriran.de – Hintergründe, Hinweise, Klärungen zu Koran und Islam. Wir veröffentlichen in mehreren Kapiteln eine allgemein zugängliche Schrift zu grundlegenden Fragen über Islam.

Vorhergehende Kapitel:

Kapitel 1 – Einführung in den Begriff Islam

Kapitel 2 – Auslegungen des Korans

Kapitel 3 – Menschenrechte im Koran

Hintergründe zu Dschihad

Der Begriff Dschihad wird heutzutage nicht entsprechend seiner eigentlichen ursprünglichen Bedeutung verwendet. Wenn jemand heute über Dschihad spricht, schwingt eine sehr negative, ja sogar manchmal in Angst versetzende Konnotation mit, die mit „islamischem“ oder „islamistischem“ Terrorismus und Selbstmordangriffen in Zusammenhang gebracht wird.
Diese Risiken und Gefahren durch willkürliche Kommentare zu heiligen Schriften sind nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Den Koran, die Bibel oder die Tora kann man schnell mal lesen, aber eine sinnvolle Interpretation ist dann doch schwieriger, denn jede Person projiziert ihren geistigen Entwicklungsstand in ihre jeweilige Interpretation. Unreife Menschen werden durch ihre unmittelbaren Impulse beherrscht, sie leben im Zustand der Unwissenheit, auch wenn wir schon im 21. Jahrhundert sind. Ihre Auslegungen der heiligen Schriften wie Bibel, Evangelium und Koran entsprechen der oberflächlichen, materialistischen Stufe ihrer Fähigkeit zu be-greifen und zu denken. Man kann nicht das Buch dafür zur Rechenschaft ziehen, wenn die Interpretation schlichtweg falsch ist oder zu-mindest irreführend oder missverständlich.

Dschihad heißt „höchste Anstrengung“. Die Wurzel dieses Begriffs ist jahd, was mit „Anstrengung“, „Mühe“, „Streben“ übersetzt werden könnte. Jemand, der sich nicht unerheblich einsetzt, um ein wichtiges Ziel zu erreichen, ist ein mojahid. Der Begriff Dschihad und alle seine Ableitungen ist ein spezifisches Vokabular im Koran und wird darin 41 Mal verwendet.

Dschihad gehört zu den Säulen des Islam. Gemäß der sunnitischen Gelehrten gibt es fünf religiöse Verpflichtungen: Salat (tägliches Gebet), Zakat (religiöse Steuern), Soun (Fasten), Hadsch (Pilgerfahrt nach Mekka) und Dschihad (alle Bemühungen für Gott). Demgegenüber sprechen Schiiten von acht Säulen: Salat, Soun, Khoms und Zakat, Hadsch, Dschihad, Amr bil ma’rouf (sich vornehmen, gute Taten zu vollbringen), Nahi menal monkar (das Ego wird vom Ausführen schlechter Taten abgehalten). 

Im Koran werden Gläubige als Menschen beschrieben, die regelmäßig beten, ihre religiösen Steuern leisten und sich ernsthaft anstrengen, auf materielle Güter zu verzichten und ihr Ego auf dem Weg zu Gott zu überwinden. Anders gesagt sollte ein treuer Muslim die Bedeutung von Dschihad beachten und ausüben. Im Gegensatz zu der heute üblichen Anschauung gehört die religiöse Disziplin des Dschihad ganz und gar nicht zu den Techniken der Kriegsführung oder hat sonst irgendwie mit Krieg zu tun. Die im Koran verwendeten Worte für Krieg sind harb und getal sowie deren Ableitungen:

a) Harb ist ein Kampf, der von einer Person oder von einer Gruppe gegen moralische oder physische Feinde ausgeht. Zum Beispiel enthält die Sure „Die Kuh“ (bakara) jenen Vers, in dem Wucher strikt abgelehnt wird.  

Doch Gott hat den Handel erlaubt und den Wucher verboten.
Sure 2, Vers 275.

O ihr Gläubigen! Fürchtet Gott und verzichtet auf noch ausstehende Wucherbeträge, wenn ihr wirklich an Gott glaubt! Wenn ihr das nicht tut, so wisst, dass ihr mit Gott und Seinen Gesandten in Fehde steht.
Sure 2, Verse 278-279.

Ein anderer Vers schildert:

Sooft sie Feuer zum Krieg (harb) gegen den Gesandten und die Gläubigen entfachen, löscht es Gott.
Sure 5, Vers 64.

b) Getal bedeutet „Krieg führen“. Getal bekommt eine negative und zerstörerische Bedeutung, wenn der Krieg dazu dient, Gerechtigkeit zu verachten und die Rechte der Menschen zu unterdrücken.

Eine positive Note bekommt getal, wenn dadurch Leben und Würde beschützt werden sowie Güter und Gebäude beim Angriff eines unerbittlichen Feindes bewahrt werden. Gott hat den Muslimen erlaubt, Krieg zu führen, wenn sie sich „zurecht verteidigen“ müssen. Dies geschah, als der Prophet und seine Gefährten gezwungen waren, Mekka ohne gerechtfertigten Grund, nur aus Angst um ihr Leben, zu verlassen. Sie wurden unzählige Male von ihren Gegnern angegriffen. Vers 39 aus der Sure „Die Pilgerfahrt“ (hadsch) berichtet von diesem historischen Ereignis und verwendet dabei den Begriff getal und nicht dschihad.

Den Gläubigen, die von den Ungläubigen angegriffen werden, ist es erlaubt, zu kämpfen (yoghteloun), weil ihnen Unrecht geschehen ist. Gott kann sie gewiss siegen lassen.
Sure 22, Vers 39.

David und Goliath

Verschiedene Koranverse nehmen mit dem Wort getal Bezug auf die militärischen Auseinander-setzungen der Gefährten des Propheten, die sich wiederholt gegen angreifende Feinde zur Wehr setzen mussten. Ein Beispiel wird mit der Geschichte über den Kampf der Israeliten unter der Führung Davids gegen ihre Feinde, geführt von Goliath, gegeben.

Hast du nicht von den Häuptern der Kinder Israels nach Moses gehört, wie sie zu einem ihrer Propheten sprachen: „Setze einen König über uns, dass wir für Gottes Sache kämpfen (katala) mögen?“ Er sprach: „Ist es nicht wahrscheinlich, dass ihr nicht kämpfen werdet, wenn euch Kampf verordnet wird?“ Sie sprachen: „Welchen Grund sollten wir haben, uns des Kampfes für Gottes Sache (katala) zu enthalten, wenn wir doch von unseren Wohnungen und unseren Kindern vertrieben worden sind?“ … Ihr Prophet sprach zu ihnen: „Gott hat Saul – Talût – zu eurem König bestimmt.“ … Sie sagten (als sie Goliath und seine Kämpfer erblickten): „Wir können Goliath und seine zahlreichen Kämpfer heute nicht bezwingen.“ Diejenigen unter ihnen, die darauf vertrauten, dass sie Gott einmal (am Jüngsten Tag) begegnen würden, sagten: „Wie oft bezwang eine kleine Schar mit Gottes Willen eine große!“ Gott ist mit den Standhaften. … Sie besiegten sie mit Gottes Verfügung. David (einer der Kämpfer Sauls) erschlug Goliath. Gott gewährte David nach Sauls Tod Herrschaft und Weisheit. Er lehrte ihn, was Er wollte.
Sure 2, Verse 245-251.

Im Anschluss an diese Verse folgert der Koran:

Wenn Gott es nicht so einrichtete, dass die guten Menschen die Bösen verdrängen und dass die Bösen einander bekämpfen, wäre die Erde voller Unheil.
Sure 2, Vers 251.

Und fügt hinzu:

Kämpft (gatelou) für die Sache Gottes, und seid euch dessen bewusst, dass Gott alles hört und alles weiß!
Sure 2, Vers 244.

Aus der Logik des Korans heraus kann man ableiten, dass Widerstand gegen Ungerechtigkeit, Überfälle und Barbarei berechtigt ist. Dennoch muss betont werden, dass der Begriff dschihad in diesen Versen nicht vorkommt, sondern getal oder mokateleh verwendet werden. Um es deutlich auszudrücken: Dschihad entspricht keineswegs einer militärischen Handlung, weder Angriff noch Verteidigung korrespondieren mit diesem Begriff.

Der Begriff dschihad bezeichnet eine „intensive Bemühung“ und entspricht einer inneren individuellen Handlung, zu der die Gläubigen aufgerufen sind, um sich dem höchsten Ziel einer geistigen Schulung zum Schöpferischen (Gött-lichen, Gott, Allah) hin zu bewegen. Dazu liest man im Koran:

Den Gläubigen, die sich für Unsere Sache einsetzen (jahadou), zeigen Wir Unsere Wege. Gott ist gewiss mit den Rechtschaffenen, die sich eifrig um gute Werke bemühen.
Sure 29, Vers 69.

In der gleichen Sure ergänzt dieser Vers die Erläuterung:

Wer da strebt (dschihad), strebt nur für seine eigene Seele; er erzieht seine nafs. (Man jahada faennama youiahid le nafseh)
Sure 29, Vers 6.

Somit stellt dschihad ein Ringen dar, das jeder Gläubige in seinem Innern durchführt. Er ringt mit seinen primitivsten Affekten und instinktiven Trieben. In diesem heftigen und mühevollen Ringen strebt der Gläubige danach, in sich selbst menschlichere und ritterlichere Eigenschaften und innere Haltungen wie Partnerschaftlichkeit, Liebe, Großzügigkeit, Beharrlichkeit, Toleranz zu entwickeln und zerstörerische Impulse wie Eifersucht, Neid, Hass, Gemeinheit oder Ver-bohrtheit zu unterbinden. 

Einziges Ziel dschihad zu betreiben, ist der Kampf gegen die nafs (Ego). Der Begriff nafs bezeichnet eher impulsgetriebene oder triebgesteuerte Regungen, was wir gemeinhin mit selbstsüchtig umschreiben könnten. Nafs sind instinktive Im-pulse in uns, die sich selbst überlassen, sich als Barbarei, Obskurantismus und Ignoranz aus-wirken können.

Nafs sind die primitivsten Schichten der Gattung Mensch, die mit dem sogenannten „Reptilien-hirn“[1] verbunden sind. Durch die Tätigkeit dieser primitiven Hirnfunktionen verbleibt die Menschheit im Allgemeinen unter den Gesetzen eines un-kultivierten Lebens in der Wildnis. Nafs stehen im völligen Gegensatz zu allem Gött-lichen, Schöpferischen und Geistigen.

Fariduddin Attar[2] vergleicht die Eigenschaften der nafs mit einem Dschungel, der durch verschiedene Tiere wie dem wilden Wolf, dem schlauen Fuchs, dem lustvollen Bär, dem aggressiven Tiger, der Schlange, der Fledermaus, dem Skorpion und anderen bevölkert wird. Die Pflicht des Gläubigen besteht darin, den un-kultivierten Wildwuchs seiner Persönlichkeit in einen Garten voller Duft und Blüten zu ver-wandeln. Maulana aus Balkh vergleicht die nafs mit einem Drachen, den siebenhundert Köpfe zieren, die sich allesamt gegen den Himmel stellen.

Gott hat die Propheten gesandt, um die Menschen um sie herum aus dem Schlaf der Selbstsucht zu wecken und auf die Quelle der verborgenen Gefahren in uns hinzuweisen.

Im Koran steht:

Ich spreche mich von der Schuld nicht frei. Die Seele (nafs) treibt gewiss zum Bösen.
Sure 12, Vers 53.

Und (gedenket der Zeit) da Moses zu seinem Volke sprach: „O mein Volk, … kehre dich denn zu deinem Schöpfer und merze deine Triebe aus (töte deine nafs).
Sure 2, Vers 54.

Eigene Triebe (nafs, Antreiber zerstörerischer Handlungen ammara bissou) im Zaum halten lernen, ist eine unerlässliche Bedingung für die Entwicklung der Seele zu edleren Werten der Menschlichkeit, Einigkeit und Geistigkeit. Indem diese erste Hürde überwunden wird, kann eine Person nach und nach ihre geistige Realität verwirklichen und dem Bild Gottes entsprechen, um am Scheitelpunkt eines langen und beschwerlichen Prozesses ein wahrhafter Stellvertreter Gottes auf Erden zu werden.

Darum kann ein Gläubiger seine Waffe der inneren Hingabe nie aufgeben und diesem inneren Ringen nicht abschwören. Mystiker zeigen, wie man mittels dschihad Schritt für Schritt seine geistige Entwicklung so weit voranbringen kann, dass man auf der höchsten Stufe dem Bild Gottes im eigenen Herzen begegnet. Für einen spirituellen Schüler gilt dieser Zustand als sichere Garantie gegenüber den Launen der nafs.

Der erste Rat der Propheten an ihre Schüler bezieht sich auf dschihad, da diese hohe Anstrengung die Tore zur ganzheitlichen Reife öffnet. Daher gilt es, dschihad gegen unser eigenes Ego zu führen, da die nafs unsere mächtigsten Gegner sind. So lange wir unsere nafs nicht beherrschen lernen, wird eine Entwicklung unserer latenten seelisch-geistigen Fähigkeiten schwierig.

Unterscheidung verschiedener Dschihads

In der muslimischen Tradition (sunna) haben die islamischen Rechtsgelehrten, foghaha genannt, drei verschiedene Arten von Dschihad unterschieden. Der große Dschihad (dschihad al-akbar) bedeutet Selbstüberwindung oder das Ringen mit dem inneren Feind; der kleine oder geringere Dschihad (dschihad al-asgar) meint den Kampf gegen einen äußeren Aggressor, um seine Werte zu verteidigen und der edelste Dschihad hat den Beinamen al-afdal, was soviel heißt wie „die Wahrheit im Angesicht eines Unterdrückers aussprechen“. (In einem von Muslim und Bukhari überlieferten Hadith). Aus einem Ereignis der ersten islam-ischen Kriege erfahren wir, wie wichtig der Wan-del in der Bedeutung und der geistige Aspekt von Dschihad  war. Eines Tages kam es zu einer Schlacht zwischen den Gefährten Mohammeds und einer heidnischen Stammesarmee, aus der die Muslime siegreich hervorgingen. Als die Feinde abzogen, sah Mohammed, dass die Muslime sehr zufrieden mit ihrem Einsatz und ihrem Sieg waren. Er sprach zu ihnen: „Von dieser geringeren Schlacht kehren wir nun zurück zu der großen Schlacht und betätigen uns im größten Dschihad (Farajena menal jihad alasgar ela aljihad alakbar)” [3]

Den Muslimen stockte angesichts dieser Antwort der Atem und sie riefen: “Aber das war doch der schlimmste Gegner, den wir je besiegt haben.“ Doch Mohammed antwortete: “Ganz und gar nicht. Euer größter Gegner ist in euch, jeder von euch wird das Ringen mit seinem eigenen Ego aufnehmen müssen (a ’da adovokom alnafs allati baina djanbeikom).” Dazu bemerkt Maulana[4]:

Den Löwen betrachte als beherzt, der sich selbst überwindet und nicht jenen, der sich in die Reihen der Gegner stürzt.


[1] Paleocortex, einem sehr alten Teil des menschlichen Hirns.

[2] Persischer Mystiker und Dichter des 13. Jahrhunderts.

[3] (Ein von Bayhagi zitiertes Hadith, das auch bei dem großen Gelehrten, Mystiker und Dichter Rumi Maulana in seinem Mathnavi Band I zu finden ist).

[4] Masnawi, Bd I, Seite 38. Übersetzt aus dem Masnavi Mirkhani (Tehran, 1953).

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