Was dem Regime zum Verhängnis werden könnte

Was dem Regime zum Verhängnis werden könnte

Was dem Regime zum Verhängnis werden könnte: Interview mit Vahid Beheshti, Mitbegründer der „Iran Front“. Übersetzt aus dem Englischen von Helmut N. Gabel.

Trotz seines immensen Reichtums an natürlichen Ressourcen ist das Land bankrott“, analysiert Vahid Beheshti, Mitbegründer der „Iran Front“. Seine Bewegung, die sich in der Mitte des politischen Spektrums positioniert, ruft zur Vereinigung der Opposition auf.

Helmut N. Gabel: Die Händler des Basars, die für die Wirtschaft des Iran relevant sind, haben Anfang der Woche ihre Geschäfte geschlossen, seither finden in mehreren Städten Massendemonstrationen statt. Aus welchen Gründen bringen die Menschen in Iran erneut ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck? Was sind die Hauptgründe für ihre Wut?

Vahid Beheshti: Diese Wut und diese Proteste sind nicht neu. Das Regime hat sich bis heute halten können, weil es der Unterdrückung nie Grenzen gesetzt hat. Die Ursachen für die Unzufriedenheit der Bevölkerung bestehen seit Jahrzehnten und haben sich im Laufe der Zeit immer weiter verschärft. Sie sind Ausdruck eines tiefen strukturellen, politischen und sozialen Unbehagens, das von den Behörden nie wirklich angegangen wurde.

Neu und besonders bedeutsam ist heute, dass diese Proteste das historische und wirtschaftliche Herz des Landes (den Basar) erreicht haben. Während sich die Mobilisierungen bis vor kurzem auf politische Forderungen oder Forderungen nach Freiheiten konzentrierten, sind sie nun vor allem wirtschaftlicher Natur. Es geht nicht mehr nur um Rechte oder Reformen, sondern um grundlegende Lebensbedingungen. Für die Bevölkerung ist das Leben schlichtweg unmöglich geworden.

Einerseits verwendet das Regime den Grossteil der Ressourcen des Landes für die Finanzierung seines ideologischen und militärischen Apparats. Andererseits haben die Inkompetenz und Korruption der Wirtschaftsverantwortlichen zu einem allgemeinen Ruin geführt. Angesichts dieser ausweglosen Situation hat das Volk keine Alternative mehr.

Diese Wutbewegung ist zu einer Frage des Überlebens geworden, die Gesellschaft hat eine Bruchstelle erreicht, und ein grosser Teil der Bevölkerung sieht nun keine andere Wahl mehr, als sich zu erheben, um weiterleben zu können.

Was dem Regime zum Verhängnis werden könnte
Was dem Regime zum Verhängnis werden könnte: Beheshti bei einer Veranstaltung im Europäischen Parlament

Anfang des Untergangs?

H.N.G.: Wo steht das Regime konkret? Erleben wir gerade die Anfänge seines Untergangs oder wird es sich halten können?

V.B.: Das Regime in Iran befindet sich seit langem in einer prekären Lage. Sein Überleben beruhte bisher auf zwei Standbeinen. Einerseits auf einer internationalen Politik, die auf Versöhnung und Verhandlungen basiert und ihm diplomatische und wirtschaftliche Atempausen verschafft hat. Dieser Rahmen wird heute jedoch von der internationalen Gemeinschaft weitgehend in Frage gestellt.

Andererseits haben sie ihre Macht dank eines äusserst gewalttätigen Unterdrückungsapparates erhalten. Dieses zweite Standbein zeigt jedoch Anzeichen von Verschleiss. Mit der Zeit schwächt sich die Fähigkeit des Regimes ab, den Protest dauerhaft einzudämmen, trotz weiterhin brutaler Repressionen.

Die Macht wird zweifellos weiterhin Gewalt anwenden, um jegliche Opposition zu unterdrücken, aber diese Strategie stösst angesichts einer zutiefst erschütterten und entschlossenen Gesellschaft an ihre Grenzen.

Was die Situation heute verändern könnte, ist das regionale und internationale Umfeld. Die Frage ist, ob Israel diesen Protest als historische Chance wahrnehmen wird, die Islamische Republik loszuwerden, indem es sich in den Hintergrund dieser Volksbewegung stellt. Es ist diese Konvergenz zwischen innerer Schwächung und äusserem Druck, die zum ersten Mal den Weg für einen echten Wendepunkt ebnen könnte.

Was dem Regime zum Verhängnis werden könnte: Beheshti vor seinem Camp in London, King Street

Reiches Land, arme Bevölkerung

H.N.G.: Wie konnte das Regime den Iran, der über bedeutende Öl- und Gasvorkommen verfügt, in eine solche wirtschaftliche Lage manövrieren?

Trotz seines immensen natürlichen Reichtums ist das Land bankrott. Dieser Widerspruch lässt sich in erster Linie durch die politischen Entscheidungen des Regimes erklären, das einen beträchtlichen Teil seiner finanziellen Ressourcen für die Verbreitung seiner Ideologie und die Unterstützung bewaffneter und einflussreicher Netzwerke im Ausland aufwendet, zum Nachteil produktiver Investitionen.

Hinzu kommt eine zutiefst mangelhafte Regierungsführung. Die Schlüsselpositionen in Staat und Wirtschaft werden nicht auf Grundlage von Kompetenz oder Fachwissen besetzt, sondern nach dem Grad der Loyalität gegenüber dem Regime. Diese Logik der Loyalität hat zu ineffizienter Verwaltung, systemischer Korruption und der Entstehung mafiöser Oligarchien geführt, die eng mit den Machtkreisen verbunden sind und sich den nationalen Reichtum aneignen, ohne einen nachhaltigen Wertbeitrag zu leisten.

Schliesslich haben internationale Sanktionen diese strukturellen Schwächen noch verschärft. Auch wenn sie nicht die Hauptursache der Krise sind, haben sie doch die bestehenden Missstände durch die Einschränkung des Marktzugangs verstärkt.

In Verbindung mit interner Misswirtschaft und ideologischen politischen Prioritäten haben sie dazu beigetragen, die iranische Wirtschaft in eine Spirale aus Stagnation und Verarmung zu treiben.

Reformer unbeliebt

H.N.G.: In den letzten Wochen versuchen iranische „Reformer”, sich gegenüber den Aussenministerien als politische Lösung für den Iran zu präsentieren. Was repräsentieren sie wirklich und wie werden sie von der iranischen Bevölkerung wahrgenommen, obwohl sie integraler Bestandteil des Regimes sind?

V.B.: Das Regime in Iran ist seit seiner Gründung im Wesentlichen unverändert geblieben. Der scheinbare Wechsel zwischen „Reformern” und „Konservativen” ist eher eine Inszenierung für die internationale Gemeinschaft als eine echte Dynamik des Wandels. Unabhängig von der politischen Ausrichtung der aufeinanderfolgenden Regierungen bleibt das Machtzentrum fest in den Händen des Velayat-e Faqih konzentriert.

Wenn einige Aussenministerien die Reformer weiterhin als eine mögliche politische Lösung betrachten, dann vor allem, weil sie noch immer versuchen, das bestehende Regime zu erhalten, obwohl die iranische Bevölkerung es nicht mehr will. In den Augen vieler Iraner haben die Reformer jegliche Glaubwürdigkeit verloren. Der Groll gegen sie ist oft noch grösser als gegen die Konservativen, da sie als Verräter der Hoffnungen auf Veränderung angesehen werden, die sie geweckt hatten.

Tatsächlich existieren die Reformer nicht mehr als autonome Kraft innerhalb der Macht, sie haben sich in verschiedene Formen der Opposition aufgelöst und projizieren sich nun in die Zeit nach dem Regime. Sie verfügen über keinerlei Legitimität in der Bevölkerung mehr. Die westlichen Regierungen täten daher gut daran, wachsam zu sein: Das Festhalten an dieser alten politischen Software entspricht nicht mehr der Realität vor Ort, und die Oppositionellen sind sich dessen voll bewusst.

Was dem Regime zum Verhängnis werden könnte: Beheshti hat zu Beginn seines Hungerstreiks Besuch von Prinz Reza Pahlavi und Shirin Ebadi

Iran Front

H.N.G.: Was sind die unmittelbaren Forderungen Ihrer politischen Bewegung, Ihr Programm? Wo stehen Sie und wie sieht Ihr Programm aus?

V.B.: Die Iran Front ist keine politische Partei, sondern eine Sammelbewegung. Unsere unmittelbare Forderung ist klar: alle diejenigen zu vereinen, die ein gemeinsames Ziel haben, nämlich den Sturz des derzeitigen Regimes.

Es geht darum, die Islamische Republik zu überwinden und eine Übergangsphase vorzubereiten, die notwendigerweise lang und schwierig sein wird. Unsere Aufgabe besteht genau darin, diese kritische Phase vorwegzunehmen, damit sie nicht in Chaos ausartet und den Weg für eine vom iranischen Volk gewählte Zukunft ebnet.

Die Iran Front ist bewusst unpolitisch und ideologiefrei. Sie vertritt weder ein vordefiniertes Regierungsmodell noch ein parteipolitisches Projekt. Ihre Aufgabe ist es, die verschiedenen politischen, sozialen und ethnischen Kräfte der Opposition im Rahmen eines gemeinsamen Dialogs zu vereinen.

Dieser Dialog basiert auf einem 17-Punkte-Manifest, das die unterschiedlichsten Strömungen auf der Grundlage gemeinsamer Prinzipien zusammenbringen soll, mit dem einzigen Ziel, den Übergang zu organisieren und trotz unserer Unterschiede eine nachhaltige Zusammenarbeit zu ermöglichen.

Unser Programm basiert auf einer Charta, die bereits von zahlreichen politischen und ethnischen Gruppen unterzeichnet wurde. Diese Charta zielt darauf ab, eine Übergangsregierung einzusetzen, die die gesamte Vielfalt der Opposition repräsentiert und von internationalen Instanzen beobachtet wird.

Diese Übergangsregierung hat die Aufgabe, eine verfassungsgebende Versammlung zu organisieren, die ihrerseits alle im Iran existierenden Strömungen repräsentiert. Der Übergang kann nur gelingen, wenn alle Komponenten des Landes vertreten sind und sich auf gemeinsame Grundsätze einigen. Genau diese Garantie will die Iran Front geben.

Wie sieht die Zukunft für Iran aus?

H.N.G.: Wie sehen Sie die nahe Zukunft des Iran? Wenn das Mullah-Regime fällt, sind Sie bereit, sich an einer Übergangsregierung zu beteiligen, die die Strömungen der liberalen Linken, die konstitutionellen Monarchisten von Prinz Reza Pahlavi und Persönlichkeiten aus ethnischen Minderheiten umfassen?

V.B.: Genau das ist das Ziel der Iran Front. Wir sind überzeugt, dass es für den Iran keinen anderen Ausweg gibt als die Vereinigung aller politischen Strömungen. Iran ist ein grossartiges Land, reich an Meinungsvielfalt, Bedürfnissen und Identitäten. Um seine Zukunft aufzubauen, ist es unerlässlich, dass all diese Stimmen gehört und vertreten werden können. Wenn wir einen demokratischen Iran aufbauen wollen, haben wir keine andere Wahl, als uns trotz unserer Unterschiede in einer Übergangsphase zu vereinen, in der jede Strömung ihren Platz und ihre Legitimität haben wird.

Die Iran Front bereitet sich seit vielen Jahren auf diese Übergangsphase vor. Das Zusammenkommen ist das Herzstück ihrer DNA und ihres Handelns. Wir haben stets daran gearbeitet, Brücken zwischen manchmal weit auseinander liegenden Bedürfnissen zu schlagen, in der Überzeugung, dass nur ein integrativer Ansatz einen stabilen und demokratischen Übergang gewährleisten kann. Dieser Wille kam 2023 auf vorbildliche Weise zum Ausdruck, als die Iran Front als einzige Bewegung es schaffte, Iraner aller Couleur zu vereinen, indem sie alle Strömungen aufrief, gemeinsam in mehr als einem Dutzend Städten auf der ganzen Welt unter der Flagge der Einheit und der Demokratie zu demonstrieren.

Darüber hinaus hat die Iran Front tiefe und dauerhafte Beziehungen zu den oppositionellen Kräften innerhalb des Iran sowie zu Gruppen ethnischer und religiöser Minderheiten geknüpft. Diese grundlegende Arbeit zielt darauf ab, eine solide Basis für die nationale Einheit zu schaffen, die in der Lage ist, einen für alle respektvollen Übergang zu organisieren, der auf demokratischer Stabilität, Pluralismus und gegenseitigem Respekt basiert.

In diesem Rahmen sind wir bereit, unsere Verantwortung zu übernehmen und uns aktiv an jeder Übergangsdynamik zu beteiligen, die in diese Richtung geht.

Was mit den Revolutionsgarden geschehen wird

H.N.G.: Die Revolutionsgarden, der bewaffnete Arm des Regimes, sind ebenfalls ein wichtiger Bestandteil der iranischen Gesellschaft und Wirtschaft. Zu welchem Preis können sie einen Regimewechsel akzeptieren? Was empfehlen Sie in Bezug auf ihre Anführer, die Anschläge in Auftrag gegeben haben, und ihre Offiziere, die an Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt waren?

V.B.: Das Korps der Islamischen Revolutionsgarden bildet das Herzstück des derzeitigen Regimes und ist sowohl militärische Stütze als auch zentraler Akteur eines Systems wirtschaftlicher Ausbeutung. Genau gegen diese Struktur erhebt sich heute das iranische Volk. Seit Jahren und mit zunehmender Intensität hat die iranische Jugend wiederholt gezeigt, dass sie bereit ist, einen hohen Preis zu zahlen, um sich von diesem militärisch-finanziellen Würgegriff zu befreien, der das Land in den Ruin getrieben hat.

Diese Konfrontation hat Kosten für die gesamte Gesellschaft, aber sie hat auch die Revolutionsgarden selbst geschwächt. Ihr Apparat erscheint heute geschwächt und von tiefen Spaltungen geprägt, bedingt durch internen Widerstand und die jüngsten militärischen Entwicklungen in der Region.

Es handelt sich nun um eine existenzielle Konfrontation, das iranische Volk und diese Struktur können nicht mehr nebeneinander existieren. Solange die Revolutionsgarden das Land weiterhin beherrschen, wird der Iran auf dem Weg in den totalen Ruin bleiben.

Dieser Kampf wird also so lange weitergehen, bis eine Seite siegt. Und für die Täter von Verbrechen setzt sich die Iran Front für einen Übergang ein, der auf Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit basiert. Ihre Charta sieht die Einrichtung unabhängiger Gerichte vor, die im Einklang mit dem Völkerrecht stehen und die Todesstrafe ausschliessen.

Diese Gerichte werden die Aufgabe haben, die Verantwortlichen für Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verurteilen, damit die Täter in einem rechtlichen, unparteiischen und den Grundprinzipien der Gerechtigkeit entsprechenden Rahmen für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden.

Gefahr für einen Bürgerkrieg?

H.N.G.: Einige Analysten in Europa sprechen von der Gefahr eines Bürgerkriegs im Iran und einer möglichen Teilung des Landes. Andere vergleichen den Iran mit Libyen und versichern, dass der Sturz des Regimes Chaos zur Folge hätte. Stimmen Sie dem zu? Was antworten Sie ihnen?

V.B.: Diese alarmistische Lesart entspricht genau der Argumentation des iranischen Regimes, das die Angst vor Chaos instrumentalisiert, um die internationale Gemeinschaft davon abzuhalten, entschlossene Entscheidungen zu treffen. Es handelt sich um eine sorgfältig verbreitete Rhetorik, um glauben zu machen, dass jede Alternative zum Zusammenbruch des Landes führen würde. Die Realität im Iran sieht jedoch ganz anders aus.

Trotz ihrer kulturellen, sprachlichen oder religiösen Vielfalt stellen die verschiedenen Gruppen im Iran ihre iranische nationale Identität weitgehend über jede ethnische Zugehörigkeit. Die Vorstellung einer Fragmentierung des Landes spiegelt nicht die tatsächlichen Dynamiken der iranischen Gesellschaft wider. Ich möchte die europäischen Politiker daran erinnern, dass sie eine entscheidende Rolle für die Zukunft des Iran spielen.

Um Konflikte und Instabilität zu verhindern, ist es ihre Aufgabe, die demokratischen Kräfte im Land zu unterstützen, anstatt zögerlich und ängstlich zu sein oder sich mit autoritären Strukturen abzufinden. Die Augen zu verschliessen oder sich auf totalitäre Kräfte zu stützen, verlängert nur die Krise. Schliesslich muss betont werden, dass dieses Regime selbst einer der Hauptfaktoren für Chaos und Destabilisierung im Nahen Osten ist.

Die Kriege, Spaltungen und Fragmentierungen in der Region sind weitgehend das Ergebnis der Politik des Regimes in Iran. Wenn diese Dynamik nicht gestoppt wird, werden ihre Folgen letztendlich auch die westlichen Gesellschaften selbst erreichen. Die Islamische Republik verkörpert bereits das Chaos, das manche befürchten. Die Solidarität mit dem iranischen Volk ist die Voraussetzung, um dem Chaos ein Ende zu setzen.

Wie kommt Iran zu einer gesunden Wirtschaft?

H.N.G.: Was sind Ihrer Meinung nach die unmittelbaren Prioritäten, damit der Iran wieder zu einer gesunden Wirtschaft zurückfindet?

V.B.: Der Iran ist ein Land voller Möglichkeiten, mit aussergewöhnlichen natürlichen Ressourcen und einer Bevölkerung von fast 90 Millionen Menschen, die überwiegend jung und gut ausgebildet sind. Um einen gesunden wirtschaftlichen Wiederaufbau in Gang zu setzen, wäre eine der Prioritäten die Einrichtung einer unabhängigen Kommission, in der Sozial-, Wirtschafts- und Rechtsexperten zusammenkommen.

Diese Instanz hätte die Aufgabe, den wirtschaftlichen Aufschwung zu überwachen, Korruption und Plünderung von Reichtümern wirksam zu bekämpfen und Transparenz bei der Verwaltung der nationalen Ressourcen zu gewährleisten. Parallel dazu sollte eine spezialisierte und autonome Einrichtung mit der Umstrukturierung der Wirtschaftsbeziehungen sowohl innerhalb des Landes als auch mit internationalen Partnern beauftragt werden.

Ein von der Islamischen Republik befreiter und sich der Welt öffnender Iran würde eine grosse Chance für internationale Unternehmen und Unternehmer darstellen. Das Land verfügt über einen beträchtlichen Binnenmarkt, eine gut ausgebildete Jugend, die sich in die Weltwirtschaft integrieren möchte, sowie eine Diaspora von etwa zehn Millionen Iranern weltweit, die eine Schlüsselrolle bei Investitionen, Kompetenztransfer und Innovation spielen könnten.

Wirtschaftsexperten hätten die Aufgabe, einen stabilen und berechenbaren Rahmen zu schaffen, um ausländische Investoren anzuziehen und ein nachhaltiges Wachstum zu fördern.

Das grösste Hindernis für die wirtschaftliche Entwicklung des Iran ist nach wie vor das derzeitige Regime. Sobald diese Blockade aufgehoben und das Land vollständig für den internationalen Handel geöffnet ist, wären die Perspektiven immens. Sektoren wie beispielsweise der Tourismus könnten angesichts des kulturellen Erbes und der Natur des Landes einen spektakulären Aufschwung erleben. Die Öffnung des Iran gegenüber der freien Welt würde somit ein beträchtliches wirtschaftliches Potenzial freisetzen, das der iranischen Bevölkerung und ihren internationalen Partnern zugutekommen würde.

Was dem Regime zum Verhängnis werden könnte: Beheshti spricht in der Knesset

Beziehungen zu Israel

H.N.G.: Lassen Sie uns auf Israel schauen. Wenn Sie an einer Übergangsregierung beteiligt sind, wie sehen Sie dann die Beziehung zu Israel?

V.B.: Was Israel betrifft, so ist die Position der Iranischen Front klar und entspricht einer historischen und zukunftsorientierten Vision. Im Jahr 2024 war ich der erste Iraner, der eingeladen wurde, im israelischen Parlament, in der Knesset, zu sprechen.

Ich habe dort an die jahrtausendealten Verbindungen zwischen unseren beiden Völkern erinnert, Verbindungen, die auf Koexistenz, Kultur und Bündnissen für die Freiheit in der Region beruhen. Der Iran verfügt über ein jüdisches Erbe von aussergewöhnlicher Fülle, das heute von der Islamischen Republik unterdrückt wird, aber nur darauf wartet, wiederentdeckt zu werden.

Ein von diesem Regime befreiter Iran könnte zu einem Träger eines neuen Paradigmas in der muslimischen Welt werden. Innerhalb der Iran Front arbeiten Forscher und Spezialisten bereits daran, dem grassierenden Antisemitismus etwas entgegenzusetzen, nicht nur für den Iran, sondern mit dem Ziel, über unsere Grenzen hinauszugehen und dazu beizutragen, die muslimische Welt dauerhaft von dieser Plage zu befreien.

Gefahr für Europa?

H.N.G.: Könnte das Regime in Iran, das vom Zusammenbruch bedroht ist, Anschläge in Europa verüben, um Druck auszuüben?

V.B.: Alles hängt von der Haltung Europas gegenüber der Islamischen Republik ab. Dieses Regime hat sich nie geändert. Seit seiner Gründung ist es ein Terrorstaat und wird dies auch bleiben, solange es existiert. Heute ist es geschwächt und steht kurz vor dem Zusammenbruch, beobachtet aber aufmerksam die Signale, die Europa aussendet. Es versteht jedoch nur eine Sprache, nämlich die der Entschlossenheit.

Wenn Europa Schwäche zeigt, wird das Regime zuschlagen. Es ist daher unerlässlich, das Korps der Revolutionsgarden klar als das zu bezeichnen, was es ist, nämlich eine terroristische Organisation, und entschlossen an der Seite des iranischen Volkes zu stehen, das seinen Kampf gegen das Regime auch für die Sicherheit Europas führt.

Nichts mehr zu verlieren

H.N.G.: Wir haben gesehen, wie Menschen mit blossen Händen bewaffnete Polizisten zurückgedrängt haben. Ist das ein Zeichen dafür, dass die Iraner nichts mehr zu verlieren haben?

V.B.: Die Szenen, in denen unbewaffnete Demonstranten schwer bewaffnete Kräfte zurückdrängen, spiegeln eine tiefgreifende Realität wider: Die Menschen in Iran haben tatsächlich nichts mehr zu verlieren. Diese Einschätzung wurde treffend von der grossen iranischen Schauspielerin Paraneh Alidousti zum Ausdruck gebracht, als sie in einem Interview, das mehr als 30 Millionen Mal angesehen wurde, erklärte, sie habe „nichts mehr zu verlieren und nichts mehr zu verbergen”.

Dieses Gefühl wird heute von der gesamten Bevölkerung geteilt, die buchstäblich um ihr Überleben kämpft. Die Armut betrifft alle Schichten der Gesellschaft, und auch wenn es durch Repressionen vorübergehend gelingt, den Protest zu unterdrücken, kehrt dieser immer wieder mit noch grösserer Kraft zurück.

Die Menschen in Iran haben verstanden, dass sie keine andere Wahl haben, als zu kämpfen, selbst mit blossen Händen, selbst wenn sie dabei ihr Leben lassen müssen, gegen ein Regime, das sie ohnehin langsam zu Tode quält.

01.01.2026

Was dem Regime zum Verhängnis werden könnte
Was dem Regime zum Verhängnis werden könnte: Beheshti am Grab von Shapour Bakhtiar in Paris

Biografische Infos zu Vahid Beheshti:

Vahid Beheshti, Menschenrechtsaktivist und Direktor des internationalen Telegram-Kanals Dorr TV, wurde 1977 in der Stadt Borudscherd, Iran geboren. Er hat Mathematik und Physik studiert und wurde nach Erhalt seines Diploms zweimal von den Sicherheitskräften des Regimes wegen seines Protests gegen Verletzungen von Bürgerrechten im Iran festgenommen.

1999 wanderte er nach England aus. Anschliessend studierte er, arbeitete und engagierte sich im Bauingenieurwesen, doch seine Besorgnis über Menschenrechtsverletzungen im Iran hielt ihn nie davon ab, seine Menschenrechtsaktivitäten fortzusetzen.

Vahid Beheshtis politisches und soziales Engagement begann mit seinem Protest gegen gemeinnützige Organisationen in England, die dem Regime in Iran nahe standen, als er zum ersten Mal öffentlich an einer Versammlung vor dem London Islamic Center (dem Büro von Nasser Makarem Schirazi) teilnahm.

Mit dem Beginn der Grünen Bewegung im Jahr 2009 wurde Vahid Beheshti durch seine Teilnahme an Protesten iranischer Exilanten, insbesondere an wöchentlichen Versammlungen vor der Botschaft der Islamischen Republik in London zum Vorkämpfer der Proteste gegen die Unterdrückungspolitik des Regimes gegenüber seinen Landsleuten im Iran.

Mit kreativen Protesten, Strassenaufführungen und Performances führte er den Bürgern und Touristen jede Woche auf einem der Hauptplätze Londons (Trafalgar Square) die Verbrechen des Mullah-Regimes vor Augen. Im sozialen Netzwerk YouTube sind viele Videos von ihm zu sehen, in denen er mit Trommeln und Musikinstrumenten die Protestparolen der in England lebenden iranischen Demonstranten anführt.

In den Jahren nach der Grünen Bewegung produzierte Vahid Beheshti kurze Videos von sich selbst, um Nachrichten aus dem Iran in den sozialen Medien zu verbreiten, las die Erklärungen von Kämpfern im Inland vor und betrachtete den Cyberraum als ein Mittel, um die Stimmen der iranischen Kämpfer weltweit hörbar zu machen.

Nach einem Jahrzehnt in England wurde der Aktivist durch die Teilnahme an Menschenrechtstreffen der Vereinten Nationen, die von Dr. Hassan Nayeb Hashem im UN-Hauptquartier in Genf organisiert wurden, zur Stimme der ethnischen, religiösen und ideologischen Vielfalt, deren Rechte im Iran verletzt oder unterdrückt wurden.

Vahid Beheshti ist Mitglied der International Organization to Preserve Human Rights, einer internationalen Menschenrechtsorganisation.

Er ist seit fast 15 Jahren beruflich im Bereich Medien und Menschenrechte tätig. Er ist Direktor des internationalen Telegram-Kanals Dorr TV, das nach Amad News – unter der Leitung von Rouhollah Zâm – mit über 715.000 Mitgliedern einer der beliebtesten persischsprachigen Telegram-Kanäle ausserhalb des Landes ist.

Vahid Beheshti hat sich wiederholt für die Rechte des iranischen Volkes eingesetzt, indem er in persischsprachigen Radio- und Fernsehsendungen ausserhalb des Landes auftrat, darunter BBC Persian, Iran International, Iran Farda, Global Kalemeh Network und Andisheh TV.

Zu Beginn seiner Menschenrechts- und Medienaktivitäten lernte er die praktischen und theoretischen Grundlagen der Rechte von Dr. Seyed Mostafa Azmayesh, einem Islamwissenschaftler und Lehrer für Mystik und Sufismus und einer der prominenten Persönlichkeiten des Gonabadi Nematollahi Sultanali Shahi-Ordens.

Er ist einer der Unterzeichner von Erklärungen politischer, sozialer und Menschenrechtsaktivisten gegen die repressive Politik des Regimes. In vielen dieser Erklärungen wird der Name Vahid Beheshti als Menschenrechtsaktivist und Medienaktivist erwähnt.

Vahid Beheshti ist einer der ersten Pioniere, der den Kontakt zu politischen Gefangenen und Menschenrechtsaktivisten im Land hergestellt hat. Er ist einer der wenigen Journalisten, die versucht haben, die Stimmen der Menschen im Iran weltweit hörbar zu machen. Zu den Aktivisten, die Vahid Beheshti interviewt hat und die im Iran leben, gehören Persönlichkeiten wie Nasrin Sotoudeh, Rechtsanwältin und Menschenrechtsaktivistin, Dr. Seyed Mohammad Seyfzadeh, Rechtsanwalt und einer der Gründer des Zentrums für Menschenrechtsverteidiger, politischer Gefangener und Menschenrechtsaktivist u.a.

Infos zu Iran Front:

https://ecrgroup.eu/event/event_regime_change_in_iran_challenges_and_opportunities

https://www.meforum.org/vahid-beheshti-my-plan-to-bring-down-the-iranian

https://www.bbc.com/news/uk-65097630

https://www.abc.net.au/news/2023-04-02/british-iranian-vahid-beheshti-hunger-strike-irgc-terrorism-list/102173472

@Helmut N. Gabel, 01.01.2026, für mehriran.de, aus dem Englischen übersetzt.

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Kritisch zum Regime. Hintergründe, Fotos, Berichte zu Iran. Positiv zu Land und Leuten.