Von der Revolution zum Putsch – 2. Teil

Von der Revolution zum Putsch - Reza Schah I und Seyed Hassan Taqizadeh

„Von der Revolution zum Putsch“ ist eine Serie von Artikeln, die in die Geschichte Irans einführt, aufzeigt, wie es dazu gekommen ist, dass ein islamisches Regime installiert wurde und welche Perspektiven für einen zukünftigen freien Iran greifbar sind. Afshin Sajedi schreibt im zweiten Teil über die Bedeutung der Maschruteh-Bewegung und die Konstitutionelle Revolution.

Oft wird die Pahlavi-Dynastie als der Träger der Modernisierung Irans dargestellt.
 Doch die Grundlagen der Moderne wurden bereits in der Zeit der Konstitutionellen Revolution (Maschruteh) gelegt.

Die Pahlavi-Herrscher setzten in vielen Bereichen lediglich die Wünsche und Forderungen des iranischen Volkes und des Nationalparlaments dieser Zeit um. Zwischen 1906 und 1925 entstanden in Iran zahlreiche moderne Institutionen und Gesetze, die die Grundlage für spätere Reformen bildeten: 1906 wurde mit dem Verfassungsdekret das Nationale Parlament (Madschles) gegründet. Die Verfassung und ihre Zusatzartikel legten eine konstitutionelle Monarchie und die Gewaltenteilung fest.

1907 entstand der Rechnungshof (Divan-e Mohasebat) zur Kontrolle der Staatsfinanzen, und es wurden Gesetze für Wahlen, Ministerien und die Pflichten der Minister verabschiedet.

Zwischen 1909 und 1911 wurden weitere Reformen umgesetzt: das moderne Justizministerium (Adliye), ein Gesetz zur Verwaltung der Provinzen und ein modernes Zollwesen mithilfe ausländischer Berater wie Morgan Shuster. Zudem wurde ein direktes Steuersystem eingeführt.

Morgan Shuster, Von der Revolution zum Putsch 2. Teil

1914-1918, während des Ersten Weltkriegs, wurden das Dar-ol-Fonun erweitert und neue staatliche Schulen gegründet. 1918 übernahm das Ministerium für Bildung, Stiftungen und schöne Künste offiziell die Verantwortung für Bildung und Kultur. 1919-1921 folgten weitere Modernisierungen: die Gendarmerie und die Stadtverwaltungen(Baladieh) erhielten klare Aufgaben in den Bereichen öffentliche Gesundheit, Straßenbau und kommunale Dienste.

Bis 1925, also vor der Herrschaft von Reza Schah, verfügte Iran bereits über moderne Strukturen wie die Nationalbank (im Aufbau), das Grundbuchamt (Edareh Sabt-e Asnad), jährliche Haushaltsgesetze und spezialisierte Behörden wie die Straßen- und Verkehrsverwaltung.

Diese Entwicklungen zeigen, dass die Pahlavi-Periode auf einem Fundament aufbaute, das während der Konstitutionellen Revolution gelegt wurde. Die Pahlavis führten viele dieser Projekte lediglich zu Ende und weiteten sie aus.

Konstitutionelle Revolution in Iran

Die Konstitutionelle Revolution in Iran (1906) war für das Land ähnlich wichtig wie die Renaissance für Europa. Sie brachte neue Ideen wie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung.
 Zum ersten Mal gab es eine Verfassung, ein Parlament und Gesetze, die die Macht des Königs begrenzten.
 Wie die Renaissance in Europa öffnete sie den Weg zu Bildung, Wissenschaft und moderner Verwaltung und legte den Grundstein für Irans Weg in die Moderne.

Die Konstitutionelle Revolution im Iran war weniger eine Folge wirtschaftlicher Unzufriedenheit, sondern vielmehr das Ergebnis einer langen kulturellen Arbeit zwischen verschiedenen sozialen, religiösen und ethnischen Gruppen. Viele Bücher und Schriften wurden von verschiedenen Personen und Gruppen verfasst. Alle religiösen und ethnischen Gemeinschaften arbeiteten gemeinsam für den Erfolg dieser Revolution.

In der Konstitutionellen Revolution wurde weder die Monarchie noch die Kadscharen-Dynastie oder der König selbst gestürzt. Aber das iranische Volk stieg vom Status „Untertan“ zum Status „Bürger“ auf.

Die Revolution brachte vier grosse Errungenschaften für die iranische Gesellschaft: Demokratie, Säkularismus, Rechtsstaatlichkeit und die Ersetzung der religiösen Identität durch eine nationale iranische Identität.

So wurde beispielsweise die Frage des Frauenwahlrechts bereits im Zweiten Parlament (1909-1911) im Iran erörtert. Der Abgeordnete aus Hamedan, Seyed Hassan Taqizadeh, schlug vor, dass Frauen wie Männer wählen dürfen. Viele Abgeordnete, besonders Geistliche, lehnten dies ab, weil sie es als unvereinbar mit den damaligen religiösen und gesellschaftlichen Normen sahen.

Zu dieser Zeit gab es in der islamischen Welt kein Land mit Frauenwahlrecht. Weltweit hatten nur wenige Länder wie Neuseeland (1893), Finnland (1906) oder Norwegen (1913) dieses Recht eingeführt.

Die Iranische Konstitutionelle Revolution (1905-1911) war keine reine Männerrevolution. Frauen spielten eine wichtige und aktive Rolle. Sie organisierten Proteste, sammelten Geld für die Bewegung, schrieben Artikel und unterstützten Schulen für Mädchen. Einige Frauen nahmen sogar bewaffnet an Kämpfen teil. Ihr Engagement zeigte, dass der Wunsch nach Freiheit, Gerechtigkeit und Bildung in der ganzen Gesellschaft bei Männern und Frauen lebendig war.

Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen der iranischen Gesellschaft und vielen anderen Gesellschaften im Nahen Osten ist, dass es im Iran eine Konstitutionelle Revolution gab.
 Diese Revolution war anders als in den meisten Ländern der Region eine Bewegung von unten nach oben. Sie begann mit dem Engagement von Bürgern, Intellektuellen, Händlern, reformorientierten Geistlichen und vielen gesellschaftlichen Gruppen. Ziel war es, eine Verfassung zu schaffen und die Macht des Herrschers zu begrenzen.

Im Osmanischen Reich oder in der heutigen Türkei dagegen kamen Reformen überwiegend von oben nach unten. Die Regierung bestimmte die Richtung, und die Bevölkerung hatte wenig Einfluss.


Darum entstand im Iran schon früh eine politische Tradition, in der das Volk als Rechtsträger und Partner der Macht gesehen wurde, eine Erfahrung, die viele andere Länder der Region nie gemacht haben.

Dementsprechend teilte die Verfassungsrevolution im Iran die Geschichte dieses Landes in zwei Teile: die vorkonstitutionelle und die nachkonstitutionelle.

Die Könige der Pahlavi-Dynastie bemühten sich stark um die wirtschaftliche Entwicklung Irans, aber sie taten wenig für die politische Entwicklung. Die iranische Verfassung von 1906 wurde deutlich von der belgischen Verfassung inspiriert. Diese Wahl war kein Zufall, denn die belgische Verfassung galt im 19. Jahrhundert als eine der fortschrittlichsten und gleichzeitig flexibelsten in Europa. Sie passte auch in gewisser Weise zu den vielfältigen ethnischen und religiösen Gegebenheiten Irans.

Mit dieser Verfassung wurde Iran das erste Land in der islamischen Welt mit einer modernen und strukturierten Verfassung. Sie erkannte Prinzipien wie Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und einige öffentliche Freiheiten an.

Doch die Umsetzung in Iran verlief anders als in Belgien oder anderen konstitutionellen Monarchien. In Belgien wurde das parlamentarische System mit der Zeit gefestigt, und der König agierte innerhalb der gesetzlichen Grenzen. In Iran jedoch führten schwache zivilgesellschaftliche Strukturen, das Fehlen starker Parteien, äusserer Druck und politische Krisen dazu, dass die Könige besonders in der Pahlavi-Zeit durch ständige Änderungen und einschränkende Ergänzungen der Verfassung sowie durch Sondergesetze ihre Macht ausweiteten.

Unter Reza Schah (Pahlavi I) wurden zwar umfangreiche Modernisierungs- und Zentralisierungsprogramme durchgeführt, doch diese führten dazu, dass das Parlament und die Kontrollorgane an den Rand gedrängt wurden. Unter Mohammad Reza Schah (Pahlavi II) dienten die Verfassungsänderungen oft dazu, die Macht der Monarchie zu sichern und die tatsächlichen Rechte des Parlaments und der Justiz zu beschneiden.

So wurde eine Verfassung, die ursprünglich ein Werkzeug für nationale Souveränität und eine konstitutionelle Monarchie sein sollte, Schritt für Schritt zu einem eher symbolischen und schwachen Dokument.

Die offizielle Politik im Iran während der Pahlavi-Herrschaft war mehr auf Charisma und Personenkult ausgerichtet als auf die Achtung und Unantastbarkeit des Gesetzes.
 Das führte zu Spannungen zwischen der Regierung und nationalistischen Gruppen, die wollten, dass der Schah nur regiert, aber nicht selbst die Politik führt.
 Diese Spannungen ebneten den Weg für den starken Aufstieg zweier Gruppen in der iranischen Politik: der Geistlichen und der Linken und später zu ihrer Annäherung.

Von der Revolution zum Putsch – 1. Teil

©Afshin Sajedi für mehriran.de, 2025

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