Von der Revolution zum Putsch – Letzter Teil

Von der Revolution zum Putsch: Ahmad Fardid, Seyyed Hossein Nasr, Martin Heidegger, Dschalal Al-e Ahmad

„Von der Revolution zum Putsch“ ist eine Serie von Artikeln, die in die Geschichte Irans einführt, aufzeigt, wie es dazu gekommen ist, dass ein islamisches Regime installiert wurde und welche Perspektiven für einen zukünftigen freien Iran greifbar sind. (5. und letzter Teil)

“Die schönste Kunst des Teufels besteht darin, dich davon zu überzeugen, dass er nicht existiert.” Charles Baudelaire

Einleitung

In den letzten beiden Teilen haben wir über die Auswirkungen zweier Strömungen der linken und der religiösen in der modernen Geschichte Irans gesprochen. Das Ungewöhnliche und bisher einmalige in der iranischen Geschichte ist die enge Zusammenarbeit dieser beiden unterschiedlichen Strömungen. Diese Zusammenarbeit führte schliesslich entscheidend zum Sturz des gesetzlichen, konstitutionellen Systems in Iran. Heute gibt es jedoch Hinweise darauf, dass diese Annäherung nicht natürlich entstand, sondern über lange Zeit und mit Geduld vom nördlichen Nachbarn, der Sowjetunion, gesteuert wurde. Besonders nach dem Putsch gegen die rechtmässige Regierung von Dr. Mohammad Mossadegh im Jahr1953, der von den USA und Grossbritannien unterstützt wurde, trat diese Zusammenarbeit in eine neue Phase ein.

Der Militärputsch vom 19. August 1953 stellt einen Wendepunkt in der neueren Geschichte Irans dar. Er führte zum Sturz der Regierung von Premierminister Mohammad Mossadegh und zur Wiederherstellung der Macht von Schah Mohammad Reza Pahlavi. Dieses Ereignis veränderte nicht nur die politische Entwicklung Irans, sondern hatte auch weitreichende geopolitische Folgen in der Region und darüber hinaus.

Im Jahr 1951 hatte Mossadegh die Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie durchgesetzt, was die wirtschaftlichen und politischen Interessen Grossbritanniens massiv bedrohte. Hinzu kamen scharfe Konflikte zwischen der Regierung Mossadegh und dem Schah, Teilen des Militärs, traditionellen Geistlichen sowie oppositionellen politischen Kräften wie der Tudeh-Partei. Die USA und Grossbritannien wiederum fürchteten angesichts des Kalten Krieges einen wachsenden Einfluss der Sowjetunion in Iran.

Der Putsch wurde unter dem Codenamen Operation Ajax (TP-AJAX) geplant. Der amerikanische Geheimdienst CIA und der britische MI6 setzten Geld, Propaganda, Medienkampagnen und die Unterstützung bestimmter Militärs und religiöser Kreise ein, um den Sturz Mossadeghs vorzubereiten. Es wurden Gelder eingesetzt, um Strassenproteste zu organisieren, Journalisten zu kaufen und die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Am 15. August 1953 unterzeichnete der Schah ein Dekret zur Absetzung Mossadeghs und ernannte General Fazlollah Zahedi zum neuen Premierminister. Der erste Versuch scheiterte jedoch, und der Schah floh ins Ausland. Am 19. August gelang es schliesslich durch den massiven Einsatz von Militär, Schlägertrupps und ausländischer Unterstützung, Mossadeghs Haus und staatliche Einrichtungen anzugreifen. Mossadegh wurde gestürzt und verhaftet.

Von der Revolution zum Putsch: Dr. Mohammed Mossadegh

Ein Teil der Historiker sieht den 28. Mordad (19. August) als klassischen, von aussen gesteuerten Putsch. Andere betonen die internen Faktoren: die schwächer werdende soziale Basis Mossadeghs, seine Konflikte mit den Geistlichen, die Zersplitterung der Tudeh-Partei und die Rolle des Militärs. Unabhängig von der Gewichtung führte das Ereignis Iran jedoch auf einen Weg, der über Jahrzehnte von autoritärer Herrschaft, wachsendem Widerstand und schliesslich dem Ende der Verfassungsherrschaft im Jahr1979 geprägt war.

Unglückliche Konvergenz

Die politische Blockade nach dem Putsch vom 19. August 1953 eröffnete dem anti-konstitutionellen Lager eine günstige Gelegenheit, um Unterstützung aus unterschiedlichen politischen und kulturellen Strömungen innerhalb und ausserhalb Irans zu gewinnen. So kam es, dass am Vorabend der Revolution von 1979 sogar Teile der nationalen Bewegung, die eigentlich die Verfassung und das konstitutionelle System hätten verteidigen sollen, in ein Lager eintraten, das in beträchtlichem Masse von sowjetisch beeinflussten Kräften in Iran organisiert worden war.

In den vorangegangenen Teilen wurde bereits auf den Einfluss sowjetischer Sicherheitsorgane auf politische Strömungen, soziale Bewegungen und auch die Studentenbewegung während der Jahre politischer Blockade hingewiesen. Im Ausland spielte die “Konföderation iranischer Studenten” eine zentrale Rolle: Sie wurde zu einem Sammelpunkt, an dem linke, religiöse und teilweise auch nationalistische Kräfte zusammenwirkten. Diese Konföderation spiegelte die Annäherung von Strömungen wider, die trotz ideologischer Gegensätze im Inneren des Landes im gemeinsamen Widerstand gegen die konstitutionelle Ordnung auftraten.

Diese Konvergenz beschränkte sich nicht auf die politische Ebene. Intellektuelle wie “Dschalal Al-e Ahmad”, unterstützt von Teilen des Klerus, brachten entsprechende Diskurse in die breite Gesellschaft ein. Al-e Ahmad, Sohn eines bekannten Geistlichen der konstitutionellen Zeit, verband religiös motivierte Moderneskepsis mit der westkritischen Haltung linker Strömungen. Er überzeugte viele davon, dass nicht Rückständigkeit und Aberglauben, sondern vielmehr die “Verwestlichung” die eigentliche Krankheit der iranischen Gesellschaft sei. Die Rückkehr zu den “Wurzeln” – worunter er in erster Linie die Vormachtstellung des schiitischen Klerus verstand – erschien als Heilmittel. Diese Interpretation bedeutete letztlich eine Abkehr von den Errungenschaften der Konstitutionellen Revolution und eine Rückkehr zu vormodernen Strukturen.

Auch in akademischen Kreisen wirkten Figuren wie “Ahmad Fardid”, die trotz zweifelhafter akademischer Qualifikation in höchste Universitätspositionen gelangten. Sie propagierten eine radikale Westkritik, die Teile der Studentenschaft prägte. Nach der Revolution zeigte sich dies in Aktionen wie der Besetzung der US-Botschaft 1979, die Iran international für Jahrzehnte isolierte und enorme Schäden für Gesellschaft und kommende Generationen nach sich zog.

Fardid behauptete, viele Jahre Schüler von Martin Heidegger gewesen zu sein, auch wenn sich dies nie nachvollziehen liess. Seine gewaltorientierten Theorien legten jedoch die Grundlagen für die Politik des zukünftigen Regimes im Iran. Seine Schüler wurden später alle hohe Funktionäre dieses Regimes und sind sich in einem Punkt einig: es ist notwendig einen ewigen Kriege gegen den Westen zu führen, eine Idee, die Ahmad Fardid aus Heideggers Philosophie ableitete.

Fardid prägte auch den Begriff “Westoxikation” (persisch: Gharbzadegi), womit er die Nähe zum Westen als eine Art soziale und politische Krankheit beschrieb. Dieser Begriff gehört bis heute zu den am häufigsten verwendeten Schlagwörtern im politischen Diskurs Irans. Es liegt auf der Hand, dass diese Idee für die Sowjetunion äusserst vorteilhaft war.

Ahmad Fardid wurde von zwei Personen unterstützt. Erstens von Dr. Seyyed Hossein Nasr, der heute als ein bedeutender Islamwissenschaftler gilt, damals aber Teil der religiösen, antikonstitutionellen Strömung war. Er hatte großen Einfluss an der Universität und verschaffte Ahmad Fardid sogar einen Ehrendoktortitel. Ausserdem stellte Nasr in seiner Rolle als Präsident der “Kaiserlichen Philosophischen Gesellschaft des Iran” Fardid offiziell als iranischen Philosophen vor.

Zweitens von Reza Ghotbi, der Cousin (Vetter mütterlicherseits) von Kaiserin Farah, der Fardid die Möglichkeit gab, im staatlichen Fernsehen aufzutreten und so landesweit bekannt zu werden. Sowohl Reza Ghotbi als auch Dr. Nasr waren Mitautoren der letzten berühmten Rede von Schah Mohammad Reza Pahlavi, die er im Oktober 1978 im staatlichen Fernsehen hielt. In dieser Rede gestand der Schah offiziell seine Fehler ein und versprach, sie wiedergutzumachen.

Bemerkenswert ist, dass der Schah in dieser Rede zum ersten Mal selbst das Wort “Revolution” für die Unruhen verwendete und sie als eine legitime revolutionäre Bewegung bezeichnete. Aus diesem Grund wird diese Rede oft als eine Art “politischer Selbstmord” des Schahs betrachtet. Diese historische Rede ist unter dem Titel “Ich habe die Stimme eurer Revolution gehört” bekannt.

Von der Revolution zum Putsch: Reza Ghotbi, Wassili Mitrochin, Ajatollah Kaschani

Vor kurzem hat Wassili Mitrochin, ein sowjetischer Spion, der nach Großbritannien übergelaufen ist, in seinem Buch “The Mitrokhin Archive” (2010 in Zusammenarbeit mit der Universität Cambridge veröffentlicht) Reza Ghotbi als sowjetischen Agenten bezeichnet.

Parallel dazu entwickelte sich die Haqqani-Schule in Qom, die sich bewusst von den traditionellen Lehrmethoden der Religionsschulen abhob. Mit grosser Konsequenz bildete sie Kader für künftige politische und juristische Schlüsselpositionen aus mit dem Ziel, nach dem Sturz des konstitutionellen Systems eine politisch-ideologische Ordnung zu etablieren. Diese Schule arbeitete eng mit Gruppen wie “Fedayan-e Islam”und den “Motalefeh-Komitees” zusammen, die offene Gewalt anwandten und politische Attentate verübten.

Dass diese Gruppen von schiitischen Autoritäten sowohl ideologische Rückendeckung als auch praktische Unterstützung erhielten – und dass Geistliche wie “Ajatollah Kaschani” zu ihren wichtigsten Förderern gehörten – verdeutlicht die funktionale Arbeitsteilung innerhalb des religiösen anti-konstitutionellen Lagers. Während die Haqqani-Schule eine intellektuelle Fassade für die Ausbildung von Kadern bot, führten radikale Gruppen gezielt Attentate auf Intellektuelle und Politiker durch, die sich ihrem Einfluss widersetzten.

Diese Strukturen setzten sich auch nach der Revolution von 1979 fort. Während Teile der politischen Elite kulturelle Offenheit betonen, agieren andere Netzwerke im Verborgenen, wo Pläne zur Verfolgung von Oppositionellen und Andersdenkenden geschmiedet werden. Der Unterschied zur Vorkriegszeit liegt darin, dass das Aktionsfeld dieser Strukturen heute nicht mehr auf Iran begrenzt ist, sondern global reicht. Damit ist der Terrorismus zu einem integralen Bestandteil des herrschenden religiösen Systems geworden.

Zwei-Karten-Spiel

Wichtig ist, dass radikale religiöse Gruppen wie die “Fedaiyan-e Islam” und die „Motalefeh-Organisation“ einerseits sehr enge und gute Beziehungen zu den “Muslimbrüdern” hatten und andererseits enge Kontakte zu kommunistischen Parteien, besonders zur Kommunistischen Partei der Sowjetunion, zu Kuba und zu Nordkorea. Es gibt zahlreiche Berichte über ihre aktive Teilnahme an verschiedenen Plena kommunistischer Parteien trotz der offensichtlichen ideologischen Unterschiede.


Da die Führer dieser Gruppen gleichzeitig auch die Gründer der “Hawza Haqqani-Schule” waren, die Führungskader für das zukünftige Regime ausbildete – und deren Absolventen heute fast alle Schlüsselpositionen in der Islamischen Republik innehaben – kann man annehmen, dass diese religiösen Extremisten zusammen mit den linken Strömungen in Wirklichkeit Karten im politischen Spiel der Sowjetunion in Iran waren. Mit anderen Worten: Die Sowjetunion spielte in der iranischen Politik mit zwei Karten einerseits mit den linken Kräften, die offen mit ihr verbunden waren, und andererseits mit den religiösen Kräften, die verdeckt im Sinne sowjetischer Interessen handelten, insbesondere um die iranische Gesellschaft von einer Annäherung an den Westen fernzuhalten.


Diese schiitischen Extremistengruppen fungierten später als Bindeglied zwischen sunnitischen Extremistengruppen und Russland. Dies ist das Geheimnis des russischen Einflusses unter den sunnitischen Muslimen, das im Westen nicht ausreichend analysiert wurde.

So gesehen war das, was 1979 geschah, keine Revolution, sondern ein Staatsstreich gegen die rechtmässige konstitutionelle Ordnung, eine Ordnung, die allerdings durch Gesetzesbrüche und die Schaffung einer politischen Blockade selbst den Boden für diesen Staatsstreich bereitet hatte. Dieser Staatsstreich stellte die Vollendung eines Prozesses dar, der unmittelbar nach dem Sieg der konstitutionellen Revolution im Jahr 1906 von den religiösen, antisekularen Kräften mit Unterstützung Russlands gegen diese Revolution begonnen wurde. In den folgenden siebzig Jahren gelang es diesen Kräften, in einem gesteuerten Bündnis mit den linken Strömungen, das rechtmässige konstitutionelle System zu stürzen.

Daher war das, was 1979 im Iran geschah, keine Revolution, sondern ein Staatsstreich gegen das Recht. Genau diese Gesetzesfeindlichkeit hat das islamische Regime, das seit mehr als vier Jahrzehnten den Iran beherrscht, in Gegensatz zur internationalen Ordnung gestellt. Ohne einem Verständnis dieses strukturellen Merkmals ist eine Analyse der Funktionsweise dieses Regimes unmöglich.

©Afshin Sajedi für mehriran.de, 12.09.2025

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

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