Von der Revolution zum Putsch: Moskau und die Linke 1906 – 1979
Die Geschichte der iranischen Linken und die Politik Russlands/der Sowjetunion gegenüber Iran von der konstitutionellen Revolution bis 1979 hängen eng zusammen. Von Anfang an ging es um Macht, Sicherheit an der Südgrenze Russlands und um die Frage, ob Iran eine unabhängige parlamentarische Demokratie werden darf. Gleichzeitig entwickelten sich in Iran linke Bewegungen, die mal parlamentarisch, mal parteiförmig, und später auch als Stadtguerilla auftraten. Ab den späten 1960ern kamen Einflüsse aus China hinzu; die praktische Kampfausbildung fand jedoch vor allem in Lagern palästinensischer Gruppen im Libanon und in Syrien statt.
In der konstitutionellen Revolution von 1906 bis 1911 entstand eine frühe iranische Linke mit Kontakten nach Baku und in den Kaukasus. Sozialdemokraten (“Partei der Demokraten”) forderten Parlament, Rechtsstaat und soziale Reformen. Aus einem radikaleren Flügel entstand während des Ersten Weltkriegs die Gruppe “Edalat (= Gerechtigkeit)”; 1920 wurde daraus die Kommunistische Partei Irans. Kurz kooperierte sie mit der Dschangal-Bewegung (oder Rebellion) von Mirza Kuchak Khan; die “Sozialistische Republik Gilan (Eine Provinz im Norden des Iran am Kaspischen Meer)” (1920-21) hielt nicht lange.
In dieser Phase zeigte das Zarenreich offen seine Grundhaltung: Russland lehnte eine echte parlamentarische Demokratie in Iran grundsätzlich ab, teilte 1907 mit Grossbritannien das Land in Einflusszonen und unterstützte Mohammad Ali Schah; 1908 beschoss die Kosakenbrigade das Parlament. Ein starkes, unabhängiges Parlament hätte den russischen Einfluss geschwächt.
Nach der Russischen Revolution (1917) begann die Sowjetzeit. 1920-21 verfolgte Moskau eine Doppelstrategie: kurze Unterstützung für linke Kräfte in Iran (Gilan, Parteigründung) und zugleich Normalisierung mit Teheran durch den Vertrag von 1921. Diese Doppelpolitik (oder vielleicht ist es besser, von einer Änderung der Politik zu sprechen) hing auch damit zusammen, dass Iran überraschend aktiv im Völkerbund auftrat und den jungen Sowjetstaat diplomatisch unter Druck setzte. Moskau wollte Isolation vermeiden und sicherte die Südgrenze lieber durch staatliche Abmachungen als durch offene Revolutionsexporte.
Reza Schah (1925-1941) zentralisierte den Staat, linke Organisationen wurden verboten (u. a. Gesetz von 1931), viele Aktivisten verhaftet (die “53er”um Taqi Arani). Die Beziehungen zur Sowjetunion blieben kühl; für Moskau waren Sicherheit im Kaukasus und die Eindämmung Deutschlands wichtiger als Projekte in Iran. Linke Politik verschwand weitgehend aus der Öffentlichkeit.
Ein Wendepunkt kam 1941: Grossbritannien und die Sowjetunion besetzten Iran, Reza Schah dankte ab, und es entstand politische Öffnung. In diesem Umfeld wuchs die Tudeh-Partei schnell und wurde ideologischer Partner Moskaus. 1945-46 entstanden unter Schutz der Roten Armee kurzzeitige autonome Kleinstaaten in Aserbaidschan (eine wichtige Provinz im Nordwesten des Iran) und in Mahabad (kurdische Stadt im Westen des Iran).
Gleichzeitig versuchte die Sowjetunion, ein Ölrecht im Norden zu erhalten. Der Abzug der sowjetischen Truppen 1946 war zum grossen Teil auch das Ergebnis der aktiven iranischen Diplomatie in der neuen UNO und im Sicherheitsrat: Iran brachte den Fall dorthin, machte ihn zu einer internationalen Rechtsfrage und erhöhte so die Kosten für ein Verbleiben der Roten Armee. Nach dem Abzug brachen die autonomen Kleinstaaten zusammen.
Die Linke nach dem Putsch von 1953
Nach dem Putsch von 1953 wurde die Tudeh-Partei zerschlagen; viele gingen ins Exil. Die Sowjetunion stützte Tudeh politisch und über Medien, hielt sich aber mit direkter Unterstützung bewaffneter Aktionen zurück. Ab Mitte der 1960er Jahre, in der Phase der Entspannung, setzte Moskau auf pragmatische Koexistenz: wirtschaftliche Zusammenarbeit (z. B. landesweite Gaspipelines, Stahlwerk Isfahan) trotz politischer Gegensätze. In den 1970ern spaltete sich die iranische Linke: Tudeh blieb der sowjetischen Linie treu und lehnte eine Stadtguerilla ab; neue linke Gruppen wie die Fedayin-e Khalq setzten auf bewaffneten Kampf (u. a. nach dem Ereignis von Siakhkal 1971). Für Moskau hatten Stabilität an der Südgrenze und wirtschaftliche Interessen Vorrang.
Der Einfluss Chinas auf die iranische Linke war vor allem ideologisch. Durch den Bruch zwischen Peking und Moskau gewannen maoistische Ideen an Gewicht: die Revolutionäre Organisation der Tudeh-Partei, Tofan, später die Partei der Werktätigen Irans (Randschbaran) und schliesslich Peykar orientierten sich an China. Besonders unter iranischen Studierenden im Ausland wurden Mao, Guevara und Debray gelesen. Direkte, dauerhafte Ausbildungsschienen nach China blieben jedoch selten; die Wirkung Chinas zeigte sich stärker in Programmen, Parolen und Strategien als in der Praxis.
Die praktische Kampfausbildung fand hauptsächlich in Lagern der Palästinensischen Befreiungsbewegung im Libanon und in Syrien statt. Teile der Volksmudschahedin (MEK) arbeiteten mit Fatah zusammen; die Fedayin-e Khalq standen näher bei der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP); auch die Demokratische Front (DFLP) bot Ausbildung und Unterschlupf.
Die Zahl der geschulten Iraner war überschaubar, aber die Wirkung auf Taktik, Netzwerke und Selbstverständnis war gross. Südjemen (Aden) und zeitweise Libyen unterstützten einzelne Gruppen zusätzlich politisch, logistisch oder finanziell. Breite, systematische Trainingsprogramme in der Sowjetunion, in China oder in Kuba sind vor 1979 nicht belegt; die Sowjetunion förderte vor allem Tudeh politisch und lehnte den bewaffneten Kampf in Iran grundsätzlich ab.
Zusammengefasst: Von der Zarenzeit bis 1979 war die Politik Russlands/der Sowjetunion in Iran vor allem Macht und Nutzen orientiert und grundsätzlich gegen eine wirklich unabhängige parlamentarische Demokratie gerichtet. Sie reagierte sensibel auf iranische Diplomatie (1921 im Völkerbund, 1946 in der UNO) und nutzte die iranische Linke vor allem als politisches Druckmittel, aber nur, solange es den staatlichen Interessen diente. Die iranische Linke wandelte sich in dieser Zeit von parlamentarisch-sozialdemokratischen Ideen zu parteigebundener Massenarbeit und schliesslich zur Stadtguerilla. Chinas Einfluss prägte vor allem die Ideologie, während die konkrete militärische Ausbildung überwiegend in palästinensischen Lagern im Libanon und in Syrien stattfand.
Wichtig ist: Der sowjetische Einfluss in Iran beschränkte sich nicht nur auf die Linke. Moskau hatte besonders in den späten Jahren unter Mohammad Reza Schah auch einen weniger untersuchten Einfluss auf religiöse Kräfte. Dieser vergleichsweise gut belegte Einfluss trug dazu bei, dass sich linke und religiöse Gruppen in den letzten Jahren der Pahlavi-Herrschaft ungewöhnlich stark annäherten. So entstand eine breite Einigkeit unter den Gegnern der Monarchie, die schliesslich zum Sturz des Königssystems führte. Dieser Prozess wird in den nächsten Teilen dieses Artikels genauer untersucht.
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©Afshin Sajedi für mehriran.de, 20.08.2025



