Unter dem Gewicht der eigenen Grausamkeit wird dieses Regime zerbrechen. Das zumindest ist die Einschätzung des Journalisten und Aktivisten Vahid Beheshti, der seit 3 Jahren ein Camp vor dem britischen Aussendepartement aufgebaut hat, einen Hungerstreik hinter sich hat und unermüdlich für Listung der iranischen Revolutionsgarden als Terrororganisation plädiert.
Vahid Beheshti betont in diesem Artikel die verschiedenen Aspekte und Schichten der Revolution des iranischen Volkes und weist darauf hin, dass sie keinen alleinigen Anführer hat. Sie breitet sich organisch im ganzen Land aus, und genau deshalb kann das Regime sie nicht in dem Mass kontrollieren, wie es das gerne hätte.
„Ich musste aus dem Iran fliehen – aber diejenigen, die ich zurückgelassen habe, haben eine realistische Chance auf Freiheit. Wenn ich sehe, wie Demonstranten alles riskieren, indem sie auf die Strasse gehen, glaube ich, dass das Regime unter dem Gewicht seiner eigenen Grausamkeit zusammenbricht – aber meine mutigen Landsleute brauchen dringend die Unterstützung Grossbritanniens“, sagt der britisch-iranische Dissident Vahid Beheshti.
Derzeit riskieren Hunderttausende Iraner im ganzen Land alles, indem sie auf die Strasse gehen.
Seit Beginn der regimefeindlichen Proteste mit einer Sitzblockade von Ladenbesitzern im Grossen Basar von Teheran am 28. Dezember sind an mehr als 280 Orten Unruhen ausgebrochen. Dies ist bereits die grösste Herausforderung für das klerikale Establishment des Landes seit Jahren – und es gibt keine Anzeichen dafür, dass sie niedergeschlagen werden könnte.
Unter dem Gewicht der eigenen Grausamkeit
Bei gewalttätigen Zusammenstössen mit Sicherheitskräften wurden Regierungsgebäude in Brand gesetzt und Statuen von Autoritätspersonen des islamischen Regimes niedergerissen. Zur Auflösung der Proteste wurde Tränengas eingesetzt – sogar in zwei Krankenhäusern.
Dutzende Menschen sind bereits ums Leben gekommen, und mehr als 2.200 Demonstranten wurden festgenommen. Doch die mutigen Menschen im Iran haben ihre Chance erkannt, den Lauf der Geschichte zu verändern. In der kurdischen Stadt Abdanan sollen Mitglieder der radikalen Sittenpolizei ihre Waffen niedergelegt und erklärt haben: „Die Streitkräfte stehen auf der Seite des Volkes.“ Sie stehen einem Regime gegenüber, das nach 47 Jahren brutaler theokratischer Herrschaft unter dem Gewicht seiner eigenen Grausamkeit zusammenbricht.
Unverkennbar ist jedoch die ungewöhnlich vorsichtige Haltung Teherans gegenüber diesen jüngsten Protesten.
Gemessen an seinen eigenen mörderischen Massstäben war der Einsatz von Gewalt durch den Staat „zurückhaltend“. Hochrangige Politiker haben, wenn auch unaufrichtig, eingeräumt, dass die Demonstranten berechtigte Beschwerden haben. Auslöser der Demonstrationen waren die schwächelnde Wirtschaft des Iran und der Rekordtiefstand seiner Währung, des Rial. Es kursieren Gerüchte über den obersten Führer, der sich seit Monaten in einem Bunker versteckt und sich möglicherweise vorbereitet, nach Moskau zu fliehen.
Entgegen der Einschätzung vieler Analysten handelt es sich hierbei keineswegs um einen wirtschaftlichen Protest. Es ist eine umfassende Revolution mit dem Ziel der vollständigen Abschaffung des Regimes der Islamischen Republik, das seit 1979 mit eiserner Faust regiert.
Diese Bewegung wird als „letzter Aufstand“ bezeichnet, was sie von früheren Protesten unterscheidet. Sie wird von keiner einzelnen, sichtbaren Galionsfigur angeführt, was es für das Regime erheblich schwieriger macht, sie zu unterdrücken. Sie ist organisch, in den lokalen Gemeinschaften verwurzelt und breitet sich wie eine Flut aus.
Als eines der ressourcenreichsten Länder der Welt, sollte der Iran eigentlich florieren. Stattdessen leben mehr als 70 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Eine Zivilisation mit einem jahrtausendealten kulturellen Erbe, ein Volk, das der Welt unter Kyros dem Grossen eines der frühesten und humansten Regierungsmodelle bot, ist nun darauf reduziert, in Mülltonnen nach Überlebensmöglichkeiten zu suchen. Ihnen bleibt keine andere Wahl, als Stellung zu beziehen.
Ich hatte keine andere Wahl, als aus meiner Heimat zu fliehen. Ich war 13 Jahre alt, als ich mich zum ersten Mal politisch im Iran engagierte. Mit 20 Jahren war ich bereits zweimal verhaftet worden. Dann wurde mir klar, dass das Regime mich beseitigen wollte. Mehrere Mitglieder meiner Familie wurden verhaftet und getötet, während mein enger Freund Ruhollah Zam entführt, in den Iran gebracht und brutal hingerichtet wurde.

Der Kampf zur Abschaffung des islamischen Regimes ist einer, den ich niemals aufgeben werde. Seit fast drei Jahren campe ich vor dem britischen Aussenministerium, um die Aufmerksamkeit der britischen Regierung auf diesen Schurkenstaat zu lenken und sie zu zwingen, etwas dagegen zu unternehmen.
Mittlerweile ist mir klar geworden, dass diese Revolution nicht nur für den Iran von Bedeutung ist. Das Regime hat systematisch eine gewalttätige, extremistische und antisemitische Ideologie über seine Grenzen hinaus exportiert, die in westlichen Ländern Fuss gefasst hat. Aus diesem Grund wurde ich in London wiederholt angegriffen und eingeschüchtert.
Die Geschichte erinnert sich an die, die auf der richtigen Seite standen
Jahrelang glaubten viele Iraner, dass die Weltgemeinschaft sich nicht mehr um Menschenrechte kümmere und dass Werte aus Bequemlichkeit geopfert worden seien. Die Unterstützungsbekundungen der letzten Tage aus Israel und den Vereinigten Staaten – die so viel zur Schwächung des Regimes beigetragen haben – haben etwas Grundlegendes verändert. Die iranische Bevölkerung ist nun zuversichtlicher, dass die Welt langsam zu der Erkenntnis gelangt, dass dauerhafter Frieden im Nahen Osten und in der ganzen Welt nur möglich ist, wenn das Regime beseitigt wird.

Ayatollah Chamenei mag Grossbritannien als „kleinen Satan“ beschimpfen, aber gewöhnliche Iraner verehren dieses Land als das Herzstück der Demokratie und Freiheit. Sie sind verwirrt über das anhaltende Schweigen von Premierminister Keir Starmer in ihrer Stunde der Not.
Die Helden des Iran verdienen die Unterstützung Grossbritanniens und benötigen sie dringend. Das iranische Volk stellt sich dem Regime mit blossen Händen entgegen. Es hat seine Toten begraben und Hunderte von Verwundeten versorgt. Und dennoch gibt es nicht auf. Es trauert, doch es ist voller Kraft und Mut, da es sich der historischen Bedeutung dieses Moments bewusst ist.
Ohne dieses Regime kann sich der Iran von einer globalen Bedrohung zu einer Kraft für den menschlichen Fortschritt wandeln. Die Geschichte wird sich sicherlich an diejenigen erinnern, die auf der richtigen Seite standen.
Vahid Beheshti ist ein im Iran geborener britischer Staatsbürger, Journalist, politischer Aktivist und Gründer der Iran Front for the Revival of Law and National Sovereignty.
©Vahid Beheshti für mehriran.de, Übersetzung Helmut N. Gabel, 08.01.26



