Mehriran http://mehriran.de/ de_DE Mehriran Fri, 25 May 2018 08:55:27 +0200 Fri, 25 May 2018 08:55:27 +0200 TYPO3 EXT:news news-1127 Thu, 24 May 2018 18:11:03 +0200 Wider die Willkürjustiz in Iran http://mehriran.de/artikel/wider-die-willkuerjustiz-in-iran.html mehriran.de - Wie mehrere Sprecher bei der heutigen Pressekonferenz der IGFM in München betonten, bleibt Iran ein Staat, der gegen eigene Gesetze verstößt und systematisch Menschenrechte verletzt. mehriran.de - Die Pressekonferenz am 24.05.2018 war überschrieben mit "Atomabkommen versus Menschenrechte". Martin Lessenthin, Vorstandssprecher der IGFM, wies im Haus der Kommunikation auf die Gefahr der Preisgabe der Menschenrechte als teures Opfer angesichts des Atomabkommens hin.


Martin Lessenthin mit Bildern von politisch Verfolgten in Iran

Maede Soltani, Tochter des in Iran inhaftierten Menschenrechtsanwalts und Menschenrechtspreisträgers der Stadt Nürnberg, Abdolfattah Soltani, schilderte die Gründe und Systematik hinter der Verhaftung und Verurteilung ihres Vaters als Mitbegründers des Menschenrechtszentrums in Iran. Sie wies auf die Einmischungen der mächtigen Geheimdienste in die Justiz ein - wobei selbst iranisches Recht aus politischem Kalkül heraus massiv gebrochen wird. Das führte Frau Soltani zu der Aussage im Iran herrsche Willkürjustiz. Diese Aussage konnte sie sehr plastisch am Beispiel der beiden inhaftierten Menschenrechtsanwälte Herrn Abdolfattah Soltani und Frau Narges Mohammadi aufzeigen.


Maede Soltani setzt sich für eine gerechte Justiz in Iran ein, hier mit einem Bild von Zeynab Taheri

Ein aktuelles Beispiel trug Helmut N. Gabel, Pressesprecher des Vereins Karamat bei. Laut Internationaler Organisation zum Schutz der Menschenrechte (IOPHR) hat gestern der Teheraner Staatsanwalt Abbas Dolatabadi eine junge Anwältin, Zeynab Taheri, angeklagt, Unruhe in der Gesellschaft zu stiften und gegen nationale Sicherheitsinteressen zu verstoßen - ein sehr weit verbreiteter und allgemeiner Vorwurf, um Menschen aus ihrem Wirken heraus zu drängen. Frau Taheri hat die Verteidigung eines Mannes übernommen, der beschuldigt wird Fahrer eines Busses gewesen zu sein, mit dem drei Polizisten überrollt und getötet worden zu sein. Der Mann heißt Mohammad Salas und gilt als Mitglied des in Iran stark verfolgten Gonabadi Sufi Ordens. Das Gericht hat keinerlei Beweise gegen ihn hervorgebracht oder zugelassen, sondern einzig auf Grundlage eines erzwungenen Geständnisses von Herrn Salas ein dreifaches Todesurteil ausgesprochen. Nachweislich wurde Herr Salas schon zwei Stunden vor dem Vorfall mit dem Bus von Sicherheitskräften so brutal zusammengeschlagen, dass man ihn schon für tot hielt und ins Leichenhaus bringen wollte. Er erlitt eine siebzehnfache Schädelfraktur. In diesem Zustand wurde er nach dem Vorfall mit dem Bus von Geheimdienstmitarbeitern zu einer Aussage genötigt, deren Zusammenhang gar nicht klar ist. Diese wird vom Gericht als Geständnis gewertet. Der Angriff der Staatsanwaltschaft auf Frau Taheri ist ein weiterer Versuch des Regimes den Fall so abzuwickeln, dass das Todesurteil an Herrn Salas ungestört vollstreckt wird und im weiteren Verlauf der Leiter des Ordens, Dr. Nuur Ali Tabandeh, der unter Hausarrest steht, wegen Anstiftung zum Mord angeklagt werden soll.

Mehrere Abgeordnete des Europäischen Parlaments haben sich in einer Petition an Frau Mogherini, die Außenbeauftragte der EU und an Hassan Ruhani, Präsident Irans gewandt, Herrn Salas ein faires Verfahren anzubieten und Dr. Tabandeh aus dem unberechtigten Hausarrest zu entlassen. 

Wie Martin Lessenthin von der IGFM bei der Pressekonferenz mitteilte, setzt sich der Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour als Pate für die Freilassung von Dr. Tabandeh ein.

© Gyula Fekete für mehriran.de

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news-1126 Mon, 21 May 2018 08:37:56 +0200 Iran-Atomabkommen versus Menschenrechte? http://mehriran.de/artikel/iran-atomabkommen-versus-menschenrechte.html mehriran.de - Pressekonferenz der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte am Donnerstag, 24.05.2018 in München. mehriran.de - Pressemitteilung der IGFM/Frankfurt vom 18.05.2018.

"Die Angst vor dem Scheitern des Atomabkommens mit dem Iran drängt die katastrophale Lage der Menschenrechte in der Islamischen Republik völlig in den Hintergrund. Aber der Ausverkauf der Menschenrechte ist nach Auffassung der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) ein zu teurer Preis für das Atomabkommen. 
Die IGFM informiert aktuell mit und aus Sicht der Opfer des iranischen Regimes über die aktuelle Situation nach der Aufkündigung des Atomabkommens durch den amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Wir laden Sie herzlich ein, sich im Rahmen unseres Pressegesprächs über die aktuelle Lage im Iran zu informieren. 
Erstmalig präsentieren wir Ihnen am 24. Mai in München „I AM HUMAN“, die digitale Plattform für Schicksale und Menschenrechtsfragen."

Ihre Gesprächspartner:
Maede Soltani, Nürnberg, Tochter des international bekannten Menschenrechtsanwalts Abdolfattah 
Soltani „Iranische Menschenrechtsverteidiger als Opfer von Gesinnungsjustiz“,
Helmut Gabel, Hannover, Pressesprecher Karamat e.V.
„Systematische Verfolgungen: Warum die Machthaber in Iran Derwische verfolgen“,
Sandra Loibl, General Manager Serviceplan Campaign 1, München
„I AM HUMAN als digitale Plattform für Menschenrechte“,
Martin Lessenthin, Sprecher des Vorstands der IGFM, Frankfurt am Main
„Preisgabe der Menschenrechte - ein zu teures Opfer für das Atomabkommen“.
Das Pressegespräch endet gegen 11:30 Uhr. Danach besteht die Möglichkeit zu Interviews.

Termin: Donnerstag, 24. Mai 2018, Beginn: 10:30 Uhr
Ort: Haus der Kommunikation | Brienner Straße 45 a-d | 80333 München

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news-1125 Fri, 18 May 2018 07:50:47 +0200 Zug der Frauen in Weiß in Berlin http://mehriran.de/artikel/zug-der-frauen-in-weiss-in-berlin.html mehriran.de - Mit vier Kernforderungen an das Regime in Iran und der Bitte um Unterstützung an die europäische Politik, Kirchen und Zivilgesellschaft traten mehrere Menschenrechtsorganisationen am 12. Mai 2018 am Brandenburger Tor in die Öffentlichkeit. mehriran.de - Menschenrechte werden in Iran unablässig und systematisch durch das Regime mit Füssen getreten. Mehrere Menschenrechtsorganisationen haben sich am Brandenburger Tor in Berlin getroffen, um dagegen zu protestieren. Sie verlangten gleiche Rechte für Frauen und Männer. Gleiche Rechte für ethnische und religiöse Minderheiten. Freiheit für alle politischen Gefangenen. Abschaffung der Todesstrafe.

An der Aktion waren beteiligt Madaran-e Irani Hamburg, Erfaneh Halgheh, Terre de femmes, Gesellschaft für bedrohte Völker, Karamat e.V. und International Organisation to Preserve Human Rights.

Ein internationales Filmteam begleitete die Aktion und hat einen Film dazu gedreht, der sich an alle Bürger und Bürgerinnen in Europa wendet, sich für Menschenrechte einzusetzen.

Danke an bloom kollektiv.

Hier der Link zum Video auf Youtube: https://youtu.be/hqQygzXQFe4

©karamat.eu

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news-1124 Fri, 27 Apr 2018 22:16:18 +0200 Unschuldig! http://mehriran.de/artikel/unschuldig.html mehriran.de - Warum Mohammad Salas nicht der Fahrer des "wild gewordenen Busses" sein kann und das Todesurteil gegen ihn ungerechtfertigt ist. Die Organisation zur Verteidigung spiritueller Wege (Kianetasavof) argumentiert sehr schlüssig, dass das in niedriger Instanz gefällte Todesurteil von Richter Mohammadi Kaschkuli abgelehnt werden muss. mehriran.de - Mohammad Salas wird beschuldigt Fahrer des "wild gewordenen Busses" vom Abend des 19. Februar 2018 in der Teheraner Pasdaran Allee gewesen zu sein. Die drei Gerichtsverhandlungen wurden im Teheraner Gerichtshof, Abteilung 9, unter Vorsitz von Richter Mohammadi Kaschkuli in Anwesenheit der beiden hohen Berater Abbasi und Wolkie abgehalten. Der Druck von den Familien der so genannten Nadscha Märtyrer auf das Büro des Staatsanwalts, die höchst mögliche Bestrafung in der Anklageschrift zu verlangen, war hoch. Der auf den Fall angesetzte Richter wickelte die Anhörung in sehr kurzer Zeit ab. Der Prozess wurde in großer Eile durchgeführt, dem Beschuldigten gewährte man keinen Zugang zu einem eigenen Anwalt, er wurde formell auf Grund dreifachen Mordes verurteilt. Doch dieses Gerichtsurteil ist aus mehreren Gründen ungültig.


Mohammad Salas vor Gericht, in der Mitte Richter Kaschkuli


Mohammad Salas bei den Protesten

Im Folgenden diskutieren wir über das Fehlen jeglicher Beweise der Anklage und die Gründe, warum das Gerichtsurteil ungültig ist. Wir gehen dabei auf die fehlende Rekonstruktion der Ereignisse des vorgeblichen Verbrechens ein, wir hinterfragen warum das Tatfahrzeug (der "wild gewordene Bus") weder physisch noch in Foto- und Filmmaterial begutachtet wurde, wir weisen auf den Umstand hin, dass keine Fachleute der Spurensicherung oder forensische Wissenschaftler einbezogen wurden und wir wundern uns, warum keine Fingerabdrücke aus dem Bus präsentiert wurden.

Diese klaffenden Lücken in der Beweislage gegen den Beschuldigten, die faktische Tatsachen und physische Objekte betreffen, zeigen deutlich seine Unschuld. 

Diese Aspekte haben eine wesentliche Bedeutung und erfordern die eingehende Aufmerksamkeit und Beschäftigung der ehrwürdigen Richter am höchsten Gerichtshof des Landes. Wenn das höhere Gericht diese Aspekte berücksichtigt, kann es nur zu einer Abweisung des Urteils des niederen Gerichts führen. 

Rekonstruktion der Ereignisse basierend auf Aussagen von Augenzeugen:

Der stärkste Beweis für die Unschuld von Mohammad Salas sind die Tatsachen, die aufzeigen, dass eine andere Person hinter dem Lenkrad des "wild gewordenen Busses" saß, die für den Tod der drei Sicherheitsmitglieder verantwortlich ist. Wir zeigen im Folgenden einige unveröffentlichte Fotos aus einer vollständigen Foto- und Filmsammlung mit Bezug zum "wild gewordenen Bus", der drei Menschen getötet und andere verletzt hat. Dazu geben wir Zeugnisse neutraler Augenzeugen wieder. Die Zeugnisse liegen als Fotografien von dem in die tragischen Vorfälle verwickelten Bus aus unterschiedlichen Winkeln vor. Diese exklusiven Fotos sind bislang von keiner anderen Quelle veröffentlicht worden und wurden von dem "Internationalen Verbund zum Schutz der spirituellen Lehren der Sufis" zur Verfügung gestellt. Augenzeugen bestätigen, dass der "Killerbus" von einem jungen Mann mit Vollbart und vollem schwarzen Haar gefahren wurde. Im Gegensatz dazu hat Herr Salas einen weißen Haarkranz und ist nicht mehr der Jüngste. 


Screenshot aus dem Video von dem Fahrer des Busses



Mohammad Salas zum Zeitpunkt der Gerichtsverhandlung


Die Historie der Protestierenden, die sich bei der Polizei dafür beschweren, dass sie von Polizeifahrzeugen überfahren werden.

Es gibt eine lange Historie von Vorfällen mit Polizeiwagen, bei denen Menschen in den Straßen von Teheran oder auch in anderen Städten bei Demonstrationen überfahren wurden. Es ist üblich, dass diese Vorfälle auf Grund der Immunität der Täter juristisch nicht verfolgt werden. 

In den letzten Jahren sind im Iran Provokationen durch Zivilagenten der Sicherheitskräfte (agents provacateur) immer üblicher geworden. Diese zur Erzeugung von Chaos eingesetzten - auch al-Nasir Balerab genannten - Kräfte sind kein neues Phänomen und sind schwer von der Hand zu weisen. Fotos, Videos und Audio-Zeugnisse solcher Einsätze sind sowohl in iranischen als auch in ausländischen Datenbanken zu finden.

Die wahren Absichten des Fahrers des "Todesbusses" waren am Abend des 19. Februars in 7. Golestan Bezirk für niemanden ersichtlich. Augenzeugen berichten, der Busfahrer sei ohne ersichtlichen Grund sehr hysterisch erschienen und hätte den Bus nicht kontrollieren können oder habe nicht die Fähigkeit gehabt dies zu tun.

Wertet man die Filmaufnahmen und Augenzeugenberichte alle zusammen aus kann man festhalten, dass der Fahrer ein junger Mann war, der Bus zur Transporteinheit der Revolutionsgarden gehört und der Bus von Karadsch nach Teheran durch uniformiertes Personal der Revolutionsgarden gefahren wurde. Darüber hinaus war der Bus in einer der Straßen im Bezirk Pasdaran geparkt und wurde zu den Nadscha (Sicherheitskräfte Einheit) hinbewegt. Überrascht von dem Bus, der sich ihnen von hinten näherte, flüchteten die Nadscha Beamten auf die Gehwege und eröffneten in aller Öffentlichkeit sofort das Feuer auf den Bus. Die Kugeln ließen nicht nur die Fenster zerbersten, sondern drangen auch in die Seitenwände ein. Die abgefeuerten Projektile hielten den Bus jedoch nicht an und der Bus rollte durch die mit Nadscha Beamten gefüllte Straße und hinterließ viele Schwerverletzte. Auch die Frontscheibe des Busses weist Einschusslöcher auf, jemand muss auch auf den Fahrer gezielt haben. Offensichtlich versuchte der Fahrer den Bus zu verlassen und bewegte sich zum Ausgang auf der rechten Seite, als er wahrscheinlich von einer Salve von Schüssen niedergestreckt worden sein könnte. Auf der rechten Seite neben dem Fahrersitz weist die Frontscheibe deutliche Einschusszeichen auf.


Zerschossene Seite des "wild gewordenen Busses"


Frontscheibe mit zahlreichen Einschüssen

Man kann davon ausgehen, dass der Fahrer des Busses durchsiebt von Kugeln war, als man ihn herauszog. Der Bus kam erst zum Halten als er gegen feste Hindernisse geprallt war.

Mohammad Salas kann nicht der Fahrer des "wild gewordenen Busses" gewesen sein

Da der Bus von mehr als 40 Projektilen getroffen wurde, müssten Insassen des Busses und insbesondere der Fahrer von Kugeln durchsiebt sein. Dies ist nicht der Fall bei Herrn Salas, sein Körper weist keine von Kugeln zugefügte Verletzungen auf. Der Grund dafür liegt darin, dass Herr Salas zum Zeitpunkt des Geschehens in einem Krankenhaus bereits im Koma lag. Herr Salas wurde nämlich wenige Stunden zuvor von Zivilagenten mit Schlagstöcken und anderen Waffen traktiert, wodurch er gemäß Augenzeugen sein Bewusstsein verloren hatte und in ein Krankenhaus gefahren wurde. In diesem Zustand wurde Salas von Sicherheitsbeamten massiv gedrängt sich selbst zu beschuldigen!

Herr Salas ist zwei Stunden vor dem Vorfall mit dem "wild gewordenen Bus" und den Nadscha Einheiten, bewusstlos geschlagen worden und in ein Krankenhaus geliefert worden. Herr Salas kann dadurch keine Rolle in dem Vorfall gespielt haben.  

Warum wird Herr Salas beschuldigt, zu einer Zeit als Befürchtungen die Runde machten, er sei seinen schweren Verletzungen erlegen, der Fahrer des Todesbusses zu sein?

Laut dem auf den Fall angesetzten Richter, war Herr Salas die einzige Person aus der am 19. Februar zwei Stunden vor dem Unfall anwesenden Sufi Gruppe in der Pasdaran Allee, die einen Bus-Führerschein besaß.

Richter Mohammadi Kaschkoli lässt nicht etwa den Vorgang rekonstruieren und forensische Beweismittel vorlegen, stattdessen verknüpft er den Tod der Männer mit dem Umstand, dass Herr Salas einen Bus-Führerschein besitzt.

Der Grund für eine solch erbärmliche Beweisführung liegt in der Illegimität des Gerichts und im Fehlen legaler Beweise, um die Beschuldigungen gegen Herr Salas zu untermauern.

Das Fehlen dokumentierter Beweise des Staatsanwalts für den Richter des Gerichts 

Bei der Gerichtsverhandlung hat Richter Mohammadi Kashkoli in keiner objektiven Weise den Vorwurf des Mords (al-Qataleh) erhoben, noch hat er Fotos und Films von dem Geschehen erwähnt oder zeigen lassen. Ein ordentliches Gericht hätte die Vorlage von Fingerabdrücken vom Lenkrad des Todesbusses eingefordert. Das ist nicht geschehen. 

Warum versuchte der Staatsanwalt ein Geständnis des Angeklagten zu erlangen, anstatt Beweise aus einer ordentlichen kriminologischen Untersuchung vorzulegen?

In der ersten Anhörung vor Gericht, die live von Radio und Fernsehen übertragen wurden, wies Herr Salas alle Beschuldigungen ab und bezeichnete sich als unschuldig. Als Gegenreaktion weigerten sich Staatsanwalt und Richter Bilder von dem Todesbus als Beweismittel zu zulassen. Der Grund dafür liegt wohl darin, dass bei einem Zeigen der Fotos Herr Salas die Tricksereien des Staatsanwalts live aufgedeckt haben könnte.



Der bemalte "Traumbus der Derwische"


Der zum Schlafraum umfunktionierte "Traumbus" der Derwische

Tatsächlich haben Herr Salas und weitere Freunde während der vorhergehenden Tage und Nächte in einem Bus geschlafen, aus dem sie die Sitze entfernt und Betten eingerichtet hatten und dessen Seiten sie mit Blumen Motiven bemalt hatten. Die Fotos von dem "Traumbus" zeigen, dass der Bus von Herrn Salas sich deutlich von dem "Todesbus" unterscheidet. Der "Todesbus" ist in nüchternem Weiß ohne Bemalung gehalten und durchsiebt von Dutzenden Kugeln. Dadurch hätte Herr Salas bei einem Zeigen der Fotos von dem "Todesbus" sofort den Unterschied zu dem Bus in dem er geschlafen hatte gesehen und den Betrugsversuch des Staatsanwalts bemerkt.

Fazit

Es scheint einen geheimen Plan zu geben, bei dem Richter, Staatsanwälte und andere Beamte des Justizapparates mit dem Sicherheitsapparat Absprachen getroffen haben, um Herrn Salas als Fahrer des "Todesbusses" aussehen zu lassen und daraus allgemein den Sufis und ihrem Leiter den Vorwurf von Terrorismus anhängen zu können, angelehnt an terroristische Attacken der Daesh/ISIS Anhänger, die Unschuldige durch Überfahren töten.

Keinen anderen Schluss lassen die Weigerung, Film und Fotomaterial zu zeigen und das Fehlen forensischer Beweise vom Tatort oder der Fingerabdrücke aus dem Bus zu, als dass man diese Absprachen getroffen hat, um die wahren Ereignisse zu verdecken und einen Aufschrei ob des unglaublichen Skandals zu vermeiden. Ebenso ist das Urteil des Gerichts gegen Mohammad Salas ohne legale Grundlage gefällt worden und hat dadurch keinen Wert, so dass es nicht ausgeführt werden darf.

Da absolut kein eindeutiger Beweis einer Straftat von Herrn Salas vorliegt, ist auch das Urteil einer Wiedergutmachung und die Aufforderung an die Familien der Opfer bei Herrn Salas Hinrichtung anwesend zu sein, gänzlich illegal.

Durch die Einladung an die Familien der Opfer der Hinrichtung beizuwohnen, schafft das Gericht weiteres Unrecht, indem die Hände der Familie mit dem willkürlichen Tod einer unschuldigen Person befleckt werden. Der Fall gegen Herrn Salas ist nicht nur aus Sicht islamischen Rechts und geltendem Rechts ungültig, sondern ist ein kompletter Verstoß gegen alle international ratifizierten Menschenrechte

Headquarters of the Legal Experts of the World Assembly for the Protection of Tasavof

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news-1123 Wed, 25 Apr 2018 16:47:59 +0200 Zug der Frauen in Weiß - Berlin, Brandenburger Tor - 12. Mai http://mehriran.de/artikel/zug-der-frauen-in-weiss-berlin-brandenburger-tor-12-mai.html mehriran.de - Mit einer musikalischen Straßenaktion werden am 12. Mai 2018 mehrere Menschenrechtsorganisationen in Berlin, Potsdamer Platz am Brandenburger Tor, auf die Situation zahlreicher politischer Gefangenen/Gewissensgefangener im Iran aufmerksam machen. mehriran.de - Am Samstag, 12. Mai 2018, wird eine Karawane von Frauen in Weiß den Pariser Platz in Berlin umrunden. Oft sind es auch im Iran Frauen, die gesellschaftliche Entwicklungen tragen und in die Hand nehmen. So bekam jüngst die Weltöffentlichkeit mal wieder Wind vom Mut der Frauen im Iran. Vida Movahed, Mutter eines Kleinkinds fasste sich ein Herz, stieg auf einer der belebtesten Teheraner Alleen auf einen Stromkasten und hielt stumm ihr Kopftuch auf einem Stock. Fotos dieser Aktion kursierten weltweit und lösten eine Solidaritätswelle vor allem bei Frauenrechtsaktivistinnen aus.

Da die Lage der politischen Gefangenen/Gewissensgefangenen im Iran miserabel ist, haben sich mehrere Aktivisten in Europa entschlossen am 12. Mai in Berlin auf die Straße zu gehen. Zwischen 12:00 und 14:00 Uhr gibt es einen Flyer, Informationen zu den Gefangenen, Musik und Gesang und den Zug der Frauen in Weiß.

So wird für die Aktion aufgerufen:

An der Aktion beteiligte Organisationen:

Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV): 
https://www.gfbv.de/de/ueber-uns/was-wir-tun/

Karamat e.V.: 
karamat.eu 

Erfan-e Halghe: 
https://www.facebook.com/erfanhalgheingermany/

Terre des femmes: 
www.frauenrechte.de

Madarane Irani Hamburg: 
madaraneirani-hh.de  
https://www.facebook.com/iranihamburg.madarane

International Organization to Preserve Human Rights:
https://preservehumanrights.org 

 

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news-1121 Thu, 19 Apr 2018 23:12:02 +0200 Gefangene im Hungerstreik http://mehriran.de/artikel/gefangene-im-hungerstreik.html mehriran.de/Amnesty International - Acht inhaftierte Angehörige der religiösen Minderheit der Gonabadi-Derwische geben an, in ihrer Haft gefoltert und anderweitig misshandelt worden zu sein. Sie traten am 27. März aus Protest dagegen in den Hungerstreik. Einem der Männer, Abbas Dehghan, soll damit gedroht worden sein, dass seine Frau vor seinen Augen vergewaltigt werden würde, wenn er nicht „gestünde“. Die Männer benötigen medizinische Versorgung für die Verletzungen, die sie bei ihrer Verhaftung am 19. Februar erlitten hatten. mehriran.de - Amnesty International hat eine sogenannte urgent action ins Leben gerufen, um das Regime in Iran aufzurufen, die Rechte der Menschen im Land zu respektieren.

Hier geht es zur urgent action: www.amnesty.de/mitmachen/urgent-action/gefangene-hungerstreik

Sachlage

Abbas Dehghan, Javad Khamis Abadi, Kianoush Abbaszadeh, Ahmad Mousavi, Nour Ali Mousavi, Mehdi Eskandari, Amir Labbaf und Mir Sadegh traten am 27. März in den Hungerstreik. Damit protestieren sie gegen Folter und andere Misshandlungen, denen sie während ihrer Haft ausgesetzt sein sollen. Die Männer sind in der Shapour-Hafteinrichtung inhaftiert, die der Ermittlungsabteilung der iranischen Polizei (Agahi) unterstellt ist. Die Hafteinrichtung ist berüchtigt dafür, „Geständnisse“ durch Folter zu erzwingen. Häufig wird von Foltermethoden wie Tritten und Schlägen, u. a. mit Plastikrohren, Kabeln oder Peitschen, sowie von andauernder Fesselung und verschiedenen Arten der Aufhängung berichtet. So z. B. vom „Chicken Kebab“, bei dem Gefangene an einer Stange aufgehängt und ausgepeitscht werden, während ihre Arme nach hinten an die Fußknöchel gefesselt sind. 

Die acht Männer wurden am 19. Februar festgenommen. Sie hatten an einer Protestveranstaltung teilgenommen, die gewaltsam endete, als Sicherheitskräfte auf Schläge und den Gebrauch von Schusswaffen, Wasserwerfern und Tränengas zurückgriffen, um die Protestierenden auseinanderzutreiben. Über 300 Menschen wurden festgenommen. Zunächst wurden die Männer ins Fashafouyeh-Gefängnis bei Teheran gebracht, dann aber zum Verhör in die Shapour-Haftanstalt verlegt. In einigen Fällen wurden die Familien wochenlang nicht über ihren Verbleib informiert. Nach Angaben der Behörden haben die Männer keinen Zugang zu ihren Rechtsbeiständen, solange die Verhöre andauern. Amnesty International liegen Informationen vor, nach denen Abbas Dehghan dazu gedrängt wird, die Tötung eines Basidsch-Milizsoldaten in Zivil zu „gestehen“. Er soll „gestehen“, diesen nach der Protestveranstaltung am 19. Februar vorsätzlich mit einem Auto überfahren zu haben. Diese Vorwürfe wurden von Angehörigen der Derwische zurückgewiesen. Sie geben an, der Milizsoldat sei von Polizeikräften für einen Protestierenden gehalten und erschossen worden. Fotos von dem toten Milizsoldaten, die durch die Staatsmedien veröffentlicht wurden, zeigen Schusswunden an seinem Körper. Nach Informationen, die Amnesty International vorliegen, wurde Abbas Dehghan damit gedroht, dass seine Frau festgenommen und vor seinen Augen vergewaltigt werden würde, wenn er nicht „gestünde“. 

Hintergrundinformation

Mehrere Hundert männliche und weibliche Angehörige der Gonabadi-Derwische kamen in der Nacht des 19. Februar vor dem Haus ihres geistlichen Oberhauptes Noor Ali Tabandeh in Golestan Haftom, einem Teil von Teheran, zusammen. Sie wollten dort gegen die verstärkte Verfolgung ihrer Gemeinschaft durch die Behörden protestieren und eine mögliche Festnahme ihres Oberhauptes verhindern. Protestteilnehmer_innen berichteten, dass Polizeikräfte und Mitglieder der Basidsch-Miliz, die Zivilkleidung trugen, die Protestierenden auseinandertreiben wollten, indem sie mit Schlagstöcken, Stromkabeln und scharfen Objekten auf sie einschlugen sowie Tränengas, Wasserwerfer und scharfe Munition einsetzten. Sie nahmen zudem über 300 Menschen, darunter mindestens 60 Frauen, fest. Teilnehmer_innen berichteten desweiteren, Sicherheitskräfte hätten ein nahestehendes fünfstöckiges Gebäude gestürmt, in das Protestierende geflohen waren. Dort hätten sie das Treppenhaus mit Tränengas geflutet, einen „Tunnel“ aus Schlagstöcken gebildet und Protestierenden widerholt auf Rücken, Kopf und Gesicht geschlagen, während sie sie gewaltsam die Treppe hinunter und in die Polizeiwagen zerrten. Fotos und Videos von den Geschehenissen zeigen Protestteilnehmer_innen mit Platzwunden und anderen Verletzungen sowie mit Verbänden an Gesicht und Körper. 

Amnesty International liegen Informationen vor, nach denen etwa 170 der Festgenommenen vom Ort des Geschehens zur Notversorgung in Krankenhäuser gebracht wurden. Viele dieser Menschen hatten zuvor das Bewusstsein verloren. In den Tagen darauf wurden einige von ihnen freigelassen, während andere in das Fashafouyeh-Gefängnis nahe Teheran gebracht wurden, obwohl ihre medizinische Versorgung noch nicht abgeschlossen war. Während der folgenden Tage wurden einige der Inhaftierten von dort zur Einzelhaft ins Evin-Gefängnis oder zum Verhör in die Shapour-Hafteinrichtung verlegt. Es besteht die begründete Annahme, dass sie dort der Folter und anderen Misshandlungen ausgesetzt sind, um „Geständnisse“ abzulegen. Ihnen könnte u. a. die medizinische Versorgung ihrer Wunden verwehrt werden. Am 15. März gab Teherans Generalstaatsanwaltschaft an, dass im Namen der nationalen Sicherheit bereits 20 Anklagen gegen Mitglieder der Gonabadi-Derwische vorlagen. Die Anzahl könne sich auf 100 Anklagen erhöhen. 

Am 4. März wurde die Familie von einem der Inhaftierten, Mohammad Raji, von Polizeikräften darüber informiert, dass dieser seinen Verletzungen erlegen sei, die ihm durch wiederholte Schläge auf den Kopf zugefügt worden waren. Angaben zu den Umständen sowie zu Ort, Zeitpunkt und genauer Art seines Todes blieben bislang aus. Die Behörden hatten lediglich angegeben, er sei während der Auseinandersetzungen lebensgefährlich verletzt worden und sei entweder während des Transports ins Krankenhaus oder nach seiner Aufnahme ins Krankenhaus verstorben. Seine Familienangehörigen betonten, dass Mohammad Raji zum Zeitpunkt seiner Festnahme am 19. Februar zwar verletzt, aber am Leben war. Sie kritisierten die Geheimhaltung seines Verbleibs und Schicksals während der 15 Tage nach seiner Festnahme und dass die Behörden sich weigerten, die Abfolge und den Zeitrahmen der Geschehnisse, die zu seinem Tod führten, aufzuklären. Neben dem Basidsch-Milizsoldaten in Zivil wurden am 19. Februar die drei Polizeikräfte Reza Emami, Mohammad Ali Bayrami und Reza Moradi Alamdar getötet, als sie von einem Bus überfahren wurden. Am 19. März wurde ein Angehöriger der Derwische, Mohammad Salas, für ihre Tode zur Verantwortung gezogen: Er wurde wegen vorsätzlichen Mordes zum Tode verurteilt. Während des Gerichtsverfahrens wies er die Anklagen von sich und gab an, dass er die Polizeikräfte nicht vorsätzlich überfahren hatte. Zu seiner Verteidigung brachte er hervor, der Unfall sei seiner mangelnden Sehkraft, der desorientierenden Auswirkungen seiner Verletzungen – u. a. einer Schädelfraktur und einem gebrochenem Arm – und seiner panischen Flucht vor weiteren Schlägen geschuldet. Am 20. Februar, vor seinem Gerichtsverfahren, strahlte der Rundfunk der islamischen Republik Iran (Islamic Republic of Iran Broadcasting, IRIB) ein Video aus, in dem Mohammad Salas die Tat „gestand“. Das Video war gefilmt worden, während er schwer verletzt in einem Krankenhausbett lag. Dies verletzt die Unschuldsvermutung und weckt die Sorge, dass die Aussage erzwungen worden sein könnte. 

Die Gemeinde der Gonabadi-Derwische im Iran bezeichnet sich als schiitisch. Wegen ihres Sufi-Glaubens und der Sufi-Traditionen werden sie jedoch von den Behörden diskriminiert, schikaniert, willkürlich festgenommen und inhaftiert. Zudem werden ihre Gebetshäuser angegriffen. Am 6. März gab Noor Ali Tabandeh, das geistliche Oberhaupt der Gonabadi-Derwische, in einem Video bekannt, dass die Behörden ihn daran hindern würden, sein Haus zu verlassen. Er machte keine weiteren Angaben zu den Umständen. 

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news-1120 Thu, 19 Apr 2018 22:53:23 +0200 Katja Leikert unterstützt "I am Human" von der IGFM http://mehriran.de/artikel/katja-leikert-unterstuetzt-i-am-human-von-der-igfm.html mehriran.de - Wie die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) bekannt gab, setzt sich Katja Leikert, MdB, Stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Narges Mohammadi, eine politische Gefangene im Iran ein. mehriran.de - Die Journalistin und Autorin Narges Mohammadi ist im Iran eine der bekanntesten Frauen- und Menschenrechtlerinnen, ihre Arbeit wird weltweit anerkannt. Sie war Vizepräsidentin und Sprecherin des Zentrums für Menschenrechtsverteidiger, in dem sich die bedeutendsten Menschenrechtler des Iran zusammengeschlossen hatten. Die Regierung verbot das Zentrum ohne rechtliche Grundlage und zerstörte die Büroräume mehrfach. 

2012 wurde sie in einem Berufungsverfahren zu sechs Jahren Haft verurteilt. Durch die schlechten Haftbedingungen, Misshandlungen und Folter verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand so stark, dass sie 2013 gegen eine sehr hohe Kaution in ein Krankenhaus überführt wurde. Im Mai 2015 wurde sie erneut verhaftet, obwohl sie noch immer schwer krank ist. Im Mai 2016 wurde die Frauenrechtlerin zu insgesamt sechzehn Jahren Haft verurteilt. Es geht ihr zusehends schlechter, sie erlitt unter anderem einen Schlaganfall. Die notwendige medizinische Behandlung wird ihr gegenwärtig verweigert, ebenso der Kontakt zu ihren Kindern.

Mehr zu Narges Mohammadi auf der Seite der IGFM.

Frau Leikert ist verantwortlich für Menschenrechte und Europapolitik und seit April 2018 Patin der politischen Gefangenen Narges Mohammadi im Iran. Weiter schreibt die IGFM zu ihrer Aktion:

Die stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Dr. Katja Leikert übernimmt eine politische Patenschaft für die Frauenrechtlerin und Menschenrechtsverteidigerin Narges Mohammadi. Die Iranerin hatte zusammen mit der Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi und dem Menschenrechtsverteidiger Abdolfattah Soltani das „Zentrum für Menschenrechtsverteidiger“ gegründet und war damit in den Focus ihrer Verfolger geraten. Vor allem ihr Einsatz für die Rechte von Frauen stieß bei den Behörden der islamischen Republik auf erbitterten Widerstand.

Katja Leikert, die in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Menschenrechte und Europapolitik zuständig ist, unterstützt die Kampagne der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte für die Freilassung von Narges Mohammadi, die willkürlich zu insgesamt 16 Jahren Haft verurteilt ist. Im Gefängnis misshandelte sie das Wachpersonal mehrfach. Sogar der Kontakt zu ihren Kindern wurde Narges Mohammadi verboten. Narges Mohammadi ist Trägerin des Menschenrechtspreises der Stadt Weimar und ist von der IGFM als politische Gefangene anerkannt.

Die Motivation von Frau Leikert sich für Narges Mohammadi zu engagieren wird in zwei Zitaten zusammen gefasst:

Zitat 1: „Wenn Kreativität und der Wille, die Welt zum besseren hin zu verändern, zusammenkommen, entsteht etwas Gutes. Gerne unterstütze ich aus diesem Grund die Aktion „I am Human“ der IGFM. Sie gibt den Opfern von Verfolgung und Gewalt ein Gesicht. Aus einer namenlosen Masse werden Menschen. Menschen, deren Schicksal uns nicht egal sein darf.“

Zitat 2: „Gerne habe ich eine Patenschaft für die im Iran inhaftierte Frauenrechtlerin Narges Mohammadi übernommen. Ihr Schicksal und das Schicksal vieler weiterer willkürlich Inhaftierten darf uns nicht kalt lassen. Ich bin der IGFM sehr dankbar, dass sie mit Aktionen und stetiger Öffentlichkeitsarbeit dafür sorgt, dass diese Menschen nicht in Vergessenheit geraten. Das ist Lobbyarbeit im bestmöglichen Sinne. Wer die Axt an Meinungs, Presse-, Versammlungs- oder Religionsfreiheit anlegt, der tritt unsere Werte mit Füßen und dem müssen wir uns entschieden entgegenstellen.“

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news-1122 Fri, 13 Apr 2018 23:22:00 +0200 Warum sich der Westen nachdrücklicher für Menschenrechtsverletzungen im Iran interessierten sollte. http://mehriran.de/artikel/warum-sich-der-westen-nachdruecklicher-fuer-menschenrechtsverletzungen-im-iran-interessierten-sollte.html mehriran.de - Pressemitteilung IOPHR vom 13.04.2018 mit Bezug auf die Expansionspolitik des Regimes im Iran und den Kampf des Westens zur Eindämmung extremistischer Strömungen. mehriran.de - Das Regime im Iran ist seit vierzig Jahren unermüdlich darin, Menschenrechte zu verletzen. Die Machthaber führen die brutale Unterdrückung der Bürgerinnen und Bürger im Iran konsequent fort, ganz gleich wie verzweifelt die Bevölkerung ihre Not und Hilferufe durch verschiedenste Arten des Protests zum Ausdruck zu bringen versucht. Es wird Zeit, dass der Westen endlich entschlossene und ernste Schritte unternimmt, um dem Regime Einhalt zu gebieten.

Schon seit der Revolution 1979 im Iran führt das Regime langanhaltende und breit aufgestellte Kampagnen der Unterdrückung aller inneren Oppositionsstimmen durch. Ziel ist die totale Beherrschung und Überwachung jedes Aspekts der Religion, der Gesetzgebung, der Justiz, der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen im Iran und natürlich die totale Kontrolle seiner Bürgerinnen und Bürger.

Diese Politik gegen eigene Bevölkerungsgruppierungen vorzugehen ist das Markenzeichen des Regimes im Iran. Damit einher geht der systematische und gut getarnte Plan seine Ideologie zunächst im Mittleren Osten und später in der gesamten restlichen Welt auszubreiten.

Strategien des Regimes zielen darauf hin mit Hilfe der totalen Kontrolle innerhalb der eigenen Grenzen, alle wirtschaftlichen Einkünfte dafür einzusetzen zunächst die Regierungen benachbarter Länder, wie Irak und Afghanistan, zu beeinflussen und schließlich seinen Einfluss in Ländern wie Syrien und Jemen stärker geltend zu machen. 

Diese Strategie hat auch in mehrfacher Hinsicht globale Konsequenzen, wie zum Beispiel die Massenimmigration von Menschen aus Kriegsgebieten, wie wir das bei der Einwanderung syrischer Flüchtlinge nach Europa erleben konnten.

Die Expansionsstrategie des Regimes im Iran baut nicht nur auf Unterdrückung aller Arten von Freiheit im Land, sondern auch auf sehr geschickte Manipulationen globaler Ereignisse zu seinem Vorteil. Zum Beispiel verhüllt das Regime seine wahren Absichten im Kontext globaler Ereignisse und behauptet "gegen Bedrohungen durch Extremismus" von Gruppen wie Dâesch/ISIS in Irak oder al-Qaida in Afghanistan vorzugehen. Weiterhin hat das Regime seinen Einfluss im Westen ausbauen können, indem es vielen europäischen Ländern lukrative Geschäfte in Milliardenhöhe in Aussicht gestellt hat.

Angesichts solcher Strategien haben sich westliche Regierungen oft schwer damit getan, den langfristigen Plan des Regimes zu durchschauen oder als solchen zu erkennen. Ein Gleiches gilt für die zögerlichen Reaktionen auf Menschenrechtsverletzungen, die leider Tag für Tag vorkommen im Iran.

Während der 40 Jahre Herrschaft des Regimes hat der Westen konsequent die Hilferufe der Iranerinnen und Iraner vernachlässigt, obwohl es zahlreiche Gelegenheiten gegeben hat, bei denen die Bevölkerung mutig genug war zu protestieren und ihren Unmut gegenüber dem Regime zum Ausdruck zu bringen. Die zurückhaltende Reaktion des Westens während der Massenproteste nach den Präsidentschaftswahl 2009 ist ein Beispiel dafür.

Die Fixierung des Westens auf die Gefahren durch die Nuklearanreicherungen im Iran und die konsequent vagen oder sporadischen Verurteilungen der Menschenrechtsverletzungen im Iran durch westliche Regierungen haben dazu geführt, dass das Regime die Unterdrückung der Bevölkerung verschlimmert hat. Sanktionen, die sich nur auf Atomanreicherung beziehen, haben den Machthabern im Iran signalisiert, dass der Westen sich nur für seine Nuklearpolitik interessiert, aber nicht für die Menschenrechtsverletzungen im Land. Alles zusammen genommen hat das dazu geführt, dass die Bevölkerung noch schlimmeren Unterdrückungen unterworfen wird. Parallel dazu setzt das Regime langsam aber beständig den Export seiner extremistischen Ideologie fort.

Die Unterdrückungen des Regimes innerhalb der Grenzen Irans zeigen sich in vielfältigen Formen. Erinnern wir uns an den Hausarrest für kritische Stimmen wie Herrn Karoubi, Herrn Mousavi, Frau Rahnavard, an die Unterdrückung aller Protestformen, an erfundene Anklageweisen wie Volksverhetzung oder Moharebeh (Feindschaft zu Gott) bis hin zu Austilgung jeder Gruppe, die vom Regime als Bedrohung gesehen wird, wie das Beispiel der Massenerschießung von 30.000 Mitgliedern der Mojaheddin-e Khalk (MEK) im Jahr 1988 zeigt.

Durch den intensiven Zugriff des Regimes auf die Wirtschaft des Landes hat sich das Leben der Bevölkerung im Allgemeinen verschlechtert. In manchen Provinzen ist die Analphabetenrate bei mindestens 30%. Jüngere Berichte sprechen davon, dass 80% der Menschen im Iran in Armut leben. Diese Umstände haben zu den 10 Tage währenden Protesten Ende Dezember 2017/Anfang Januar 2018 geführt.

Bei diesen Protesten wurden laut eigenen Berichten des Regimes über 5.000 Personen eingesperrt, eine weitere Verschärfung der Verfolgungen setzte ein. Die jüngste Protestbewegung iranischer Frauen gegen den Verschleierungszwang führte zu weiteren Verhaftungen von Aktivistinnen. Die Arbeiterproteste auf Grund unbezahlter Gehälter und Massenarmut im Land sind nur Symptome der wirtschaftlichen Lage im Iran und auch sie führten zu Verhaftungen unter den Anführern der Arbeiter. Diese verschiedenen Arten von Protesten führen im heutigen Iran zu weiteren Verhaftungen und brutalen Niederschlagungen von jeder Kritik oder Protest.

Über 40 Jahre haben nun schon Verfolgungen religiöser Minderheiten einen Eckpunkt der Aktionspläne des Regimes gebildet. Dabei wurden alle Religionen unterdrückt, die sich nicht ihrer extremistischen religiösen Ideologie unterordnen. Konsequente Verfolgungen von Baha'i, Christen - insbesondere Konvertiten - Zoroastrier, Juden und sogar Sunniten sind Zielscheiben der intoleranten Ansichten dieses Regimes.

Diese Verfolgungen zeigen sich in einer breiten Form, die von offenen Diskriminierungen über Verhaftungen unter falschen Vorwänden bis zur Schließung von Versammlungshäusern reichen. Seit den jüngsten Protesten hat sich der Absolutheitsanspruch des Regimes gegenüber anderen Religionen oder Weltanschauungen, die sich gegen die extremistische Deutung von Islam stellen, nur weiter gesteigert. Das zeigt sich schon in der Verhaftung des Klerikers Hussein Schirazi, der sich gegen die fundamentalistisch-religiöse Ideologie des Regimes - auch bekannt als Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten (velayat-e faghi) - gewandt hatte.

Was noch dazu kommt in diesem Jahr, ist der offenkundig gewordene Plan, den einflussreichen Menschenrechtsanwalt und spirituellen Leiter der Gonabadi Sufi Gemeinschaft, Dr. Nur Ali Tabandeh, unter Hausarrest zu stellen. Nach den jüngsten Protesten der Sufis wurden viele Sufi Männer und Frauen verhaftet und gefoltert.

Verfolgungen von Sufis sind kein neues Phänomen im Iran, da seit 1979 viele Versammlung- und Gebetshäuser der Sufis dem Erdboden gleichgemacht oder geschlossen wurden. Viele andere Sufi Gruppen haben einen dauerhaften Druck durch das Regime erleiden müssen. Die sektiererische religiöse Einstellung des Regimes, das durch die Methode des "Teile und Herrsche" vorgeht, hat sich weiter verstärkt. Es geht sogar so weit, dass man offen schiitische Muslime wie die Gonabadi Sufis verfolgt. Gonabadi Sufis zählen seit vielen Jahrhunderten zum schiitischen Islam.

Ein Blick auf all diese Handlungen zeigt den ideologischen Charakter der Strategie des Regimes im Iran, das Islam zu einem nützlichen Werkzeug gemacht hat, um seine extremistische Ideologie unter dem Deckmantel des "Islam" zu exportieren.

In Zeiten, in denen man im Westen darum ringt extremistische religiöse Doktrinen innerhalb der eigenen Grenzen einzudämmen, ist es sehr bedeutsam auch für den Westen, wenn alternative religiöse Bewegungen in Ost und West überleben, die Toleranz leben. Spirituelle Schulungswege wie das Sufitum, sind schon seit eh und je mit Toleranz und Gleichheit jenseits von Abstammungsfragen oder Weltanschauung und Religionszugehörigkeit in Verbindung gebracht worden. Was Toleranz und Gewaltlosigkeit anbelangt sind im Osten Sufitum und Buddhismus, wie er von spirituellen Persönlichkeiten wie dem Dalai-Lama unterwiesen wird, gleich. Ebenso fühlen wir uns an die Vorgänge vor 60 Jahren in China erinnert, als die chinesische Regierung ihre eigene Version von Buddhismus aufsetzte, nachdem der Dalai-Lama aus China fliehen musste. Das Regime in Iran hat jetzt das Oberhaupt des größten Sufi Ordens, Dr. Nour Ali Tabandeh unter Hausarrest gestellt. Gleichzeitig streut das Regime falsche Informationen über seine Kanäle in die Welt, etikettiert willkürlich Sufis als "Daesh/ISIS" Terroristen in seinen staatlich gelenkten Freitagspredigten überall im Land und schreitet kontinuierlich voran mit dem Plan der Massenvernichtung dieser friedvollen spirituellen Gruppe. Gleichzeitig werden alle unabhängigen Informationen über Medien im Iran und soziale Medien unterdrückt, um die unmenschlichen Aktionen zu kaschieren. Sogar ausländische Pressemitarbeiter sind schon Opfer der Einschüchterungstaktik des Regimes geworden, wie Mitarbeiter von BBC und ihre Familien mehrfach bezeugt haben.

Aus diesen Gründen sagen wir, es ist höchste Zeit, dass der Westen sich regt und die Menschenrechtsverletzungen in Iran deutlicher als bisher zur Sprache bringt. Obwohl viele Länder, wie zum Beispiel Nord-Korea, regelmäßig gegen Menschrechtsbestimmungen verstoßen, hat kein anderes Land in den letzten vierzig Jahren eine ähnlich hohe Erfolgsquote im Export seiner radikalen Ideologie gehabt und hat diese mit ähnlicher Entschlossenheit vorangebracht wie Iran. Wir sind davon überzeugt, dass der Westen die Ausbreitung von Irans extremistischen Ideologie aufhalten kann, wenn er sich gegen den mangelnden Respekt gegenüber den Menschenrechten im Iran stellt und Sanktionen veranlassen, die sich auf die Menschenrechtsverletzungen durch das Regime beziehen. Damit wird der Westen eine entscheidende Botschaft an das Regime im Iran aussenden, dass die würdelose und ausgrenzende Politik gegenüber den Bewohnern Irans nicht weiter toleriert wird. Den unterdrückten Stimmen im Iran wird es Hoffnung vermitteln. 

Wir halten uns an folgende Aussage zu Toleranz: man kann nicht tolerant sein angesichts von Intoleranz, denn wenn wir nichts tun, geben wir dem Aufblühen und Gedeihen von Intoleranz zu viel Raum. 

Pastor Martin Niemöller sagte einst sehr weise: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich nicht protestiert; ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie die Juden holten, habe ich nicht protestiert; ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestierte.“

Original in Englischer Sprache: https://preservehumanrights.org/2018/04/press-release-why-the-human-rights-violations-in-iran-should-matter-to-the-west/

 

 

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news-1119 Thu, 05 Apr 2018 16:00:12 +0200 Iran - Durch Dämonisierungen reich werden http://mehriran.de/artikel/iran-durch-daemonisierungen-reich-werden.html mehriran.de - Was passiert mit Land und Gut von Leuten, die im Iran stigmatisiert und dämonisiert werden und schließlich zu Staatsfeinden erhoben werden? mehriran.de - Ali Mohammadi Sirat leitet eine Behörde, die sich über Zuwendungen freut. Die Art wie die Organisation für nationale Wohlfahrt zu Reichtum gelangt, ist durchaus bemerkenswert. 

Es gibt Menschen, die keine natürlichen Erben haben, jedoch vor ihrem Tod immense Reichtümer angehäuft haben. Für diese Menschen gibt es im Iran die Organisation für nationale Wohlfahrt, die Ali Mohammadi Sirat leitet. Sie können der Organisation alles vererben. Das ist jedoch keine außergewöhnliche Art Erbschaften zu verwalten und sie einem Gemeinschaftsnutzen zu zu führen.

Diese Organisation dient immer wieder mal auch als Auffangbecken für Hab und Gut der Menschen, die im Iran ihrer Bürgerrechte beraubt werden. Massenhaft geschehen in den 80er Jahren als die Mitglieder der Volksmudschahedin zu Staatsfeinden erklärt wurden und ihr gesamter Besitz in diese Organisation für nationale Wohlfahrt aufgenommen wurde. Ähnlich wie die Bonyads (religiöse Stiftungen) ist auch hier nicht transparent, was mit den eingeflossenen Mitteln geschieht und wem sie zu Gute kommen. 

In dem Drama um die Bemühungen einiger Hardliner in Iran den Gonabadi Sufi Orden auszulöschen, könnte ein neues Kapitel anstehen. Nachdem das Todesurteil gegen Mohammad Salas am Dienstag offiziell verkündet wurde, steht zu befürchten, dass die Justiz den Leiter des Nematollah Gonabadi Ordens, Dr. Nur Ali Tabandeh, wegen Anstiftung zu Unruhen und Gefährdung der nationalen Sicherheit anklagen wird. Mohammad Salas wird vorgeworfen, einen Bus gefahren zu haben, der drei Polizisten überrollt und getötet hat. In dem unfairen Verfahren wurde nur ein Video der Sicherheitsbehörden als Beweis angenommen, in dem Salas angeblich die Fahrt mit dem Bus gesteht. In einem Artikel von Rainer Hermann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 4. April wird geschildert, wie die Derwische diese Version von sich weisen und viel mehr darauf hinweisen, dass der Bus von einem im Kugelhagel getöteten Bassidschi namens Haddadian gefahren sein könnte und der Fall von den Behörden ganz neu gestrickt und dem Derwisch angehängt wurde.

So versuchen einige finstere Gestalten wie der Freitagsprediger Ahmad Khatami, der Leiter des Weltverbandes für die Annäherung der Islamischen Rechts- und Denkschulen Mohsen Araki oder der Parlamentarier Hassan Nowruzi eine Verhaftung und Verurteilung des Oberhaupts der Gonabadi Derwische voranzubringen. Im Moment steht Tabandeh unter Hausarrest und ist mit einem Kontaktverbot belegt. Sollte er angeklagt und verurteilt werden, ist der nächste Schritt zu befürchten. Der Orden könnte aufgelöst werden, alle Gebäude und Güter des Ordens würden dem Staat zufallen. Das Auffangbecken für solche Fälle ist Organisation, die Ali Mohammadi Sirat leitet.

Es wäre ein weiteres trauriges Kapitel einer Vertreibung und Auslöschung einer friedlich gesinnten Minderheit im Nahen Osten.

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news-1116 Tue, 27 Mar 2018 11:33:45 +0200 Folgenreiche und gefährliche Intrigen gegen Sufi Orden in Iran http://mehriran.de/artikel/folgenreiche-und-gefaehrliche-intrigen-gegen-sufi-orden-in-iran.html mehriran.de - Schon lange vor den Ereignissen in der Teheraner 7. Golestanstraße hat das Regime in Iran religiöse Minderheiten, besonders Sufi Orden und ganz speziell den Gonabadi Sufi Orden, systematisch verfolgt. Mitte Februar 2018 kam es in Teheran zu heftigen Kämpfen zwischen Sicherheitskräften der Bassidschi, der Revolutionsgarden (Sepah), sowie der Polizei und friedlich demonstrierenden Anhängern des Nematollah Gonabadi Ordens. Die gewaltsamen Angriffe der Sicherheitskräfte gegen diese, führten zu zahlreichen Toten und noch mehr Verletzten und verhafteten Sufis. Wenige Tage später setzten die Behörden das spirituelle Oberhaupt des Mitglieder stärksten Ordens in Iran, Dr Nour Ali Tabandeh, unter Hausarrest und verboten jegliche Zusammenkünfte der Gonabadi Sufi bis auf Weiteres. mehriran.de - Sufi Orden gehören in Iran zu den ersten Minderheitsreligionen, die systematischen Verfolgungen ausgesetzt waren. Islamistische Fanatiker gewannen zunehmenden Einfluss innerhalb des Regimes, der sich unter anderem in den Verfolgungen niederschlug. Zwei Jahre nach der 1979er Revolution wurde das zentrale Versammlungsgebäude des Gonabadi Sufi Ordens von Bassidschi Kräften zerstört und bis auf die Grundmauern herabgebrannt.

Nach diesem Überfall schrieb der Revolutionsführer Ajatollah Khomeini jedoch einen offenen Brief, in dem er dem Gonabadi Sufi Orden und seinem spirituellen Oberhaupt Schutz gewährte und jegliche Gewalt gegen Sufis verurteilte und als Verstoß gegen islamische Grundsätze und Gesetze des Landes brandmarkte.

Dieser Schutzbrief verlangsamte die systematischen Verfolgungen der Sufis in Iran, doch setzte auch Khomeinis Dekret den Verfolgungen kein Ende.


Dekret von Ajatollah Khomeini zum Schutz der Derwische in Iran

Im Jahr 2006 brannten Bassidschi Einheiten das Versammlungshaus des Gonabadi Sufi Ordens in Qom nieder. Über Tausend Sufis wurden verhaftet, Hunderte durch Schläge, Tränengas und Luftgewehrprojektile verletzt. Diese Luftgewehre werden nicht öffentlich verkauft und sind nur für den Gebrauch der Bassidschi Kräfte entwickelt worden. Mit dieser Waffe kann man durch Glas, Kleidung und Haut dringen. Die Projektile sollen scharfe Schmerzen verursachen, jedoch nicht tödliche Verletzungen zufügen.

Die Bassidschi wurden durch eine erfundene Überlieferung (Revayat) aufgehetzt, die man fälschlicherweise zwei Imamen (Imam Sadeq und Imam Hadi, 6. und 10. Imam der Schiiten) zuordnete: "Alle Sufis sind Feinde des Propheten Mohammed und seiner Familie und alle Sufis sind fehlgeleitete Sünder, die ausgelöscht werden müssen." Die Bassidschi brüllten bei ihren Angriffen den Slogan "Tod den Sufis".

Nacht der weißen Lilien und des Feuers
Dr Nour Ali Tabandeh, spirituelles Oberhaupt des Gonabadi Sufi Ordens, empfahl den Derwischen in Qom den Bassidschi im Gegenzug weiße Lilien als Zeichen des Friedens zu schenken. Bei den Derwischen ist diese Nacht als die "Nacht der weißen Lilien und des Feuers" in Erinnerung geblieben. Schon in den nächsten Tagen eröffneten die Bassidschi eine Ausstellung neben den Ruinen des Sufi Versammlungshauses. Sie behaupteten Beweise auszustellen, die sie in den Kellern des Hauses gefunden zu haben vorgaben.

Unter den ausgestellten Gegenständen waren alkoholische Getränke und Drogenbesteck. Scharen von Schulkinder zwischen 8 und 10 Jahren alt wurden durch die Ausstellung geschleust, um sie mit einem falschen Bild von Sufis zu indoktrinieren. Es sollte sich bei den Schulkindern einbrennen, dass alle diese Gegenstände im Gebrauch der Derwische waren und alle Sufis unmoralische Menschen seien. Zwölf Jahre später zeigen sich die tiefen Auswirkungen dieser Intrigen gegen Sufis in Iran. 

Die systematischen Verfolgungen fanden immer noch kein Ende. Im Jahr 2007 begann das Regime Serienverhaftungen gegen alle vorzunehmen, die über die Gewalt gegen die Sufis berichtet hatten. Sogar Anwälte, die sie vor Gericht vertreten hatten wurden in Gewahrsam genommen.

Organisierte Hetze
Um die systematischen Verfolgungen gegen Religionsgemeinschaften in der Minderheit voranzubringen, sind in den letzten Jahren einige Organisationen gegründet worden, die mit Staatsgeldern finanziert werden. Diese waren vor allem gegen den Gonabadi Sufi Orden aktiv. Immer noch sind viele dieser Organisationen mit erhöhtem Budget tätig. Alle Organisationen, die sich dem Ziel der Säuberung der Gesellschaft von Andersgläubigen zum Ziel gesetzt haben, unterhalten eigene Medienkanäle, über die sie ihre Hetze verbreiten. 

Im Jahr 2008 fand ein weiterer Angriff auf die Derwische in der Stadt Boroudscherd statt. Wieder wurde ein Versammlungshaus dem Erdboden gleichgemacht. Die unrechtmäßigen Verhaftungen von Gonabadi Derwischen wurden im ganzen Land fortgesetzt. Kinder von Derwischen wurden von Schulen und Universitäten ausgeschlossen, viele verloren ihre Arbeitsstelle, weil sie Gonabadi Sufis waren.

Im Jahr 2009 zerstörten die islamistischen Gruppen das Versammlungshaus der Gonabadi Sufis in der Kulturhauptstadt Isfahan. Sie verschonten dabei weder die kostbare Bibliothek noch das Grab eines spirituellen Meisters (Izad Goschasb) - beides schützenswertes UNESCO Kulturerbe. Die Bibliothek enthielt viele alte Gedichtbände und Schriften zu mystischen Themen. Alle Gebäude wurden mit Planierraupen niedergerissen. Als sich die Sufis von Isfahan am nächsten Tag aus Protest gegen die Zerstörungen auf dem Gelände ihres ehemaligen Versammlungszentrums trafen, ließen die Bassidschi LKW's mit menschlichen Exkrementen heranfahren und über das Gelände streuen, um weitere Treffen dort zu verhindern.

Dieses Ereignis löste eine Welle der Empörung aus. Aus dem ganzen Land reisten Sufis ohne gegenseitige Absprache und ohne Koordinierung nach Teheran. Urplötzlich strömten Tausende von friedlich protestierenden Sufis nach Teheran, um ihre Unterstützung für ihr spirituelles Oberhaupt zu zeigen und gegen die systematischen Verfolgungen von Sufis in Iran zu protestieren.

Diese friedlichen Proteste gegen Verfolgung und Hetze beschränkten sich nicht auf Iran, sondern fanden an verschiedenen Orten der Welt statt. Sowohl Sufis als auch Nicht-Sufis wandten sich gegen die Unterdrückung von Menschen, die überall auf der Welt und seit vielen Jahrhunderten Symbol eines friedlichen, Liebe zentrierten und toleranten Islam sind. Durch den großen Zuspruch, die Sufis bei dieser Gelegenheit erfahren haben und die gemeinsame Erhebung angesichts der Unterdrückung der Sufis ohne jegliche Koordination durch eine zentrale Stelle oder einen Aufruf wird dieser Tag, der 21. Februar seither als "Internationaler Tag der Derwische" gefeiert.

Auch diese friedlichen Proteste mit internationaler Berichterstattung hatten jedoch wenig Effekt auf die systematischen Verfolgungen der Sufis in Iran.

Im Jahr 2010 wurde das spirituelle Oberhaupt des Gonabadi Sufi Ordens, Dr. Nour Ali Tabandeh, damals ein 82-jähriger Mann, mit 4 anderen älteren Männern beim Frühstücken in seinem Haus ohne Anklage oder Haftbefehl verhaftet. Er wurde einen ganzen Tag lang bis zum nächsten Morgen festgehalten und physisch und psychisch gequält. Man hinderte ihn den gesamten Tag daran, den Waschraum aufzusuchen, obwohl er an Prostata Hyperplasie leidet und häufig Urin lassen muss.

In den Folgejahren sind weitere Versammlungshäuser der Gonabadi Sufis in großen und kleinen Ortschaften geschlossen worden, unter anderem in Bandar Abbas und in Kavar. Die Verhaftungen, die Zensur der Berichterstattung und der eingeschränkte gesetzliche Schutz der Gonabadi Sufis vor Gericht wurden weitergeführt. Menschen wurden verletzt und getötet, wie zum Beispiel Vahid Banani, der bei Zusammenstößen zwischen Bassidschi und Bassidschi von diesen erschossen wurde.

So kommen wir zu den jüngsten Eskalationen, entlang derer man verstehen kann, warum die Sufis und ihr spirituelles Oberhaupt Mitte Februar 2018 angegriffen wurden. Die Verfolgungen sind kein neuer Fakt, doch die Art, wie sie von der Propaganda des Regimes in Iran präsentiert werden und wie sie Schritt für Schritt von den Bassidschi und Sepah Sicherheitskräften verwirklicht werden, sind neu.

"Gute Sufis" und "böse Sufis"
Die jüngsten Gewaltausbrüche und der Tod von 5 Sicherheitskräften aus Bassidschi und Sicherheitspolizisten werden einzig den Sufis in die Schuhe geschoben. Die Propaganda des Regimes unterscheidet jedoch zwischen "guten Sufis" und "bösen Sufis". "Gute Sufis", heißt es von Seiten des Regimes, sind jene, die sich nicht in die Politik einmischen und friedlich bleiben. "Schlechte Sufis" sind politisch aktive Leute, die gegen das Regime sind, gewalttätig und militant auftreten und Verbindungen zu Israel und terroristischen Gruppen wie Daesh/ISIS haben. Sie werden in den heutigen Medien Irans als "ISIS Sufis" oder "Daesh Sufis" herabgewürdigt. Alle Gewalt im Iran sowohl vor den Ereignissen von Mitte Februar 2018 in der 7. Golestanstraße als auch danach wird von der Regime Propaganda den "bösen Sufis" zugesprochen. Das Regime drängt die Gonabadi Sufis die "bösen Sufis" auszuschließen und dem Regime auszuliefern.

Unter diesem Vorwand die Sufis belastend, haben die Sicherheitsbehörden Dr. Nour Ali Tabandeh unter Hausarrest gestellt, mit sehr wenigen Besucherausnahmen. Alle üblicherweise Montagabend und Sonntagabend abgehaltenen Versammlungen der Gonabadi Sufi sind auf unbestimmte Zeit ausgesetzt worden. Der eigene Verlag wurde geschlossen, alle Publikationen wurden konfisziert. Alle Gonabadi Sufi Medienkanäle sind geschlossen worden. Das Regime zwingt die Derwische zu Selbstzensur, um sie in ihrem Bemühen zu lähmen, der schreienden Ungerechtigkeit ihnen gegenüber nicht weiter Widerstand zu leisten und bei ihnen die falsche Hoffnung zu nähren, sie würden in Ruhe gelassen werden, wenn die "bösen Sufis" aussortiert sind.

Weiter giftet die Regimepropaganda gegen den in Frankreich lebenden Sprecher der Nematollah Gonabadi Sufis im Ausland, Dr. Seyed Mostafa Azmayesh. Die "bösen Sufis" werden als seine Anhänger bezeichnet. Die Bemühungen des Regimes richten sich darauf, Azmayesh unter den Mitgliedern des Ordens in Misskredit zu bringen und ihn permanent zu dämonisieren.

Drohende Todesstrafe
Die Justiz legt ungewöhnlich hohes Tempo ein, beim Versuch die verhafteten Sufis anzuklagen und zum Tode zu verurteilen. Mohammad Salas wurde beschuldigt der Busfahrer gewesen zu sein, der einen Bus in eine Gruppe Polizisten gesteuert hat, wobei drei Männer totgefahren wurden. Dafür wurde er in einem Schauprozess ähnlichen Verfahren zum Tode verurteilt.

In diesem unfairen Prozess wurden weder Zeugen noch Beweise gezeigt. Die Verurteilung erfolgte lediglich auf Grund eines unter Zwang und Folter basierten Geständnis von Salas aus einem zusammengeschnittenen Video. Weder hatte Salas während seiner Haft Kontakt zu einem Anwalt, noch durfte er einen Anwalt auswählen, der ihn vor Gericht vertritt. Während der Befragungen vor Gericht soll er immer wieder geschlagen worden sein.

Der Schauprozess wurde live im Staatsfernsehen gesendet, doch als Salas alle Anklagepunkte gegen sich abstritt, wurde die Übertragung plötzlich abgebrochen. Auch später wurde weder ein Video noch eine Audioaufnahme vom gesamten Gerichtsverfahren für die Öffentlichkeit frei gegeben. Doch ein Zeuge des Verfahrens gab die Worte von Mohammad Salas später in einem Interview mit DorrTV wieder: "Weder habe ich jemanden getötet, noch saß ich am Steuer jenes Buses. Doch vor dem Sterben ist mir nicht bang und bin bereit dazu. Ich bin unschuldig und ich liebe das Leben, doch bin ich es Leid andauernd geschlagen und gefoltert zu werden."

Die wirklichen Schuldigen und den wahren Verlauf der Ereignisse um den "mordenden Bus" muss man bei den Angreifern suchen. Die Sepah-e Pasdaran stecken hinter der gesamten Vorgehensweise. Sie brauchten eine offizielle Genehmigung, grenzenlose Gewalt gegen die friedlich protestierenden Sufis zu gebrauchen. Den Angriff mit dem Bus konnten sie als terroristische Aktion stilisieren, um die Gonabadi Derwische mit den grausamen Attacken der Daesh/ISIS Terroristen in Verbindung zu bringen und die Derwische, die auf eine über 1000-jährige Geschichte und einen Ruf als Menschen der Friedfertigkeit zurückblicken, in ein schlechtes Licht zu rücken.

Die Fakten sprechen eine andere Sprache als die Propaganda in iranischen Staatsmedien glauben machen will. Mohammad Salas wurde laut einigen Zeugen mehr als eine Stunde vor der Todesfahrt verhaftet. Einige an der Aktion beteiligten Polizisten gaben zu Protokoll, der Bus sei von hinten in die Gruppe gefahren, während sie auf dem Weg zu dem Sit-in der Gonabadi Derwische waren. Die Verletzungen auf dem Körper des getöteten Bassidschi-Mitglieds Hossein Haddadian gleichen jenen, die von Luftgewehrprojektilen stammen, die nur von den Bassidschi benutzt werden und wir normale Leute nicht zugänglich sind. Schließlich sieht man bei der Betrachtung der Bilder und Videos von dem Vorfall, die in sozialen Medien verbreitet wurden zwar nicht deutlich das Gesicht des Fahrers, man erkennt jedoch einen eher jung wirkenden Mann mit schwarzem Haupthaar. Mohammad Salas jedoch hat eine Halbglatze mit weißem Haarkranz.

Weitere Informationen zu dem unfairen Verfahren gegen Mohammed Salas finden sich hier auf Englisch:

https://english.shabtabnews.com/2018/03/21/corrupt-and-invalid-death-sentence-of-yavar-mohammad-salas-calls-for-urgent-re-trial/

https://english.shabtabnews.com/2018/03/19/mohammad-salas-the-goanbadi-dervish-that-was-previously-arrested-due-to-a-conspiracy-by-basij-is-sentenced-to-death/

https://english.shabtabnews.com/2018/03/11/the-trial-of-mr-salas-and-an-evil-plot-againstthe-gonabadi-dervishes-and-their-spiritual-head-dr-noor-ali-tabandeh/

Eilige Bestattung bei Nacht und Nebel
Neben dem unter Folter erzwungenen Geständnis von Mohammad Salas, zeigt sich eine andere Seite der groß angelegten Intrigen gegen die Gonabadi Derwische. Mohammad Radschi, ein weiterer Gonabadi Sufi, der in der gleichen Nacht verhaftet wurde, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit im Gefängnis zu Tode gefoltert worden und bei Nacht und Nebel in aller Heimlichkeit mit erzwungenem Einverständnis der Familie begraben worden. Diese Aktion hat viele Proteste im Ausland hervorgerufen. In einem tweet der US-Amerikanischen Regierung hieß es, er sei vom Regime im Gefängnis zu Tode gefoltert worden.

‪#MohammadRaji‪ said “All People Belong to the Human Race”, when expressing Unity & Diversity within all humanity. He was a #GonabadiDervish who was killed under torture by the #Iranian regime. Urgent call for InternationalAwareness. #IranProtests @StateDept

Für weitere Informationen zum Tod von Mohammad Radschi besuchen Sie bitte auch diese auf Englisch erschienen Berichte:

https://english.shabtabnews.com/2018/03/06/a-gonabadi-dervish-is-killed-under-torture-by-iranian-polis-and-buried-in-the-middle-of-the-night-without-the-presence-of-his-family/

Das Regime versucht permanent die Mitglieder des Gonabadi Ordens zu spalten, was die Mehrheit der Derwische in einen Zustand gesellschaftlichen Komas versetzt hat. Die Propaganda des Regimes, die den Sufis die Schuld für die jüngste Gewalt gibt, schafft Unruhe innerhalb der Gemeinschaft und einige sind bereit sich in diese Täterrolle zu fügen und die Schuld als Gottes Wille auf sich zu nehmen, während andere sich von dem Unrecht nicht einschüchtern lassen wollen.

Die in den letzten Jahren geschaffenen Organisationen und ihre Medien, die sich auf die Auslöschung der Sufi verlegt haben, drücken sich nach und nach deutlicher und radikaler aus. Es wird immer deutlicher, dass diese Publikationen auf die Auslöschung des spirituellen Oberhauptes des Gonabadi Ordens und der Sufis als Ganzes hinzielen.

Immer wieder taucht dieselbe gefälschte Überlieferung (Revayat), die dem 10. Imam der Schiiten angedichtet wird, im weltweiten Netz auf, worin alle Sufis als Feinde gebrandmarkt werden, die total ausgelöscht werden müssten und worin keine Unterscheidung zwischen "guten" und "bösen" Sufis gemacht wird, wie die Leitmedien des Regimes es im Moment tun.

Propaganda mit klarem Ziel
Mohsen Araki war am 27. Februar 2018 der erste, der alle Schuld für die jüngsten Gewaltausbrüche auf Nour Ali Tabandeh schob. Araki ist Generalsekretär des Weltverbandes für die Annäherung der Islamischen Rechts- und Denkschulen und Mitglied im Verband der Theologen von Qom. Er forderte: "Wir verlangen, dass das Oberhaupte der Gonabadi Derwische vor Gericht gestellt wird!" Seither hat er seine Forderung bei mehreren öffentlichen Auftritten erneuert.

Mohammad Reza Naqdi ist ein hoher Offizier der Revolutionsgarden (Sepah). Beim Besuch der Familie eines bei den Unruhen getöteten Bassidschi, behauptete er: "Derjenige, der wirklich Schuld am Tod der Bassidschi Kräfte hat, ist Nour Ali Tabandeh höchstpersönlich. Die von der Propaganda willkürlich gezogenen Verbindungen schießen ins Kraut. Um eine Verbindung zwischen ISIS/Daesh und den Gonabadi Sufis aufzuzeigen, wird Mohammad Salas, der angeblich den Todesbus gefahren haben soll, mit Saudi-Arabien in Verbindung gebracht. Iran bezichtigt Saudi-Arabien, für die Schaffung der Terrororganisation verantwortlich zu zeichnen.

Die Propaganda des Regimes ist sich nicht zu schade Stilblüten wie diese in die Welt zu setzen: Mohammad Salas wird durch Fotomanipulation in traditionelle Arabische Bekleidung gesetzt, unter ihm ein Berg von Leichen. Dies nicht dazu das Todesurteil gegen Salas zu bekräftigen, sondern einzig und allein dem Zweck die Gonabadi Derwische durch Verknüpfung mit Terror in den Köpfen der Leute zu desavouieren. Gleichzeitig werden auf anderen Medienkanälen Sufis als Werkzeug der Zionisten in Iran abgestempelt.

Für die Gonabadi Sufis in Iran besteht zweifellos akute Gefahr. Im Moment haben sie keine Kontaktmöglichkeit zu ihrem spirituellen Oberhaupt, Dr. Nour Ali Tabandeh. Alle Versammlungen der Sufis sind bis auf weiteres ausgesetzt. Die Sozialzentren der Derwische (Madadkari Reza) und ihre kulturellen Institutionen wie der eigene Verlag Haqiqat sind geschlossen und bis auf weiteres versiegelt worden. Alle Medienkanäle der Gonabadi Derwische werden einer nach dem anderen geschlossen.

Die Cyber Trolle der iranischen Geheimdienste sind sehr fleißig damit Gerüchte, Anschuldigungen und irreführende Verbindungen über die Derwische zu streuen, um sie zu spalten, damit sie sich mit sich selbst beschäftigen und passiv darauf warten bis der gesamte Gonabadi Orden und seine Mitglieder im Dunkel der Geschichte versinken. Dabei zählt das Regime auf eine Taktik, die man am besten veranschaulichen kann mit dem Bild eines Frosches im Wasser, das langsam zum Sieden gebracht wird, wodurch der Frosch ohne es zu bemerken unvermittelt verkocht.

Die schlimmste Propaganda gegen die Sufis findet man in den vom Regime betriebenen Seiten wie Keyhan, Farsnews, Javanonline, Vatanemrooz, Mashreq, Tasnim, Rajanews und Rasanews. Sie spucken das Gift aus, das ihnen vom Geheimdienst der Revolutionsgarden und den affiliierten Institutionen wie dem "Institut zur Wahrheitsfindung Khorasan" (موسسه حق پژوهی در خراسان), dem “Institut für Religionen und Weltanschauungen in Qom” (موسسه ادیان و فرق در قم) und dem “Wachturm über die Armee der Feinde der Islamischen Revolution in Qom" (موسسه دیده بان جبهه معارض انقلاب اسلامی در قم) eingeflüstert wird.

Diese Institute betreiben Kanäle wie Adyannews, Adyannet, Ferghenews, Didehbancenter und Enherafnews. Sie attackieren und hetzen gegen die Sufis in schlimmster Weise, während es Sufis nicht erlaubt ist eigene Medien zu betreiben, um sich zu verteidigen und von der Unterdrückung zu berichten. 

Dies ist die schwärzeste Stunde von all den Jahren der Verfolgungen und Aktionen gegen die Sufi Derwische in Iran. Wenn jetzt von Menschenrechtsorganisationen, internationalen Rechtsexperten und Politikern keine eindeutigen Signale und eine klare Position gegen diese unmenschliche und ungerechte Behandlung der Gonabadi Sufis gesetzt werden, wird es vermutlich katastrophale Konsequenz für die gesellschaftlichen Entwicklungen in der Welt haben. 

International Organisation to Preserve Human Rights (IOPHR)

Brüssel – 2. März 2018

Für mehr Informationen über die jüngsten Ereignisse und die Gewalt gegen die Gonabadi Derwische und ihr spirituelles Oberhaupt Dr. Nour Ali Tabandeh folgen Sie diesen Links:

https://english.shabtabnews.com/2018/03/04/high-official-in-the-iranian-regime-confess-that-the-violence-is-not-done-by-gonabadi-dervishes-but-is-opposed-on-them/

https://english.shabtabnews.com/2018/02/27/the-strategy-of-the-iranian-regime-against-the-gonabadi-sufi-order-for-eradicating-the-foundation-of-sufism-and-mysticism-in-iran/

https://english.shabtabnews.com/2018/03/07/urgent-public-appeal-of-the-european-parliament-in-condemning-the-recent-repression-of-the-gonabadi-dervishes-and-calling-for-the-immediate-release-of-all-prisoners-of-conscience/

https://english.shabtabnews.com/2018/03/07/dr-noorali-tabandeh-the-head-spiritual-leader-of-the-gonabadi-sufi-order-is-under-house-arrest/

https://english.shabtabnews.com/2018/03/06/terrorist-organisation-threaten-dr-seyed-mostafa-azmayesh/

https://english.shabtabnews.com/2018/03/04/further-preparation-for-massive-repressions-of-dervishes-of-the-nematollahi-gonabadi-sufi-order/

Artikel auf Englisch mit Videos und Bildern: https://english.shabtabnews.com/2018/03/24/the-dangerous-conspiracy-against-the-sufi-orders-in-iran/ 

© mehriran.de, Übersetzung Helmut N. Gabel

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news-1115 Fri, 23 Mar 2018 18:36:46 +0100 Dämonisierung der Derwische durch das Regime in Iran http://mehriran.de/artikel/daemonisierung-der-derwische-durch-das-regime-in-iran.html mehriran.de - Wenn das Regime einen Gegner vernichten will und keine Gründe dafür vorzuweisen hat, bleiben nur Taktiken aus modernster Intrigenspinnerei. Wir werden am Beispiel der gewalttätigen Aktionen gegen die Derwische Mitte Februar 2018 aufzeigen, wie das Regime vorgeht, um unliebsame Gruppierungen unter seine Kuratel zu zwingen oder zum Schweigen zu bringen. mehriran.de - Einigen Elementen innerhalb der Machtelite des Regimes sind Derwische schon lange ein Dorn im Auge. Insbesondere Derwische des Nematollah Gonabadi Ordens sehen sich im Laufe der letzten Jahrzehnte in Iran zunehmend Verbalattacken, Verleumdungskampagnen, Ausgrenzung, Verfolgung und physischen Angriffen auf Besitz und Leben ausgesetzt.

Was die Machthaber vor allem an den Derwischen stört, ist, dass sie konsequent für eine Trennung von Religion und Politik/Staat eintreten, wodurch sie sich spirituell nicht unter den totalen Herrschaftsanspruch des Obersten Führers Ali Khamenei unterordnen. Gleichzeitig haben Derwische viel Zulauf bekommen, da sie eine tolerante, friedliche und Menschen wertschätzende Islam Version vertreten, in der Individuen unabhängig von ihrer Abstammung, ihres Geschlechts oder ihres Glaubens Wert geschätzt werden.

In der Welt der Mullahs in Iran bedeutet ein Wegfall von Anhängern zugleich auch ein Verlust von Einnahmen und Einfluss. Die staatlich besoldeten Mullahs leben in enger Bindung zu den Revolutionswächtern (Pasdaran), die im Gegenzug wie eine Art Prätorianer Garde ihr Überleben sichern. Es ist eine Art Tauschgeschäft. Während die Pasdaran den Mullahs Sicherheit und Schutz gewähren, dürfen sie sich große Stücke vom Wirtschaftskuchen abschneiden. Die meisten Großprojekte liegen in den Händen der Pasdaran und ihrem weit verzweigten Firmennetz. Wer mit Iran Geschäfte machen will, sollte wissen, dass kein großes Geschäft ohne Beteiligung der Pasdaran abläuft, selbst wenn das nicht immer von außen erkennbar ist.

Beginn der Angriffe
Die Angriffe gegen Derwische haben zunächst im Jahr 2006 in Qom Fahrt aufgenommen, als ein Versammlungszentrum von einer Armada an Bassidschi, Zivilagenten, Polizei und anderen Diensten zunächst belagert und dann mit der Begründung niedergebrannt und abgerissen wurde, dass das Haus auf dem Weg des aus einem trockenen Brunnen in Dschamkaran auferstehenden 12. Imam liegt.


Versammlungshaus der Derwische in Qom wird niedergebrannt

Im Frühjahr 2009 wagten zwischen 60.000 und 80.000 Derwische sich dem Parlament in Teheran in einem ungeordneten Sternmarsch zu nähern. Ein für jene Zeit großes Risiko. Die Versammlung wurde auf Grund von Interventionen einiger Derwisch Scheichs, die ihr Heil in der Unterordnung unter das Regime suchten, vorzeitig aufgelöst.

Seither ist in Iran viel passiert. Die politische Elite streitet öffentlich und beschuldigt sich gegenseitig der Korruption. Frauen, Arbeiter, ethnische und religiöse Minderheiten bringen ihren Unmut, ihre Verzweiflung und ihre Proteste offen auf der Straße zum Ausdruck. Ende Dezember 2017 fanden die bislang größten Proteste im Land statt. Zwischen 30 und 50 Menschen kamen zu Tode, um die 5.000 Protestierende verschwanden in Gefängnissen. Eine bittere Bilanz und ein weiterer Hinweis darauf, dass die Sicherheitskräfte gut gerüstet sind und hart zuschlagen, wenn sich Widerstand regt. So ist auch eine Demonstration der Gonabadi Derwische in Teheran Mitte Februar zu einer blutigen Tragödie eskaliert.

Die Nacht der Eskalation
Im Dezember 2017 versuchten Zivilagenten der Bassidschi einen Checkpoint vor der Straße zu errichten, die zu Dr. Tabandeh's Haus führt, um den Zugang zu ihm zu regulieren. Dr. Tabandeh hatte bis dahin Derwische aus ganz Iran und Interessierte aus der ganzen Welt empfangen. Dieser Versuch der Regulierung durch Bassidschi Agenten des Regimes wurde von Mitgliedern des Nematollah Ordens unterbunden. Mitte Februar 2018 wurde ein zweiter Versuch unternommen, der wieder von den in der 7. Golestanstraße wachenden Derwischen abgewehrt wurde. Doch am nächsten Tag wurden drei Männer vermisst, die man in der nahe gelegenen Polizeistation wähnte. Nach friedlichen Protesten einer Gruppe von Derwischen, kamen zwei Männer frei, die zuvor fälschlicherweise des Autodiebstahls bezichtigt worden waren.


Nematollah Riyahi

Der über 70-jährige Nematollah Riyahi wurde jedoch nicht frei gelassen, die Gründe für seine Verhaftung jedoch bis heute nicht bekannt gegeben. So protestierten Frauen und Männer des Gonabadi Ordens wieder ohne Genehmigung der Behörden vor der Polizeistation 102 im Pasdaran Viertel. Mittlerweile hatte das Regime verschiedene Sicherheitsdienste im Viertel zusammengezogen, um die Proteste sich nicht ausweiten zu lassen und auch um zu verhindern, dass weitere Derwische aus anderen Landesteilen oder andere Protest willige dazu stoßen. Die protestierenden Derwische wurden angegriffen und zum Teil schwer verletzt. Mehr als dreihundert Frauen und Männer wurden in Krankhäuser gebracht, wo sie vor Ort verhaftet wurden. Ein Mann aus den Reihen der Derwische, der in den Diensten der Pasdaran im Irak-Iran Krieg als Kommandeur gearbeitet hatte, Mohammed Raji, starb laut seiner Familie im Gefängnis. Raji hatte sich nach dem Krieg von den Pasdaran gelöst und den toleranten und friedlich gesinnten Derwischen zugewandt. Einige Beobachter vermuten, dass er verhaftet wurde und im Gefängnis zu Tode gefoltert wurde. Sein Körper wurde ohne Einverständnis der Familie in der Nacht bestattet. Ein Regimevertreter behauptete später, er sei schon bei der Niederschlagung der Proteste tot gewesen. Seine vor Ort anwesende Tochter dagegen hat ihren Vater noch leben gesehen als er festgenommen wurde. Weitere drei Derwisch Männer sind verstorben. Ihre Körper weisen Schusswunden auf. Zu den Verletzten zählen auch einige Frauen.


Der im Gefängnis getötete Derwisch Mohammad Raji

Als die Derwische angegriffen wurden, kam auch ein Mann mit Kopfverletzungen ins Krankenhaus, Mohammed Salas, den man später zum Tode verurteilen sollte.


Mohammed Salas wird im Krankenhaus befragt - aus einem Video, in dem er die Fahrt mit dem Bus laut Ankläger gestanden haben soll

Zwei Stunden nach Salas' Verhaftung fuhr wie aus dem Nichts ein Personenbus in eine Gruppe Polizisten der Nadscha-Einheit. Dabei kamen drei Polizisten und ein Mitglied der Bassidschi ums Leben, ein weiterer Bassidschi soll schwer verletzt worden sein. In den sozialen Medien tauchte ein Video auf, das aus großer Entfernung die tödliche Busfahrt zeigte, doch waren keine Details erkennbar. Schnell wurde Mohammed Salas als Schuldiger präsentiert, der angeblich den Bus gefahren haben soll.

Die Derwische bestehen auf einem gänzlich anderen Verlauf der Situation. Sie sprechen von zwei Vorgängen und zwei Bussen. Mohammed Salas wurde von Bassidschi während der Proteste angegriffen. Er floh vor seinen Angreifern in einen Bus, mit dem er den Auseinandersetzungen mit Blut überströmtem Gesicht zu entkommen suchte. Er versuchte seinen Bus aus dem Gebiet zu steuern.

Später fand er sich in einem Krankenhaus wieder, wo er sich mit Fragen von Sicherheitskräften konfrontiert sah. Aus diesen Interviews im Krankenbett wurde ein Video mit Aussagen zusammengeschnitten, das als Geständnis präsentiert wird. Mohammed Salas hat bei seiner Anhörung vor Gericht die Anschuldigungen die Todesfahrt gestanden zu haben dementiert.

Parallel dazu soll ein zweiter Bus von einem Bassidschi gesteuert in eine Gruppe Nadscha Polizisten gefahren sein. Der Mann, Mohammad Hussein Haddadian, ist wohl bei dem Vorfall erschossen worden. Das Regime stellt ihn als Märtyrer dar, der bei der Busfahrt getötet wurde, erklärt jedoch nicht woher die Gesichtsverletzungen stammen, die eher typisch für Schusswunden aus einer Waffe iranischer Sicherheitskräfte sind.


Mohammad Hossein Haddadian 

Da im Iran die staatliche Zensur greift und keine unabhängigen Untersuchungen durchgeführt werden, setzen sich einige Derwische und Menschenrechtsaktivisten mit dem Material, das ihnen zur Verfügung steht, auf sozialen Plattformen wie Telegram und facebook für Salas ein und veröffentlichen Bilder, Mutmaßungen und Zeugenaussagen, um westlichen Beobachtern, die sich gerne auf staatliche Versionen vom Geschehen verlassen und sogar Pressemitteilungen der iranischen Seite eins zu eins veröffentlichen, die Augen zu öffnen.

So kursieren zum Beispiel Bilder von den beiden verschiedenen Bussen im Internet.  


Der Tod bringende Bus - doch wer hat ihn gefahren?
Bus der Derwische mit Motiven des Lebens

Der Schauprozess gegen Mohammed Salas
In einem Schauprozess gegen Mohammed Salas, bei dem nur die Anklage, jedoch nicht das Dementi von Salas vom Staatsfernsehen live übertragen wurde, fällte Richter Mohammad Reza Mohammadi Kaschkooli am 20. März das Todesurteil gegen ihn. Dem Beschuldigten bleiben 20 Tage Zeit gegen das Urteil Einspruch zu erheben. Das Todesurteil wurde sehr schnell gefällt, obwohl keine überzeugenden Beweise zur Schuld von Mohammed Salas vorgelegt wurden. Die vom Staatsanwalt vorgebrachten Behauptungen, Salas habe die Todesfahrt gestanden, dementierte Salas noch vor Gericht entschieden.


Mohammed Salas beteuert seine Unschuld vor Gericht

Unabhängig von den sich widerstreitenden Aussagen, liegen schlichtweg keine Beweise vor. Es wurden weder Fingerabdrücke vom Lenkrad vorgelegt noch Bildmaterial, das ihn als Fahrer identifiziert.

Die Derwische verlangen einen fairen und unabhängigen Prozess. Sie beschuldigen die Justiz in Iran Vollstreckungsgehilfe von Kräften innerhalb des Regimes zu sein, die politisch-ideologische Ziele verfolgen. Der Prozess samt Todesurteil scheint ein Vorspiel und Vorbereitung eines höheren Ziels zu sein. Man zielt auf das Oberhaupt der Nematollah Gonabadi Derwische, Dr. Tabandeh.

Einer der Ideologen im Tiefenstaat ist der Generalsekretär des Weltverbandes für die Annäherung der Islamischen Rechts- und Denkschulen Mohsen Araki. Sehr schnell nach der Beschuldigung von Mohammed Salas, ließ er sich mit der Forderung vernehmen, Schuld an diesen Eskalationen trage alleine Dr. Tabandeh, der dafür belangt werden sollte. Der mit dem Regime verbunde Großajatollah Dschavadi Amoli flankierte mit der Forderung die Köpfe der Organisation zu jagen, denn "diese Leute folgen nur ihren Führern und treffen keine eigenen Entscheidungen". Der Freitagsprediger Ahmad Khatami setzte noch einen drauf mit der Forderung an die Verantwortlichen in der Justiz "alle diese Leute schnellstens hinzurichten und zwar in einer Art, die sich niemand erträumen würde." Die Revolutionsgarden beschäftigen sich auch ausführlich mit den Gonabadi Derwischen. In ihren Publikationen greifen sie die Derwische an und sprechen offen Drohungen aus, den Gonabadi Sufi Orden auszulöschen, indem sie das Oberhaupt des Ordens, Dr. Tabandeh, in den Fokus nehmen. Ein Artikel mit dem Titel "Grenzen des Islam überschritten" wurde in einem ihrer Publikationsorganen veröffentlicht. 

Gründe und Ziele des Regimes Derwische anzugreifen

Um diese Eskalationen und ihre Hintergründe besser zu verstehen, setzen wir etwas früher an. Der Tiefenstaat Irans ist durchsetzt von Ideologen, die eine Säuberung der Gesellschaft von unliebsamen und potentiell konkurrierenden politischen Parteien oder Ansichten, religiösen Gruppen und eigenständigen Verbänden vorantreiben. Gleichzeitig will sich Iran ein Image als Staat aufbauen, der sich für leidende, entrechtete und unterdrückte Völker einsetzt. Das bedingt eine langsame Vorgehensweise, die nicht zu viele negative Schlagzeilen produziert.
Die Revolution von 1979 war getragen von alle Schichten durchdringende Gruppierungen, die zunächst wie vereint hinter der neu geschaffenen Islamischen Republik zu stehen schienen. Doch schon bald setzte sich nach der Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran und dem Iran-Irak Krieg eine ideologische Fraktion durch, die von der Weltrevolution unter dem Banner einer Interpretation von Islam nach ihrem Gusto beseelt war. Nach und nach wurden starke politische Gegner eliminiert oder ausgegrenzt.
Mittlerweile kommen vor allem ethnische und religiöse Minderheiten unter Druck. Kurden, Balutschen, Baha'i, Sunniten, konvertierte Christen, Anhänger von Geistlichen, die eine Trennung zwischen Religion und Staat befürworten wie Ajatollah Boroudscherdi, Gründer schnell anwachsender Organisationen wie Mohammad Ali Taheri oder Sufis gehören zu den wiederholt bedrohten, verleumdeten oder ausgegrenzten Gruppen. Besonders gefährlich für das Regime wurden die Derwische eingeschätzt und nachhaltig ideologisch sowie physisch attackiert. Derwische sind schiitische Muslime, die einer friedlichen, toleranten und auf individueller Entwicklung basierenden Interpretation von Islam anhängen und eine Vermischung von Religion und Staat als Missbrauch und Instrumentalisierung von Spiritualität ablehnen.
Die Staatsideologie des Velayat-e Faghi sieht einen geistlichen Führer vor. Derwische akzeptieren die Gesetze eines Staates und rechtsstaatliche Prinzipien, jedoch nicht die geistige Führerschaft eines ihnen übergestülpten Herrschers, der keinerlei spirituelle Autorität besitzt. Dadurch werden sie von den Ideologen des Regimes als potentielle Feinde identifiziert. Das Ziel ist, ihr Oberhaupt möglichst bald auszutauschen durch eine Marionette des Regimes, welche die geistige Führerschaft des Obersten Führers anerkennt. Damit wären die geschätzten 5 Millionen Derwische des Nematollah Gonabadi Ordens vor Verfolgungen sicher, hätten aber eines ihrer Kernprinzipien über Bord geworfen. Damit es nicht soweit kommt, zeigen die Derwische großen Einsatz, um ihr Oberhaupt zu schützen.

Wer ist Nour Ali Tabandeh?
Der 90-jährige Qutb (Pol der Weisheit) des Nematollah Gonabadi Ordens leitet den Orden seit dem Tode seines Vorgängers Mahboob Ali Schah im Januar 1996. Tabandeh ist Jurist und hat bis 1980 für die Justiz gearbeitet. Zuletzt war er stellvertretender Justizminister. Er zog sich aus der Politik zurück als die 79'er Revolution in Iran von Kräften gekapert wurde, die konträre Ziele und Werte zu seinen verkörpern. Dr. Tabandeh ist bekannt als ehrlicher, integerer und unbestechlicher Mann, der sich den Pflichten seines Berufes voll und ganz widmet. Seine spirituelle Schulung begann durch seinen Urgroßvater Sultan Ali Schah. Sein Vater lehrte ihn Kosmologie und Astronomie. Der berühmte französische Islam Forscher Henri Corbin[1] war ihm während seiner Studien in Paris ein willkommener Gesprächspartner.

Hier kann man den 91-jährigen, der sich selbst kaum auf den Beinen halten kann und unter Hausarrest steht, in Wort und Bild sehen. Die Ideologen des Regimes wollen ihn beseitigen.

©mehriran.de, Helmut N. Gabel

Hinweise für JournalistInnen, interessierte Leserinnen und Leser in Zeiten von Propaganda, fakenews und Instrumentalisierungen von Ereignissen für eigene Zwecke:

Diese Schilderungen sind möglich auf Grund von Kontakten zu Augenzeugen in Iran. Hierbei werden Aussagen unterschiedlicher Protagonisten neben einander gestellt, zum Teil durch Nachfragen präzisiert, zum Teil durch Interviews mit Farsi sprachigen Nachrichtenportalen ergänzt oder gegen geprüft.

Da es nicht einfach ist, solche Vorgänge von Europa aus zu überprüfen, gibt es mehrere Empfehlungen für die skeptischen Leser zur Vervollständigung ihres Bildes von den Ereignissen und Einschätzungen.

·      Farsi lernen und die zahlreichen Quellen selbst studieren, aber bedenken Sie, dass es in Iran starke Zensur gibt

·      Vertreter der betroffenen Personen oder Personengruppen einladen, öffentlich zu berichten oder schriftlich Anfragen zu beantworten (hier kann ich helfen, da nicht viele ausreichend gut Deutsch sprechen, um Ihre Fragen gut nachzuvollziehen oder differenzierte Antworten zu geben)

·      darauf drängen, dass eine unabhängige Internationale Kommission in den Iran einreisen kann und die Vorgänge unter Mithilfe aller Seiten untersuchen darf

Was nicht empfehlenswert ist, ist eine Reise in den Iran. Sie werden zwar feststellen, dass viele Menschen gastfreundlich und herzlich, hilfsbereit und aufgeschlossen sind, die reichhaltige Kultur aus alten Zeiten faszinierend und die Landschaften beeindruckend sind, doch kommen sie Fragen nach Ereignissen, in denen sich das Regime die Deutungshoheit bewahren will oder als Tabu betrachtet nicht weit. Sie riskieren dabei entweder Augenzeugen zu gefährden, die das Regime gerne wegen "Gefährdung nationaler Sicherheit" oder wegen "Kooperation mit fremden Mächten" anklagen wird. Vielleicht riskieren Sie eine Anklage wegen "Einmischung in innere Angelegenheiten" oder "Spionage für fremde Mächte", alternativ werden Sie mit Vertretern des Regimes sprechen, erfahren aber nur, was man Ihnen erzählen will und nicht wie sich wirklich etwas zugetragen hat. Dazu liegen bereits zahlreiche Erfahrungen vor. Das Regime nutzt solche Besuche darüber hinaus noch gerne für seine Propaganda im Iran, Sie werden dann wahrscheinlich dem heimischen Publikum als wahrer westlicher Held oder Heldin vorgestellt, der sich ein eigenes Bild machen will, um der "westlichen Propaganda" oder der "unmassgeblichen Meinung einiger verlorenen Exiliraner" zu entkommen...
Ja, es ist nicht einfach eines vom anderen zu unterscheiden. Es gilt immer wieder aufs Neue genau hinzuhören und hinzuschauen.

Einige Links zum weiterlesen und schauen:

https://www.youtube.com/watch?v=Hi6eFk58D2s
http://radiolawendel.blogspot.fr/2007/12/
https://www.welt.de/debatte/kolumnen/Iran-aktuell/article6580210/Der-Tag-des-Derwischs-im-Iran.html
https://www.amnesty.de/asylgutachten/2009/9/verfolgung-von-sufis
https://www.heise.de/tp/features/Der-iranische-Mythos-3405717.html
https://www.justice.gov/sites/default/files/pages/attachments/2015/12/07/irn104957.e.pdf
https://www.bloomberg.com/news/articles/2018-02-20/iran-arrests-300-dervishes-after-tehran-clashes-leave-five-dead
https://www.aljazeera.com/indepth/features/iran-gonabadi-dervishes-long-history-persecution-180227193000395.html
http://english.alarabiya.net/en/features/2018/02/05/Why-is-Iran-persecuting-followers-of-the-Gonabadi-Sufi-order-.html
https://english.shabtabnews.com/2018/03/15/iran-crackdown-on-dervish-minority/
mehriran.de/artikel/iran-das-ringen-um-die-deutung-des-islams.html
mehriran.de/artikel/die-hetzkampagnen-im-iran-gehen-weiter.html
mehriran.de/artikel/the-nature-of-the-current-iranian-system-1.html
https://english.shabtabnews.com/2018/03/04/further-preparation-for-massive-repressions-of-dervishes-of-the-nematollahi-gonabadi-sufi-order/
https://english.shabtabnews.com/2018/03/04/dozens-of-activists-raise-concern-over-imprisoned-dervishes/
https://english.shabtabnews.com/2018/03/03/sepah-is-creating-the-preconditions-for-massive-repressions-of-the-dervishes-throughout-the-country/
https://english.shabtabnews.com/2018/03/04/high-official-in-the-iranian-regime-confess-that-the-violence-is-not-done-by-gonabadi-dervishes-but-is-opposed-on-them/
https://english.shabtabnews.com/2018/03/03/sepah-is-creating-the-preconditions-for-massive-repressions-of-the-dervishes-throughout-the-country/
https://shabtabnews.com/2018/03/21/ستادحقوق-بشر-در-دولت-آنگلا-مرکل-در-آلما/
https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/gonabadi-orden/1791612
https://english.shabtabnews.com/2018/03/07/urgent-public-appeal-of-the-european-parliament-in-condemning-the-recent-repression-of-the-gonabadi-dervishes-and-calling-for-the-immediate-release-of-all-prisoners-of-conscience/


[1] Henry Corbin was a French philosopher, orientalist and an ecumenical Protestant theologian who was to become the foremost Western student of Shiism. He went on a French state mission to Turkey in 1939, on behalf of the Bibliothèque Nationale, to search for manuscripts of the mystic Sohrawardi in the libraries of Istanbul. His teacher Louis Massignon had presented Corbin with one of Sohrawardis texts in 1928, which had marked the beginning of his interest in Islamic mystisicm. The plan was for Corbin to stay three months, but his stay lasted until 1945 because of the war. In August 1944, the Bibliothèque Nationale issued another ordre de mission, for Persia this time, and on 14 September 1945, Corbin arrived in Tehran.
In Tehran, Corbin set out to study Iranian Shiism, which he felt was Islam's strongest living, esoterical tradition. One result of his studies has been the monumental, four-volume En Islam iranien (1971/2), which had as its mission to document Shiite spirituality from its literary canon. From the 1960s, a circle of Shiite scholars and friends assembled around Corbin in Tehran, among whom was philosopher-theologian Allame Tabatabei.
Many literate Sufis in Tehran are familiar with Corbin, whose work had significantly helped define their spirituality. In so far as a Sufi sentiment against historical sociology (or more specifically historicism and historical materialism) is formulated in an explicit theory of transcendental history, it often directly derives from him. One Tehrani sheikh I spoke with even referred to la gnose rather than to erfan or tassawuf in an explanation of Sufi mysticism. More than Michel Foucault's short excursion into Iranian spirituality in 1978, which remained firmly rooted in French post-structuralist concerns (and ended in a public apology), Corbin's exploration of Shiism became a laudatory definition of it, blurring boundaries between sympathetic scholarship and exegetic participation.
Corbin's exegetic participation involved hermeneutical phenomenology. Hermeneutics meant reconduire une chose a sa source, where source has the meaning of an essence, of the origin of any perspective. To establish that which must be relocated required phenomenology, which meant sauver les phenomenes, or reconstructing phenomena as they are conceived by the subject. To write history from such concerns is to blend with one's subject, and Corbin (mentioning seventeenth century Persian Neo-Platonists who did not distinguish between knowledge and revelation) conceived of the project as an initiation. His search for le fait religieux ignored discontinuous political incursions, which were lacking in eternal essence - one would search in vain for public statements by Corbin on the coup d'état in Iran in 1953 or the student revolt in Paris in 1969, both of which influenced Iranian Shiism. But En Islam iranien, intended to be a timeless understanding of Iranian Shiism, would develop a life of its own, and attain temporally distinct political meanings that were exterior to the intentions of its author. - Matthijs van den Bos

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news-1113 Wed, 28 Feb 2018 01:54:12 +0100 Perfide Säuberungswelle in Iran geht weiter http://mehriran.de/artikel/perfide-saeuberungswelle-in-iran-geht-weiter.html mehriran.de - Zuschlagen und Feindbilder nähren - so könnte man die derzeitige Taktik der Sicherheitskräfte in Iran im Umgang mit den Nematollah Gonabadi Derwischen bezeichnen. Laut der Webseite "Shabtab News" folgt das Regime in Iran einem minutiösen Plan zur Zerschlagung des Nematollah Gonabadi Sufi-Ordens. Trotz temporärer Rückschläge für das Ziel des Regimes den Orden gewaltsam zu zerschlagen, spielt das Regime weiterhin die Karte der Desinformation und der wiederholten Attacken aus. Wir schildern hier die Hintergründe der Attacken und berichten über die an dem Plan Sufitum in Iran zu beseitigen beteiligten Personen. mehriran.de - Mitte Februar 2018 gingen in Teheran Sicherheitskräfte massiv gegen eine Gruppe von Gonabadi Derwische vor. Im 7. Golestanquartier, Bezirk Pasdaranallee hat es mehrere Tote, zahlreiche Verletzte und über 300 verhaftete Derwische gegeben. Das massive Vorgehen der Behörden wurde von einer beispiellosen Desinformationskampagne über die Ereignisse und die Derwische begleitet.

Zu den Ereignissen und Vorwürfen: https://mehriran.de/artikel/angriffe-und-gleichzeitig-diskreditierungskampagne-gegen-sufi-derwische-in-teheran.html

Die Sadegh Laridschani unterstellten Justizbehörden wollen mit aller Härte und Konsequenz gegen Derwische im ganzen Land vorgehen. Sprecher der Derwische erwarten eine Säuberungswelle. Es gibt Befürchtungen, dass eine Phase der Identifizierung als Mitglied des Ordens einsetzt, um die dann identifizierten Personen anzuklagen und womöglich hinzurichten oder zu langen Haftstrafen zu verurteilen.  

Seit der Verhaftung von 300 Derwischen am 19. Februar 2018, wird in den Gefängnissen Evin, in Faschafiyah und Gartschak versucht mittels Folter falsche Geständnisse zu erpressen, um den Derwischen die durch das Regime verbreiteten Unterstellungen in den Mund zu legen. Zusätzlich werden in aller Öffentlichkeit weitere Mitglieder des Ordens in ganz Teheran aufgegriffen, beschimpft, bedroht und verhaftet. Es liegen mehrere Videoausschnitte vor, die deutlich zeigen, in welcher Form Derwische in den Gefängnissen behandelt werden. Diese Behandlung verstößt gegen internationale Konventionen über Rechte von Menschen, die in Gewahrsam genommen wurden. [https://english.shabtabnews.com/2018/02/27/the-strategy-of-the-iranian-regime-against-the-gonabadi-sufi-order-for-eradicating-the-foundation-of-sufism-and-mysticism-in-iran/]

In den auf der Shabtab News-Seite zugänglichen Videos sind Handlungen von Seiten der Polizei, der Justiz und des Geheimdienstes zu sehen, die klar gegen Bürger- und Menschenrechte verstoßen. In einem der Clips ist eine Szene der Verwüstung aus einem Wohnhaus in der Golestanstraße nach dem Angriff der Sicherheitskräfte zu sehen.

Stimmen offizieller Regimevertreter

In einem Auftritt im offiziellen staatlichen Fernsehen am 22. Februar 2018 gesteht der Chef der Teheraner Polizei, General Hossein Rahimi, dass sogar der Einsatz von Panzerfäusten gegen die Derwische während der letzten Proteste diskutiert wurde.

Der direkt dem Obersten Führer Ali Khamenei berichtende Generalmajor Mohammad Bagheri, Chef des Generalstabs, hat sich auch für den Einsatz brutaler Methoden und tödlicher Waffen im Umgang mit den Derwischen öffentlich ausgesprochen. Seine harte Haltung drückt Bagheri auch zum Einsatz iranischer Militärkräfte in Syrien aus. Er hat am 25. Februar 2018 einer Feuerpause im syrischen Ost-Ghouta eine klare Absage erteilt. Bagheri betonte, das Regime in Iran würde einer Resolution des UN Sicherheitsrats keinerlei Beachtung schenken und die Säuberungen in der betroffenen Region fortführen. Das Wesen des Regimes kommt nirgendwo deutlicher zu Tage als in solchen Aussagen. Ziel sind Ausgrenzungen und Säuberungen, um eine eigene Ideologie in Reinform zu implementieren.

Freitagsprediger hetzen gegen Derwische

In einer öffentlichen Rede am 23. Februar bezichtigte der Kleriker Ahmad Alam al-Hadi in der Stadt Maschhad, Sufis als eine britische Sekte, die aus dem Iran vertrieben werden sollte.

Die beiden hochrangigen Geistlichen Nouri Hamedani und Makarem Schirazi machen sich schon seit Jahren stark für eine Auslöschung der Sufis in Iran. Sie gelten als einflussreich innerhalb der Nomenklatura. Am 24. Februar verlangten sie erneut eine verschärfte Vorgehensweise gegen Sufis, eine Entfernung der Sufis aus Iran und die Auslöschung des Gonabadi Ordens im Land.

Die koordinierten Freitagspredigten vom 23. Februar in ganz Iran bezeichneten Gonabadi Sufis als Schwerverbrecher und forderten die Todesstrafe für alle Sufis und die Auslöschung der Bewegung in Iran.

Kazem Seddiqi predigte am Sonntag, 25. Februar 2018, vor einer Gruppe paramilitärischer Bassidschi, wobei er verlangte, den Derwischen Hände und Füße zu amputieren und sie massenhaft zu erschießen. Danach wurden Gruppen von Bassidschi auf die Straße geschickt, um Parolen gegen Sufis zu skandieren, besonders gegen Gonabadi Derwische und ihr Oberhaupt. In den Parolen werden die Sufis als Daesch/ISIS etikettiert und ihre Hinrichtung gefordert.

Kommentare und Berichte der Presse in Iran

Die Tageszeitungen Kayhan und Vatan sind Sprachrohre der Sicherheitsorgane und der Revolutionsgarden. Sie setzen in ihren Berichten von den Ereignissen am 21. und 22. Februar 2018 Sufis mit Daesch/ISIS Terroristen gleich. Sufis werden als Mörder und Terroristen bezeichnet. Es wird in den Artikeln aufgerufen, falls nötig, alle Derwische in Iran zu massakrieren und die Weltanschauung der Sufis im Iran mit Stumpf und Stiel zu entfernen.

Die den Sepah-e Pasdaran nahestehenden Nachrichtenkanäle wie Javanonline, Kayhan und Farsnews konstruieren Verbindungen zwischen den jüngsten Ereignissen und dem in Paris lebenden Gründer der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte (IOPHR) Seyed Mostafa Azmayesh und behaupten er habe die Ereignisse inszeniert und gesteuert.

Politiker und Regimevertreter gegen Sufis

Andere hochstehende Regimevertreter hatten schon früher behauptet, alle Sufi Aktivitäten in Iran dienten dazu den Gegnern Irans zu zeigen, dass das Regime Kontrolle über das Land verloren habe und ein Sicherheitsproblem bestehe. So stellte unter anderem auch der Parlamentsabgeordnete Hassan Nowroozi eine Verbindung zwischen Sufis und Großbritannien sowie den USA her. Er forderte zugleich die härtesten Strafen gegen Derwische und die Schleifung aller Sufi-Versammlungszentren im Land.

Mohsen Araki ist Kopf des Weltverbandes für die Annäherung der Islamischen Rechts- und Denkschulen (Majma Jahani Taghrib Mazaheb Islami). Er zielte seinen Angriff auf Dr. Tabandeh und verlangte, ihn endlich zu verhaften, da er nicht in der Situation der Eskalation die Gonabadi Derwische aufgefordert habe ihren Verteidigungsring aufzugeben, sondern die Toten und Verletzten sowie die Gewalt erst nach den Ereignissen bedauert habe.

Auch der Chef der Justiz, Sadegh Laridschani, äußerte sich am 26. Februar kraft seines Amtes. Er bestätigte die Anweisung an die Teheraner Staatsanwaltschaft und den Justizapparat, die Verteidiger ihres Oberhauptes schnell zu bestrafen.

Tasnim News hat am 26. Februar ein Interview mit dem Chef der Polizei in Iran, Brigadiergeneral Hussein Aschtari, geführt. Aschtari erhob darin neue Vorwürfe gegen die Derwische und gab bekannt, man habe im Zusammenhang mit den jüngsten Zusammenstößen im Golestanviertel Beweise für eine Unterstützung durch innere und äußere Agenten der Derwisch Proteste gefunden. Der Zweck der Proteste sei gewesen, die öffentliche Sicherheit in Iran zu stören und das Regime ins Wanken zu bringen.

Die konzertierte Aktion des Regimes mit Unterstellungen, Erfindungen und verbalen Angriffen über mehrere Kanäle und durch verschiedene Akteure ist auffällig. Sprecher der Derwische halten das Vorgehen des Regimes für einen raffinierten Gesamtplan, der zur Auslöschung ihres Daseins in Iran führen soll.

Einige Kommentatoren der Ereignisse in Iran halten das Vorgehen des Regimes als einen weiteren Angriffe Irans auf den Weltfrieden, indem weitere Zwietracht zwischen Europa und den USA gesät werden soll.

Webseiten, die diesem Artikel zu Grunde liegen:

Weiterführende Informationen:

https://english.shabtabnews.com/2018/02/27/dozens-of-gonabadi-dervishes-hospitalized-in-tehran-as-friday-prayer-leaders-demand-harsh-retribution/

https://english.shabtabnews.com/2018/02/27/security-force-attacked-gonabadi-dervish-protesters-in-tehran/

https://www.rferl.org/a/iran-dervhishes-sufi-explainer-tabandeh/29051140.html

https://www.bloomberg.com/news/articles/2018-02-20/iran-arrests-300-dervishes-after-tehran-clashes-leave-five-dead

https://www.aljazeera.com/news/2018/02/gonabadi-dervish-protest-leaves-5-dead-tehran-180220075337834.html

https://www.iranhumanrights.org/tag/gonabadi-dervishes/

https://www.reuters.com/article/us-iran-protests-sufis/five-iranian-security-officers-killed-at-sufi-protest-in-tehran-idUSKCN1G41AK

© mehriran.de // Helmut N. Gabel für mehriran.de 

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news-1112 Mon, 26 Feb 2018 01:20:47 +0100 Frankfurt - erneut Proteste vor dem Konsulat Irans http://mehriran.de/artikel/frankfurt-erneut-proteste-vor-dem-konsulat-irans.html mehriran.de - Am Samstag, 24. Februar 2018, haben sich Frauen und Männer, die sich für Menschenrechte einsetzen, vor dem iranischen Konsulat in Frankfurt zum Protest gegen zahlreiche Menschenrechtsverletzungen durch das Regime gefunden. mehriran.de - Das Konsulat Irans in Frankfurt hat regelmäßig Besuch. Vor allem vor dem modern anmutenden Bau in der Raimundstr. 90 stehen immer wieder Menschen, die gegen Menschenrechtsverletzungen in Iran protestieren. 

Letzten Samstag protestierten Menschenrechtsaktivisten für die Freilassung von Gewissensgefangenen. Stellvertretend für zahlreiche andere Gefangene wurden folgende Gefangene auf Plakaten genannt: die Hunger streikenden Arash Sadeghi, Narges Mohammadi, Mohammad Ali Taheri, Nazanin Zaghari-Ratcliffe, Golrokh Iraee , Soheil Arabi, Ahmad Dschalili und die vor kurzem von Sicherheitskräften verhafteten Mitglieder des Nematollah Gonabadi Sufi-Ordens.

© mehriran.de, Mohammad S. für mehriran.de

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news-1111 Wed, 21 Feb 2018 09:12:12 +0100 Angriffe und gleichzeitig Diskreditierungskampagne gegen Sufi-Derwische in Teheran http://mehriran.de/artikel/angriffe-und-gleichzeitig-diskreditierungskampagne-gegen-sufi-derwische-in-teheran.html mehriran.de - Sicherheitskräfte sind in den vergangenen Tagen massiv gegen Sufi-Derwische in der Hauptstadt Irans vorgegangen. Es gab zahlreiche Verletzte, Tote und über 300 Verhaftungen. Gleichzeitig lancierten den Sicherheitskräften nahestehende Medien eine Diskreditierungskampagne gegen Derwische, um die Unterstützung der Derwische in der Gesellschaft zu brechen. mehriran.de - Zusammenstöße zwischen Derwischen des Nematollah Gonabadi Ordens und Sicherheitskräften in Iran sind kein neues Phänomen. Zahlreiche Hetzkampagnen durch staatliche Institute haben über die Jahrzehnte der sogenannten Islamischen Revolution große Spannungen zwischen orthodoxen politischen Islamisten und auf Frieden und Toleranz setzende Sufi-Derwische erzeugt. Mehrere Versammlungshäuser der Derwische sind willkürlich durch Regimekräfte zerstört worden, zahlreiche Mitglieder verhaftet, aus Universitäten ausgeschlossen oder aus dem Staatsdienst entfernt worden.

Erst Anfang Februar 2018 gab es die letzten Straßenkämpfe zwischen paramilitärischen Bassidschi, Pasdaran und lokalen Sicherheitskräften, sowie Derwischen und Bürgern, die zur Unterstützung aus dem Stadtgebiet und nahen Regionen herbeigeeilt waren. Die Derwische hatten sich um das Haus ihres 90 jährigen Oberhauptes Dr. Nour Ali Tabandeh versammelt, um ihn vor einer möglichen Verhaftung durch Zivilagenten zu schützen. Nach einer kurzen Eskalation, zogen sich die Sicherheitskräfte zurück mit dem Versprechen, Dr. Tabandeh und die Derwische in Ruhe zu lassen.




Die Derwische befürchten, dass ihr Oberhaupt im Gefängnis mit subtilen Mitteln getötet werden könnte. Da sie das Staatsoberhaupt Ali Khamenei nicht als ihr spirituelles Oberhaupt akzeptieren, wäre die Beseitigung von Dr. Tabandeh für ideologisch festgefahrene Regimevertreter eine willkommene Gelegenheit den Orden ganz zu zerschlagen. Sufi-Derwische werden von Ideologen des Regimes als größte Bedrohung für die sogenannte Islamische Revolution betrachtet, weil es ihre friedliche Auslegung von Islam nicht zulässt, Politik und Religion zu vermischen, Menschen auszugrenzen, anzugreifen oder zu töten.

Dass Derwische friedlich protestieren haben sie mehrfach unter Beweis gestellt in den letzten Jahren, in denen sie immer wieder Sit-ins und andere friedlich verlaufende Proteste organisiert und durchgeführt haben. Sie lassen sich aber nicht alles bieten und wehren sich, wenn sie massiv angegangen werden.

Letzten Montag protestierte eine Gruppe Derwische vor einer Polizeistation für die Freilassung eines ihrer Mitglieder. Der 72 jährige Nematollah Riahi war aus einer Provinzstadt angereist, um bei der Verteidigung von Nour Ali Tabandeh vor willkürlich agierenden Geheimdienstagenten zu helfen.

Bei diesen Protesten wurden Einheiten der Sicherheitspolizei eingesetzt. Etwas abseits des Hauptgeschehens überfuhr ein Reisebus drei Polizisten und ein Mitglied einer paramilitärischen Einheit (Bassidschi). Die den Pasdaran nahe stehenden Farsnews behauptete sehr schnell danach, der Fahrer sei ein Derwisch und verbreitet die Nachricht in Windeseile auch über internationale Presseagenturen. Diese Nachrichten wurden dann ungeprüft von Zeit online und wenigen anderen deutschen Medien veröffentlicht. 

Sowohl der vor Ort protestierende Derwisch Kasra Nouri, als auch eine den Derwischen nahestehende Webseite (Majzooban-e Nour) dementierten, dass der Fahrer ein Derwisch sei. Auf sozialen Medien kursiert ein Video, das die Fahrt des Busses in die Polizeieinheit zeigt. Auf telegram und facebook wird lebhaft darüber diskutiert. Auch BBC-Farsi und VOA-Farsi haben das Thema aufgegriffen und Experten wie Mohsen Kadivar und Seyed Mostafa Azmayesh dazu interviewt.

Der Bus scheint ein von den Pasdaran eingesetztes Fahrzeug zu sein, das dazu diente Bassidschi-Einheiten aus der Provinz nach Teheran zu ihrem Einsatz zu fahren. Die Vermutungen, wer das Tat-Fahrzeug aus welchem Grund eingesetzt haben mag, sind vielfältig. Eine unabhängige Untersuchung des Vorfalls ist nicht zu erwarten.

Die Tageszeitung Keyhan gilt als Sprachrohr des Obersten Führers Ali Khamenei. Sie wird von dem als islamistischem Hardliner geltenden Hossein Schariatmadari herausgegeben. Um die Derwische auf breiter Front in der iranischen Gesellschaft zu diskreditieren, veröffentlichte Keyhan am Mittwoch einen Artikel auf der Titelseite, in dem Derwische beschuldigt werden mit Monarchisten und Baha'i eine Allianz gegen das Regime gegründet zu haben und von Israel finanziert zu werden, das Regime zu Fall zu bringen. Als Beweis stellt die Zeitung Bilder von Konferenzen in Frankfurt und Genf neben den Artikel, auf denen Vertreter der Derwische und der Baha'i bzw. der Schah-Sohn Reza Pahlawi in Diskussionspanels über die Menschenrechtsverletzungen in Iran gemeinsam zu sehen sind. Israel gilt innerhalb der Staatsnomenklatura Irans als Erzfeind. Baha'is wird seit Beginn des Regimes unterstellt mit dem Feind zu kollaborieren. Derwischen wird vorgeworfen die Revolution nicht zu unterstützen, da sie eine tolerante und friedliche Interpretation von Islam leben und Religion und Politik strikt trennen.

 

Weiterführende Links:

https://english.shabtabnews.com/2018/02/20/six-people-said-killed-300-arrests-at-sufi-protest-in-iran/

https://english.shabtabnews.com/2018/02/22/three-sufi-protesters-killed-hours-after-being-shot-by-iranian-forces/

https://english.shabtabnews.com/2018/02/22/300-iranian-dervishes-remain-under-arrest-after-clashes-with-security-forces/

https://www.rferl.org/a/iran-dervhishes-sufi-explainer-tabandeh/29051140.html

https://www.iranhumanrights.org/2018/02/iranians-debate-use-of-violence-against-security-forces-after-clashes-with-sufi-gonabadis-leave-three-dead/

https://www.iranhumanrights.org/2018/02/tehran-police-open-fire-on-sufi-gonabadi-protesters-as-clashes-leave-several-dead/

https://www.youtube.com/watch?v=D7y1TAQ_phg (Mohsen Kadivar und Seyed Azmayesh im Interview - Farsi)

22.02.2018 © mehriran.de, Jonathan Skug, Stockholm

 

 

 

 

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news-1110 Sun, 11 Feb 2018 16:36:29 +0100 Hamburg bleibt aktiv - Proteste vor dem iranischen Konsulat http://mehriran.de/artikel/hamburg-bleibt-aktiv-proteste-vor-dem-iranischen-konsulat.html mehriran.de - Menschenrechtler lassen nicht locker. Am Jahrestag der islamischen Revolution in Iran versammeln sich einige Dutzend Menschen vor dem Konsulat der I.R.I. in Hamburg und fordern ein Ende der Todesstrafe, ein Ende des Regimes und Freiheit für alle politischen Gefangenen. mehriran.de - Mehrere Dutzend Menschenrechtsaktivisten haben sich heute, Sonntag, 11. Februar 2018, vor dem Konsulat der Islamischen Republik Iran versammelt, um daran zu erinnern, dass die stolze Republik für zahlreiche nicht aufgeklärte Verbrechen, für Vertreibungen und Hetze gegen Andersdenkende verantwortlich ist. Sie forderten Aufklärung für die Verbrechen und einen Stopp der Unterstützung für das regime durch westliche Nationen.

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news-1109 Sat, 10 Feb 2018 21:17:34 +0100 In Hamburg weht der Wind für die Freiheit http://mehriran.de/artikel/in-hamburg-weht-der-wind-fuer-die-freiheit.html mehriran.de - Der Ida-Ehre-Platz in Hamburg gilt seit einigen Jahren als Treffpunkt für Menschen, die sich für Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und individuelle Freiheit in Iran einsetzen. Samstags kommen Menschen aus der ganzen Bundesrepublik in Hamburg zusammen, um Flagge gegen Menschenrechtsverletzungen in Iran zu zeigen. Es sind vor allem Frauen, die sich engagieren. Viele von ihnen stammen aus Iran und haben Verfolgungen und Härte in dem geschichtsträchtigen Land, das zur Zeit von religiösen Eiferern dominiert wird, erlebt. mehriran.de - Seit am 28. Dezember 2017 eine junge Mutter an einer verkehrsreichen Teheraner Hauptstraße auf einen Stromkasten gestiegen ist und ihren weißen Kopfschleier auf einen Stab geknüpft hat, den sie dann wie eine Friedensfahne vor sich hielt, wagen immer mehr Frauen offenen Widerstand. Viele wurden deswegen verhaftet und bestraft. 



In Europa und den USA bilden sich seither verschiedene Unterstützergruppen für das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung in Iran. Manche nutzen das Bild einer Frau mit weißer Fahne als Symbol, um ihre Solidarität für den gesamten Befreiungswunsch der Bürger und Bürgerinnen vom Regime auszudrücken.

Diesen Samstag, 10.02.2018 haben sich wieder Menschen auf dem Ida-Ehre-Platz versammelt, um der Welt zu zeigen, dass man die Menschen in Iran unterstützt. Die mit friedlichen Mitteln agierenden Demonstranten wollen auch weiter unermüdlich wiederkehren und ihre Schilder empor halten, in der Hoffnung die Zivilgesellschaft in Europa zu inspirieren, Menschen in Iran durch öffentliche Aktionen zu unterstützen. Der Diplomatie und Politik trauen sie keine sinnvolle Maßnahmen mehr zu, um das Regime zu einer Kehrtwende zu bewegen. 



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news-1108 Fri, 09 Feb 2018 00:50:04 +0100 Noch blühen die Blumen in der Teheraner Golestanstrasse http://mehriran.de/artikel/noch-bluehen-die-blumen-in-der-teheraner-golestanstrasse.html mehriran.de - Nachdem die Sicherheitskräfte aus der Umgebung der Golestanstrasse abgezogen wurden, schwärmen einige Anhänger von Dr. Tabandeh in die Stadt aus und kaufen Blumen und Süßes für die Nachbarn aus Dank für ihre Solidarität. Andere bleiben als Wache vor den Toren. mehriran.de - Nachdem weitere blutige Zusammenstöße bei der Belagerung des Hauses von Dr. Noor Ali Tabandeh ausgeblieben sind, kehrt Normalität in das Pasdaran Viertel ein. Fast. Mitglieder des Nematollah Gonabadi Ordens halten sich immer noch zu Hunderten in der Gegend auf, bereit ihren geschätzten 90-jährigen Anführer gegen willkürlich handelnde Regimekräfte zu verteidigen.

Die Regierung Rohani bemüht sich die Flamme der Protest und des Widerstands im Land nicht weiter aufflammen zu lassen, während die Anhänger der ideologischen Hardliner immer wieder Konflikte vom Zaun brechen. Kürzlich charakterisierte ein iranischer Analyst, der nicht genannt werden möchte, in einem Hintergrundgespräch die Vertreter der Hardliner als unfähig, jemanden leben zu lassen, der nicht die exakt gleiche Meinung vertritt. Laut diesem Analysten können sie nur ihre eigenen Interpretationen und Gedanken gelten lassen. Somit seien die Hardliner und ihre Agenten ständig damit beschäftigt, Konflikte vom Zaun zu brechen und die Auflehnung der Bevölkerung gegen das Regime mehr und mehr anzustacheln.

Der greise Leiter des Nematollah Ordens wird von den Hardlinern gehasst, weil seine Worte und Handlungen die Botschaft eines menschlichen und friedlichen Miteinanders beinhalten. Seit 2006 gibt es immer wieder Verfolgungs- und Angriffswellen gegen Mitglieder oder Einrichtungen des größten Sufi-Ordens in Iran. 

Manche Iranerinnen und Iraner, die sich sehnlichst ein Ende des Regimes herbeiwünschen sind voller Bewunderung für die entschlossene Art, mit der die Derwische den Bassidschi-Schlägertrupps Widerstand geleistet und sie schließlich vertrieben haben. Sie wünschen sich, dass dieses Beispiel Schule macht im Umgang mit den Schlägertrupps.

Am Sonntag (22. Bahman/11.Februar) wird vor internationalem Publikum eine Feier zum 40 jährigen Jubiläum der Machtübernahme inszeniert werden. Über 200 Journalisten aus der ganzen Welt werden erwartet. Während das Regime alle seine Kräfte aufbieten wird, um den Gästen zu signalisieren, dass die Massen hinter dem Regime stehen, kann man vermuten, dass sich auch gegnerische Kräfte zeigen werden, die der Welt das Gegenteil zeigen wollen.

Mögen die Journalisten sich nicht vom inszenierten Blendwerk des Regimes zu Jubelarien hinreißen lassen, sondern hinter die Kulissen genau hinschauen.

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news-1107 Tue, 06 Feb 2018 10:31:57 +0100 Golestanstraße - Tricks oder versöhnlicher Ausgang? http://mehriran.de/artikel/golestanstrasse-tricks-oder-versoehnlicher-ausgang.html mehriran.de - In der Teheraner Golestanstraße stehen sich nach wie vor Sicherheitskräfte sowie Derwische und mehr und mehr auch andere Iranerinnen und Iraner in Solidarität mit den Derwischen gegenüber. Mohsen Edschei, Beauftragter der Regierung für Minderheiten, hat Unterhändler entsandt. mehriran.de - Nachdem die Angriffe der Sicherheitskräfte auf die Derwische in der Golestanstrasse auch international Beachtung gefunden haben, ist das Regime um eine versöhnliche Lösung bemüht. Nach den im ganzen Land aufgekeimten Unruhen Ende des Jahres, fürchten die Behörden weitere Eskalationen, da der Unmut in der Bevölkerung groß ist. Sicherheitskräfte sind überall im Pasdaran Viertel verteilt und versuchen den Zugang zu begrenzen, denn der Konflikt hat sich herumgesprochen und immer mehr Leute machen sich auf den Weg die Derwische unterstützen.

Wie Amadnews aus einer Quelle im Justizministerium erfahren haben will, haben sich Unterhändler auf den Weg gemacht, um die Derwische zu überzeugen alle Unterstützer wegzuschicken. Offensichtlich sollen die Unterhändler von Mohsen Edschei, Bevollmächtigter der Regierung für Minderheitenfragen, entsandt worden sein. Auch ein Staatsanwalt soll anwesend sein. Man verspricht den Derwischen im Gegenzug den Haftbefehl gegen Dr. Tabandeh aufzuheben.

Wir haben bei einigen Männern vor Ort nachgefragt, die diese Versuche bestätigt haben, jedoch den Verdacht hegen dies sei ein weiteres Ablenkungsmanöver, um den Sicherheitskräften den Zugriff zu erleichtern. Es sind viele Fälle aus Iran bekannt, in denen das good-guy-bad-guy Spiel genau so durchgeführt wird. Eine Fraktion verspricht etwas, um Betroffene zu beruhigen oder ihnen Zugeständnisse abzuringen und kurze Zeit später schlägt die andere Fraktion unter den für sie günstigen Bedingungen zu, so dass sich die Leute als Betrogene und Geschädigte zurückgelassen fühlen.

Zusätzliche Informationen (was bisher geschah):
mehriran.de/artikel/golestanstrasse-von-der-umgebung-abgeschnitten.html
mehriran.de/artikel/gonabadi-sufis-werden-sich-fuer-ihre-menschenrechte-erheben.html
mehriran.de/artikel/golestanstrasse-aufmarsch-der-kraefte.html
mehriran.de/artikel/golestan-strasse-der-blumen-wird-zur-kampfzone.html

© mehriran.de, Gyula Fekete

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news-1106 Mon, 05 Feb 2018 16:34:06 +0100 Golestanstrasse von der Umgebung abgeschnitten http://mehriran.de/artikel/golestanstrasse-von-der-umgebung-abgeschnitten.html Mehriran.de - Belagerung der Golestanstrasse geht weiter. Störsender sollen die Kommunikation der Belagerten verhindern. Mehriran.de - In Teheran liegt dieser Tage viel Schnee. Man bereitet sich vor auf die Feierlichkeiten zum 39 - Jahrestag der Rückkehr des Revolutionsführers Ajatollah Khomeini in den Iran und den Beginn der sogenannten Islamischen Revolution. Am 1. Februar 1979 kehrte Khomeini zurück. Der 11. Februar gilt als Jahrestag der siegreichen Revolution. Diese Periode von zehn Tagen wird jährlich als Fadschr-Dekade (Dahe-ye Fadschr) oder Zehn-Tage-der-Morgendämmerung mit vielen vom Regime geförderten Veranstaltungen gefeiert.

Dass es in Iran nicht alles einfach ist und die Revolution anstatt die Herzen der Bevölkerung eher ihren Mut zum Widerstand gegen das Regime befeuert hat, sehen - neben vielen Exiliranern - mittlerweile auch Parlamentsabgeordnete in Iran und Männer der ersten Revolutionsstunden wie Mehdi Karroubi so. Frauen nehmen sich öffentlichkeitswirksam das Kopftuch ab, Proteste verschiedener benachteiligter Gruppen eskalieren zu Prügeleien mit Sicherheitskräften oder werden kurzerhand niedergeknüppelt. Doch die Proteste lassen sich kaum noch eindämmen.

Im Teheraner Pasdaran Viertel stehen sich seit Sonntag Hunderte bis Tausend Männer gegenüber, die gegensätzliche Ziele verfolgen. Vom Pasdaran Boulevard zweigt die Golestanstrasse (Land der Blumen/duftender Garten) ab. Hier liegt das Haus eines 90-jährigen Juristen und ehemaligen Richters, der seit dem Tod seines jüngeren Bruders seinen Beruf an den Nagel gehängt, um als Oberhaupt einer spirituellen Gemeinschaft mit langer Tradition in Iran diese zusammenzuhalten. Seine Anhänger nennen ihn Pol der Weisheit und respektieren ihn mit großer Ehrfurcht. Die Gemeinschaft geht auf den Gelehrten, Musiker und Dichter Schah Nematollah Vali zurück. Schah Nematollah war ein Sufi und praktizierender Musiker. Die Gemeinschaft, die auf ihn zurückgeht, trägt den Namen Nematollahia oder Nematollah Gonabadi Orden. Sie hat Anhänger in ganz Iran und mittlerweile durch die Flucht zahlreicher Mitglieder ins Ausland auch in Europa, Australien und den USA.

Dr. Noor Ali Tabandeh ist seit mehr als 25 Jahren Oberhaupt der angeblich 4-5 Millionen Mitglieder umfassenden Gemeinschaft. Der Orden hat in den letzten Jahren sehr viel Zulauf erfahren, da sich vor allem junge Leute vor der Islam Version ihres Regimes abgestoßen fühlten.

Zunächst wollten einige Bassidschi (paramilitärischen Einheiten) Agenten die Zugänge zur Golestanstraße kontrollieren und versuchten Checkpoints zu errichten. Sie wurden jedoch von den immer um das Haus ihres Oberhauptes sich aufhaltenden Derwischen daran gehindert und vertrieben. Seither eskaliert die Situation immer weiter. Die Bassidschi erwirkten einen Haftbefehl gegen Dr. Tabandeh und kehrten mit Verstärkung zurück. Doch auch die Derwische hatten ihr Netzwerk informiert, mehr und mehr Menschen strömten in die Golestanstrasse. Einige Angriffe mit Blendgranaten und Tränengas sind bereits abgewehrt worden. Die Sicherheitskräfte haben ihre höchsten Vertreter vor Ort, man berät über ein weiteres Vorgehen, offensichtlich haben die unterschiedlichen Vertreter jeweils andere Vorstellungen von dem Auftrag in der Golestanstrasse. Die Behörden haben den Netzverkehr in der Gegend stark gedrosselt. Umliegende Straßen sind gesperrt, sogar in angrenzenden Städten wurden Straßensperren an Ortsausgängen eingerichtet, um Derwische an der Fahrt nach Teheran zu hindern.

Es steht zu befürchten, dass die Sicherheitskräfte eine blutige Auseinandersetzung in Kauf nehmen. Zur Unterstützung der Derwische kommen andere Bewohner dazu. Die Nachbarn versorgen die Ausharrenden mit Getränken und Snacks. Es wäre nicht zum ersten Mal, dass man mit roher Gewalt den Widerstandsring der Derwische zu brechen versucht. 2009 wurde ein Versammlungshaus der Derwische in Isfahan zerstört, 2006 eines in der heiligen Stadt Qom, schon 1980 hatte ein Mob das Versammlungshaus der Derwische in Teheran niedergebrannt. Ähnlichen Verfolgungen waren schon die Nachfahren Schah Nematollah Valis ausgesetzt, die nach Indien flohen, um ihre Praxis abseits legalistischer Orthodoxie weiter zu pflegen.

Vielleicht gelingt es dieses Mal mit Hilfe der neuen Medien die Weltgemeinschaft über die Vorgänge zu informieren und die Behörden in ihrem Vorgehen zu bremsen.

© mehriran.de, Helmut N. Gabel

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news-1105 Sun, 04 Feb 2018 23:09:36 +0100 Golestanstraße - Aufmarsch der Kräfte http://mehriran.de/artikel/golestanstrasse-aufmarsch-der-kraefte.html mehriran.de - Vor dem Haus von Dr. Tabandeh in der Golestanstraße 7 wächst die Anspannung, während Pasdaran Kräfte sich auf die Stürmung des Hauses vorbereiten.

Inzwischen sollen sich mehrere Tausend Menschen, vermutlich Mitglieder des größten Sufi Orden in Iran, vor dem Haus ihres 90-jährigen spirituellen Oberhauptes Dr. Noor Ali Tabandeh, eingefunden haben, um seine willkürliche Verhaftung zu verhindern. Der Nematollah Gonabadi Orden hat im ganzen Land Mitglieder, die schon mehrfach bewiesen haben, dass sie keinen Aufwand scheuen und bei Gefahr nach Teheran reisen.


Belagerte Gegend im Stadtteil Pasdaran um die Golestanstraße

Amadnews meldet, dass die Sepah Sicherheitskräfte es auf die Verhaftung von Dr. Tabandeh abgesehen haben. Derwische fürchten, er könnte im Gefängnis ermordet werden. Kein seltener Fall und keine seltene Methode im Iran, um Gegner des Regimes zu beseitigen. Derwische treten für eine Trennung zwischen Staat und Religion ein und gelten als eine starke informelle Oppositionsgruppe in Iran, da sie unter anderem Ali Khamenei nicht als ihr geistiges Oberhaupt anerkennen.


Hussein Rahimi, Teherans Polizeichef

Weiterhin weiß Amadnews, dass der Leiter der Polizeichef von Teheran, Hussein Rahimi, sowie Brigadegeneral Alireza Lotfi, Kommandeur der Sondereinheiten der Teheraner Sicherheitskräfte und der Kommandant der Hilfstruppen mit Sonderaufgaben Arab-Sorkhi, vor Ort in der Golestanstraße 7 im Pasdaran Viertel das Vorgehen der Sicherheitskräfte steuern. Auf dem angrenzenden Pasdaran Boulevard werden weitere Sondereinheiten der Sepah (Revolutionsgarden) zusammengezogen. Einer der bekanntesten Sepah Kommandeure namens Mohammad Hossein Ziba Nejad hat den Leiter der Bassidschi Einheiten aufgefordert, sofort einige bewaffnete Bassidschi Trupps zu entsenden, um die Derwische durch Schüsse in die Luft auseinanderzutreiben. Allen Einheiten liegt der Befehl vor, unter allen Umständen Dr. Tabandeh zu verhaften.


Sepah Kommandeur Mohammad Hossein Ziba Nejad

Aus umliegenden Städten werden Straßensperren berichtet, die den Zustrom weiterer Derwische aus der Region verhindern sollen.

Originalquelle:

https://english.shabtabnews.com/2018/02/04/tension-rising-outside-the-residence-of-dr-tabandeh-as-the-sepah-security-forces-are-planning-for-the-arrest/

BBC Interview (Farsi) mit Vahid Beheshti, DorrTV, zu den Vorgängen in Iran: https://www.facebook.com/hashtag/

دراویش_گنابادی?source=feed_text

© mehriran.de, Gyula Fekete

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news-1104 Sun, 04 Feb 2018 18:16:26 +0100 Golestan - Straße der Blumen wird zur Kampfzone http://mehriran.de/artikel/golestan-strasse-der-blumen-wird-zur-kampfzone.html mehriran.de - Dr. Noor Ali Tabandeh, spirituelles Oberhaupt des Nematollah Gonabadi Sufi Ordens wird durch Sicherheitskräfte des Regimes bedroht. mehriran.de - Am Samstag Abend, den 3. Februar 2018, haben Sondereinheiten der Sicherheitskräfte zusammen mit bewaffneten Zivilagenten versucht um die Wohnstraße von Dr. Noor Ali Tabandeh Straßensperren zu errichten. Mehrere Hundert Derwische stellten sich den Sicherheitskräften entgegen, um das Haus von Dr. Tabandeh zu beschützen. In vorhergehenden Aktionen von Agenten des Regimes gegen den Leiter des Ordens, hatten sie ihm physische Verletzungen zugefügt und ihn erniedrigt. Für das Vorgehen der Agenten gab es keine Autorisierung.

Vergangene Woche haben die Sicherheitskräfte schon einmal versucht Straßensperren um die Wohnstraße von Tabandeh zu errichten und Checkpoints aufzustellen, um den Zugang zu ihm zu begrenzen und die Daten der Passanten aufzunehmen. Die Militarisierung der Golestanstraße sorgt und beschäftigt die Derwische intensiv.

Ihre Sorgen über die nicht autorisierten Aktionen der Sicherheitskräfte und der bewaffneten Zivilagenten haben Vertreter des Ordens bereits in einer nahen Polizeistation kundgetan. Auch ist die Polizei über den Notruf 110 zu Hilfe gerufen worden. Videoaufnahmen und Nummernschilder der bewaffneten Zivilagenten wurden an die Polizei weitergeleitet, doch die Polizei hat sich nicht gezeigt. Stattdessen kamen mehr und mehr bewaffnete Zivilagenten hinzu, die es sich nicht nehmen ließen die Derwische durch respektlose Ansprachen und ungebührliches Verhalten zu provozieren.

Doch während in den frühen Morgenstunden des 4. Februars 2018 immer mehr Sicherheitskräfte in die Straße strömten, erhöhte sich auch die Anzahl der Derwische, die sich zu Hunderten um das Haus von Dr Noor Ali Tabandeh versammelten, um einen Angriff der Sicherheitskräfte auf das Haus von Tabandeh zu verhindern.

Die Sicherheitskräfte begannen dann später ihren Angriff am Sonntag, 4. Februar 2018 mit Tränengas und Blend-Granaten. Da sich die Derwische nicht einschüchtern ließen und den Zugang zum Haus versperrt hielten, zogen sich die Angreifer zurück. Das Pasdaranviertel in Teheran, in dem die Golestanstraße liegt, ist jedoch nach wie vor militarisiert, da weiterhin Sicherheitskräfte in die Gegend strömen.


Der morgendliche Angriff der Bassidschi auf die Derwische hat einige Verletzte und zahlreiche zerstörte Gefährte der Sicherheitskräfte hinterlassen. Genaue Zahlen sind noch nicht bekannt.

Laut Berichten aus dem Iran, wurde nach dem Angriff der Sicherheitskräfte auf das Haus von Noor Ali Tabandeh gegen ihn ein Haftbefehl von der 3. Abteilung des Gerichts für Nationale Sicherheit ausgestellt. Darin wird ihm "Handlung gegen die nationale Sicherheit vorgeworfen", wobei keine Hinweise auf den Grund für diesen Vorwurf genannt wurde.

Im Augenblick ist die Situation noch ruhig, doch die Stimmung wird immer angespannter, da von beiden Seiten, Angreifer wie Verteidiger in die Straße strömen. Umliegende Verbindungsstraßen werden von den Sicherheitsbehörden gesperrt, um den Zustrom der Derwische aus den Regionen Irans zu unterbinden.

Zuletzt meldet amadnews, dass die Verhaftung und möglicherweise Ermordung von Dr. Tabandeh für die kommende Nacht während seiner Haft geplant ist. Solch ein Verdacht kann durchaus begründet sein, denn es sind zahlreiche Fälle bekannt, wo dies vollzogen wurde.

Quelle und Augenzeugenberichte aus Teheran: https://english.shabtabnews.com/2018/02/04/the-life-of-dr-noor-ali-tabandeh-the-spiritual-headmaster-of-the-gonabadi-sufi-order-is-threatened-by-the-security-forces-of-iran/

© mehriran.de, Gyula Fekete

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news-1102 Mon, 15 Jan 2018 14:38:00 +0100 Stimmen der Verzweifelnden http://mehriran.de/artikel/stimmen-der-verzweifelnden.html mehriran.de - Iran ist als repressiver Staat verrufen. Seit Jahrzehnten begehrt die Bevölkerung immer wieder gegen das Regime auf. Mal sind es protestierende Frauengruppen, mal sind es skandierende Studenten - dieses Mal gingen die Proteste von Arbeitern und ökonomisch abgehängten Menschen aus. Der Versuch einer Einschätzung auf Basis langerjähriger Studien und vieler aktueller Gespräche mit Iranerinnen und Iranern im In- und Ausland. Paradies Iran

Iran gleicht einem bunten Teppich. Seine Menschen und ihre Abstammung, ihre Sprachen, die Landschaften, Kulturen und Religionen bergen eine reiche Vielfalt. Europäer, die sich auf den Weg machen diese faszinierende Region zu erkunden, sind oft beeindruckt von der grandiosen Gastfreundschaft der Menschen vor Ort, den Zeugnissen lebendiger Architektur oder den geschichtsträchtigen Felsinschriften.

Persisch ist eine der Hauptsprachen Irans. Im Laufe der letzten 4 Jahrtausende hat sie Lehnworte aus dem Sanskrit, dem Aramäischen oder dem Arabischen aufgenommen, aber auch andere Sprachen, wie z.B. das Türkische, bereichert. Es ist eine Sprache, die schon im Buch der Könige (Schāhnāme), dem berühmten Nationalepos des Dichters Ferdosi, reich an Metaphern und Heldengeschichten das Herz der Zuhörer bewegt. Gleichwie die weltweit geliebten Gedichte der Mystiker und Dichter Rumi, Hāfis, Sa'adi oder Omar Chayyām das Herz bewegen. Manche Gäste aus Europa suchen bei ihren Aufenthalten im Iran den Zauber von Rosenduft und Paradies, der in vollendeten Gedichten gepriesen wird.

"Diese Luft erinnert an des Paradieses Hauch, die mich vom Garten umfächelt,
Hier freu ich mich des Weines auch, wo der Liebsten Auge samten lächelt."
- Hafis  

Unruhige Zeiten im Iran

Es läuft nicht alles schlecht im Iran. Man muss nur mit den richtigen Personen verbunden sein oder in Familien hinein geboren werden, die wichtige Posten im Wirtschaftsgeflecht der Pasdaran innehaben und gerade nach Aufhebung der Sanktionen stark profitiert haben[1]. Die aus den USA frei gewordenen Milliarden sind beim Durchschnittsbürger nicht angekommen.

Die Bevölkerung hat mit allen möglichen Herausforderungen zu kämpfen. Die Palette reicht von Naturkatastrophen wie Erdbeben, Dürre oder Sandstürme über Flüchtlingsströme aus Afghanistan, Smog, Armut, Drogen, Prostitution, Verwahrlosung und eine hohe Arbeitslosenquote bei Menschen unter 25 Jahren. Im Verlauf der letzten zwanzig Jahre hat das bei immer mehr Menschen zu prekären Lebensverhältnissen im Iran geführt.

Obdachlose schlafen in leeren Gräbern auf Friedhöfen, Straßenkinder suchen Schutz in Mülltonnen oder alten Kartonagen. Familienväter schleppen sich von ihrem Hauptjob über einen bis zwei Nebenjobs in die kurze Nacht, bevor die Mühle von neuem beginnt. Es heißt, dass so mancher seine Organe verkauft, um seine Familie zu ernähren oder seinen Kindern eine Perspektive zu bieten[2].

Dazu kommen politische Repressalien, Korruption der Behörden, kulturelle Zwänge, mangelnde Presse- und Meinungsfreiheit und eine Märtyrer-Ideologie im Zusammenhang mit der "islamischen Revolution", der sich der Staat in Anlehnung an den Revolutionsführer verpflichtet hat.

Eigentlich waren die Revolutionäre 1979 angetreten, um der Religion mehr Raum zu verschaffen und nach „göttlichen Prinzipien“ zu regieren. Doch sie haben die Religion missbraucht und ruiniert. Viele sind enttäuscht von jenem Islam, den der Staat propagiert. Sie lehnen alles was mit Religion zu tun hat, ab oder wenden sich dem Sufitum zu. Vor allem der Schah-Nematollah-Gonabadi Orden[3] verzeichnete in den letzten 12 Jahren hohe Zuwächse an Mitgliedern. Das Grab seines Begründers Schah Nematollah Vali liegt in Mahan und wird gerne von Touristen besucht.

Der für zahlreiche Todesurteile, inklusive Steinigungen, bekannte Richter Mahmud Haschemi Schahrudi[4], der sich kürzlich in Deutschland zu einer medizinischen Behandlung aufhielt, hat in seiner Zeit als Kopf der Justiz (1999 - 2009) auch die Schließung der Versammlungshäuser dieser Derwische angeordnet. Der Staat beansprucht das Monopol auf den Glauben und die Weltanschauung der Menschen. Das hat zu Auseinandersetzungen mit den Derwischen geführt, die den Obersten Führer des Landes nicht als ihr geistiges Oberhaupt anerkennen. Auch einige Geistliche wie Ajatollah Boroudscherdi treten für eine Trennung zwischen Religion und Staat ein, wodurch sie und ihre Anhänger gravierende Probleme mit dem Regime bekommen haben.

In den vom Staat betriebenen Moscheen versammeln sich hingegen die hartgesottensten Regimeanhänger. Für sie sind Moscheen nicht allein Gebetsräume, sondern Räume für Propaganda und Hetze gegen die vermeintlich Schuldigen an der Misere: USA, Israel, Saudi-Arabien. An allem, was schlecht läuft im Iran, sind die Erzfeinde aus dem Ausland schuld.

Wer Kritik am Regime äußert, läuft schnell Gefahr als Feind der Nation oder Söldner einer ausländischen Macht bezeichnet zu werden. Die Liste der Nöte im Land ist groß, die Maßnahmen der Offiziellen das allgegenwärtige Leid aufzufangen gering.

Als es im November 2017 in der von Kurden bewohnten Provinz ein Erdbeben mit über 300 Toten gab, schaffte es der in militärischen Angelegenheiten sehr gut aufgestellte Staat trotz Präsident Rohanis Versprechungen nicht, der Notlage angemessene Maßnahmen auf den Weg zu bringen. Man kann das als Zeichen werten, wie viel Durchgriff der Tiefenstaat Präsident Rohani gewährt. Sein Auftrag lautet das Land aus der Misere zu führen, dafür hat ihn vor allem die bürgerliche Mittelschicht in den Städten gewählt.

Doch es gibt zu viele Heilige Kühe, die von den erzkonservativen Revolutionären mit eisernen Händen gehütet werden. Rohani hat den Atom-Deal geschlossen und einige Wirtschaftsbeziehungen in Gang gebracht. Viele seiner Versprechungen sind jedoch untergegangen. Die Situation der Minderheiten im Iran hat sich nicht verbessert, die Menschenrechtssituation darbt, politische Strafgegangene erleiden weiterhin unfaire Prozesse, die Todesstrafe ist an mehr Menschen ausgeführt worden als in der Zeit vor Rohani[5]. Zusätzlich hat sich der Iran durch seine Revolutionsgarden in Syrien, im Irak und sicher auch im Jemen militärische Konflikte aufgehalst, die Irans Einfluss in der Region haben wachsen lassen, doch sind sie nicht bei allen Menschen positiv aufgenommen worden. Die Konflikte müssen Unsummen verschlungen haben, Geld das nicht bei den Armen angekommen ist. Und plötzlich erfahren wir von den Unruhen Ende des alten Jahres, die sich ins neue Jahr hineingezogen haben.

Shir-e mard

In der heiligen Stadt Maschhad steht der Imam-Reza-Schrein, eines der größten schiitischen Heiligtümer. Vor dem Rathaus der Pilgerstadt versammelten sich am 28. Dezember 2017 mehrere hundert Menschen und skandierten gegen miserable wirtschaftliche Bedingungen. Binnen zwei Stunden wandelten sich die Sprechchöre, die gegen Präsident Rohani gerichtet waren, in Parolen gegen den Obersten Führer Chamenei und das gesamte Regime. Eine weitere Stunde später gingen in fünfzig weiteren Provinzstädten Menschen auf die Straßen. Schnell beschuldigte das Regime die üblichen Verdächtigen[6].

Der Vertreter des Obersten Führers in dieser Provinz, Ahmad Alamolhoda, soll die Demonstration veranlasst haben. Alamolhoda ist der Schwiegervater von Ebrahim Raisi, Direktor einer schwerreichen religiösen Stiftung[7]. Raisi ist bei der letzten Wahl gegen Präsident Rohani gescheitert. Alamolhoda musste bereits zu seiner Rolle beim Lostreten der Proteste vor dem Nationalen Sicherheitsrat aussagen.

Die Proteste zogen sich länger als eine Woche hin. Sie ebbten ab, als die Sicherheitskräfte zahlenmäßig deutlich überlegen auftraten und das Regime einen Gegen-Demonstrationszug mit seinen engsten Anhängern organisieren konnte.

Seither sollen zwischen 23 und 50 Menschen getötet worden sein. Um die 3000[8] Personen kamen in Haft, das Schicksal der meisten ist ungewiss. Drei Menschen sind unter ungeklärten Umständen in Haft verstorben.

Lehrer[9], Krankenpfleger und Fabrikarbeiter hatten schon zwei Jahre zuvor begonnen zu demonstrieren. Jeden Tag waren es mehr Demonstrationen geworden. Immer ging es um unbezahlte Gehälter oder um von Schließung bedrohte Fabriken. Auch im mondäneren Teheran fanden Proteste statt, doch sie fanden vor allem bei Sicherheitskräften Beachtung.

In einem Interview mit dem Internetkanal DorrTV[10] warnte der Sprecher der Lehrer in Chorasan, Haschem Chastār[11], schon vor zwei Jahren: „Unsere Regierung und unsere Führer haben den Kontakt zu den Nöten der Menschen verloren. Wir sitzen auf einem riesigen Pulverfass. Es braucht nur einen Funken!“ Chastār setzt sich ein für das Recht der Lehrer, sich in Gewerkschaften zu organisieren. Dafür hat er bereits drei Gefängnisstrafen verbüßt.  Chastār fügte in einem späteren Interview hinzu: „Sie wollen einen Führer – eine Person ist der Hirte und alle anderen sind die Schafe. In diesem Regime müssen die Menschen blind gehorchen und ja nichts in Frage stellen.“ Chastār ist kein Einzelfall in seinem Dulden und Engagement. Menschen unterschiedlicher Berufe, unterschiedlicher Bildungsgrade und sozialer Herkunft wagen trotz drohender Strafen Kritik zu äußern. Die Rechtsanwältin Nasrin Sotoudeh[12] berichtet regelmäßig über die Situation politischer Gefangenen im Iran, scheut sich nicht mit ausländischen Sendern zu sprechen, der Derwisch und Blogger für Madschzouban-e Nour, Kasra Nouri[13], filmte während der Unruhen und wurde prompt festgenommen, Mohammed Maleki[14] war Rektor der Universität Teheran und geht jetzt so oft es seine Gesundheit erlaubt auf die Straße, um für die Freilassung Gewissensgefangener zu demonstrieren. So gibt es viele weitere Personen, die Haftstrafen verbüßt haben und aus ihrem bisherigen Leben gedrängt wurden. Doch sie geben nicht auf. Hier klingt das alte Motiv des ritterlich gesinnten Javânmard an, der von seinem Leid absieht und sich für andere Menschen einsetzt. Oft werden diese Menschen mit Löwen verglichen und dadurch shir-e mard genannt.

Dieser Geist wurzelt in dem weltberühmten Heldenepos "Schahname" von Firdausi aber auch in den Zeilen eines Sa'adi Schirazi:

"Die Kinder Adams sind aus einem Stoff gemacht,
als Glieder eines Leibs von Gott, dem Herrn, erdacht.
Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder,
dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wieder .
Ein Mensch, den nicht die Not der Menschenbrüder rührt,
verdient nicht, dass er noch des Menschen Namen führt.
"

Grabenkämpfe

Das Tauziehen um Investitionen und Mittel zwischen den beiden politischen Lagern mündete in die Entscheidung religiösen Stiftungen[15] und den Revolutionsgarden[16] mehr Geld zukommen zu lassen und Lebensmittel- und Benzinsubventionen, sowie andere Unterstützungen für Ärmere zu kürzen oder zu streichen[17]. Als dies öffentlich bekannt wurde, stieg der Unmut sprunghaft an. Der Fluss der Mittel gewährt Einblicke in die politischen Schwerpunkte der Kräfte hinter Chamenei. Sicherung der Deutungshoheit zu Islam und der Islamischen Republik über die Bindung der Armen an die religiösen Stiftungen und Erfüllung des in der Verfassung festgeschriebenen Ziels die Revolution zu exportieren.

Religiöse Institute (Bonyads) wie die Astan-Quds-Razavi-Stiftung nehmen Jahr für Jahr Millionen von den gläubigen Pilgern ein. Sie entziehen sich sowohl der Verpflichtung Steuern zu bezahlen, als auch einer Kontrolle durch das Parlament. Rohani fordert beides. Doch die Stiftungen sind aufs Engste verzahnt mit den Revolutionsgarden und weigern sich Einblicke zu gewähren.

Der Revolutionsexport ist Aufgabe der Quds-Armee, die wiederum ein Teil der Revolutionsgarden ist. Die Quds-Armee arbeitet als eine Art Schatten-Holding-Gesellschaft, die in verschiedenen Ländern wie Libanon, Jemen[18] oder Irak[19] Verbündete hat. Diese Verbündete treten als eigenständige Einheiten auf, werden aber im Hintergrund sowohl ideologisch und strategisch als auch ökonomisch und militärisch von Quds Generälen geschult und geführt. Diese Aufgaben erfordern riesige Summen. Das Budget der Revolutionsgarden für 2017 soll 40 Milliarden USD betragen haben.

Rohani indes müht sich einen moderateren Kurs im Land durchzusetzen, wie das vor seiner Zeit schon die ex-Präsidenten Chatami und der vor einem Jahr unter ungeklärten Umständen[20] verstorbene Pragmatiker Hashemi Rafsandschani versucht haben.

In Bezug auf die jüngsten Unruhen vertritt Rohani eine integrative Position. So wird er bei einem Treffen mit Vertretern des Wirtschafts- und Finanzministeriums mit folgenden Worten zitiert:

"Manche glauben, die Demonstranten würden nur für mehr Geld und bessere wirtschaftliche Bedingungen auf die Straße gehen. Kennen Sie jemanden, der sich mit einem monatlichen Gehalt zufriedengibt, wenn gleichzeitig soziale Medien komplett abgeschaltet sind, die räumliche Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist und man kein Recht zu reden hat? Man kann die Freiheit und das Leben der Menschen nicht kaufen. Warum wollen manche an der Wahrheit vorbeischauen? Das ist eine grobe Beleidigung der Menschen." Später ergänzte Rohani: "Die Menschen haben ökonomische, kulturelle, soziale und die Sicherheit betreffende Forderungen. Wir müssen allen Forderungen Rechnung tragen. Wenn die junge Generation die Mehrheit im Land stellt, müssen wir unsere Entscheidungen nach ihren Wünschen ausrichten."

Wie Ernst Rohani solche Forderungen meint oder ob sie nur zur Beruhigung der großstädtischen Mittelschicht und ausländischer Beobachter ausgesprochen sind, ist schwer zu ermessen. Sein Widersacher im höchsten Staatsamt, Ali Chamenei, benannte in seiner jüngsten Predigt drei "ruchlose Spieler", die für die Unruhen im Iran verantwortlich zeichnen: "Es gibt Hinweise darauf, dass ein Triumvirat an Protagonisten beim Zustandekommen der jüngsten Ereignisse beteiligt war. Einerseits besteht es aus den USA und den Zionisten (gemeint ist Israel), die seit Monaten an diesem Plan gearbeitet haben...andererseits sind es die reichen Staaten am Persischen Golf...und die dritte Seite besteht aus den Söldnern, die mit den mörderischen Heuchlern (gemeint sind die Volksmudschahedin oder MEK) verbunden sind."

Neben seinen üblichen Anschuldigungen, forderte Khamenei die Behörden auf zu untersuchen, ob die Verhafteten Feinde des Regimes oder einfache Gemüter sind, die etwas Orientierung bräuchten: "Wir sollten mit den Studenten und denjenigen, die sich den Auseinandersetzungen aus emotionalen Gründen angeschlossen haben, sprechen und sie aufklären. Doch jene, die als Spielfigur der Heuchler gehandelt haben und Menschen getötet haben, sollten eine andere Behandlung erfahren."

Ob Khamenei damit eine Behandlung der Regimefeinde meint, wie sie drei jungen Männern jüngst wiederfahren ist, ist nicht ganz klar. Die drei jungen Männer, Mohsen Adeli, Vahid Heidari und Sina Ghanbari sind nach ihrer Verhaftung im Gefängnis gefoltert und getötet worden[21]. Ihre Tode wurden von den Behörden als Selbstmord deklariert. Menschenrechtler zweifeln an dieser Darstellung. Insgesamt sollen bei den jüngsten Unruhen zwischen 23 und 50 Menschen getötet worden sein. Einige Gefangene scheinen mittlerweile aus dem Evin Gefängnis entlassen worden zu sein[22].

Die Bedeutung der neuen Medien im Iran

Der Kurznachrichtenkanal Telegram erfreut sich im Iran hoher Beliebtheit. Das besondere bei Telegram[23] ist, dass selbst bei niedrigen Internetgeschwindigkeiten Nachrichten ausgetauscht und Videos hochgeladen werden können.

Die Regimeverantwortlichen lassen den Dienst der Brüder Durow zu, lesen mit und nutzen selbst den Kanal, um eigene Propaganda zu verbreiten. So öffnet sich eine mediale Wiese für die Bevölkerung, um Frust abzulassen, die jedoch von den speziell dafür ausgebildeten Zuarbeitern des Regimes überwacht und kartographiert wird, um zum besten Zeitpunkt einzugreifen. In den letzten zehn Jahren haben die Regimeverantwortlichen die Bedeutung der Nachrichtenverbreitung über Online-Medien erkannt. Seither hat die neu eingerichtete Cyber-Armee[24] mehr und mehr Terrain auch auf diesem Feld gewonnen. Ein Geflecht an Propagandaseiten sorgt für die Verbreitung von Ausgrenzung, Rufmord und Hass. Teure deutsche Überwachungs-Software sorgt für ein intensives Monitoring und unreguliertes Sammeln unendlich vieler Daten von Verdächtigen oder von Leuten, die ausgeschaltet werden sollen. Auch wenig spektakuläre aber durchaus effektive Hackeraktivitäten durch Regimefreunde sind weltweit zu verzeichnen[25].

Durch die vielen Nachrichtenkanäle und Möglichkeiten Online-Informationen zu teilen, sind bei den Unruhen zum Jahreswechsel 2017/18 viel mehr Videos und Informationen aus dem Land gekommen als noch 2009. Die Anzahl der Endgeräte hat sich von 10 Millionen auf über 40 Millionen vervierfacht, es wächst eine neue Generation heran. Laut Behörden im Iran sind bei den jüngsten Unruhen 90% der verhafteten Menschen unter 25 Jahren und viele davon noch nicht 18 Jahre alt. Sie haben sich über Telegram verständigt.

Über die Nachrichten Kanäle, die das Internet zugänglich macht, lassen sich auch klassische Medien aus dem Ausland erreichen. Zwar gibt es mit den persischen Abteilungen der VOA, DLF und BBC einige westliche Fernseh- und Radiosender, die auch im Iran gesehen und gehört werden, doch die Iraner trauen auch diesen Sendern nicht, seit sie wissen, dass Angestellte und Journalisten, die für die Sender arbeiten, oder ihre im Iran lebenden Angehörigen vom Regime bedroht werden[26].

Zunehmender Beliebtheit erfreut sich der Intersender DorrTV, der unabhängig ist und sich mit geringen Mitteln auf Inhalte statt auf elegante Formen konzentriert. Die Macher von DorrTV geben sowohl Iranern im Inland als auch im Ausland die Möglichkeit ihre Stimme zu Gehör zu bringen. Offensichtlich nutzen auch Geheimnisträger DorrTV, um politische Gegner ins Wanken zu bringen. So war DorrTV der erste Kanal, der die Existenz zahlreicher Geheimkonten mit umgerechnet 250 Millionen Euro des Justizchefs Sadegh Laridschani aufdeckte[27]. DorrTV sendet aber auch regelmäßig Vorträge des Rechts- und Islamwissenschaftlers Seyed Mostafa Azmayesh. Azmayesh lebt seit 40 Jahren im Pariser Exil und vertritt eine friedliebende, auf menschliche und Gesellschaftsentwicklung basierende und konziliante Islam und Koran Interpretation[28]. Seine Argumente werden inzwischen auch bei den Theologen in Qom gehört. So wurde die Steinigung 2009 aus dem Strafenkatalog entfernt, weil Azmayesh hieb- und stichfest aufzeigen konnte, dass Steinigungen eine Strafe war, die von Despoten angewandt wurde und durch den Koran kritisiert werden[29].

Islamische Republik Iran

Iran hat eine bewegte Zeit hinter sich seit 1979 Schah Mohammed Reza Pahlavi sein Land verlassen musste. Als eine breite Koalition verschiedener Schichten und Gruppen der iranischen Gesellschaft ihre Revolution an Ayatollah Chomeini und die Garden hinter ihm übertrug, nannte sich das Land Islamische Republik Iran. Man ließ die Bevölkerung in zwei Referenden über die Verfassung abstimmen, deren Ergebnisse zu dem heute etablierten System des Velayat-e faghi (Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten) geführt haben. Nach dem Tod Chomeinis 1989, kam der jetzige Führer Ali Chāmenei in die Position des Stellvertreter Gottes auf Erden. Diese Position impliziert eine enge Verquickung zwischen Religion und Staat. Die Staatsräson gibt auch die Richtung der Religion vor, die sogenannte Zwölfer-Schia, deren wesentliches Credo darin besteht, dass der zwölfte legitime Nachfolger des Propheten Mohammed nicht gestorben ist, sondern seit Jahrhunderten im Verborgenen weiterlebt. In der allgemein-schiitischen Vorstellung kehrt dieser "verborgene Imam" eines Tages zurück und bringt Gerechtigkeit für alle Unterdrückten. In der Staatsideologie, die im Wesentlichen von Ayatollah Chomeini[30] formuliert wurde, spielt diese messianische Erwartung[31] eine große Rolle. Chomeini hat eine Konkretisierung eines unspezifizierten Zeitraums vorgenommen. Aus einer passiven Rolle der Schiiten, die für einen nicht formulierten Zeitraum auf ihren Erlöser warten, brachte Chomeini die Schiiten in eine aktive Rolle. Die Schiiten sollten aktiv sein und sich gestaltend in die Bildung einer gerechten Gesellschaft einbringen. Ein weiterer Aspekt der schiitischen Überhöhung ist der Märtyrerkult, in dem es darum geht, sein Leben mit voller Begeisterung für sein Land, seinen Führer, für die Religion zu geben, in Erwartung paradiesischer Belohnungen. Eine Art Ablasshandel.

Verschärft wurde dieser Aspekt durch die wirren Thesen eines iranischen Gelehrten, die von seinen Schülern nach Chomeinis Tod in die Kaderschulungen der Revolutionswächter und Bassidschi im Zusammenhang mit der Staatsideologie eingeflochten wurden. Der sich auf Heidegger berufende Ahmad Fardid hat in den 70er Jahren eine Philosophie von der "Zeit nach dem Morgen" propagiert, die sein Schüler Prof. Reza Davari später in den Köpfen der Regime Ideologen verankert hat. Der Kern dieser Ideologie verteufelt den Westen und seine Errungenschaften und träumt von einer goldenen Zeit nach unserer Zeit. Die Anhänger werden ermutigt, aktiv für die schnelle Rückkehr des verborgenen Messias zu sorgen. Die Umstände der Rückkehr sind beschrieben: Ungerechtigkeit, Chaos, Blutvergießen. Während also Chomeini für eine aktive Gestaltung der Politik der sonst passiven Schiiten eintrat, brachte Fardid die nötige Prise Gift ins Spiel, um Gewalt mit dem Ziel der Zerstörung der Welt zu legitimieren und zu forcieren.

In den letzten Jahren haben sich grob gesehen zwei politische Fraktionen innerhalb des politischen Establishments gebildet. Zum einen existiert eine pragmatische-Reform-orientierte Fraktion, mit guten Beziehungen zum Westen, die hauptsächlich von einer gebildeteren Mittelschicht getragen wird. Zum anderen gibt es eine prinzipientreue-konservativ-fundamentalistische Fraktion. Die erste Fraktion stellt momentan die Regierung mit Präsident Rohani. Die zweite Fraktion neigt mehr zum Obersten Führer Ali Chamenei und seinen Anhängern bei den Pasdaran, Bassidschi und in der Justiz. Trotz einiger ernsten Differenzen in Bezug auf Methodik und Schwerpunkte in der Führung des Landes, ist die Erhaltung des Systems die gemeinsame Konstante beider Fraktionen. Der Präsident heißt zwar Rohani, doch seine Widersacher aus dem Lager des Obersten Führers Chamenei werfen seinen Initiativen Steine in den Weg und verhindern jegliche Änderungen. Ein Spiel das schon in der Zeit des pragmatisch orientierten Präsidenten Rafsandschani und des moderaten Präsidenten Chatami gespielt wurde.

Sie haben nichts außer dem Leben zu verlieren

Seit ungefähr zwei Jahren finden im Iran regelmäßig Proteste von Arbeitern gegen Arbeitsplatzabbau, Werksschließungen und Zahlungen ausstehender Löhne statt. Krankenschwestern, Lehrer oder Busfahrer bringen konstant ihre Anliegen in den Straßen vor. Sie lassen sich vertreiben, schlagen, inhaftieren, aber kommen wieder zusammen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.

Für weitere Unruhe sorgte der Skandal um die sogenannten Mālbāchtegān, die Geldverlierer. Viele Iraner hatten dem Versprechen einiger von der Iranischen Zentralbank gestützten Institute[32] auf bis zu 25% Gewinn vertraut. Ihre Einsätze sind komplett verloren. Proteste gegen das Zustandekommen dieser Verluste wurden zerschlagen, Protestierende inhaftiert.

All diese Umstände haben in den letzten Dezembertagen die Verzweifelten in den Provinzstädten auf die Straße strömen lassen, wo nicht nur die ökonomischen Bedingungen kritisiert, sondern beträchtlich viele Rufe für ein Ende des Regimes und dem Ende des Obersten Führers laut wurden. Wer im Iran auf die Straße geht und sich mit den Sicherheitskräften anlegt, muss schon sehr verzweifelt sein.

Die Rolle des Westens
Ist denn das Ende des Regimes in Sicht? Obwohl die Art der Demonstrationen für die allermeisten Iran Beobachter überraschend kamen, haben sie nicht die Wucht erreicht, die einen durchmilitarisierten Staat umwerfen könnten. Die bürgerliche Mitte in Teheran und anderen Großstädten hat wenig Hoffnung gehabt, dass diese Demonstrationen irgendwohin führen. Sie hat sich dieses Mal kaum beteiligt. Zu spontan hat sich der Volkszorn entladen. Die Richtung scheint nicht deutlich, Anführer mit politischen Gewicht haben gefehlt.

Die Solidarität eines großen Teils von Exiliranern in Norwegen, Schweden, den USA oder Deutschland war auf den Straßen und in den Medien dieser Länder zwar sichtbar und hörbar, doch die westlichen Regierungen sind sich uneins im Umgang mit Iran. Dadurch senden sie kein geschlossenes Signal einer eindeutigen Unterstützung an die oppositionellen Kräfte im Iran.

In den USA ist der Regime-Change mit der Machtübernahme durch den neuen Präsidenten durchaus eine favorisierte Option, auch wenn sich die wenigsten Verantwortlichen in ein militärisches Abenteuer stürzen wollen. Dieses Szenario liegt aber ebenfalls in den Schubladen der Sicherheitsdienste. Seit Jahren bestehen Kontakte zwischen Politikern wie John Bolton, Ted Kennedy, Newt Gingrich oder Rudy Giuliani und der Führerin der MEK, Marjam Rajavi[33]. Nach Jahren auf der Terrorliste, sind die Volksmudschahedin (MEK) sowohl in Europa als auch in den USA wieder davon gestrichen worden. Das Szenario einer militärischen Intervention in Iran sieht eine Beteiligung der straff organisierten Volksmudschahedin vor. In Nevada soll es Trainingscamps geben, wo Kämpfer der größten Oppositionsgruppe im Ausland auf einen Einsatz vorbereitet werden. Der von der Vorgängerregierung Obama vorgezeichnete Weg vertraute auf den Dialog mit den Kräften um Rohani. Um diese Position zu erreichen hat das Regime viele Lobbyisten und hohe Budgets eingesetzt. Einer der bekanntesten Lobbyisten in den USA für das Regime im Iran, ist Trita Parsi[34]. Er soll sehr gut vernetzt sein mit demokratischen Kräften in den USA.

Die Europäische Union hingegen favorisiert den Weg des Dialogs. Als Grundlage für die Dialoge betrachten die Europäer wirtschaftliche Beziehungen. Das Argument dazu lautet, nur wo es eine wirtschaftliche Beziehung gibt, kann man mit Druck agieren. Das mag so durchaus stimmen. Was die Europäer mit diesem Gedanken aber vernachlässigen, ist die Tatsache, dass in allen größeren Geschäften mit Iran die Revolutionsgarden involviert sind. Ihr Rolle, ihre Macht und ihr Dasein im Iran wird dadurch zementiert. Wir sollten nicht vergessen, dass die Revolutionsgarden ideologisch geschulte Kader mit einer Expansionsagenda sind. Die Hoffnung durch wirtschaftliche Beziehungen einen Sinneswandel einzuleiten, könnten trügerisch sein. Die Ultima Ratio der Garden ist ihre kämpferische Ideologie. Zu ihren Taktiken gehört dazu, sich möglichst im Hintergrund zu halten und andere vorzuschicken. In militärischen Interventionen sind es Afghanen, Libanesen, Iraker oder andere Nationalitäten, die verpflichtet werden, in wirtschaftlicher Hinsicht lassen sie im Westen ausgebildete und sich tendenziell eher westlich gebärdende Frauen und Männer die Geschäfte für sich abwickeln.

Neben den Volksmudschahedin gibt es im Ausland viele weitere oppositionelle iranische Gruppierungen. Die Volksmudschahedin werden als marxistisch-islamische Partei mit demokratischer Agenda beschrieben, während es viele weitere kommunistisch-orientierte Splittergruppen gibt. Weiterhin machen Kurden einen größeren Teil innerhalb der Auslandsopposition aus. Ihre Agenda reicht vom Sturz des Regimes bis zur Errichtung eines eigenen kurdischen Staats. Dazu kommen Iranerinnen und Iraner, die erst vor wenigen Jahren geflohen sind und die sich nicht als politische Opposition verstehen. Oft handelt es sich dabei um Anhänger von im Iran verfolgten Geistlichen wie Ajatollah Boroudscherdi[35] oder dem Begründer einer alternativen Heilmethode, Mohammad Ali Taheri[36] oder um Mitglieder des Nematollah Gonabadi Ordens[37]. Daneben gibt es bürgerlich gesinnte Exil-Iraner, die mit Religion oder Spiritualität nichts am Hut haben. In den USA leben viele Anhänger Reza Pahlavis[38], dem Sohn des 1979 gestürzten Schahs, aber auch viele Exil-Iraner, die sich um Politik nicht scheren und im American-way-of-life aufgehen.

Aussichten

Man kann davon ausgehen, dass diese Unruhen kein CIA-Coup waren, auch wenn die gegenwärtige US-Administration ein Regime-change lieber heute als Morgen favorisieren würde. Europa hingegen geht konsequent den Weg des Wandel-durch-Handel und hält am Regime fest. Viele Iraner erleben diese Haltung als Appeasement und Leisetreterei. Sie werfen Europa vor, nur an Geschäften mit dem Iran interessiert zu sein. Wenn man Iraner nach der besten Lösung für ihr Land fragt, gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Die einen wollen aus Stabilitätsgründen das Regime behalten und langsame Reformen, die anderen wollen den Sturz des Systems und einen Neuanfang, manche rufen nach einem Referendum, in dem über die zukünftige Staatsform abgestimmt werden soll. Die einen wollen es aus eigener Kraft schaffen, andere wünschen sich härtere intelligente Sanktionen vor allem gegen Verantwortliche des Systems und deutlichere Worte gegenüber dem Regime. Eine militärische Option favorisiert nur eine ganz kleine Minderheit.

Manche bestehen darauf, dass die Geschäfte, die auf Europa warten, wenn die Menschen die Last des Regimes losgeworden sind, Geschäfte sein könnten, die sich doppelt lohnen. In den nächsten Monaten wird im Iran wenig Ruhe zu erwarten sein.

Welcher Ausgang zu erwarten ist, berührt die Frage, ob die Ameisen sich zusammentun, wie Sa'adi in diesem Gedicht schildert:

"Eine einzelne Ameise kann gegen den Drachen nichts ausrichten, doch wenn die Ameisen sich zusammentun, können sie den Drachen häuten."

Weitere interessante Links:

www.spiegel.de/spiegel/print/d-13526533.html

www.zeit.de/1987/36/der-koran-ist-unser-programm/komplettansicht

gholamasad.jimdo.com/artikel/zur-soziogenese-der-islamischen-republik-im-iran/

mehriran.de/artikel/messianische-entschlossenheit.html

www.defenddemocracy.org/media-hit/david-adesnik-iran-spends-16-billion-annually-to-support-terrorists-and-rogue-regimes/

www.epochtimes.de/politik/welt/ruhani-warnt-hardliner-islam-im-iran-schwindet-a2321099.html

www.fnp.de/nachrichten/politik/Ruhani-warnt-Hardliner-Islam-im-Iran-schwindet;art46560,2878720

www.tagesschau.de/ausland/iran-rouhani-107.html

www.atlanticcouncil.org/publications/issue-briefs/iran-in-iraq

de.qantara.de/inhalt/politische-unruhen-im-iran-ein-bumerang-fuer-die-hardliner

https://de.qantara.de/inhalt/proteste-in-der-islamischen-republik-keine-revolution-reloaded-in-sicht

https://www.iranhumanrights.org/2011/07/upon-completion-of-2-year-sentence-unionist-faces-new-trial/

https://www.welt.de/politik/ausland/article172188224/Anti-Regierungs-Proteste-Haben-sich-die-iranischen-Hardliner-verrechnet.html?wtmc=socialmedia.facebook.shared.web

https://www.npr.org/sections/parallels/2018/01/03/575276110/dont-oversimplify-the-protests-in-iran

https://www.tachles.ch/product/19501/payment

https://www.politico.com/magazine/story/2018/01/02/iran-protests-the-other-iran-216211

https://www.infosperber.ch/Artikel/Politik/Iranischer-Januar-Versuch-einer-Interpretation


[1] www.nzz.ch/international/schuldzuweisungen-unter-irans-maechtigen-ld.1346734

[2] iranjournal.org/gesellschaft/organhandel-lukratives-geschaeft-im-iran

[3] www.heise.de/tp/features/Der-iranische-Mythos-3405717.html

[4] http://m.spiegel.de/politik/deutschland/ajatollah-shahroudi-seine-leibwaechter-landeten-mit-waffen-in-frankfurt-a-1187479.html

[5] Weiterhin hat die Islamische Republik die höchste Exekutionsrate der Welt, wie der UN-Hochkommissar für Menschenrechte auf der letzten Sitzung des Menschenrechtsrats festhielt. Und weiterhin werden Menschenrechtsaktivisten als Staatsfeinde behandelt, wie ein Bericht von Amnesty International vergangenen Sommer herausstellte.

[6] alischirasi.blogsport.de/2018/01/08/iran-das-boese-ausland/

[7] Die Astan-Quds-Razavi-Stiftung verwaltet die Finanzen des Imam-Reza-Schreins

[8] Offizielle Zahlen behaupten nur 622 Menschen seien festgenommen worden. Es gibt auch Schilderungen, wonach 8.000 Menschen verhaftet wurden. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

[9] english.shabtabnews.com/2018/01/13/iranian-teachers-union-blames-protests-on-state-mismanagement/

[10] www.youtube.com/watch

[11] www.bbc.com/news/education-36321628

[12] www.zeit.de/politik/ausland/2013-09/Nasrin-Sotoudeh

[13] journalismisnotacrime.com/en/wall/kasranouri/

[14] tavaana.org/en/content/dr-mohammad-maleki-educator-freedom-fighter

[15] www.n-tv.de/wirtschaft/Revolutionsgarden-kaempfen-um-Pfruende-article17069091.html

[16] de.qantara.de/inhalt/revolutionsgarden-und-religioese-stiftungen-im-iran-die-strippenzieher-der-wirtschaft

[17] www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-und-irak-teure-kriegseinsaetze-fuer-iran-a-1011460.html

[18] http://m.dw.com/de/un-bericht-iran-verletzt-waffenembargo-im-jemen/a-42134048?maca=de-rss-de-top-1016-rdf

[19] www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/aktuell/2017A27_sbg.pdf

[20] www.theguardian.com/world/2018/jan/09/iran-reopens-investigation-into-rafsanjani-death

[21] iranjournal.org/news/iran-drei-todesfaelle-in-gefaengnissen

[22] www.nytimes.com/2018/01/07/world/middleeast/iran-protests-arrests.html, beta.latimes.com/world/la-fg-iran-protest-arrests-20180109-story.html, georgiatoday.ge/news/8709/Calls-for-Prisoners-to-be-Freed-Following-Protests-in-Iran

[23] www.dw.com/de/iran-proteste-die-rolle-der-telegram-app/a-42032480

[24] http://mehriran.de/artikel/nachrichten-aus-dem-schattenreich-irans-verborgene-machtstrukturen-pulsieren.html

[25] www.wired.de/collection/tech/iran-deal-die-hacker-die-trump-ruft

[26] rsf.org/en/news/how-iran-tries-control-news-coverage-foreign-based-journalists

[27] iranwire.com/en/features/4224, alischirasi.blogsport.de/2016/11/07/iran-die-hoechsten-diebe-ajatollah-sadeq-laridschani/

[28] de.qantara.de/inhalt/interview-mit-dem-religionsgelehrten-seyed-mostafa-azmayesh-mit-dem-koran-gegen-die

[29] mehriran.de/artikel/steinigungen-sind-verrat-am-islam.html

[30] www.spiegel.de/politik/ausland/bassidsch-brigaden-wir-lieben-den-tod-a-420539-2.html

[31] www.trimondi.de/H.Krieg/Ahmadinejad.htm

[32] Caspian Credit Institution, english.shabtabnews.com/2018/01/13/irans-supreme-leader-blames-protests-on-everyone-but-himself/ 

[33] deutsch.rt.com/international/52499-mek-iranische-terrororganisation-unter-westlichen/,

iranjournal.org/politik/iran-mudschahedin-rajavi

[34] www.tabletmag.com/jewish-news-and-politics/239003/parsi-niac-advance-irans-agenda

[35] www.amnesty.de/mitmachen/urgent-action/einschuechterungen-und-morddrohung

[36] www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/161108-mrhh-mohammad-ali-taheri/285008

[37] www.welt.de/debatte/kolumnen/Iran-aktuell/article6580210/Der-Tag-des-Derwischs-im-Iran.html

[38] rezapahlavi.org

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news-1101 Sat, 13 Jan 2018 23:39:15 +0100 Sie verlangen Freiheit http://mehriran.de/artikel/sie-verlangen-freiheit.html mehriran.de - Nicht nur in Karlsruhe gehen Exil-Iraner zur Zeit auf die Straße. Der Antrieb sich lautstark für die alte Heimat stark zu machen, hat in den letzten Wochen Nahrung durch die Unruhen in Iran bekommen. mehriran.de - Seit Jahren stehen Frauen und Männer, die im Iran geboren wurden und in Deutschland eine sichere Heimat gefunden haben, am Samstag auf dem Ida-Ehre-Platz mitten in Hamburg und protestieren beharrlich und stumm gegen Menschenrechtsverletzungen im Iran. Es ist wie ein Ritual, es gehört zu Hamburg, so wie das Konsulat der Islamischen Republik Iran oder die Bank Melli Iran an der Holzbrücke. Das zeigt auch die beiden Gesichter und Stimmungen in der Stadt gegenüber dem Regime. Einerseits, der Linie der Bundesregierung folgend, sind gewichtige Erwartungen an Handelsbeziehungen geknüpft, andererseits gibt es neben den Stimmen der Exil-Iraner auch viele Bürgerinnen und Bürger, die sich gegen das Regime aussprechen, weil sie von den rabiaten Menschenrechtsverletzungen und anderen Umständen im Iran hören.

In Karlsruhe haben sich seit zwei Wochenenden Iranerinnen und Iraner ohne politische Zugehörigkeit versammelt. Sie wenden sich an die Mitbürgerinnen und Mitbürger und erläutern, warum sie auf die Straße gehen. Ihre Schilder gleichen den Aufrufen aus dem Iran. Sie fordern eine Ende der Diktatur, ein Ende der Herrschaft Ali Chameneis, keine Geschäfte mit den Mullahs und protestieren gegen Mahmoud Schahrudi, einen Regimevertreter, der in seiner Amtszeit unter anderen Todesurteilen auch Steinigungen und Kinderexekutionen angeordnet hat. Schahrudi hat sich vor Kurzem in einer deutschen Privatklinik behandeln lassen. Als bekannt wurde, dass er sich in Deutschland aufhält, brach ein Proteststurm los und mehrere Strafanträge wurden gegen ihn gestellt. Hals über Kopf hat er mit seinen Leibwächtern schließlich vor Ende der behandlung die Flucht ergriffen und ist zurück in den Iran geflohen.

Schirin Mazandan © mehriran.de

 

 

 

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news-1100 Mon, 18 Dec 2017 21:58:40 +0100 Iran nimmt Geiseln - die Welt schaut hin http://mehriran.de/artikel/iran-nimmt-geiseln-die-welt-schaut-hin.html mehriran.de - Am Samstag protestieren in Hamburg erneut Menschenrechtsorganisationen vor dem Konsulat der Islamischen Republik Iran. Die Menschenrechtssituation hat sich immer noch nicht substanziell verändert in diesem interessanten Land.
mehriran.de - Mehrere Menschenrechtsorganisationen hatten dazu aufgerufen, zusammen vor dem Iranischen Konsulat in Hamburg für die Freilassung politischer Gefangenen zu demonstrieren. Im Mittelpunkt der Aktion am Samstag, 16.12.'17 standen Narghes Mohammadi, Kazemeini Boroudscherdi, Ahmadreza Dschalili, Mohammed Ali Tâheri, Ramin Hossein Panahi, Nazanin Zaghari Ratcliffe. 
Die Menschenrechtsaktivisten gaben in einem Vorort Interview mit DorrTV zu verstehen, dass die weltweiten Proteste gegen die unablässigen Menschenrechtsverletzungen und die Willkürjustiz im Iran weiter gehen werden.
In Australien, Kanada, den USA und Europa finden immer wieder Proteste vor Vertretungen der Islamischen Republik Iran gegen die Menschenrechtsverletzungen des Regimes statt. Regierungen in Europa lavieren zwischen eigenen wirtschaftlichen Interessen im Iran und Protestnoten und geheimen Verhandlungen mit Vertretern des Regimes. Während die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung Bärbel Kofler das Regime im Iran immer wieder (hier und hier und hier) auffordert die Todesstrafe auszusetzen, rechtsstaatliche Verfahren zu garantieren oder politische Häftlinge bedingungslos frei zu lassen, streben Wirtschaftsminister Gabriel und zahlreiche Länderdelegationen nach guten Geschäften mit Iran, wo deutsche Produkte hoch im Kurs sind. Dabei scheinen die Wirtschaftskapitäne nur sehr oberflächlich informiert zu sein, denn hinter aalglatten, im Westen ausgebildeten Managern im Iran, stecken - zumindest in Großprojekten - die mächtigen Revolutionsgarden. Teile der ideologischen Kader der Revolutionsgarden betreiben im Inland die Verfolgung von ethnischen und religiösen Minderheiten und die Unterdrückung freiheitlicher Ansätze in Kunst, Kultur und Presse. Gleichzeitig fließen hohe Summen an den Auslandszweig der Pasdaran, die Quds-Armee. Sie ist für den Export der Revolution in andere Länder verantwortlich.

Manche Kommentatoren sprechen auch von Geiseln des Regimes, dessen Protagonisten den Westen mit den vielen Verhaftungen unter Druck setzt.

© Robert Walser für mehriran.de

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news-1099 Wed, 13 Dec 2017 22:27:32 +0100 Honigsüße Versprechungen eines Drachen http://mehriran.de/artikel/honigsuesse-versprechungen-eines-drachen.html mehriran.de - Mechanismus des Regimes im Iran, um Menschen in Geiselhaft zu nehmen und andere Staaten zu erpressen mehriran.de - Sie sind nicht völlig unbedeutend, doch haben sie auch nicht allzu großes Gewicht oder Einfluss. Sie haben einen iranischen Pass und ebenso einen Pass eines westlichen Landes. Sie reisen in den Iran, um Geschäfte zu tätigen, einen wissenschaftlichen Beitrag zu leisten oder ihre Ursprungsfamilie zu besuchen und werden an der Ausreise gehindert. Nazanin Zaghari Ratcliffe und Ahmadreza Dschalili sind zwei aktuelle Beispiele.

Wie dieser Mechanismus funktioniert

Was Terrororganisationen illegal machen, erlaubt sich das Regime im Iran unter dem Deckmäntelchen einer "unabhängigen" Justiz durchzuführen. Menschenraub, Erpressungen, Todesdrohungen, Folter. Die Justiz arbeitet im Auftrag der Revolutionshüter und setzt sich sogar über rechtliche Regularien und Procedere im eigenen Land hinweg. Personen mit iranischem Pass, die im Ausland leben sind besonders beliebte Ziele. Es kann sein, dass Personen mit iranischem Pass in den Iran fahren, um ihre Familie zu besuchen oder sie werden von einer iranischen Institution eingeladen. Vor einigen Jahren nachdem Rouhani Präsident geworden war, warb das Außenministerium bei Exiliranern dafür mit an der Entwicklung des Landes zu arbeiten und versprach mit honigsüßen Worten, dass man keine Komplikationen zu befürchten habe. Die Werbung betraf vor allem Wissenschaftler und Unternehmer. Ein Wink, den manche Exiliraner so deuteten, dass die Hardliner im Tiefenstaat gebändigt werden könnten und man nicht mit unvorhersehbaren Situationen konfrontiert würde. Jetzt sieht es aus, als hätte sich das Außenministerium verkalkuliert. Die Pasdaran scheren sich nicht um die Versprechen des Außenministeriums und verfolgen im Tandem mit der Justiz ihre eigene Agenda. 

Der Mechanismus der Personen Auswahl ist nicht durchsichtig, doch was nach ihrer Verhaftung geschieht schon. Und es gibt Variationen. Am deutlichsten wird die Grundvariante am Fall von Dschalili. Bei seinem Aufenthalt nach Einladung der Universität Teheran in Iran wird er vom Geheimdienst zu einem Gespräch eingeladen und gebeten zu kooperieren und Informationen aus dem Ausland in den Iran zu schicken. Dschalili lehnt ab mit der Begründung, dass Spionage nicht sein Metier sei und er sich nur auf seine wissenschaftliche Arbeit konzentriere. Die freundlichen Herren lassen ihn wieder gehen. Im Hintergrund wird jedoch der nächste Schritt eingeleitet, die Verhaftung und Anklage wegen Spionage für - in diesem Fall - Israel. Dschalili wird über die Gründe im Dunkeln gelassen und dem Richter vorgeführt ohne Akteneinsicht erlangt zu haben oder von einem Anwalt seiner Wahl vertreten zu werden. Es erfolgt eine rasche Verurteilung zum Tode wegen "Feindschaft zu Gott". Einspruch wird nicht erlaubt oder durch Verschleierung der Zuständigkeit verhindert. Wie Amnesty berichtet, wurde Dschalili auf Grund von Geständnissen, die unter Folter erpresst wurden, verurteilt.

Ein zum Tode verurteilter, im Westen lebender Wissenschaftler mit iranischem Pass löst im Westen viel Sorge um sein Leben aus. Verschiedene politische Vertreter aus dem Westen beginnen sich für ihn einzusetzen und es laufen Gespräche hinter verschlossener Türe. Bei diesen Gesprächen geht es nicht um humanitäre Aspekte, die zur Freilassung führen sollen, sondern um Geld. Iran will Stärke zeigen und sich ein Zubrot verdienen, das es gleich weiterfließen lässt. Vermutlich geht zumindest ein Teil der Gelder in die zahlreichen Auslandsprojekte der Revolutionswächter.

Ahmadreza Dschalili wurde am 21. Oktober 2017 von dem berüchtigten Richter Abolghassem Salavati am Gerichtshof der Revolutionsgarden wegen Feindschaft zu Gott (Moharebeh) zum Tode verurteilt. Er arbeitete regulär als Katastrophen Mediziner. In einem Brief vom April 2016, beschuldigt Dschalili den Iran ihn verhaftet zu haben, weil er sich geweigert habe, Zuträger für den Geheimdienst zu sein. Dschalili lebte davor mit seiner Familie in Schweden und reiste im April 2016 auf Einladung der Teheraner Universität in den Iran ein. Bei der Einreise wurde ihm der Pass abgenommen. Die Behörden warfen ihm vor Geheimnisse zum Atomprogramm an den Mossad verraten zu haben. Sein Fall hat international viel Aufsehen erregt und man versucht von Seiten der Europäer Hilfe anzubieten. Er durfte bisher keine Dokumente und auch nicht sein Urteil einsehen. Jetzt wurde sein Antrag auf Revision abgelehnt und die Todesstrafe bestätigt. Das bedeutet er könnte bald hingerichtet werden.

Der Fall Zaghari Ratcliffe

Eine weitere Variante ist der Fall der Reuters-Stiftung Projektmanagerin Nazanin Zaghari Ratcliffe. Sie wollte von einem Familienbesuch in Teheran zusammen mit ihrer 2-jährigen Tochter im April 2016 nach Großbritannien zurückfliegen. Doch die Pasdaran nahmen ihr den Pass ab. Sie kam in Haft und wurde im September 2016 zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Ihre Tochter darf ohne die Mutter nicht ausreisen und lebt bei den Großeltern. Ihr Mann Richard Ratcliffe, Buchhalter in Fleet, gibt immer wieder großen Zeitungen Interviews und hat eine Kampagne zur Freilassung seiner Frau auf den Weg gebracht. Auch in diesem Fall ist zu vermuten, dass im Hintergrund ein Freikauf stattfinden wird, nachdem Boris Johnson, Außenminister Großbritanniens, vor kurzem zu Verhandlungen in den Iran geflogen ist. So sagt Richard Ratcliffe in einem Interview mit DW: "Wenn die britische Regierung bereit wäre, den Revolutionsgarden entgegen zu kommen, würden sie die Anklage fallen lassen."

Von der Bild-Zeitung wird über sein Verhältnis zu Iran so zitiert:

"In den vergangenen drei Monaten habe er viel über den Iran gelernt, sagt Ratcliffe. Er hatte zuvor nie einen politischen Blick auf das Land. "Für mich war der Iran ein Urlaubsland, mit gutem Essen, wo wir schöne Zeiten mit Nazanins Familie verbracht haben", sagt er. "Es ist schockierend, wie wenig Rechtsstaat dort existiert."

© Gyula Fekete, Budapest für mehriran.de

Weitere Infos:

shabtabnews.com/2017/12/11/تایید-حکم-اعدام-احمدرضا-جلالی،-پزشک،-پ/

english.shabtabnews.com/2017/12/12/supreme-court-upholds-swedish-resident-ahmedreza-djalalis-death-sentence/

english.shabtabnews.com/2017/12/06/behind-the-scenes-of-dr-mohammad-ali-taheris-case/

www.amnesty.org/en/latest/news/2017/10/iran-prominent-academic-sentenced-to-death-after-grossly-unfair-trial/

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news-1098 Wed, 13 Dec 2017 13:14:54 +0100 Menschenrechte für Iran http://mehriran.de/artikel/menschenrechte-fuer-iran.html mehriran.de - Demonstration zur Freilassung aller politischen Gefangenen im Iran am Samstag, 16.12.2017 zwischen 13:00 - 14:30 Uhr vor dem Konsulat der I.R.I., Bebelallee 18, Hamburg. mehriran.de - Im Fokus der Demonstration steht aus aktuellem Anlass vor allem der Katastrophenmediziner Ahmadreza Jalili. Dazu Mohammed Ali Tâheri, Ramin Hossein Panahi, Nazanin Zaghari Ratcliffe und Kazemeyni Boroujerdi. Jalili wurde im Oktober zum Tode verurteilt. Sein Todesurteil wurde letzte Woche noch einmal bestätigt und es droht seine Hinrichtung. Gegen Tâheri haben die Pasdaran neue Anschuldigungen erhoben, nachdem er zwei Mal vom Obersten Gericht von der Todesstrafe freigesprochen wurde. In beiden Fällen wurden die Anwälte unter Druck gesetzt sich zurückzuziehen, damit staatlich bestellte Anwälte eingesetzt werden. Wie aus anderen Fällen bekannt, würde der Rückzug der Anwälte die Garantie für eine endgültige Verurteilung erhöhen, denn die Kooperationsbereitschaft der bestellten Anwälte mit dem Staatsanwalt lässt sich geschmeidiger organisieren. Panahi's Schicksal ist ungewiss, er könnte bereits heimlich hingerichtet worden sein. Frau Zaghari ist immer noch in Haft, obwohl der Britische Außenminister Boris Johnson sein Gewicht für ihre Freilassung bei einem kürzlich durchgeführten Besuch im Iran eingesetzt hat.

Um die Demonstration frei zu halten von politischen Zuschreibungen durch die Behörden im Iran, bitten wir alle TeilnehmerInnen an der Demonstration ohne Gruppen oder Interessenspezifische Fahnen, Plakate und sonstige Mittel zu kommen. Hingegen sind Bilder und Aufrufe zur Freilassung aller politischen Gefangenen und insbesondere für Jalili, Tâheri, Panahi, Nazanin Zaghari Ratcliffe und Kazemeyni Boroujerdi willkommen.

Zur gemeinsamen Demonstration rufen auf, Verein zur Förderung von Demokratie und Menschenrechte im Iran aus Hamburg, Dachorganisation der Iraner in Hamburg-Hamayesch, Verein zur Unterstützung des Kampfes des iranischen Volkes, Erfan-e Halghe, Karamat e.V., Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte.

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news-1097 Fri, 10 Nov 2017 10:13:54 +0100 Erinnerungsarbeit im Iran http://mehriran.de/artikel/erinnerungsarbeit-im-iran.html mehriran.de - Parastou Forouhar stammt aus dem Iran. Die Künstlerin reist jedes Jahr in das Land ihrer Vorfahren, wo sie sich mit engagierten Menschen trifft, um an die Morde an ihre Eltern zu erinnern und in stillem Gedenken an den brutalen Mord an ihren politisch aktiven Eltern. Jedes Jahr schickt sie im Vorfeld ein Schreiben mit der Bitte um Unterstützung. Öffentliche Wahrnehmung kann ihr Leben schützen. Wir unterstützen ihr Anliegen in dem wir den vollen Text ihres Briefes veröffentlichen. mehriran.de - Am kommenden Samstag reise ich nach Teheran, um meiner Eltern Parvaneh und Dariush Forouhar zu gedenken, die vor neunzehn Jahren im Zuge einer politischen Mordreihe durch Agenten des Geheimdienstes der Islamischen Republik Iran ermordet wurden. Wie die Jahre zuvor werde ich versuchen, am Todestag meiner Eltern am 22. November eine Gedenkfeier in ihrem Haus abzuhalten. Auch wenn seit Jahren eine Zusammenkunft an diesem Tag durch die Kontrollorgane des Regimes verhindert wird, bleibt dieser Anlass eine Möglichkeit, um Erinnerungsarbeit zu leisten, die Öffentlichkeit für das Thema wieder zu sensibilisieren und eine Gemeinschaft zu bilden, die die Aufklärung der politischen Verbrechen im Iran einfordert. 
Meine langjährigen Bemühungen diesen Prozess voranzutreiben wurden zunehmend erschwert, doch in den letzten beiden Jahren erreichten die mir auferlegten Drohungen neue Dimensionen. In meinem Reisebericht von 22.01 habe ich diese Vorgänge beschrieben: http://parastou-forouhar.de/wie-man-aus-einer-anklagerin-eine-angeklagte-macht-reisebericht-teheran-nov-dez-2016/#more-2416
Nun muss ich am 25. November einer Vorladung des Revolutionsgerichts folgen. An diesem Tag wird die Klage des Informationsministeriums der Islamischen Republik gegen mich bezüglich der “Propaganda gegen das System” und der “Beleidigung von Sakrosanktem“ verhandelt. 
Ob an diesem Tag ein Urteil gefällt wird, ist nicht sicher. Das Recht, „Widerspruch einzulegen“ und ein Revisionsverfahren einzuleiten bleibt mir erhalten.
Die Entscheidung, der gerichtlichen Vorladung zu folgen und mich der Situation zu stellen fiel mir nicht leicht. Meine Abwesenheit bei dieser Verhandlung hätte aber nach sich ziehen können, dass ich auf unbestimmte Zeit nicht mehr einreisen kann.Das Recht, den Iran zu bereisen, möchte ich so weit wie möglich nicht verlieren. Ich habe eine tiefgehende Beziehung zu dem Land, in dem ich aufgewachsen bin - und auch zu zahlreichen Menschen, die sich dort mühselig für eine freiere Gesellschaft einsetzen. Ebenso möchte ich die Erinnerungsarbeit, die ich seit Jahren vorantreibe, vor Ort fortsetzen können.  Hierbei möchte ich Sie um Ihre Solidarität und Unterstützung bitten.

Mit freundlichen Grüssen,Parastou Forouhar 

http://parastou-forouhar.de/http://parastou-forouhar.de/blog/

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news-1096 Thu, 02 Nov 2017 15:12:44 +0100 Justiz im Iran als politisches Säuberungsinstrument? http://mehriran.de/artikel/justiz-im-iran-als-politisches-saeuberungsinstrument.html mehriran.de - Immer wieder rückt der Leiter der Justiz, Sadegh Laridschani, in ein Licht, das den Schluss nahelegt, der Justizapparat sei dazu installiert, politische Gegner zu beseitigen und Gruppen und Individuen zu verfolgen, die nicht in Linie mit der politischen Linie einiger mächtiger Protagonisten im Iran sind. mehriran.de - Es ist still geworden im Iran. Die einst eifrig Kritik am System und an Verhältnissen im Iran übenden Vizepräsident Dschahangir und Präsident Rouhani schweigen. Zuerst schwieg Dschahangir, nachdem sein Bruder unter Vorwänden verhaftet wurde. Danach änderte auch Rouhani seinen Kurs. Sein Bruder wurde ebenso unter absurden Vorwürfen verhaftet. Seither hört man von den beiden keine kritischen Töne dem Obersten Führer und anderen mächtigen Männern gegenüber. Der einzige, der sich gegen die Willkür der Justiz im Iran aufzulehnen scheint ist ausgerechnet der frühere Präsident Ahmadinedschad. Ahmadinedschad scheint über Wissen und Dokumente zu verfügen, die ihm einen gewissen Bonus verschaffen. Was passiert da?


Mahmoud Ahmadinedschad, Präsident der I.R.I. von 2005 - 2013

Die Verfassung der I.R. Iran sieht eine Gewaltenteilung vor. Judikative, Exekutive und Legislative sind zwar getrennt, doch wird die Trennung durch Verquickung zwischen staatlichen und religiösen Institutionen und Interessen de facto aufgehoben. Wächterrat und Expertenrat sind durchsetzt mit religiösen Würdenträgern, ihr wichtigster Auftrag ist die Erhaltung des Systems in Zusammenarbeit mit dem Obersten religiösen Führer. Der Oberste Führer wählt den Vertreter der Judikative aus und kontrolliert auch sonst über seine religiösen Vertreter viele Bereiche des Lebens, wie zum Beispiel, die scheinbar unabhängigen religiösen Stiftungen. Die größte Stiftung wird von dem bei der letzten Wahl zum Präsidenten gescheiterten Ebrahim Raeissi geleitet. Er gehört zu den sogenannten Hardlinern, einem Netzwerk miteinander sympathisierenden und kooperierenden Vertreter des Tiefenstaats, die sich für Gebrauch von Gewalt zu Herrschaftszwecken und zum Erhalt sowie zur Expansion der Herrschaft des Velayat-e faghi stark machen. Im Zweifel nimmt sich der Oberste Führer das Recht heraus Prinzipien der Religion zu verletzen, um das System zu erhalten. Interessanterweise sagen einige Kenner der Verhältnisse im Iran, hält sich das System im Iran, weil es ihm heilige Prinzipien über Jahrzehnte selbst verletzt.

Seit 2009 steht Sadegh Laridschani der Justiz im Iran vor. Seit geraumer Zeit werden verschiedenste Korruptionsvorwürfe, die gut dokumentiert sind, gegen den Chef der Justiz erhoben. Wie iranische Medien im Ausland berichten, hat der Internet-TV-Kanal DorrTV am 23. Oktober 2016 aufgedeckt, dass unter dem Namen Sadegh Laridschani 63 Bankonten bei der iranischen Nationalbank verzeichnet sind. Von diesen Konten fliessen offensichtlich jährlich 62 Millionen Euro (250 Milliarden Tuman) Zinsen in die Taschen Laridschanis. Die deutliche Reaktion des Oberhaupts der Justiz ließ nicht lange auf sich warten. Mitarbeiter der Bank wurden verhaftet und hochrangige Minister zur Rede gestellt, weswegen sie sich um die Sache kümmern. Sadegh Laridschani nutzt das Instrument der Justiz offensichtlich auch für persönliche Vorteile. Mittlerweile spricht man zwar nicht mehr offen über diese Korruption, doch der Fall hat vielen Iranerinnen und Iranern die Augen über die Verhältnisse im Iran geöffnet.


Sadegh Laridschani, Chef der Justiz im Iran

Nader Ghazipour, ein Mitglied des Parlaments aus der Provinz Urmia, gilt als harter Hund, der sich auch schon gerne im Parlament damit gebrüstet hat, während des Iran-Irak Krieges seinen Untergebenen befohlen zu haben, 200 gefangene Iraker zu exekutieren. Vor der letzten Wahl zum Parlament hat er seinen Gegenkandidaten auf handfeste Weise davon überzeugt lieber nicht gegen ihn anzutreten. Ghazipour nimmt auch kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, weiblichen Abgeordneten in seiner groben Sprechweise klar zu machen, dass sie sich lieber zu Hause um die Erziehung der Kinder zu kümmern haben und das Parlament nicht der richtige Ort für sie ist.

Dieser berüchtigte Parlamentarier leitet nun eine parlamentarische Kommission, die den Auftrag hat, Vergehen des unter Mahmoud Ahmadinedschad dienenden Vizepräsidenten Hamid Baghai aufzudecken.


Hamid Baghai, Vizepräsident unter M. Ahmadinedschad

Die Kommission scheint sehr erfolgreich gearbeitet zu haben, denn vor kurzem präsentierte Ghazipour im Parlament eine lange Liste von Vorwürfen ohne Dokumente dazu vorzulegen. Baghai reagierte prompt per Telegramm, einem social media Portal, das im Iran sehr häufig genutzt wird. Darin forderte Baghai den berüchtigten Ghazipour auf, doch bitte innerhalb von 24 Stunden Dokumente zu seinen Vorwürfen vorzulegen, sonst solle er doch beweisen, dass er der Sohn seines Vaters sei. Dies kann als eine offensichtliche Beleidigung gewertet werden, die gegenüber einem nicht zimperlich agierenden Machtmenschen ein großes Risiko darstellt.

Am nächsten Tag fertigte der Parlamentarier den ehemaligen Vizepräsidenten mit dem Hinweis auf die nationale Sicherheit ab, warum diese Dokumente nicht eigesehen werden könnten. Daraufhin forderte Baghai Ghazipour wiederum öffentlich auf, seine leeren Anschuldigungen zu lassen, denn er wolle nicht schon wieder auf Grund leerer Anschuldigungen Folter und psychologischem Druck im Gefängnis ausgesetzt werden. Baghai hat schon einige Monate wegen ähnlicher Vorwürfe im Gefängnis verbracht.

Beobachter der Ereignisse im Iran werten diesen Angriff auf Baghai als Versuch Ahmadinedschads Team in Vorarbeit auf die kommenden Präsidentschaftswahlen zu dezimieren. Man will mit aller Macht verhindern, dass sich Ahmadinedschad wieder zur Wahl stellt.

Dem jetzigen Parlamentspräsident Ali Laridschani werden Ambitionen auf das Amt des Präsidenten nachgesagt. Präsident Rohani kann sich nach zwei Amtsperioden zunächst nicht wieder zur Wahl stellen. Der Laridschani Klan ist im Iran sehr gut vernetzt und bekannt.


Ali Laridschani, Parlamentspräsident

Ali Laridschani ist Bruder des Leiters der Judikative, Sadegh Laridschani. Die nächste Präsidentschaftswahl im Iran steht in gut drei Jahren an. Das scheint ausreichend Zeit zu lassen, um die Umgebung so vorzubereiten, dass die Ernte in den Korb der Laridschanis fällt.

Gyula Fekete, Budapest © für mehriran.de 

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news-1095 Wed, 01 Nov 2017 10:08:59 +0100 Iran - "Sprich nicht mit den Medien, sonst bist du tot" http://mehriran.de/artikel/iran-sprich-nicht-mit-den-medien-sonst-bist-du-tot.html mehriran.de/Amnesty International - Amnesty International hat im August eine Unterschriften Aktion für S.H.K. Boroudscherdi veranlasst. Wie die Amnesty Ko-Gruppe für Iran in Deutschland in einem Sendschreiben an die Mitglieder schreibt, "sind die Schikanen gegen ihn leider immer weitergegangen." Der Satz "Sprich nicht mit den Medien, sonst bist du tot" ist üblich gegenüber politischen- und Gewissensgefangenen im Iran. Man versucht den Betroffenen und seine ganze Familie mit solchen Sätzen einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Hier folgt ein Aufruf Briefe an zuständige Personen zu schreiben. mehriran.de/Amnesty International  - Der regimekritische Geistliche Sayed Hossein Kazemeyni Boroudscherdi sieht sich extremem Druck durch die iranischen Behörden ausgesetzt, seit er am 4. Januar vorübergehend aus gesundheitlichen Gründen aus der Haft entlassen wurde. Seither gleicht seine Situation einem Hausarrest ohne gerichtliche Anordnung und Kontrolle. Seine Bewegungsfreiheit wird durch die Behörden stark eingeschränkt. Sayed Hossein Kazemeyni Boroudscherdi darf sein Zuhause in Teheran nur verlassen, um Termine im Krankenhaus oder beim Arzt wahrzunehmen. Niemand darf ihn besuchen und sein Zuhause wird rund um die Uhr von Beamten des Sondergerichts für Geistliche überwacht. Seit seiner Entlassung wurde er zweimal vor Gericht zitiert, einmal am 15. April und erneut am 8. August. Dabei wurde er eingeschüchtert und man drohte ihm, ihn zurück ins Gefängnis zu bringen. Häufig erschienen Angestellte des Gerichts bei ihm zuhause, die ihn warnten nicht mit den Medien zu sprechen, sonst würden sie ihn töten.

Der Gesundheitszustand von Herrn Boroudscherdi ist nach wie vor schlecht. Seit seiner Entlassung hat er medizinische Behandlung erhalten und es wurden Untersuchungen durchgeführt, dennoch leidet er weiterhin unter zahlreichen Erkrankungen. Einige davon sind während seiner Inhaftierung entstanden und durch die Verweigerung der medizinischen Behandlung hat sich sein Zustand weiter verschlechtert. Zu seinen Erkrankungen zählen Nierenprobleme, starke Gelenkentzündungen, ein Bandscheibenvorfall im Lendenbereich und die Einengung des Spinalkanals (Spinalstenose). Dies verursacht Taubheit und Kribbeln in Händen und Füßen sowie Rücken- und Beinschmerzen. Zudem hat er Schwierigkeiten beim Laufen, beim Ausführen alltäglicher Bewegungen und leidet an Kurzatmigkeit und bricht häufig zusammen. Die Ärzte haben ihm mitgeteilt, dass sein schlechter Gesundheitszustand durch die Jahre im Gefängnis verursacht wurde, durch die dortigen unhygienischen Zustände, die mangelhafte Ernährung und die fehlende medizinische Versorgung.

Sayed Hossein Kazemeyni Boroudscherdi war am 8. Oktober 2006 festgenommen worden. Nach einem Verfahren vor dem Sondergericht für Geistliche, das nicht den internationalen Standards für faire Gerichtsverfahren entsprach, wurde er im August 2007 zu elf Jahren Haft verurteilt. Die Anklage wurde wegen seines Eintretens für die Trennung von Religion und Staat erhoben. Sayed Hossein Kazemeyni Boroudscherdi hat noch einige Monate seiner Strafe zu verbüßen und könnte jederzeit ins Gefängnis zurückgebracht werden.

Amnesty International hat im August eine Unterschriften Aktion für Boroudscherdi veranlasst. Wie die Amnesty Ko-Gruppe für Iran in Deutschland in einem Sendschreiben an die Mitglieder schreibt, "sind die Schikanen gegen ihn leider immer weitergegangen. Mehrmals haben wir Nachrichten über Angriffe von Behörden auf ihn und sein Haus und auch auf Verwandte und Freunde. Die letzte dieser Aktionen ist erst wenige Tage her. Wir haben deshalb beschlossen, auf Grundlage der letzten  Eilaktion einen Appellbrief zu schreiben, für den ihr Unterschriften sammeln könnt. Bitte schickt die Briefe gleich in den Iran, damit die Verantwortlichen wissen, dass wir aufmerksam sind und sehen, was sie tun."Weiterhin ruft die Gruppe dazu auf Kopien der Briefe auch an den Botschafter Irans in Deutschland und Präsident Rouhani zu schicken:

Präsident
Hassan Rouhani
The Presidency
Pasteur Street, Pasteur Square
Tehran, IRAN

Botschaft der islamischen Republik Iran
S.E. Herrn Ali Majedi
Podbielskiallee 65-67
14195 Berlin
Fax: 030-83 222 91 33
E-Mail: info@iranbotschaft.de

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news-1094 Mon, 30 Oct 2017 01:19:52 +0100 Erneuter Freispruch für Mohammed Ali Tâheri http://mehriran.de/artikel/erneuter-freispruch-fuer-mohammed-ali-taheri.html mehriran.de - Richter Niâzi aus Qom, letzte Instanz im Fall des Lehrer und Heilers Mohammed Ali Tâheri, entscheidet nach ausgedehnten Anhörungen auf Freispruch und erklärt alle Vorwürfe gegenüber dem Gründer der Erfân-e Halghe Gruppe für nichtig.
mehriran.de - Wie DorrTV nach einem Interview mit einer von Mohammed Ali Tâheris Anwältinnen berichtet, erfolgte der Freispruch für Tâheri nach einer gründlich vorbereiteten und durchgeführten Anhörung am Samstag, 27.10.2017.


Mohammed Ali Tâheri

Mohammed Ali Tâheri wurde bereits zwei Mal zum Tode verurteilt und jetzt zum zweiten Mal von allen Vorwürfen frei gesprochen. Der Fall hat nach jahrelangen intensiven Protesten durch verschiedene Menschenrechtsgruppen und Anhänger des beliebten Lehrers auch im Ausland Aufmerksamkeit erhalten. Insbesondere die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte (IOPHR) setzte sich nachhaltig für Tâheri ein. Sowohl Protestaktionen in den Straßen Europas und der USA wurden von der Organisation in die Wege geleitet, als auch durch Publikationen auf die Gefahren einer Verurteilung Tâheris hingewiesen. Auch in rechtlicher Hinsicht haben kundige Mitglieder der IOPHR mit sachdienlichen Hinweisen die Anwälte im Iran unterstützt. Wie Zeynab Tâheri, Anwältin von Mohammed Ali Tâheri, die trotz Namensgleichheit nicht verwandt mit ihrem Mandant ist, im Interview mit DorrTV mitteilte, wurde der Fall nach intensiven Beratungen durch den Richter Niâzi endgültig mit einem Freispruch an eine niedere Instanz übergeben, um die genauen Bedingungen einer Haftentlassung zu klären.


Strassenaktion für Tâheri in Hannover

Richter Niâzi hatte den Gefangenen nach Qom bringen lassen, um sich ein eigenes Urteil bilden zu können und nicht auf fabrizierte Berichte zurückgreifen zu müssen. Nach der Befragung von Mohammed Ali Tâheri berief er eine Anhörung mit Repräsentanten verschiedener Regimebereiche ein. So war ein Vertreter des Obersten Führers Ali Khamenei, ein Regierungsmitglied, der höchste schiitische Gelehrte im Iran, Dschavad Amoli, sowie ein Vertreter der Pasdaran eingeladen, um den Fall gründlich zu diskutieren und zu einer endgültigen Entscheidung zu führen. Aus der Vorgeschichte des Falls ist bekannt, dass insbesondere eine Gruppe innerhalb der Pasdaran auf seine unbedingte Verurteilung zum Tod hingedrängt hat. Diese Gruppe ist in engstem Zusammenhang mit dem ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Ebrahim Raeissi zu sehen.


Vor dem Gebäude der "Zeit" in Hamburg

Zuletzt hatte sich auch die international bekannte Anwältin Nasrin Sotoudeh zu dem Fall geäussert. Die Familie Tâheris gab jedoch auf offizielle Anfrage an, Frau Sotoudeh handle ohne den Auftrag der Familie.

Für Außenstehende scheint der Fall paradox zu sein, denn einerseits ist die Abhängigkeit der Justiz vom Willen des Obersten Führers auf Grund der konstitutionellen Mechanismen erkennbar, andererseits überrascht die Entscheidung Niâzis für einen Freispruch. Tâheri hat ein wahres Martyrium im Gefängnis durchlitten. Mehrere Hungerstreiks, zwei Mal wurde er zum Tode verurteilt, nach Widerspruch durch seine Anwälte wiederum zwei frei gesprochen, fast entlassen, aber selbst nach Zahlung einer horrenden Summe, doch im Gefängnis behalten, nur um erneut mit Vorwürfen belastet zu werden. Die täglichen Schikanen, Verweigerungen medizinischer Hilfe und psychische Folter muten dabei fast schon als Petitessen an. 

Man kann vermuten, dass sich hier ein mutiger Richter zu einer gewissen Unabhängigkeit durchgerungen und sich durch den aufwendigen Prozess eine Legitimation für seine Entscheidung bereitet hat. Man kann auch zwei Tendenzen innerhalb der Nomenklatura Irans erkennen: die einen setzen auf Justizmorde, um Macht auszuüben, Präzedenzfälle zu schaffen und Schrecken zu verbreiten, die anderen berücksichtigen vielleicht die Wirkung auf die internationale Gemeinschaft, den Ruf islamischer Rechtsprechung und das Überleben des Regimes, wenn es nicht zu sehr über die Stränge schlägt.

Solche Mutmaßungen lassen sich natürlich erst näher erläutern, wenn ein Ende des Regimes erfolgt ist und viele Protagonisten sich ihr Gewissen erleichtern werden, indem sie endlich den Mund aufmachen und die wirklichen Verhältnisse im Iran benennen.

Das Zitat eines iranischen Denkers im Exil, macht nochmal dien Grund klar, warum die Justiz im Iran tendenziell nicht unabhängig ist:

“Since the judicial system is functioning under the direct leadership of the Supreme Leader and since the Supreme Leader’s main task is to safeguard the regime, as a result, the judicial system in the Islamic Republic of Iran cannot be considered as a body which maintains the law but one that maintains the regime. Hence, there are no clear boundaries between the judiciary, Revolutionary Guards, the Basij, police and the intelligence services. And therefore, hidden and open interference and interventions is seen.” (Mehdi Khalaji, “Judicial System and Rule of Law”, BBC Persian, August 16, 2009.) 

Weitere Infos zu dem Fall:
mehriran.de/fa/article/hannover-erlebt-musikalische-karawane-fuer-die-menschenrechte-im-iran.html
mehriran.de/fr/articles/weltweite-solidaritaet-fuer-mohammad-ali-taheri.html
mehriran.de/fa/article/vom-alex-bis-zum-brandenburger-tor-musikalische-strassenaktion-fuer-gewissensgefangene-im-iran.html
mehriran.de/fr/articles/mahnwache-fuer-mohammed-ali-taheri-am-kroepcke.html
mehriran.de/nl/artiklen/iran-mohammed-ali-taheri-gefangener-der-ideologen.html
mehriran.de/fr/articles/hannover-spielt-mit-protest-gegen-unrechtsjustiz-im-iran.html
mehriran.de/en/article/freiheit-fuer-alle-politischen-insassen-und-gewissensgefangenen-im-iran.html
mehriran.de/en/article/karawane-der-freiheit-in-hannover.html

Helmut N. Gabel © für mehriran.de 

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news-1092 Sun, 29 Oct 2017 15:34:45 +0100 "Kyros ist unser Vater, der Iran ist unser Land" http://mehriran.de/artikel/kyros-ist-unser-vater-der-iran-ist-unser-land.html mehriran.de - Tausende Menschen sind heute im Iran nach Pasargade zum Grab des Achämeniden Kyros dem Großen gepilgert. Eine Ohrfeige für die herrschenden Ideologen. mehriran.de - Heute ist der Geburtstag Kyros des Großen. Heute ist der 7 Âban nach iranischer Zeitrechnung (29.10.). Seit einigen Jahren haben die Iranerinnen und Iraner den Achämeniden König als Identifikationsfigur wiederentdeckt und fahren in Scharen nach Pasargadae, einem Ort auf 1.900 m Höhe im Zagros Gebirge, Iran. Beobachter sprechen schon seit einiger Zeit von einer deutlichen Botschaft mit friedlichen Mitteln an das Regime. 

Auch heute haben sich laut Berichten aus dem Iran Millionen Menschen auf den Weg nach Pasargadae gemacht. Hubschrauber kreisen über dem Plateau, Bassidschi und Pasdaran Einheiten blockieren Zufahrten und verhaften zahlreiche Menschenrechtsaktivisten, die sich auf den Weg zum Grabmal des Großkönigs gemacht haben. Doch die Bevölkerung lässt sich nicht abschrecken weite Wege auf sich zu nehmen, um zu diesem Geschichtsträchtigen Ort zu gelangen, wo man seiner Verzweiflung über die herrschende Kaste im Iran Luft lassen kann und gleichzeitig der Welt zeigen kann, an welche Werte man glaubt.
Kyros der Große ist in die Geschichte eingegangen durch einen berühmt gewordenen Tonzylinder, der ihm zugeordnet wird. Dieser Tonzylinder wird als erstes Dokument, das den Respekt eines Machthabers vor Andersdenkenden und Vielfalt im Glauben bekundet. Kyros gilt als Befreier der Juden aus babylonischer Gefangenschaft und Bekämpfer diktatorischer Territorialherren.


Kyros-Zylinder

Schon letztes Jahr nutzten Tausende Iraner den Gedenktag, um ihre Ablehnung des gegenwärtigen Systems im Iran zu äußern und Kyros zu huldigen. Dazu berichtete Reinhard Baumgarten im Deutschlandfunk im Januar 2017 von der Enttäuschung vieler Menschen vom Staatsislam und der Rückbesinnung auf die iranische Geschichte.

Pasargadae war die erste Residenz des Perserreichs unter den Achämeniden. Die heutige Ruinenstadt liegt ca. 130 km nordöstlich von Schiraz. Der elamitische Name lautet Batrakatasch. Die heutige geläufige Bezeichnung ist eine griechische Transkription des altpersischen Namen Pathragada. 


Pasargadae, steinernes Haus, Grabmal

Der Ort wurde von dessen erstem König Kyros II. bzw. von seinem Nachfolger Kambyses II. zwischen 559 v. Chr. und ca. 525 v. Chr. aufgebaut. Heute sind noch einige Ruinen der Paläste mit Monumentaltoren, Apadana und dem Empfangspalast mit reichem plastischem Schmuck zu sehen. Im heiligen Bezirk liegt der Feuertempel mit Altären und das Grabmal Kyros II. auf einem Sockel aus sechs Steinstufen, auf dem der Kenotaph in Form eines kleinen Steinhauses aufgesetzt ist. Die Stadt verfügte über ein ausgeklügeltes, unterirdisches Bewässerungssystem.

Helmut N. Gabel © für mehriran.de

 

 

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news-1091 Sat, 28 Oct 2017 11:04:57 +0200 Präsident Rouhani, lösen Sie Ihr Versprechen ein, Menschenrechte für die Bevölkerung Irans umzusetzen! http://mehriran.de/artikel/praesident-rouhani-loesen-sie-ihr-versprechen-ein-menschenrechte-fuer-die-bevoelkerung-irans-umzusetzen.html mehriran.de - Aus Anlass der 200 Jahr Feier der Baha'i hat die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte einen Appell an den Präsidenten der Islamischen Republik Iran, Hassan Rouhani, veröffentlicht, seine Versprechen die Vielfalt der Religionen und Weltanschauungen zu schützen, umzusetzen.
IOPHR – Während seiner Präsidentschaftskampagne 2013 sprach Präsident Rouhani wiederholt über die Wertegesellschaft im Land und versprach immer wieder sich im Falle seiner Präsidentschaft, um die Rechte aller Mitbürgerinnen und Mitbürger im Iran zu kümmern, ohne Rücksicht auf deren Glauben, Weltanschauung oder Religionszugehörigkeit. Gleichzeitig betonte er damals, dass allen Bürgern und Bürgerinnen gleiche Rechte gewährt würden und versprach im gesamten Land Iran, Verantwortung auf Grundlage von Qualifizierung und Begabungen der Menschen zu verteilen. Darüber hinaus gab er bekannt, dass alle gleichbehandelt, gleiche Chancen für ökonomisches Wachstum erhalten und auch in Fragen der Bildung gleichgestellt werden würden.

Nach seinem Wahlsieg im Jahr 2013 und während der anschließenden 11. Präsidentschaftsperiode hat Herr Rouhani versäumt, seine der Bevölkerung Irans öffentlich vorgetragenen Versprechen zu erfüllen. Die einzige Maßnahme seiner ersten Amtsperiode, die umgesetzt wurde, war die Ausarbeitung eines Pamphlets unter dem Titel "Bürgerrechte". Dieses auch von seinem Kabinett mitgetragene Werk wurde erst in den letzten Tagen der elften Regierung veröffentlicht.

Während seiner Wiederwahlkampagne Anfang 2017 wiederholte der Kandidat Hassan Rouhani erneut seine Versprechen zur Bedeutung der Bürgerrechts Charta. Wie die Öffentlichkeit im Iran und internationale Beobachter heute sehen können, ist keines seiner Versprechen umgesetzt oder macht den Anschein jemals umgesetzt zu werden. Bürgerinnen und Bürger ganz Irans werden oftmals ihrer grundlegenden Menschenrechte beraubt, obwohl sie "Iranische Staatsbürger" sind, ihre Rechte werden auf Grund ihres Glaubens, ihrer Meinungen oder ihrer Religionszugehörigkeit verletzt.

Das naheliegendste Beispiel einer solchen eklatanten Menschenrechtsverletzung ist der Fall von Herrn Spanta Niknam, einem Bürger Irans, der Angehöriger des zoroastrischen Glaubens ist. Die zoroastrische Religion gilt als anerkannte Religion und gehört laut iranischem Recht zu der Kategorie der "Leute mit heiligen Büchern" und wird ausdrücklich in der Verfassung Irans als zu schützende Religion erwähnt. Herr Niknam hatte bei der Stadtratswahl in der Stadt Yazd einen Sitz gewonnen. Obwohl Zarathustrier sogar Sitze im Parlament haben, ist deutlich geworden, dass die Juristen des Wächterrats Herrn Niknam seinen Sitz aberkannt haben. Durch den Erlass des Wächterrats wurde Niknam aus dem Rat der Stadt Yazd ausgeschlossen.

Der erste Vorsitzende des Parlaments, Ali Laridschani, erklärte diese Entscheidung des Wächterrats als ungesetzlich, doch bestätigte der Sprecher des Wächterrats, Abbas Ali Kadchodaei, den Erlass des Wächterrats öffentlich für gültig und fügte hinzu, dies sei allein Sache der Juristen im Wächterrat und niemand anders sei dafür zuständig.

Die Bevölkerung Irans besteht aus einer großen Vielfalt verschiedener Kulturen, ethnischen Gruppen und Traditionen. Das gegenwärtig Iran beherrschende ideologische Herrschaftssystem kennzeichnet sich jedoch durch stark diskriminierende Haltungen und hat eine Justiz hervorgebracht, die zum Zentrum der Maßlosigkeit und Unterdrückung gegenüber der iranischen Nation und ihrem reichhaltigen Erbe geworden ist.

Obwohl das Regime im Iran diverse internationale Abkommen und Konventionen zu Gesetzgebung bei Verbrechen und Strafe und über das Verhältnis von Gesetzesbrüchen und Strafen und Gesetzen, die bei Strafverfahren anzuwenden sind, unterschrieben hat, hat es sich in all den Jahren nach der Revolution im Iran nie um die Einhaltung dieser Konventionen geschert.

Ein Ergebnis davon war, dass viele Bürger und Bürgerinnen Irans Opfer von Gesetzen wurden, die gegen schiitische Prinzipien verstoßen! Die heutigen Strafgesetze im Iran sorgen nicht für sichere und verlässliche Umstände für die Anhänger verschiedener Religionen, Weltanschauungen und Glaubensrichtungen und geben Iranern weder Freiheit noch Sicherheit in ihrem Status als Bürger Irans. Das alles resultiert aus einem unzuverlässigem Strafgesetzsystem. Die Fehler dieses Strafgesetzsystems schaffen Unzulänglichkeiten in den schiitischen Erlassen und den schiitischen Strafgesetzen, die sich auf Grund von Religionszugehörigkeit, Meinung oder Weltanschauung der Bürgerinnen und Bürger Irans in Erlassen, Strafen und allgemeinen Geldbußen gegen diese spiegeln. Das alles resultiert in massiven Verletzungen der Menschenrechte der Bewohner Irans!

In diesem Unterdrückungs-Staat werden die Anhänger des Baha'i Glaubens im ganzen Land unentwegt drangsaliert und Repressionen ausgesetzt, was der Öffentlichkeit bewusst ist. Diese Baha'i feiern in diesen Tagen das 200. Jubiläum ihres Glaubens. Seit 1979 die Anti-Monarchie Revolution im Iran stattgefunden hat, konnte dieser auf drei Kräften aufgebaute Staat nie die Rechte unserer Mitbürger, die sich als Baha'i betrachten garantieren. Über die vielen Jahre nach der Revolution sind zahlreiche Baha'i zu Opfern blinder Gewalt und hasserfüllten Morden allein auf Grund ihres Glaubens geworden. Polizei und Strafverfolgungsbehörden haben die Mörder dieser Bürger Irans nicht verfolgt, die Gerichte haben die Täter dieser schändlichen Verbrechen nie verurteilt.

Die International Organisation to Preserve Human Rights (IOPHR) hat sich durchgehend darum bemüht, die Öffentlichkeit und die internationale Gemeinschaft über die Leiden und Verletzungen der Rechte der Bürgerinnen und Bürger Irans unterschiedlichster Religionen oder Weltanschauungen, ins Bild zu setzen. Jetzt ruft IOPHR den 12. Präsidenten Irans, Dr. Hassan Rouhani, auf, die Bürgerrechts-Charta zu erfüllen. Herr Rouhani möge seine Versprechen endlich einhalten und der Welt zeigen, dass er nicht weiter zu all den Unterdrückungen und Ungerechtigkeiten gegenüber den Bürgern und Bürgerinnen Irans schweigt.

Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte

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news-1090 Tue, 03 Oct 2017 19:59:54 +0200 Das Rätsel des Pfeils. Begegnungen mit Sufi-Meistern. http://mehriran.de/artikel/das-raetsel-des-pfeils-begegnungen-mit-sufi-meistern.html mehriran.de - Es wird mal wieder Zeit für eine Buchempfehlung. Zwar handelt das Buch nicht vom Iran, schon gar nicht von der aktuellen Lage im Iran, doch enthält es Aspekte, die aus dem Schoß einer Kultur und Weltanschauung entstammen, die auch noch im Iran zu finden sind und dort von den Herrschenden als Bedrohung ihrer Macht empfunden werden.
mehriran.de - Wir stellen zunächst den Verlagstext zu dem Buch zur Verfügung und fügen eine Beschreibung des Autors durch den Verlag hinzu.

Die geheimnisvolle Weissagung einer jungen Mystikerin führt Jürgen Wasim Frembgen zu vier Sufi-Meistern in Pakistan und Indien: dem mildtätigen «Sultan der Liebe» aus dem Süden, dem «Asketen in der Wildnis» aus dem Osten, dem «leuchtenden Türkis» aus dem Westen und dem «sanften Menschen­freund» aus dem Norden. Im Rahmen privater Besuche, traditioneller Lehrgespräche und ritueller Zusammenkünfte taucht der Erzähler mit allen Sinnen ein in die Erlebniswelt des volkstümlichen Islam auf dem Subkontinent. Ihm begegnen Wundersames, Magisches und Rauschhaftes; Gebet, Kontemplation und Askese; Armut, Würde und Freigebigkeit. 
Lebendig schildert der Autor den Sufismus der Gegenwart, mit Faszination und Empathie, doch ohne Verklärung, gleichermaßen kritisch gegenüber westlicher Lifestyle-Religiosität wie gegenüber einem rigiden Islamismus, der die eigene jahrhundertealte Kultur bedroht. Deutlich aktikuliert sich der innere Zwiespalt des Ethnologen, der über die Jahre zu einem Teil der Welt geworden ist, die er erforscht. Im Kreis der Weisheitssucher am Derwischfeuer fallen Feldforschung und Selbsterkenntnis am Ende in eins.

Infos und Buchbestellung: www.waldgut.ch/e8/e656/e6282/

Das Rätsel des Pfeils. Begegnungen mit Sufi-Meistern

Waldgut Verlag, Frauenfeld 2017

Preis EUR 27.00

200 Seiten mit 21 Farbabbildungen

Jürgen Wasim Frembgen - Ethnologe, Islamwissenschaftler und Autor Leiter der Orient-Abteilung am Museum Fünf Kontinente in München und Professor für Religions- und Kulturgeschichte des Islam an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Studium der Ethnologie, Vergleichenden Religionswissenschaft und Orientalischen Kunstgeschichte in Bonn und Heidelberg. Gastprofessuren in Islamabad, Lahore und Columbus, Ohio. Seit 1981 alljährliche Forschungsaufenthalte in Pakistan. Zahlreiche Ausstellungen und Buchveröffentlichungen über Kulturen der muslimischen Welt, vor allem zwischen Iran und Indien.

Aus der Liste der Buchveröffentlichungen von Jürgen Wasim Frembgen: Alltagsverhalten in Pakistan (1987); Kleidung und Ausrüstung islamischer Gottsucher (1999), Reise zu Gott. Sufis und Derwische im Islam (2000); Nahrung für die Seele – Welten des Islam(2003); Die Aura des Alif. Schriftkunst im Islam (2010), Tausend Tassen Tee. Lebensgenuss im Orient (2014). Lesungen beim Münchner Literaturfest 2010 und beim Karachi Literature Festival (2011, 2012). Ein vollständiges Verzeichnis der Schriften Jürgen Wasim Frembgens finden Sie hier. Aktuelle Veranstaltungstermine finden Sie auf einem eigenen Veranstaltungsportal.

Im Waldgut Verlag erschienen:

Das verschlossene Tal 
Das verschlossene Tal (Waldgut Verlag, Frauenfeld 2013) 

Nachtmusik im Land der Sufis 
Nachtmusik im Land der Sufis (Waldgut Verlag, Frauenfeld 2010) 

Am Schrein des roten Sufi 
Am Schrein des roten Sufi (Waldgut Verlag, Frauenfeld 2008, 2011) 

Das Rätsel des Pfeils 
Das Rätsel des Pfeils (Waldgut Verlag, Frauenfeld 2016)

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news-1086 Sat, 23 Sep 2017 11:43:10 +0200 Islamische Republik Iran entsendet Hit-Team nach Europa http://mehriran.de/artikel/islamische-republik-iran-entsendet-hit-team-nach-europa.html mehriran.de - Pressemitteilung der International Organisation to Preserve Human Rights. Wie die IOPHR am Freitag mitteilte, ist ein Hit-Team im Auftrag der Islamischen Republik Iran in Europa eingedrungen, um schon lange andauernde Drohungen gegen politisch Aktive, Journalisten und Menschenrechtsaktivisten von Seiten des Regimes wahr zu machen. mehriran.de - "Die Islamische Republik Iran beginnt ihre terroristische Strategie auf politisch Aktive, Journalisten und Menschenrechtsaktivisten außerhalb Irans auszuweiten.

Gemäß zuverlässiger Quellen ist letzte Woche ein Hit-Team, das von der Islamischen Republik Iran beauftragt wurde, nach Europa gekommen und ist in Paris untergetaucht. Der Auftrag des Hit-Teams ist es die schon lange währenden Drohungen gegenüber politisch Aktiven, Journalisten und Menschenrechtsaktivisten umzusetzen. Davon betroffen sind auch Personen, die über die Kanäle Amad News und Dorr TV sensible Informationen aus dem Iran öffentlich machen.

Die International Organisation to Preserve Human Rights (Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte/IOPHR) macht hiermit im Vorfeld alle Bürgerinnen und Bürger aufmerksam, dass unverhergesehene Ereignisse oder gewaltsame Aktion gegen Mitarbeiter von Amad News, Dorr TV, Mitglieder von IOPHR oder andere politisch Aktive, Journalisten oder Menschenrechtsaktivisten auf das Konto der Islamischen Republik Iran und ihrer verleumderischen Propaganda gehen.

Hintergrundinformationen zu dem Fall sind mit Verantwortlichen im Europäischen Parlament, den Vereinten Nationen und den Behörden vor Ort ausgetauscht worden."

International Organisation to Preserve Human Rights

Berlin, Washington, Toronto und Oslo

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news-1085 Tue, 12 Sep 2017 13:57:15 +0200 Gemeinsam für eine Verbesserung der Menschenrechtslage im Iran http://mehriran.de/artikel/gemeinsam-fuer-eine-verbesserung-der-menschenrechtslage-im-iran.html mehriran.de - Vom Kröpke zur Staatskanzlei - musikalische Karawane für die Menschenrechte im Iran am 11.09.2017. Unter diesem Motto zogen rund fünfzig Menschen am Montag durch Hannover unterstützt von Vertretern der Amnesty Gruppe Burgdorf, der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen, Karamat e.V. aus Hannover und Erfan-e Halghe, sowie einzelnen Menschenrechtsaktivisten singend und skandierend vor die Staatskanzlei von Ministerpräsident Weil. mehriran.de - Bei der Abschlusskundgebung vor einem Vertreter der Niedersächsischen Staatskanzlei haben die Beteiligten das Lied "Bani Âdam" (die Menschenkinder, die von Adam stammenden) gesungen. Danach übergaben Vertreter der beteiligten Organisationen einen Appell für MP Stephan Weil und seine Kolleginnen und Kollegen in der Staatskanzlei, sich in allen Gesprächen mit Verantwortlichen des Regimes im Iran für die Verbesserung der Menschenrechtssituation im Iran einzusetzen. Gleichzeitig richtete sich die Rede an "alle im Geist der Menschenrechte arbeitenden Verantwortlichen innerhalb der Bundesrepublik Deutschland". Damit sind unter anderem gemeint Frau Dr. Kofler, Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, die sich schon durch mehrfache Pressemitteilungen für Gefangene im Iran eingesetzt hat und in Gesprächen mit Regierungsvertretern die Lage verschiedener Gefangenen zur Sprache gebracht hat. Weiterhin wurden adressiert Prof. Dr. Matthias Zimmer, CDU, Vorsitzender im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, Tom Königs, menschenrechtspolitischer Sprecher der Grünen und Michael Brand, Menschenrechtssprecher der CDU/CSU.  

Nachfolgend drucken wir die Rede ab, die allen Angesprochenen zugeschickt wurde:

Menschen sind eines Ganzen Teil, 

Eines  Wesens, einer Seele ist ihr Heil. 

Ist ein Glied voll Schmerz und Trauer, 

Die anderen Glieder daran erschauern. 

Und fühlst Du nicht das Weh des and'ren,
Wirst' nicht als Mensch durch dieses Leben wandern.

Sa'adi, Persischer Dichter 

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Weil, sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Niedersächsischen Staatskanzlei, sehr geehrte Frau Dr. Kofler, sehr geehrter Herr Prof. Dr. Zimmer, sehr geehrter Herr Brand, sehr geehrter Herr Königs und alle im Geist der Menschenrechte arbeitenden Verantwortlichen innerhalb der Bundesrepublik Deutschland,

"Halb zog sie ihn, halb sank er hin" (Goethe) -  Wir in Europa und in Niedersachsen haben uns als Gesellschaft vor einigen Jahrzehnten für den Weg in die Globalisierung mehr oder weniger entschieden. Wie immer haben Entscheidungen Konsequenzen. Wir haben darin vielfältige Chancen gesehen und vielleicht haben wir auch Risiken bedacht und ausgetauscht, denn das können wir in einer Demokratie, denn das können vernunftbegabte, verantwortliche Menschen.

Wir haben das Flaggschiff wirtschaftlicher Prozesse und weltweiter Kooperationen vorausgeschickt. Natürlich, wir haben auch kulturelle und gesellschaftspolitische Ordnungsaspekte angeboten - vielleicht zu wenig? Vielleicht nur ein Feigenblatt? Vielleicht zu zögerlich, um sich nicht dem Vorwurf eines kulturellen Imperialismus auszusetzen?

Ja, die Welt ist aktuell voller Unruhe und unberechenbarer Situationen, wie Sie Herr Ministerpräsident Weil, jüngst erfahren durften. 

Wohin zuerst schauen, wohin die meiste Energie investieren, oder gar Geld? 

Unruhe und unberechenbare Situationen prägen den Alltag vieler Menschen täglich mehr und mehr - dazu kommen auch Rechtsunsicherheiten, Diffamierungen, Diskriminierungen usw. - vor allem in Regionen dieser Welt, die von Machthabern dominiert werden, die auf raffinierte Weise und basierend auf nackter Gewalt und Unrecht Menschen ausschließen und ihre Existenz vernichten, ja sogar Leben auslöschen (oft im Namen Gottes!!!). Werden wir unserer Verantwortung gegenüber weltweit gültigen Werten, wie sie in der Menschenrechtscharta festgehalten sind, gerecht? Bringen wir wirklich gegenüber unseren Geschäftspartnern horrende Menschenrechtssituationen zur Sprache?

Wir sind heute hier, um Sie alle daran zu erinnern, wie erbärmlich die Menschenrechtssituation in der sogenannten Islamischen Republik Iran ist, die Islam nach eigenem Gusto zu einer politischen Ideologie manipuliert und als Feigenblatt kultureller Eigenständigkeit vor sich herträgt, um allen westlichen Partnern sagen zu können: "Ihr braucht euch gar nicht einmischen, weil ihr unsere Kultur nicht kennt!" Wir sind hier um Sie daran zu erinnern, dass Iran eine der Wiegen der Menschheit ist, die schon Jahrhunderte vor Christi Geburt eine hochstehende Kultur hervorgebracht hat, die Respekt vor anderen Religionen und Ethnien gelebt und sie sogar schriftlich auf gebranntem Ton[1] festgehalten hat. Davon ist die sogenannte Islamische Republik Iran weit entfernt.

Wir sind hier, um sie daran zu erinnern, mit wem Sie im Iran Geschäfte machen oder machen wollen und wer die Leute im Hintergrund sind. Iran fährt eine Doppelstrategie im Umgang mit dem Westen. Gebildete, smarte Iranerinnen und Iraner werden Ihnen als Gesprächspartner angeboten, die oft im Westen Sprachen und kulturelle Gepflogenheiten gelernt haben. Sie handeln für viel Geld im Auftrag der in viele staatstragende Unternehmen verwickelten Pasdaran, den Revolutionsgardisten, die ideologisch voll und ganz der Verfassung Irans verpflichtet sind, vor allem dem Aspekt diese Revolution dauerhaft zu exportieren. Im Kern ist deren Ideologie zutiefst Menschen verachtend. Beispiele dafür finden sich im Umgang mit zahlreichen Menschen aus unterschiedlichen Schichten der Gesellschaft.

Wir sind hier, um Sie daran zu erinnern, dass Geistliche wie Ajatollah Boroudscherdi, der im Fokus der Amnesty Gruppe Burgdorf steht, seit Jahren im Gefängnis gequält und in der Gesellschaft diffamiert werden. Sein Verbrechen? Er steht für die Trennung von Religion und Staat und hat es gewagt laut darüber zu sprechen. Er ist nicht der einzige.

Wir möchten Sie an den Gewerkschaftsführer Reza Shahabi erinnern, der für die Rechte der Busfahrer in Teheran eingetreten ist und im Gefängnis geschlagen, getreten und verachtungsvoll behandelt wird.

Wir möchten Sie an Mohammad Ali Tâheri, Gründer von zwei alternativen, nicht-medizinischen Heilweisen, erinnern, der vor einigen Wochen zum zweiten (sic!) Mal zum Tode verurteilt[2] worden ist. Können wir das so hinnehmen? Ein Mann der vom Obersten Gericht freigesprochen wird, wird auf Betreiben einiger Verantwortlicher innerhalb des Tiefenstaates für den gleichen Vorwurf wieder zum Tode verurteilt! Seine Familie wird bedroht ja nichts zu dem Fall zu veröffentlichen. Seine Anhänger werden wie auch im Fall von Boroudscherdi in großer Zahl verhaftet und weggesperrt. 
Das schmeckt für uns Menschenrechtsaktivisten danach, dass ein Mensch, der viele andere Menschen mobilisieren konnte und für eine ermutigende Lebensanschauung interessieren konnte, aus dem Weg geräumt werden soll. Wir möchten Sie an all die anderen Gefangenen erinnern, die in den Gefängnissen Irans darben und deren wahre Situation im Show-Off für Europäische Besucher im Teheraner Evin Gefängnis im Sommer 2017 nicht zu sehen war!

Wir appellieren an Sie alle, sich für die bedingungslose Freilassung all dieser politischen- und Gewissensgefangenen einzusetzen. Wir bitten Sie, bei Ihren Gesprächen mit Verantwortlichen des Regimes im Iran auf die mangelnde Glaubhaftigkeit des Regimes hinzuweisen, wenn sich die Menschenrechtssituation nicht grundlegend verändert. Verlässlichkeit ist für starke Wirtschaftspartner ein Muss!
Ein klares Signal an den Westen, dass Iran ein Ernst zunehmender Partner ist, wäre ein deutlicher Schritt nach vorne in Sachen Menschenrechte im Iran - auch wenn mit massiven Widerstand dagegen aus dem Tiefenstaat zu rechnen sein wird.

Iran hat den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte der Vereinten Nationen unterzeichnet und ratifiziert. Die Bundesregierung verspricht Iran auch in Zukunft nachdrücklich an seine Verpflichtungen, die sich aus diesem Vertrag ergeben, zu erinnern und sich aktiv und auf allen ihr zur Verfügung stehenden Kanälen für die Achtung und den umfassenden Schutz der Menschenrechte in Iran sowie für konkrete Verbesserungen in Einzelfällen einzusetzen. (siehe untenstehendes Schreiben des Auswärtigen Amtes)

Wir bitten Sie diesen Kurs nachhaltig zu unterstützen. 

Helmut N. Gabel, für die beteiligten Organisationen.

Sehr geehrter Herr Gabel, 

vielen Dank für Ihre Mail, mit der Sie auf die weiter bestehende kritische Menschenrechtslage in Iran und auf die von Ihnen dazu geplante Aktion hinweisen.

Ich möchte Ihnen für Ihr Engagement in Bezug auf das Schicksal der in Iran inhaftierten politischen Gefangenen danken.

Die universelle Geltung der Menschenrechte und der Einsatz für ihren umfassenden Schutz sind ein Grundpfeiler der deutschen Außenpolitik. Gemeinsam mit den EU-Partnern interveniert die Bundesregierung regelmäßig gegenüber der iranischen Regierung und setzt sich für Opfer von Menschenrechtsverletzungen durch iranische Behörden ein.

Erst gestern hat Dr. Kofler in einer Presseerklärung ihre Besorgnis über den Gesundheitszustand der sich im Hungerstreik befindenden Häftlinge im Rajai-Shahr Gefängnis zum Ausdruck gebracht.

Auch für die Freilassung des zum Tode verurteilten Ali Taheri hat sich Dr. Kofler in der Vergangenheit bereits eingesetzt, und sein Fall wurde und wird von der Bundesregierung bei der iranischen Regierung immer wieder angesprochen.

Iran hat den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte der Vereinten Nationen unterzeichnet und ratifiziert. Die Bundesregierung wird Iran auch in Zukunft nachdrücklich an seine Verpflichtungen, die sich aus diesem Vertrag ergeben, erinnern und sich aktiv und auf allen ihr zur Verfügung stehenden Kanälen für die Achtung und den umfassenden Schutz der Menschenrechte in Iran sowie für konkrete Verbesserungen in Einzelfällen einsetzen.

Mit freundlichen Grüßen
A. T.Auswärtiges Amt - Federal Foreign Office Referat 311 - Task Force Iran


[1] Der sogenannte Kyros-Zylinder liegt als Zeugnis dafür im British Museum, London.

[2] http://mehriran.de/artikel/menschenrechte-im-iran-demonstrationszug-in-hannover-vom-kroepke-zur-staatskanzlei.html und mehriran.de/artikel/iran-stille-beseitigung-im-sommerloch.html

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news-1084 Mon, 04 Sep 2017 12:13:51 +0200 Menschenrechte im Iran - Demonstrationszug in Hannover: Vom Kröpke zur Staatskanzlei. http://mehriran.de/artikel/menschenrechte-im-iran-demonstrationszug-in-hannover-vom-kroepke-zur-staatskanzlei.html mehriran.de - Unter dem Motto "Gefangene im Iran nicht vergessen! // Aufhebung des Todesurteils für Mohammed Ali Tâheri" zieht am Montag, 11. September 2017 eine Karawane von Menschen verschiedener Organisationen durch Hannover und übergibt ein Appellschreiben an Ministerpräsident Stephan Weil. mehriran.de - Leider hat sich auch nach dem "Atomdeal" und in der zweiten Amtszeit Präsident Rohanis wenig an der Menschenrechtslage im Iran geändert. Menschenrechtsorganisationen beklagen die hohen Hinrichtungszahlen, die Verweigerung medizinischer Hilfe für erkrankte Gefangene und das Verbot über die Situation politischer Gefangenen zu berichten. Verschiedene Organisationen kommen nächsten Montag zusammen, um auf die bedrohliche Lage der politischen und Gewissensgefangenen im Iran aufmerksam zu machen.

Im Fokus stehen:

• der Gründer von zwei alternativen, nicht-medizinischen Heilweisen Mohammad Ali Tâheri, der vor kurzem zum zweiten Mal zum Tode verurteilt wurde.
• der Schatzmeister der Busfahrergewerkschaft in Teheran Reza Shahabi
• der zum Christentum konvertierte Ebrahim Firouzi
• der Bürgerrechtler Saeid Shirzad 
• ehemaliger Präsidentschaftskandidat und kritischer Blogger Mehdi Khazali
• die Menschenrechtsaktivistin Melika Kawandi 
• die Menschenrechtsaktivistin Zahra Shafii Dehaghani 
• der politische Gefangene Reza Akbari Monfared 
• der Mathematiker und Wissenschaftler Hamid Babai
• der Fotograf und politische Gefangene Soheil Arabi
• der zum Tode verurteilte Kurde Zaniar Moradi
• der politische Gefangene Mohammad Ali Mansouri 
• der politische Gefangene Mohammad Banazadeh Amirkhizi 

und viele weitere Hungerstreikende.

Die Organisatoren bitten die Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtsfragen Frau Bärbel Kofler, den Obmann im Ausschuss für Menschenrechtsfragen und Sprecher für Menschenrechtsfragen der Grünen Tom Königs, den Vorsitzenden des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe Prof. Dr. Matthias Zimmer, den Menschenrechtspolitischen Sprecher der CDU/CSU Michael Brand und den Ministerpräsidenten Niedersachsens Stephan Weil sich für diese Menschen einzusetzen und in allen Gesprächen mit iranischen Verantwortlichen und Geschäftspartnern im Iran das Thema Menschenrechte zur Sprache zu bringen.

Veranstaltet wird der Zug durch Hannover von Erfan-e Halghe, Karamat e.V., der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und anderen Menschenrechtsorganisationen.

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news-1083 Tue, 29 Aug 2017 23:34:04 +0200 Iran - stille Beseitigung im Sommerloch? http://mehriran.de/artikel/iran-stille-beseitigung-im-sommerloch.html mehriran.de - Anfang August machte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini anlässlich der Inauguration zur zweiten Amtszeit Präsident Rohanis ihre Aufwartung in Teheran. Sie posierte mit einigen Abgeordneten im Parlament mit züchtigem Kopftuch behangen. Während Hardliner sich über die würdelosen Annäherungen dieser Parlamentarier echauffierten, reagierten viele Exiliraner und Menschenrechtler im Westen mit Bestürzung auf die öffentliche Sprachlosigkeit der EU Hochkommissarin in Bezug auf die eklatanten Menschenrechtsverletzungen im Iran. mehriran.de - Kurz nachdem Frau Mogherini Iran verlassen hat, ist der Arzt und Heiler Mohammed Ali Tâheri erneut zum Tode verurteilt worden. Wie der Sender DorrTV laut einer Anwältin Tâheris berichtete, hat ein Gericht in Teheran Tâheri wieder zum Tode verurteilt.


Federica Mogherini mit Irans Außenminister Zarif

Nicht nur im Fall Tâheri's liegt die Hoffnung vieler Menschen im Iran auf die Aufmerksamkeit und Hilfe europäischer Regierungen. Die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung Bärbel Kofler hat wie ihre Vorgänger durch Pressemitteilungen gezeigt, dass man die Situation im Iran durchaus beobachtet. Doch das Regime spielt mit den Europäern auf dem Rücken vieler Gefangenen.

Unter anderem werden Dissidenten wie der Arzt und Blogger Mehdi Khazali immer wieder verhaftet, auf inneriranischen und europäischen Druck hin entlassen, um spektakulär wieder verhaftet zu werden. Khazali hat schon mal 2012 sein Leben aufs Spiel gesetzt durch einen Hungerstreik. Im Moment befindet er sich wieder im Evin Gefängnis, wo er auf Grund seines erneuten Hungerstreiks und hohem psychologischem Druck einen Herzinfarkt hatte. Medizinische Hilfe wird ihm verwehrt. Diese Umstände sind schon von anderen politischen Gefangenen bekannt, so auch von Tâheri.

Manche Beobachter vermuten, dass die Justiz im Iran Erfüllungsgehilfe bestimmter mächtiger Gruppen oder Familien sind. Im Fall Tâheri wird eine ideologische Abteilung der Pasdaran verdächtigt den unbedingten Tod Tâheris zu forcieren, um durch einen Präzedenzfall die Möglichkeit zu erleichtern religiös-ideologische Gegner zu beseitigen.

Hinter Khazalis Fall scheint die mächtige Familie Laridschani zu stehen. Mehrere Laridschani Brüder besetzen hohe Ämter innerhalb des Regimes. 

Mehdi Khazali und Mohammed Ali Taheri sollen sterben, wenn die Europäer wegschauen

Während man sich in Deutschland zunehmend auf den Wahlkampf konzentriert und das Europaparlament noch Ferien hat, droht Tâheri wie auch Khazali der Tod. Einer der Anwälte Tâheris, Mahmoud Alizadeh Tabatabaei, war in einem Interview mit CHRI zuversichtlich, dass sein Einspruch gegen das Urteil von dem Obersten Gerichtshof angenommen werden wird. Er sagte: "Der Oberste Gerichtshof hat bereits ein Todesurteil wegen der gleichen Vorwürfe gegen meinen Mandanten kassiert und ich bin zuversichtlich, dass er auch ein weiteres Mal die Verurteilung als nicht vereinbar mit den Gesetzen betrachten wird und das Todesurteil zurücknehmen wird."


Mehdi Khazali in einem Interview mit DorrTV

Menschenrechtler aus Italien, Deutschland, den USA und Schweden wollen sich jedoch nicht auf diese Hoffnung verlassen und appellieren an Politiker ihrer Länder sowie an Abgeordnete der EU gegen diese Situationen im Iran ihre Stimme zu erheben.

Wie der Exiliraner und Menschenrechtsaktivist Parviz Mokhtari in einem Gespräch mit mehriran.de mitteilte, fand am Montag in Brüssel eine Kundgebung zur Freilassung aller politischen Gefangenen im Iran statt, bei der auch Abdol-Karim Lahidschi eine Rede zu der miserablen Menschenrechtssituation im Iran gehalten hat und auch die Freilassung Tâheris gefordert hat. Er forderte Regierungen in Europa auf sich für die Freilassung politischer Gefangenen im Iran mit gleicher Entschlossenheit einzusetzen, wie für Geschäfte.

Helmut N. Gabel © mehriran.de

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news-1082 Thu, 17 Aug 2017 01:33:14 +0200 Iran - Das Ringen um die Deutung des Islams http://mehriran.de/artikel/iran-das-ringen-um-die-deutung-des-islams.html mehriran.de - Die Islamische Republik Iran legitimiert sich über die Zugehörigkeit zur Religion des Islams. Obwohl diese Etikettierung Eindeutigkeit suggeriert, ist sie in der alltäglichen, gesellschaftlichen und politischen Realität alles andere als eindeutig und äußerst problematisch. mehriran.de - Die staatliche iranische Geistlichkeit - im Iran sind Religion und Staat aufs Engste verflochten - definiert ihren Islam als eine politisierte Erweiterung der schiitischen Richtung, die einst eher quietistisch-passiv und auf ein Leben nach dem Tod durch hilfreiche Taten und ritterliches Benehmen ausgerichtet war. Die Politisierung der Schia hat sich in vielen Schritten vollzogen. Einer der Wendepunkte hin zu einer aktiven Einmischung in politische Belange und Gestaltung der Politik war Ajatollah Chomeinis Konzept des Velayat-e Faghi (Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten), das seit der Revolution gegen den Schah vor fast 40 Jahren die staatstragende Ideologie im Iran geworden ist. Doch nach dem Tod des obersten Revolutionärs Chomeini, finden immer wieder neue Wellen der Auseinandersetzungen über die Interpretation des Islam statt. Die einen lassen eine Definition des Islams nur auf Basis des Korans zu, andere berufen sich auf Überlieferungen und angebliche Aussagen und Taten Mohammeds, die Hadithen und andere Sammlungen.

Durch die Ernennung Ali Chamenei's, der dem Revolutionsführer Ajatollah Chomeini, auf dem Thron des Obersten Rechtsgelehrten folgte, entstanden innerhalb der Führungsschicht auch politische Legitimationsdiskussionen, da Chamenei bei seinem Antritt einen sehr niedrigen religiösen Rang mangels Studium des Islams besaß und in der Nachfolge umstritten war. Zwar versuchte er diesen Makel zu kompensieren, doch hat ihn besonders die Perspektive des aus dem Irak stammenden Mahmoud Hashemi Shahroudi geprägt, der eine durch und durch legalistische Perspektive des Islam vertritt. Shahroudi wurde vor wenigen Tagen von Chamenei als Nachfolger des im Januar verstorbenen Vorsitzenden des Schlichtungsrates Akbar Rafsandschani installiert. Shahroudi gehört zum fundamentalistisch-legalistischen Lager, das hinter Chamenei steht. Ein Schritt, der von Kommentatoren als Antwort Chamenei's auf die für seinen Favoriten Ebrahim Raeisi verloren gegangene Präsidentschaftwahl gedeutet wird. Auch Raeisi, der dem gleichen religiös-politischen Lager angehört, fand neben einem weiteren unterlegenen ehemaligen Präsidentschaftskandidaten, Mohammed Bagher Qalibaf, ehemaliger Bürgermeister Teherans und Pasdar, Eingang in den Schlichtungsrat. Chamenei scheint vom Volk abgelehnte Bewerber seiner Wahl gerne in Posten zu heben, die allein durch seine Entscheidung besetzt werden.


Mahmoud Hashemi Shahroudi


Mohammed Mesbah Yazdi


Mostafa Pourmohammadi


Alireza Avayi

Mit diesen Entscheidungen ist der Justizapparat, der Wächterrat, der Expertenrat und der Schlichtungsrat in den Händen eher revolutionär-fundamentalistisch gesonnener Zirkel um Chamenei.

Präsident Hassan Rohani, der international weitaus bekannter ist als Chamenei, kann sich noch nicht mal auf seine Regierungsmannschaft stützen, denn auch hier sind einige Kandidaten nur unter Zustimmung des Obersten Führers möglich gewesen. Immerhin ist Mostafa Pourmohammadi, der mit den Morden an Tausenden Gefangenen im Jahr 1988 in Verbindung gebracht wird, nicht wieder auf seinen Posten als Justizminister berufen worden. Neuer Justizminister ist der ehemalige Stabschef des Teheraner Justizministeriums Alireza Avayi.

Während auf internationalem Parkett Iran meistens mit dem Atomprogramm, Sanktionen durch die USA oder bewaffneten Konflikten in Syrien, Irak und Jemen in Verbindung gebracht wird, spielt sich im Hintergrund im Innern des Landes der Kampf um die Deutung des Islams und damit der Legitimation des Regimes ab.

Protagonisten der Deutungshoheit

Einige der in diese Auseinandersetzungen involvierten Geistlichen, wie zum Beispiel Makarem Shirazi oder Mohammed Mesbah Yazdi haben hohe staatliche Funktionen im Iran inne, andere Rechtsgelehrte sind aus dem Land geflohen, wo sie sich freier bewegen können und auch freier forschen können. Einige sorgen immer wieder für Unruhe unter den Geistlichen und ihren Schülern im Iran, weil sie mit fundierten Argumenten und auf den Koran gestützt die Überzeugungen und Dogmen der staatlichen Geistlichkeit ins Wanken bringen.

Die im Westen bekannteren Geistlichen heißen Mohammed Modschtahid Schabestari, Abdolkarim Sorush oder Hassan Yussefi Eshkevari. Ihren Thesen werden sporadisch in deutschen und englischen Publikationen vorgestellt. Ihre Gedanken werden aber im Iran von der staatlichen Geistlichkeit abgelehnt und bekämpft. Ihr Bekanntheitsgrad in der iranischen Bevölkerung außerhalb intellektueller Kreise ist sehr gering.


Mohammed Shabestari


Abdolkarim Soroush


Hassan Youseffi Eshkevari

Einer der höchsten geistlichen Würdenträger Irans heißt Makarem Shirazi. Er ist 92 Jahre alt. Seine Korankommentare wurden bisher in religiösen Seminaren in Qom und Maschhad als Unterrichtsmaterial eingesetzt. Er ist in den letzten Jahren durch verschiedene Menschen diskriminierende Fatwas aufgefallen. Seine Version von Islam ist geprägt von Ausgrenzung, Intoleranz und beruht auf Hadithe und Aussprüche, die man dem Propheten in den Mund gelegt hat, statt auf dem Koran.

Letzte Woche wurde er von einem Theologie Studenten in Mashad mit Fragen zur Interpretation des Korans konfrontiert, die ihn dazu brachten zu sagen seine Korankommentare würden nicht mehr den Umständen der Zeit entsprechen. Er begründete seine Aussage damit, dass sogenannte "Feinde des Regimes" die Macht der Geistlichkeit im Iran beenden wollten und man deshalb aufs Neue mit wissenschaftlichen Methoden an den Koran herangehen müsse. Das ist ein großes Eingeständnis für einen der höchsten religiösen Würdenträger und eine Folge vieler Auseinandersetzungen um Islam.

Wie der unermüdlich auf Menschenrechtsverletzungen im Iran hinweisende französisch-iranische Religionswissenschaftler Seyed Mostafa Azmayesh betont, liegt die große Diskrepanz in der Auslegung des Islams durch Theologen und andere Menschen, die, anstatt den Koran eigenständig und vernunftbegabt heranzuziehen, sich ungesicherten Legenden und Überlieferungen widmen.


Seyed Mostafa Azmayesh

Azmayesh tritt regelmäßig in einem aus dem Westen betriebenen Internet TV Sender (DorrTV // Livestream ParsaTV/DorrTV) auf, der im Iran dank der häufig verwendeten Filter gesehen werden kann. Dort bietet er unter anderem Gedanken zu einer korangestützten Islam Version an, die ganz im Sinne der Menschenrechtscharta ist. Dazu zieht er neueste wissenschaftliche Funde und Erkenntnisse heran, die er in dem Buch "Neue Forschungen zum Koran - Wie und warum es zu zwei gegensätzlichen Islam Versionen gekommen ist" auch für westliche Leser niedergelegt hat.

Seine Thesen wecken vor allem das Interesse von Theologiestudenten und ihrer Lehrer in Qom, die immer wieder mit aus den Sendungen von Azmayesh inspirierten Fragen auf staatliche Würdenträger zugehen und um ihre Einschätzung bitten. Das bringt diese Geistlichen immer wieder in Verlegenheit, denn sie scheinen die Quelle ihres Glaubens - den Koran - nur sehr oberflächlich zu kennen und sind es gewohnt sich auf Überlieferungen statt auf den Koran zu stützen. Viele seiner Programme wenden sich aber auch an die Bevölkerung, die zum großen Teil von den Machenschaften der Regimeverantwortlichen im Namen des Islams frustriert sind und sich komplett vom Islam abwenden. Hier werden geschichtliche, kulturelle und gesellschaftliche Zusammenhänge aufgezeigt, die die Wurzel des Islam als voll vereinbar mit den modernen Menschenrechten und säkularen und demokratischen Werten dastehen lassen. Er zeigt die Wurzel des Islams nicht als Religion, sondern als individuellen Schulungsweg zur Gottesschau. Ein Thema das durchaus eine breite Bevölkerungsschicht im Iran anspricht, wodurch seine Programme zunehmend Gefallen finden.

Azmayesh zeichnet starke Kontraste zwischen den Argumenten der iranischen Geistlichkeit, sowie den Handlungen des Regimes basierend auf Interpretationen, die sich auf Überlieferungen beziehen und Interpretationen von Islam, die sich auf die Lehren des Koran stützen. Dabei versteht er es neue wissenschaftliche Erkenntnisse in Bezug auf Entstehung des Korans einzubringen, die sogar höchste religiöse Würdenträger im Iran als sehr unwissend aussehen lassen. Zumindest ist die Geistlichkeit immer wieder gezwungen auf seine Thesen zu reagieren. Vor acht Jahren wurde die Strafe der Steinigung nach einigen Vorträgen Azmayesh's zum Thema Steinigung (sangsâr) gemäß den koranischen Lehren nach eingehender Diskussion in höchsten religiösen Gremien und im Parlament aus dem Strafenkatalog der Islamischen Republik entfernt.

© Helmut N. Gabel für mehriran.de

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news-1081 Tue, 25 Jul 2017 06:37:19 +0200 Iran - Mohammed Ali Taheri, Gefangener der Ideologen http://mehriran.de/artikel/iran-mohammed-ali-taheri-gefangener-der-ideologen.html mehriran.de - In Hamburg haben am 22. Juli 2017 mehrere Menschenrechtsaktivisten gegen die andauernde Inhaftierung des Heilers und Forschers Mohammad Ali Taheri protestiert. Teile des Justizapparates konstruieren immer wieder neue Vorwürfe gegen den Gründer einer weit verbreiteten unpolitische Bewegung namens Erfan-e Halgheh.
mehriran.de - Seit mehreren Jahren protestieren weltweit Anhänger Taheri's und andere Menschenrechtsorganisationen gegen die willkürlichen Aktionen des Justizapparates im Iran. Neben der allgemeinen Einhaltung der Menschenrechte, fordern die Menschenrechtler auch ein Ende der Verfolgung Mohammad Ali Taheri's.

Die Behörden legen ihm „Förderung von Verderbtheit auf Erden“ zur Last. Er befindet sich seit über sechs Jahren im Evin-Gefängnis in Einzelhaft. Sollte Mohammad Ali Taheri bei dem erneuten Verfahren für schuldig befunden werden, könnte ihm wieder die Todesstrafe drohen. In einem früheren Verfahren wurde er bereits zum Tode verurteilt und erst auf Grund intensiver internationaler Proteste zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die er bereits verbüßt hat.

www.amnesty.de/mitmachen/urgent-action/drohendes-todesurteil-0

© 2017 mehriran.de

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news-1080 Sun, 25 Jun 2017 13:03:52 +0200 Die Hetzkampagnen im Iran gehen weiter http://mehriran.de/artikel/die-hetzkampagnen-im-iran-gehen-weiter.html mehriran.de - Das Institut für Wahrheitssuche im Iran stellt sich als Zentrum der Hetzkampagne gegen Sufitum im Iran heraus. mehriran.de - Chorassan ist die Nord-östlichste Provinz Irans. Der Name bedeutet "Land der aufgehenden Sonne". Politisch gesehen gilt Chorassan als Hort religiös-politischer Hardliner, so sprechen einige politische Beobachter mittlerweile etwas polemisch vom Land der "untergehenden Sonne". Der bei den jüngsten Präsidentschaftswahlen unterlegene Kandidat Ebrahim Raissi wirkt hier. 

Neben ihm wirken weitere religiös-politische Hardliner, die sich als Revolutionäre im Namen des Islams und ihres Obersten Führers Ali Khamenei verstehen. Immer wieder werden ihre Methoden und Absichten deutlich. Sie fühlen sich ihrer revolutionären Agenda verpflichtet. Für diese Arbeit fließen ihnen ausreichend finanzielle Mittel zu, es soll sich um Milliarden Beträge handeln. Es gibt einige schwer reiche religiöse Stiftungen im Iran, die gerne Aktivitäten unterstützen, die sich um Ausgrenzung und Säuberung kümmern, um den Obersten religiösen Führer in seiner Legitimation zu unterstützen. Ali Khamenei's Legitimation in seiner Position als Oberster Führer ist äußerst schwach vom religiösen Standpunkt. Er wird von keinem höher gebildeten Ajatollah unterstützt. Die Revolutionswächter sind seine Macht-Garanten und die vielen im Laufe der Jahre aufgebauten religiösen Institute, deren Hauptaufgabe darin besteht Islam so darzustellen, wie es der revolutionären Agenda der Machtelite zupasskommt.

Eines dieser Institute heisst Moasseseje Hagh-e Pardschouhi dar Chorassan (Institut zur Wahrheitssuche in Chorassan). Es wird von einem jungen Mullah geleitet, der sich öffentlich Sadschad Tanhâ nennt. Sein bürgerlicher Name lautet jedoch Mohammad Javad Mokhtari. Er gilt als Mastermind hinter den Angriffen gegen die Sufis in der Periode Ahmadinedschad.

Vor allem wurden Mitglieder und Versammlungshäuser des Nematollah Gonabadi Ordens angegriffen. Der aktuelle Leiter des größten schiitischen Ordens, Dr. Nour Ali Tabandeh, ist Jurist und war in den Anfangsjahren der Revolution Mitglied der Partei Nehzat-e Azâdi. Im Iran wird nicht getrennt zwischen Staat und Religion und da im Iran eine verbrämte Version von Schiismus mit politischen Zielen herrscht, wird jede andere Version abgelehnt und verfolgt. Sufis vertreten eine Version von Islam, die der revolutionären Agenda entgegen steht. Sufis legen Wert auf ein friedliches und zwangloses Zusammenleben, das auf Einsicht, Freiwilligkeit in allen Entscheidungen und Respekt voreinander baut. Sadschad Tanhâ hat mit seinem Institut die Aufgabe Sufitum zu diskreditieren.

Die Vorgehensweise umfasst mehrere Schritte:

1. Schriften herausgeben, die durch Akkumulation von Vorwürfen, Unterstellungen gemischt mit historischen Ereignissen und scharfen ideologischen Angriffen, den Boden für weiteres Vorgehen vorbereiten.

2. Mit diesen Schriften in die Kreise der Bassidschi (Halghe Sâlehin) landauf landab reisen und Hetze betreiben.

3. Punktuell Gruppen von Bassidschi zu konkreten Angriffen aufrufen, um zu sehen wie die Öffentlichkeit darauf reagiert.

4. Wenn die Angriffe wenig Interesse und Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erzielen, werden die nächsten Angriffe lanciert.

5.Wenn die Angriffe sogar internationale Aufmerksamkeit auslösen, zieht man sich eine Weile aus dem Rampenlicht, nur um die nächste passende Gelegenheit abzuwarten, um Tatsachen zu schaffen, indem man Häuser zerstört oder Menschen angreift und sie vertreibt.

Nachdem sich Iran wegen den Angriffen auf Sufis, Baha'i und Christen ein schlechtes Image in vielen westlichen Ländern geschaffen hat, intervenierte die Regierung in der ersten Amtsperiode Rohanis und die offenen Angriffe wurden eingestellt. Doch die Arbeit im Hintergrund geht weiter, es wurden Menschen in den Orden als Informationszuträger eingeschleust, damit jeder Satz genau registriert wird, um in Ruhe alle Aussagen zu analysieren und Gründe zu finden, gegen den Orden vorzugehen. Das Institut Tanhâ's hat junge Leute als sogenannte "Wahrheitssucher" beauftragt den Nematollah Gonabadi Orden auszuhorchen.

Diese Machenschaften und die Rolle Mokhtari's aka Tanhâ's wurden von DorrTV, einem aus dem Exil betriebenen Online Sender, veröffentlicht. In einer Reaktion auf diese Veröffentlichungen, wehrt sich Tanhâ gegen die Vorwürfe in einem langen Artikel auf der von Hardlinern betriebenen Website ferghenews

Einer dieser "Wahrheitssucher" wird in dem Artikel als Quelle aus der Nähe von Dr. Tabandeh bezeichnet. Es soll sich um einen Mann aus Yazd handeln, Mohammad Esmail Salahi, einem Rechtsstudenten, der Texte von Dr. Tabandeh aufzeichnet und transkribiert. Sein Vater ist ein Mullah und war einer von Ex-Präsident Khatami's Lehrer. Salahi musste aufgrund einer Beschwerde des als Hardliner bekannten Geistlichen Makarem Schirazi vier Monate im Gefängnis verbringen. Salahi soll Makarem Schirazi und Nouri Hammedani in einem Artikel für ihre ablehnende Haltung gegenüber den Sufis kritisiert haben. Dafür verurteilte ihn ein Gericht zu einem Jahr Haft. 

In dem heute veröffentlichten Artikel werden drei Personen als Gegner des Regimes aufgeführt, die sich zusammen mit Rohani gegen den Obersten Führer verbündet haben sollen. Der im Pariser Exil lebende Journalist und Betreiber von amadnews.com Ruhollah Zam, der im Iran lebende politische Aktivist Mehdi Khazali und der Leiter der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte und Mudschtahid Dr. Seyed Mostafa Azmayesh, der ebenfalls im Pariser Exil lebt, werden in dem Artikel für ihre Aktivitäten angegangen. 

Die illustre Runde der iranischen Dauer-Revolutionären hat ein internationales Netzwerk. Neben den bekannten Organisationen wie Hisbollah, Hamas und den schiitischen Milizen im Irak, spielen vor allem Messianiker wie der Russe Alexander Dugin eine Rolle. Bei einer Reise in den Iran hat er sich auch mit dem Filmemacher Nader Talebzadeh, einem weiteren Messianiker, über die Wichtigkeit des Themas unterhalten. Im Iran gehören zu diesem Netzwerk der Geistliche Alam-ol Hoda, der Ideologe Mesbah Yazdi, der Ideologe Hassan Abbassi und viele andere, die zum Netzwerk Ammaryioun gehören. Ebrahim Raissi wird eine Nähe zu diesen Leuten nachgesagt.

 
Ebrahim Raissi


Mohammad Javad Mokhtari aka Sadschad Tanhâ

In früheren Artikeln galt Azmayesh abwechselnd als Agent der Zionisten oder mal des britischen, mal des französischen Geheimdienstes, dieser Artikel bezeichnet ihn als Kollaborateur der Geheimdienstabteilung, die in Rohani's Diensten steht. Azmayesh lässt sich seit Jahrzehnten von solchen Anschuldigungen nicht irritieren und veröffentlicht regelmäßig Erkenntnisse, Analysen oder Statements zur verworrenen politischen Lage im Iran, äußert sich kritisch zur miserablen Menschenrechtslage und weist als Mudschtahid (Fachmann in Islamischem Recht) immer wieder auf missbräuchliche Interpretationen der Religion durch System-Verantwortliche hin. Zur Zeit wird er häufig durch Europa-Parlamentsabgeordnete in Beratungen zu Islam einbezogen. Seine letzte Veröffentlichung geht auf Grundlage neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse auf die Entstehung des Korans und zwei gegensätzlicher Islam Versionen ein. Die Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern eines auf Zwangs- und Gewalt basierendem Islam-Bildes, wie den Vertreten des Velayat-e Fathi Systems im Iran und den Vertretern eines Islam, der auf Toleranz und Freiheit basiert, spiegeln sich im Kampf des Regimes gegen die Sufis wieder.

© Gyula Fekete für mehriran.de

 

 

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news-1078 Mon, 19 Jun 2017 08:52:18 +0200 Frauenrechte in Iran http://mehriran.de/artikel/frauenrechte-in-iran.html mehriran.de - Beitrag der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte (IOPHR) für die Menschenrechtskommission bei den Vereinten Nationen im Juni 2017. mehriran.de - Obwohl die gegenwärtigen Gesetze in Iran als "islamische" Gesetze bezeichnet oder mit "Islam" in Verbindung gebracht werden, widersprechen sie in Wirklichkeit islamischen Prinzipien, da sie ganz klar Unterschiede zwischen Männern und Frauen machen. Im Rahmen iranischen Rechts haben Männer mehr Rechte in Bezug auf Arbeitsverhältnisse und Tätigkeiten und dürfen qua Gesetz für gleiche Tätigkeiten größere Gehälter wie Frauen beziehen. Daher sind Männer durch die gegenwärtigen Gesetze im Iran in Bezug auf Arbeitsplätze höhergestellt.

Ein weiteres hervorstechendes Beispiel geschlechtlicher Diskriminierung findet sich in der fehlenden Freiheit für verheiratete Frauen nach eigenem Entschluss zu reisen. Eine verheiratete Frau kann keinen Pass und keine Ausreisegenehmigung erhalten ohne schriftliche Erlaubnis ihres Ehegatten. Diese Einschränkung betrifft sogar Regierungsangestellte oder Regierungsmitglieder, die beruflich reisen müssen. Grund für diese Einschränkung ist die Perspektive des iranischen Rechts auf verheiratete Frauen, die nicht als Individualität betrachtet werden, sondern als eine halbe Person, die ihrem Ehegatten gegenüber gehorsam sein muss.

Diese gegenwärtigen Gesetze stehen in diametralem Gegensatz zu dem Prinzip der Gleichheit von Frauen und Männern, das den Lehren des Korans und Islams entspricht. Nirgendwo berechtigt der Koran einen Mann dazu, seine Ehegattin am Reisen zu hindern oder ihre Reisepläne von seiner Zustimmung abhängig zu machen.

Das bedeutet, dass diese Gesetzeslage Frauen in Bezug auf ihre persönliche Unabhängigkeit stark benachteiligt und in eine schwächere Position gegenüber den Männern bringt.

Wir sollten in dieser Sache Klarheit über die wirklichen Verhältnisse haben. Das koranische Scharia Gesetz ist nicht der tiefere Grund für diese Sache; der Grund liegt vielmehr in der wiederholten Aufwärmung dieser irrigen Überzeugungen durch Kleriker und deren Wunsch eine patriarchale Gesellschaft aufrecht zu erhalten, in der die ganze Macht unter der Kontrolle von Männern zentriert ist.

Diese Lügen sind schon so oft wiederholt worden, dass sie heutzutage ein Teil der allgemeinen Glaubensvorstellungen sind und für islamische Werte gehalten werden. Aus diesem Grund werden in "islamisch orientierten" Regionen Frauen häufig als “Zaiefeh” bezeichnet, "sehr schwach". Und dies ist jetzt im "Islamisches Recht" genannten Teil der Iranischen Gesetzgebung enthalten.

Weiterhin gilt es hervorzuheben, dass verschiedene ethnische Gruppierungen und Andersgläubige im gegenwärtigen totalitären System des Velayat-e faghi sehr häufig als Bürger zweiter oder gar dritter Klasse betrachtet werden. Zum Beispiel gehören Zoroastrier, Juden, Assyrer und Christen laut Verfassung zu Minderheiten im Iran und werden somit als Bürger zweiter Klasse betrachtet.

Sogar sunnitische Muslime sind Opfer dieses religiösen Apartheid Systems und sehen sich auf Grund ihres Glaubens Verfolgungen ausgesetzt. Die Rechte der Sunniten werden in der Verfassung Irans selten oder gar nicht erwähnt. Auch Sufis und andere Mystiker werden nicht als vollwertige Bürger betrachtet. Häufig werden Moscheen der Sunniten und Versammlungshäuser der Sufis von paramilitärischen Bassidschi Gruppen überfallen und dem Erdboden gleich gemacht. Was die Baha'i im Iran anbelangt, so findet sich für sie in der iranischen Rechtssprechung gar keine Anerkennung als Glaubensgemeinschaft und jeder der Kontakt zu ihnen aufnimmt, wird als Feind und Agent fremder Mächte betrachtet.

Unter solchen Umständen sind die Lebensumstände für andersgläubige Frauen besonders belastend, da sie in vielen Fällen in doppelter Weise unterdrückt werden. Sie werden als Andersgläubige herabgesetzt und zusätzlich noch durch ihr Geschlecht. Hier gibt es besonders eklatante Beispiele in Bezug auf Scheidungen. Wenn ein Mann seine Frau ohne seinen gesetzlichen Versorgungspflichten nachzukommen loswerden will, kann er sie ohne jegliche Rechtsweg zu wählen, mitten auf der Straße verstoßen, indem er behauptet, sie sei vom Islam abgefallen und sei keine Muslimin mehr.

Laut Shahin Molavardi, einer Regierungsberaterin für Frauen- und Familienrechte, liegt es in der südöstlichen Region Sistan und Balutschistan, wo in vielen sunnitisch geprägten Dörfern Männer hingerichtet worden sind, in den Händen der Witwen ihre Kinder aufzuziehen, aber auch zu arbeiten, um sie zu ernähren. Diese Umstände haben dazu geführt, dass in diesen Dörfern extreme Armut herrscht und sich eine große Hoffnungslosigkeit ausgebreitet hat, die letztlich zu einem Leben in Drogenabhängigkeit geführt hat.

Unter diesen Abhängigen gibt es viele Frauen und junge Mädchen. Gewöhnlich geraten diese Frauen durch ihre Drogenabhängigkeit, Armut und Entbehrung in solche Not, dass sie sich der Prostitution verschreiben und schließlich als Sex-Sklavinnen gehalten werden. Darüber hinaus wachsen ihre Kinder ohne Aufsicht und Begleitung auf den Straßen auf und in vielen Fällen verkaufen die Mütter ihre Kinder für wenig Geld, um ihre Abhängigkeit bedienen zu können.

Dies nimmt ein Ausmaß an, dass im Iran der Handel mit Neugeborenen und Kindern für wenig Geld stetig wächst. Junge Mütter treffen sich schon während ihrer Schwangerschaft mit potentiellen Kunden und verkaufen dann ihr Kind, das noch in ihrem Mutterleib heranwächst. Die Käufer dieser Straßenkinder und Waisen markieren diese Kinder oft genug mit einem Brandzeichen, so wie Rinderzüchter ihr Eigentum kennzeichnen.

Diese gebrandmarkten Kinder werden dann auch vermietet. Oft werden sie an Banden vermietet, die mit den Kindern im Arm betteln gehen, immer darauf bauend, dass die Vorbeigehenden für Obdachlose mit einem Kind im Arm mehr Mitleid haben und sich spendabler zeigen.

Es gibt auch eine steigende Anzahl unbetreuter Kinder und auch Frauen, die auf der Straße in Pappkisten leben und schlafen. Zahlreiche dieser Obdachlosen, die täglich mehr werden, sind Immigranten und Asyl suchende, die auf Grund der Wirren in ihrem Heimatland in den Iran fliehen mussten.

Gewöhnlich haben diese Flüchtlinge und Asylsuchenden im Iran keinerlei Rechte und stehen auf der untersten Stufe der Gesellschaft. Ihre Kinder haben dann in der Folge auch keinerlei natürliche oder formelle soziale Identität und werden dadurch zu Opfern dieser deformierten Gesellschaft.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Frauen im Iran von seitens der Gesetzgebung benachteiligt werden und Frauen, die einer ethnischen oder religiösen Minderheit entstammen, doppelter Unterdrückung ausgesetzt sind. Die Konsequenzen dieser Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen, habe ich in den Zeilen zuvor zum Ausdruck gebracht.

Frau Zahra Noorani, Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte, Beitrag für den UN Menschenrechtsrat in Genf, Juni 2017

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news-1076 Fri, 26 May 2017 16:14:46 +0200 Iran hat gewählt - Euphorie, Aufbruch und Widerstand http://mehriran.de/artikel/iran-hat-gewaehlt-euphorie-aufbruch-und-widerstand.html mehriran.de - Nach Rohanis Wahlsieg im Iran ist die Begeisterung bei weiten Teilen der Bevölkerung groß. Doch vielen ist auch klar, dass der Weg, das Regime aus dem Griff der Gewalt verherrlichenden revolutionärer Kräften zu erlösen, steinig ist. Weder ein Bürgerkrieg, noch eine weitere Revolution sind attraktive Optionen. Man ist bereit, weitere Ungerechtigkeiten, Einschränkungen und lebensfeindliche Umstände in Kauf zu nehmen, um totales Chaos zu vermeiden. Rohani wird genauso auf positive Signale einer eindeutigen Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft angewiesen sein, wie seine von einer islamistisch-revolutionären Ideologie durchtränkten Gegner innerhalb des Regimes durch andere eindeutige Signale in die Schranken gewiesen werden müssen. mehriran.de - Findet im Iran unter Präsident Rohani eine leise, schleichende Revolution statt, die mehr eine quälend langsame Evolution ist? Die gescheiterten Revolutionen des "Arabischen Frühlings" haben zu vielen Verwerfungen in der Region geführt und dienen den Iranerinnen und Iranern nicht als Vorbild, obwohl die massiven Proteste gegen die Obrigkeit im Iran von 2009 als ermutigender Faktor für den "Arabischen Frühling" gelten. 

Der vor Kurzem für weitere vier Jahre bestätigte Präsident Irans, Hassan Rohani, bezeichnet sich als Anwalt des Volkes. In einer Dankesrede an seine Wähler, hat er seine Auffassung der Präsidentenrolle erklärt. Er sieht sich mit einem Mandat ausgestattet, den Bürgern Irans zur Durchsetzung ihrer Rechte zu verhelfen. Rohani zögerte auch nicht zu beschreiben, wo er den Ansatz für diesen Versuch sieht. 

Unterschied im Wirken Rohani's und Khatami's

Die sogenannte "Islamische Republik Iran" durchlebt seit ihrer Konstitution 1979 einige Phasen der Öffnung zum Westen und wieder Phasen der Abschottung. Als Rohani sein Amt vor vier Jahren antrat, hatte Präsident Mahmoud Ahmadinedschad (2005 - 2013) mit seiner revolutionären Rhetorik Iran in acht Jahren international ins Abseits manövriert. Ahmadinedschad hatte dabei einige seiner Hintermänner im Tiefenstaat Irans zunächst erfreut, in seiner zweiten Amtszeit nachhaltig verärgert - bei Teilen der ärmeren Bevölkerung jedoch gepunktet. Ahmadinedschad sollte die Keule der Anhänger der Ideologie von Velayat-e Faghi im Iran gegen die Errungenschaften seines Vorgängers Mohammed Khatami sein. Khatami (1997 - 2005) hatte zuvor acht Jahre lang einen Kurs der Öffnung und Hinwendung zum Westen vorgegeben. Dieser Kurs der Öffnung hatte vor allem Khamenei, seine willfährigen Helfer im Justiz-System und die Revolutionsgardisten aufgebracht. Sie sahen die Ziele des Regimes verloren gehen.

Vielleicht wollte Khatami zu viel, zu schnell. Er hatte gleich den deutschen Philosphen Jürgen Habermas in den Iran eingeladen und mit ihm zahlreiche andere Denker, die von den Vorzügen einer offenen Gesellschaft gesprochen hatten. Die vielen Debatten in den religiösen Seminaren, das zu blühen beginnende kulturelle Leben im Iran, lösten heftigen Gegenreaktionen im Lager der Reaktionären um den Obersten Führer Khamenei aus. Khatami wollte zwar nicht die Verfassung ändern, die Stoßrichtung jedoch weckte bei den Wächtern der Revolution Befürchtungen und sie beendeten das Öffnungsexperiment schon gegen Ende der Zeit Khatami's mit Vorbereitungen für einen Sieg des Populisten Ahmadinedschad und mit Methoden, die sie für zutiefst islamisch deklarierten: sauertöpfisches Moralisieren, Hetze gegen Andersdenkende und Ausgrenzung, Zwang und brutale Gewalt, eindimensionale Hörigkeit.

Mag sein, dass Rohani daraus gelernt hat. Er stellt sich als Hüter der Verfassung dar, besteht auf die Erfüllung der Verfassung. Er will die Verfassung auch auf die Personen und Institutionen ausweiten, die vom Obersten Führer zu ihren Aufgaben berufen wurden und die sich seit Jahr und Tag außerhalb der Verfassung agierend betrachten. Beobachter des Regimes bezeichnen dies als einen der Hauptgründe für den offenen Bruch der Rechte so vieler Menschen im Iran durch Verantwortliche des Regimes.

Die Treue zur Verfassung bringt Rohani bei vielen Oppositionellen und Gegnern des Regimes scharfe Kritik und wenig Vertrauen in mögliche Veränderungen ein. Seine Trippelschritte hin zu Veränderungen irritieren, denn sehr lange nehmen Bürgerinnen und Bürger Irans Verbrechen und Ungerechtigkeiten seitens des Regimes in Kauf.

Beispiele für Rechtsbrüche finden sich zu Hauf. Sadegh Laridschani ist Leiter der Judikative. Er soll auf mehreren Konten die Zinsen von den Kautionen tausender Bürger, die zunächst verhaftet wurden und dann gegen hohe Kautionen frei gelassen wurden, für seine eigene Tasche abgezweigt haben. Der Fall wurde juristisch nie zu Ende aufgearbeitet, da der Oberste Führer seine schützende Hand über ihn gestellt hat. 

Oder der Fall Taheri. Mohammed Ali Taheri, Begründer alternativer Heilmethoden, hat sehr viele Anhänger im Iran. Sein Fall hat internationale Beachtung gefunden. Er wurde wegen Beleidigung der Religion, des Obersten Führers, Verwerflichkeit und anderer Verbrechen angeklagt. Die ihm drohende Todesstrafe wurde juristisch aufgelöst und er hat seine Haftstrafe, die ihm verhängt wurde, bereits verbüßt. Trotzdem wird er nicht aus dem Gefängnis entlassen, da mächtige Männer innerhalb der Pasdaran darauf bestehen ihn unter Verschluss zu halten. Taheri ist als rechtsgültig frei, wird aber jenseits aller Gesetze fest gehalten.

Wer betrachtet sich als außerhalb der Verfassung stehend?

Iran hat eine differenzierte politische Struktur mit einigen Besonderheiten, die sich aus der Verquickung religiös begründeter Elemente mit politischer Macht ableiten.1 Der nicht vom Volk erwählte Oberste Rechtsgelehrte (auch Oberster Führer genannt) kontrolliert das Justizsystem, einige äußerst wohlhabenden religiösen Stiftungen, Medien wie Fernsehen und Radio und die Streitkräfte. Ali Khamenei ernennt die jeweiligen Führungspersonen nach eigenem Gusto und entlang seiner geistigen Linie. Er zählt zum Lager der Prinzipienfesten, die sich gegen jegliche Einflüsse aus dem Westen verwehren, aber eine starke Bindung zu theokratisch-messianischen Kräften in Russland haben. Die Leiter von Judikative, Staatsrundfunk, regulärer Armee, Revolutionswächter-Armee, Revolutionspolizei und revolutionären Stiftungen danken es ihm mit treuer Gefolgschaft und absoluter Loyalität gegenüber dem Prinzip des Velayat-e Faghi. Gleichzeitig agieren sie außerhalb der Gesetze und können von keiner anderen Staatsgewalt im Iran für ihr Tun und Lassen zur Rechenschaft gezogen werden.

Interessanterweise lässt sich im abgelaufenen Wahlkampf zwischen dem auf langsame Reformen setzenden Rohani und dem aus dem Justizapparat stammenden Raissi, der den Prinzipienfesten angehört, nachvollziehen, wo der Riss innerhalb des Establishments im Iran entlang läuft. Un hier setzt Rohani nach der gewonnen Wahl an, Voraussetzungen für Veränderungen im Iran zu schaffen.

Rechenschaft ablegen

Rohani will die Verfassung nicht verändern, wie er in der oben erwähnten Dankesrede sagte, sondern auf ihre Erfüllung pochen. Er gibt zu bedenken, dass die Verfassung in einigen Punkten missinterpretiert wird und es Zeit sei, diese Punkte zu klären. Vor allem macht er die vom Obersten Führer ernannten Organe im Iran für viele Rechtsbrüche verantwortlich, da sie sich außerhalb der Gerichtsbarkeit wähnen und sich dadurch massive Rechtsverletzungen im Iran ereignet haben. Rohani besteht darauf, für Ordnung im Land zu sorgen, indem er alle Institutionen und Personen, die sich außerhalb der Gerichtsbarkeit wähnen, sich vor dem Parlament verantworten lassen will. Er stellt in Aussicht, dass sogar der Rahbar (Oberster Führer) Ali Khamenei Rechenschaft vor dem Parlament ablegen muss. Die schwerreichen religiösen Stiftungen will er überwachen lassen und zur Zahlung von Steuern verpflichten. Die Revolutionsgarden sollen sich auch der Kontrolle durch das Parlament unterwerfen. Die berüchtigten Revolutionsgarden mit ihrem Auslandszweig Quds Armee (Jerusalem Armee) sind ein großer unkontrollierter Wirtschaftsfaktor im Iran, die quasi als Staat im Staat agieren. Sie verfolgen im Ausland eigene Pläne, die sie mit dem Obersten Führer ausarbeiten und durchführen. Die militärischen Aktivitäten der Revolutionsgarden im Irak, in Syrien und im Jemen sind offensichtlich. Viele vorbereitende Aktivitäten in weiteren Ländern lassen sich nicht so einfach aufzeigen, werden jedoch von verschiedenen Diensten immer wieder erwähnt.

So gibt es im Zusammenhang mit Iran immer wieder Parallelspuren. Die Worte, Absichten und Versprechungen des Außenministeriums und die Pläne, Taten und Überraschungen durch die im Ausland aktiven Sepah-e Quds.

Der Kampf um die wahren Werte des Islam

Seit Ruhollah Khomeini mit seiner Ideologie des Velayat-e Faghi im Iran den Boden für einen theokratisch dominierten Staat gelegt hat, laufen im Hintergrund weit verzweigte Auseinandersetzungen zu der Frage nach dem wahren Islam. Khomeini's Verquickung zwischen Politik und Religion im Allgemeinen und eine Reihe von strafrechtlichen Detailfragen wurden schon zu Beginn der Staatsgründung von der gebildeten schiitischen Geistlichkeit abgelehnt. Seither sind einige Widerspruch äußernde gebildete Geistliche gestorben, ermordet worden oder ins Exil gegangen. Manche, wie der bekannte Philosoph Abdolkarim Soroush, waren einst Teil des Establishments und spielten eine Rolle in den ersten Jahren der Umwälzungen im Iran, bevor sie mehr Abstand nahmen. Andere haben Khomeini's Ideen studiert und vor einer Umsetzung gewarnt. Sie finden im Westen wenig Gehör, dafür wächst ihre Bekanntheit unter iranischen Geistlichen in der heiligen Stadt Qom. 

Viele der im Staatsdienst stehenden Mullahs sind Geistliche von niederem Rang mit wenig umfassender Bildung auch was die Religion anbelangt - aber mit hohen Positionen ausgestattet. Sie wurden vor allem in Bezug auf Überlieferungen (Hadithe und Revayat) geschult und kennen den Koran sehr oberflächlich. Einige sind durch ihre Lehrer in den Seminaren ideologisiert und auf klassenkämpferische Parolen eingeschworen. Vielen nachwachsenden jungen Geistlichen ist jedoch die von Hass, Zwang und Gewalt durchsetzte Ideologie zuwider und sie sehnen sich nach tiefergreifenderen Deutungen der Religion.

Seit mehr als fünf Jahren bekommen sie diesbezüglich zunehmend Nahrung über das Internet. Aus dem Exil lernen sie über DorrTV die Koran-Interpretationen eines französischen Religionswissenschaftlers mit iranischen Wurzeln schätzen. DorrTV hat sich einen Namen als Plattform für Bürgerinnen und Bürger gemacht, die von offizieller Seite im Iran Redeverbot haben oder einer Zensur unterliegen. Der im Pariser Exil lebende Sufi-Meister, Menschenrechtler und vergleichende Religionswissenschaftler Seyed Mostafa Azmayesh referiert in seinen Sendungen auf DorrTV über Hintergründe zu Islam und Koran, greift aber auch regelmäßig gesellschafts-politisch relevante Themen im Iran auf und scheut sich nicht Aktivitäten einiger Verantwortlichen im Iran als un-islamisch oder anti-islamisch zu demaskieren. Azmayesh gilt als integrer Aufklärer und hat sich dadurch einen guten Namen gemacht, weil er keine persönlichen Interessen verfolgt. Teile des Establishments betrachten ihn jedoch als Erzfeind und speien immer wieder Gift und Galle gegen ihn.

Einige Dokumentationen auf DorrTV haben innerhalb des Establishments im Iran viel Staub aufgewirbelt, denn sie enthielten Original Dokumente, die aus gut informierten Kreisen stammen müssen. Dieser Umstand hat dazu geführt, dass Rohani nach der Wahl vorgeworfen wurde, sein Geheimdienstminister Mahmoud Allawi habe DorrTV die Dokumente zur Verfügung gestellt, damit Azmayesh aus dem Ausland die Wahlen beeinflussen könne.

Sicher ist, dass Radio und Fernsehen im Iran den Kandidaten Raissi im Sinne des Obersten Führers unterstützt haben, während Rohani Dank moderner Medien wie Telegramm, Twitter und Internetfernsehen seine Wähler erreicht hat.

Modschtaba braucht noch Zeit

Raissi wurde nachgesagt, dass er vom Obersten Führer als sein Nachfolger auserkoren und die Wahl auch als Schritt betrachtet wurde, ihn auch außerhalb der Judikative bekannter zu machen. Nach der verlorenen Wahl betrachten manche seiner Anhänger die erreichte Stimmenanzahl (ca 16 Millionen oder ca 38%) als beachtenswert. Demnach soll Raissi die nächsten vier Jahre seinen Bekanntheitsgrad weiter steigern. Als Leiter der schwerreichen Razavi Stiftung in Mashad wird ihm viel einfallen, die Herzen weiterer Iranerinnen und Iraner zu erreichen. Der bisher als Nachfolger seines Vaters gehandelte Modschtaba Khamenei scheint noch nicht genügend Anhänger, Kompetenzen und Zustimmung in der komplexen Welt des Tiefenstaats gefunden zu haben. Manche Beobachter sprechen von einem langfristigen Plan Khamenei's Sohn als seinen Nachfolger zu installieren. Modschtaba Khamenei gehört zu einer Gruppe junger Geistlicher, die regelmäßig unter der Leitung Ali Khamenei's Strategiebesprechungen in Hinterzimmern durchführen und von ihm geführt werden. Der junge Khamenei gilt als Kopf hinter den Wahlmanipulationen und soll hinter den brutalen Reaktionen auf die Proteste 2009 stecken.

Die fünfte "Islamische Republik Iran"?2

Der Islamwissenschaftler Dr. Wilfried Buchta beobachtet das Hintergrundgeschehen im Iran kenntnisreich und mit wachen Augen. 2009 hat er für die Bundeszentrale für politische Bildung ein Dossier zu Irans politischem System geschrieben. Darin gliedert er die Phasen der sogenannten "Islamischen Republik Iran" bis zur Zeit der Präsidentschaft Ahmadinedschad's auf. So bezeichnet Buchta die Periode Khatami's als dritte "Islamischen Republik Iran". In dieser Aufteilung weiter gedacht, war die Phase unter Ahmadinedschad deutlich anders als die Periode davor, auch wenn sie sich schon zum Ende der Präsidentschaft Khatami's ankündigte. Die Amtszeit Rohani's kann man in dem Fall durchaus als fünfte Periode auffassen, auch wenn vieles wenig verändert ist, wie die massiven Menschenrechtsverletzungen. Seine Versuche die Ausrichtung des Landes zu verändern sind am stärksten auf wirtschaftlichem Gebiet erkennbar, wenn auch die Schleusen zum Westen noch nicht vollkommen offen sind. Viele Verträge mit westlichen Firmen sind unterschrieben, aber können wegen Unsicherheiten bei finanziellen Transaktionen nicht umgesetzt werden. Die Vorsicht ist geboten, da zu viel der wirtschaftlichen Macht im Iran in den Händen der Pasdaran liegt und jedem Geschäft etwas unappetitliches anhaftet, gleichzeitig von Sanktionen durch den wachsamen Senat der USA bedroht ist. Jedes Geschäft mit den Pasdaran wäre eine Zementierung ihrer Macht.

Innerhalb der Pasdaran gibt es verschiedene Geheimdienstorganisationen und ideologische Schulmeister, die in der Kaderbildung tätig sind. Einer der schärfsten Hetzer der Kaderschmiede heißt Said Ghassemi. Ghassemi tritt regelmäßig auf, um gegen ausländische Agenten und ausländische Politik zu hetzen. Er ist Bei eines Netzwerks, das sich Ammariyoun nennt und firm hinter dem Obersten Führer steht. Im vergangenen Wahlkampf stand Ghassemi hinter Raissi. In einer seiner Reden deutete er an, ausländische Dienste hätten ein Interesse daran, Rohani nach seiner Wahl zu beseitigen. In der Sprache Ghassemi's kann man diese Aussage als Drohung gegenüber Rohani betrachten. Die Drohung ist getarnt hinter einer Unterstellung, die man dann im Fall der Fälle aufgreifen hätte können und durch den falschen Verdacht weiter Verwirrung hätte stiften können. Das zeigt, dass sich Rohani durchaus in einem gefährlichen Haifischbecken bewegt. Seine mächtigen Gegner der Gerichtsbarkeit zugänglich machen könnte ein sinnvoller Schritt sein.

Dass Rohani diese Wahl gewonnen hat, hat ihm und seinen Getreuen vermutlich auch das Leben gerettet.

http://www.michael-frank.eu/Fachartikel/2011-12-03-Zum-politischen-System-der-Islamischen-Republik-Iran.pdf

2 In Anlehnung an Wilfried Buchta's Kategorisierung:  http://www.bpb.de/internationales/asien/iran/40110/das-politische-system?p=all

© Helmut N. Gabel für mehriran.de

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news-1075 Tue, 16 May 2017 12:38:43 +0200 Das Kapitel über die Frauen im Koran, Sure 4 an-Nisa' http://mehriran.de/artikel/das-kapitel-ueber-die-frauen-im-koran-sure-4-an-nisa.html mehriran.de - Dieses Essay gründet auf mehreren Gesprächen mit dem französisch-iranischen Koranforscher Dr. Seyed Mostafa Azmayesh, der daran arbeitet, eine korangestützte Auffassung von Islam aufzuzeigen. Diese ist vollständig deckungsgleich mit der modernen Menschenrechtscharta und menschlichen Werten. Dazu gehören unter anderem auch die Rechte für Frauen, die laut Koran den Männern gleichgestellt sind. mehriran.de - Dieses Essay gründet auf mehreren Gesprächen mit dem französisch-iranischen Koranforscher Dr. Seyed Mostafa Azmayesh, der daran arbeitet, eine korangestützte Auffassung von Islam aufzuzeigen. Diese ist vollständig deckungsgleich mit der modernen Menschenrechtscharta und menschlichen Werten. Dazu gehören unter anderem auch die Rechte für Frauen, die laut Koran den Männern gleichgestellt sind.

1.1. Der Okzident versucht Islam zu verstehen

Die gegenwärtige politische Situation in Europa und im Mittleren Osten wirkt auf die Lehren des Islam und die Muslime herausfordernd. Es agieren Fundamentalisten im Namen der Religion oder im Namen des Höchsten dieser Religion, missbrauchen die Religion jedoch lediglich für ihre eigensüchtigen Zwecke und Machtinteressen. Gleichzeitig versuchen staunende und erschrockene Bürger der Industrienationen, den Sinn und die Hintergründe der Kriege im Mittleren Osten und die terroristischen Akte, die auch Europa erreicht haben, zu verstehen und einzuordnen. Leider ist der Versuch, die Komplexität der gegenwärtigen Lage zu erfassen, oft durch Angst getriebene Vorurteile und Klischees bestimmt. Das kann man auch an der wachsenden Stärke rechter Parteien in Europa ablesen.

Obgleich manche Bürger im Westen sich in ihren Urteilen durch vorgefertigte Meinungen, Vorurteile oder diffuse Ängste leiten lassen - was sie zu einer pauschalen Ablehnung von allem veranlasst, was außerhalb ihres Kultur- und Glaubensverständnisses liegt - leben nicht wenige in Europa, die ernsthaft die Lehren des Islam verstehen wollen.

Tiefgreifende, verlässliche und glaubwürdige Quellen zum Islam sind jedoch auf Grund der Flut von Informationen nicht leicht auszumachen. Hinzu kommt, dass die Beschäftigung mit Übersetzungen der grundlegenden Schrift der Muslime - dem Koran - in vielen Fällen zu mehr Verwirrung und Irritationen führt. Der Koran ist ein komplexes Buch, geschrieben in einer hermeneutischen Weise, in einer Sprache, die in großen Teilen nicht dem heutigen Sprachverständnis entspricht und er enthält mehrere Bedeutungsebenen, die nicht offensichtlich sind. Dadurch sind alle vorliegenden Übersetzungen mit großer Vorsicht zu genießen. Denn den Koran zu übersetzen, ist eine umfassende und nur mit viel Hintergrundwissen zu bewältigende Aufgabe.

Dieses Essay gründet auf mehreren Gesprächen mit dem französisch-iranischen Koranforscher Dr. Seyed Mostafa Azmayesh, der daran arbeitet, eine Koran gestützte Auffassung von Islam aufzuzeigen. Diese ist vollständig deckungsgleich mit der modernen Menschenrechtscharta und menschlichen Werten. Dazu gehören unter anderem auch die Rechte für Frauen, die laut Koran den Männern gleichgestellt sind.

1.2. Die Sure der Frauen und das Entstehen eines Familienkonzepts in der Zeit der Unwissenheit (Jahiliyyah)

Dafür werden wir die 4. Sure, an-Nisa' (die Frauen), im soziokulturellen Kontext ihrer Entstehungszeit untersuchen. Gewöhnlich wird diese Sure mit Vorliebe von Fundamentalisten herangezogen, um ihre geringschätzige Behandlung von Frauen zu begründen und sich dafür auf den Koran zu berufen. Dieses Essay stellt ein durchgehend gegenteiliges Bild aus den Aussagen dieser Sure vor, die, laut diesem Bild, Folgendes hervorhebt:        

(a) eine Gewährleistung der unveräußerlichen Rechte der Frauen auf Selbstführung und Unabhängigkeit und

b) Einführung eines Familienkonzeptes in die Stammesgesellschaft der Arabischen Halbinsel in der Zeit der Unwissenheit.

Das Essay untersucht diese Thesen und geht auf weitere Schwierigkeiten in Bezug auf Deutung und Verstehen des Korans ein. Die Sure an-Nisa' kann als Beispiel dienen, wie die Aussagen einer Sure beträchtlich verfälscht werden können, weil es an notwendigem Tiefgang und Hintergrundwissen fehlt. Viele kontroverse Debatten sind auf Grund dieser Sure an-Nisa' geführt worden, deren irreführenden Deutungen wesentlich zu einem Bild des Islam als Religion des Hasses und der Intoleranz beigetragen haben.

Im Folgenden lassen wir die Übersetzung zweier Verse (34 und 35) der Sure an-Nisa' (Sure 4) sprechen, wie sie auf einer öffentlich zugänglichen Webseite zu finden sind[1]:

(34) Die Männer stehen den Frauen in Verantwortung vor, weil Allah die einen vor den anderen ausgezeichnet hat und weil sie von ihrem Vermögen hingeben. Darum sind tugendhafte Frauen die Gehorsamen und diejenigen, die (ihrer Gatten) Geheimnisse mit Allahs Hilfe wahren. Und jene, deren Widerspenstigkeit ihr befürchtet: ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie! Wenn sie euch dann gehorchen, so sucht gegen sie keine Ausrede. Wahrlich, Allah ist Erhaben und Groß.

(35) Und wenn ihr einen Bruch zwischen beiden befürchtet, dann sendet einen Schiedsrichter von seiner Familie und einen Schiedsrichter von ihrer Familie. Wollen sie sich aussöhnen, so wird Allah Frieden zwischen ihnen stiften. Wahrlich, Allah ist Allwissend, Allkundig.

Die Sure in arabischer Sprache:

 

1.3. Wechselwirkungen verschiedener Verse und Suren

Bevor wir jetzt auf diese Verse näher eingehen, sollten wir uns vor Augen halten, wie wichtig die gleichzeitige Betrachtung der Verse und ihr Verhältnis zueinander für eine Deutung sind. Würden wir Verse herausgelöst und nur für sich betrachten, so wird man gewiss ihren Sinn entstellen. Man könnte sogar so weit gehen und sagen, dass ein wahres Verständnis des Korans nur durch eine Gesamtbetrachtung aller Verse und der sie jeweils umgebenden Suren möglich wird. Dazu kommen noch notwendigerweise der historische und kulturelle Kontext der Entstehungszeit ohne die ein Verständnis undenkbar erscheint.

1.4. Historischer Kontext für die Entstehung der Sure an-Nisa'

Die Lebensumstände für die allermeisten Frauen auf der Arabischen Halbinsel zu Lebzeiten Mohammeds waren hart und belastend. Polygamie war normal. Oft hatten Männer zwei oder mehrere Frauen, die im Stammeszelt lebten. Das Gebilde einer Familie, wie wir sie heute kennen, existierte noch nicht. Stattdessen war die Gesellschaft von Stammeshierarchien durchsetzt und die Menschen identifizierten sich mit ihrer Stellung innerhalb des Stammes. Es gab zahlreiche Clans (eshere), die Teil eines größeren Stammesverbandes waren (ghabile). Mohammeds Familie gehörte beispielsweise zum Clan der Banu Hashim, die wiederum zum größeren Verbund der Quraisch gehörten. Diese Stammesstruktur und Hierarchie war üblich zu Mohammeds Lebzeiten und bildete den Rahmen für etwas, was wir heute als Familie kennen. Während die meisten Menschen im Westen heute die Zelle einer Familie als eine freie gewählte Beziehung zwischen zwei Menschen betrachten, gründete die Stammesstruktur aus jener Zeit auf einem patriarchalen System, dem ein Mann vorstand, der alleiniger Entscheider war. Im Ergebnis war eine Frau dadurch vollständig dem Wohlwollen ihres Mannes ausgesetzt, da kein Gesetz ihr Rechte einräumte. Kam eine Frau zum Beispiel den Bedürfnissen und Wünschen ihres Gatten nicht nach, konnte er sie recht schnell verlassen.

Mohammed war in seiner Zeit zunächst mit verschiedenen Normen und Gesetzen konfrontiert. Er war dadurch nicht nur ein Prophet und spiritueller Begleiter, sondern auch Staatsmann und Anführer, der mit weltlichen und gesellschaftlichen Angelegenheiten umzugehen hatte. Das bedeutet, dass Mohammed sich eingehend mit vorhandenen Gesetzen auseinandersetzen und wo nötig, sich um die Schaffung neuer Gesetze kümmern musste. Dies berücksichtigend, können wir zwischen drei Arten von Gesetzen in der Zeit Mohammeds unterscheiden:

1. amdahi: diese Gesetze stammen aus der Zeit vor Mohammed und wurden durch seine Unterschrift und Siegel bestätigt und legitimiert.

2. tasisi: bezieht sich auf Gesetze, die aus der Zeit vor Mohammed stammten und die er vollständig zurückgewiesen und durch neue Gesetze ersetzt hat.

3. taghiri: diese Gesetze stammen aus der Zeit vor Mohammed und sind von ihm modifiziert worden.

1.5. Die Sure an-Nisa’: Versuch einer Sozialreform

Die Sure an-Nisa' bezieht sich auf einen Fall von tasisi. Mohammed weist hier ein altes Gesetz zurück, das Frauen aktiv benachteiligte und unterdrückte und ersetzte es durch ein Neues. Ein Vers der Sure sagt:

Die Männer stehen den Frauen in Verantwortung vor, weil Allah die einen vor den anderen ausgezeichnet hat und weil sie von ihrem Vermögen hingeben.

Sehr oft wird dieser Satz aus dem Zusammenhang gerissen und als Argument missbraucht, um eine patriarchale Gesellschaft und das Kleinhalten von Frauen zu rechtfertigen. Im Gegensatz dazu, gehen dieser Vers und seine Nachbarverse jedoch auf das Thema Nàfàgheh ein, das auf den Schutz der Rechte der Frauen abzielt.
Gemäß dem Konzept von Nàfàgheh, ist es Aufgabe des Ehemanns für seine Ehefrau zu sorgen. Laut Koran ist der Ehemann von dieser Aufgabe auch solange nicht befreit, bis die Frau einen anderen Mann hat. Somit liegt der finanzielle Unterhalt der Familie auf den Schultern der Männer, die ihre Frauen auch in dem Fall versorgen müssen, wenn die Frauen reich sind oder ein hohes Einkommen haben. Ergänzend dazu, kann eine Frau ihre Einnahmen für sich behalten, während der Mann seine Einkünfte mit seiner Frau und der Familie zu teilen hat.

Offensichtlich geht es hier um Verpflichtungen und Verantwortungen, die als Teil der Familiengesetze im Islamischen Recht enthalten sind.

Die zweite Zeile des Verses wird oft folgendermaßen übersetzt:

Darum sind tugendhafte Frauen die Gehorsamen und diejenigen, die (ihrer Gatten) Geheimnisse mit Allahs Hilfe wahren.

Häufig verwenden konservative und fundamentalistisch gesinnte Muslime diesen Absatz des Verses, um zu zeigen, wie eine gute Muslima sich ihrem Mann gegenüber zu verhalten habe. Islam Kritiker hingegen nutzen den Versabschnitt, um aufzuzeigen, wie die Lehren des Islam an sich die Unterdrückung der Frauen enthalten. Eine nähere Betrachtung und differenziertere Übersetzung jedes Wortes zeigt, dass zwei unterschiedliche Arten von Frauen genannt werden:

Es gibt die a) salehat = rechtschaffenen Frauen, ghanetat = betenden Frauen und hafezat lel-gayb bimâ hà da Allah = Frauen, welche die verborgenen Werte schützen, da Gott sie verborgen hält.

Auffälig ist die Veränderung des Tonfalls. Anstatt von "tugendhaften Frauen, die sich ihren Männern unterwerfen", vermittelt der Vers ein Bild der Frauen, die weise sind und Werte schützen. Dieser Teil der Verse bezieht sich auf jene Frauen, die zu Hause die Werte schützen und im Heim und in der Familie für Harmonie sorgen.

Der Vers beschreibt im weiteren Verlauf eine zweite Kategorie von Frauen,

b) Und jene, deren Widerspenstigkeit ihr befürchtet

Dieser Teil des Verses bezieht sich auf jene Frauen, die sich gegen ihre Männer und ihre Familie stellen und die den Hausfrieden gefährden, weil sie ihre Gefühle und Temperamentsregungen nicht regulieren können.

Wie schon erwähnt, wird dieser Vers in seiner irrigen Übersetzung gerne von Männern gebraucht, um die Unterdrückung von Frauen zu rechtfertigen. Wir sollten uns in diesem Zusammenhang aber auch klarmachen, dass dieser Vers an die Richter und Konfliktschlichter jener Zeit gerichtet war. Diese Personen hatten die Aufgabe Konflikte innerhalb der Familien- und Stammesverbänden zu regeln.

Es war zu Mohammeds Lebzeiten für die Leute üblich, über aktuelle soziale Fragen zu diskutieren. Richter und Konfliktschlichter suchten den Rat Mohammeds, wie sie mit häuslichen Streitigkeiten umgehen sollten. Dies korrespondiert mit den gesellschaftlichen Veränderungen auf der Arabischen Halbinsel: viele Stammesmitglieder schlossen sich den Muslimen an. Frauen begannen sich gegen die Unterdrückung in der Gesellschaft zu wehren. Die Männer waren die Unterwerfung der Frauen gewohnt und mussten sich jetzt mit neuen Lebensumständen beschäftigen, in diesem Fall mit Frauen, die nicht länger willig waren, sich mit der Rolle der gehorsamen Frau abzufinden. Dieser Fall von Widerstand wird auch als Noshouz bezeichnet.

In der Konsequenz mussten die Richter lernen, wie sie mit dieser neuen Situation umzugehen hatten, denn eine Gesellschaft war am Entstehen, die nach langen Perioden der offenen, achtlosen und direkten Diskriminierung, endlich die Rechte aller seiner Mitglieder respektieren sollte. Daher zielte der Vers darauf, die Richter und Konfliktschlichter zu unterstützen, wie sie mit häuslichen Streitigkeiten gut umgehen konnten und wie sie Männern helfen konnten, deren Situation zu Hause schwierig war. Die Sure gibt keinem Mann das Recht, Frauen zu schlagen, zu unterdrücken, zu bedrohen oder zu diskriminieren. Stattdessen setzte dieser Vers eine Grundlage, um die Zelle einer Familie, die sich auf eine Partnerschaft zwischen zwei Menschen stützt, in die Stammesgesellschaften der Arabischen Halbinsel einzuführen. Dadurch wurden Frauen gleiche Rechte verliehen und zum Schutz dieser Rechte aufgerufen.

1.6. Die Sure an-Nisa’ und der Fall des Noshouz

Im nächsten Teil des Verses, bietet Mohammed den Richtern und Konfliktschlichtern einige Vorschläge, wie sie Männern raten können, die mit Noshouz konfrontiert sind. Der Vers lautet:

ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie! Wenn sie euch dann gehorchen, so sucht gegen sie keine Ausrede.

Wenn man vor familiären Problemen des Noshouz steht, sollte man in drei Stufen vorgehen:

موعظه ( diese Verbform entstammt der Wurzel des arabischen Wortes mowezeh )

1.  فَ ِعظُو ُه ّن ( ratet ihnen) und bezieht sich einfach darauf Frauen zu mit Rat zur Seite zu stehen, wie sie mit der Situation zu Hause umgehen können

2. verlasst die gemeinsame Bettstatt und lasst sie (die Frau) alleine zu Hause Fahjorouhonnà mazaje’ehennà (ِاُ ْه ُج ُرو ُه ن فی اُاْ َم َضا ِجع).

Dieser Teil des Verses rät den Männern das Zelt zu verlassen und die Frauen alleine zu lassen. Dieser Rat mag zwar auf den ersten Blick hart scheinen, jedoch handelt es sich um einen Rat Distanz zu gewinnen. Wir würden heute davon sprechen der aufgeheizten Situation Zeit zu geben und sie abkühlen zu lassen.

3. schließlich schlagt sie (اُ ْ ِضبُو ُه ن fàzrebouhonna) bezieht sich darauf, ihnen keine Wünsche zu erfüllen, wenn sie um Geschenke und Gefallen bitten.

Es ist insbesondere dieser letzte Teil des Verses, um den sich viele Kontroversen und Diskussionen drehen. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass dieser Vers das Schlagen von Frauen erlaubt. - Das Wort fàzrebouhonna wird tatsächlich häufig im Kontext der Strafgesetze benutzt und als Erlaubnis fehlgedeutet, Frauen schlagen zu dürfen. Stattdessen findet sich in dem Vers der Rat an die Männer, das Haus zu verlassen und den Unterhalt für eine Weile zurückzuhalten, in der Hoffnung, dass die betreffende Frau ihre Einstellung und ihr Verhalten ändern wird. Wichtig dabei ist, dass es unter der Aufsicht einer mit dieser Aufgabe betrauten Person stattfinden soll, wie einem Richter oder Konfliktschlichter. Die Bedeutung dieses Schlüsselwortes wird klarer, wenn wir den Vers näher untersuchen: Der Infinitiv des Begriffs fàzrebouhonna ist zarb (ضب), was mit anwenden übersetzt werden kann. Der Ausdruck zarb seke (ضب س ّكه) beispielsweise bezieht sich auf das Prägen von Münzen. Ein weiterer Ausdruck ist zarbul masal und bedeutet ein Beispiel geben. Zarb ist an sich ein Hilfsverb. Im Koran wird das Wort zarb 53 Mal verwendet, jedoch nie in Verbindung mit einem Ausdruck, der mit Schlagen zu tun hat, sondern immer im Zusammenhang mit geben oder anwenden. Zarb bedeutet also anwenden, fàzrebou ist eine Aufforderung im Sinne von wende an! und fàzrebouhonna bedeutet gehe ihnen gegenüber so vor! Wenn wir also nochmals auf fàzrebouhonna schauen, so meint es eine Maßnahme durchführen und nicht einen physischen Schlag ausführen. Gemeint ist die Maßnahme eine finanzielle Unterstützung oder den Unterhalt zurückzuhalten. [2]

Sobald die Frau ihr Verhalten verändert, muss die durchgeführte Maßnahme sofort eingestellt werden. Wenn die Frau keine Änderung ihrer Einstellung oder ihres Verhalten erkennen lässt, ist es deutlich, dass das Paar nicht mehr zusammenleben kann. Somit sollten Frau und Mann Abstand voneinander halten. Dann beginnt die Phase der Trennung, Shéghagh. In diesem Fall kehrt die Frau entweder in ihr Elternhaus zurück oder wenn sie entsprechend über Reichtum verfügt, kann sie für sich leben. Während dieser Trennungsphase ernennt ein Gericht für jede Seite zwei Mediatoren aus dem Verwandtenkreis. Gemeinsam verhandelt man dann einen Unterhalt für die Frau in der Trennungszeit, für den der Mann aufkommt, bis die Frau wieder heiratet. Mögliche Kinder dürfen unterhalb 8 Jahren nicht von der Mutter getrennt werden. Stattdessen muss der Mann für den Unterhalt für die Kinder und die Mutter aufkommen. Nach Vollendung des 8. Lebensjahrs ziehen die Kinder zum Vater und von diesem Zeitpunkt an, erhält die Frau nur noch den Unterhalt für sich selbst.

In der Fortsetzung der Verse 34 und 35, findet sich die Vermittlung zwischen Mann und Frau:

Und wenn ihr einen Bruch zwischen beiden befürchtet, dann sendet einen Schiedsrichter von seiner Familie und einen Schiedsrichter von ihrer Familie. Wollen sie sich aussöhnen, so wird Allah Frieden zwischen ihnen stiften. Wahrlich, Allah ist Allwissend, Allkundig.

Dieser Abschnitt betont, dass die weißbärtigen Scheichs und älteren Weisen der Gesellschaft Verantwortung haben, zwischen dem streitenden Paar zu vermitteln. Die Hinweise des Verses sind an diese Leute gerichtet. Der Vers erwähnt explizit das Wort sheghâgh, das Dissens und Trennung bedeutet, während das Wort tàlâgh sich auf Scheidung bezieht. Obwohl tàlâgh gar nicht vorkommt, missbrauchen Fundamentalisten den Vers gerne, um eine Scheidung von einer Frau zu rechtfertigen, der vorgeworfen wird, nicht gehorsam gewesen zu sein.

  

Weiterhin meint der Begriff eslâh ein Problem zu lösen, zum Beispiel durch eine Versöhnung. Wenn aber jede Partei an ihrer Position festhält, sollte eine Trennung erfolgen. Das Wort für Trennung in diesem Vers ist shéghagh (nicht talagh = Scheidung!). Und so heißt es weiter an die Mediatoren gerichtet, dass im Fall einer Trennung (shéghagh) ein Vermittler (hàkàm) aus der Familie des Mannes und ein Vermittler (hàkàm) aus der Familie der Frau gefunden werden muss. Diese Vermittler sollten sich über eine Lösung für das Paar beraten und einigen. Die direkte Ansprache im Vers bezieht sich auf die weisen Ältesten und Verantwortlichen innerhalb der Gemeinschaft. Nicht die Männer, die im Streit mit ihren Frauen sind, sind hier gemeint. Stattdessen wird die Rolle des Mediators hervorgehoben. Diese beiden Verse (34 und 35) leiten die Richter der muslimischen Gemeinschaft an, wie sie friedlich Familienstreitigkeiten regeln können.

Im ersten Schritt sollen die Richter die Männer beraten, wie sie mit der Situation umgehen können, dann wird das Paar im zweiten Schritt ermutigt sich zu versöhnen. Falls eine Versöhnung nicht möglich ist, wird im nächsten Schritt geraten jeweils zwei Vermittler aus jeder Familie zu finden, die gemeinsam eine Lösung und Vereinbarung für beide Seiten finden sollen.

Wie bereits hervorgehoben, legt der Vers eine Grundlage für die Bildung von Familien als Einheiten innerhalb der Stammesgesellschaften auf der Arabischen Halbinsel in der Zeit Mohammeds. Er war ein erster Schritt in der Umsetzung von Frauenrechten, die in jener Zeit von ihren Männern einfach verlassen und aufgegeben wurden. Stattdessen definiert der Vers einfache Regeln und Verantwortung der Männer ihren Frauen gegenüber. Dadurch gab es einen Vertrag zwischen dem Paar, der verhindern sollte, dass Männer nach Lust und Laune ihre Frauen aufgeben konnten. Man muss an dieser Stelle die gravierende soziale Veränderung in diesem Vers herausheben. Für jene Zeit war diese Veränderung ein großer Schritt in der sozialen Realität, auch wenn es aus westlicher zeitgenössischer Perspektive normal sein mag, dass ein Mann seiner geschiedenen Frau Unterhalt zahlen soll.

In der Tat erlaubt der Koran den Männern keinesfalls Frauen gegenüber gewalttätig oder ausfallend zu werden, weder in der Öffentlichkeit noch zu Hause. Stattdessen findet sich darin der Rat an Paare entweder friedlich und respektvoll miteinander zu leben oder sich einvernehmlich zu trennen. Weder legitimiert der Koran jegliche Anwendung von Gewalt oder Zwang, noch empfiehlt er Männern diese Methoden, um sich von Frauen ihre Begierden erfüllen zu lassen.

Damit übereinstimmend sagt Vers 19 der Sure an-Nisa' Folgendes:

O ihr, die ihr glaubt, euch ist nicht erlaubt, Frauen gegen ihren Willen zu beerben. Und hindert sie nicht (an der Verheiratung mit einem anderen), um einen Teil von dem zu nehmen, was ihr ihnen (als Brautgabe) gabt, es sei denn, sie hätten offenkundig Hurerei begangen. Verkehrt in Billigkeit mit ihnen; und wenn ihr Abscheu gegen sie empfindet, empfindet ihr vielleicht Abscheu gegen etwas, in das Allah reiches Gut gelegt hat.

Dieser Vers verlangt ausdrücklich von Männern gütig und freundlich mit ihren Frauen umzugehen, sogar, wenn sie Unmut oder Missfallen ihnen gegenüber empfinden sollten. Der Koran plädiert für einen gütigen und wohlwollenden Umgang, nicht für Respektlosigkeit, auch wenn das Paar in einer Phase sein sollte, in der es an Liebe mangelt und der Groll aufeinander überwiegt. Natürlich wird es für solcherlei Probleme keinen Raum geben, wenn Mann und Frau sich gegenseitig lieben und mögen. Doch sogar in Phasen der Zerrüttung, sollte es keinen Raum für grobes und unverschämtes Handeln geben. Beide werden aufgefordert freundlich zueinander zu sein und sich zu beherrschen, keine physische Gewalt auszuüben oder beleidigende Aussagen zu tätigen.

Es gibt einige Geschichten im Koran, die eine harmonische Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau zeigen und die Führungsrolle von Frauen im Haus und auch außerhalb schildern.

Man kann die Sure der Königin von Saaba (Sure 34) anführen. Diese Königin regierte ein großes Reich in der Lebenszeit König Salomos.

 

Anstatt die Königin von Saaba als Feindin zu betrachten, lud König Salomo sie nach Jerusalem ein und nahm sie mit einem großen Hofstaat und Musik in Empfang, wodurch er ihr Respekt zollen und seine Ehrfurcht vor ihr ausdrücken wollte.

Die Bienensure (Sure 16) und die Ameisensure (Sure 27) fokussieren beide die weibliche Führungsrolle. In beiden Suren sind es die Weibchen, die das jeweilige Volk führen und für das Wohlergehen sorgen. Dies sind gute Beispiele für die Art wie Frauen behandelt werden sollten und für die Verantwortung und Führungsrolle, die Frauen in der Gesellschaft haben sollten.

1.7. Wie konnte eine Abweichung von der ursprünglichen Bedeutung geschehen?

Man muss sich zurecht wundern, warum sich solch eine große Abweichung vom Originaltext entwickeln konnte. Wie können also zwei komplett unterschiedliche Übersetzungen derselben Verse vorliegen.

Dr. Azmayesh schlägt mehrere Faktoren vor, warum der Koran über Jahrhunderte fehlgedeutet und missbraucht worden ist. Hier sind drei davon:

1. Heutzutage verlassen sich viele Forscher und Religionsgelehrte auf die Hadithen und Revayat (Überlieferungen). Revayat sind aufgemachte Geschichten, die willkürlich und inkorrekt Mohammed, dem Begründer des Islam, zugerechnet werden. Innerhalb dieser Revayat gibt es Zitate, die dem Propheten zugesprochen werden. Man nennt sie Hadithe. Viele zeitgenössische Religionsgelehrte stützen sich auf diese Revayat und Hadithe, die im Lauf der Geschichte exponentiell an Zahl zugenommen haben, anstatt den Koran direkt einer Untersuchung zu unterziehen. So nennen wir das Beispiel des Abu Hurairah (Abū Hurayrah ad-Dawsī al-zahrani), der zu einer zentralen Figur in der Zeit nach Mohammed wurde. Abu Hurairah war ein anerkannter Gelehrter innerhalb der jüdischen Gemeinde, der tiefes Wissen über die Schriften jener Zeit hatte. Er kannte die Geschichten des Alten und Neuen Testaments, die nur kurz im Koran Erwähnung finden, wie z.B. die Geschichte von Noahs Arche. Durch dieses Wissen war Abu Hurairah zu seinen Lebzeiten eine sehr respektierte und hochgestellte Persönlichkeit. Drei Jahre bevor Mohammed starb trat er zum Islam über. In seiner weiteren Lebenszeit brachte Abu Hurairah 5000 Revayats hervor, die aus seinen Kenntnissen der jüdischen Religion stammten und die er aber Mohammed zurechnete. Heute existieren Unmengen an Revayat und Hadithen, die in den meisten Fällen schlichtweg erfunden wurden, um bestimmten Interessegruppen in ihrer Zielverfolgung zu dienen.

2. Ein zweiter Grund, den wir hier nennen werden, ist die Sprache des Korans und die Verwendung sowie der Einfluss einer beträchtlichen Anzahl vor-koranischer Schriften. Die im Koran verwendete Sprache ist wirklich sehr komplex, da sie nicht nur aus einer Sprache (Arabisch) besteht. Vielmehr ist sie eine Mischung aus Alt-Syrisch und Aramäisch, wodurch man diese beiden Sprachen kennen sollte, um die Begriffe des Korans in ihrer authentischen Bedeutung zu erfassen. Den Koran im Wortsinne zu übersetzen, ergibt eine falsche und missverständliche Übersetzung. Dazu kommt, wie schon erwähnt, dass vorhergehende Schriften einen signifikanten Einfluss auf den Koran hatten, was dazu führt, dass man neben der Beherrschung des Alt-Syrischen und Aramäischen, in der Lage sein muss, Wissen um die alten vor-koranischen Schriften in eine Annäherung an das Verständnis des Korans hineinweben muss. Übersetzer dessen sollten sich diesen Einfluss klarmachen und bei der Übersetzung berücksichtigen. Dennoch findet man in Buchhandlungen meistens, wenn nicht sogar ausschließlich, entweder wortwörtliche Übersetzungen, die diese Details nicht berücksichtigen oder poetische Interpretationen des Korans oder Übersetzungen von Übersetzungen oder Kommentare zum Koran. Man kann das mit den Büchern Shakespeares vergleichen, die in modernes Englisch übersetzt wurden und zum besseren Verständnis mit hinzugefügten Kommentaren garniert wurden.

Das führt dazu, dass eine fehlerhafte Übersetzung in weiteren Übersetzungen bedenkenlos fortgeführt wird. Somit braucht eine authentische Übersetzung des Korans ein hohes Maß an linguistischen, kulturellen und historischen Kenntnissen und Vielseitigkeit.

3. Zuletzt erklärt Dr. Azmayesh, dass der Koran aus drei Hauptteilen besteht:

I unmittelbare Unterweisungen, die sich auf die Entwicklung auf dem Pfad der Einheit, die Entwicklung hin zu einem edlen und tugendhaften Benehmen (Javanmardi) und die Schaffung einer gesunden Gesellschaft beziehen.
II Fragen zu verschiedenen Themen, die von verschiedenen Menschen unterschiedlicher Gruppen an Mohammed gerichtet wurden ( z.B. fragten sowohl christliche und jüdische Gelehrte als auch Stammesmitglieder und Beduinen) und
III Die Antworten Mohammeds auf die Fragen jener Leute.

1.8. Hinwendung zur Essenz des Islam

Diese Unterscheidung ist wesentlich und führt uns zurück zu unserer Betrachtung der Sure an-Nisa'. Der Koran bietet den Menschen Rat und Lehren an (I) und zeigt Schilderungen und unmittelbare Erzählungen über die Umstände und die sozialen Strukturen in der Zeit Mohammeds. (II & III). Wir sehen jedoch am Beispiel der Sure an-Nisa', wie eine Beschreibung sozialer Gegebenheiten jener Zeit häufig für Handlungs-empfehlungen des Korans gehalten werden. So zum Beispiel, dass Männer Frauen beherrschen und unterdrücken sollten. In der Tat haben Fehldeutungen wie die eben erwähnte das Schlagen, die Steinigung und die Zwangsverheiratung von Mädchen und Frauen viele Jahrhunderte lang legitimiert. Dr. Azmayesh betont, das Ziel des Korans sei die Schaffung einer soliden und gerechten Gesellschaft. Die im Koran erwähnten Gesetze und Regeln bilden den Anfang dieses Ansinnens, das sich weiter und weiter entwickelt. Insofern können die im Koran erwähnten Prinzipien in Bezug auf das Zusammenleben der Menschen verändert und angepasst werden, wenn sie der Entwicklung der Menschheit dienlich sind und die Rechte des Einzelnen respektieren. Dies wird möglich durch das Prinzip der Ablösung oder Aufhebung (Naskh) gemäß den Anforderungen der Zeit. Für Dr. Azmayesh ist die Zeit gekommen, dass man die Essenz des Islams kennenlernt. Diese Essenz besteht in der Ermutigung, sinnreiche und gute Taten zu vollbringen und darin, alle Menschen ohne Rücksicht auf ihre Rasse, Weltanschauung, Herkunft oder Geschlecht zu lieben, zu respektieren und wertzuschätzen. Dies ist der Kern des Islam, wie der Prophet Mohammed ihn vorstellte.

 

Liste einiger im Essay verwendeter Schlüsselbegriffe und ihre Bedeutung:

amdahi: Gesetze aus der Zeit vor Mohammed, die von ihm durch Unterschrift und Siegel bestätigt wurden, wodurch er ihnen weitere Gültigkeit zumaß

Eslâh: das Problem lösen


Fàzrebou: wende an! (Imperativ)

Fàzrebouhonna: jmd./etw. betreffen

Ghanetat: betende Frauen

Jeld: to strike (when referring to striking the skin)

Mowezeh: raten, einen Rat geben

Nàfàgheh: Unterhalt, den ein Mann seiner Frau zu bezahlen hat

Noshouz: wenn eine Frau das Begehren ihres Mannes abweist

Salehat: gerechte, rechtschaffene Frau

Shéghagh: Trennung

Taghiiri: Gesetze, die von Mohammed verändert wurden

Tàlâgh: Scheidung

Talliun: Auge-um-Auge Prinzip

Tasisi: Gesetze aus der Zeit vor Mohammed, die er vollständig abgelehnt und durch neue Gesetze ersetzt hat

Zarb: anwenden (Infinitiv)


[1] Übersetzung stammt aus: islam.de

[2] Auf Arabisch heißt das Wort dafür, jemanden physisch zu schlagen "jeld", das auch als Haut übersetzt werden kann. Im Koran wird dieser Begriff im Zusammenhang mit Ehebruch gebraucht, wobei die beiden am Ehebruch Beteiligten jeweils mit 100 Schlägen bestraft werden sollen. In jener Zeit war Ehebruch ein großer Tabubruch, denn der Betrogene und die gesamte Familie verloren ihr Gesicht in der Gesellschaft. Männer und Frauen erhielten die gleiche Strafe. Ehebruch ist Teil des Strafgesetzes. Ein weiterer Fall aus dem Strafgesetz ist, wenn ein Mann seine Frau schlägt. In diesem Fall ist es der Frau erlaubt, den Mann gemäß des Tallionsgesetzes (Auge um Auge) zurückzuschlagen. Diese Gesetze sind aber nicht in Stein gemeißelt. Die Frau kann auch entscheiden dem Mann zu vergeben und jede Strafe abzuwenden und/oder einen finanziellen Ausgleich zu fordern.

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news-1074 Sun, 14 May 2017 20:57:06 +0200 Raissī oder Rohanī? http://mehriran.de/artikel/raissi-oder-rohani.html mehriran.de - Präsidentschaftswahlen im Iran auf der Zielgeraden. Am Freitag, 19. Mai 2017 treten sechs vom Wächterrat vorselektierte Kandidaten zur Wahl an. Dem amtierenden Präsidenten Hassan Rohanī werden die größten Chancen auf eine Wiederwahl eingeräumt, aber Kandidat Ebrahim Raissī hat mächtige Verbündete im Tiefenstaat. mehriran.de - Es sind sechs Kandidaten, die zur nächsten Präsidentschaftswahl in der sogenannten Islamischen Republik Iran antreten, darunter der amtierende Präsident Rohanī und der Bürgermeister Teherans, Mohammad Bagher Ghalibaf, ein hoher Offizier der Revolutionsgarden. Rohanī gibt sich siegessicher, denn er meint auf einem guten Weg zu sein, den Iran aus internationaler Isolation heraus zu holen und dadurch der wirtschaftlichen Entwicklung im Land Auftrieb zu geben. Sowohl Ghalibaf als Offizier der Revolutionsgarden, als auch der Geistliche Ebrahim Raissi, Vorsitzender einer milliardenschweren und weit verzweigten religiösen Stiftung in Maschhad (Astan Quds Razavi), werden von unterschiedlichen Fraktionen innerhalb der Pasdaran unterstützt.

Raissi soll zwar zu wenig Charisma haben, um Massen zu mobilisieren, doch er scheint als Nachfolger des Obersten Führers Ali Khamenei gehandelt zu werden, was ihm die Unterstützung Khameneis einbringen könnte. Öffentlich positioniert sich Khamenei zwar nicht, doch merken Beobachter der politischen Schachzüge im Iran an, dass die den Tiefenstaat durchdringenden Ideologen der Pasdaran und ein Netzwerk radikaler Geistlicher aus Maschhad voll und ganz hinter dem Prinzip der Staatsideologie von Velayat-e Faghi - also hinter Khamenei - stehen und gleichzeitig Raissi unterstützen.Diese Geistlichen entstammen einem Netzwerk, das Islam als Zwangs- und Bestrafungsmaschine versteht.

Raissi wird beschuldigt eine tragende Rolle in den Massenmorden von 1988 gespielt zu haben. Die Vorgänge um die Massenerschießungen aus dieser Zeit sind nicht aufgearbeitet. Viele Angehörige wissen bis heute noch nicht, wo ihre Liebsten nach der Exekution verscharrt wurden. Er war über 30 Jahre im Dienst des Justizapparates.

Zudem ist Raissi in Mashad Kopf einer Organisation namens Sireh Sara (Institut für Zeitehen), einer quasi als religiös geltenden Institution, die vor allem für viele Pilger aus Afghanistan Zeitehen organisiert. 

Hinter Raissi stehen Sepah-e Quds, die Revolutionsgarden, aber auch die offiziellen Radios und TV.

Eine den Hardlinern nahe stehende Publikation im Iran hat Ghalibaf zwei Wochen vor der Wahl aufgefordert, seine Kandidatur aufzugeben. Sie erhoffen sich dadurch mehr Chancen für Raissi.

Weitere Kandidaten sind Seyed-Mustafa Haschemi-Taba, Seyed-Mustafa Agha-Mirsalim und Ishaq Dschahangiri-Kuschai. Ihnen werden kaum Chancen auf den Gewinn der Wahlen eingeräumt. Man kann vermuten, dass sie sich kurz vor der Wahl zurückziehen und ihren Anhängern Wahlempfehlungen aussprechen werden.

Am Montag, 15. Mai gab Ghalibaf seinen Rückzug von der Kandidatur bekannt. 

Weiterführende Links:

de.qantara.de/inhalt/die-wirtschaftsmacht-religioeser-stiftungen-im-iran-glaube-und-profit-am-grabmal-des-imam

www.dw.com/en/iran-who-are-the-presidential-candidates/a-38547705

theiranproject.com/blog/2017/04/29/raisi-vows-triple-amount-cash-handouts-poor-iranians/

www.unitedagainstnucleariran.com/people/ebrahim-raisi

www.al-monitor.com/pulse/originals/2017/04/iran-ebrahim-raisi-first-tv-interview-economy-populism.html

www.cnbc.com/2017/05/03/conservative-ebrahim-raisi-stokes-fear-over-iran-presidential-election.html

foreignpolicy.com/2017/04/12/irans-supreme-leader-has-picked-his-candidate-for-president/

derstandard.at/2000056735923/Iran-Kandidaten-versprechen-die-Sterne-vom-Himmel

www.leparisien.fr/flash-actualite-monde/iran-interrogations-autour-d-ebrahim-raissi-favori-des-conservateurs-a-la-presidentielle-15-04-2017-6857028.php

leslettrespersanes.fr/2017/04/06/ebrahim-raissi-candidat-pressenti-des-conservateurs-pour-faire-face-a-Rouhani

www.rtbf.be/info/monde/detail_iran-le-conservateur-ebrahim-raissi-dans-la-course-pour-battre-rohani

www.theguardian.com/world/2017/jan/09/ebrahim-raisi-conservative-cleric-iran-supreme-leader-khamenei

www.arabnews.com/node/1084526/middle-east

mohabatnews.com/en/

thewire.in/131446/influential-clerical-association-endorses-rouhani-rival-ebrahim-raisi/

www.theaustralian.com.au/business/wall-street-journal/hardline-cleric-ebrahim-raisi-to-run-for-iran-president/news-story/48f75064be19ca706deb24f4c403ad60

www.youtube.com/watch

www.youtube.com/watch

www.wsj.com/articles/hard-line-cleric-ebrahim-raisi-launches-bid-for-iranian-presidency-1491780106

www.today.ng/news/world/290930/irans-khamanei-rebuffs-rouhani-detente-west

www.straitstimes.com/world/middle-east/what-would-hardline-presidential-frontrunner-ebrahim-raisi-mean-for-iran-and-the

www.iranhumanrights.org/2017/04/crimes-against-humanity-raisis-presidential-bid/

www.tvn24.pl/wiadomosci-ze-swiata,2/wybory-w-iranie-ebrahim-raisi-kontra-hasan-rowhani,731242.html

eaworldview.com/2017/05/iran-daily-rouhani-files-complaint-presidential-challenger-raisi/

www.badische-zeitung.de/ausland-1/der-wettlauf-um-das-praesidentenamt-im-iran-beginnt--135842793.html

www.luzernerzeitung.ch/nachrichten/panorama/Iran-steht-vor-ungewisser-Zukunft;art9645,1013384

www.tehrantimes.com/tag/Ebrahim+Raisi

www.newindianexpress.com/world/2017/apr/15/what-would-hardliner-ebrahim-raisi-mean-for-iran-and-the-world-1593886.html

www.24matins.de/topnews/pol/iranischer-praesident-greift-konservative-rivalen-vor-wahl-hart-an-35095

www.focus.de/politik/ausland/iran/sie-wollen-maenner-und-frauen-sogar-mit-mauern-trennen-iran-praesident-rohani-konservative-sind-schuld-an-hinrichtungen-und-gefaengnis_id_7101405.html

 

 

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news-1071 Sun, 19 Mar 2017 00:19:11 +0100 Justiz im Iran verurteilt Faezeh Hashemi Rafsandschani wegen Interview mit Dorr TV zu Haftstrafe http://mehriran.de/artikel/justiz-im-iran-verurteilt-faezeh-hashemi-rafsandschani-wegen-interview-mit-dorr-tv-zu-haftstrafe.html mehriran.de - Die Tochter eines ehemaligen Präsidenten Irans findet, das Regime im Iran sei von einer Bande von Dieben und Gaunern beherrscht. Sie scheut sich nicht Exil-iranischen Medien Interviews zu geben. Jetzt wurde sie zum zweiten Mal wegen Interviews zu einer Haftstrafe verurteilt. mehriran.de - Faezeh Haschemi Rafsandschani setzt sich für Frauenrechte im Iran ein und scheut sich nicht ihre Meinung öffentlich kund zu tun. Dadurch gerät sie immer mal wieder in die Fänge der Justiz im Iran. Auch ihr im Januar 2017 plötzlich verstorbener Vater Akbar Haschemi Rafsandschani konnte sie nicht vor Verfolgungen der Justiz schützen. Der ehemalige Präsident Irans war einer der Mitbegründer des Regimes und ein sehr gut vernetzter Politiker mit Gewicht in vielen Schichten der Gesellschaft Irans. Es heisst, er sei keines natürlichen Todes gestorben, wie die offizielle Version verlautet, sondern von einem Elitesoldaten der sogenannten "Eisernen Gruppe" in seinem eigenen Swimmingpool ertränkt worden. Hinter dem tollkühnen Mord steckt laut Reza Malek, einem iranischen Geheimdienstmitarbeiter, eine Gruppe, die mit Modschtaba Khamenei, Sohn des Obersten Führers, verbunden ist.

Faezeh Rafsandschani wurde zu sechs Monaten Haft verurteilt, wie BBC Persian, Deutsche Welle Farsi, Radio Farda und zahlreiche iranische Webseiten übereinstimmend berichtet haben. Der mit dem französisch-iranischen Forscher und Menschenrechtler Seyed Mostafa Azmayesh kooperierende Internet-Sender Dorr TV hatte mit Frau Rafsandschani über den Korruptionsfall des Oberhaupts der Justiz, Sadegh Laridschani, ein Interview geführt. Jetzt hat sich Laridschani offenbar mit einer Haftstrafe für sie revanchiert. Dorr TV hatte Dokumente veröffentlicht, die beweisen, dass Laridschani private Geschäfte auf dem Rücken zahlreicher Gefangener, die hohe Kautionen bezahlen mussten, gemacht hat. Laridschani liess offenbar immer wieder Leute grundlos verhaften und gegen Zahlung sehr hoher Kautionen auf eines von 63 Konten auch wieder frei. Die Zinsen aus den akkumulierten Kautionszahlungen, liess er sich wohl persönlich ausbezahlen. Es handelt sich um Millionenbeträge. 

Quellen: http://shabtabnews.com

Der Fall Laridschani wurde vom Präsidenten Rohani aufgegriffen und beim Obersten Führer zur Sprache gebracht, was für Laridschani keine Nachteile eingebracht, jedoch den Bankdirektoren und jetzt auch Frau Rafsandschani Gefängnisstrafen eingehandelt hat. 

Dorr TV gibt immer wieder vom Regime geschmähten oder verfolgten Persönlichkeiten Raum, ihre Sicht auf gesellschaftliche und soziale Verhältnisse im Iran in Interviews zu geben. Das regime betrachtet diese Interviews als Propaganda gegen das Regime und hat dadurch einen Bann auf Dorr TV erlassen als Regime kritisches Medium zu fungieren. Dorr TV produziert neben kulturellen Sendungen auch Berichte über die Menschenrechtssituation im Iran. Das passt dem Regime keineswegs. Dorr TV hat sich aber den Ruf einer beharrlichen Berichterstattung und überraschende Fakten und Dokumente publizierendem Medium erworben.

© Helmut N. Gabel für mehriran.de 2017

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news-1068 Mon, 27 Feb 2017 16:43:46 +0100 Internationaler Tag der Derwische 2017 in Hannover http://mehriran.de/artikel/internationaler-tag-der-derwische-2017-in-hannover.html mehriran.de - Mit einer Veranstaltungsreihe in Hamburg und Hannover feierten Menschenrechtsaktivisten aus mehreren europäischen Ländern den Internationalen Tag der Derwische 2017. Der Tag wird in Erinnerung an einen mutigen Marsch einiger 10.000 Derwische zum Parlament in Teheran am 21. Februar 2009 begannen. mehriran.de - Letztes Jahr traf man sich in London, um mit Musik und Poesie den Tag zu begehen. In diesem Jahr organisierte der Verein Karamat e.V. eine Serie von Dialogen zur Relevanz des Korans für den Islam, zu orientalischer und okzidentalischer Mystik und ein Abschlusskonzert in der Kirche der Stille Hannover. 

Pastorin Maike Ewert hatte die Türen der Kirche auf dem Kronsberg für einen Dialog am Samstag, 18.02.17 zwischen Prof. Wolfgang Achtner und Dr. Seyed M. Azmayesh weit aufgemacht. Im Rahmen der DialogReihe Spiritualität sprachen die Referenten über Meister Eckhart und Dschelalledin Rumi und gaben Einblicke in die Praxis der beiden Mystiker. Am Abend konzertierten Beate Achtner mit Liedern von Hildegard von Bingen und Arvo Pärt, sowie das Londoner Ensemble Soveida mit Sufi Hymnen voller Sehnsucht, Hingabe und starker Energie.

Am Vorabend hatten die beiden Referenten schon Gelegenheit gehabt im ka:punkt Begegnungszentrum mitten  in Hannover das Thema vor einem höchst interessierten Publikum zu entfalten. Beide Dialogveranstaltungen waren umrahmt von Musik des Ensembles Louly, die von Rumis Gedichten inspiriert ist.

Schon am Mittwoch, 15.02.17 hatte ein Dialog zum Koran mit Interessierten in der Christuskirche, Hamburg stattgefunden. Am Abend erklangen in der Christuskirche Hymnen, Gedichte und Geschichten des berühmten Mystikers aus Konya.

Zum Abschluss trafen sich am Sonntag, 19.02.17 Aktivisten vor der Oper in Hannover, um für die Freilassung politischer und Gewissensgefangener zu demonstrieren.

 

 

 

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news-1066 Tue, 14 Feb 2017 11:28:41 +0100 Vor der Oper für die Freiheit http://mehriran.de/artikel/vor-der-oper-fuer-die-freiheit.html mehriran.de - Pressemitteilung: Am Sonntag, 19.02.2017 von 10:30-11.30 Uhr protestieren mehrere Organisationen und Menschenrechtsaktivisten für die Freilassung aller Gewissensgefangenen und aller politischen Gefangenen im Iran vor dem Opernhaus Hannover . mehriran.de - Am Sonntag, 19.02.2017 von 10:30-11.30 Uhr protestieren die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte (IOPHR), Karamat e.V., Erfane Halghe u.a. vor der Oper Hannover (Opernplatz, Georgstr.) für die Freilassung aller politischer Gefangenen und aller Gewissensgefangenen im Iran.

Im Fokus dieser Aktion werden folgende Männer und Frauen stehen. Es handelt sich um Menschenrechtsaktivisten, Anwälte, Studenten, Journalisten und seit Jahren unter Hausarrest stehenden Oppositionspolitikern.

Mehdi Khazali - Shahnaz Akmali - Ayatolah Nekoonam - Mohammad Ali Taheri - Arash Sadeghi - Ali Shariyati - Narges Mohammadi - Mehdi Karoobi - Mir Hossein Musavi - Zahra Rahnavard

Hintergrund:

Seit Präsident Rohani im Iran angetreten ist, hat sich entgegen vieler Versprechen die Menschenrechtslage nicht wirklich verbessert. Verschiedene Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, Human Rights Watch oder die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte weisen immer wieder auf die hohen Hinrichtungszahlen im Iran hin. Dazu kommen immer wieder willkürliche Verhaftungen unter fadenscheinigen Gründen hinzu, physische und psychische Folter in den Gefängnissen, sowie die Verweigerung medizinischer Hilfe für kranke Gefangene. Vor den im Mai anstehenden Neuwahlen im Iran ist eine weitere Verschlechterung der Menschenrechtssituation zu erwarten.

Vor 11 Jahren (2006) wagten um die 60.000 Derwische (Anhänger einer mystisch orientierten Version von Islam) sich vor dem Teheraner Parlament zu versammeln, um gegen die Verbalattacken und Zerstörungen ihrer Versammlungshäuser in einigen Städten Irans durch Schergen des Regimes zu protestieren. Anlässlich des Internationalen Tags der Derwische rufen die beteiligten Menschenrechtsgruppen die Internationale Gemeinschaft auf, weitere Appelle an die Verantwortlichen im Iran zu richten, die Menschen- und Bürgerrechte ihrer Bevölkerung zu respektieren und ihre Wachsamkeit gegenüber den Vorgängen im Iran weiter zu intensivieren. 

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news-1064 Thu, 12 Jan 2017 00:53:49 +0100 Haifisch oder Stimme der Vernunft? - Zum Tod Hashemi Rafsandschanis http://mehriran.de/artikel/haifisch-oder-stimme-der-vernunft-zum-tod-hashemi-rafsandschanis.html mehriran.de - Einer der einflussreichsten politischen Akteure der Islamischen Republik Iran erlag am letzten Sonntag einem Herzstillstand. Millionen Iranerinnen und Iraner erwiesen ihm am Dienstag die letzte Ehre. mehriran.de - Im Mai 2017 stehen im Iran wieder Präsidentschaftswahlen an. Der gegenwärtige Präsident Rouhani hätte erneut mit der Unterstützung seines Mentors Rafsandschani rechnen können. Nun ist der jedoch im Alter von 82 Jahren einem Herzinfarkt beim regelmäßigen Fitnessbad in seinem Pool erlegen. Im Krankenhaus konnte sein Leben nicht mehr gerettet werden.

Die letzten Jahre hatte sich Rafsandschani als Stimme der Vernunft gegeben, der den Hardlinern innerhalb der Machtelite Paroli bot und deren Beschimpfungen seiner Person und Familie weitgehend ignorierte. Doch ein Engel soll er nicht gewesen sein. Der als Politfuchs bekannte Pistazien-Milliardär hat viele Strippen in der Politik der Islamischen Republik gezogen. Er diente dem Regime in sehr unterschiedlichen Rollen und Funktionen, zuletzt als Vorsitzender des Schlichtungsrats. Er war auch schon Präsident und hat maßgeblich zur Auswahl des Nachfolgers des Revolutionsführers Khomeinis beigetragen.

Ali Khamenei hat Rafsandschani seine Stellung als Oberster Führer zu verdanken. In jener Zeit galt Hashemi Rafsandschani noch als "Hai". Später stellte ihn der in die USA geflohene Akbar Gandschi als "Roter Kardinal" dar. Rafsandschanis Kalkül den unerfahrenen Khamenei hochzuhieven und ihn zu kontrollieren ist nicht wirklich aufgegangen. Vielmehr entwickelten sich in den letzten 16 Jahren grob gesehen zwei Lager. Pragmatiker, Reformer und andere reihten sich in die tendenziell reformerischen Bemühungen Rafsandschanis ein, während Spitzenfunktionäre der Revolutionsgarden, Hardliner und Anhänger einer fortwährenden sogenannten islamischen Revolution hinter dem Obersten Führer Khamenei agierten.

Die Revolution von 1979 im Iran hat nach und nach viele Akteure desillusioniert. Angefangen mit Ajatollah Taleghani und später Ajatollah Montazeri, der Stellvertreter Khomeinis, reihten sich ab der Ära des Präsidenten Ahmadinedschad offen Mehdi Karroubi und Mir Hossein Mousavi in die Front der scharfen Kritiker Khameneis. Rafsandschani hat sich nie so offen gegen Khamenei gestellt, weil er große Sorge vor dem Zerbrechen des Systems hatte und lieber auf Kompromisse aus war. Aber hinter den Kulissen soll er laut diverser Beobachter viele Strippen gezogen haben, die eine sanfte Wandelabsicht für die Politik im Iran erkennen lassen könnten.

Aber schon das soll für Khamenei zu viel gewesen sein. Der mit ganz niedrigen geistlichen Würden und Befähigung angetretene Khamenei, der seit seiner Machtübernahme um Legitimation bemüht ist, versuchte in letzter Zeit immer wieder die sogenannte Islamische Revolution zu retten. Es wird ihm nachgesagt, dass ihm dafür alle Mittel Recht seien. Im Iran passiert das allermeiste hinter den Kulissen, da eine freie Berichterstattung unmöglich ist. Viele Journalisten, Menschenrechtler und sogar Mitglieder des Establishments haben sich schnell mit dem Vorwurf der Gefährdung der Sicherheit des Systems konfrontiert gesehen und sind auf die eine oder andere Weise ins Abseits gestellt worden. 

Parteigänger des Obersten Führers wie der Ideologe Hassan Abassi, das Sprachrohr Khameneis Hassan Shariatmadari oder auch der ehemalige Präsident Mahmoud Ahmadinedschad, sowie Mullahs wie der als Krokodil bekannte Messbar Yazdi haben Rafsandschani offen bekämpft und als Anführer der Fitneh-Bewegung bezeichnet. Der Name wurde nach den massiven Protesten gegen die Wahlfälschungen 2006 gerne inflationär gebraucht. Fitneh bedeutet Abweichung oder Abspaltung oder Ab-fall.

Jetzt spekulieren manche, dass der unerwartete und plötzliche Tod Rafsandschanis Folge einer raffinierten Ermordung sein könnte. Dazu werden verschiedene Indizien zusammen getragen.

Khamenei soll am Sonntag Vormittag in Qom eine Rede gehalten haben, in der er versprach, dass die Einheit des Landes bald wieder hergestellt sei. Hassan Abassi hat vor vier Wochen gedroht, dass Rafsandschani sein Leben lassen müsste. Ein hochrangiger Pasdar namens Dschafar Assadi hat kurz nach Rafsandschanis Tod gesagt: "Große Leute sind wichtig, wenn sie leben und sie sind wichtig wenn sie tot sind. Wir wissen was die Feinde des Systems für die Wahlen im Mai 2017 geplant hatten. Wir haben dafür gesorgt, dass diese Pläne nichtig werden." Dazu kommt, dass einige Fälle bekannt geworden sind, indem mittels nicht genauer identifizierter Substanzen Menschen getötet wurden. Es heisst, man habe ihnen entweder eine Nervengift verabreicht, dass zu einer Lähmung des Nervensystems geführt habe oder auch, dass die Arbeit des Herzens ausgesetzt habe und die Menschen scheinbar an einem Herzinfarkt gestorben seien.

Tatsache ist, dass Rafsandschani aus dem Weg ist und die Hardliner alles daran setzen werden, um die Machtverhältnisse wieder verstärkt zu ihren Gunsten zu verschieben.

Seine Bestattung war ein beeindruckender Massenauflauf. Die Angaben der Anzahl der Menschen auf den Strassen schwanken je nach Quelle zwischen 2,5 und 7 Millionen. Während das Regime das Begräbnis nutzte, um den Eindruck einer Eintracht zu erwecken, waren auch Rufe nach dem immer noch unter Hausarrest stehenden Mir Hossein Mussavi zu hören - eigentlich ein Affront gegen das Regime.

Weitere Artikel zum Tod Rafsandschanis:

Deutsch:

https://www.welt.de/politik/ausland/article161014511/Rafsandschanis-Tod-bringt-den-Atomdeal-in-Gefahr.html

http://www.spiegel.de/politik/ausland/irans-ex-praesident-rafsanjani-ist-tot-a-1129089.html

http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-01/frueherer-iranischer-praesident-rafsandschani-gestorben

http://www.focus.de/politik/ausland/tod-von-rafsandschani-irans-ex-praesident-architekt-der-islamischen-republik_id_6464902.html

http://www.heute.de/teheran-iran-ex-praesident-rafsandschani-gestorben-46279224.html

http://www.tagesspiegel.de/politik/zum-tod-des-iranischen-ex-praesidenten-rafsandschani-war-einflussreich-und-umstritten/19225500.html

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/ehemaliger-iranischer-staatspraesident-rafsandschani-ist-gestorben-14610366.html

https://de.qantara.de/content/zum-tod-von-irans-ex-praesident-rafsandschani-lenker-und-denker-der-islamischen-revolution 

http://www.aargauerzeitung.ch/ausland/der-tiefste-einschnitt-seit-dem-tod-von-ayatollah-khomeini-130840781 

Englisch:

http://www.rferl.org/a/iran-rafsanjani-secrets-he-takes-to-the-grave/28224008.html

http://www.aljazeera.com/indepth/features/2017/01/iran-reformists-stand-lose-rafsanjani-death-170109100325733.html

http://www.independent.co.uk/news/world/middle-east/ayatollah-rafsanjani-death-analysis-donald-trump-iran-nuclear-deal-a7518076.html

http://www.bbc.com/news/world-middle-east-38562490

https://www.ft.com/content/c3def514-d68f-11e6-944b-e7eb37a6aa8e

https://www.nytimes.com/2017/01/08/world/middleeast/iran-ali-akbar-hashemi-rafsanjani-dies.html?_r=0


Français:

http://www.lepoint.fr/monde/rafsandjani-l-impitoyable-mollah-devenu-apotre-de-la-moderation-09-01-2017-2095803_24.php

http://www.lemonde.fr/disparitions/article/2017/01/09/rafsandjani-le-parrain-de-la-republique-islamique-d-iran-est-mort_5059580_3382.html

http://www.lefigaro.fr/international/2017/01/08/01003-20170108ARTFIG00155-iran-l-ex-president-rafsandjani-est-mort.php

http://www.liberation.fr/planete/2017/01/08/l-ex-president-iranien-akbar-hachemi-rafsandjani-est-decede_1539953

 

 

 

 

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news-1063 Thu, 29 Dec 2016 00:45:05 +0100 Bärbel Kofler sorgt sich um Gesundheitszustand iranischer Menschenrechtsverteidiger http://mehriran.de/artikel/baerbel-kofler-sorgt-sich-um-gesundheitszustand-iranischer-menschenrechtsverteidiger.html mehriran.de - PRESSEMITTEILUNG des Auswärtigen Amts: Menschenrechtsbeauftragte zum Gesundheitszustand der iranischen Menschenrechtsverteidiger Arash Sadeghi, Golrokh Ebrahimi Iraee, Mohammad Reza Nekounam und Morteza Moradpour mehriran.de - Pressemitteilung der Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, Bärbel Kofler vom 28.12.2016:

Anlässlich aktueller Meldungen über den sehr kritischen Gesundheitszustand mehrerer inhaftierter iranischer Menschenrechtsverteidiger, die sich im Hungerstreik befinden, erklärte die Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt, Bärbel Kofler, heute (28.12.):

Zusatzinformationen

In den letzten Tagen erreichen mich äußerst besorgniserregende Nachrichten aus Iran:          
Der Gesundheitszustand von Arash Sadeghi, der aus Protest gegen die fortgesetzte Inhaftierung seiner Ehefrau Golrokh Ebrahimi Iraee am 24. Oktober 2016 in einen Hungerstreik getreten ist, ist äußerst kritisch.           
Arash Sadeghi wurde für seinen Einsatz für die Menschenrechte verurteilt, zu deren Achtung und Schutz sich Iran völkerrechtlich verpflichtet hat. Golrokh Ebrahimi Iraee wurde verurteilt, weil sie sich als Autorin friedlich gegen die unmenschliche Praxis der Steinigung ausgesprochen hat.          
Der inhaftierte Geistliche Ayatollah Mohammad Reza Nekounam ist ebenfalls in einen Hungerstreik getreten. Auch sein Zustand ist kritisch.               
Schließlich erreichen uns auch zum Gesundheitszustand des ebenfalls inhaftierten Menschenrechtsaktivisten Morteza Moradpour, der sich für die Minderheit der Azeri in Iran einsetzt, besorgniserregende Nachrichten.           
Iran muss faire, rechtsstaatliche Verfahren garantieren und darf die Meinungsfreiheit nicht beschränken. Solange dies nicht gewährleistet ist, sind die Betroffenen aus der Haft zu entlassen.

Hintergrund:

Arash Sadeghi und Golrokh Ebrahimi Iraee wurden erstmals 2014 wegen ihres Einsatzes für die Menschenrechte in Iran inhaftiert. Seiner Ehefrau Golrokh Ebrahimi Iraee wurde in der Untersuchungshaft die Hinrichtung angedroht. Nach einem Schnellverfahren wurde Arash Sadeghi wegen seines Einsatzes für die Menschenrechte zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Golrokh Ebrahimi Iraee wurde wegen „Beleidigung der islamischen Heiligkeit“ zu sechs Jahren Haft verurteilt, weil sie eine nicht-veröffentlichte Kurzgeschichte verfasst hatte, in der sie sich gegen die unmenschliche Praxis der Steinigung wendet. Arash Sadeghi und Golrokh Ebrahimi Iraee sind beide im Teheraner Evin-Gefängnis inhaftiert.

Der hochrangige iranische Geistliche Ayatollah Mohammad Reza Nekounam ist nach aktuellen Meldungen am 21.12.2016 in einem Gefängnis in Qom in einen Hungerstreik getreten. Am 28.12. soll er zusammengebrochen sein und das Bewusstsein verloren haben. Er soll in ein Krankenhaus eingeliefert worden sein. Seine Familie ist sehr in Sorge um sein Leben. Nach seiner Verhaftung im Jahr 2015 wurde der damals 66-jährige Nekounam von einem Sondergericht für Geistliche zu fünf Jahren Haft verurteilt. Man beschuldigt ihn der „Bekämpfung des Regimes“, „unmoralischen Verhaltens“ und der „Beleidigung des Obersten Führers“. Nach 18 Monaten Haft wurde er am 23. Juni 2016 entlassen, aber am 7. Juli wieder ins Gefängnis gebracht. Seine Bücher und Veröffentlichungen wurden verboten.

Morteza Moradpour, der sich für die Minderheit der Azeri einsetzt, wurde 2009 unter den Vorwürfen der “Propaganda gegen den Staat” und der „Versammlung gegen die nationale Sicherheit“ von einem Revolutionsgericht zu insgesamt drei Jahren Haft verurteilt. Nachdem er zunächst gegen Kaution freikam, wurde er im Mai 2015 erneut inhaftiert. Er trat am 25. Oktober 2016 in einen Hungerstreik, um gegen seine fortgesetzte Inhaftierung zu protestieren. Sein Gesundheitszustand ist Berichten zufolge sehr kritisch.

Original: http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Infoservice/Presse/Meldungen/2016/161228_MRHH_B_zu_IRN_Menschenrechtsverteidiger.html

Weiterführende Informationen:

 

 

 

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news-1062 Mon, 26 Dec 2016 11:36:17 +0100 Modschtaba Khamenei will's - unbequemer Geistlicher in Haft http://mehriran.de/artikel/modschtaba-khamenei-wills-unbequemer-geistlicher-in-haft.html mehriran.de - Wer als Gefahr für das Regime im Iran definiert wird, soll beseitigt werden. Dieser Maxime folgt vor allem der als möglicher Nachfolger seines Vaters gehandelte Moschtaba Khamenei mit Nachdruck. mehriran.de - Das Regime scheint große Angst vor allen Berichten zu haben, die tief in die Ideologie und die Ziele des Regimes schauen. Einer der die Absichten und Ideologie des Regimes sehr gut kennt und auch darüber spricht, ist der Großajatollah Mohammad Reza Nekounam.

Am 1. Januar 2015 verhafteten Sicherheitsleute des Sondergerichts für Geistliche und Geheimdienstmitarbeiter der Revolutionsgarden den damals 66-jährigen Geistlichen Nekounam. Weder wurde ein Haftbefehl vorgelegt noch sonstige Dokumente. Vielmehr brachen die Agenten Türen und Fenster seines Hauses auf, um sich Zugang zu verschaffen. Sie konfiszierten persönlichen Gegenstände wie Bücher und alle elektronische Medien. Herr Nekounam wurde mit verbundenen Augen an einen unbekannten Ort abgeführt. Dort verbrachte er 60 Tage in Einzelhaft. 

Am 3. März 2015 erlitt Ajatollah Nekounam einen Hirnschlag in Folge physischer und psychischer Folter. Klinische Untersuchungen bestätigten den Hirnschlag, woraufhin er sofort und bedingungslos aus der Haft entlassen hätte werden müssen. Verschiedene Quellen melden, ihm sei abgelaufene Medizin verabreicht worden, sowie stark salzige und fetthaltige Kost, um seinen Gesundheitszustand weiter zu verschlechtern.

Modschtaba Khamenei besteht auf deiner Vernichtung

Beim ersten Aufeinandertreffen mit dem Generalstaatsanwalt Ajatollah Moschtahedzadehim vom Sondergericht für Geistliche in Qom, eröffnete er Nekounam, dass der Sohn des Obersten Führers - Modschtaba Khamenei - seine Eliminierung angeordnet habe, da er eine große Gefahr und ein gewaltiges Hindernis für das Überleben des Regimes darstelle.


Modschtaba Khamenei mit schwarzem Turban

Vom 3. Januar bis zum 2. März 2015 wurde Ajatollah Nekounam jeden Tag zwischen 10-15 Stunden Verhören unterzogen, die sowohl psychische als auch körperliche Foltersequenzen enthielten. Man beschuldigt ihn einer Reihe Verbrechen, wie Bekämpfung des Regimes, unmoralisches Verhalten, Beleidigung des Obersten Führers und vieles mehr...

Am 2. Januar 2015 verhafteten Geheimdienstmitarbeiter zwei enge Schüler Ajatollah Nekounams samt ihrer Familien (Ehefrauen und Kinder). Sie wurden 10 Tage lang gefoltert und verhört, um sie zu Geständnissen zu zwingen, dass Nekounam sexuelle Beziehungen zu ihren Frauen geführt hatte. Trotz Folter haben sich die Studenten nicht zwingen lassen diese willkürlichen Anschuldigungen zu bestätigen.

Der schiitische Mardscha (Quelle der Weisheit) wurde zu 5 Jahr Haft im Saheli Gefängnis in Qom verurteilt. Nach 18 Monaten Haft wurde er am 23. Juni 2016 nach Hause entlassen, aber am 7. Juli wieder ins Gefängnis gebracht. In der Zwischenzeit wurde alle seine Besucher registriert und alle Gespräche aufgezeichnet. Manche Kontakte wurden ihm verboten.

Am 2. Juli 2016 sind alle seine Bücher, trotz offizieller Veröffentlichungserlaubnis durch die Regierung, verboten und aus allen Buchgeschäften und Bibliotheken entfernt worden. Jede weitere Publikation wurde verboten.

Seit dem 3. März 2015, dem Tag seines Hirnschlags, wurde Ajatollah Nekounam bei 29 Gelegenheiten an dringend notwendigen Arztbesuchen gehindert. Eine der medizinischen Folgen ist der erhöhte Blutdruck, ein hoher Blutzuckerspiegel, Herzrhythmusstörungen, Nierenfehlfunktion, Schilddrüsenprobleme, halbseitige Lähmungen der linken Körperhälfte, beträchtliche Verschlechterung der Sehkraft und schmerzende Augen. 

Einige Quellen berichten: "Es scheint, dass diese Einschränkungen mit voller Absicht und unter Zustimmung des Sondergerichts für Geistliche erfolgen. Ziel wird es sein, dass Herr Nekounam einwilligt, nicht mehr seine Gedanken öffentlich zu vertreten. Doch hat er abgelehnt, dem zu zustimmen, daraufhin wurde ihm verwehrt Briefe aus dem Gefängnis zu schreiben."

Zuletzt wurde seine Gefängniszelle am 14. Dezember 2016 von Gefängniswärtern durchsucht und alle seine persönliche Habseligkeiten zerstört und entsorgt, samt seiner Kleidung.

 

 

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news-1060 Wed, 21 Dec 2016 20:13:43 +0100 Vergesst sie nicht - die Verschleppten http://mehriran.de/artikel/vergesst-sie-nicht-die-verschleppten.html mehriran.de - Verschleppte Bischöfe Mor Gregorius Joanna Ibrahim und Boules Yazigi dürfen nicht vergessen werden.
mehriran.de - Am 22. April 2013 sind Mor Gregorius Yoanna Ibrahim, Erzbischof der syrisch-orthodoxen Kirche und Boulos Yazigi, Erzbischof der griechisch-orthodoxen Kirche von Aleppo verschleppt. Seit jenem Apriltag gibt es von beiden christlichen Würdenträgern kein Lebenszeichen mehr. Die Bischöfe hatten sich damals auf den Weg gemacht, um über die Freilassung eines entführten Priesters zu verhandeln. Dabei gerieten sie in einen Hinterhalt. Ihr Fahrer, ein Diakon, wurde von den Entführern erschossen. Sie selbst wurden verschleppt. Bisher hat sich niemand zu der Tat bekannt.

„Die Bischöfe haben sich wiederholt für ein friedliches Miteinander verschiedener ethnischer und religiöser Gruppen in ihrem Land ausgesprochen. Beide haben immer wieder zu Versöhnung, Vergebung und zum Dialog aufgerufen und versucht, Wege zur Beendigung der Gewalt in Syrien aufzuzeigen“, erklärte Sido. Auf Vorschlag der GfbV hat die Stadt Weimar die beiden Bischöfe mit ihrem Menschenrechtspreis 2014 ausgezeichnet und sie so für ihren Einsatz als Vermittler, Botschafter und Kämpfer für die Menschenrechte in dem anhaltenden Bürgerkrieg geehrt.

"Wir haben bis heute nur Gerüchte, keine offizielle Nachricht", sagt Elias Esber, Erzpriester der rum-orthodoxen Gemeinde. Der Geistliche stammt ebenfalls aus Syrien, lebt seit 1979 in Deutschland und ist derzeit im Namen der orthodoxen Bischofskonferenz zuständig für die Flüchtlinge im Bundesgebiet. Bischof Boulos Yazigi kannte er gut. Dieser repräsentiere eine neue Generation von Bischöfen, sei fromm, bescheiden und könne sich sehr gut artikulieren, sagt Esber.

Auf dem Gebiet der Ökumene seien beide entführten Bischöfe besonders aktiv gewesen. Der einst friedliche Aufstand gegen Syriens Präsident Baschar al-Assad war 2013 zu einem Bürgerkrieg geworden. Es gab erste Berichte, wonach das Regime Giftgas gegen Rebellen einsetzte. Extremistische Fanatiker einer unter dem Kürzel ISIS agierenden Gruppe machten durch besondere Grausamkeit von sich reden. Den selbst ernannten "Islamischen Staat" auf syrischem und irakischem Boden gab es noch nicht.

Die beiden Bischöfe setzte sich unermüdlich für einen dauerhaften Waffenstillstand und Frieden ein. Bei einem Vortrag an der US-Universität Princeton sagte Bischof Ibrahim viereinhalb Monate vor seiner Entführung: "Ich verteidige nur eine Sache, das ist Syrien. Ein Syrien aller Syrer, Muslime und Christen." Aleppo beschrieb er als großes Gefängnis: "Es ist eine tote Stadt."

Christen im Visier radikaler Islamisten

In jener Zeit nahm auch die Zahl der Entführungen in Nordsyrien deutlich zu: Als einer der ersten wurde im November 2012 der US-Journalist James Foley verschleppt, der knapp zwei Jahre später von IS-Dschihadisten enthauptet wurde. Vor allem Christen gerieten verstärkt ins Visier radikaler Islamisten. 

Die christliche Gemeinde in Syrien gehört zu den ältesten der Welt. Auf dem Weg nach Damaskus soll Saulus bekehrt worden sein, der fortan als Apostel Paulus die Lehren Jesu predigte. Vor 100 Jahren war etwa ein Drittel der Menschen in der Region christlichen Glaubens. 2011 - vor Beginn des Konflikts - waren es mit zwei Millionen Christen nur noch acht Prozent der Bevölkerung. Weil sie im Bürgerkrieg zunehmend bedroht wurde, schätzen christliche Verbände, dass die Gemeinde noch einmal um die Hälfte geschrumpft ist. 

Am dritten Jahrestag der Entführung hofften Kirchenvertreter weiterhin auf ein Lebenszeichen der verschollenen Bischöfe. "Was uns alle wundert", sagt Esber, "es gab niemals Forderungen. Nicht nach Geld, nicht nach anderen Dingen. Gar nichts."

Wie deutsche, türkische und internationale Medien berichten, hat die türkische Regierung einen großen Einfluss auf die in Nordsyrien operierenden islamistischen Gruppen. In dieser Region wurden die Bischöfe auch entführt. Deswegen fordert die internationale Menschenrechtsorganisation immer wieder vom türkischen Ministerpräsidenten Davutoglu und vom Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, bei der Aufklärung des Schicksals der beiden Bischöfe zu helfen. Die Regierung in Ankara lehnt jedoch Gespräche in dieser Frage ab und bestreitet jeglichen Einfluss auf die in Syrien operierenden bewaffneten Gruppen.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker hat für den 22. April 2017 eine Mahnwache zum vierten Jahrestag ihrer Verschleppung angekündigt.

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news-1059 Wed, 21 Dec 2016 19:53:46 +0100 Zahl der Christen im Irak von 1,5 Millionen auf 300.000 geschrumpft: Gläubige flüchten aus der „Wiege der Christenheit“ http://mehriran.de/artikel/zahl-der-christen-im-irak-von-15-millionen-auf-300000-geschrumpft-glaeubige-fluechten-aus-der-wiege-der-christenheit.html mehriran.de - PRESSEMITTEILUNG der GfbV: Weihnachten 2016 im Nahen Osten  
mehriran.de - Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) erinnert kurz vor Weihnachten an das Schicksal der Christen im Nahen Osten. „Die Gläubigen flüchten aus der „Wiege der Christenheit“ vor anhaltender Gewalt, dort droht die 2000-jährige Geschichte der Christen für immer zu Ende zu gehen“, sagt der GfbV-Nahostreferent Kamal Sido. „Vor hundert Jahren stellten die Christen noch 20 Prozent der Gesamtbevölkerung im Nahen Osten, heute sind es kaum noch drei Prozent.“ Im Irak sei die große Mehrheit der Christen innerhalb der vergangenen drei Jahrzehnte vertrieben worden oder geflohen: Ihre Zahl schrumpfte von 1,5 Millionen auf heute höchstens noch 300.000. In Zentralsyrien sei der „Islamische Staat“ (IS) wieder auf dem Vormarsch und bedrohe viele Ortschaften mit christlicher Bevölkerung zwischen Aleppo und Damaskus wie Qaryatain oder Maalula. Und auch die nur noch wenigen Christen in der Türkei gerieten durch das Wiederaufflammen des Kurdenkonfliktes und rigide Maßnahmen des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zunehmend in Bedrängnis. Die einzige christliche Oberbürgermeisterin der Türkei, Februniye Akyol, wurde des Amtes enthoben. Ihre kurdischen Kollegen wurden inhaftiert.  
   
„Terror, Gewalt und religiöse Intoleranz haben das Leben von Millionen Menschen im Nahen Osten massiv verändert“, kritisiert Sido. „Christen und andere religiöse Minderheiten wie die Yeziden oder Mandäer brauchen dort staatlich garantierte und gesellschaftlich unterstützte Glaubensfreiheit, sonst können sie dort kaum überleben.“ Im Irak seien zwar viele mehrheitlich christliche Ortschaften in der so genannten Ninive-Ebene nördlich und östlich von der umkämpften nordirakischen Metropole Mossul vom IS befreit worden. Dennoch könnten viele Christen und Yeziden erst in ihre Dörfer zurückkehren, wenn international für ihren Schutz vor sunnitischen, aber auch vor schiitischen Radikalislamisten garantiert wird. 
   
Die GfbV rief auch dazu auf, die beiden im April 2013 entführten Bischöfe von Aleppo nicht zu vergessen. „Das Schicksal der damals westlich der syrischen Handelsstadt nahe der türkischen Grenze verschleppten geistlichen Würdenträger der syrisch-orthodoxen und der griechisch-orthodoxen Kirche von Aleppo spiegelt die aussichtlose Lage der Christen in Syrien wider“, sagte Sido. Mor Gregorius Yoanna Ibrahim und Boulos Yazigi haben sich wiederholt für ein friedliches Miteinander verschiedener ethnischer und religiöser Gruppen in ihrem Land ausgesprochen. Beide haben immer wieder zu Versöhnung, Vergebung und zum Dialog aufgerufen und versucht, Wege zur Beendigung der Gewalt in Syrien aufzuzeigen. „Ihr Engagement als Vermittler, Botschafter und Kämpfer für die Menschenrechte in dem anhaltenden Bürgerkrieg muss uns allen ein Vorbild sein.“ 
Göttingen, den 20.12.2016 
   
Kamal Sido ist erreichbar unter Tel. 0173 67 33 980.

-- >>>>>>>>>>>>> Für Menschenrechte. Weltweit. <<<<<<<<<<<<<<< Gesellschaft für bedrohte Völker / Society for Threatened Peoples P.O. Box 20 24 - D-37010 Göttingen/Germany Nahostreferat/ Middle East Desk Dr. Kamal Sido - Tel: +49 (0) 551 49906-18 - Fax: +49 (0) 551 58028 E-Mail: nahost@gfbv.de - www.gfbv.de Besuchen Sie uns auf Facebook: www.facebook.com/<wbr />bedrohteVoelker und www.facebook.com/<wbr />KamalSiddo GfbV Berlin – der Blog: gfbvberlin.wordpress.<wbr />com/
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news-1058 Wed, 21 Dec 2016 19:40:12 +0100 Sechs Tote durch Bombenanschlag auf iranische Kurden im nordirakischen Exil http://mehriran.de/artikel/sechs-tote-durch-bombenanschlag-auf-iranische-kurden-im-nordirakischen-exil.html mehriran.de - PRESSEMITTEILUNG der Gesellschaft für bedrohte Völker, Göttingen. mehriran.de - Wie die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) über ihre Freunde im nordirakischen Kurdistan erfahren hat, sollen dort am Dienstag bei einem Bombenanschlag auf ein Büro der Demokratischen Partei Kurdistan Iran (PDKI) sechs Menschen getötet und mehrere verletzt worden sein. Das Büro befindet sich in der Ortschaft Koya, in Irakisch-Kurdistan. Mitglieder der PDKI feierten ein altkurdisch-iranisches Fest, die Yalda-Nacht, als das Attentat verübt wurde. Die PDKI agiert im Untergrund und im Exil. Sie macht die iranische Regierung für den blutigen Anschlag verantwortlich. 
   
„Immer wieder greifen Agenten der Islamischen Republik Iran (IRI) kurdische Aktivisten an, auch im Ausland. Sieben Millionen der zehn Millionen Kurden sind dort einer doppelten Verfolgung ausgesetzt: Sie sind ethnische Kurden und nicht-schiitische Muslime“, berichtete der GfbV-Nahostreferent Kamal Sido am Mittwoch in Göttingen. „Die iranischen Machthaber verbieten oft den Bau von sunnitischen Moscheen, denn die offizielle Religion ist de facto das Schiitentum.“  
   
Die GfbV und andere Menschenrechtsorganisationen werfen der Regierung der Islamischen Republik Iran vor, durch die Verhängung und Vollstreckung von immer mehr Todesurteilen und durch die langjährige Inhaftierung von Oppositionellen ein Klima der Angst im Land zu schaffen. „Offenbar soll jeder iranische Bürger – ob Perser, Kurde, Ahwazi, Belutsche, Aserbaidschaner, Turkmene oder Christ – die Macht des Regimes in Teheran spüren“, sagte Sido. Im Iran sollen jährlich Hunderte Hinrichtungen stattfinden: Allein 2015 sollen 977 Todesurteile vollstreckt worden sein. Auch wird aus Gefängnissen und Polizeistationen immer wieder berichtet, dass Gefangene grausam gefoltert werden. 
   
Die Yalda-Nacht ist ein kurdisch-iranisches Fest, das die Wintersonnenwende feiert. Im iranisch-zoroastrischen Kalender entspricht dies der Nacht vom 30. Aar (Feuer) auf den 1. Dey (Schöpfer). Das Fest stammt ursprünglich aus dem Zoroastrismus, einem Glauben der iranischen Völker aus der vor-islamischen Zeit. Es wird vor allem von Kurden, Persern, Tadschiken und Afghanen zelebriert.  
   
Im Vielvölkerstaat Iran leben neben Persern auch Aseri, Kurden, Araber, Belutschen, Turkmenen, Assyro-Aramäer sowie andere kleinere ethnische und religiöse Minderheiten. Die nichtpersischen Nationalitäten stellen weit mehr als die Hälfte der rund 77 Millionen Einwohner des Iran. Als eigenständige Völker mit eigener Sprache, Kultur und Geschichte werden sie nicht anerkannt, sondern bewusst als „ethnische Gruppen“ bezeichnet. Sie alle leiden unter Unterdrückung und Diskriminierung.         

Göttingen, den 21.12.2016  
   
Kamal Sido ist auch erreichbar unter Tel. 0173 6733980.

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news-1057 Tue, 20 Dec 2016 20:15:53 +0100 Die Weltanschauung al-Ghazalis als Basis für Legitimationsversuche "islamischer Staaten" http://mehriran.de/artikel/die-weltanschauung-al-ghazalis-als-basis-fuer-legitimationsversuche-islamischer-staaten.html mehriran.de - Islamische Staaten versuchen ihr System aus einer Vielzahl von Quellen zu legitimieren. Eine der Hauptquellen, die am meisten bemüht wird ist die Weltanschauung al-Ghazalis. Diese Weltanschauung beruht auf den theologisch-philosophischen Erklärungen und Beschreibungen eines religiösen Staates, der Gottes Willen auf Erden in einer Regierung vertritt, die von Theologen getragen wird. Menschen werden zu gehorsamen Wesen reduziert, denen kein freier Wille zusteht. Demgegenüber sind Philosophen und Mystiker wie Avicenna, al-Farabi und Averroes kaum bekannt. Ihr Gesellschaftsmodell beruht auf der Entwicklung des Menschen und freien Willen. mehriran.de - Der vor 905 Jahren verstorbene Theologe Mohammad al-Ghazali[1] hat viele Bücher geschrieben, doch sein bedeutendstes Buch ist das Ihiya ulum al-din ( Die Wiederbelebung der Religionswissenschaften). Das Buch hat er auf Arabisch verfasst, es besteht aus 54 Bänden. Weiterhin existiert ein Extrakt dieses Buches in Persischer Sprache mit dem Namen Kimiayeh Sa'âdat (Die Alchemie des Glücklichseins). Diese Bücher geben Zeugnis darüber wie al-Ghazali die Existenz einer religiös geprägten Gesellschaft legitimiert. Im Zusammenhang der Zeit betrachtet, kann man sehen wie diese Bücher al-Ghazali 's Gegenreaktionen eines Theologen auf die Gedanken al-Farabi's[2] über den Entwurf einer tugendhaften Gesellschaft sind.


al-Farabi

Zusammenfassung der Weltanschauung Imam Mohammad al Ghazalis

Al-Ghazali beginnt seine Anschauung von Gott und der Welt ausgehend vom Sein Gottes und wie wir Menschen von seiner Existenz wissen können. Er erklärt das Sein Gottes auf verschiedene Weisen, um zum Schluss zu kommen, dass Gott notwendigerweise existieren muss und er keine Wahl hat, nicht zu existieren. Das bedeutet, Gott kann sich nicht entschließen nicht zu sein. Gott ist - und sein Sein ist eine Notwendigkeit, es ist keine Möglichkeit.

Danach beschreibt al-Ghazali die Kategorien (Eigenschaften) Gottes. Eine der Eigenschaften Gottes, die al-Ghazali erwähnt, ist, dass Gott keinen Anfang und kein Ende hat - sein Dasein ist unendlich und ewig. Gott war schon vor dem Sein irgendeines anderen Wesens und wird sein auch nach dem Verschwinden aller Wesen. Dies ist die Bedeutung von Unendlichkeit und Ewigkeit. Gott existiert in Zeit- und Raumlosigkeit und kein Ort ist frei von seiner Anwesenheit. Er beschreibt alle diese Aspekte im Detail und stellt Bezüge zum Koran und zahlreichen Überlieferungen her, die Mohammed zugesprochen werden.

Später referiert er über eine weitere Eigenschaft Gottes: der Schöpfer. Laut al-Ghazali schuf Gott das gesamte Universum aus einem ihm bekannten Grund, welchen nur er kennt, wir Menschen aber nicht. Dann schuf Gott alle Wesenheiten, seien sie groß oder klein, um von ihnen verehrt zu werden. Jedes Geschöpf, jedes Wesen, das im Universum existiert, verehrt unbewusst und unwissentlich seinen Schöpfer. Später schuf Gott den Menschen, um von diesem bewusst und auch unbewusst verehrt zu werden.

Im weiteren Verlauf erhebt er die Frage, wie man Gott in richtiger und bewusster Weise verehren könne, das bedeutet, wie kann ein Mensch in bewusster Weise zu seinem Gott beten. Er erklärt, dass Menschen geschaffen wurden, um zu Gott zu beten. Gott soll also den Menschen geschaffen haben, damit dieser ihn anbete. Doch laut al-Ghazali wissen die Menschen nicht, wie sie zu Gott beten sollen. Aus diesem Grund hat Gott die Propheten geschickt, damit diese den Menschen Gehorsam Gott gegenüber beibringen und die richtige Art zu beten. Auf diese Weise soll Gott die Religionen geschaffen haben. Laut al-Ghazali hat Gott viele Propheten geschickt, deren letzter Mohammed war, der den Koran gebracht hat. Der Koran sei vor jeglicher Verfälschung geschützt und gibt laut al-Ghazali den Rahmen für eine Religion, die jedem Menschen aufzeigt, wie man in richtiger Weise lebt und Gott verehrt und mit anderen Menschen zusammenlebt und zusammenarbeitet und zuversichtlich sein kann und in seinem Leben keine Missetaten begeht, so dass man dann in den Himmel kommen kann - oder wenn man die Erwartungen des Schöpfers des Universums nicht erfüllt, man in der Hölle landet.

Doch al-Ghazali geht noch weiter und schreibt, es sei nicht ausreichend Propheten zu senden, die die korrekte Lebensführung erläutern, sondern es sei notwendig, dass die Propheten und ihre Nachfolger eine Gesellschaft schaffen, in der Menschen korrekt leben können und zu Gott beten können, um echtes Glück zu erfahren. Das Glück, das hier gemeint ist, wird dem guten Anbeter, der sich in der Gesellschaft korrekt verhält, zugestanden. Wenn er die Anleitungen alle genau befolgt, wird er dann als tugendhafter Muslim sterben und direkt in den Himmel eingehen. Al-Ghazali schreibt dem Staat die Rolle zu, eine Gesellschaft nach den Lehren des Propheten zu organisieren, um ewige Glückseligkeit für jeden zu gewährleisten.

Im darauffolgenden Kapitel gibt al-Ghazali genaue Abweisungen für jede Alltagshandlung, die ein Muslim exakt so durchzuführen habe: wie er sein Gesicht waschen solle, wie er seine Hände waschen solle, welches Wasser er für seine Reinigung vor dem Gebet benutzen solle und welches nicht, wie sich ein Muslim nach einem Toilettengang reinigen solle - jeder kleine Aspekt aus dem Alltag eines Menschen von seiner Geburt bis zu seinem Dahinscheiden ins Jenseits wird detailliert für jeden Menschen erläutert. Wer diesen Hinweisen al-Ghazali's folgt, der wird in dieser und in der jenseitigen Welt glücklich sein. Und wer diesen Anweisungen nicht folgt, wird in dieser Welt von dem Staat bestraft und im Jenseits schnurstracks in die Hölle eingehen.

Ein System der totalen Kontrolle - legitimiert durch al-Ghazali?

Dies ist die Beschreibung eines theokratischen Systems, das eine absolute und grenzenlose Kontrolle über die Menschen dieser Gesellschaft hat. Den Menschen wird keinerlei Freiheit zugestanden und al-Ghazali's Schrift fordert die Menschen auf zu akzeptieren, nicht geschaffen worden zu sein, um frei zu sein, sondern, um gehorsam zu sein. Dies alles kennzeichnet eine Gesellschaft von indoktrinierten und gleichgeschalteten Menschen, in der das von Klerikern getragene Herrschaftssystem alle Freiheiten hat, im Namen der Nachfolger Mohammeds und der Allmacht und Legitimität Gottes, alles zu tun, was den Vertretern eines solchen Systems beliebt. 

Heutzutage werden mehr und mehr Bücher und Artikel veröffentlicht, die sich auf al-Ghazali's Schriften beziehen oder sein Leben beschreiben. Die allermeisten dieser Veröffentlichungen stehen in irgendeiner Weise in Verbindung mit einem islamischen Staat, Diese Staaten unternehmen immer wieder den Versuch ihre Staatsform zu legitimieren, indem sie sich auf al-Ghazali beziehen. Die Autoren beschreiben gerne die beiden Lebensphasen al-Ghazalis. In seiner ersten Lebensphase hat er diese Art System in seinen Schriften und Rechtsgutachten (Fatwas) legitimiert. Das betrachten die Autoren als die authentische Phase, in der al-Ghazali nach Einschätzung dieser Autoren auf "dem rechten Weg" war. Seine zweite Lebensphase betrachten dieselben Autoren als eine Abweichung vom tugendhaften Pfad und als einen groben Fehler. Ghazali wandte sich dem mystischen Strom, genannt Sufismus, zu. Diese Autoren begründen ihre Position mit dem Hinweis, es sei nicht wichtig, ob al-Ghazali später seine erste Lebensphase sehr kritisch betrachtet habe und was er später über einen islamischen Staat geäußert habe, sein Irrtum habe eben mit der zweiten Lebensphase begonnen. Die mit den islamischen Staaten verbundenen Schreiber akzeptieren seine Selbstkritik in Bezug auf seine Werke der ersten Lebensphase schlichtweg nicht.


Alireza A'arafi, Internationale Universität al-Mustafa


Mohsen Araki, Weltverband für die Annäherung der Islamischen Rechts- und Denkschulen


Abdol-Hossein Khosrowpanah, Iranisches Institut für Philosophie, 

Eine genauere Untersuchung wird dazu führen, dass Autoren, die heutzutage über Ghazali schreiben in Verbindung stehen mit islamischen Staaten, wie zum Beispiel der Islamischen Republik Iran und deren ideologischen Zentren. Zu nennen wären die Internationale Universität al-Mustafa, die von Alireza A'arafi geführt wird, der von Generalsekretär Mohsen Araki geführte Weltverband für die Annäherung der Islamischen Rechts- und Denkschulen, das Iranische Institut für Philosophie (Andschomane Falsafe) unter Abdol-Hossein Khosrowpanah und weitere. Sie alle beanspruchen für sich Teil des legitimen religiösen Staates zu sein, der von al-Ghazali für die Sunniten beschrieben wurde. Weiter behaupten sie, nicht zwischen Sunniten und Schiiten zu unterscheiden und wie jüngst der Oberste Führer Irans Ali Khamenei sagte, gehe es ausschließlich um Islam. Das bedeutet, diese Bücher sind mit Vorsicht zu betrachten. Das beste und glaubwürdigste Buch über al-Ghazali stammt von Averroes (Ibn Rushd)[3] und heißt Tahâfat-ol Tahâfeh (Die Irrtümer des Buches über die Irrtümer). Es handelt sich hier um eine philosophische Erwiderung auf al-Ghazali's Tahâfat ol Falsafe (Die Irrtümer der Philosophen). Das Buch von Averroes wurde recht bald verbrannt[4], aber glücklicherweise hatte man bereits eine Übersetzung angefertigt, die erhalten geblieben ist. In islamisch geprägten Regionen wurde Averroes stets abgelehnt, doch wurden seine Werke mit dem Ende des Islamischen Reichs in Spanien veröffentlicht.


Averroes oder Ibn Rushd


Avicenna

Averroes
war Soziologe, Theologe, Historiker und Philosoph, doch trat er vornehmlich als Philosoph auf, während al-Ghazali Theologe war, der sich auf die Koran Verse und Überlieferungen, die man Mohammed zuschreibt, fokussierte und Methoden der Logik nutzte, um gegen Philosophie und Logik zu argumentieren. Wenn er also über Gott, Ewigkeit, Unsterblichkeit, Unendlichkeit schreibt nutzt er Begriffe der Philosophen, die vor seiner Zeit gelebt haben, wie zum Beispiel Avicenna[5] oder al-Farabi. Doch er vertritt eine Lehre, die abweicht von den Lehren der Philosophen, denn für Philosophen ist der Mensch nicht zum Gehorsam oder zur Unterwerfung geboren. Philosophen betrachten den Menschen als ein Wesen, das einen freien Willen hat. Ghazali hat sich gegen diesen Aspekt ausgesprochen und den Philosophen vorgeworfen die Tore für Ungehorsam und Beliebigkeit zu öffnen. Er bestand darauf, dass die Menschen Gott gegenüber gehorsam sein müssen und somit auch gegenüber dem Stellvertreter Gottes, der laut al-Ghazali in der Regierung eines Staates besteht.

Schlussfolgernd kann man sagen, dass al-Ghazali Islam zu einer Staatsideologie reduziert hat. Als er dies tat, übte er ein hohes Klerusamt im Dienste des Staates aus. Er schrieb diese Gedanken und Rechtsgutachten, um dem berühmten Staatslenker Khowajeh Nezam ol Molk e Toussi[6], Großwesir des Seldschukenherrschers Malekshah und den Abbassidischen Kalifen von Bagdad zu gefallen.

© Seyed M. Azmayesh, Übersetzung Helmut N. Gabel im Dezember 2016


[1] Abū Ḥāmid Muḥammad ibn Muḥammad al-Ghazālī c. 1058 – 18. Dezember 1111

[2] Abū Naṣr Muḥammad ibn Muḥammad al Farabi c. 872[2] in Fārāb[3] – zwischen 14. Dezember, 950 und 12. Januar, 951 in Damaskus

[3] Abū l-Walīd Muḥammad Ibn ʾAḥmad Ibn Rushd‎, 14. April 1126 – 10. Dezember 1198

[4] Jacob Anatoli (um 1194–1256) übersetzte seine Werke aus dem Arabischen ins Hebräische. Von der islamischen Orthodoxie werden seine Werke bis heute strikt abgelehnt.

[5] Abū Alī al-Husain ibn Abdullāh ibn Sīnā, c. 980 in Afschāna bei Buchara in Khorasan; † Juni 1037 in Hamedan

[6] Nizām al-Mulk Abū ʿAlī al-Hasan ibn ʿAlī ibn Ishāq at-Tūsī; * 10. April 1018; † 14. Oktober 1092

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news-1053 Fri, 09 Dec 2016 22:17:20 +0100 Von Wölfen umzingelt - Interview mit Salih Gado, einem syrisch-kurdischen Politiker http://mehriran.de/artikel/von-woelfen-umzingelt-interview-mit-salih-gado-einem-syrisch-kurdischen-politiker.html mehriran.de - Salih Gado, Mitglied der syrisch-kurdischen Allianz aus Qamishli, kommt regelmäßig seit 30 Jahren nach Europa, um von der Situation der Kurden in Nordsyrien, der Kornkammer Syriens, zu berichten und um Unterstützung bei der Umsetzung eines föderalen Systems, in dem alle Volksgruppen gleichberechtigt leben können, zu werben. Salih Gado hat ganz Syrien zu Fuß kennen gelernt und eine Zeit lang in Damaskus gelebt. Wir haben ihn mit sprachlicher Unterstützung des Nahostreferenten der Gesellschaft für bedrohte Völker, Kamal Sido aus Göttingen, interviewen können. mehriran.de - Interview am Donnerstag, dem 8.12.2016 mit dem syrisch-kurdischen Politiker Salih Gado aus der nord-syrischen Stadt Qamishli, der für ein föderales Syrien eintritt. Herr Gado, 70 Jahre alt, sagt von sich, er stamme aus West-Kurdistan, genannt Rojava, einer Gegend mit ursprünglich 3 Millionen Kurden. Mittlerweile sind mehr als 1 Million Menschen vor Kämpfen in anderen Teilen Syriens hierher geflohen. Salih Gado stammt aus einer ehrbaren kurdischen Grossgrundbesitzerfamilie. Er begann sich schon in seiner Jugendzeit in Damaskus für das politische Schicksal der Kurden in Syrien zu interessieren.

mehriran.de: Herr Gado, mit welchem Ziel sind Sie nach Deutschland gekommen und welche Botschaft haben sie für die deutsche Regierung?

Salih Gado: In den letzten 30 Jahren bin ich sehr häufig in Deutschland und in Europa gewesen. Unsere Botschaft hat sich in diesen 30 Jahren so gut wie gar nicht verändert. Da wir über keinen Staat und über keine diplomatischen Kanäle verfügen, hatten wir immer die gleichen Schwierigkeiten die deutsche Öffentlichkeit und vor allem die Regierungen zu erreichen, um von unseren Problemen und Sorgen zu erzählen. 

mehriran.de: Was haben denn ihre Leute in den letzten 30 Jahren alles durchgemacht? Schildern Sie doch, was sich alles verändert hat in diesen Jahrzehnten...

Salih Gado: In den letzten 30 Jahren haben unsere Leute unter einer Diktatur gelitten. Ich kann sagen, es waren eigentlich zwei verschiedene Ausgrenzungserfahrungen, die wir durchgemacht haben. Einmal aufgrund der politischen Konfiguration des diktatorischen Staates, waren die Kurden wie alle anderen Gruppen der staatlichen Unterdrückung ausgesetzt und zum anderen waren wir als Volk (Ethnische Minderheit, die Red.) von Verfolgungen betroffen. Die Situation in Syrien dürfte allgemein bekannt sein. Wir sollten aber genau hinschauen. Was mich anbelangt, ich komme aus Nordsyrien. Diese Region ist nahezu vollständig eingekesselt, worunter die Menschen sehr leiden. Alles, was man zum Leben braucht fehlt oder ist knapp. Wir sind von allen Seiten von Wölfen umzingelt. Türkei, Regime, Daesh (IS), Al-Nusra. 

mehriran.de: Wodurch schaffen die Menschen in ihrer Region sich der "Wölfe" zu erwehren?

Salih Gado: Unsere Leute sind Helden. Ich bin wirklich beeindruckt wie die Menschen zurecht kommen mit dem, was ihnen die Region bietet. Wir waren mal die Kornkammer Syriens, auch fördern wir etwas Öl, das in unserer Situation schwer an den Markt zu bringen ist. Militärisch halten wir uns mit Hilfe der Volksverteidigungseinheiten (YPG), von denen es auch Frauenbataillone gibt. Die sorgen dafür, dass wir schlafen können. Ich muss an dieser Stelle meinen Hut vor diesen Menschen ziehen und ihnen Respekt zollen für ihre Leistungen. Sie schützen nicht nur die Kurden, sondern alle Menschen, die in unsere Region gekommen sind. Das sind Aramäer/Assyrer/Chaldäer, Araber, Yeziden und andere.

mehriran.de: Wie organisiert sich diese Region im Moment auf der gesellschaftspolitischen Ebene?

Salih Gado: Die Verwaltung, welche die Geschäfte in die Hand genommen hat, ist 2 Jahre und 10 Monate alt. Diese Verwaltung ist in einer sehr schwierigen Situation entstanden. Ich habe vorhin die Blockaden durch die Türkei, das Regime, Daesh, andere radikale Islamisten erwähnt. Unsere Wirtschaft liegt da facto am Boden. Wir müssen mit sehr wenigen Mitteln auskommen und uns organisieren, wir haben kaum Fachleute. Dazu kommt, dass es das erste Mal in der Geschichte ist, dass wir selbst eine Verwaltung aufbauen. Wir sind immer beherrscht worden und konnten nie selbst eine Verwaltung aufbauen. Der Umgang der Menschen verändert sich dadurch auch, da wir früher immer von anderen verwaltet wurden. Es kommt dazu, dass wir diese Verwaltung in einem Land aufbauen, das durch den herrschenden Bürgerkrieg fast vollständig zerstört ist. Während andere für Zerstörungen sorgten, mussten wir uns in dieser Situation organisieren. 

mehriran.de: Wer hat diese Verwaltung in die Hand genommen? Sind Wahlen abgehalten worden oder wer sind die Menschen, die es an sich genommen haben eine Verwaltung aufzubauen?

Salih Gado: Der Bürgerkrieg war im Gange, die Gemeinden und Städte sind mehr und mehr heruntergekommen. Der syrische Staat hatte sich zurückgezogen und die Infrastruktur lag brach. In dieser Situation wurde unter uns diskutiert, was getan werden kann. Am 15. Januar 2014 gab es dann die Entscheidung einiger Organisationen, die darüber einig waren, dass die Situation nicht mehr haltbar war und wir uns irgendwie organisieren müssen. Wir müssen es ermöglichen, dass die Bevölkerung möglichst normal leben kann. Sich nahe stehende Organisationen und Persönlichkeiten, die ähnliche Bewertungen zur Lage teilten, haben auf einem gemeinsamen Kongress diskutiert, wie die Bevölkerung in diesem großen Gebiet verwaltet werden kann. So kam es, dass auf diesem Kongress der gemeinsame Entschluss entstand eine Verwaltung aufzubauen, damit das Leben von 3 Millionen Menschen weiter gehen kann. Infrastruktur, Dienstleistungen, ein Minimum an wirtschaftlichen Aktivitäten mussten wieder aufgebaut werden, Sicherheit musste auf den Straßen gewährleistet werden, soziale Probleme der Bevölkerung brauchten Widmung - jemand musste sich um all dies kümmern. 

mehriran.de: Dazu sind noch Flüchtlinge aus den umkämpften Landesteilen gekommen?

Salih Gado: Immer mehr Flüchtlinge (nâze'h), ich schätze 1,25 Millionen, sind zu den 3 Millionen aus anderen Landesteilen dazu gekommen.

mehriran.de: Wie können wir uns das vorstellen, wie wird in Rojava Wirtschaft betrieben? Welche Wirtschaftszweige gibt es da?

Salih Gado: Wir haben einen hohen Anteil an Landwirtschaft, den Anbau von Getreide und Oliven, die Herstellung von Olivenöl im Westen, in Afrin und im Osten auch Erdölförderung. Das Problem mit dem Erdöl ist die Abnahme, d.h. es funktioniert nur über Schmuggel. Das allermeiste Erdöl wird aber zum Heizen gebraucht, da unsere Region um Qamishli sehr arm an Wäldern ist. In der Region um Afrin wiederum ist viel Holz, jedoch kaum Erdöl. Jetzt kommt aber eine weitere Versorgungsproblematik hinzu. Die beiden Regionen sind durch einen Korridor getrennt, der von Islamisten bzw. von der Türkei gehalten wird. Das bedeutet, durch die fehlende Verbindung Landverbindung kann kein regulärer Austausch von Waren stattfinden. 

mehriran.de: Gibt es Staaten oder sonstige Organisationen, die die Menschen in Rojava unterstützen?

Salih Gado: Bis jetzt hilft uns niemand. 2014 war ich Leiter des Büros für Außenbeziehungen der autonomen Verwaltung. Wir haben viele Hilfegesuche auf unseren Rundreisen gestellt, haben viele Regierungen um Hilfe gebeten. Unsere Delegation hat ganz Europa bereist, alle haben uns gesagt, das würde sich alles gut anhören, was wir machen, aber bisher ist noch keine praktische Hilfe erfolgt. Humanitär hilft uns also keiner. Es gibt militärische Hilfe durch die USA. Der Luftraum wird geschützt und es erfolgen einige Waffenlieferungen. Mittlerweile gibt es zwei Flugplätze, die von den Amerikanern genutzt werden. Ein dritter Flughafen wird bei Kobane gebaut. 

mehriran.de: Zurück zur Botschaft an die Europäer. Sie reisen seit 30 Jahren nach Europa, Ihr Anliegen ist kaum verändert, ist wahrscheinlich in den letzten drei Jahren dringlicher geworden. Was braucht Ihr Volk, welche Botschaft haben Sie an Europa?

Salih Gado: Unsere Botschaft ist immer wieder - das wiederhole ich auch heute - wir haben noch nie gesagt, dass wir bessere Menschen sind, sondern wir sind nur Menschen, die das Recht auf Leben haben. Über Landesgrenzen hinaus betrachtet sind wir fast 40 Millionen Kurden. Wir erleben immer wieder Verfolgung, Unterdrückung, Zurückweisungen. Wir wollen sagen, wir sind auch Menschen, wir haben Rechte und brauchen Unterstützung. Warum soll uns geholfen werden? Wir sind eine Volksgruppe, die offen ist für neue Werte, für neue Ideen. Wir denken diese Werte und Ideen umsetzen und dadurch unsere Nachbarn positiv beeinflussen zu können. Wir können die westlichen Werte schneller empfangen, realisieren und aus der Region als ein funktionierendes Modell ausstrahlen lassen. Unsere Nachbarn werden sich durch ein gutes Beispiel überzeugen lassen. Das ist ein Grund, warum uns geholfen werden soll. 

Wir sind auch Muslime, aber es ist sehr selten, dass sich Kurden radikalisieren und dieses Übel namens Islamismus annehmen, obwohl es uns gar nicht gut geht. wir wollten uns mit dieser abwegigen Interpretation des Islam nicht abfinden und haben dagegen auch Widerstand geleistet. Wir haben Dutzende politische Organisationen in unserer Region, aber eine relevante Islamistische Gruppe, die Fuß fassen könnte in der Bevölkerung, gibt es unter Kurden nicht.

mehriran.de: Wie sind die Kurden in Rojava organisiert?

Salih Gado: Wir haben mehr politische Organisationen, die das gesellschaftliche Leben organisieren und Einfluss haben, die Stammesstrukturen haben in unserer Region keinen Einfluss. Seit 50 Jahren ist es so bei den Kurden, bei den arabischen Nachbarn sind die Clans noch mächtig. Unsere Entscheidungen haben für Clans auch manchmal provokativen Charakter. So hat die autonome Verwaltung die Vielehe verboten. Ein Mann kann nur noch eine Frau haben. Für unsere Verwaltung zählt die Säkularität, so haben die Stammesstrukturen bei uns in Rojava keine Bedeutung. 

mehriran.de: Wie ist das Verhältnis Russlands und Irans zur Region Rojava?

Salih Gado: Wenn ich mir die Lage mit Abstand und ohne Emotionen anschaue, dann muss ich sagen, dass die iranische Diplomatie viel tiefgreifender, weitsichtiger und klüger agiert. Wir wissen, dass der Iran keine kurdische Autonomie unterstützt, das wissen wir sehr genau, aber die Iraner scheinen nicht so plump, dumm und vulgär wie der türkische Präsident Erdogan. Die Iraner unterstützen voll das Regime von Assad und sie lehnen auch eine kurdische Verwaltung ab, aber sie greifen uns nicht so offensichtlich an. Vielleicht später. Vielleicht warten die Iraner auch erst Mal darauf, dass Türken und Kurden aufeinander losgehen und sich gegenseitig schwächen.

Zu den Russen haben wir in Rojava bessere Beziehungen, die Region um Afrin hat sehr gute Beziehungen zu den Russen. Dort wurden die Kurden indirekt von den Russen unterstützt, sonst hätten die Islamisten dort auch alles kaputt gemacht.

Vor mehr als zwei Monaten haben die Russen zuletzt einen Versuch unternommen zwischen Kurden und dem Regime zu vermitteln. Wir waren eine kurdische Delegation von acht Personen aus Kobani, Afrin, Qamishli. Wir haben uns in Latakia auf einem Stützpunkt der Russen getroffen. Dort waren Vertreter des Außenministeriums und des Verteidigungsministeriums. Die Russen hatten uns mit einem Spezialflugzeug abgeholt und wieder zurück gebracht. Die Russen haben konkrete Vorstellungen in Bezug auf die Zukunft Syriens, auch was die Kurden anbelangt. Die Russen hatten eine Erklärung vorbereitet und ganz konkrete Vorschläge gemacht, die sowohl das Regime als auch wir unterschreiben sollten. Das waren Punkte, die vollständig in unserem Interesse waren. Zum Beispiel reden die Russen von einem föderalen System, das ist genau auch unsere Forderung. Ein weiteres Beispiel bezieht sich auf die YPG, die es in eine staatliche Armee zu integrieren gilt, was auch unseren Vorstellungen entspricht. Weiterhin ging es um die Änderung des Namens "Syrisch-arabische Republik" in "Syrische Republik". Diese Erklärung haben wir aus Rücksicht auf andere Nachbarn nicht veröffentlicht oder offiziell bestätigt. Es ist aber auf einer Basis von Gerüchten bekannt geworden. Das Regime kann den Vorschlägen gar nicht zustimmen, denn das würde für sie de facto einer Teilung des Landes gleich kommen.

mehriran.de: Bedeutet das, dass keine Vereinbarung zu Stande gekommen ist?

Salih Gado: Es gab keine Abmachungen, aber wir haben erlebt, wie die Russen die Syrer unter Druck gesetzt haben, daraufhin haben die Syrer sich weitere Beratungszeit in Damaskus erbeten. Vieles wurde über unterschiedlichste Kanäle gestreut und mittlerweile glauben die Leute, dass über diese Dinge diskutiert wurde, aber offiziell will das noch keiner zugeben. Selbst das Staatsfernsehen hat über ein "Treffen" berichtet. 

mehriran.de: Waren bei dem Treffen nur die Kurden oder auch Vertreter anderer Gruppen?

Salih Gado: Nun, weil die Kurden sich nicht in allen Punkten einig sind, hat man zunächst nur die Kurden eingeladen und wenn hier Einigkeit erzielt wird, werden nach und nach andere Gruppen einbezogen, das war der Plan. Also, um die Probleme Stufe für Stufe abzuarbeiten ist diese Aufteilung vorgenommen worden. Später werden die Assyrer/Aramäer/Chaldäer mit einbezogen werden.

mehriran.de: Es heißt die USA würden sich zurück halten aus Verhandlungen, da die Russen traditionell bessere Beziehungen zu den Kurden in Syrien unterhalten. Weiter heisst es, dass die Verhandlungsinhalte aber durchaus abgestimmt sind zwischen den beiden Großmächten. Wie sehen Sie das? 

Salih Gado: Dem stimme ich vollständig zu, dass die Amerikaner die gleichen Ziele verfolgen wie die Russen und somit die Verhandlungen ganz den Russen überlassen haben. Was die Amerikaner nicht machen können oder wollen, geben sie an die Russen weiter. 

mehriran.de: Was sind Unterschiede zu den Kurden im Irak und wo unterstützen sie sich gegenseitig?

Salih Gado: Es gibt Meinungsverschiedenheiten auch unter den syrischen Kurden. Die Verwaltung wird gemeinsam organisiert, doch gibt es natürlich gesellschaftliche Meinungsverschiedenheiten. Zum Beispiel zwischen der Partei Demokratische Union (PYD), das ist die Hauptkraft, die die Verwaltung stellt und der Demokratischen Partei Kurdistan Irak von Massoud Harzani  bzw. denen, die Harzani unterstützen, gibt es viele Probleme und Meinungsverschiedenheiten. Ich gehöre zum Beispiel weder zur Harzani Partei, noch zur PYD. Wir haben eine Allianz - Kurdische Patriotische Allianz - die aus fünf Parteien besteht. Zu der Linken Demokratischen Partei gehöre ich, dann gibt es eine Demokratische Einheitspartei, dann gibt es die Kurdisch-Demokratische Partei al-Party, eine Partei heisst al-Wifaq, dann eine Reformpartei (Partei der Reformbewegung). Es gibt noch eine andere wichtige Partei, die heißt Peshveru-Partei (Fortschrittspartei), die sehen die Dinge auch wie wir, aber die machen bisher einen Alleingang. Wir haben noch den kurdischen Nationalrat, der steht Barzani nah und die arbeiten eng mit der syrischen Nationalkoalition, die wiederum von der türkischen Regierung unterstützt wird.

mehriran.de: Worin sind sich die meisten Kurden in Syrien einig und in welchen Fragen sind sie sich am Weitesten voneinander entfernt?

Salih Gado: Wir alle halten das Regime für ein diktatorisches Regime. Darin sind sich so gut wie alle einig. Wir als Kurdisch-Patriotische Allianz wollen, dass die syrisch-kurdische Bewegung einen eigenen Weg geht und sich nicht von den kurdischen Organisationen im Irak oder in der Türkei beeinflussen lässt. Dieser Kurdische Nationalrat will unbedingt unter der Ägide von Barzani stehen. Die regierende Partei (PYD) steht mehr der PKK nahe. Die   Kurdische Patriotische Allianz will einen eigenen, einen mittleren Weg gehen. 

In der Föderalismus-Frage sind wir auch fast alle einig. Was die YPG anbelangt, lehnen die Kollegen vom Kurdischen Nationalrat, die mit der türkischen Regierung zusammen arbeiten, deren Existenz eher ab. Die PYD, die Kurdische Patriotische Allianz, die Peshveru (Fortschrittspartei) sind alle laizistische Parteien, die lehnen den radikalen/gewalttätigen Islam ab, während der Nationalrat auf Grund ihrer Zusammenarbeit mit der Türkei ein wenig zum Islamismus tendieren, obwohl die kurdische Gesellschaft insgesamt diese politische Ideologie des Islamismus ablehnt. Durch die Zusammenarbeit mit der Türkei merkt man jedoch beim Nationalrat Tendenzen in diese Richtung. 

mehriran.de: Wenn Sie in naher Zukunft eine führende Rolle in Syrien innehätten, was würden Sie als erstes anpacken?

Salih Gado: Das erste wären allgemeine Wahlen abhalten, um ein Parlament wählen zu lassen. Wir haben bisher zu viel unter Diktaturen und diktatorischen Methoden gelitten. Es muss ein Parlament als Vertreter des Volkes Entscheidungen treffen. Ich würde mich also in einem solchen Parlament sofort dafür einsetzen, dass Menschen- und Minderheitenrechte anerkannt werden und in der Verfassung verankert werden. Ich würde vollständig Religion vom Staat trennen. Weiterhin würde ich mich für die Gleichstellung zwischen Mann und Frau einsetzen und die Gleichberechtigung aller Bewohner unabhängig ihrer ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit. Dann würde ich mich natürlich dafür einsetzen, dass es den Menschen auch wirtschaftlich besser geht. Ich würde dafür sorgen, dass die Medien immer unabhängiger arbeiten können. Wenn ich das alles machen könnte, das wäre natürlich alles wunderbar!

mehriran.de: Wie schätzen Sie das Verständnis der Bevölkerung ein - können die ihre Gedanken und Konzepte verstehen, teilen die Menschen in Ihrer Region Ihre Ziele? Verstehen die das gleiche unter Menschenrechten wie sie?

Salih Gado: Die wissen das ganz genau. Wir haben viele Vereine, die sich um die Menschenrechte kümmern. Die wissen, was ich meine.

mehriran.de: Was sind die größten Hindernisse für Ihre Vision und Vorgehensweise?

Salih Gado: Um diese Ziele umzusetzen brauchen wir Unterstützung. Wir haben keine Unterstützung durch die regionalen Mächte und auch keine von der internationalen Gemeinschaft. Wir treffen auf viele Widerstände in der Region. Das ist ein Problem. Die regionalen Mächte spielen eine entscheidende Rolle, die sorgen dafür, dass wir dieses Ziel nicht umsetzen können. Die Türkei will es nicht. Saudi-Arabien will es nicht. Qatar will es nicht. Iran will es nicht. Baschar Assad und das syrische Regime wollen es nicht. 

mehriran.de: Wer kann denn wirklich helfen?

Salih Gado: Natürlich müssen wir uns erstmal auf die Bevölkerung konzentrieren. Die Bevölkerung muss erst Mal aus eigener Kraft weitermachen. Und wir Politiker vor Ort müssen vielleicht noch pragmatischer werden. Es ist klar, dass wir uns zunächst auch gegenseitig helfen müssen. Wenn wir uns zerstreiten, wird uns keiner helfen wollen. 

mehriran.de: Was können Sie sich als Minimal- und Maximalhilfestellung vorstellen?

Salih Gado: Wir wissen, dass die Bundesrepublik Deutschland Interessen in der Region hat. Und wir wissen, dass wir selbst eine Kraft in der Region werden müssen, damit uns die Bundesrepublik helfen kann. Ein Minimum für uns wäre die Öffnung der Grenzübergänge in die Türkei, um das Leben wieder fließen zu lassen. Das ist für uns am dringlichsten.

mehriran.de: Ja, ich verstehe, das ist dringend, doch ein kleines Ziel scheint das nicht zu sein. Gibt es ein kleineres Ziel?

Salih Gado: Politische Signale wären durchaus wünschenswert. Eine positive Anerkennung und Bewertung unserer Verwaltung wäre zum Beispiel ein erstes wichtiges Signal für den Anfang. Wenn die Bundesrepublik zum Beispiel ein offizielles Statement diesbezüglich abgeben würde, wäre schon ein Minimalziel erreicht.

Was das Maximalziel anbelangt: wir wollen ein föderales demokratisches friedliches Syrien. Und ein Beitrag der Bundesrepublik wäre schon eine offizielle Unterstützung dieser Ziele.

mehriran.de: Danke an Sie Herr Gado, dass Sie für das Wohl Ihrer Region Verantwortung tragen und um Unterstützung werben. Danke an Kamal Sido für die Übersetzungsleistung. Hoffen wir das, dass sich der von Ihnen formulierte Ausstrahleffekt auf die Region ergibt, wenn in Syrien und der ganzen Region Frieden herrscht und alle Menschen gleichberechtigt an einer positiven Zukunft arbeiten können.

Weiter führende Informationen: https://www.gfbv.de/de/news/recherchereise-syrien-rojava-schutzzone-fuer-minderheiten-8088/

© Helmut N. Gabel für mehriran.de

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news-1051 Tue, 29 Nov 2016 08:18:07 +0100 Iran - eine neue Seite im Buch der Justizwillkür wird beschrieben http://mehriran.de/artikel/iran-eine-neue-seite-im-buch-der-justizwillkuer-wird-beschrieben.html mehriran.de - Ahmad Montazeri ist zu sechs Jahren Haft und dem Verlust seiner religiösen Würden verurteilt worden. mehriran.de - Sie müssen sicher alles andere als froh gewesen sein über die Veröffentlichung alter Tonbadaufnahmen. Vier auf höchster Ebene des Regimes angesiedelte Verantwortliche, darunter ein heutiger Minister namens Pourmohammadi, sollten vor Wut geschäumt haben, als der Sohn des verstorbenen Ajatollah Montazeri vor einem halben Jahr wichtige Tonbandaufnahmen seines verstorbenen Vaters veröffentlicht hat. In den Aufnahmen geht es um die Rolle der vier Protagonisten bei den Massenmorden in den 80er Jahren durch das Regime in Iran.

Ahmad Montazeri wurde vor einem Sondergericht für Geistliche letzten Samstag abgeurteilt. Im Folgenden fassen wir die wesentlichen Punkte des Urteils gegen ihn zusammen:

Gerichtsurteil des Sondergerichtshofs für Geistliche gegen Ahmad Montazeri:

Herr Ahmad Montazeri hat Verbrechen gegen die Herrschaft des Regimes begangen und die Ordnung in der Gesellschaft durch folgende Punkte gestört:

a) Versteckt halten von top-secret Dokumenten der Islamischen Republik Iran und Gebrauch der Dokumente, um das Ansehen, die Interessen und die Einheit der Islamischen Republik Iran zu schädigen.

b) Er hat Interviews mit Medien außerhalb Irans geführt, die gegen das Ansehen der Islamischen Republik Iran handeln. insbesondere gab er dem persischen Sender DorrTV Interviews, um das regime zu beschuldigen und die Islamische Republik Iran schlecht dastehen zu lassen.

c) Auf Grund aller dieser Verbrechen gegen die IRI wird er zu 21 Jahren Haft verurteilt, sowie seiner Geistlichen Würden entkleidet. Er hat das Recht innerhalb von 20 Tagen nach Erlass gegen dieses Urteil Einspruch beim Sondergerichtshof einzulegen. 

Tatsächlich ist das Urteil milder ausgefallen. Seine Haftstrafe wurde auf sechs Jahre reduziert, da sein Bruder einer der ersten Märtyrer des Regimes war.

Weitere Berichte:

http://alischirasi.blogsport.de/2016/11/28/iran-21-jahre-gefaengnis-fuer-die-wahrheit/

http://www.kurdistan24.net/en/news/2b465ee3-447f-4515-acf6-4debd03365ec/Iran-says-Ahmad-Montazeri-is---acting-against-national-security-

https://de.qantara.de/inhalt/hossein-ali-montazeri-das-vermaechtnis-des-rebellischen-grossayatollahs

http://www.rferl.org/a/iran-montazeri-comes-back-to-haunt-1988-mass-killings/27975961.html

http://alischirasi.blogsport.de/2016/08/15/iran-ajatollah-montaseri-die-stimme-des-gewissens/

2016 © mehriran.de

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news-1048 Sat, 19 Nov 2016 00:08:39 +0100 "Schlaft ihr immer noch?" - Zwietracht und Angst im Iran http://mehriran.de/artikel/schlaft-ihr-immer-noch-zwietracht-und-angst-im-iran.html mehriran.de - Im Windschatten internationaler Krisen und politischer Verwerfungen verschärft sich auch im Iran das gesellschaftspolitische Klima. Die Mächtigen im Iran zeigen mit Fingern aufeinander und decken ungeheure Korruptionsskandale auf. mehriran.de - John Bolton wird als Außenminister des neuen US Präsidenten Trump gehandelt. In einem Interview mit Trumps Hauspostille "Breitbart" besteht er auf einer Sicht auf den Iran, die er schon vor Jahren vertreten hat: im Iran muss ein Regime Change her. Er gilt als Unterstützer der Volksmudschahedin mit ihrer Anführerin Marjam Radschavi, einer im Exil operierenden Oppositionsgruppe, die bereits seit Jahren starke Kontakte zu Republikanern in den USA aufgebaut haben. John Bolton will diese Gruppierung bewaffnen, er glaubt an eine gewaltsame Intervention.

Währenddessen versucht der Oberste Führer Ali Khamenei die Bevölkerung für den Opferkult des Imam Hossein zu gewinnen. Sein Mausoleum liegt in der für die Schiiten heiligen Stadt Kerbela, im Irak. Sein Tod im 7. Jahrhundert gilt den Schiiten als Mahnung ihren Führer im Stich gelassen zu haben, als er im Angesicht übermächtiger Feinde mit einer kleinen Schar der Seinen niedergemetzelt wurde. Gläubige peitschen sich blutig und verletzen sich mit großen Messern, um ihre Schuld einmal im Jahr symbolisch abzugelten. Das Regime im Iran versucht diese volkstümlichen Feiern als Treubeweis für sich und als Existenzberechtigung zu inszenieren. Khamenei hat seine religiösen Stiftungen angewiesen jedem, der nach Kerbela reisen will, alle Kosten zu erstatten. Er hofft damit, bis zu 2 Millionen Anhänger zu mobilisieren, um der Welt zu zeigen, dass die Menschen das Regime unterstützen und durch ihre Anwesenheit legitimieren.

In Teheran sind in den letzten Monaten immer häufiger Demonstrationen vor dem Parlament, vor dem Evin Gefängnis oder an anderen Orten zu finden. Ein großer Teil Bevölkerung hat trotz der Gräuel in den Gefängnissen keine Angst davor verhaftet zu werden und zeigt sich widerspenstig. 

So hat eine große Gruppe - manche sprechen von 100.000 Menschen, andere von 1 Million - Iranerinnen und Iraner den großen König Kyros I an seinem Grab geehrt und ihn als Nationalheld gefeiert - sehr zum Missfallen Khameneis, der diese nationalistische Karte als Verrat an seinem religiösen Regime versteht. Die Einladung nach Kerbela kann als Gegendemonstration verstanden werden.

Wegen Korruption steht im Moment Sadegh Laridschani, der Chef der Justiz, am Pranger. Durch die Veröffentlichung einer gängigen Praxis im Justizapparat auf DorrTV, ist ein Stein ins Rollen gebracht worden, der viel Schande auf die Familie Laridschani bringt. Die beiden Brüder Sadeghs, Javad und Ali Laridschani, besetzen auch hohe Posten innerhalb des Regimes. Es finden im Iran häufig unerwartete Besuche der Geheimpolizei bei unbescholtenen Bürgern mit allerlei Vorwürfen statt. Sie werden verhaftet und gegen eine hohe Kaution bis zur Verhandlung wieder frei gelassen. Diese Kautionen wandern auf eines von 63 Konten, die der Justiz gehören und werden tatsächlich getreu der Bestimmung behandelt. Jedoch die Zinsen, die sich aus den Kautionen ergeben, wandern in die Taschen Sadegh Laridschanis. Man schätzt die monatlichen Zusatzeinkünfte Laridschanis aus diesen Zinsen auf 20 Millionen Toman (ca 600.000 €). Der Skandal wurde erst richtig zum Kochen gebracht als der Wirtschaftsminister im staatlichen Fernsehen Stellung zu diesen Vorwürfen beziehen sollte. Ali Tajebnia, der zum Kabinett Rohanis gehört, bezog Stellung dazu und bestätigte die Vorwürfe. Ein weiterer Ausdruck für die Verwerfungen zwischen dem Lager Khameneis zu dem Laridschani gehört und dem Lager Rafsandschanis, zu dem Rohani und seine Regierung im Wesentlichen gehören.

So prophezeite der Parlamentsabgeordnete Sadeghi: "Wir scheinen alle zu schlafen. Eines Tages werden wir alle aufwachen und es wird kein Regime mehr geben. Diese Zustände sind nicht weiter haltbar!" Und tatsächlich kann man die Zustände im Iran mit einem letzten Beispiel visualisieren. Verurteilte Verbrecher wie der ehemalige Staatsanwalt Saeed Mortazavi oder der pädophile Torsi Gandâmyieh werden von Khamenei protegiert und nach Kerbela geschickt, während der Arzt und Heiler Mohammed Ali Taheri sogar nach Abbüßen seiner Haftstrafe und internationalen Protesten noch im Gefängnis behalten wird, weil es einer Machtgruppe innerhalb der hinter Khamenei stehenden Pasdaran nicht in den Plan passt und sie seine Freilassung auf jeden Fall verhindern wollen.

© Helmut N. Gabel für mehriran.de 

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news-1046 Tue, 08 Nov 2016 22:10:10 +0100 Menschenrechtsbeauftragte zum Gesundheitszustand von Mohammad Ali Taheri http://mehriran.de/artikel/menschenrechtsbeauftragte-zum-gesundheitszustand-von-mohammad-ali-taheri.html mehriran.de - Anlässlich aktueller Meldungen über den kritischen Gesundheitszustand des seit fünf Jahren inhaftierten Iraners Mohammad Ali Taheri erklärte die Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt, Bärbel Kofler, heute (08.11.). Erscheinungsdatum 08.11.2016

"Ich bin äußerst besorgt über den sich stetig verschlechternden Gesundheitszustand von Mohammad Ali Taheri, der aus Protest gegen seine sich immer weiter verzögernde Haftentlassung seit mehr als 40 Tagen im Hungerstreik ist und dem seit drei Wochen der Kontakt zu seiner Familie verwehrt wird.

Taheris Verurteilung erfolgte offenbar lediglich aufgrund seiner Weltanschauung und seiner religiösen Lehren. Sie stellt damit eine eklatante Missachtung des Menschenrechts auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit dar, zu dessen Achtung und Schutz sich Iran völkerrechtlich verpflichtet hat.

Ich fordere Iran auf, Mohammad Ali Taheri nach der erfolgten Verbüßung seiner Haftstrafe nun umgehend aus der Haft zu entlassen und ihm bis dahin uneingeschränkten Zugang zu seiner Familie, seinen Anwälten und zu umfassender medizinischer Versorgung zu gewähren."

Hintergrund:

Mohammad Ali Taheri, Gründer der spirituellen Bildungs- und Kultureinrichtung „Erfan-e-Halgheh“ („Mystik des Ringes“), wurde im Mai 2011 festgenommen und im Oktober 2011 wegen „Beleidigung der islamischen Heiligkeit“ zunächst zu fünf Jahren Haft, 74 Peitschenhieben und einer Geldstrafe verurteilt. In einem erneuten Verfahren wurde er im August 2015 zum Tode verurteilt. Nach Angaben von Taheris Anwalt hat der Oberste Gerichtshof im Berufungsverfahren das Todesurteil im Dezember 2015 aufgehoben und den Fall an das Revolutionsgericht zurückverwiesen. Taheris Anwalt und seine Familie rechnen mit seiner Freilassung bereits seit Februar 2016, als er seine 5-jährige Haftstrafe verbüßt hat.

Seit seiner Verhaftung soll sich Taheri ununterbrochen in Einzelhaft im Teheraner Evin-Gefängnis befinden. Am 28.09.2016 ist Mohammad Ali Taheri aus Protest gegen die Verzögerung seiner Freilassung zum wiederholten Mal in Hungerstreik getreten. Seit 16.10.2016 wird ihm der Kontakt zur Außenwelt verwehrt. Einer informellen Mitteilung gegenüber seinem Anwalt  zufolge fiel er ins Koma und wurde in ein Teheraner Krankenhaus gebracht.

Erschienen auf: http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Infoservice/Presse/Meldungen/2016/161108-MRHH-Mohammad_Ali_Taheri.html?nn=382708 

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news-1044 Mon, 31 Oct 2016 13:49:49 +0100 Lasst sie endlich frei! http://mehriran.de/artikel/lasst-sie-endlich-frei.html mehriran.de - Weltweite Proteste zur Freilassung aller Gewissensgefangenen und politischen Gefangenen im Iran fanden am Sonntag, 30.10.2016 statt.
mehriran.de - In Hannover protestierten mehrere Männer und Frauen für die Freilassung von Mohammad Ali Taheri, Narghes Mohammadi, Kazemeni Boroudscherdi und alle anderen Inhaftierten.

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news-1043 Sat, 29 Oct 2016 00:25:00 +0200 Mitgefühl aus der Perspektive von Sufi Gelehrten http://mehriran.de/artikel/mitgefuehl-aus-der-perspektive-von-sufi-gelehrten.html mehriran.de - Aus Anlass eines internationalen Symposiums zum Thema "Mitgefühl in verschiedenen Weltanschauungen" im Januar 2016 in Hyderabad, Indien, trug Dr. Seyed M. Azmayesh die wesentlichen Aspekte dazu aus der Tradition der Sufis in einem kurzen Beitrag für mehriran.de zusammen. mehriran.de - Der in Kanada lebende Prof. Daroll Bryant hat im Januar 2016 ein Symposium zu Barmherzigkeit organisiert, zu dem auch Dr. Seyed Mostafa Azmayesh eingeladen war, den Blick auf die Tradition der Sufis zu richten. Im Folgenden veröffentlichen wir den Text auf Deutsch.

"In der Geschichte der Sufis finden sich zahlreiche Beispiele für gelebte Barmherzigkeit. Davon zeugen die Werke einiger Sufi Meister wie Fariduddin Attâr[1], Maulana Dschami[2] oder Nezâmi Gandschavi[3] und besonders in den Gedichten des Sa'adi aus Schiraz[4].

Liebe in einem tieferen Verständnis bedeutet für einen Sufi Meister die Verbindung mit Gott und seiner Schöpfung und seinen Geschöpfen zu erfahren. Wenn sich jemand auf den Schulungsweg des Einswerdens begibt, empfindet dieser Mensch zunächst eine tiefe Sehnsucht, die nicht zuordenbar sein mag. Man fühlt sich zu seinem Lehrer hingezogen. Dann geht man bewusst eine Verbindung ein mit dem geistigen Strom dieses Lehrers, indem man ihm die Hand zur Einweihung reicht. Man sucht immer wieder die Verbindung zum eigenen Herzen im Alltag und bleibt dadurch mit dem Herzen des Lehrers und dem Strom der Liebe verbunden. Nach und nach wächst die Seele wie ein Küken in einem Ei, bis sie stark genug wird, ihre Flügel zu entfalten und die harte Schale zu verlassen.

Unter der Obhut ihres Lehrers werden die kleinen Vögel Übungen anwenden, welche die Entwicklung voranbringen. Die "Nahrung" des Seelen-Vogels ist reine Schwingung, die aus der Verbindung mit dem Lehrer resultiert und durch die Anwendung spezifischer Rhythmen aus dem Kanon der substanziellen Entwicklung. Diese Rhythmen können auf Instrumenten wie der Daff, der Dâyereh oder der Tombak gespielt werden oder rezitiert, gemurmelt oder innerlich gehört werden, während man sich auf den eigenen Herzschlag konzentriert. Diese Rhythmen finden sich in sehr vielen Sufi Gedichten und können von einem erfahrenen Qawwal zu Gehör und zur Wirkung gebracht werden. Sie finden sich auch in den Namen Gottes, von denen es zahlreiche gibt. Die bekanntesten Namen Gottes sind zum Beispiel: Haq (die wahre und tiefste Realität), Huu (der All-Eine) oder der Mitfühlende, der Barmherzige (ar-rahim).

Der erste Teil des Korans, der in Mekka niedergeschrieben wurde, besteht aus Hymnen und meditativen Gebeten, die man im korrekten Rhythmus rezitieren muss, damit sich ihre richtige Wirkung auf das Herz entfaltet.

Die ursprüngliche und authentische Bedeutung des Wortes Islam gemäß der Sufi Tradition und entsprechend der Wurzel des Wortes, kann so beschrieben werden: der Weg von soghm zu selm, was auf Deutsch mit einem Heilungsprozess von einer Erkrankung (soghm) des Herzens zur Genesung des Herzens (selm) beschrieben werden kann.

Wenn ein Sufi sich für eine Weile um diese Entwicklung zu einem genesenen Herzen bemüht hat, wird er oder sie eine Art von Gewissheit über ihre spirituelle Wirklichkeit bzw. ihren geistigen Kern erlangen. Man beginnt zu verstehen, dass man nichts anders als ein Gast auf Zeit und periodischer Bewohner dieser irdischen Leiber ist. Die Sufis erkennen ihre Mission auf der Erde und brauchen nicht an etwas glauben, das sie nicht selbst erfahren.

Somit reinigen Sufis die Staubschichten, die ihr Herz bedecken bis dieses Herz ruhig und rein wird und leuchtend glänzt. Sie machen das durch Anwenden verschiedener Methoden, wie, die Herzverbindung zum Lehrer aufrecht erhalten, das Herz ernähren durch Anwendung Schwingung erzeugender Rhythmen, persönliche Mantren (Dhikr)[5] im Stillen üben und an gemeinsamen Samâ[6] Zeremonien Teil nehmen, eine gewissenhafte Betrachtung der eigenen Gedanken, Gefühle und Handlungen in einer täglichen Rückschau (Mohassebeh genannt). Doch es geht noch weiter. Das hat mit Empathie und Barmherzigkeit zu tun. In einem seiner berühmtesten Gedichte hat Sa'adi eine Bedingung dafür vorgeschlagen, um als Mensch bezeichnet zu werden.

Bàni âdam azâye yek digarand 
Ke dar âfarinesh ze yek goharand 
Cho ozvi be dard âvarad roozegâr 
Degar ozvohâ ra namânad gharâr.
To kaz mehnate digarân bi ghami 
Nashâyad ke nâmat nahand âdami. 

Die Menschenkinder sind ja alle Brüder,

aus einem Stoff wie eines Leibes Glieder.

Hat Krankheit nur ein einzig Glied erfasst,

so bleibt den andern weder Ruh noch Rast.

Wenn andrer Schmerz dich nicht im Herzen brennet,

verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennet. 

Empathie und Mitgefühl sind also laut Sa'adis Gedicht hoch zu schätzende Eigenschaften und eine notwendige Stufe für die Qualifizierung zum menschlichen Wesen. Aber wie entwickeln Sufis Mitgefühl? Woher stammt das Mitgefühl? Sufis sagen, dass Mitgefühl aus dem Herzen kommt und eine Folge oder vielmehr ein Folgephänomen einer angewandten Handlung ist.

Sa'adi hat eine Geschichte über Mitgefühl hinterlassen, die dieses Prinzip veranschaulicht.

Auf einer seiner ausgedehnten Reisen durch den Nahen Osten, gelangte er nach Damaskus, als dort wegen langer Trockenheit eine Hungersnot herrschte und die Bewohner dem Tode näher waren als dem Leben. Er ging durch die Straßen von Damaskus und sah in die elendigen, fahlen und eingefallenen Gesichter der Bewohner, die dem Verhungern nahe waren. So traf er einen alten Bekannten, der dort Reichtümer angehäuft hatte und in Wohlstand lebte. Sa'adi betrachtete das Gesicht seines Bekannten und sah auch bei ihm die gelbliche und fahle Haut. Darauf sprach er ihn an: "Mein Freund, was ist dir widerfahren? Du siehst genauso elendig aus, wie diese armen Leute um dich! Dein Gesicht ist eingefallen und deine Haut ist gelb. Wie geht es dir?" Der Bekannte antwortete: "Mit all diesen leidenden Leuten um mich herum bin ich selbst so elendig geworden. Ihr Leiden berührt mich, sie dauern mich, ich leide mit ihnen. Jetzt bin ich von ihren Sorgen erfüllt."

Sa'adi reflektiert seine Begegnung im Nachgang und kommt zum Schluss, dass es nicht ausreicht das Leid der anderen nur untätig zu empfinden, sondern in Aktion zu treten und etwas an der Situation zu ändern, die anderen Leid verursacht. Das bedeutet, sein reicher Bekannter hätte einen weiteren Schritt tun können und anstatt nur mitzuleiden, hätte er sein Geld dafür einsetzen können, um Essen für die Armen zu organisieren, die kurz vor dem Verhungern waren.

Hier beschreibt Sa'adi das Prinzip der Ritterlichkeit (javânmardy). Dieses Prinzip bedeutet: es reicht nicht eine Situation zu empfinden, sie muss auch verstanden werden, doch es reicht nicht eine Situation zu verstehen, es muss auch eine angemessene Handlung gemäß den Fähigkeiten und Möglichkeiten jeder Person erfolgen. Dies ist eine ganzheitliche Sichtweise zu Mitgefühl und Barmherzigkeit laut Sufi Lehrern.

Eine weitere Geschichte berichtet von Schibli[7], von dem erzählt wird, dass er einen Sack Mehl in eine Sufi Khanegâh[8] gebracht hatte. Als er den Sack öffnete, sah er darin eine Ameise hilflos von links nach rechts laufen. Schibli fühlte sich schuldig, die Ameise aus ihrer Heimat und von ihren Gefährten entfernt zu haben. Nachts konnte er überhaupt nicht schlafen und anstatt zu schlafen oder zu beten, entschloss er sich die Ameise wieder nach Hause zu bringen.

Diese Geschichte enthält eine Lehre über Mitgefühl. Das Schicksal des kleinen Tieres ließ den Mann nicht unberührt und er setzte den Schmerz eines Lebewesens höher als sein Versprechen zu beten oder das Bedürfnis seines Körpers zu schlafen und handelte, um den Schmerz des Wesens zu beenden.

Viele Geschichten in den Büchern und Schriften der Sufis visualisieren Lehren und Prinzipien in einfacher Form. In der letzten Geschichte erfahren wir, dass Sufis nicht so sehr Wert darauf legen fortgeschritten oder mächtig zu sein oder viele Anhänger zu haben, sondern die Unterweisungen im Alltag anzuwenden - sogar, wenn das bedeutet, das Leben einer Ameise zu achten.

Diese Tatsache führte dazu, dass einige großen Herrscher Sufis als ihre Berater wählten. Lehrer wie Hafis[9] und Sa'adi haben nicht ihre Könige verherrlicht und gepriesen, sondern haben sie mit unerwarteten Gedankengängen herausgefordert, um sie zu lehren Gleichgewicht zu finden, die Kunst einer maßvollen Herrschaft auszuüben und nicht grausam und hart und streng mit dem Volk umzugehen.

Gemäß aller dieser großen Sufi Lehrer ist Mitgefühl die Anwendung geistiger Bewusstheit im Alltag."

© Seyed Mostafa Azmayesh


[1] Fariduddin Attâr ist als Dichter, Sufi Gelehrter und Hagiograph aus Nischapour bekannt. Nischapour war eine bedeutende Stadt des Mittelalters in Chorasan, im Nord-Osten Irans. Attâr lebte im 12. und 13. Jahrhundert. Sein offizieller Name lautet Abū amīd bin Abū Bakr Ibrāhīm. Er wurde über 100 Jahre alt. Sein berühmtestes Werk ist die "Konferenz der Vögel".

[2] Maulana Dschami war mit der Schule Ibn Arabis verbunden. Er gilt als größter Religionsgelehrter und Dichter des 15. Jahrhunderts. Dschami hat reichhaltige Werke als Gelehrter, Mystiker, Historiker hinterlassen. Er gilt als Autor, Komponist zahlreicher Lieder und Hymnen und größter Sufi Dichter seiner Zeit. Sein offizieller Name lautet Mawlanā Nūr al-Dīn 'Abd al-Rahmān or Abd-Al-Rahmān Nur-Al- Din Muhammad Dashti.

[3] Nezâmi Gandschavi war Autor romantischer Geschichten des 12. Jahrhunderts. Er stammt aus Gandscha, einer Stadt des großen Seldschukenreiches, die heute in Azerbaidschan liegt. Sein offizieller Name lautet Dschamal ad-Dīn Abū Muammad Ilyās ibn-Yūsuf ibn-Zakkī, genannt Ilyās. 

[4] Sa'adi  lebte im 13. Jahrhundert. Die Gedichte dieses Sufi Meisters sind von hochstehender Güte und die darin enthaltenen Gedanken sind berühmt wegen ihrer gesellschaftlichen und moralischen Tiefe. Sa'adi ist sehr viel gereist und hatte verschiedene Begegnungen mit Menschen, durch die er tiefe Erkenntnisse erlangte. Sein offizieller Name lautet Abū-Muhammad Muslih al-Dīn bin Abdallāh Schīrāzī.

[5] Dhikr oder zikr oder zekr: einen der Namen Gottes rezitieren wie z.B. Allah Huu (die einzigartige allumfassende Eigenschaft Gottes).

[6] Samâ Musikalische Zeremonie, die von einem Sufi Meister geleitet wird und zur Stärkung eines gemeinsamen Bewusstseins dient.

[7] Schibli war ein Mystiker mit persischen Wurzeln, der am Hof gedient hatte, bevor er sich auf den Weg der Liebe begab. Er soll sehr außergewöhnliches und exaltiertes Verhalten an den Tag gelegt haben. Abu Bakr Schibli lebte im 9. und 10. Jahrhundert. Sein Lehrer war Dschunayd Baghdadi.

[8] Eine Khanegâh ist ein Versammlungshaus der Sufis.

[9] Hafis ist ein persischer Dichter und großer Sufi Lehrer des 14. Jahrhunderts. Goethe hat ihn als Zwilling bezeichnet und fühlte sich von Hafis Werken inspiriert seinen "Ost-Westlichen Diwan" zu schreiben.

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news-1042 Fri, 28 Oct 2016 23:13:56 +0200 Mahnwache für Mohammed Ali Taheri am Kröpcke http://mehriran.de/artikel/mahnwache-fuer-mohammed-ali-taheri-am-kroepcke.html mehriran.de - Sonntag, 30.10.2016, zwischen 14:00 und 16:00 Uhr am Kröpcke, Hannover. Hinter den Kulissen Verhandlungen mit Iran, in deutschen Medien eisiges Schweigen zur Menschenrechtssituation im Iran. Doch Exil-iranischen Friedensaktivisten bleibt in ihrer Verzweiflung nur der Weg auf die Straße. mehriran.de - Der Arzt und Heiler Mohammad Ali Taheri ist laut mehrerer Quellen aus dem Iran in ein Koma gefallen. Er befindet sich in der vierten Woche seines 16. Hungerstreiks. Der Mann hat seine Haftstrafe längst abgebüßt, doch gibt es mächtige Männer innerhalb des Staatsapparates, die ihn auf keinen Fall draußen sehen wollen. Seine Anhängerschar ist in den letzten Jahren, sehr zum Missfallen des Regimes, gewachsen. Manche Hardliner wollten ein Exempel statuieren und ebenso einen Präzedenzfall schaffen, indem er hingerichtet hätte werden sollen. Das ist Dank internationaler Aufmerksamkeit verhindert worden. 

Durch Taheris unsicheren Zustand im Koma sind seine Anhänger und Schüler besorgt und gehen sowohl in Teheran als auch in Europa auf die Strassen, schreiben Appelle, wissen Amnesty International, die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI) und viele andere Menschenrechtsorganisationen an ihrer Seite, doch wünschen sie sich deutlichere Signale an den Iran, endlich die Rechte von Herrn Taheri zu wahren und ihn aus der Haft zu entlassen.

Neben Hannover wird es in weiteren Städten weltweit Proteste geben.

Einige Informationen zu Taheri über nachfolgende Links:

www.amnesty.ca/blog/<wbr />path-freedom-mohammad-ali-<wbr />taheri

www.amnesty.ca/blog/“i-<wbr />will-never-stop”-–-mother’s-<wbr />campaign-free-her-son-iran

© Helmut N. Gabel, mehriran.de

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news-1037 Mon, 24 Oct 2016 00:31:44 +0200 Menschenrechtler protestieren - Politik schweigt http://mehriran.de/artikel/menschenrechtler-protestieren-politik-schweigt.html mehriran.de - Im Iran stehen Tag für Tag mehrere Hundert Menschen vor Krankenhäusern oder vor Gefängnissen, um gegen unrechtmäßige Verhaftungen oder Brutalität gegenüber politischen Häftlingen und Gewissensgefangenen zu protestieren. Die Revolutionswächter im Iran reagieren nervös, deutsche Politiker schweigen dazu.
mehriran.de - Menschenrechte sind ein hohes Gut. Manche Ideologen im Iran behaupten es gäbe islamische Menschenrechte und der Westen solle sich nicht einmischen. Korankenner sind vom Gegenteil überzeugt: wer den Koran, das grundlegende Buch der Muslime befrage, käme zum Schluss, dass die Menschenrechte, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Vereinten Nationen zu finden sind schon im Koran veranlagt sind: was zählt ist der Mensch als Individuum vom Augenblick der Empfängnis und Inkarnation unabhängig von seinen Geschlechtsmerkmalen, sozialen Gegebenheiten, Hautfarbe oder anderen Unterscheidungen. 

Manche Muslime wähnen sich aber höherwertig und propagieren Gewaltanwendung gegenüber Andersdenkenden oder Andersgläubigen. So werden immer wieder Kampagnen mit Hilfe von Ausstellungen und Veröffentlichungen gegen unterschiedlichste Bürger und Bürgerinnen Irans gestartet. 

Es sind Geistliche wie Ajatollah Nekounam oder Ajatollah Boroudscherdi, Rechtsanwälte wie Abdolfattah Soltani, Menschenrechtler wie Narghes Mohammadi, Andersgläubige wie Baha'i, Derwische des Nematollah Gonabadi Ordens oder Ahl-e Hagh, Gewerkschafter, Lehrer, Studenten, Journalisten oder Heiler wie Mohammed Ali Taheri, die sich mit abstrusen staatsgefährdenden Vorwürfen konfrontiert sehen und plötzlich im Gefängnis landen, wo sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit gequält werden.

Dies mussten einmal wieder die Familie und die Freunde von Taheri letzten  Samstag erfahren, als er am 22 Tag seines 16 (!) Hungerstreiks verhört und ins Koma geprügelt wurde. Seine Frau wurde nicht zu ihm gelassen und auch nicht über seinen genauen Aufenthalt in Kenntnis gesetzt.

Seither stehen Hunderte Menschen vor dem Krankenhaus und protestieren. Immer wieder werden sie von Pasdaran Einheiten mit Tränengas und Schlagstöcken vertrieben. Das Regime wird nervös. Der Export seiner politisch-religiösen Ideologie auf die Schlachtfelder Iraks, Jemens und Syriens könnte sich als Fehlkalkulation erweisen, wenn daheim das Volk sich von den eisernen Fesseln der Machthaber zu befreien versucht.

Am Sonntag haben Menschenrechtsaktivsten vor dem iranischen Konsulat in Frankfurt sowie in Städten in Kanada, den USA, Schweden, Großbritannien, Australien protestiert. Es ist an der Zeit, dass sich neben Amnesty International und anderen Menschenrechtsorganisationen auch die deutsche Politik dazu äußert.

Weitere Infos unter: http://www.ac-dv.org/mohamad-ali-taheri-case-october-5th-2016/





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news-1036 Sun, 16 Oct 2016 23:08:51 +0200 Ali Khamenei und der Skandal um den pädophilen Maddah http://mehriran.de/artikel/ali-khamenei-und-der-skandal-um-den-paedophilen-maddah.html mehriran.de - Im Iran reihen sich handfeste Skandale aneinander. Das Regime, das einst seine Bürger mit brutalen Strafen zum Schweigen zu bringen versuchte, ist innerhalb seiner Führungselite zerstritten. Mehr und mehr korrupte, brutale und Menschen verachtende Handlungen, die lange Zeit durch den Obersten Führer gedeckt wurden, kommen ans Tageslicht. mehriran.de - Der nächste Skandal im Iran ist eine Tragödie aus dem unmittelbaren Umfeld des Obersten Führers selbst. Der Umgang mit dem Skandal ein Trauerspiel und typisch für das Haus Khameneis. 
Die Verquickung zwischen Religion und Staat erweist sich einmal mehr als schädlich für das Gesellschaftsleben. Ein Maddah (Koranrezitator) aus dem nahen Umfeld Khameneis wurde schon länger beschuldigt sich an "Chorknaben" zu vergreifen. Der Vater dreier Kinder hat die Übergriffe zugegeben und hat sich in langen Briefen immer wieder entschuldigt und gelobt sich zu bessern, doch er wurde wieder und wieder rückfällig. Der als Mahmoud Toossi Sadeghi bezeichnete Mann wurde sogar von einem Gericht für schuldig befunden, doch der Oberste Führer bestand darauf den Fall zu vergessen, um das Gesicht aller anderen Koransänger zu bewahren und kein Schaden auf die Religion kommen zu lassen, wie er sagte.

Jetzt wurde der Fall nochmals aufgebracht, weil der Mann seinen Übergriffen einfach kein Ende setzt. 50 Jungen aus Klerikerfamilien, die mit dem Mann im Kontakt gewesen sind, sollen Opfer geworden sein. Jetzt wurde auch der Tarnname des Mannes fallen gelassen. Offensichtlich soll es sich um einen Koransänger namens Toossi Gandâmiyeh und nicht "Sadeghi" handeln. Khamenei soll sehr verärgert sein, doch konnte er die Veröffentlichung des Falls durch VOA nicht mehr verhindern. Seine Taktik, die Korruption und Brutalität im Namen des Islams zu verschleiern, geht nicht mehr auf. 

Beobachter der politisch-gesellschaftlichen Vorgänge im Iran betrachten auch diesen Fall als Machtkampf zwischen der Fraktion des aktuellen Präsidenten Hassan Rohani und seiner Unterstützer im Verbund mit dem alten Politfuchs Haschem Rafsandschani und den Hardlinern hinter dem Obersten Führer Khamenei und seinem Ammaryioun Netzwerk.

 

 

 

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news-1035 Tue, 04 Oct 2016 11:29:09 +0200 Hassan Shariatmadari sendet Liebesgrüße nach Berlin http://mehriran.de/artikel/hassan-shariatmadari-sendet-liebesgruesse-nach-berlin.html mehriran.de - Der Herausgeber der Tageszeitung Kayhan sendet eine klare Botschaft an die deutsche Politik: "glaubt nicht, dass Rohani oder Zarif irgendeine Entscheidung betreffend iranischer Außenpolitik treffen können!"
mehriran.de - Kayhan gilt als offizielles Sprachrohr des Obersten Führers Ali Khamenei. Hassan Shariatmadari ist ein Revolutionär der ersten Stunden und gilt als Hardliner, der sich nicht mit den USA versöhnen mag, sondern "seine islamische" Revolution in die ganze Welt tragen will.

Nach dem Besuch von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel in Teheran, fühlte sich Shariatmadari bemüßigt allen deutschen Politikern, die gerne mit Wirtschaftsdelegationen in den Iran reisen, diese Botschaft ins Stammbuch zu schreiben: "Ihr braucht gar nicht glauben, dass Iran Änderungen in seiner Menschenrechtspolitik machen wird, denn Rohani und Zarif dürfen da oben nur stehen, weil sie die Diplomatensprache der Westler sprechen und nicht so ausfällig werden wie wir Hardliner." 

Ein weiteres pikantes Detail wurde heute durch die Veröffentlichung von Donald Trumps Steuerdokumente bekannt. Einer seiner größten Mieter ist die Iranische Nationalbank, die als größte Geldwäscheorganisation des Irans gilt. Lässt das den Schluß zu, dass Iran am Aufstieg Donald Trumps mitgearbeitet hat? 

Shariatmadari schreibt nicht wer die Entscheidungen bezüglich der iranischen Außenpolitik trifft. Er könnte mit großer Wahrscheinlichkeit Khamenei meinen. Gibt es noch andere Entscheider?

 

 

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news-1034 Thu, 29 Sep 2016 08:42:00 +0200 Âzâdi heisst Freiheit http://mehriran.de/artikel/azadi-heisst-freiheit.html mehriran.de - Einige Dutzend Männer und Frauen stehen vor einem Absperrgitter, Autos, die von ihren Fahrern achtlos abgestellt wurden, werden abgeschleppt. Immer wieder rufen sie Âzâdi, Freiheit. Mitten zwischen ihnen zwei hochgewachsene Männer, die entschlossen über die Strasse auf das gegenüber liegende Gebäude schauen. Vor der Botschaft der Islamischen Republik Iran protestieren einmal wieder Menschen. Die meisten der Protestierenden stammen aus dem Iran und sind geflohen, um ihr Leben zu retten. Sie sind zum Christentum konvertiert, das macht sie für das Regime verdächtig mit dem Westen zu sympathisieren und womöglich zu kooperieren. Im Iran ist das immer noch lebensbedrohlich. mehriran.de - Bei den hochgewachsenen Männern handelt es sich um Patrick Schnieder, einem CDU Bundestagsabgeordneten und um Daniel Holler, einem Vertreter der IGFM.

Zu dem Protest vor der Botschaft Irans in Berlin am Donnerstag, 29. September hatte die IGFM eingeladen. Es ging darum einige Unterschriftenlisten zur Freilassung politischer Gefangenen und Gewissensgefangener im Iran zu übergeben. Neben den vielen konvertierten Exiliranern, die nach Freiheit riefen, waren auch Mitglieder der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran anwesend. Nach einer Ansprache des MdB Patrick Schnieder und dem Appell an das Regime im Iran die Gefangenen frei zu lassen, sang die gesamt Gruppe das berühmte Gedicht Saadi's Bani Âdam, das auch als Inschrift über dem Hauptgebäude der Vereinten Nationen prangt.

Die Menschenkinder sind ja alle Brüder und Schwestern,
aus einem Stoff wie eines Leibes Glieder.
Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder,
dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wider.
Wenn andrer Menschen Schmerz dich nicht im Herzen brennet,
verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennet.

Patrick Schnieder und Daniel Holler am Briefkasten der Botschaft und bei der kurzen Ansprache

mehriran.de

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news-1032 Tue, 19 Jul 2016 20:55:20 +0200 Mahnwache und Hungerstreik vor dem iranischen Konsulat in Hamburg http://mehriran.de/artikel/mahnwache-und-hungerstreik-vor-dem-iranischen-konsulat-in-hamburg.html mehriran.de - Ohne Aufmerksamkeit und Druck von der internationalen Gemeinschaft, wird sich in Sachen Menschenrechte im Iran nichts ändern! - Mehrere Menschenrechtsorganisationen rufen zu einer Mahnwache (Freitag, 22. - Sonntag, 24. Juli 2016) vor dem iranischen Konsulat, Bebelstr. 18, in Hamburg auf. Während der Mahnwache werden zahlreiche Aktivistinnen und Aktivisten aus Solidarität mit den politischen Gefangenen im Iran in einen Hungerstreik treten. mehriran.de - Die Situation mehrerer politischer Gefangenen im Iran ist lebensbedrohlich. Sie protestieren durch Hungerstreiks gegen die Misshandlungen, Entrechtungen und Entwürdigungen, die sie in verschiedenen Gefängnissen Irans erdulden müssen. Manchen werden dringend benötigte medizinische Versorgung oder Medikamente verweigert, andere werden bedroht, wenn sie von ihrer Situation schreiben oder erzählen. Das Regime versucht nach wie vor sich der Weltöffentlichkeit mit sauberer Weste zu präsentieren. Gleichzeitig hat sich die Situation für Menschenrechtsanwälte, Journalisten und ethnische und religiöse Minderheiten kaum gebessert. 

Die Berichte von Amnesty International, Reporter ohne Grenzen, Gesellschaft für bedrohte Völker u.a. sind ein beredtes Zeugnis für die Missstände in Bezug auf die Menschenrechtslage im Iran. Immer wieder werden Appelle an die nationale und internationale Politik veröffentlicht, Iran an seine Selbstverpflichtungen in Bezug auf die Einhaltung der Bürger- und Menschenrechte zu erinnern. 

Mehrere Aktivistinnen und Aktivisten werden sich von Freitag bis Sonntag vor dem iranischen Generalkonsulat für eine Mahnwache versammeln. Einige werden in Solidarität mit den politischen Gefangenen im Iran in einen Hungerstreik treten, andere werden mit Plakaten und lauten Parolen protestieren. Weitere Aktionen finden zeitgleich in weiteren europäischen und amerikanischen Städten statt. Organisiert wird die Aktion im Wesentlichen vom Hamburger Verein für Demokratie und Menschenrechte.

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news-1031 Mon, 11 Jul 2016 23:44:02 +0200 "Warum schweigt die deutsche Politik zur miserablen Lage politischer Gefangenen im Iran?" http://mehriran.de/artikel/warum-schweigt-die-deutsche-politik-zur-miserablen-lage-politischer-gefangenen-im-iran.html mehriran.de - Interview mit Parviz Mokhtary, Menschenrechtler, Exiliraner, Wirt, Sprecher der Hamburger Gruppe Verein für Menschenrechte und Demokratie für Iran aus Anlass eines bevorstehenden Hungerstreiks aus Verzweiflung über die Lage vieler politischen Gefangenen im Iran und die Sprachlosigkeit deutscher Politiker darüber. mehriran.de: „Herr Mokhtary, Sie leben bereits einige Jahrzehnte in Hamburg. Ihre Wurzeln sind im Iran, dem Land aus dem sie als politisch Verfolgter geflohen sind und wohin sie immer noch viele Kontakte unterhalten und die Lage der Zivilbevölkerung ganz gut einschätzen können. Wir führen das Interview aus Anlass des Hungerstreiks der Sprecherin des Zentrums für Menschenrechtsverteidiger im Iran, Narges Mohammadi. Wie steht es gegenwärtig um die politischen Gefangenen im Iran?“

Parviz Mokhtary: „Die Situation ist miserabel. Es gibt zahlreiche politische Gefangene, die ihr Leben riskieren, um ihre Rechte zu erlangen. Iran gehört zu den Staaten, die eine UNO Konvention für die Rechte von Gefangenen unterschrieben haben. Iran hält sich aber nicht daran. Viele politische Gefangenen werden in Gefängnissen festgehalten ohne einen Prozess bekommen zu haben und ohne Respekt für ihre Rechte. Es gibt jetzt einige, die mit Hungerstreiks diese Rechte einfordern. Es passiert aber nichts, man lässt sie auflaufen. Darum rufen mehrere Organisationen zu Aktionen weltweit auf. In einigen Städten wird es Aktivisten geben, die einen Hungerstreik an Öffentlichkeit wirksamen Plätzen durchführen werden.“


Heshmatollah Tabarzadi, Journalist im Hungerstreik im Iran

mehriran.de: „Welche Chancen geben Sie einem weltweiten Hungerstreik einiger Aktivisten im Ausland im Iran etwas zu bewirken?“

Parviz Mokhtary: „Der Atomstreit mit den westlichen Mächten ist einigermaßen beigelegt. Die Menschenrechte werden seither unter den Tisch gekehrt. Politiker reisen mit Wirtschaftsdelegationen in den Iran und kommen mit vollen Auftragsbüchern zurück. Das ist eine Schande. Zwar behaupten sie auch die Menschenrechte anzusprechen, aber Ernst kann das niemand nehmen. Das sind Reden, um uns zu beruhigen. Deutliche und ernste Wörte werden nicht ausgesprochen. Amnesty International sendet dringende Appelle an Politiker sich einzusetzen, Reporter ohne Grenzen hat erst kürzlich einen Bericht veröffentlicht. Wenn man uns Exiliraner nicht glaubt, sollte man den Sondern  Beauftragten der UN für die Menschenrechte im Iran, Ahmed Shaheed, befragen! Aber es passiert nichts! Uns bleiben an dieser Stelle, wo wir kein Gehör finden, nur noch Verzweiflungstaten. Wir wissen keine anderen Mittel mehr auf die Menschenrechtslage im Iran aufmerksam zu machen und um Hilfe zu bitten. Es haben sich jetzt 29 Organisationen aus den USA und Europa zu einem Solidaritätsrat für Demokratie und Menschenrechte im Iran zusammen getan. Alle Organisationen sind unabhängig. Der Rat bekommt Aktionsvorschläge und verbreitet sie zwischen Mitgeliedern und Koordiniert die Aktionen. Für die Zeit vom 22.-24. Juli werden einige Organisationen den Hungerstreik mitmachen, andere werden auf die Straße gehen. Bisher wissen wir, dass in Paris, Göteborg, Montreal,  Atlanta, Fresno, Dallas, Calgary und Hamburg Hungerstreikende sich an prominenten Stellen in den Städten durch spektakuläre Aktionen ins Rampenlicht bringen werden, um auf das Schicksal der politischen Gefangenen im Iran aufmerksam zu machen.“


Jafar Azimzadeh im roten Hemd

„Eurer Meinung nach bin ich eine Verbrecherin, aber warum bestraft ihr die Kinder?“

mehriran.de: „Welche konkreten Fälle politischer Gefangenen können Sie vorbringen?“

Parviz Mokhtary: „Es gibt viele Geschichten, sie sind allesamt traurig, unwürdig und Wert erzählt zu werden. Ich greife einige wenige heraus. Da ist der vielfach bekannte Fall des Physikers Omid Kokabi, der nicht mit dem Regime am Bau einer Nuklear Bombe mitwirken wollte und seither mit dem Vorwurf ein Verräter zu sein, im Gefängnis sitzt. Es geht ihm schlecht, eine Niere musste ihm entnommen werden. Der Zugang zu wichtigen Medikamenten wurde ihm verwehrt. Da sind Fälle von politischen Gefangenen, die urplötzlich nach Radschai-Shar verlegt werden, in ein Gefängnis für gewalttätige und skrupellose Verbrecher. Was haben politische Gefangene dort verloren? Es ist ein weiteres Druckmittel des Regimes, um sie gefügig zu machen. Ein bekannter Dichter Spitznamens  Halou Khalouwurde für mehrere Monate dorthin verlegt, wo er schon mit Messerstichen und Schnittwunden traktiert wurde. Drei Männer, Afshin Osanloo, Mitglied der Busfahrergewerkschaft, Shahab Tabrizi, Mitglied der Malergewerkschaft, und Hoda Saber, Journalist und Freund  und Parteigenossen des Ehemanns von Narges Mohammadi, sind während ihres Hungerstreiks in den Gefängnissen verstorben. Herz Stillstand, heisst es. Ehsan Mazandarani , Journalist, ist seit über 42 Tagen im Hungerstreik. Er müsste ins Krankenhaus zur Behandlung.   Afshin Sohrabzadeh, Student, ist hat Krebs. Er müsste dringend ins Krankenhaus aber die Gefängnisleitung verlangt mehrere Millionen Tuman als Sicherheit.  Die Familie kann das Geld aber nicht aufbringen, der Vater war sogar bereit eine Niere zu spenden, um zu Geld zu kommen, alle Haushaltsgeräte wurden verkauft. Der Mann wird von den Wärtern geschlagen, um ihn zum Aufgeben zu zwingen. Weitere Menschen sind aktuell im Hungerstreik. Jaffar Azimzadeh, Metallarbeiter, der versucht hat eine unabhängige Gewerkschaft zu gründen, war über 63 Tage im Hungerstreik und sehr schwach. Er ist vor kurzem zur Behandlung in einem Krankenhaus beurlaubt worden und nach viel Widerwillen des Staatsanwalts wurde ihm auch ein juristisches Verfahren zugesichert.


Mohammad Sadiq Kabudvand

mehriran.de: „Was sagt das Regime zu den Vorwürfen, die sie vorbringen?“

Parviz Mokhtary: „Das Traurige ist, der Westen fällt auf die süßen Worte eines Herrn Rohani herein, wenn er in New York  (Genf  falsch) öffentlich erklärt, es gäbe keine politischen Gefangenen im Iran und schon gar nicht Journalisten. Und wenn ein Journalist im Gefängnis sei, habe das nichts mit seinem Beruf zu tun. Dasselbe Erklärungsmuster wird auf die gefangenen Baha’i angewandt, dasselbe Erklärungsmuster hat schon Mahmoud Ahmadinedschad vorgebracht und andere Vertreter der I.R.I., aber ich erinnere an Issa Saharkhiz, er ist Journalist, er hat sich keines Verbrechens schuldig gemacht. Er ist seinem Beruf nachgekommen! Er sitzt unschuldig im Gefängnis und keiner tut etwas."


Narges Mohammadi, Mutter, Journalistin, Menschenrechtsaktivistin

mehriran.de: „Was können Sie von Narges Mohammadi erzählen?“

Parviz Mokhtary: „Der Fall von Narges Mohammadi  ist eine weitere Schande für I.R.I Iran und für die Weltgemeinschaft, die diese Situation zulässt. Frau Mohammadi ist Journalistin, Sprecherin des Zentrums für Menschenrechtsverteidiger im Iran und Mutter von Zwillingen. Ihr Mann, Taghi Rahmani, ist auch lange Zeit politisch aktiv und hat viele Jahre in den Kerkern der Islamischen Republik verbracht. Er ist inzwischen aus dem Iran geflohen und lebt mit den Zwillingen in Frankreich. Narges ist schwer krank und gehört medizinisch angemessen versorgt. Sie wurde misshandelt und gefoltert und hatte mehrere Zusammenbrüche und einen Schlaganfall. Dazu ist sie seit zwei Wochen im Hungerstreik. Man stelle sich diese Verzweiflung und diesen Mut vor! Sie protestiert mit dem Hungerstreik dagegen, dass man ihr verwehrt mit ihren Kindern zu telefonieren. In einem offenen Brief an die Verantwortlichen schreibt sie unter anderem: „Eurer Meinung nach bin ich eine Verbrecherin, aber warum bestraft ihr die Kinder?“ Wenn unsere Politiker es nicht schaffen diese eklatanten Verhältnisse im Iran auf die Waagschale zu werfen und die Augen schliessen, um Geschäfte machen zu können, sind wir in unserem Zivilisierungsprozess ziemlich armselig."

Interview vom 9.07.2017 © mehriran.de (Helmut N. Gabel)

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news-1030 Mon, 11 Jul 2016 23:12:28 +0200 „Es ist in Eurem Interesse die Menschenrechte einzuhalten!“ http://mehriran.de/artikel/es-ist-in-eurem-interesse-die-menschenrechte-einzuhalten.html mehriran.de - Vielfalt, Fraktionen, Verwerfungen - Gespräch über Kurden in der Türkei, im Iran, im Irak und in Syrien mehriran.de - Interview mit Kamal Sido von der Gesellschaft für bedrohte Völker. Gerade hat er im Landesmuseum Hannover über seine Reise in den Nordosten Syriens gesprochen und viele Eindrücke auch fotografisch mit seinem Publikum geteilt. Dort hat er mit Vertretern vieler ethnischer und religiöser Minderheiten gesprochen. Wir führen ein Interview mit ihm über seine Arbeit bei der Gesellschaft für bedrohte Völker und über historisch lange Zeiträume, was sich bei den Kurden und bei den sunnitischen Arabern in Bezug auf Islam und gesellschaftliche Perspektiven entwickelt hat.

mehriran.de: „Was ist die GfbV in deinen Worten? Warum gibt es sie?“

Dr. Kamal Sido: „Die GfbV ist aus einer kleinen Initiative 1968 hervorgegangen, die im wesentlichen von Tillmann Zülch und Klaus Guerke begründet wurde. Zülch teilt mit seiner Familie das Schicksal von Millionen deutscher Vertriebener. Sie sind im Winter von Ostpreußen bis in den Norden Westdeutschlands gezogen. Als Student entschloss er sich anderen Vertriebenen zu helfen und zwei Jahre später entstand zusammen mit weiteren Mitstreitern die Gesellschaft für bedrohte Völker. Hervorzuheben ist die Arbeit dieser Initiative gegen die vielfältigen Bedrohungen aus unterschiedlichsten Gründen. Wir setzen uns vor allem für Minderheiten ein. Amnesty konzentriert sich mehr auf Einzelschicksale, wir wenden uns gegen Gruppenverfolgungen. Wir sagen es auch ganz offen: wir ergreifen Partei für die Minderheit. Ich bin Referent für den Nahen Osten.

mehriran.de: „Wie bist Du zu dieser GfbV gekommen? Gab es ein ähnliches Schlüsselerlebnis in deinem Leben wie bei Tillmann Zülch? Was motiviert dich diese Arbeit mit so viel Herzblut durchzuführen“

Dr. Kamal Sido: „Ich bin Kurde mit Wurzeln in Syrien. Als junger Mann bin ich mit 19 nach Moskau gegangen. Die Situation der Kurden in der Türkei, in Syrien, Irak, Iran ist nicht einfach und war zu meiner Zeit auch nicht einfach. Schon die kurdische Sprache war verboten. In Syrien durften wir zum Beispiel keine kurdische Bücher haben. Ich erinnere mich noch ganz genau, dass es in unserem Dorf ein einziges Buch eines kurdischen Dichters in kurdischer Sprache gab. Das mussten wir immer verstecken. Mit diesem Buch haben wir kurdisch gelernt. Das Buch war so alt, so kaputt! Das haben wir manchmal unter der Erde vergraben, um es zu verstecken! Das hat mich geprägt. Aufgrund meiner ethnischen Zugehörigkeit und unserer Sprache wurden wir diskriminiert. In der Schule durften wir manchmal kein kurdisch sprechen. Kurdische Schulen gab es nicht. Richtig Kurdisch habe ich erst an der weit entfernten Uni in Moskau lernen können. Es gab einige 10.000 Kurden in der Sowjetunion, die hatten Bücher, Radiosendungen, Wörterbücher und dort habe ich richtig Kurdisch gelernt. Warum muss ein Mensch aufgrund seiner Zugehörigkeit zu einer anderen Ethnie und Sprache verfolgt werden? Als ich mit 19 Jahren in Moskau ankam, habe ich an die Ideen eines internationalen Sozialismus geglaubt, an Gleichberechtigung, Brüderlichkeit. Aber als ich bei den Kommunisten war, habe ich gesehen, dass da auch Machtmenschen am Hebel waren, die zwar Gleichheit propagiert haben, aber sobald sie an der Macht waren, haben sie eine Diktatur entstehen lassen. Die Kommunisten in Syrien solidarisierten sich mit den Menschen in z.B. Nicaragua, aber mit den Kurden in Syrien gar nicht. Dadurch kam ich in Konflikte mit den Kommunisten. Später 1990 kam ich nach Deutschland. Die Idee der Gleichberechtigung aller Völker hat mich aber nicht losgelassen. Für mich hatte sich also ein Kriterium entwickelt, wie man mit eigenen Minderheiten im Land umgeht. Mein Motto lautet also: ‘Jede Zivilisation ist daran zu messen, wie sie Minderheiten im eigenen Land behandelt’ (Gandhi). Das war meine Motivation. Ich lebe jetzt nach dieser Maxime, z.B. indem ich mich für die Minderheiten in den kurdischen Gebieten einsetze, Menschen wie Assyrer/Aramäer/Chaldäer, Araber - wie behandeln die Kurden die Minderheiten in ihrem Gebiet? Wie behandeln sie die Jeziden, die keine Muslime sind?”

mehriran.de: „Du hast vorhin in deinem Vortrag im Landesmuseum erwähnt, dass du in den kurdischen Regionen Nordost-Syriens vor Vertretern der lokalen Kurdenverwaltung über die Notwendigkeit einer multi-ethnischen und multi-religiösen Gesellschaften gesprochen hast. Gab es von Seiten deiner Zuhörer Reaktionen, Diskussionsbeiträge, eigene Ideen dazu oder haben die das nur so hingenommen, was du erzählt hast?“

Dr. Kamal Sido: „Ich glaube die Menschen in Syrien haben in den letzten 5 Jahren viele Erfahrungen sammeln können, wie die ethnischen und religiösen Konflikte zum Elend führen. Reine ethnische und religiöse Gesellschaften entstehen in der Regel nur dann, wenn man auch massenweise vertreibt. In diesen Gegenden, Kurdistan, Syrien, Irak lebten schon immer viele verschiedene Ethnien. Rein persische, rein kurdische oder rein arabische Gegenden sind nur durch Vertreibungen installiert worden. Und das führt zu Elend, das sehen wir schon.“

mehriran.de: „Wo liegt die Wurzel dieser Nicht-Toleranz Fähigkeit gegenüber anderen Minderheiten?“

Dr. Kamal Sido: „In der Geschichte gab es immer Perioden, wo die verschiedenen Ethnien aufeinander losgegangen sind. Es gab Perioden, in denen alle zusammenleben konnten und es gab immer wieder Phasen, in denen Konflikte, Kriege und Vertreibungen entstanden sind. Wir sollten uns aber an den Phasen orientieren, wo das Zusammenleben gelungen ist. In den verschiedenen Gemeinschaften gab es immer Elemente der Toleranz und eines friedlichen Miteinanders aber auch Elemente einer Ablehnung. Ich weise auf die unterschiedlichen Perioden der Entstehung des Islams in Mekka und Medina hin. Auch in späteren Zeiten sehen wir bei den Omayyaden oder den Abbassiden Zeiten größerer Toleranz aber auch sehr tyrannische Zeiten. Die Toleranz in Andalous führe ich auf die räumliche Distanz zum Kalifat der Abbassiden zurück, es lag also am politischen Kalkül diese Toleranz zu fördern. Es gibt also an dieser Stelle immer auch ein Interesse hinter der Toleranz, denke ich mir. es gilt also zu sagen: wir müssen unser Interesse im gemeinsamen friedlichen Leben suchen und nicht in der Konfrontation. 

mehriran.de: „Was ist der Grund dafür, dass z.B. in Syrien so viele Menschen den IS (Daesh) unterstützen? Wie konnte es soweit kommen, dass sich Menschen solchen ausgrenzenden Ideen begeistert anschliessen?“

Dr. Kamal Sido: „Ich glaube der Islam hat verschiedene Phasen. Eine Phase, die Hoffnung machte, war Ende des 19. Jahrhunderts, durch Dschamal ad din Afghani, Mohammed Abdou in Ägypten. Sie versuchten eine Art Reformation des sunnitischen Islam zu beginnen. Diese Entwicklung wurde durch die Entstehung der Muslimbrüder bei Seite gedrängt, auch die Entwicklung des Wahhabismus in Saudi Arabien gehört zu den rückwärts gewandten Versionen. Im Schiitentum gab es mit der Revolution im Iran 1979 einen großen Rückschlag. Die vielen freien schiitischen Lehrer in Nadschaf, Irak, Qom, Iran oder im Libanon haben sich mit der Machtübernahme Khomeinis zurück gezogen und eine starre Ideologie hat sich installiert.“

mehriran.de: „Wenn es eine Realität ist, dass Ideologien Menschen zu intoleranten Wesen und manchmal Monstern formen und Staaten oder mächtige Institutionen solche Entwicklungen voranbringen, was wäre dann eine Massnahme, die Menschen unterstützen kann Toleranz zu leben, das Andersartige auszuhalten?“

Dr. Kamal Sido: „Ich glaube jede Gruppe, jede Nation, jede Gemeinschaft muss leider eigene Erfahrungen machen. Man denkt, dass Menschen aus Büchern voneinander lernen, dass sie Strategien, Vorgehensweisen abgucken sollen. Bildung ist ein wichtiger Faktor, aber das ist nicht alles, Bildung kann die Probleme nicht lösen, aber viel einfacher machen, glaube ich. Bildung brächte den Vorteil, dass die Menschen andere Quellen studieren könnten und dadurch ihren Horizont erweitern könnten. Was ist bei anderen Völkern vorgefallen, was ist z.B. in Deutschland passiert usw. Bildung hätte das Ziel das Selbstdenken zu ermöglichen. Es ist nicht alles, aber es könnte eine große Hilfe sein, einen Sprung nach vorne zu machen. Wirtschaft und Armut ist ein weiterer Faktor, der Kampf um Umverteilung ist nicht zu ignorieren. Wenn wir z.B. auf Asylbewerberheime schauen, wo viele verschiedene Menschen auf Engstem Raum zusammen leben müssen, kommen diese Probleme sehr deutlich in Erscheinung. Die Kultur des Dialogs ist weiterhin sehr wichtig, dass Menschen lernen Konflikte und divergierende Meinungen durch Dialoge und Verhandlungen zu lösen und nicht durch Gewalt. Die Sprachlosigkeit der Menschen muss aufgelöst werden, indem sie die eigene Sprache sprechen lernen, aber auch eine Sprache die in größeren Zusammenhängen gesprochen wird. Mir macht das Sprechen verschiedener Sprachen vieles leichter und ich kann mich unterschiedlichen Umgebungen zurecht finden. Dadurch entstehen kaum Probleme. Dadurch kann man sich auch unter den Gemeinschaften und Ländern besser kennen lernen. Ich bin als Muslim geboren und war früher nie in einer Kirche oder einer Synagoge, das baut Vorbehalte und Ängste auf.“


Mitglieder der neu gegründeten Regionalgruppe in Hannover

mehriran.de: „Lass uns nochmals auf Kurden zu sprechen kommen. Neben den Kurden in Syrien gibt es viele andere Kurden im Irak, im Iran, ganz zu schweigen von den Kurden in der Türkei. Aber in sich unterscheiden sich die Kurden auch in vielfältiger Hinsicht: unterschiedliche Stämme, unterschiedliche Dialekte, unterschiedliche Weltanschauungen oder Religionen und sicher noch weitere Unterscheidungen, wenn man tiefer gehen will. Was sind in deiner Einschätzung die wichtigsten Unterschiede zwischen den Kurden in diesen vier Ländern und wie gehen die Kurden jeweils mit den Problemen, denen sie ausgesetzt sind, um?“

Dr. Kamal Sido: „Durch diese Grenzen entstehen natürlich neue Eigenschaften, neue Identitäten: türkische, syrische, irakische und iranische Kurden. Bis 1918 gab es zwei große Reiche, in denen Kurden zu Hause waren: osmanisches und persisches Reich. In den 20er, 30er, 40er Jahren entstanden neue Staaten wie Syrien, die Türkei, Irak. Doch auch in den traditionellen Stammesgesellschaften von früher gab es wesentliche Unterschiede. Ein Stamm war in sich abgegrenzt und bildete eine Gemeinschaft, einen Körper. Der Stamm war Garant für das Überleben des Individuums in wirtschaftlicher und überlebenstechnischer Hinsicht. Es gab also unterschiedliche Stämme. Doch auch in religiöser Hinsicht sind unterschiedliche Denominationen entstanden. Es gibt die sunnitischen Kurden, aber auch die schiitischen Kurden, weiterhin die Aleviten, die Jeziden und andere. Vergessen wir nicht die Dialekte. Die Kurden können sich zum Teil gar nicht unter einander verständigen. Auch heute nicht. Es gibt Kurmandschi, darin gibt es wiederum verschiedene Mundarten. Es gibt Sorani, Zaza - manche sagen es sei eine eigene Sprache. Dadurch entstehen auch Identitätsfragen. Zum Beispiel sagen einige Jeziden, sie seien keine Kurden, obwohl sie kurdisch sprechen. Viele Zaza sagen von sich sie seien keine Kurden, genauso wie im Iran die Ahl-e Hagh oder unter den Loren im Iran betrachten sich einige als Kurden, andere nicht, ebenso bei den Bakhtiari usw. Die Zersplitterungen sind sehr sehr vielfältig. Wie es dazu gekommen? Wir sagen immer der Orient ist das Herz und dort haben sich viele Völker vermischt. Viele Armeen und Völker sind durchgezogen und haben Spuren hinterlassen. Kurdistan war immer multi-religiös, im arabischen Teil Syriens und des Irak gibt es nur schiitische oder sunnitische Araber. Keine anderen Minderheiten mehr. Die kurdische Gemeinschaft ist multi-religiös, multi-ethnisch, vielsprachig, sie lebt in den Bergen wie in der Ebene. Es wird niemals eine Partei geben, die alle Kurden vertreten kann, niemals einen Kurdenführer, der alle Kurden vereinen wird. Es gibt zwar diverse Ansprüche und mancher träumt von einem Groß-Kurdistan, aber meiner Meinung nach wird es nicht dazu kommen, da sich die Kurden in vielen Dingen nicht einig sind. Wenn überhaupt, kann es zu mehreren kurdischen Staaten oder zu einer Konföderation kommen, denn diejenigen die Zaza sprechen wollen nicht von Kurmandschi Sprechenden geführt werden, die Aleviten nicht von Sunniten usw. Die moderne kurdische Freiheitsbewegung muss die Politik der Vielfalt propagieren, weil es im eigenen Interesse ist. Aber auch der schiitisch-sunnitische Konflikt der letzten Jahre hat Spuren in der kurdischen Gesellschaft hinterlassen. Die Kurden müssen sich oft auch entscheiden auf wessen Seite sie stehen. Auf Seiten der Türkei gegen den Iran? Auf Seiten Irans gegen die Türkei? Die Kurden versuchen sich herauszuhalten, doch es ist nicht einfach. Dann gibt es linke, sozialistische Parteien, aber auch konservative, usw. Das ist alles zusammen Kurdistan, sehr sehr vielfältig, sehr sehr komplex." 

mehriran.de: „Heisst das, wenn die Kurden diese Vielfalt zu beherrschen lernen, wäre das ein Modell für den ganzen Nahen Osten?“

Dr. Kamal Sido: „Ich persönlich befürworte das Modell einer vielfältigen Gesellschaft. Auch die sozialistisch orientierte PKK mit ihrem Führer Abdullah Öcalan, der im türkischen Gefängnis sitzt, propagiert diese Ideen. Öcalan spricht sogar von der Idee einer „demokratischen Nation“. Dewegen werfen ihm konservative Kurden Verrat vor, denn er spricht nicht von der „kurdischen Nation“, sondern von der „demokratischen Nation“. Diese Vision von Öcalan ist unter den Kurden gerade ein großes Streitthema. Das klingt ein wenig utopisch. Auf kurdisch klingt „Netewa demokratik“ etwas komisch. Meiner Ansicht nach muss die Vielfalt erhalten werden. Rein kurdische Gesellschaften wird es niemals geben, da müsste man viele Menschen vertreiben. Es muss also eine offene Gesellschaft mit verschiedenen Ethnien und Religionsgemeinschften sein, gleichberechtigt miteinander oder nebeneinander. Dies ist ist erst mal eine Idee, die von den kurdischen Linken kommt. Es wäre schön, aber ob es realistisch ist (zuckt mit den Schultern)? In Nordsyrien versucht man dieses Projekt: Rojava. Hier wurde mit den Minderheiten ein Konsens gefunden in der Bezeichnung. Es heisst nicht Rojava-Kurdistan. ‚Warum sollte ein Assyrer sich für den Begriff Kurdistan gewinnen lassen?’ Manche Kurden sprechen auch nicht von der Türkei, wenn es um ihre Heimat geht. Da muss man Kompromisse finden. So diskutiert man auch alte Namen wie Mesopotamien. Das ist sehr sehr schwierig und wird in verschiedenen Kommissionen ernsthaft diskutiert. Die streng nationalistischen Kurden lassen sich darauf aber nicht ein, für sie ist es Kurdistan und Punkt.“

Der dritte Weg

mehriran.de: „Wie sieht die Situation der Kurden im Iran aus?“

Dr. Kamal Sido: „In Syrien haben wir jetzt schon einige Jahre diesen Konflikt. Unter den Kurden gibt es verschiedene Gruppen. Die führende Partei ist die PYD, die PKK nahe Gruppe in Syrien, die dieses Projekt propagiert, vertritt von Anfang an die dritte Linie im Konflikt, d.h. ist weder mit dem Regime noch mit der islamistischen Opposition. Sie gehen einen eigenen Weg. Die Zeit hat gezeigt, dass sie Recht damit hatte. Das war auch meine Position unabhängig von dieser Partei. Ich kenne die Geschichte Syriens und ich kenne die Geschichte und die Sprache und die Mentalität der Leute in der Region. Es ist wichtig weder auf der einen Seite zu stehen noch auf der anderen, sondern von Fall zu Fall zu entscheiden. Es war der richtige Weg. Viele sagen diese PYD ist Assad nah. In Wirklichkeit gibt es einfach gemeinsame Interessen, wie z.B. den türkischen Einfluss in Syrien und die Islamisten bekämpfen. Assad macht das, weil er an der Macht bleiben will, die Kurden haben andere Gründe. Iran ist ein Verbündeter von Assad. Iran will aber nicht Islamismus bekämpfen, sondern Assad an der Macht halten. Die iranischen Kurden versuchen bei dem anderen Lager, bei den Saudis, bei den Türken Sympathie zu bekommen. Genau aus dem gleichen Grund: Realpolitik. Realpolitisch gesehen sucht man nach gemeinsamen Interessen. Die syrischen Kurden sind gegen die Politik des türkischen Staates, gegen Islamismus. Die iranischen Kurden wollen die iranische Zentralregierung bekämpfen, also bekommen sie Sympathien in Saudi Arabien, vielleicht in Ankara, nicht aber bei den Schiiten im Irak. Die Kurden im Irak haben unterschiedliche Beziehungen zu Iran. Es gibt zwei, drei Parteien. Barzanis Gebiet ist an der Grenze zur Türkei, er arbeitet mehr mit der Türkei. Er will die Grenze zur Türkei offen halten, um seine Erdölgeschäfte mit den Türken abzuwickeln. Talabanis PUK im Osten arbeiten intensiver mit dem Iran. Die brauchen die Ruhe an der Grenze zum Iran. Die iranischen Kurden arbeiten mehr mit Barzani, da Barzani keine guten Beziehungen zu Iran hat. Es gibt natürlich viele verschiedene Parteien, die wiederum in kleine Fraktionen aufgeteilt sind. Auch hier ist der dritte Weg entscheidend. Der dritte Weg ist für die Kurden im Nahen Osten der bessere. In diesem Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten Partei zu ergreifen, kann katastrophal für die kurdische Gesellschaft enden. Es wird einen totalen Sieg, eine totale Lösung nicht geben, sie auch nicht geben dürfen. Totalitaristische Ideologien sind immer gefährlich, denn totaler Sieg für die einen, bedeutet immer totale Niederlage für die anderen. Daher ist der Konsens sehr wichtig, wir müssen doch zusammen leben! Der IS ist doch ein Produkt von Ausgrenzung. Viele Sunniten betrachten den IS als ihren Schutz vor den Schiiten. De facto hat der IS jedoch den Sunniten geschadet. Viele sehen Iran hinter den Aktivitäten des IS, Tatsache ist aber, dass Iran die Situation zu nutzen weiss.“

mehriran.de: „Was ist deine Empfehlung für die Verantwortlichen und Vertreter der deutschen Politik. wie kann man diese Menschen unterstützen?“

Dr. Kamal Sido: „Es braucht offene Dialoge miteinander. Alle Probleme müssen offen angesprochen und nicht ausgeklammert werden. Man kann natürlich die Art und Weise wie man Probleme anspricht selbst festlegen, aber ansprechen muss man sie. Und dann mit allen Seiten sprechen. Bsp. Türkei. Dort gibt es verschiedene Gruppen, es gibt auch die Kurden, man muss auch mit den Kurden reden, dadurch kann man Einfluss auf die Entwicklung nehmen. Es gibt viele Kurden in Deutschland. Über Deutschland Einfluss auf die Türkei einnehmen. Die Alevitische Gemeinschaft ist sehr gut integriert in Deutschland. Sie nehmen Einfluss auf die Türkei. Vor kurzem ist etwas einmaliges in der Parteiengeschichte Deutschlands geschehen, als die deutsche Grüne Partei eine Wahlempfehlung für die HDP an die Menschen mit türkischem Pass in Deutschland gegeben haben. Das kommt daher, dass diese eine Million Aleviten, aber auch Assyrer/Chaldäer/Aramäer wahrscheinlich die Grüne Partei wählen und das Auswirkungen in die Realpolitik hat. So kann man der Türkei, die immer versucht Einfluss zu nehmen auf die türkischen Vereine in Deutschland etwas entgegensetzen, indem man auch seinen Einfluss geltend macht. Ziel ist keine Einmischung, sondern Vermittlung, zum Beispiel Türken und Kurden zum Dialog zusammen bringen. Deutschland könnte hier die Rolle eines ehrlichen Maklers übernehmen, könnte den Rahmen für solche Gespräche bilden. Es gibt viele, die Mitglieder bei der CDU, andere bei den Grünen, andere bei der SPD oder bei der Linke sind. Voraussetzung ist die Gleichbehandlung. Hier kann eine Aufhebung des PKK-Verbots  helfen. Die PKK muss sich aber an die demokratischen Spielregeln halten. Das Verbot ist ein Störfaktor. Es ist ein Schwert über allen Köpfen der Kurden. Die türkischen Vertreter müssen auch aufhören jeden Kurden, der sich frei äußern will unter Generalverdacht zu stellen und ihn mit der PKK in Verbindung bringen, um ihn so ins Abseits zu stellen und zu delegitimieren. Ähnlich wie im Iran, wer nicht auf der Linie Khameneis ist, wird sofort als Staatsfeind beschimpft. Mit der Aufhebung des PKK Verbots muss der Verfassungsschutz aber weiter ein Auge auf die extremistischen Ränder haben.“

mehriran.de: „Du hast eben ein Beispiel für Dialog gegeben, vorhin hast du auch über Bildung gesprochen. Wie genau stellst du dir diese Bildung vor?“

Dr. Kamal Sido: „Nicht jede Bildung ist da hilfreich. Kinder und Jugendliche den Koran nur auswendig lernen lassen ist zu wenig oder gar kontraproduktiv. Die Inhalte müssen auch verstanden werden. Die Zusammenhänge und Sinnkontexte des Korans müssen erfasst werden. Diese Inhalte müssen in der Schule klar dargestellt werden, anders als in der Türkei und in Saudi-Arabien. Den Menschen muss die Möglichkeit gegeben werden, weiter zu denken. Wenn man den Koran nur auswendig lernen lässt, verstehen die Menschen überhaupt nicht wovon die Rede ist. Das sind Projekte, die in der Schule durchgeführt werden müssen. Aber Bildung umfasst noch mehr. 

Was die Menschen in Nordsyrien anbelangt, braucht es eine klare und wohlwollende Behandlung. Bei meiner letzten Reise nach Nordsyrien haben ich in allen Gesprächen betont: ‚Wenn ihr die Minderheiten gut behandelt, werdet ihr mehr Unterstützung bekommen. Wenn ihr die Minderheiten unter euch schlecht behandelt, politische Gegner in den Gefängnissen foltert, bekommt ihr keine Unterstützung, auch von mir nicht. Keine Solidarität mit Folterern. Wenn ihr die Rechte der Minderheiten beachtet, bekommt ihr Unterstützung. Es ist in eurem Interesse die Menschenrechte einzuhalten!‘“

Interview vom 7.07.2016, © mehriran.de (Helmut N. Gabel)

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news-1029 Mon, 11 Jul 2016 08:13:20 +0200 Zu zivilisatorischen Aspekten des interreligiösen Dialoges der monotheistischen Religionen: http://mehriran.de/artikel/zu-zivilisatorischen-aspekten-des-interreligioesen-dialoges-der-monotheistischen-religionen.html mehriran.de - Vortrag im Rahmen einer Tagung in Leipzig zu christlich-muslimischen Dialogen. "Die gegenwärtige Sprachlosigkeit der gewalttätigen Islamisten und deren Identifizierung mit dem Islam als einem Wandlungskontinuum macht die Unterscheidung zwischen Zivilisierungs- und De-Zivilisierungsschüben des Menschen- und Gottesbildes in den islamisch geprägten Gesellschaften umso dringlicher denn je." mehriran.de - (Zur Zivilisierung und De-Zivilisierung des Menschen- und Gottesbildes in den islamisch geprägten Gesellschaften, wie sie sich in unterschiedlichen Lesarten des Islams manifestieren)

Die gegenwärtige Sprachlosigkeit der gewalttätigen Islamisten und deren Identifizierung mit dem Islam als einem Wandlungskontinuum macht die Unterscheidung zwischen Zivilisierungs- und De-Zivilisierungsschüben des Menschen- und Gottesbildes in den islamisch geprägten Gesellschaften umso dringlicher denn je. Ohne diese wäre ein interreligiöser Dialog unmöglich. Diese Unterscheidung möchte ich am Beispiel der Entwicklung Irans diskutieren, weil er der erste "Islamische Staat" ist, wie er von Islamisten herbei gebombt wird.

In meinem Beitrag möchte ich daher zunächst hervorheben, dass es inzwischen ein breites Spektrum islamischer Strömungen unter den Geistlichen gibt, deren ausgeprägte polare Traditionslinien auf der einen Seite konservative Islamisten und auf der anderen Seite modern-liberale Muslime sind. Während Islamisten den Islam mit der Scharia gleichsetzen und ihn als Kodex präziser Rechts- und Verhaltensvorschriften begreifen, der die politisch relevanten Normen und Institutionen bindend festlegt, was einer demokratischen Grundordnung widerspricht; strebt die modernisierte Geistlichkeit danach, die Kompatibilität von Islam und institutioneller Demokratisierung dadurch herzustellen, indem sie die Scharia ethisiert und als Kanon grundlegender Maximen und Werte versteht, die den Menschen die Freiheit vernunftgeleiteter Deutung und Anwendung der heiligen Texte lassen und damit tendenziell eine Autonomisierung der „politischen Sphäre“ erlauben.

Diese Formalisierungs- bzw. Ethisierungstendenzen des Islams sind die beiden dominanten Entwicklungstendenzen des Islams, der wie jeder andere soziale Prozess zwar reversibel ist, aber eine gerichtete Entwicklung aufweist. Dessen Entwicklung ist aber ein Teilaspekt einer gesamtgesellschaftlichen Transformation, d.h. einer Veränderung der Sozial- und Persönlichkeitsstruktur der involvierten Menschen. Mit diesen Transformationsprozessen geht einher eine gerichtete Veränderung der Selbstwahrnehmung der Menschen hin zu einem zunehmend individualisierten, d.h. autonomeren und selbstwirksameren Selbstbild. Dieses Selbstbild ist die Manifestation der Verschiebung der Balance von Fremdzwängen und Selbstzwängen zu Gunsten der letzteren und damit auch der Balance von Trieb- und Selbstzwängen und der Veränderung der Art des individuellen Einbaus der letzteren im Laufe ihres Zivilisierungsprozesses. Denn Menschen sind von Natur aus nicht zivilisiert, aber sie haben von Natur aus eine Anlage, die unter bestimmten Bedingungen eine Zivilisierung, also eine individuelle Selbstregulierung momentaner trieb- und affektbedingter Verhaltensimpulse oder deren Umleitung von den primären auf sekundäre Zielen hin und gegebenenfalls auch deren sublimatorische Umgestaltung, möglich machen.

Mit diesem zivilisatorischen Transformationsprozess des Selbstbildes der Menschen geht einher eine Transformation ihres Gottesbildes, das seine furchterregende Funktion als Stütze einer relativ gebrechlichen Selbstregulierung niemals verliert. Mit der zunehmenden Individualisierung des Menschen geht einher nicht nur der zunehmende Funktionsverlust Gottes als Ersatz für die sich zunehmend entwickelnden individuellen Gewissen und den Verstand. Er zivilisiert sich auch in der Vorstellung der Menschen. Er erscheint ihnen weniger leidenschaftlich, wild-, und unberechenbar. Er ist nicht mehr heute menschenfreundlich und voller Wohlwollen, morgen grausam, voller Hass und zerstörerisch, wie sehr mächtige Menschen und ungezähmte Naturgewalten, weil sich die schwankenden natürlichen und sozialen Gefahrenniveaus reduziert haben.

Diese interdependenten Selbst- und Gottesbilder der Menschen bestimmen als soziale a’priorien die Gerichtetheit ihrer gesamten Wahrnehmung. Daraus ergeben sich unterschiedliche Lesarten von Koran und Sunna. Diese Differenzen sind weniger den Texten selbst geschuldet als vielmehr den textfremden interdependenten Selbst- und Gottesbildern der Menschen. Als ihre Glaubensaxiome und Werthaltungen manifestieren sie ein Zivilisationsdifferential unterschiedlicher Menschen, bestimmen aber auch die Gerichtetheit ihrer Wahrnehmung der heiligen Texte und ihrer formalisierten und ethisierten Lesarten.

Es ist dieser veränderte Wahrnehmungseffekt der zivilisierten Gottes- und Menschenbilder der Geistlichkeit und ihrer Klientel, der sich in der Ethisierung des Islam manifestiert und den Menschen die Hauptrolle in der Gestaltung ihres sozialen Lebens einräumt; während ihre Formalisierung als Scharia diese Gestaltungschance untersagt. Dabei ist die Formalisierungstendenz des dominanten Teils der Geistlichkeit und ihrer Klientel - also der Islamisten - ein Nachhinkeffekt ihres sozialen Habitus. Als ein zivilisatorischer Gegenprozess ist diese letztgenannte Tendenz dominant geworden im Zusammenhang mit dem erhöhten Gefahrenniveau, das sie als Funktion der Modernisierung der Gesellschaft erfahren haben. Mit der Modernisierung ist nicht nur ein selbstwertrelevanter sozialer Abstieg der traditionellen sozialen Gruppen, wie der Großgrundbesitzer, traditioneller Händler und Gewerbetreibender verbunden, sondern auch der Funktionsverlust der Geistlichkeit. Die letzteren verlieren nicht nur ihre juristischen Funktionen sondern auch die dominante Stellung der Scharia als normativer Struktur der Gesellschaft, die sie als ihre eigen definierten Werte demonstrativ hervorheben und wieder einführen wollen.

Zu diesem schmerzhaft empfundenen, selbstwertrelevanten sozialen Abstieg kommt die mit der zunehmenden Individualisierung einhergehende Notwendigkeit der Selbststeuerung, die diese traditionellen sozialen Gruppen überfordert.

Es sind daher auch ihre relativ triebdurchlässigen, labilen und weniger autonomen Selbstzwangsinstanzen, die sich in ihrem Bedürfnis nach ständiger Unterstützung und Verstärkung durch Fremdzwänge manifestiert. Zu diesen Fremdzwängen gehören u. a. die Zwänge kollektiver Phantasien und ein Gottesbild, das als ihr forensisches Gewissen funktioniert. Zu deren Funktionen gehört die Hilfestellung und Verstärkung ihrer relativ fragilen persönlichen Selbstzwangsinstanzen. Diese Fragilität der eigenen Selbstzwangsinstanzen manifestiert sich in einem Bild von Menschen, die scheinbar ihres eigenen Glücks unkundig, ihren rebellischen Trieben unterlegen und zur normativen Strukturierung ihres sozialen, ökonomischen und politischen Lebens unfähig sind, für die Gott als Kompensation Gesetze erlässt.

Angesichts dieser Gesetzesunkundigkeit der Menschen bestehe die Sendung des Propheten in der Übermittlung der ewig geltenden göttlichen Gesetze. Aus diesem Grunde dreht sich für sie die Offenbarung Gottes nur um Gesetzgebung, während die göttlichen Gesetze das Herzstück ihres Islams bilden.  Dabei begreift die konservative Geistlichkeit wie jeder Islamist Gottesgesetzgebung im geläufigen Sinne und das Gesetz als Verkörperung der absolut geltenden Werte unter besonderen äußeren Bedingungen. Diesem Gottesbild als Gesetzgeber entspricht ihr interdependentes Menschenbild. Es ist das Bild eines in der Pflicht stehenden, unmündigen Menschen, ohne jeglichen Rechtsanspruch. Er ist nur Bewahrer der Gottessendung. Seine Pflicht sei nur begrenzt durch allgemeine Bedingungen wie die Machtverhältnisse und Vernunft.

Demgegenüber begreift der zivilisiertere Teil der Geistlichkeit die Gesetzgebung Gottes im Sinne von Erlassen und Bestätigung ewig gültiger Werte, wie z.B. Gerechtigkeit. Für sie ist Gott kein Gesetzgeber sondern in erster Linie der Garant der ethischen Grundsätze als Orientierungsmittel der Menschen. Demnach ist Gott der „Sinnstifter der Werte“, während die Sendung der Propheten in der Etablierung der ethischen Grundlagen der irdischen Gesetzgebung besteht.

Die anthropologische Voraussetzung dieses Gottesbildes ist der historisch konkrete Mensch, der Gott als eine forensische Gewissensinstanz und Fremdzwang als Selbstzwang weitgehend verinnerlicht hat - im Sinne  Jesu Christi, der sagt: "das wahre Reich Gottes ist inwendig". Für diesen Menschen ist die Religiosität eher ein mystisches Gefühl und Nachleben der göttlichen Moral und humanes Verhalten. Demnach habe die Geistlichkeit die Aufgabe, die sinnstiftenden Wertprobleme der Menschen als ihr zentrales Problem zu lösen. Für diese Geistlichkeit sind es diese historisch bedingten Menschen, die Gott mit seiner Offenbarung der ewig gültigen Wertmaßstäbe anspricht und die sich ihm gegenüber moralisch verpflichtet fühlen. Von daher erwarten sie in dem heiligen Text keineswegs absolut gültige Modelle der sozialen, ökonomischen und politischen Ordnung zu finden. Sie erwarten nur, die allgemeinen Gebote und absolut gültigen Werte für die sich permanent wandelnde Gesellschaft der Menschen zu finden – so Mohammed Mudjtahed Schabestari, einer der prominenten Geistlichen in Opposition zu den Islamisten.

Folglich sind es weniger die statisch gedachten Islam und Demokratie, deren Kompatibilität oder Inkompatibilität festgestellt werden sollen, als vielmehr miteinander konkurrierende, graduell unterschiedlich zivilisierte Muslime mit unterschiedlichen Lesarten ihrer heiligen Schrift. Das Ergebnis ihrer Konkurrenz- und Ausscheidungskämpfe ist zwar Folge einer kognitiven Umstrukturierung der islamisch geprägten Menschen. Doch diese Umstrukturierung selbst hängt ab von der sich verschiebenden Balance zwischen Engagement und Distanzierung der involvierten Menschen zugunsten der Distanzierung, wie sie sich aus dem empfundenen Gefahrenniveau ergibt. Letztere ist aber Funktion der globalen und nationalen Ziel- und Interessenkonflikte und der Art ihrer Austragung.

Zum postrevolutionären Zivilisierungsschub der religiösen Orientierung im Iran

Neben diesen polaren Positionen der Geistlichkeit entstand nach der "Islamischen Revolution" im Iran eine zunehmend größere Gruppe von  Muslimen, die sich auf eine neue Lesart des Korans als der einzigen Quelle der Glaubensaxiome und Werthaltungen der Muslime konzentrieren.

Doch bevor ich auf die innovativen Aspekte  ihres Islamverständnisses als ein Gegengift zum Islamismus eingehe, möchte ich zunächst thesenartig auf einen Zivilisierungsschub der religiösen Orientierung im nachrevolutionären Iran hinweisen, die ich als eine der unbeabsichtigten Folgen der Islamisierung der dortigen Revolution bezeichne; und als einen Nachholeffekt des sozialen Habitus der involvierten Menschen auffasse. Das bedeutet, dass ich den postrevolutionären institutionellen Ent-Demokratisierungs- und De-Zivilisierungsschub als einen Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der Mehrheit der sozialen Träger der Revolution begreife. Als solche ist die „Islamische Republik“ der erste „Islamische Staat“ nach einer langen Modernisierungsphase in jüngster Geschichte, in der die dogmatische Tradition des Islams festgeschrieben wurde.

Da die Glaubensaxiome Setzungen sind, die nicht erkenntnismäßig, sondern bekenntnismäßig festgestellt werden, wurde mit der dogmatischen Tradition des Islams, die als Orientierungsmittel ein Ersatz für fehlende Instinkte der Menschen ist, über Jahrhunderte eine unschöpferische, starre Haltung der islamisch geprägten Menschen sich selbst, anderen Menschen und dem Leben gegenüber reproduziert. Diese Haltung manifestiert sich gegenwärtig in Gestalt des Islamismus, welcher im nachrevolutionären Iran einen Zivilisierungsschub auslöste.

Mit dem postrevolutionären Zivilisierungsschub der Glaubensaxiome der Gläubigen geht aber auch eine Transformation ihrer Werthaltungen – als zentrale Elemente der Kultur – einher, die den durch Instinktreduktion und Verhaltensunsicherheit gekennzeichneten Menschen, als generelle Orientierungsstandards dienen.

Diese Zivilisierung der Glaubensaxiome und Werthaltungen wäre aber ohne die traumatischen Erlebnisse der Menschen im nachrevolutionären Iran kaum vorstellbar gewesen. Mit den schmerzhaften Erfahrungen einer religiös legitimierten totalitären Herrschaft entstand ein massenhaftes Bedürfnis nach einer religiösen Umorientierung, welches gegenwärtig von den sich als „religiöse Innovatoren“ („Noandischan-e Dini“) bezeichnenden Muslime befriedigt wird.

Diese Zivilisierung des Islamverständnisses, die sich in einer religiösen Umorientierung manifestiert, ergab sich aus den Reformierungsversuchen des Islams u.a. durch neue hermeneutische Koran-Rezeptionen in seinem historischen Kontext unter Berücksichtigung der linguistischen Aspekte der Koran-Interpretation, da die Sprache die Welt ist, wie die Menschen sie erfahren. Zu diesen Reformationsversuchen gehören auch die neuen Forschungen zum Koran von Dr. Azmayesh, deren Rezeption ich sehr empfehle.

Einer der Aspekte der Zivilisierung der religiösen Orientierung offenbart sich vor allem in einem „barmherzigen Gottesbild“ gegenüber dem unbarmherzigen und blutrünstigen Gottesbild der herrschenden Islamisten. Damit wird eine „Religion der Barmherzigkeit“ der „unbarmherzigen Religion“ der Islamisten entgegengesetzt.

Um die Bedeutung der Zivilisierung des Gottesbildes zu begreifen, muss man die Zivilisierung als eine gerichtete Entwicklung individueller Selbstregulierung momentaner trieb- und affektbedingter Verhaltensimpulse oder deren Umleitung auf sekundäre Ziele und deren Sublimierung begreifen. Diese ist eine Veränderung des sozialen Habitus bzw. der Persönlichkeitsstruktur der Menschen in Richtung auf ebenmäßigere, allseitigere und stabilere Selbstkontrollmuster. Dieser gerichtete psychische Transformationsprozess führt zum Strukturwandel des Seelenaufbaus der Menschen, zu dem auch die Gewissensbildung gehört.

Ohne sich je von Fremdzwängen völlig loszulösen, gewinnen außerdem die Selbstzwänge gegenüber den Fremdzwängen größere Autonomie. Zu diesen Fremdzwängen gehören auch die religiösen Phantasien und Mythen sowie Götter: "Nun habt ihr im Koran einen klaren Beweis von eurem Herren, eine Rechtleitung und Barmherzigkeit".(Der Koran, Sure 6, Vers 157)

Die Götter haben auf früheren Entwicklungsstufen, also etwa auf den durch Stämme und andere vorstaatliche Überlebenseinheiten repräsentierten Stufen Funktionen, die auf späteren Stufen in weit höherem Maße vom individuellen Gewissen und Verstand erfüllt werden. Für die heutigen gottesfürchtigen Gläubigen hat ihr Gott daher eine gewisse forensische Gewissensteilfunktion, dessen Zivilisierung eine entscheidende Bedeutung zukommt; damit können Menschen mit sich selbst und mit anderen Menschen friedlicher leben.

Dazu kommt einer realitätsangemesseneren Darstellung der Anfangsgeschichte des Islams sowie der Biografie des Gründers des Islam, Mohammed, eine entscheidende Bedeutung zu, weil er und seine tradierten Verhaltens- und Denkweisen für die Gläubigen einen fremdzwangsartigen Vorbildcharakter haben. Eine der wesentlichen innovativen Beiträge von Dr. Azmayesh besteht in seiner neuen Darstellung der Anfangsgeschichte des Islams als Fortsetzung der Abrahamitischen Traditionslinie und der Biografie Mohammeds.

Damit werden dem Islamismus als einer globalen Herausforderung alternative Lesarten des Islams als eines Wandlungskontinuums entgegengesetzt. Denn der Koran ist nicht nur geschrieben; er muss auch gelesen werden. Damit wird das nicht mehr lebendige Wort wieder lebendig. Denn Lesen und Denken sind Lebensäußerungen und verleihen den Worten das Leben, das sie verlieren, sobald sie niedergeschrieben worden sind.

So kann man die Aussage, Mohammed sei der letzte Gesandte Gottes gruppencharismatisch auslegen und wie die Islamisten „als auserwählte Kinder Gottes“ die Weltherrschaft beanspruchen. Oder sie als Beginn der Aufklärung im Sinne Kants als „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ begreifen; und dabei den Wahlspruch der Aufklärung bedienen: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Dabei kann man sich wie Dr. Azmayesh auf  den Koran, Sure 21, Verse 51 - 71 beziehen, in dem Abraham die Götzenanbeter fragt: "Wollt ihr euch nicht des Verstandes bedienen?" Wobei Abraham als -  mit dem Verstand ausgestattetes - Vorbild eines ritterlich gesinnten Edelmannes für die ganze Menschheit dargestellt wird: "Wir gewährten vordem Abraham Denkvermögen und das  Nachdenken über die Wahrheit, und wir wussten Bescheid über ihn." (Sure 21, Vers 51)

Wir lesen, dass wir uns Gottes Gesetze unterwerfen sollen im Sinne der Islamisten als einer Unterwerfung unter die Scharia; oder diese als Naturgesetze entdecken und befolgen; bzw. als soziale Regelmäßigkeiten wie z.B. der Zivilisation erkennen und uns entsprechend den Zivilisationsstandards - als moralphilosophisch begründete Gebote und Verbote - benehmen. In diesem Sinne folgen wir verantwortungsbewusst den Natur- und Humanwissenschaftlern sowie den Moralphilosophen als neuen Propheten, die durch Paradigmenwechsel immer erneut ersetzt werden können. Dabei können wir im Sinne Aristoteles ein Gebot A nicht als etwas Gutes befolgen, weil es Gott geboten hat; sondern weil das Gebot A im Sinne des Zivilisationsstandards gut ist, wurde es uns von Gott auferlegt: "Er hat herab gesandt zu dir das Buch mit der Wahrheit, bestätigend das, was ihm vorausging; und vordem sandte Er herab die Thora und das Evangelium als eine Richtschnur für die Menschen; und Er hat herab gesandt eine Richtschnur für die Menschen; und Er hat herab gesandt die Maßstäbe", (weil sie gut sind) (Der Koran, Sure 3, Vers 1 - 3)

Wir können uns fatalistisch dem von Gott bestimmten Schicksal hingeben oder unser Schicksal als Ergebnis der selbstverantwortlichen Lösung der vom Leben gestellten Aufgaben begreifen: "In der Prophetengeschichte liegt eine Lehre für Menschen, die sich des Verstandes bedienen." (Der Koran, Sure 12, Vers 111)

Wir können Sure 4, Vers 62 im Koran: „Oh ihr, die glaubt, gehorchet Allah und gehorchet dem Gesandten und denen, die Befehl unter euch haben“ so auslegen, wie die Theologen den Vers auffassen, die Jahrhunderte lang die „orientalische Despotie“  als Usurpatoren begriffen, aber trotzdem als  „Schatten Gottes auf Erden“ und Garanten der Ordnung und der Unterbindung der Anarchie legitimierten. Oder wie Khomeini als Begründung der Notwendigkeit der Hierokratie heranziehen, weil die Menschen angeblich unmündig seien und eines Vormundes bedürfen. Und solange der entrückte zwölfte Imam Mahdi nicht wieder erscheint, komme diese Aufgabe der Geistlichkeit zu.

Schließlich kann man auch, die Volkssouveränität als Grundprinzip einer demokratisch verfassten Gesellschaft vorausgesetzt, daraus eine Parlamentarische Demokratie  legitimieren.

Es ist also nicht nur geschrieben; es muss auch gelesen werden. Darauf kommt es an, wie es auch im Koran hervorgehoben wird: "Er ist es, Der dir das Buch herab gesandt hat. Es enthält eindeutige, grundlegende Verse, die den Kern des Buches bilden und Verse, die verschieden gedeutet werden können. Diejenige aber, die abwegige Absichten hegen, befassen sich vorrangig mit den nicht eindeutigen, mit der Absicht, Verwirrung zu stiften und eigene Deutungen zu entwickeln. Die einzig richtige Deutung weiß nur Gott allein."( Der Koran, Sure 3, Vers 7)

Schon daraus geht hervor, dass die Entstehung verschiedener Islamversionen auf einige mögliche kommunikative Missverständnisse der Konvertierten hervorgeht, wenn man einen bewussten Betrugsversuch der scheinbar "Bekehrten" ausschließen will. Dies vor allem, wenn man die Kommunikationsverflechtungen im Koran berücksichtigt.

Was daher eine realitätsangemessene Lesart vor allem kennzeichnet, ist eine kommunikationspsychologische Interpretation der Bekenntniszusammenhänge im Koran, wie ich sie verstehe. Dies wäre ohne eine historische Kontextualisierung der in der Regel missverstandenen Wörter im Koran nicht angemessen möglich, wenn man die vier Dimensionen dieser Kommunikation differenziert aus dem Munde Mohammeds und seiner Adressaten berücksichtigen wollte. Im Unterschied zur sonst üblichen dogmatischen und buchstabentreuen Lesart, die das Buch zu einem Steinbruch verwandeln, aus dem manche das herausholen, was sie wollen, muss die kommunikationsdiagnostische Lesart der Botschaft Mohammeds folgende vier Dimensionen seines Kommunikationszusammenhanges mit seinen Gegnern und den scheinbar Bekehrten berücksichtigen, wie sie im Koran vermittelt werden:

  1. Den inhaltlichen Aspekt, d.h. worüber gegenseitig gesprochen wurde,

  2. Den Selbstoffenbarungsaspekt, d.h. was gegenseitig von sich selbst kundgegeben wurde,

  3. Den Beziehungsaspekt, d.h. was die Kommunikationspartner gegenseitig voneinander gehalten haben,

  4. Den Appellaspekt, d.h. wozu sich die Kommunikationspartner veranlassen wollten.

Nur so können die abweichenden Ziel- und Zwecksetzungen der Bekenntnisse Mohammeds und seiner Bekehrungsversuche und der seiner Gegner und der scheinbar Bekehrten aus den Koran-Versen herausdestilliert werden. Dabei können die abweichenden persönlichen Zwecksetzungen der scheinbar Bekehrten und den von Mohammed vorgegebenen Leitbilder der Gläubigen unterstrichen werden, um die weitere Geschichte des Islams als eines Wandlungskontinuums im Sinne der Etablierung eines Herrschaft legitimierenden Dogmas zu begreifen. Denn „man fragt nicht, woher, durch welche Ursache sich das menschliche Handeln bestimmt, sondern man fragt, wozu, im Dienste welches Zweckes verhält sich der Mensch so, wie er sich verhält.“: "...Wir haben dir den Koran nicht herab gesandt, damit du dich über die Ungläubigen grämst, sondern er ist vielmehr eine Ermahnung an die, die Gott fürchten" (Der Koran, Sure 20, Vers 1 - 3).

Aus diesen Ziel- und Zweckkonflikten heraus entstanden schon zu Lebzeiten Mohammeds hautsächlich zwei Islamversionen, die über 14 Jahrhunderte die Geschichte des Islams prägten. Schon im Koran, Sure 3, Verse 7 - 8 wird auf die verschiedene Lesarten des Korans hingewiesen: "Er ist es, Der dir das Buch herab gesandt hat. Es enthält eindeutige, grundlegende Verse, die den Kern des Buches bilden und Verse, die verschieden gedeutet werden können. Diejenige aber, die abwegige Absichten hegen, befassen sich vorrangig mit den nicht eindeutigen, mit der Absicht, Verwirrung zu stiften und eigene Deutungen zu entwickeln. Die einzig richtige Deutung weiß nur Gott allein." Daraus geht hervor, dass es schon seit Mohammed verschiedene Islamversionen gegeben hat. Ein interreligiöser Dialog muss daher diese Tatsache unbedingt berücksichtigen.

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news-1028 Sat, 18 Jun 2016 01:02:36 +0200 Soziologische Kontextualisierung der Buchneuerscheinung "Wie und warum es zu zwei gegensätzlichen Islam Versionen gekommen ist" http://mehriran.de/artikel/soziologische-kontextualisierung-der-buchneuerscheinung-wie-und-warum-es-zu-zwei-gegensaetzlichen-islam-versionen-gekommen-ist.html mehriran.de - Kurzbeitrag zur Buchvorstellung: "Neue Forschungen zum Koran: Wie und warum es zu zwei gegensätzlichen Islam Version gekommen ist" von Dr. Azmayesh am 18. Juni 2016 in Hannover  

mehriran.de - In meinem einleitenden Kurzbeitrag möchte ich auf einige innovative Aspekte der Forschung von Dr. Azmayesh zum Koran aufmerksam machen.

Um aber seinen Beitrag zu kontextualisieren, möchte ich zunächst thesenartig auf einen Zivilisierungsschub der religiösen Orientierung im nachrevolutionären Iran hinweisen, die ich als eine der unbeabsichtigten Folgen der Islamisierung der Revolution bezeichne; und als einen Nachholeffekt des sozialen Habitus der involvierten Menschen auffasse. 

Das bedeutet, dass ich die postrevolutionäre institutionelle Ent-Demokratisierung und den De-Zivilisierungsschub als einen Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der Mehrheit der sozialen Träger der Revolution begreife. Als solche ist die „Islamische Republik“ der erste „Islamische Staat“ nach einer langen Modernisierungsphase in jüngster Geschichte.

Mit dem Zivilisierungsschub der Glaubensaxiome der Gläubigen geht eine Transformation ihrer Werthaltungen – als zentrale Elemente der Kultur – einher, die den durch Instinktreduktion und Verhaltensunsicherheit gekennzeichneten Menschen, als generelle Orientierungsstandards dienen. 

Diese Zivilisierung der Glaubensaxiome und Werthaltungen wäre aber ohne die traumatischen Erlebnisse der Menschen im nachrevolutionären Iran kaum vorstellbar gewesen. Mit den schmerzhaften Erfahrungen einer religiös legitimierten totalitären Herrschaft entstand ein massenhaftes Bedürfnis nach einer religiösen Umorientierung, das von den sich als „religiöse Innovatoren“ („Noandischan-e Dini“) bezeichnenden Islamforschern befriedigt wird.

Zu diesen Reformationsbeiträgen gehören auch die Forschungen von Dr. Azmayesh. 

Diese Zivilisierung des Islamverständnisses, die sich in einer religiösen Umorientierung manifestiert, ergab sich aus den Reformierungsversuchen des Islams u.a. durch neue hermeneutische Koran-Rezeptionen in seinem historischen Kontext unter Berücksichtigung der linguistischen Aspekte der Koran-Interpretation, da die Sprache die Welt ist, wie die Menschen sie erfahren. Zu diesen Reformationsversuchen gehören auch die Forschungen von Dr. Azmayesh. 

Einer der Aspekte der Zivilisierung der religiösen Orientierung offenbart sich vor allem in einem „barmherzigen Gottesbild“ gegenüber dem unbarmherzigen und blutrünstigen Gottesbild der herrschenden Islamisten im Iran. Damit wird eine „Religion der Barmherzigkeit“ der „unbarmherzigen Religion“ der Islamisten entgegengesetzt.

Um die Bedeutung der Zivilisierung des Gottesbildes zu begreifen, muss man die Zivilisierung als eine gerichtete Entwicklung individueller Selbstregulierung momentaner trieb- und affektbedingter Verhaltensimpulse oder deren Umleitung auf sekundäre Ziele und deren Sublimierung begreifen. Diese ist eine Veränderung des sozialen Habitus bzw. der Persönlichkeitsstruktur der Menschen in Richtung auf ebenmäßigere, allseitigere und stabilere Selbstkontrollmuster. Dieser gerichtete psychische Transformationsprozess führt zum Strukturwandel des Seelenaufbaus der Menschen zu dem auch die Gewissensbildung gehört.

Ohne sich je von Fremdzwängen völlig loszulösen, gewinnen außerdem die Selbstzwänge gegenüber den Fremdzwängen größere Autonomie. Zu diesen Fremdzwängen gehören auch die religiösen Phantasien und Mythen sowie Götter.

Die Götter haben auf früheren Entwicklungsstufen, also etwa auf den durch Stämme und andere vorstaatliche Überlebenseinheiten repräsentierten Stufen Funktionen, die auf späteren Stufen in weit höherem Maße vom individuellen Gewissen und Verstand erfüllt werden. Für die heutigen gottesfürchtigen Gläubigen hat ihr Gott daher eine gewisse forensische Gewissens-Teilfunktion, dessen Zivilisierung eine entscheidende Bedeutung zukommt; damit können Menschen mit sich selbst und mit anderen Menschen friedlicher leben.

Dazu kommt einer realitätsangemesseneren Darstellung der Anfangsgeschichte des Islams sowie der Biografie des Gründers des Islam, Mohammed, eine entscheidende Bedeutung zu, weil er und seine tradierten Verhaltens- und Denkweisen für die Gläubigen einen fremdzwangsartigen Vorbildcharakter haben. Dies ist eine der innovativen Beiträge von Dr. Azmayesh, dass er das sonst verbreitete realitätsfremde Bild, empirisch begründet korrigiert.

Mit seiner Koran basierten Darstellung der Geschichte des Islams, als Geschichte des Monotheismus seit Abraham bis zu Mohammed, wird dem Islamismus als einer globalen Herausforderung eine alternative Lesart des Islams als eines Wandlungskontinuums entgegengesetzt, die eine unabdingbare Grundlage einer interreligiösen Verständigung und Koexistenz ist. 

Diese Überwindung des Zustand reduzierten Islambegriffes kommt z.B. in seinem Hinweis auf die sechsundzwanzig Koranverse  zum Ausdruck, in denen der Islam als ein Wandlungskontinuum hervorgehoben wird :  "Vers 73 der 21. Sure (Anbia - die Propheten) beschreibt das Fortbestehen der Abrahamischen Lehre jenseits von Zeit und Raum bis zu Mohammed bei den Jüngern der Prinzipien (den Rechtgeleiteten) und bei den Überlieferungen Abrahams. Im Koran werden die Hüter der Abrahamischen Traditionen als göttliche Anführer der Menschheit beschrieben, die unter  himmlischer Führung und geistiger Beziehung zum Göttlichen mit Hilfe übersinnlicher Wahrnehmungsfähigkeiten stehen, um historische Fortschritte zu erzielen."(S.81)

Unabdingbar ist auch für die Überwindung des Islams, als seine Reduktion auf Scharia und auf die überlieferten kultischen Handlungen, die Hervorhebung der Schrift als Quelle der Zivilisationsmaßstäbe, die als "Forghan" hervorgehobenen, "kategorische Imperative" repräsentieren.(S. 69ff.): "Segenreich ist Der, Der seinem Diener Abd den Maßstab al-Forghan herab gesandt hat, damit er die Bewohner der Welt anleite" ( Der Koran, Sure 25, Vers 1)(S. 69)

Diese Hervorhebung des Guten und Bösen im Sinne der Gebote und Verbote als Verhaltenskriterien wie z.B. Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit unterscheiden sich von Islamistischen, die als überlieferte Verhaltensmuster der Beduinen immer noch sanktionieren werden: "Das Buch, das die endgültigen Unterscheidung al-Forghan enthält, hat er herab gesandt" (Der Koran, Sure 3, Vers 3,4)(S.69). Damit werden die zivilisatorischen Standards von den jeweils historisch herrschenden Zivilisationsmuster unterschieden.

Diese Lesart setzt mündige Vernunft begabte Menschen im Sinne der Aufklärung voraus, wie es in Sure 12,Vers 111,die auf S. 58 zitiert wird: "In den Prophetengeschichten liegt eine Lehre für Menschen, die sich des Verstandes bedienen…"

Ein zentrales Problem der weiteren Entwicklung des Islams als eines Wandlungskontinuums liegt in dem ethnischen Charakter des auf arabisch kommunizierten Offenbarung: "Alif lam Ra. Dies sind die Verse des eindeutigen, klaren Buches. Wir haben es auf Arabisch offenbart, damit ihr es versteht" ( Koran, Sure 12, Vers 1-3)(S.58)

Darin liegt eine der wesentlichen kommunikationspsychologischen Aspekte der Entstehung der zwei gegensätzlichen Islamversionen, deren dominant gewordene, sich durch die Expansion der arabischen Herrschaft, kulturimperialistisch weltweit ausbereitete, und heute als Islamismus zur globalen Herausforderung geworden ist.

Deswegen kommt es auf die Lesart dieser Schrift an: "Er ist es, Der dir das Buch herab gesandt hat. Es enthält eindeutige, grundlegende Verse, die verschieden gelesen werden können." ( Der Koran, Sure 3, Vers 7)

Zu den kommunikationspsychologischen Aspekten des Korans als unabdingbare Bedingung der Vermeidung von Missverständnissen bezüglich des heiligen Buches der Muslime

"Man kann nicht nicht kommunizieren"(P. Watzlawick)

Was aber die Lesart von Dr. Azmayesh vor allem kennzeichnet, ist eine kommunikationspsychologische Interpretation der Bekenntniszusammenhänge im Koran, wie ich sie verstehe. Dies wäre ohne seine historische Kontextualisierung der in der Regel missverstandenen Wörter im Koran nicht angemessen möglich gewesen; wenn er die vier Dimensionen dieser Kommunikation differenziert aus dem Munde Mohammeds und seiner Adressaten berücksichtigen wollte. Im Unterschied zur sonst üblichen dogmatischen und buchstabentreuen Lesart, die das Buch zu einem Steinbruch verwandelt, aus dem manche das herausholen, was sie wollen; muss die kommunikationsdiagnostische Lesart der Botschaft Mohammeds folgende vier Dimensionen seines Kommunikationszusammenhanges mit seinen Gegnern und den scheinbar Bekehrten berücksichtigen, wie sie im Koran vermittelt werden: 

  • Den inhaltlichen Aspekt, d.h. worüber gegenseitig gesprochen wurde,
  • Den Selbstoffenbarungsaspekt, d.h. was gegenseitig von sich selbst kundgegeben wurde,
  • Den Beziehungsaspekt, d.h. was die Kommunikationspartner gegenseitig von einander gehalten haben,
  • Den Appellaspekt, d.h. wozu sich die Kommunikationspartner veranlassen wollten.

Nur so können die abweichenden Ziel- und Zwecksetzungen der Bekenntnisse Mohammeds und seiner Bekehrungsversuche  und der seiner Gegner und der scheinbar Bekehrten aus den Koran-Versen heraus destilliert werden. Dabei können die abweichenden persönlichen Zwecksetzungen der scheinbar Bekehrten und die von Mohammed vorgegebenen Leitbilder der Gläubigen unterstrichen werden, um die weitere Geschichte des Islams als eines Wandlungskontinuums im Sinne der Etablierung eines Herrschaft legitimierenden Dogmas zu begreifen. Denn „man fragt nicht, woher, durch welche Ursache sich das menschliche Handeln bestimmt, sondern man fragt, wozu, im Dienste welches Zweckes verhält sich der Mensch so, wie er sich verhält.“: "...Wir haben dir den Koran nicht herab gesandt, damit du dich über die Ungläubigen grämst, sondern er ist vielmehr eine Ermahnung an die, die Gott fürchten" (Der Koran, Sure 20, Vers 1 - 3)  

Einige Thesen zur Entstehung zweier Islamversionen, wie sie von Dr. Azmayesh beschrieben werden

Aus diesen Ziel- und Zweckkonflikten heraus entstanden schon zu Lebzeiten Mohammeds zwei Islamversionen, die über 14 Jahrhunderte die Geschichte des Islams prägten. Schon im Koran, Sure 3, Verse 7 - 8 wird auf die verschiedenen Lesarten des Koran hingewiesen: "Er ist es, Der dir das Buch herab gesandt hat. Es enthält eindeutige, grundlegende Verse, die den Kern des Buches bilden und Verse, die verschieden gedeutet werden können. Diejenige aber, die abwegige Absichten hegen, befassen sich vorrangig mit den nicht eindeutigen, mit der Absicht, Verwirrung zu stiften und eigene Deutungen zu entwickeln. Die einzig richtige Deutung weiß nur Gott allein." Schon daraus geht hervor, dass die Entstehung zweier Islamversionen auf einige mögliche kommunikative Missverständnisse der Konvertierten hervorgeht, wenn man einen bewussten Betrugsversuch der scheinbar "Bekehrten" ausschließen will. Dies vor allem, wenn man die von Dr. Azmayesh beschriebenen Kommunikationsverflechtungen im Koran berücksichtigt.

Eine der Quellen der Missverständnisse liegt in der Kommunikationsdiagnose der involvierten Menschen; denn eine Nachricht enthält vielfältige Botschaften. Deswegen ist immer eine Kommunikationsdiagnose notwendig, um das Botschaftsgeflecht zu begreifen: Genauso, wie man mit den eigenen Augen schaut, aber mit den Augen des Kollektivs sieht; hört man mit den eigenen Ohren, vernimmt aber mit den Ohren des Kollektivs. Mit dieser gerichteten Wahrnehmung ist die von Mohammed abweichende Lesart als ein Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der Beduinen zurück zu führen, mit deren stammesgeschitlich geprägtem Denken, Fühlen und Handeln.   So entstehen inkongruente Botschaften, die zu einer widersprüchlichen Handlungs-aufforderung führen können; vor allem, wenn die Mitteilungsebene und die Metaebene nicht übereinstimmen.

Außerdem entstehen bei Bekehrungen zuweilen solche Übergangsspannungen und -Konflikte, die als Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der Bekehrten interpretiert werden können. Dabei ist die "institutionelle Islamisierung" noch nicht tief genug emotional verankert, so dass die tradierten Verhaltens- und Erlebensmuster immer noch handlungs- und erlebenssteuernd dominieren, wie bei den heutigen Modernisierungsproblemen, die zu Islamismus führen.

Darüber hinaus können je nach den Charakterzügen der Scheinbekehrten verschiedene Handlungsmotive wie Gier, Hab- und Machtsucht, Geltungsbedürfnis, Angst und Zorn verhaltenssteuernd gewesen sein und Verflechtungsdynamiken in Gang gesetzt und erhalten haben, die zum heutigen Islamismus geführt haben.

Aber die Psychogenese der Scheinbekehrten ergibt sich u.a., auch wenn man die Scheinbekehrung vor allem als inkongruente Nachricht begreift und danach fragt, welchen Vorteil ein solches Verhalten mit sich bringen könnte?:

  • Ihre inkongruente Nachrichten können den Vorteil haben, dass sie sich nicht ganz festlegen, indem sie ihr Bekenntnis zu Gott und Mohammed als seinem Botschafter äußern.

Eine solche Kommunikation mit doppeltem Boden der Scheinbekehrten braucht nicht bewusst zu sein - oft sind es ihre unbewussten, uneingestandenen Wünsche, die sich durch  den nicht-sprachlichen Kanal zur Geltung bringen. 

  • Als Nachhinkeffekt des sozialen Habitus, die mit Übergangsspannungen und Konflikte einher gehen, verweisen sie auf "zwei Seelen in einer Brust", weil der scheinbar Bekehrte mit sich selber nicht ganz im Reinen ist - so wie ursprünglich "Verwestlichte" in islamisch geprägten Gesellschaften, die zu Islamisten mutierten. Dabei zielen verschiedene Bestrebungen und Gefühle nicht am gleichen Strang. Es herrscht also ein inneres Durcheinander. Ihr Scheinbekenntnis zum Islam erweist sich so als ein Verschmelzungsprodukt aus zwei Botschaften.

Die inkongruenten Nachrichten der "Bekehrten" entstehen also vorzugsweise dann, wenn ihre Selbstklärung noch nicht zum Abschluss gekommen ist, sie sich aber trotzdem zu einem Bekenntnis veranlasst fühlen. Dies ergibt sich durch die Eroberung Mekkas durch Mohammed und der sich damit verschobenen Machtbalance, die sie als ehemalige Etablierten zu Außenseitern werden lässt.

  • Außerdem kann jeder  "Bekenner" zugleich ein Empfänger sein, der es verfehlt, seine eigenen unterschiedlichen inneren Reaktionen auf Mohammeds Botschaft für sich selbst klar zu bekommen; bei dieser verfehlten Selbstklärung "des Bekenners", kann er auch nicht klar nach außen reagieren. Seine Scheinheiligkeit ist also Funktion einer kognitiven und emotionalen Dissonanz und Ausdruck der Verhaltenskomponente seiner Einstellung gegenüber der Botschaft und als solches ein Nachhinkeffekt seines sozialen Habitus.

In diesem Sinne sind die heutigen Islamisten und die "Scheinbekehrten" das Ergebnis der Ungleichzeitigkeit der institutionellen und sozial habituellen Entwicklung der Gesellschaften, die zur Entstehung eines dogmatischen Islams als Legitimationsgrundlage der Kalifate führen. 

Ein Nachholen des sozialen Habitus bedeutet dann, die relativ rückständigen kognitiven, emotionalen und Verhaltenstendenzen ihrer Einstellung zu überwinden, d.h. realitätsangemessener zu denken, zu fühlen und zu handeln lernen. Dazu kann der Umorientierungsvorschlag von Dr. Azmayesh erheblich beitragen.

Das bedeutet nicht, dass das Buch ein Allheilmittel ist; vor allem dann nicht, wenn eine "Gottesvergiftung" vorliegt, wie in der Massenerschießung der sexuell Andersorientierten in Orlando, Florida. Denn ein Mensch, der ein liebloses, unnatürlich strenges Gottesbild verinnerlicht hat, versucht sich mit diesem Gott durch skrupelhafte Pflichterfüllung zu versöhnen. Dabei versucht er die eigene Angst vor einer Pflichtverletzung - also sein eigenes Schamgefühl - durch scharfe, kleinliche und zuweilen blutige Verurteilung der Vergehen anderer Menschen zu kompensieren, die sein Peinlichkeitsgefühl erregen.

Prof. Dawud Gholamasad, Sozialwissenschaftler, Hannover

http://gholamasad.jimdo.com/

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news-1026 Sat, 11 Jun 2016 23:44:02 +0200 Hannover erlebt musikalische Karawane für die Menschenrechte im Iran http://mehriran.de/artikel/hannover-erlebt-musikalische-karawane-fuer-die-menschenrechte-im-iran.html mehriran.de - Am Freitag, 10. Juni 2016 zogen Aktivistinnen und Aktivisten mehrerer Menschenrechtsorganisationen vom Bahnhof Hannover über die symbolische Marktkirche und den niedersächsischen Landtag zur Staatskanzlei, um Dokumentationen zu 4 Gefangenen zu übergeben, stellvertretend für alle politischen und Gewissensgefangenen im Iran. mehriran.de - Eine singende Menschenkarawane machte sich am Freitag, 10.Juni 2016 auf den Weg vom Bahnhof Hannover zur Staatskanzelei Niedersachsens, um Politiker und Vertreter der Kirche zu bitten in allen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Veranstaltungen mit der I.R. Iran auf die Wahrung grundlegender Menschenrechte im Iran hinzuweisen. Nach wie vor werden Menschen im Iran gequält, verleumdet, gefoltert, unrechtmäßig ins Gefängnis gesperrt oder ermordet.

Mehrere Organisationen beteiligten sich an dem Protestmarsch durch Hannovers Innenstadt. Die Aktivistinnen und Aktivisten sangen ein Gedicht des persischen Mystikers Saadi (Bani Âdam) über die substanzielle Nähe aller Menschen zueinander unabhängig von Geschlecht, Rasse, Hautfarbe oder anderen äußeren Unterschieden. Auf dem Weg streuten sie Rosenblütenblätter in Erinnerung an alle Opfer des Regimes. Schließlich wurde eine Dokumentation der Fälle von vier Häftlingen (Heshmatollah Tabarzadi, Mohammad Ali Taheri, Narghes Mohammadi, Kazemenei Boroudscherdi) stellvertretend für alle politischen Gefangenen/Gewissensgefangenen im Iran übergeben. Landtagspräsident Bernd Busemann bedankte sich herzlich für den Einsatz und nahm die Dokumentation offiziell in Empfang. Auch die Pressesprecherin der Marktkirchengemeinde, Frau Becker-Foss, nahm bei strahlendem Sonnenschein vor der Marktkirche mit einer Dankesrede die Dokumentation entgegen. Ministerpräsident Stephan Weil musste sich aufgrund dienstlicher Termine von der Abteilungleiterin Internationale Kontakte, Frau Jutta Kremer, vertreten lassen. Frau Kremer betonte im Gespräch, dass Ministerpräsident Weil die Menschenrechtssituation bei seiner Reise in den Iran sehr Ernst genommen habe und sich im Rahmen der Möglichkeiten stark gemacht hat für eine notwendige Verbesserung der Menschenrechtssituation.

Tatsache bleibt, dass jeder Kontakt mit iranischen Vertretern auch das Kapitel Freilassung aller Gewissensgefangenen/politischer Gefangenen enthalten sollte. So lässt sich die Hoffnung nähren mit vereinten Kräften einer nachhaltigen Verbesserung der Situation der Menschen im Iran mit zu ermöglichen.

Hier geht es zum Videobericht in persischer Sprache, der im Iran über Internet zugänglich ist:

Videobericht

Hier das Anschreiben an die Adressaten:

Sehr geehrter Ministerpräsident Niedersachsens Stephan Weil, sehr geehrter Landesparlamentsvorsitzender Bernd Busemann, sehr geehrte Mitglieder des Niedersächsischen Landtags, sehr geehrte Vorstandsmitglieder der evangelischen Marktkirche Hannover

Hannover, 10.06.2016

Einflussnahme auf positive Entwicklungen bezüglich Menschenrechtsfragen in der I.R. Iran ist sicherlich eine der heikelsten Aufgaben der Außen-, Kultur- und Wirtschaftspolitik auf Bundes- und auf Landesebene. Alle Hoffnungen ruhen seit dem Amtsantritt von Präsident Rouhani und seit den internationalen Vereinbarungen mit Iran zu den Nuklearaktivitäten des Regimes dort auf dem Prinzip Wandel durch Handel. 

Wir wissen, dass es im Iran Kräfte gibt, die diese Hoffnung teilen, während andere den Wandel fürchten, ablehnen und vieles tun, um diesen Wandel zu verhindern. Einige der Leidtragenden dieses Machtkampfes innerhalb der politischen Machtfraktionen Irans sind die Gewissensgefangenen/politischen Gefangenen.

Viele Wirtschaftsführer und Politiker sind sich bewusst, dass es im Iran nach wie vor nicht zum Besten steht mit den Menschenrechten. Sind sie sich Ihrer Verantwortung innerhalb des Wandel durch Handel Prinzips in Bezug auf Iran auch voll bewusst?

Menschenrechtler weltweit sind eher skeptisch, ob im Fall Iran das Prinzip Wandel durch Handel tatsächlich mehr Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und Respekt vor der Würde des Individuums generieren werden. Am Ende wird es wieder die Geschichte zeigen, was gelingen kann und was nicht. Die Geschichte zeigt aber auch, dass es auf das Engagement Einzelner und Vieler gemeinsam ankommt, damit sich etwas bewegt.

Mehrere in Deutschland, Europa oder weltweit tätige Organisationen haben sich zusammen geschlossen, um an die Situation der Gewissensgefangenen/politischen Gefangenen im Iran zu erinnern und Sie zu bitten in allen kulturellen und wirtschaftlichen Kooperationen/Veranstaltungen mit offiziellen Organen der sogenannten Islamischen Republik Iran das Thema Menschenrechte zur Sprache zu bringen.

Stellvertretend für alle Gewissensgefangenen/politischen Gefangenen im Iran überreichen wir Ihnen hiermit jeweils ein Dossier zu den Fällen von Herrn Heschmat Tabarzadi, Herrn Mohammed Ali Taheri, Frau Narghes Mohammadi und Ajatollah Kazemi Boroudscherdi, verbunden mit der Bitte die Behörden im Iran eindringlich auf die Einhaltung internationaler Standards hinzuweisen, in Folge derer diese Menschen längst frei sein sollten.

 

Unterzeichner und beteiligte Organisationen:

Professor Dr. Dr. Dawud Gholamasad, Sozialwissenschaftler, Menschenrechtler, Hannover

Dr. Seyed Azmayesh, Religionswissenschaftler, Menschenrechtler, Paris

Vahid Beheshti, Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran, London

Erika Büchse, Gruppensprecherin, Amnesty Gruppe Burgdorf/Burgwedel

Soheila Hadipour, Erfane Halghe, Gruppe Hannover

Dr. Patricia Vöge, Vorsitzende Karamat e.V., Hannover

Dr. Kamal Sido, Nahostreferent bei der Gesellschaft für bedrohte Völker, Göttingen

Helmut N. Gabel, Pressesprecher Karamat e.V., Hannover

Verein für Demokratie und Menschenrechte, Hamburg

Solidaritätsgruppe mit den Frauen vom Laleh Park, Hamburg

u.a.m.

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news-1024 Tue, 07 Jun 2016 07:41:23 +0200 Tabarzadi, Mohammadi, Taheri, Boroudscherdi - sie darben nach wie vor in den Kerkern des Regime im Iran http://mehriran.de/artikel/tabarzadi-mohammadi-taheri-boroudscherdi-sie-darben-nach-wie-vor-in-den-kerkern-des-regime-im-iran.html mehriran.de - Mehrere in Deutschland, Europa oder weltweit tätige Organisationen haben sich zusammen geschlossen, um an die Situation der Gewissensgefangenen/politischen Gefangenen im Iran zu erinnern. Am 10. Juni zieht eine musikalische Karawane durch Hannover. mehriran.de - Am Freitag, den 10. Juni 2016, zieht eine Menschenkarawane mit Plakaten und Musik vom Hauptbahnhof zur Staatskanzlei. Vertretern der Marktkirche Hannover, des Landesparlaments Niedersachsens und Ministerpräsident Weil werden Dossiers von vier politischen Gefangenen/Gewissensgefangenen übergeben. In dem Anschreiben zu den Dossiers werden Vertreter von Kirche und Staat in Deutschland gebeten bei kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Veranstaltungen mit der sogenannten Islamischen Republik Iran auf die nach wie vor anhaltenden gravierenden Menschenrechtsverletzungen hinzuweisen.

Stellvertretend für alle Gewissensgefangenen/politischen Gefangenen im Iran werden die Fälle von Heschmat Tabarzadi, Mohammed Ali Taheri, Narghes Mohammadi und Kazemi Boroudscherdi vorgestellt. Wenn Justiz und Pasdaran internationale Standards achten würden, zu denen sich Iran offiziell verpflichtet hat, sollten diese Menschen längst frei und keinen Verfolgungen unter erfundenen Vorwürfen ausgesetzt sein.

An der Aktion beteiligen sich die Amnesty International Gruppe Burgdorf/Burgwedel, Solidaritätsgruppe mit den Müttern vom Laleh Park, Erfane Halghe, Verein für Menschenrechte und Demokratie e.V. Hamburg, Gesellschaft für bedrohte Völker, Karamat e.V. Hannover, Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI).

Auf dem Weg wird an die Menschen im Iran erinnert, die Opfer von Folter, Gewalt und Tod durch das Regime wurden. Die Karawane wird Rosenblütenblätter streuen und dadurch eine rote Spur vom Hauptbahnhof, dem Tor zur Welt, über religiöse und politische Vertreter der Gesellschaft in Deutschland hin zum Vertreter Niedersachsens beim Bund, Ministerpräsident Weil, hinterlassen. 

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news-1022 Fri, 03 Jun 2016 08:44:17 +0200 Zivilisierung des Islamverständnisses? http://mehriran.de/artikel/zivilisierung-des-islamverstaendnisses.html mehriran.de - Kurzbeitrag zur Buchvorstellung: "Neue Forschungen zum Koran: Wie und warum es zu zwei gegensätzlichen Islam Version gekommen ist" von Dr. Azmayesh am 18. Juni 2016 in Hannover
mehriran.de - In meinem einleitenden Kurzbeitrag möchte ich auf einige innovative Aspekte der Forschung von Dr. Azmayesh zum Koran aufmerksam machen. Um aber seinen Beitrag zu kontextualisieren, möchte ich zunächst thesenartig auf einen Zivilisierungsschub der religiösen Orientierung im nachrevolutionären Iran hinweisen, die ich als eine der unbeabsichtigten Folgen der Islamisierung der Revolution bezeichne; und als einen Nachholeffekt des sozialen Habitus der involvierten Menschen auffasse. Das bedeutet, dass ich die postrevolutionäre institutionelle Ent-Demokratisierung und den De-Zivilisierungsschub als einen Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der Mehrheit der sozialen Träger der Revolution begreife.[1] Als solche ist die „Islamische Republik“ der erste „Islamische Staat“ nach einer langen Modernisierungsphase in jüngster Geschichte.

Mit dem Zivilisierungsschub der Glaubensaxiome[2] der Gläubigen geht eine Transformation ihrer Werthaltungen – als zentrale Elemente der Kultur – einher, die den durch Instinktreduktion und Verhaltensunsicherheit gekennzeichneten Menschen, als generelle Orientierungsstandards dienen.

Diese Zivilisierung der Glaubensaxiome und Werthaltungen wäre aber ohne die traumatischen Erlebnisse der Menschen im nachrevolutionären Iran kaum vorstellbar gewesen. Mit den schmerzhaften Erfahrungen einer religiös legitimierten totalitären Herrschaft entstand ein massenhaftes Bedürfnis nach einer religiösen Umorientierung, das von den sich als „religiöse Innovatoren“ („Noandischan-e Dini“) bezeichnenden Islamforschern befriedigt wird.

Diese Zivilisierung des Islamverständnisses, die sich in einer religiösen Umorientierung manifestiert, ergab sich aus den Reformierungsversuchen des Islams u.a. durch neue hermeneutische Koran-Rezeptionen in seinem historischen Kontext unter Berücksichtigung der linguistischen Aspekte der Koran-Interpretation, da die Sprache die Welt ist, wie die Menschen sie erfahren. Zu diesen Reformationsversuchen gehören auch die Forschungen von Dr. Azmayesh.

Einer der Aspekte der Zivilisierung der religiösen Orientierung offenbart sich vor allem in einem „barmherzigen Gottesbild“ gegenüber dem unbarmherzigen und blutrünstigen Gottesbild der herrschenden Islamisten im Iran. Damit wird eine „Religion der Barmherzigkeit“ der „unbarmherzigen Religion“ der Islamisten entgegengesetzt.

Um die Bedeutung der Zivilisierung des Gottesbildes zu begreifen, muss man die Zivilisierung als eine gerichtete Entwicklung individueller Selbstregulierung momentaner trieb- und affektbedingter Verhaltensimpulse oder deren Umleitung auf sekundäre Ziele und deren Sublimierung begreifen. Diese ist eine Veränderung des sozialen Habitus bzw. der Persönlichkeitsstruktur der Menschen in Richtung auf ebenmäßigere, allseitigere und stabilere Selbstkontrollmuster. Dieser gerichtete psychische Transformationsprozess führt zum Strukturwandel des Seelenaufbaus der Menschen zu dem auch die Gewissensbildung gehört.[3]

Ohne sich je von Fremdzwängen völlig loszulösen, gewinnen außerdem die Selbstzwänge gegenüber den Fremdzwängen größere Autonomie. Zu diesen Fremdzwängen gehören auch die religiösen Phantasien und Mythen sowie Götter.

Die Götter haben auf früheren Entwicklungsstufen, also etwa auf den durch Stämme und andere vorstaatliche Überlebenseinheiten repräsentierten Stufen Funktionen, die auf späteren Stufen in weit höherem Maße vom individuellen Gewissen und Verstand erfüllt werden. Für die heutigen gottesfürchtigen Gläubigen hat ihr Gott daher eine gewisse forensische Gewissens-Teilfunktion, dessen Zivilisierung eine entscheidende Bedeutung zukommt; damit können Menschen mit sich selbst und mit anderen Menschen friedlicher leben.

Dazu kommt einer realitätsangemesseneren Darstellung der Anfangsgeschichte des Islams sowie der Biografie des Gründers des Islam, Mohammed, eine entscheidende Bedeutung zu, weil er und seine tradierten Verhaltens- und Denkweisen für die Gläubigen einen fremdzwangsartigen Vorbildcharakter haben. Dies ist eine der innovativen Beiträge von Dr. Azmayesh, dass er das sonst verbreitete realitätsfremde Bild, empirisch begründet korrigiert.

Mit seiner Koran basierten Darstellung der Geschichte des Islams, als Geschichte des Monotheismus seit Abraham bis zu Mohammed, wird dem Islamismus als einer globalen Herausforderung eine alternative Lesart des Islams als eines Wandlungskontinuums entgegengesetzt, die eine unabdingbare  Grundlage einer interreligiösen Verständigung und Koexistenz ist.

Diese Überwindung des zustand reduzierten Islambegriffes kommt z.B. in seinem Hinweis auf die sechsundzwanzig Koranverse  zum Ausdruck, in denen der Islam als ein Wandlungskontinuum hervorgehoben wird :  "Vers 73 der 21. Sure (Anbia - die Propheten) beschreibt das Fortbestehen der abrahamischen Lehre jenseits von Zeit und Raum bis zu Mohammed bei den Jüngern der Prinzipien (den Rechtgeleiteten) und bei den Überlieferungen Abrahams. Im Koran werden die Hüter der abrahamischen Traditionen als göttliche Anführer der Menschheit beschrieben, die unter  himmlischer Führung und geistiger Beziehung zum Göttlichen mit Hilfe übersinnlicher Wahrnehmungsfähigkeiten stehen, um historische Fortschritte zu erzielen.(S.81)

Unabdingbar ist auch für die Überwindung des Islams, als seine Reduktion auf Scharia und auf die überlieferten kultischen Handlungen, die Hervorhebung der Schrift als Quelle der Zivilisationsmaßstäbe, die als "Forghan" hervorgehobenen, "kategorische Imperative" repräsentieren.(S. 69ff.): "Segenreich ist Der, Der seinem Diener Abd den Maßstab al-Forghan herab gesandt hat, damit er die Bewohner der Welt anleite" ( Der Koran, Sure 25, Vers 1)(S. 69)

Diese Hervorhebung des Guten und Bösen im Sinne der Gebote und Verbote als Verhaltenskriterien wie z.B. Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit unterscheiden sich von Islamistischen, die als überlieferte Verhaltensmuster der Beduinen immer noch sanktionieren werden: "Das Buch, das die endgültigen Unterscheidung al-Forghan enthält, hat er herabgesandt" (Der Koran, Sure 3, Vers 3,4)(S.69). Damit werden die zivilisatorischen Standards von den jeweils historisch herrschenden Zivilisationsmuster unterschieden.

Diese Lesart setzt mündige Vernunft begabte Menschen im Sinne der Aufklärung voraus, wie es in Sure 12,Vers 111,die auf S. 58 zitiert wird: "In den Prophetengeschichten liegt eine Lehre für Menschen, die sich des Verstandes bedienen…"

Ein zentrales Problem der weiteren Entwicklung des Islams als eines Wandlungskontinuums liegt in dem ethnischen Charakter des auf arabisch kommunizierten Offenbarung: "Alif Lam Ra. Dies sind die Verse des eindeutigen, klaren Buches. Wir haben es auf Arabisch offenbart, damit ihr es versteht" ( Koran, Sure, Vers 1-3)(S.58)

Darin liegt eine der wesentlichen kommunikationspsychologischen Aspekte der Entstehung der zwei gegensätzlichen Islamversionen, deren dominant gewordene, sich durch die Expansion der arabischen Herrschaft, kulturimperialistisch weltweit ausbereitete, und heute als Islamismus zur globalen Herausforderung geworden ist.

Deswegen kommt es auf die Lesart dieser Schrift an: "Er ist es, Der dir das Buch herab gesandt hat. Es enthält eindeutige, grundlegende Verse, die verschieden gelesen werden können." ( Der Koran, Sure 3, Vers 7)

Zu den kommunikationspsychologischen Aspekten des Korans als unabdingbare Bedingung der Vermeidung von Missverständnissen bezüglich des heiligen Buches der Muslime

"Man kann nicht nicht kommunizieren"(P.Watzlawick)

Was aber die Lesart von Dr. Azmayesh vor allem kennzeichnet, ist eine kommunikationspsychologische Interpretation der Bekenntnis-zusammenhänge im Koran, wie ich sie verstehe. Dies wäre ohne seine historische Kontextualisierung der in der Regel missverstandenen Wörter im Koran nicht angemessen möglich gewesen; wenn er die vier Dimensionen dieser Kommunikation differenziert aus dem Munde Mohammeds und seiner Adressaten berücksichtigen wollte. Im Unterschied zur sonst üblichen dogmatischen und buchstabentreuen Lesart, die das Buch zu einem Steinbruch verwandelt, aus dem manche das herausholen, was sie wollen; muss die kommunikations-diagnostische Lesart der Botschaft Mohammeds folgende vier Dimensionen seines Kommunikationszusammenhanges mit seinen Gegnern und den scheinbar Bekehrten berücksichtigen, wie sie im Koran vermittelt werden:

1.   Den inhaltlichen Aspekt, d.h. worüber gegenseitig gesprochen wurde,

2.   Den Selbstoffenbarungsaspekt, d.h. was gegenseitig von sich selbst kundgegeben wurde,

3.   Den Beziehungsaspekt, d.h. was die Kommunikationspartner gegenseitig von einander gehalten haben,

4.   Den Appellaspekt, d.h. wozu sich die Kommunikationspartner veranlassen wollten.

Nur so können die abweichenden Ziel- und Zwecksetzungen der Bekenntnisse Mohammeds und seiner Bekehrungsversuche  und der seiner Gegner und der scheinbar Bekehrten aus den Koran-Versen heraus destilliert werden. Dabei können die abweichenden persönlichen Zwecksetzungen der scheinbar Bekehrten und den von Mohammed vorgegebenen Leitbilder der Gläubigen unterstrichen werden, um die weitere Geschichte des Islams als eines Wandlungskontinuums im Sinne der Etablierung eines Herrschaft legitimierenden Dogmas zu begreifen. Denn „man fragt nicht, woher, durch welche Ursache sich das menschliche Handeln bestimmt, sondern man fragt, wozu, im Dienste welches Zweckes verhält sich der Mensch so, wie er sich verhält.“: "...Wir haben dir den Koran nicht herab gesandt, damit du dich über die Ungläubigen grämst, sondern er ist vielmehr eine Ermahnung an die, die Gott fürchten" (Der Koran, Sure 20, Vers 1 - 3)  

Einige Thesen zur Entstehung zweier Islamversionen, wie sie von Dr. Azmayesh beschrieben werden                                         

Aus diesen Ziel- und Zweckkonflikten heraus entstanden schon zu Lebzeiten Mohammeds zwei Islamversionen, die über 14 Jahrhunderte die Geschichte des Islams prägten. Schon im Koran, Sure 3, Verse 7 - 8 wird auf die verschiedenen Lesarten des Koran hingewiesen: "Er ist es, Der dir das Buch herab gesandt hat. Es enthält eindeutige, grundlegende Verse, die den Kern des Buches bilden und Verse, die verschieden gedeutet werden können. Diejenige aber, die abwegige Absichten hegen, befassen sich vorrangig mit den nicht eindeutigen, mit der Absicht, Verwirrung zu stiften und eigene Deutungen zu entwickeln. Die einzig richtige Deutung weiß nur Gott allein." Schon daraus geht hervor, dass die Entstehung zweier Islamversionen auf einige mögliche kommunikative Missverständnisse der Konvertierten hervorgeht, wenn man einen bewussten Betrugsversuch der scheinbar "Bekehrten" ausschließen will. Dies vor allem, wenn man die von Dr. Azmayesh beschriebenen Kommunikations-verflechtungen in Koran berücksichtigt.

Eine der Quellen der Missverständnisse liegt in der Kommunikationsdiagnose der involvierten Menschen; denn eine Nachricht enthält vielfältige  Botschaften. Deswegen ist immer eine Kommunikationsdiagnose notwendig, um das Botschaftsgeflecht zu begreifen: Genauso, wie man mit den eigenen Augen schaut, aber mit den Augen des Kollektivs sieht; hört man mit den eigenen Ohren, vernimmt aber mit den Ohren des Kollektivs. Mit dieser gerichteten Wahrnehmung ist die von Mohammed abweichende Lesart als ein Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der Beduinen zurück zu führen, mit deren stammesgeschitlich geprägtem Denken, Fühlen und Handeln.   So entstehen inkongruente Botschaften, die zu einer widersprüchlichen Handlungsaufforderung führen können; vor allem, wenn die Mitteilungsebene und die Metaebene nicht übereinstimmen.

Außerdem entstehen bei Bekehrungen zuweilen solche Übergangsspannungen und -Konflikte, die als Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der Bekehrten interpretiert werden können. Dabei ist die "institutionelle Islamisierung" noch nicht tief genug emotional verankert, so dass die tradierten Verhaltens- und Erlebensmuster immer noch handlungs- und erlebenssteuernd dominieren, wie bei den heutigen Modernisierungsproblemen, die zu Islamismus führen.

Darüber hinaus können je nach den Charakterzügen der Scheinbekehrten verschiedene Handlungsmotive wie Gier, Hab- und Machtsucht, Geltungsbedürfnis, Angst und Zorn verhaltenssteuernd gewesen sein und Verflechtungsdynamiken in Gang gesetzt und erhalten haben, die zum heutigen Islamismus geführt haben.

Aber die Psychogenese der Scheinbekehrten ergibt sich u.a., auch wenn man die Scheinbekehrung vor allem als inkongruente Nachricht begreift und danach fragt, welchen Vorteil ein solches Verhalten mit sich bringen könnte? Denn jede Nachricht beinhaltet vielfältige Botschaften, die entziffert werden müssen[4]:

1.   Ihre inkongruente Nachrichten können den Vorteil haben, dass sie sich nicht ganz festlegen, indem sie ihr Bekenntnis zu Gott und Mohammed als seinem Botschafter äußern.

Eine solche Kommunikation mit doppeltem Boden der Scheinbekehrten braucht nicht bewusst zu sein - oft sind es ihre unbewussten, uneingestandenen Wünsche, die sich durch  den nicht-sprachlichen Kanal zur Geltung bringen.

2.   Als Nachhinkeffekt des sozialen Habitus, die mit Übergangsspannungen und -Konflikte einher gehen, verweisen sie auf "zwei Seelen in einer Brust", weil der scheinbar Bekehrte mit sich selber nicht ganz im Reinen ist - so wie ursprünglich "Verwestlichte" in islamisch geprägten Gesellschaften, die zu Islamisten mutierten. Dabei zielen verschiedene Bestrebungen und Gefühle nicht am gleichen Strang. Es herrscht also eine ein inneres Durcheinander. Ihr Scheinbekenntnis zum Islam erweist sich so als ein Verschmelzungsprodukt aus zwei Botschaften.

Die inkongruenten Nachrichten der "Bekehrten" entstehen also vorzugsweise dann, wenn ihre Selbstklärung noch nicht zum Abschluss gekommen ist, sie sich aber trotzdem zu einem Bekenntnis veranlasst fühlen. Dies ergibt sich durch die Eroberung Mekkas durch Mohammed und der sich damit verschobenen Machtbalance, die sie als ehemalige Etablierten zu Außenseitern werden lässt.

3.   Außerdem kann jeder  "Bekenner" zugleich ein Empfänger sein, der es verfehlt, seine eigenen unterschiedlichen inneren Reaktionen auf Mohammeds Botschaft für sich selbst klar zu bekommen; bei dieser verfehlten Selbstklärung "des Bekenners", kann er auch nicht klar nach außen reagieren.[5] Seine Scheinheiligkeit ist also Funktion einer kognitiven und  emotionalen Dissonanz und Ausdruck der Verhaltenskomponente seiner Einstellung gegenüber der Botschaft und als solches ein Nachhinkeffekt seines sozialen Habitus.

In diesem Sinne sind die heutigen Islamisten und die "Scheinbekehrten" das Ergebnis der Ungleichzeitigkeit der institutionellen und sozial habituellen Entwicklung der Gesellschaften, die zur Entstehung eines dogmatischen Islams als Legitimationsgrundlage der Kalifate führen.

Ein Nachholen des sozialen Habitus bedeutet dann, die relativ rückständigen kognitiven, emotionalen und Verhaltenstendenzen ihrer Einstellung zu überwinden, d.h. realitätsangemessener zu denken, zu fühlen und zu handeln lernen. Dazu kann der Umorientierungsvorschlag von Dr. Azmayesh erheblich beitragen.


[1] Vergl. meine Beiträge über die Entstehung der „Islamischen Revolution“ im Iran: gholamasad.jimdo.com

[2] Glaubensaxiome sind Setzungen, die nicht erkenntnismäßig, sondern bekenntnismäßig festgestellt werden. Mit der dogmatischen Tradition des Islams, die als Orientierungsmittel ein Ersatz für fehlende Instinkte der Menschen ist, wurde über Jahrhunderte eine unschöpferische, starre Haltung reproduziert.

[3] Vergl. Norbert Elias, Zivilisation, in Bernhard Schäfer (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie, Opladen 1986, : 382ff.

[4] Vergl. Friedmann Schulz von Thun, Miteinander reden, Störung und Klärungen, Reinbek bei Hamburg, 200439, S. 31 ff.

[5] ibid, S. 15

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news-1021 Sun, 01 May 2016 18:46:21 +0200 Wende im Fall Taheri, Wende im Iran? http://mehriran.de/artikel/wende-im-fall-taheri-wende-im-iran.html mehriran.de - Mohammad Ali Taheri, Begründer des universellen mystischen Kreises im Iran, wird seit 2011 auf Grund verschiedener Anklagepunkte festgehalten. Sein Anwalt erklärte in einem Interview mit HRANA, dass die seinem Klienten auferlegte Geldstrafe von 9 Milliarden IRR bezahlt ist und er auf Grund dessen die Anwendung von Artikel 134 des neuen islamischen Gesetzbuches verlangt hat. Der Artikel bezieht sich darauf, dass ein Individuum sich nicht in mehreren Anklagepunkten verantworten muss und die Höchststrafe auf das Vergehen mit der schwersten Strafe beschränkt wird. Der Anwalt ist der Meinung, Taheris Freilassung auf Kaution, könnte dadurch endlich ernsthaft in Frage kommen. mehriran.de - Wie die Human Rights Activists News Agency im Iran (HRANA) übereinstimmend mit den Schilderungen eines Mitarbeiters der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI) aus London berichtet, gibt es wieder Bewegung im Fall Mohammad Ali Taheris. Der Begründer der universellen mystischen Kreise im Iran ist seit 2011 inhaftiert und wird mit immer neuen Vorwürfen konfrontiert, um ihn im Gefängnis zu behalten. Erst kurz vor seinem Entlassungsdatum Ende Januar wurde er mit neuen Vorwürfen konfrontiert. Laut seines Anwalts wurde seine Inhaftierung verlängert, da er eine erhobene Geldstrafe in Höhe von 9 Milliarden IRR (Iranische Rial = 260.000 €) nicht bezahlt hatte.

Seyed Mahmoud Alizadeh Tabatabaei, Anwalt von Herrn Taheri gab in einem Interview mit HRANA an: "Am 20. April 20. 2016 wurde die komplette Summe für das Vergehen von Herrn Taheri in 2011 auf das Konto der Justiz überwiesen." Alizadeh Tabatabaei wies darauf hin, dass die Verurteilung ungerecht war und argumentierte, dass sowohl aus den religiösen Grundsätzen heraus, als auch aus Sicht des Gesetzes: "Der Grund für die Bezahlung der Summe liegt darin, seine anhaltende Inhaftierung nach sechs Jahren - meist in Einzelhaft - zu beenden. Der Staatsanwalt und der Richter hätten mündlich zu verstehen gegeben, dass er immer noch im Gefängnis sei, da er die Geldstrafe vorher nicht entrichtet hatte."

Weiter gab er zu verstehen: "Meine Kollegen und ich verlangen die Anwendung von Artikel 134 des Strafgesetzbuchs und die Richtlinien des Berufungsgerichts und erwarten dessen Umsetzung durch das Gericht. Um eine weitere Verlängerung der ungerechten Inhaftierung meines Klienten zu verhindern und seine Freilassung zu beschleunigen, wurde die Strafe bezahlt und der Zahlbeleg wird dem Gericht vorgelegt."

Mohammad Ali Taheri wurde am 4. Mai 2011 in Gewahrsam genommen. Es liegen Anschuldigungen wie "ungesetzliche Eingriffe in Gesundheitsangelegenheiten und ärztliche Behandlungsmethoden", "Blasphemie", "ungesetzlicher Ehebruch", "nicht authorisierter Missbrauch akademischer Titel" und "Veröffentlichung subversiver Bücher und Texte" vor. Ein Revolutionsgericht verurteilte ihn zu 5 Jahren Haft, 9 Milliarden IRR (Iranische Rial = 260.000 €) Strafe und 74 Peitschenhieben. Weiterhin wurde ihm "Verderbtheit auf Erden" und "Irreleitung von Menschen" vorgeworfen. Trotz Ablauf seiner Haftzeit, haben die Behörden sich geweigert ihn zu entlassen und haben seine Inhaftierung einfach verlängert.

Hintergründe für die Haftverlängerung

Die Gründe für diese willkürlichen Haftverlängerung scheinen sehr undurchsichtlich zu sein. Vor allem sind westliche Beobachter verwirrt, ob der Zuständigkeiten und doppelten Spiele der Behörden im Iran. Der Fall Taheri hat für gewisse Kreise im Iran eine große Bedeutung. Sie möchten einen Präzedenzfall schaffen.

Wie Dr. Seyed M. Azmayesh, Menschenrechtler und Präsident der IOPHRI (International Organization to Preserve Human Rights in Iran) aufzeigt, wird der Fall Taheri sehr komplex durch die verborgenen Strukturen des Tiefenstaates. Der Fall beschäftigt, Politik, Staatsanwälte, mehrere Gerichte und Protagonisten, die außerhalb der Gerichtsbarkeit stehen, weil ein Gesetz die Handlungen und Aussagen dieser Personen unter der Maßgabe der Sicherung der sogenannten Islamischen Revolution im Iran deckt. Ihnen sichert das Gesetz Straffreiheit zu. Viele dieser Personen gehören zu einem Kreis um Modschtaba Khamenei, einem Sohn des Obersten Führers Ali Khamenei. Sie stehen Instituten vor, die ideologisch, strategisch und operativ agieren. Einmal in der Woche treffen sie sich mit Khamenei in seinem Haus und erhalten Unterweisungen von Ali Khameneis in seiner Ideologie, wie seiner Meinung nach eine "islamische Zivilisation" aussehen sollte. Stets gibt es auch geheime Anweisungen, durch welche Maßnahmen das Ziel vorangebracht werden sollte. So gehört zum Programm die Säuberung der Gesellschaft im Iran von Andersdenkenden. Sobald eine Bewegung eine bestimmte Größe erreicht hat oder bekannt und beliebt in der iranischen Gesellschaft zu sein scheint, wird sie angegriffen. So geht es den Baha'i, den Nematollah Gonabadi Sufis, Anhängern verschiedener säkular gesinnter Ajatollahs, z.B. Ajatollah Boroudscherdi oder eben Taheri und seinen Anhängern.

Im Fall Taheri setzt sich vor allem ein gewisser Mahmud Reza Ghasemi, Leiter eines Instituts zur Bekämpfung der Gefahr durch die Lehren Taheris, hinter den Kulissen für eine Verlängerung der Haft Taheris ein. Gleichzeitig hängen an ihm weitere Institute wie das von Mazâherieh Seif geleitete Institut für psychische Gesundheit und sowie das von einem Mullah Anhâri, der kürzlich der Zuhälterei überführt wurde, geleitete Institut für Islamische Lebenführung.

Der Oberste Führer über "Islamische Zivilisation"

Der Oberste Führer hingegen beginnt massvolle Worte in der Öffentlichkeit auszusprechen. Nicht mehr ein gewaltvoller Umsturz der dekadenten westlichen Gesellschaften steht im Vordergrund, sondern wie er in einer Rede am 25. April 2016 vor dem Hohen Rat Islamisch-Iranischer Paradigmen für Fortschritt festhielt: "Islamische Zivilisation bedeutet nicht Länder zu erobern, sondern der intellektuelle Einfluss, den wir dort gewinnen können."

Ob das nur leere Worte des Obersten Führers sind oder ob die Kettenhunde des Regimes wie Mahmud Reza Ghasemi ihr Handeln und Reden anpassen, kann sich an dem Fall Taheri und anderen Gewissensgefangenen zeigen. Freiheit für diese Menschen sollte erfolgen, um den Reden des Obersten Führers Glaubwürdigkeit zu verleihen.

 © Helmut N. Gabel für mehriran.de

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news-1020 Thu, 28 Apr 2016 11:16:07 +0200 Die Moderne mit Spiritualität versöhnen http://mehriran.de/artikel/die-moderne-mit-spiritualitaet-versoehnen.html mehriran.de - Bei der Veranstaltung "Das Paradox der zwei Islam Versionen" in Hannover, führten die Referenten aus, wie es dazu gekommen ist, dass der historische Islam über so lange Zeit den koranischen Islam in die Bedeutungslosigkeit abgedrängt hat und sich in vielen Köpfen zu einer Religion des Hasses und der brutalen Gewalt geformt hat. mehriran.de - Am Freitag, 22. April 2016 diskutierten der Soziologe Prof. Dawud Gholamasad, der Religionswissenschaftler Prof. Peter Antes zusammen mit dem Autor des Buches "Neue Forschungen zum Koran - Wie und warum es zu zwei gegensätzlichen Versionen von Islam gekommen ist", Dr. Seyed Mostafa Azmayesh aus Paris, einige Thesen seines Buches, die bisherige Dogmen unter Theologen und Islamgelehrten in Frage stellen. Die Veranstaltung fand an der Universität Hannover mit Unterstützung von Prof. Antes statt und wurde von dem Hannoverschen Verein Karamat e.V. organisiert.

Einige Erkenntnisse aus dem Abend auf den Punkt gebracht:

  • Durch Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte sind neue Perspektiven auf den Koran und die Zeit Mohammeds möglich geworden. So sind Fragmente von Koranexemplaren in den Universitäten Tübingen und Birmingham gefunden worden, die mit Hilfe der Radio-Carbon Methode datiert wurden und überraschend die bisherige These in Frage stellen lassen, der Koran sei erst 200 Jahre nach dem Tod des Propheten aufgeschrieben worden. Die Ergebnisse der Untersuchung des Koranfragments aus Birmingham weisen eindeutig auf eine Zeitgleichheit zu Mohammeds Lebenszeit hin. Das Tübinger Fragment scheint aus einer Zeit 20 Jahre nach seinem Tod zu stammen. Beide Fragmente sind im Hidschazi Schreibstil geschrieben, der in Mekka gepflegt wurde, während spätere Korankopien im Kufi Schreibstil geschrieben wurden, der sich aus dem Nabatäischen weiter entwickelt hat und bei jüdischen Gelehrten in Medina üblich war. Diese Gelehrten wurden nach Kufa (heute im Süden Iraks) umgesiedelt, wodurch der Stil seinen Namen bekam.
  • Das Arabische Alphabet hat sich über zwei verschiedene Linien entwickelt und kann bis 100 Jahre vor Mohammed nachgewiesen werden. Mohammed hat laut dem Koran schreiben und lesen können und hat das Schreiben und Lesen seinen Anhängern schon früh ans Herz gelegt, um ihren sozialen Verträge schriftlich und nachvollziehbar festhalten zu können. Sein Ziel war es, einen Paradigmenwechsel im Umgang miteinander auf Grundlage von zivilisatorischen Errungenschaften zu schaffen. Dies ist im Grunde erstmal gescheitert.
  • Mohammed hat, grob gesehen, zwei Phasen in seinem Leben gehabt. In der ersten Phase trat er als Lehrer eines spirituellen Schulungsweges auf, der in der ihn umgebenden Region auf einen sozialen Paradigmenwechsel durch ganzheitliche Bildung hinwirken wollte. Dabei hat er auf Methoden zurückgegriffen, die bereits Propheten wie Abraham, Jesus oder Mani angewandt haben. Mohammed hat diese Lehren auf Arabisch an seine Arabisch sprechende Umgebung weiter gegeben. In der zweiten Phase war er der Vorsteher Medinas und hatte ein offizielles Amt inne, so dass er versuchen konnte seine Sozialutopie umzusetzen.
  • Mächtige Gegner aus seiner nächsten Umgebung fühlten sich durch die Aufrufe zum Werte- und Paradigmenwechsel bedroht und trachteten Mohammed nach seinem Leben. Nachdem sie ihn und seine Gemeinschaft in Medina immer wieder angriffen, kam es dazu, dass sie sich ihm schliesslich ergaben und Lippenbekenntnisse abgaben, die Lehren des Korans zu akzeptieren. Doch schliesslich untergruben sie den Einfluss Mohammeds und setzten ihre Stammestraditionen unter dem Namen Islam fort. Diese Leute begründeten später die Omajaden Dynastie und eroberten große Teile der Welt, wohin sie ihre "beduinischen" Werte unter dem Namen Islam exportierten. Das Prinzip der Stammestraditionen unter der Flagge des Islams setzte sich auch in den später herrschenden Dynastien fort.
  • Nach und nach wurden die in die Lehren des hermeneutischen Koran eingeweihten Gefährten ausgeschaltet und statt des Korans wurden sogenannte Revâyat (Überlieferungen und Kommentare, die einige Theologen Mohammed zuschrieben) als Orientierungspol für die Muslime festgesetzt. Viele  Bücher und Texte aus der Zeit vor Mohammed wurden vernichtet und damit Spuren getilgt, den koranischen Islam besser zu verstehen. Forscher wie Hassan Basri ( 8. Jahrhundert) wurden ignoriert und Kommentatoren, die den Kalifen und Herrschern die nötige Legitimation verschafften, zu Leuchten der Religion erhoben.

Welche Relevanz haben all diese Thesen für die Herausforderungen Europas? Wie bringen uns diese Perspektiven in Bezug auf die vielfältigen Radikalisierungen einerseits und den Ängsten vor Überfremdung durch Flüchtlinge und Asyl-Suchende aus sogenannten islamischen Ländern weiter?

Wer bekommt die Deutungshoheit in Bezug auf Islam? Kräfte, die den historischen, Stammestraditionen fortsetzenden Islam als mit der Attitüde der Mächtigen durchsetzen wollen und die sich anderen Bekenntnissen, Lebensentwürfen und Weltanschauungen als höherwertig einstufen oder Vertreter eines koranischen Islam, der auf Gleichheit und Gleichbehandlung aller Menschen baut und auf die Entwicklung von Individuum und Gemeinschaft setzt?

Hier sind einige Überlegungen dazu zusammengefasst. Einen weiteren Ansatz formulierte Dr. Azmayesh mit der Notwendigkeit der Zeit Spiritualität mit der Moderne zu versöhnen. Er bescheinigte dem Koran das Potential, positive Signale im Umgang miteinander zu setzen. Es kommt darauf an, die hermeneutische Sprache des Korans verstehen zu lernen.

Eine Metapher aus dem Koran veranschaulicht das Gebot der Gleichbehandlung: Ganz gleich, ob Jude, Christ oder Heide bei einem muslimischen Kaufmann kaufen kommen, der Kaufmann darf nicht mit zweierlei Maß messen und heimlich manipulierte Gewichte einsetzen, um Nicht-Muslimen einen Nachteil zu schaffen. Er soll für jeden Käufer ohne Ausnahme das gleiche geeichte Gewicht verwenden.

Und das am Ende auf Persisch rezitierte Gedicht des Dichters Saadi gibt in wenigen Worten den Geist des Korans gemäß Dr. Azmayesh wider:

Bani Âdam (Die Kinder Adams)

Sa'adi Schirazi, ein persischer Dichter aus dem 13. Jahrhundert

Die Menschenkinder sind Brüder und Schwestern,
aus einem Stoff wie eines Leibes Glieder.
Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder,
dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wider.
Wenn andrer Menschen Schmerz dich nicht im Herzen brennet,
verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennet.

Human beings are members of a whole,
in creation of one essence and soul.
If one member is afflicted with pain,
other members uneasy will remain.
If you’ve no sympathy for human pain,
the name of human you cannot retain.

Les hommes font partie du même corps.
Ils sont créés tous d'une même essence.
Si une peine arrive à un membre du corps
Les autres aussi, perdent leur aisance
Si, pour la peine des autres, tu n'as pas de souffrance
Tu ne mérites pas d'être appelé Homme. 

Bàni âdam azâye yekdigarand

Ke dar âfarinesch ze yek goharand
Cho ozvi be dard âvarad ruzegâr

Degar ozvohâ ra namânad gharâr
To kaz mehnate digarân bi ghami
Naschâyad ke nâmat nahand âdami.

Nach der Veranstaltung führte eine Reporterin von DorrTV ein Interview mit Prof. Antes und mit Prof. Dawud Gholamasad zu den Thesen von Dr. Azmayesh auf Englisch.

Wie wird es weiter gehen?

Offizielle Buchvorstellungen von "Neue Forschungsergebnisse zum Koran"in Berlin, Gießen, Wien und Hannover im Mai/Juni und vertiefende Diskussionen werden bald hier bekannt gegeben.

© Mathilde Amar, 2016

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news-1019 Fri, 15 Apr 2016 00:55:06 +0200 Fatalismus oder Selbstverantwortung http://mehriran.de/artikel/fatalismus-oder-selbstverantwortung.html mehriran.de - In Vorbereitung auf die Veranstaltung "Das Paradox der zwei Islam Versionen" am 22.04.2016 in Hannover, stellt Prof. Gholamasad seinen Beitrag zur Kontextualisierung und Relevanz der neuen Forschungsergebnisse von Dr. Seyed Mostafa Azmayesh in Bezug auf die Entstehung des Korans und der Entwicklung zwei verschiedener Islame noch zu Zeiten Mohammeds zur Verfügung.

"Das Paradox der zwei Islam Versionen" am 22.04.2016 in Hannover

Zur Zivilisierung der Glaubensaxiome und Werthaltungen als einem Nachholeffekt des sozialen Habitus II

(Zu den  kommunikationspsychologischen Aspekten im Koran)[1]

In meinem einleitenden Kurzbeitrag zur Eröffnung der Diskussion über die Forschungsergebnisse von Dr. Azmayesh über „Koran und Islam“ möchte ich zunächst thesenartig auf einen Zivilisierungsschub der religiösen Orientierung im nachrevolutionären Iran hinweisen, die ich als eine der unbeabsichtigten Folgen der Islamisierung der Revolution bezeichne; und als einen Nachholeffekt des sozialen Habitus der involvierten Menschen auffasse. Das bedeutet, dass ich die postrevolutionäre institutionelle Ent-Demokratisierung und den De-Zivilisierungsschub als einen Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der Mehrheit der sozialen Träger der Revolution begreife.[2] Als solche ist die „Islamische Republik“ der erste „Islamische Staat“ nach einer langen Modernisierungsphase in jüngster Geschichte.

Mit dem Zivilisierungsschub der Glaubensaxiome[3] der Gläubigen geht eine Transformation ihrer Werthaltungen – als zentrale Elemente der Kultur – einher, die den durch Instinktreduktion und Verhaltensunsicherheit gekennzeichneten Menschen, als generelle Orientierungsstandards dienen.

Diese Zivilisierung der Glaubensaxiome und Werthaltungen wäre aber ohne die traumatischen Erlebnisse der Menschen im nachrevolutionären Iran kaum vorstellbar gewesen. Mit den schmerzhaften Erfahrungen einer religiös legitimierten totalitären Herrschaft entstand ein massenhaftes Bedürfnis nach einer religiösen Umorientierung, das von den sich als „religiöse Innovatoren“ („Noandischan-e Dini“) bezeichnenden Islamforschern befriedigt wird.

Diese Zivilisierung des Islamverständnisses, die sich in einer religiösen Umorientierung manifestiert, ergab sich aus den Reformierungsversuchen des Islams u.a. durch neue hermeneutische Koran-Rezeptionen in seinem historischen Kontext unter Berücksichtigung der linguistischen Aspekte der Koran-Interpretation, da die Sprache die Welt ist, wie die Menschen sie erfahren. Zu diesen Reformationsversuchen gehören auch die Forschungen von Dr. Azmayesh.

Einer der Aspekte der Zivilisierung der religiösen Orientierung offenbart sich vor allem in einem „barmherzigen Gottesbild“ gegenüber dem unbarmherzigen und blutrünstigen Gottesbild der herrschenden Islamisten im Iran. Damit wird eine „Religion der Barmherzigkeit“ der „unbarmherzigen Religion“ der Islamisten entgegengesetzt.

Um die Bedeutung der Zivilisierung des Gottesbildes zu begreifen, muss man die Zivilisierung als eine gerichtete Entwicklung individueller Selbstregulierung momentaner trieb- und affektbedingter Verhaltensimpulse oder deren Umleitung auf sekundäre Ziele und deren Sublimierung begreifen. Diese ist eine Veränderung des sozialen Habitus bzw. der Persönlichkeitsstruktur der Menschen in Richtung auf ebenmäßigere, allseitigere und stabilere Selbstkontrollmuster. Dieser gerichtete psychische Transformationsprozess führt zum Strukturwandel des Seelenaufbaus der Menschen, zu dem auch die Gewissensbildung gehört.[4]

Ohne sich je von Fremdzwängen völlig loszulösen, gewinnen außerdem die Selbstzwänge gegenüber den Fremdzwängen größere Autonomie. Zu diesen Fremdzwängen gehören auch die religiösen Phantasien und Mythen sowie Götter.

Die Götter haben auf früheren Entwicklungsstufen, also etwa auf den durch Stämme und andere vorstaatliche Überlebenseinheiten repräsentierten Stufen Funktionen, die auf späteren Stufen in weit höherem Maße vom individuellen Gewissen und Verstand erfüllt werden. Für die heutigen gottesfürchtigen Gläubigen hat ihr Gott daher eine gewisse forensische Gewissensteilfunktion, dessen Zivilisierung eine entscheidende Bedeutung zukommt; damit können Menschen mit sich selbst und mit anderen Menschen friedlicher leben.

Dazu kommt einer realitätsangemesseneren Darstellung der Anfangsgeschichte des Islams sowie der Biografie des Gründers des Islam, Mohammed, eine entscheidende Bedeutung zu, weil er und seine tradierten Verhaltens- und Denkweisen für die gläubigen Muslime einen fremdzwangsartigen Vorbildcharakter haben.

Damit werden dem Islamismus als einer globalen Herausforderung alternative Lesarten des Islams als eines Wandlungskontinuums entgegengesetzt. Denn der Koran ist nicht nur geschrieben; er muss auch gelesen werden. Damit wird das nicht mehr lebendige Wort wieder lebendig. Denn Lesen und Denken sind Lebensäußerungen und verleihen den Worten das Leben, das sie verlieren, sobald sie niedergeschrieben worden sind.

So kann man die Aussage, Mohammed sei der letzte Gesandte Gottes gruppencharismatisch auslegen und wie die Islamisten „als auserwählte Kinder Gottes“ die Weltherrschaft beanspruchen. Oder sie als Beginn der Aufklärung im Sinne Kants als „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ begreifen; und dabei den Wahlspruch der Aufklärung bedienen: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“[5]

Wir lesen, dass wir uns Gottes Gesetze unterwerfen sollen im Sinne der Islamisten als einer Unterwerfung unter die Scharia; oder diese als Naturgesetze entdecken und befolgen; bzw. als soziale Regelmäßigkeiten wie z.B. der Zivilisation erkennen und uns entsprechend den Zivilisationsstandards - als moralphilosophisch begründeten Gebote und Verbote - benehmen. In diesem Sinne folgen wir verantwortungsbewusst den Natur- und Humanwissenschaftlern sowie den Moralphilosophen als neuen Propheten, die durch Paradigmenwechsel immer erneut ersetzt werden. Dabei können wir im Sinne Aristoteles ein Gebot A nicht als etwas Gutes befolgen, weil es Gott geboten ist; sondern weil das Gebot A im Sinne des Zivilisationsstandards gut ist, uns von Gott auferlegt wurde.

Wir können uns fatalistisch dem von Gott bestimmten Schicksal hingeben oder unser Schicksal als Ergebnis der selbstverantwortlichen Lösung der vom Leben gestellten Aufgaben begreifen.

Wir können Sure 4, Vers 62 im Koran: „Oh ihr, die glaubt, gehorchet Allah und gehorchet dem Gesandten und denen, die Befehl unter euch haben“ so auslegen, wie die Theologen, die Jahrhunderte lang die „orientalische Despotie“  als Usurpatoren begriffen, aber trotzdem als  „Schatten Gottes auf Erde“ und Garanten der Ordnung und der Unterbindung der Anarchie legitimierten. Oder wie Chomeini als Begründung der Notwendigkeit der Hierokratie heranziehen, weil die Menschen angeblich unmündig seien und eines Vormundes bedürfen. Und solange der entrückte zwölfte Imam Mahdi nicht wieder erscheint, komme diese Aufgabe der Geistlichkeit zu[6].

Schließlich kann man auch, die Volkssouveränität als Grundprinzip einer demokratisch verfassten Gesellschaft vorausgesetzt, daraus eine Parlamentarische Demokratie  legitimieren.

Es ist also nicht nur geschrieben; es muss auch gelesen werden. Darauf kommt es an.

Was aber die Lesart von Dr. Azmayesh vor allem kennzeichnet, ist eine kommunikationspsychologische Interpretation der Bekenntniszusammenhänge im Koran, wie ich sie verstehe. Dies wäre ohne sein historisches Wörterbuch des Korans nicht angemessen möglich gewesen, wenn er die vier Dimensionen dieser Kommunikation[7] differenziert aus dem Munde Mohammeds berücksichtigen wollte. Im Unterschied zur sonst üblichen dogmatischen und buchstabentreuen Lesart, muss die kommunikationsdiagnostische Lesart der Botschaft Mohammeds folgende vier Dimensionen seines Kommunikationszusammenhanges mit seinen Gegnern und den scheinbar Bekehrten berücksichtigen, wie sie im Koran vermittelt werden:

1.    Den inhaltlichen Aspekt, d.h. worüber gegenseitig gesprochen wurde,

2.    Den Selbstoffenbarungsaspekt, d.h.. was gegenseitig von sich selbst kundgegeben wurde,

3.    Den Beziehungsaspekt, d.h. was die Kommunikationspartner gegenseitig von einander gehalten haben,

4.    Den Appellaspekt, d.h. wozu sich die Kommunikationspartner veranlassen wollten.

Nur so können die abweichenden Ziel- und Zwecksetzungen der Bekenntnisse Mohammeds und seiner Bekehrungsversuche  und der seiner Gegner und der scheinbar Bekehrten aus den Koran-Versen heraus destilliert werden. Dabei können die abweichenden persönlichen Zwecksetzungen der scheinbar Bekehrten und den von Mohammed vorgegebenen Leitbilder der Gläubigen unterstrichen werden, um die weitere Geschichte des Islams als eines Wandlungskontinuums im Sinne der Etablierung eines Herrschaft legitimierenden Domas zu begreifen. Denn „man fragt nicht, woher, durch welche Ursache sich das menschliche Handeln bestimmt, sondern man fragt, wozu, im Dienste welches Zweckes verhält sich der Mensch so, wie er sich verhält.“[8]  


[1] Einführung der Diskussion der Forschungsergebnisse von Dr. Azmayesh  über Koran und Islam am12.4.016 in Hannover.

[2] Vergl. meine Beiträge über die Entstehung der „Islamischen Revolution“ im Iran: gholamasad.jimdo.com

[3] Glaubensaxiome sind Setzungen, die nicht erkenntnismäßig, sondern bekenntnismäßig festgestellt werden. Mit der dogmatischen Tradition des Islams, die als Orientierungsmittel ein Ersatz für fehlende Instinkte der Menschen ist, wurde über Jahrhunderte eine unschöpferische, starre Haltung reproduziert.

[4] Vergl. Norbert Elias, Zivilisation, in Bernhard Schäfer (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie, Opladen 1986, : 382ff.

[5] Immanuel Kant; Ausgewählte keine Schriften, Hamburg 1965, S. 1ff

[6] Ajatollah Chomeini, Der islamische Staat, Berlin 1980, S. 33f., S. 60ff.

[7] Vergl. Friedemann Schulz von Thun, Miteinander reden, Bd. 1, Reinbek bei Hamburg, 2004, S.23ff.

[8] Fritz Künnkel, Die Arbeit am Charakter, Konstanz, Nachdruck 1975, S. 22.

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news-1018 Mon, 11 Apr 2016 17:44:26 +0200 Ein tieferes Verständnis des Korans ist das Gegengift für islamischen Extremismus http://mehriran.de/artikel/ein-tieferes-verstaendnis-des-korans-ist-das-gegengift-fuer-islamischen-extremismus.html mehriran.de - Die tragischen Ereignisse von Brüssel zeigen einmal mehr, wie islamischer Extremismus weiterhin an der Spaltung und Eroberung der westlichen Gesellschaften arbeitet. In meinem Buch "Neue Forschungsergebnisse zum Koran" habe ich bereits aufgezeigt, dass es sich nicht um ein neues Phänomen handelt. In der Tat reicht das Phänomen schon in die Lebenszeit des Propheten Mohammed, als er sich bemühte Islam-ol-Madani, den Islam der Zivilisiertheit einzuführen, im Gegensatz zum Islam-ol-Badawi, dem Islam der Stammesgesetze, der von jenen, die sich zwar zum äußerlich zum Islam bekannt hatten, doch in ihrem Innern den Stammesgesetzen und -traditionen anhafteten. Die Letzteren haben die Geschicke des gewöhnlichen Islams nach dem Tod des Propheten in ihre Hände genommen.

Da die Probleme, die durch Extremismus hervorgerufen wurden, schon Jahrhunderte alt sind, sollten Gesetzgeber und Politiker keine schnellen Lösungen erwarten, sondern sich auf nachhaltige Strategien konzentrieren. Dazu sollte man noch die Menschen berücksichtigen, die im Westen groß geworden sind und westliche Bildung genossen haben und sich von dieser Art von Ideologie hingezogen fühlen. Der Hang zu Radikalisierungen in den europäischen Gesellschaften, ist ein Thema, das nach Lösungen ruft.

Europäische Strategien und Maßnahmen gegen Extremismus sollten sich aus ihrem derzeitigen Zustand der Reaktion in eine strukturierte und nachhaltige Vorgehensweise entwickeln. Der erste Schritt auf diesem Weg  sollte darin bestehen, das Problem an der Wurzel zu packen. Dafür sollten wir die Quelle des Islam, den Koran und seine geistigen Lehren gut verstehen, um nicht Opfer von Fehlinterpretationen zu werden. Der Koran ist für alle verschiedenen muslimischen Fraktionen die gemeinsame Grundlage. Ein akkurates Studium und Verständnis seiner Lehren, sollte daher den Kern und die Seele des Textes untersuchen, um als entscheidender Referenzpunkt zur Unterscheidung des Islam-ol-Madani (zivilisierter Islam) von der fundamentalistisch-egoistischen Interpretation zu dienen.

Der zweite Schritt muss die Vorstellungswelt der Extremisten ergründen, um den Ursprung dieser Vorstellungen zu erkennen. Der Maßstab und Ansatz für die Betrachtung ist ein Blick auf die Einstellung gegenüber den Menschenrechten, die im Kern Toleranz und Gleichheit für alle enthalten. Wir können uns als Gesellschaft nicht still verhalten angesichts ausgrenzendem und intolerantem Verhalten. Leute, die Intoleranz fördern, betrachten unser Schweigen als Signal ihre eigene Propaganda zu verbreiten. Sie missbrauchen oft die Prinzipien der Demokratie, wie freie Rede, um Demokratie zu Fall zu bringen. Sie zielen darauf die Gesellschaft zu spalten.  

Wie können also heutige Entscheider mit den Gefahren von Extremismus und Spaltung umgehen?

Mein erster Vorschlag bezieht sich auf Bildung. Es erscheint mir wichtig, dass gewisse muslimische Gruppen innerhalb unserer Gesellschaft, die empfänglich sind für radikale islamistische Ideen, mit Werten der demokratischen Grundordnung und der allgemeinen Menschenrechte in Berührung kommen und deren Sinn als Grundlage unserer Gesellschaft verstehen und akzeptieren lernen. 

Ähnlich gilt es bei Immigranten und Einwanderern aus islamischen Ländern vorzugehen. Wir sollten ihnen vermitteln, dass der Koran, die Basis für den Islam, nicht nur mit den Werten von Frieden und Gerechtigkeit jenseits des Glaubens, des Geschlechts oder der Abstammung übereinstimmt, sondern dies eindeutig einfordert. Der Koran legt den Muslimen Verhaltensmaßgaben ans Herz, die mit diesen Werten korrespondieren, so dass sie nicht gegen die Lehren des Korans verstoßen, wenn sie diese Werte annehmen.

Für die Glaubwürdigkeit dieses Bildungsansatzes ist es relevant, dass Menschen, die diese Werte vermitteln sollen, die Grundsätze der Menschenrechte tief verinnerlicht haben. Durch verschiedene Bildungsmassnahmen gilt es dann vor allem die Haltungen und Vorstellungen derjenigen Menschen anzusprechen, die Stammestraditionen anhängen, welche den Prinzipien der allgemeinen Menschenrechte widersprechen und mit Islam in Verbindung gebracht werden.

Ausgegrenzte und isolierte Individuen in den Gesellschaften Europas sind für die Manipulationen der Leute mit einer extremistischen Agenda besonders anfällig. Sie fühlen sich ausgegrenzt, vernachlässigt, abgehängt oder unerwünscht und steigern sich in die Vorstellung hinein, dass der einzige Ausweg für sie darin besteht, Rache zu üben an der Gesellschaft durch Angriffe auf die Gemeinschaft oder sich denen anzuschließen, die uns ins Chaos stürzen wollen.

Ein Hauptpunkt gegen solchen Radikalisierungen vorzugehen, sollte einen inklusiver Zugang zu den Individuen sein. Sinnvolle Massnahmen dafür könnten gemeinschaftliche Aktivitäten sein, wie Sport oder Kunst in Begleitung einer ganzheitlichen und inklusiven Bildung. Diese Menschen brauchen eine positive Ermutigung ihr Leben in die hand zu nehmen und die Entwicklung eines Zugehörigkeitsgefühls.

Der Erfolg einer Vorgehensweise hängt sehr wohl von der Glaubwürdigkeit jener Menschen ab, die sie ersinnen und umsetzen. Damit Muslime in Europa und außerhalb Europas die Politik und die Vorgehensweisen Europas als gelungen betrachten, sollte die Außenpolitik Europas übereinstimmen mit den Werten der Gesellschaften in Europa, insbesondere hinsichtlich der Menschenrechte. Es kann nicht klug sein, Vorgehensweisen zu verfolgen, die diesen Prinzipien widersprechen. Handel zu betreiben mit Ländern, die grundlegende Menschenrechte der eigenen Bevölkerung mit Füßen treten, sollte unterlassen werden.

"Der Koran preist Frieden und Gerechtigkeit unabhängig von Glauben, Abstammung, Nationalität oder Geschlecht über die Maßen an." 

Dank einer globalisierten und stark vernetzten Welt, muss die Europäische Union sehr schnell handeln, um aufkeimende Konflikte rechtzeitig anzugehen. Der Bürgerkrieg in Syrien hat klar gezeigt, dass Europa nicht immun ist für die Folgen von Konflikten außerhalb seiner Grenzen. Im Moment ringen wir auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen mit den Herausforderungen einer sehr großen Anzahl an Flüchtlingen, die in sehr kurzer Zeit ankommen. Zugleich sind wir konfrontiert mit der Verbreitung extremistischer Ideologien. Die Außen- und die Innenpolitik Europas muss aktiv gegen den Einfluss extremistischer Regime und Organisationen vorgehen, die Terrorzellen in Europa bilden und nähren. Dies geschieht in sogenannten religiösen Zentren, wie wir es aus Dänemark und Großbritannien kennen.

Zuletzt weise ich auf die Verantwortung der Kommissionen hin, die an der Gestaltung der Vorgehensweise mit diesen Problemen beteiligt sind. Um die Ausbreitung von Islamophobie zu verhindern und einzudämmen, sollten die Mitglieder dieser Kommissionen ein tiefes und umfassendes Verständnis des Korans und des Islams erlangen, um ihre Vorgehensweisen aus dieser Expertise heraus glaubwürdig zu gestalten. Auf Grund der Tatsache, dass Europa eine Region mit offenen Grenzen ist, wäre es angebracht dieses Vorgehensweisen auf einer Pan-Europäischen Basis zu implementieren.

Durch gemeinsames und abgestimmtes Vorgehen und einem Erfassen des tiefen und authentischen Geistes des Korans wird es möglich gewalttätigen Extremismus von der Religion Islam zu unterscheiden. Diese Extremisten haben nicht wirklich Interesse daran, religiösen Unterweisungen Folge zu leisten, sondern bringen ihre fundamentalistische Agenda unter dem Vorwand und Deckmantel einer Religion, um ihre eigennützigen Ziele zu erreichen.

Seyed Mostafa Azmayesh

Religionswissenschaftler und Forscher auf dem Gebiet der Spiritualität und Gnostik. Er ist Autor einer Neuerscheinung mit dem Titel "Neue Forschungsergebnisse zum Koran". 

Originalveröffentlichung: Europesworld.org 

 

 

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news-1016 Mon, 11 Apr 2016 01:15:55 +0200 Erst kam Putin, dann kam Dugin in den Iran http://mehriran.de/artikel/erst-kam-putin-dann-kam-dugin-in-den-iran.html mehriran.de - Endzeitvisionäre aus Russland und dem Iran proben den Schulterschluss in Qom. Neue Phase im Machtkampf zwischen Khamenei und Rafsandschani. mehriran.de - Im Poker um die zukünftige Macht im Iran ist die letzte Schlacht noch nicht geschlagen. Aus den letzten Wahlen gingen die Reformer und US-Befürworter um Rohani und Rafsandschani gestärkt hervor. Doch die Hardliner suchen jetzt den Schulterschluss mit russischen Kräften. Während Rafsandschani, Rohani, Zarif und andere Mitglieder des Establishments im Iran für eine Öffnung Irans gegenüber dem Westen und vor allem gegenüber den USA plädieren, stemmen sich die Hardliner um den Obersten Führer Khamenei gegen den Abbruch der Feindschaft gegenüber dem "großen Satan" USA und stärken ihre Verbindungen zu Russland auf verschiedenen Ebenen.

Rafsandschani wieder Zielscheibe Khameneis

In einem Tweet von Hashemi Rafsandschani hieß es kurz nach den Wahlen im Iran "Die Welt von Morgen wird geprägt sein durch Gespräche und Verhandlungen, es wird nicht die Welt der Raketen sein." Das betrachten Hardliner als Verrat an der Revolution. Wenige Tage danach sprach Khamenei vor einer Gruppe von Maddah[1]. Sie dienen dem Regime als rhythmische Einpeitscher von Massen - manchmal um Massen im Allgemeinen aufzuputschen und manchmal zu spezifischen Anlässen, wenn es darum geht bestimmte Gruppen anzugreifen. Die Maddah putschen dann paramilitärische Bassidschi durch Hetzreden und vor allem rhythmische Rezitationen gegen vermeintliche Gegner und Verräter auf. Khamenei nahm indirekt Bezug auf den Tweet ohne den Namen Rafsandschanis zu erwähnen und folgerte: "Leute, die so etwas von sich geben, sind entweder nicht ganz bei Sinnen oder sie sind Verräter." Ali Khamenei träumt nach wie vor von der andauernden Revolution in Feindschaft zum "dekadenten Westen"und mit ihm verschiedene Hardliner, die ihre messianische Vorstellungen zu einer Ideologie der Strafe und Zerstörung für jeden Andersdenkenden stilisiert haben, um letztlich die Welt für die Wiederkunft von Jesus und den 12. Imam vorzubereiten. Und da es in einer Überlieferung heisst, dass die beiden im Augenblick der größten Ungerechtigkeit und des grausamen Blutvergießens auf Erden wiederkehren werden, fühlen sie sich verpflichtet alles für eine Verschärfung von Krisen und Chaos in der Welt zu tun.

Ein Abgeordneter des Parlaments aus Khorasan, Mohammad Javad Karimi Qoddousi, der auch Herausgeber eines Online Magazins, Bultan News, ist, gilt als Scharfmacher und ewiger Revolutionär. Er gilt als scharfer Kritiker des Atomabkommens und fordert Außenminister Zarif immer wieder auf, Details der Verhandlungen Preis zu geben und sich für die Verhandlungen zu rechtfertigen. Qoddusi bezeichnet Zarif als Verräter der Revolution und als Barjâm (jemand, der mit 5+1 konversiert hat). Nach Khameneis Rede vor den Maddah, forderte er das Ministerium für Sicherheit und Information auf endlich Dokumente zu veröffentlichen, die Rafsandschani als Verräter zeigen, um seine politische Laufbahn endlich zu begraben.

Dies kann als Gegenangriff gewertet werden, da die Hardliner schwach aus den Wahlen hervorgegangen sind. Khamenei fürchtet, dass Rafsandschani wieder Macht im Wächterrat gewinnt, der den nächsten Obersten Führer bestimmen wird und auch den aktuellen Führer absetzen könnte. Qoddusi zeigt sich als treuer Kettenhund, der bellt, wenn es brenzlig wird für den Hofstaat des Führers.

Nach Putin reist Dugin in den Iran

Im November 2015 reiste Präsident Putin in den Iran. Dort schloss er angeblich Wirtschaftsvorverträge bis zu 21 Milliarden Dollar ab. Nebenbei ging es auch um Syrien. Putin durfte sich von Khamenei ein Lob mitnehmen für Russlands "konstruktive Rolle" im Konflikt mit den Schergen des sogenannten IS (Daesh).

Auf Einladung einiger Köpfe um das inoffizielle Sprachrohr Khameneis, die Tageszeitung Kayhan, kam Ende März Alexander Dugin (im Anhang haben wir einige Links aufgeführt, die ein umfassendes Bild zu Dugin ermöglichen. Weniges gibt es auf Deutsch, einiges mehr auf Englisch und ganz aktuell Berichte von seinem Aufenthalt im Iran auf Persisch), ein illustrer Kommentator politischer Ereignisse, Autor, Ideologe und Endzeitpropagator in den Iran.

In Begleitung Payam Fazlinedschads[2], Mehdi Nassiris[3], Nader Talebzadehs[4] und anderen Kayhan und Khamenei nahe stehenden Ideologen reiste er nach Qom, der theologischen Hauptstadt der Schiiten. Im Farhangestan  Ulumeh-Eslami in Qom[5] (Kulturzentrum für Islamwissenschaften) soll er diesen Satz ausgesprochen haben: " Ich bin froh und sehr stolz darauf, im Zentrum der Kampfbemühungen gegen die Moderne zu sein. Für mich ist die Moderne gleich zu setzen mit Satanismus, Teufelsanbeterei!" Darüberhinaus führte er aus, warum er eine strategische Partnerschaft zwischen Russland und Iran gut heisst., denn beide seien gegen den "US-Amerikanischen" Einfluss in der Welt.  "Wir sind am Ende der Geschichte angelangt, weil die Welt an einem Höhepunkt der Dekadenz angelangt ist", führte er weiter aus. In dieser Aussage kann man den Grund sehen, warum Dugin in den Iran eingeladen wurde.

Rohani reist nicht nach Österreich

In dieser Phase sagte Präsident Rohani eine geplante Reise nach Wien ab. Scheinbar störte er sich an einer geplanten Demonstration von Regimegegnern in Wien. man kann vermuten, dass dieser Grund offiziell vorgeschoben wurde, doch könnte es auch sein, dass Rohani in dieser heiklen Phase der Angriffe gegen Rafsandschani, nicht außer Landes reisen wollte. Immerhin hatte es ja in Paris während seines Besuches auch Proteste gegeben. Seine Reise nach Pakistan, während des Anschlags in Lahore, fand auch statt. Khamenei werden die vielen Reisen Rohanis ins Ausland irritieren. Er fürchtet zu viele Kontakte mit den USA, möchte lieber, dass die Maddah die Bassidschi auf eine revolutionäre Haltung einschwören. Doch die Dekadenz, die Dugin im Chor mit den Hardlinern Irans dem Westen unterstellt, findet sich auch unter den Mullahs im Iran. Vor kurzem fiel ein Mullah bei seinen Schwiegereltern in Ungnade. Diese hatten einige Gespräche ihres Schwiegersohns Mohammed Reza Anhâri aufgezeichnet. Anhâri, Leiter eines Instituts, das mit dem Zentrum für Religionen und Weltanschauungen (Moasseseyeh Adyan va Feragh) verflochten ist, war einer der treibenden Kräfte in der Beschuldigungskampagne gegen den Alternativmediziner Mohammed Ali Tâheri. Die Aufzeichnungen belegen, dass er zusammen mit seinem Vater gewinnbringend einen Prostituiertenring führte. Er sah sich daraufhin gezwungen, von seinem Posten beim Institut zum Schutz der Gesellschaft vor den Anhängern und den Lehren Tâheris[6] zurück zu treten.

https://www.youtube.com/watch?v=-Fxaj8aT7Dw (Bericht auf Persisch)

https://www.youtube.com/watch?v=BFURoXeLKqg (Bericht auf Persisch)

4threvolutionarywar.wordpress.com/2016/04/02/dugins-guideline-the-day-of-iran/

islam-freemasonry.com/2015/03/23/traditionalism-politics-and-islam-today/

Alexander S. Duff in the American Interest über Heidegger, Fardid und Dugin: www.the-american-interest.com/2016/02/25/heideggers-ghosts/

Alexander Dugin, ein ehemaliger Politikprofessor der Moskauer Lomonossow-Universität und Mitbegründer der Nationalbolschewistischen Partei und später Gründer der Eurasischen Partei.

dugin.ru

"Wir haben dem Liberalismus einen globalen Dschihad erklärt, da der Liberalismus ebenfalls ein Kreuzzug gegen die Menschlichkeit ist."

Timo Stein über Dugin www.cicero.de/weltbuehne/eurasische-fantasien-die-antiwestliche-ideologie-putins-russland/58989

Silvio Duwe über Dugin www.heise.de/tp/artikel/44/44342/1.html

Boris Kálnoky in Die Welt www.welt.de/politik/ausland/article136928614/Putin-Ideologe-Dugin-will-Oesterreich-aufloesen.html

Krzysztof W. Rath in Vice

www.vice.com/de/read/erobern-eingliedern-und-anschliessen-alexander-dugin-marschiert-in-deutschland-ein-russland-putin-881

Dugins Vater war vermutlich ein Geheimdienstoffizier, der Groß- sowie Urgroßvater waren Militärs. Er selbst flog 1983 vom Staatlichen Luftfahrtinstitut, die Gründe sind umstritten. Einer von ihm selbst verbreiteten Legende zufolge hatte er aufgrund seiner familiären Beziehungen Zugang zu geheimen KGB-Archiven und studierte dort verbotene Literatur zu Themen wie Freimaurerei, Faschismus und Paganismus. Mit Sicherheit aber schloss er sich in dieser Zeit dem okkultistischen Mamleew-Zirkel an. Der Fantasy-Autor Yuri Mamleewhatte eine kleine Schar von Mystikern um sich versammelt, die ihre Freizeit im Wesentlichen mit schwarzer Magie, sexuellen Ausschweifungen, hartem Alkohol und rechtsradikaler Esoterik verbrachte. Die Männer nannten sich selbst ‚Schwarzer Orden der SS'. Hier lernte Dugin spätere Mitstreiter wie den Philosophen Evgenij Golovin kennen oder den Islamisten Gaidar Dschemal , aber auch Künstler wie Wenedikt Jerofejew (den Autor von Die Reise nach Petuschki).

Die Vereinigten Staaten stehen, laut Dugin, an der Spitze der Zivilisation der ‚ Atlantiker', die ihren Ursprung im sagenumwobenen Atlantis hat. Seefahrerkulturen wie Karthago waren Teil dieser atlantischen Ordnung, die seit Jahrtausenden einen geheimen Krieg gegen die ‚Eurasier' führt. Letztere entstammen dem mythischen Land des Nordens: Hyperborea (das schon in der Rassenlehre der NSDAP eine wichtige Rolle spielte). Ihre heutige Zentrale ist Russland.

Die Eurasier, zu denen auch das Römische Reich gehörte, sind seit jeher bodenständige Krieger, die sich ihren Wurzeln und der autoritären Ordnung verpflichtet fühlen. Damit stehen sie im Widerspruch zu den degenerierten Seevölkern, die keine Werte kennen, sondern nur Sodom und Gomorrha. Dieser fundamentale Konflikt rast mit bahnbrechender Geschwindigkeit auf sein Finale zu. Unsere Generation ist auserwählt, den „Endkampf" zu erleben – einen letzten Weltkrieg.

Christoph Kluge im leverage -magazine

www.leverage-magazine.com/hohepriester-der-apokalypse-der-unwahrscheinliche-aufstieg-des-alexander-dugin/

Christian Neef im Spiegel www.spiegel.de/spiegel/print/d-128101577.html

Dugin: Eurasien hat einen globalen Charakter, es ist ein Synonym für Multipolarität. Ich habe Anhänger selbst in Brasilien oder in China - überall dort, wo man gegen die unipolare amerikanische Dominanz ist. In diesem Sinne sind sogar diese Leute Eurasier. Zum engeren Begriff: Eurasien - das sind Russland und seine Partner. Die Türkei, Iran, China, Indien. Der postsowjetische Raum, der sogar die Mongolei einschließt. Und einen Teil Osteuropas - Bulgarien oder Serbien.

In einem Interview beschreibt Dugin seinen eigenen Werdegang und seine Zuordnungen: www.identitaere-generation.info/interview-alexander-dugin/

Klaus-Helge Donath bezeichnet Dugin als neuen Rasputin in der Rheinischen Post Online www.rp-online.de/politik/ausland/alexander-dugin-russlands-neuer-rasputin-aid-1.4893318

Kerstin Holm in der FAZ

www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/auf-diesen-mann-hoert-putin-12991924.html

Andrey Tolstoy and Edmund McCaffray

www.worldaffairsjournal.org/article/mind-games-alexander-dugin-and-russia’s-war-ideas

Mind Games: Alexander Dugin and Russia’s War of Ideas

Klaus-Helge Donath in der TAZ www.taz.de/!5044325/

Dugin, der Wanderprediger

Messianisches Russland und faulender Westen

Kurzum: Der faulende Westen steht einem messianischen Russland gegenüber, das sich für dessen mentale und geistige Erneuerung bereithält. Die orthodoxe Kirche übernimmt den Part der spirituellen Unterweisung und gibt Anleitung zur sich selbst bescheidenden Demut. Die Weltordnung gleicht in diesem Konstrukt einem „Spinnennetz“ (Dugin), in dem das Gegeneinander von Freund und Feind erst Dynamik generiert. Unschwer zu erkennen, dass die geistigen Väter dieser Gedankenwelt im antidemokratischen Denken der Weimarer Republik beheimatet sind. Blaupause ist die „konservative Revolution“ der 1920er, die der Wegbereiter des Nationalsozialismus war.

Wahid Azal in counterpunch

www.counterpunch.org/2016/02/10/dugins-occult-fascism-and-the-hijacking-of-left-anti-imperialism-and-muslim-anti-salafism/&nbsp;

Chaos Magic as the True Duginist weltanschauung

The misanthropic ideas of British occultist and satanist Aleister Crowley (d. 1947) do however inform both the Duginist world view and its contemporary praxis. Indeed it is within the worldview of Chaos magic specifically (which is a spawn of Crowley’s Thelemic philosophy) where much of the paradoxes and seeming contradictions of the Duginist weltanschauung – and especially in its Fourth Positionist catchall of ‘beyond right or left’ – must be sought, since this is (whether explicitly articulated or not) the actual animating locus of the Duginist far-right praxis, beginning with its choice of symbology, i.e. his Eurasian flag of eight white or yellow thunderbolts (or arrows) shaped in a radial pattern and set behind a black background. This symbol by itself is alternatively referred to in Chaos magic as the ‘wheel of chaos’, ‘the symbol of chaos’, ‘arms of chaos’, ‘the arrows of chaos’, ‘the chaos star’, ‘the chaos cross’, ‘the chaosphere’ or ‘the symbol of eight’. Somewhat reminiscent of the Thule Society and then Hitler’s own appropriation of the swastika from the writings of Theosophical Society founder H.P. Blavatsky (d. 1891), Dugin derives his design from the popularizations of it made by western Chaos magicians during the 1970s-1980s who themselves appropriated it from the work of British science fiction and fantasy novelist Michael Moorcock.

www.thenewamerican.com/reviews/books/item/22324-a-review-of-dugin-s-last-war-of-the-world-island

James Heiser, A Review of Dugin's "Last War of the World-Island"


[1] alischirasi.blogsport.de/2016/03/14/iran-der-ajatollah-und-der-trauerredner/

und mehriran.de/artikel/das-lumpengesindel-singt-elegien.html

[2] Payam Fazlinedschad arbeitet für das Kayhan Institut, das immer wieder Hetzschriften gegen unterschiedliche Gruppierungen herausgibt.

[3] Mehdi Nassiri war Vorgänger Hossein Schariatmadaris im Amt des Herausgebers von Kayhan. Nassiri gilt als Hardliner. Er verteidigt die Kleriker, die Ibn Arabi als Ungläubigen bezeichnen. Das ist eigentlich ein Sakrileg im Iran, denn der Revolutionsgründer Ayatollah Khomeini hat Ibn Arabi (Konzept der Einheit des Daseins) hoch geschätzt. An diesem Beispiel kann man sehr gut sehen, wie die Hardliner den ursprünglichen Geist und die Richtung der Revolution pervertiert haben. Äußerlich tun sie als würden sie Khomeini ehren, doch gehen sie eigentlich gegen die Lehren Khomeinis.

[4] Nader Talebzadeh ist ein iranischer Regisseur. Sein bekanntester Film heisst "Der Messias".

[5] Direktor des Farhangestan  Ulumeh-Eslami in Qom ist Mohammed Mehdi Mirbagheri.

[6] Moasseseyeh Nedschâte as al- Halghe

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news-1015 Thu, 10 Mar 2016 00:54:59 +0100 Die größten Irrtümer und Missverständnisse über Islam - Kapitel Hintergründe zu Dschihad http://mehriran.de/artikel/die-groessten-irrtuemer-und-missverstaendnisse-ueber-islam-kapitel-hintergruende-zu-dschihad.html mehriran.de - Hintergründe, Hinweise, Klärungen zu Koran und Islam. Wir veröffentlichen in mehreren Kapiteln eine allgemein zugängliche Schrift zu grundlegenden Fragen über Islam.  

Vorhergehende Kapitel:

Kapitel 1 - Einführung in den Begriff Islam

Kapitel 2 - Auslegungen des Korans

Kapitel 3 - Menschenrechte im Koran

Hintergründe zu Dschihad

Der Begriff Dschihad wird heutzutage nicht entsprechend seiner eigentlichen ursprünglichen Bedeutung verwendet. Wenn jemand heute über Dschihad spricht, schwingt eine sehr negative, ja sogar manchmal in Angst versetzende Konnotation mit, die mit "islamischem" oder "islamistischem" Terrorismus und Selbstmordangriffen in Zusammenhang gebracht wird.
Diese Risiken und Gefahren durch willkürliche Kommentare zu heiligen Schriften sind nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Den Koran, die Bibel oder die Tora kann man schnell mal lesen, aber eine sinnvolle Interpretation ist dann doch schwieriger, denn jede Person projiziert ihren geistigen Entwicklungsstand in ihre jeweilige Interpretation. Unreife Menschen werden durch ihre unmittelbaren Impulse beherrscht, sie leben im Zustand der Unwissenheit, auch wenn wir schon im 21. Jahrhundert sind. Ihre Auslegungen der heiligen Schriften wie Bibel, Evangelium und Koran entsprechen der oberflächlichen, materialistischen Stufe ihrer Fähigkeit zu be-greifen und zu denken. Man kann nicht das Buch dafür zur Rechenschaft ziehen, wenn die Interpretation schlichtweg falsch ist oder zu-mindest irreführend oder missverständlich.

Dschihad heißt "höchste Anstrengung". Die Wurzel dieses Begriffs ist jahd, was mit "Anstrengung", "Mühe", "Streben" übersetzt werden könnte. Jemand, der sich nicht unerheblich einsetzt, um ein wichtiges Ziel zu erreichen, ist ein mojahid. Der Begriff Dschihad und alle seine Ableitungen ist ein spezifisches Vokabular im Koran und wird darin 41 Mal verwendet.

Dschihad gehört zu den Säulen des Islam. Gemäß der sunnitischen Gelehrten gibt es fünf religiöse Verpflichtungen: Salat (tägliches Gebet), Zakat (religiöse Steuern), Soun (Fasten), Hadsch (Pilgerfahrt nach Mekka) und Dschihad (alle Bemühungen für Gott). Demgegenüber sprechen Schiiten von acht Säulen: Salat, Soun, Khoms und Zakat, Hadsch, Dschihad, Amr bil ma’rouf (sich vornehmen, gute Taten zu vollbringen), Nahi menal monkar (das Ego wird vom Ausführen schlechter Taten abgehalten). 

Im Koran werden Gläubige als Menschen beschrieben, die regelmäßig beten, ihre religiösen Steuern leisten und sich ernsthaft anstrengen, auf materielle Güter zu verzichten und ihr Ego auf dem Weg zu Gott zu überwinden. Anders gesagt sollte ein treuer Muslim die Bedeutung von Dschihad beachten und ausüben. Im Gegensatz zu der heute üblichen Anschauung gehört die religiöse Disziplin des Dschihad ganz und gar nicht zu den Techniken der Kriegsführung oder hat sonst irgendwie mit Krieg zu tun. Die im Koran verwendeten Worte für Krieg sind harb und getal sowie deren Ableitungen:

a) Harb ist ein Kampf, der von einer Person oder von einer Gruppe gegen moralische oder physische Feinde ausgeht. Zum Beispiel enthält die Sure "Die Kuh" (bakara) jenen Vers, in dem Wucher strikt abgelehnt wird.  

Doch Gott hat den Handel erlaubt und den Wucher verboten.
Sure 2, Vers 275.

O ihr Gläubigen! Fürchtet Gott und verzichtet auf noch ausstehende Wucherbeträge, wenn ihr wirklich an Gott glaubt! Wenn ihr das nicht tut, so wisst, dass ihr mit Gott und Seinen Gesandten in Fehde steht.
Sure 2, Verse 278-279.

Ein anderer Vers schildert:

Sooft sie Feuer zum Krieg (harb) gegen den Gesandten und die Gläubigen entfachen, löscht es Gott.
Sure 5, Vers 64.

b) Getal bedeutet "Krieg führen". Getal bekommt eine negative und zerstörerische Bedeutung, wenn der Krieg dazu dient, Gerechtigkeit zu verachten und die Rechte der Menschen zu unterdrücken.

Eine positive Note bekommt getal, wenn dadurch Leben und Würde beschützt werden sowie Güter und Gebäude beim Angriff eines unerbittlichen Feindes bewahrt werden. Gott hat den Muslimen erlaubt, Krieg zu führen, wenn sie sich "zurecht verteidigen" müssen. Dies geschah, als der Prophet und seine Gefährten gezwungen waren, Mekka ohne gerechtfertigten Grund, nur aus Angst um ihr Leben, zu verlassen. Sie wurden unzählige Male von ihren Gegnern angegriffen. Vers 39 aus der Sure "Die Pilgerfahrt" (hadsch) berichtet von diesem historischen Ereignis und verwendet dabei den Begriff getal und nicht dschihad.

Den Gläubigen, die von den Ungläubigen angegriffen werden, ist es erlaubt, zu kämpfen (yoghteloun), weil ihnen Unrecht geschehen ist. Gott kann sie gewiss siegen lassen.
Sure 22, Vers 39.

David und Goliath

Verschiedene Koranverse nehmen mit dem Wort getal Bezug auf die militärischen Auseinander-setzungen der Gefährten des Propheten, die sich wiederholt gegen angreifende Feinde zur Wehr setzen mussten. Ein Beispiel wird mit der Geschichte über den Kampf der Israeliten unter der Führung Davids gegen ihre Feinde, geführt von Goliath, gegeben.

Hast du nicht von den Häuptern der Kinder Israels nach Moses gehört, wie sie zu einem ihrer Propheten sprachen: "Setze einen König über uns, dass wir für Gottes Sache kämpfen (katala) mögen?" Er sprach: "Ist es nicht wahrscheinlich, dass ihr nicht kämpfen werdet, wenn euch Kampf verordnet wird?" Sie sprachen: "Welchen Grund sollten wir haben, uns des Kampfes für Gottes Sache (katala) zu enthalten, wenn wir doch von unseren Wohnungen und unseren Kindern vertrieben worden sind?" ... Ihr Prophet sprach zu ihnen: "Gott hat Saul - Talût - zu eurem König bestimmt." ... Sie sagten (als sie Goliath und seine Kämpfer erblickten): "Wir können Goliath und seine zahlreichen Kämpfer heute nicht bezwingen." Diejenigen unter ihnen, die darauf vertrauten, dass sie Gott einmal (am Jüngsten Tag) begegnen würden, sagten: "Wie oft bezwang eine kleine Schar mit Gottes Willen eine große!" Gott ist mit den Standhaften. ... Sie besiegten sie mit Gottes Verfügung. David (einer der Kämpfer Sauls) erschlug Goliath. Gott gewährte David nach Sauls Tod Herrschaft und Weisheit. Er lehrte ihn, was Er wollte.
Sure 2, Verse 245-251.

Im Anschluss an diese Verse folgert der Koran:

Wenn Gott es nicht so einrichtete, dass die guten Menschen die Bösen verdrängen und dass die Bösen einander bekämpfen, wäre die Erde voller Unheil.
Sure 2, Vers 251.

Und fügt hinzu:

Kämpft (gatelou) für die Sache Gottes, und seid euch dessen bewusst, dass Gott alles hört und alles weiß!
Sure 2, Vers 244.

Aus der Logik des Korans heraus kann man ableiten, dass Widerstand gegen Ungerechtigkeit, Überfälle und Barbarei berechtigt ist. Dennoch muss betont werden, dass der Begriff dschihad in diesen Versen nicht vorkommt, sondern getal oder mokateleh verwendet werden. Um es deutlich auszudrücken: Dschihad entspricht keineswegs einer militärischen Handlung, weder Angriff noch Verteidigung korrespondieren mit diesem Begriff.

Der Begriff dschihad bezeichnet eine "intensive Bemühung" und entspricht einer inneren individuellen Handlung, zu der die Gläubigen aufgerufen sind, um sich dem höchsten Ziel einer geistigen Schulung zum Schöpferischen (Gött-lichen, Gott, Allah) hin zu bewegen. Dazu liest man im Koran:

Den Gläubigen, die sich für Unsere Sache einsetzen (jahadou), zeigen Wir Unsere Wege. Gott ist gewiss mit den Rechtschaffenen, die sich eifrig um gute Werke bemühen.
Sure 29, Vers 69.

In der gleichen Sure ergänzt dieser Vers die Erläuterung:

Wer da strebt (dschihad), strebt nur für seine eigene Seele; er erzieht seine nafs. (Man jahada faennama youiahid le nafseh)
Sure 29, Vers 6.

Somit stellt dschihad ein Ringen dar, das jeder Gläubige in seinem Innern durchführt. Er ringt mit seinen primitivsten Affekten und instinktiven Trieben. In diesem heftigen und mühevollen Ringen strebt der Gläubige danach, in sich selbst menschlichere und ritterlichere Eigenschaften und innere Haltungen wie Partnerschaftlichkeit, Liebe, Großzügigkeit, Beharrlichkeit, Toleranz zu entwickeln und zerstörerische Impulse wie Eifersucht, Neid, Hass, Gemeinheit oder Ver-bohrtheit zu unterbinden. 

Einziges Ziel dschihad zu betreiben, ist der Kampf gegen die nafs (Ego). Der Begriff nafs bezeichnet eher impulsgetriebene oder triebgesteuerte Regungen, was wir gemeinhin mit selbstsüchtig umschreiben könnten. Nafs sind instinktive Im-pulse in uns, die sich selbst überlassen, sich als Barbarei, Obskurantismus und Ignoranz aus-wirken können.

Nafs sind die primitivsten Schichten der Gattung Mensch, die mit dem sogenannten "Reptilien-hirn"[1] verbunden sind. Durch die Tätigkeit dieser primitiven Hirnfunktionen verbleibt die Menschheit im Allgemeinen unter den Gesetzen eines un-kultivierten Lebens in der Wildnis. Nafs stehen im völligen Gegensatz zu allem Gött-lichen, Schöpferischen und Geistigen.

Fariduddin Attar[2] vergleicht die Eigenschaften der nafs mit einem Dschungel, der durch verschiedene Tiere wie dem wilden Wolf, dem schlauen Fuchs, dem lustvollen Bär, dem aggressiven Tiger, der Schlange, der Fledermaus, dem Skorpion und anderen bevölkert wird. Die Pflicht des Gläubigen besteht darin, den un-kultivierten Wildwuchs seiner Persönlichkeit in einen Garten voller Duft und Blüten zu ver-wandeln. Maulana aus Balkh vergleicht die nafs mit einem Drachen, den siebenhundert Köpfe zieren, die sich allesamt gegen den Himmel stellen.

Gott hat die Propheten gesandt, um die Menschen um sie herum aus dem Schlaf der Selbstsucht zu wecken und auf die Quelle der verborgenen Gefahren in uns hinzuweisen.

Im Koran steht:

Ich spreche mich von der Schuld nicht frei. Die Seele (nafs) treibt gewiss zum Bösen.
Sure 12, Vers 53.

Und (gedenket der Zeit) da Moses zu seinem Volke sprach: "O mein Volk, ... kehre dich denn zu deinem Schöpfer und merze deine Triebe aus (töte deine nafs).
Sure 2, Vers 54.

Eigene Triebe (nafs, Antreiber zerstörerischer Handlungen ammara bissou) im Zaum halten lernen, ist eine unerlässliche Bedingung für die Entwicklung der Seele zu edleren Werten der Menschlichkeit, Einigkeit und Geistigkeit. Indem diese erste Hürde überwunden wird, kann eine Person nach und nach ihre geistige Realität verwirklichen und dem Bild Gottes entsprechen, um am Scheitelpunkt eines langen und beschwerlichen Prozesses ein wahrhafter Stellvertreter Gottes auf Erden zu werden.

Darum kann ein Gläubiger seine Waffe der inneren Hingabe nie aufgeben und diesem inneren Ringen nicht abschwören. Mystiker zeigen, wie man mittels dschihad Schritt für Schritt seine geistige Entwicklung so weit voranbringen kann, dass man auf der höchsten Stufe dem Bild Gottes im eigenen Herzen begegnet. Für einen spirituellen Schüler gilt dieser Zustand als sichere Garantie gegenüber den Launen der nafs.

Der erste Rat der Propheten an ihre Schüler bezieht sich auf dschihad, da diese hohe Anstrengung die Tore zur ganzheitlichen Reife öffnet. Daher gilt es, dschihad gegen unser eigenes Ego zu führen, da die nafs unsere mächtigsten Gegner sind. So lange wir unsere nafs nicht beherrschen lernen, wird eine Entwicklung unserer latenten seelisch-geistigen Fähigkeiten schwierig.

Unterscheidung verschiedener Dschihads

In der muslimischen Tradition (sunna) haben die islamischen Rechtsgelehrten, foghaha genannt, drei verschiedene Arten von Dschihad unterschieden. Der große Dschihad (dschihad al-akbar) bedeutet Selbstüberwindung oder das Ringen mit dem inneren Feind; der kleine oder geringere Dschihad (dschihad al-asgar) meint den Kampf gegen einen äußeren Aggressor, um seine Werte zu verteidigen und der edelste Dschihad hat den Beinamen al-afdal, was soviel heißt wie "die Wahrheit im Angesicht eines Unterdrückers aussprechen". (In einem von Muslim und Bukhari überlieferten Hadith). Aus einem Ereignis der ersten islam-ischen Kriege erfahren wir, wie wichtig der Wan-del in der Bedeutung und der geistige Aspekt von Dschihad  war. Eines Tages kam es zu einer Schlacht zwischen den Gefährten Mohammeds und einer heidnischen Stammesarmee, aus der die Muslime siegreich hervorgingen. Als die Feinde abzogen, sah Mohammed, dass die Muslime sehr zufrieden mit ihrem Einsatz und ihrem Sieg waren. Er sprach zu ihnen: "Von dieser geringeren Schlacht kehren wir nun zurück zu der großen Schlacht und betätigen uns im größten Dschihad (Farajena menal jihad alasgar ela aljihad alakbar)” [3]

Den Muslimen stockte angesichts dieser Antwort der Atem und sie riefen: “Aber das war doch der schlimmste Gegner, den wir je besiegt haben." Doch Mohammed antwortete: “Ganz und gar nicht. Euer größter Gegner ist in euch, jeder von euch wird das Ringen mit seinem eigenen Ego aufnehmen müssen (a ’da adovokom alnafs allati baina djanbeikom).” Dazu bemerkt Maulana[4]:

"Den Löwen betrachte als beherzt, der sich selbst überwindet und nicht jenen, der sich in die Reihen der Gegner stürzt.


[1] Paleocortex, einem sehr alten Teil des menschlichen Hirns.

[2] Persischer Mystiker und Dichter des 13. Jahrhunderts.

[3] (Ein von Bayhagi zitiertes Hadith, das auch bei dem großen Gelehrten, Mystiker und Dichter Rumi Maulana in seinem Mathnavi Band I zu finden ist).

[4] Masnawi, Bd I, Seite 38. Übersetzt aus dem Masnavi Mirkhani (Tehran, 1953).

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news-1012 Tue, 08 Mar 2016 15:40:41 +0100 Dialog im Europäischen Parlament: "Wie wir unsere Gesellschaft vor islamistischem Extremismus schützen können" http://mehriran.de/artikel/dialog-im-europaeischen-parlament-wie-wir-unsere-gesellschaft-vor-islamistischem-extremismus-schuetzen-koennen.html mehriran.de - Am Dienstag, 1. März 2016, veranstaltete ICC (Intercultural Center) in Brüssel eine Konferenz mit dem Titel "Wie wir unsere Gesellschaft vor islamistischem Extremismus schützen können". Abgeordnete des Europäischen Parlaments, Tunne Kelam (MEP aus Estland) und László Tökes (MEP aus Ungarn) unterstützen den Dialog. Eingeladen waren Dr. Seyed Mostafa Azmayesh aus Paris und Prof. Miklós Maróth aus Budapest ihre Sichtweise zu Islam, Demokratie und Extremismus vor einer breiten Zuhörerschaft innerhalb des Europäischen Parlaments darzulegen.
Die beiden Abgeordneten Tökes und Kelam brachten als Einleitung die Sorgen der Europäer in Bezug auf islamischen Extremismus zur Sprache. Anschliessend sprach Prof. Miklós Maróth über Islam und Demokratie. Er gab einen kurzen Überblick über islamische Herrschaftspraxis von der Dynastie der Omajaden bis in die Jetztzeit. Weiterhin verglich er islamische Regierungen mit Regierungsformen in christlichen Ländern seit der Zeit des Römischen Reichs zu unseren heutigen Demokratien.

Er ging auf historische Vergehen sowohl islamischer als auch christlicher Regierungsformen ein und zog den Schluss, dass es heute aus kulturellen Gründen unangebracht sei für christliche Regierungen ihre Regierungsform islamischen Nationen überzustülpen.

Der zweite Teil der Veranstaltung verlief in einem Frage und Antwort Format. Die Moderatorin stellte Dr. Azmayesh, dem Gründungsmitglied des Intercultural Centres, einem gemeinnützigen Verein aus dem Vereinigten Königreich, der sich der Verständigung der Kulturen und der Überwindung Integrations hemmender Faktoren verschrieben hat, einige Fragen. Der Religionswissenschaftler und Koran-Experte Dr. Azmayesh gab zu bedenken, dass die islamischen Regierungesformen seit der Zeit der Omajaden, niemals die im Koran vertretenen Werte einer islamischen Zivilisation repräsentiert haben. Er wies darauf hin, dass der Koran in der gesamten Geschichte islamischer Regierungen durchgehend ignoriert wurde. Stattdessen setzte sich eine Regierungsform durch, die auf Werten und Traditionen der arabischen Stämme in der Region aus der Zeit vor dem Islam begründet war. Die koranischen Werte und Prinzipien einer muslimischen Gesellschaft finden sich in einigen Versen, die von Gerechtikeit handeln, wenn Gleichheit für alle, unabhängig von Rasse, Religion oder Geschlecht etabliert sind. Dazu findet sich im Koran das Bild einer Waage, welche den Stellenwert der Gleichheit und Gleichwertigkeit hervorhebt.

Wie auch heutzutage üblich, interpretieren die Richter die Gesetze eines Landes gemäß dem Sinn der Verfassung oder des Grundgesetzes des jeweiligen Landes. In ähnlicher Weise müssen die Koranverse im Rahmen des göttlichen Ziels oder im Geiste der Verse betrachtet werden. Diese Werte oder dieser "Geist" bezieht sich auch auf die Bedeutung des Wortes Islam, das innere Ruhe oder Frieden bedeutet. Die muslimische Begrüßungsformel "Salam" basiert auf dem Wort für Frieden. Der Koran weist alle Muslime an, jedem Menschen mit dem Wunsch nach Frieden ohne Rücksicht auf ihre oder seine Religion zu begegnen. Im Sinne der koranischen Werte ist es für einen Muslim nicht hinnehmbar, die Religion oder den Glauben eines Menschen in Frage zu stellen. Unter Berücksichtigung der Prinzipien der inneren Ruhe (Salam) und aus dem Geiste des Korans heraus, ist es klar, dass alle Vorwürfe gegen den Koran und alle barbarischen Handlungen im Namen des Islam ausschliesslich Ergebnisse eines Missbrauchs der koranischen Texte sind.

Dr. Azmayesh, Autor von "New Researches on the Quran", verwies auf sein Buch, in dem er klar darlegt, dass selbstsüchtige Interessen einiger Machthaber dazu geführt haben, dass die Koranverse nach ihrer politischen Agenda ausgelegt wurden und der heutige islamistische Extremismus ein Ergebnis dieser jahrhundertelangen Falschauslegung der Koranverse ist. Tatsächlich zeigt sich, dass schon in der Entstehungszeit des Islams zwei antagonistische Versionen einer Religion unter einem Namen in die Welt kamen.

Die zwei sich widersprechenden Islam Versionen

Azmayesh beschreibt in seinem Buch "New Researches on the Quran", wie es zu zwei sich widersprechenden Islam Versionen gekommen ist. Darüber sprach er auch im weiteren Verlauf der Veranstaltung. Eine Version nennt er Islam-Madani (Der Zivilisations-Islam). Sie basiert auf den koranischen Werten. Die zweite Version nennt er Islam of Badavi oder Islam der Stammestraditionen. Die heutigen Extremisten seien kein neues Phänomen, laut Azmayesh. Selbst Mohammed hatte es zu seinen Lebzeiten mit Gruppen zu tun, die an ihren Stammesbräuchen anhafteten und die Koranverse nach ihrem Belieben auslegten, um die junge muslimische Gemeinschaft zu spalten und sich Mohammed zu widersetzen.

Azmayesh führte weiter aus, dass der Koran diese Widersacher in einer großen Anzahl von Versen kritisiert. Sie werden dort als Monafegh oder Heuchler bezeichnet. Diese Leute hatten sich nur durch Lippenbekenntnisse zum Islam bekannt, hingen jedoch an ihren Privilegien und in ihren Herzen waren sie nach wie vor den barbarischen Stammesbräuchen verschrieben. Die barbarischen Element dieses Stammes-Islams enthalten Ausgrenzungen Andersgläubiger, Herabwürdigung von Frauen, wirtschaftliche Ausbeutung und Sklavenhaltung, Befürwortung von Invasionen und Angriffskriegen, sich selbst im Vergleich zu anderen Völkern und Nationen als höherwertig zu betrachten, brutale Strafen für diverse Vergehen.

Im Koran finden sich Warnungen an Mohammed welche Gefahren diese Monafegh oder Heuchler darstellten, wenn sie sogar Moscheen errichteten, um ihre Version des Stammes-Islam zu predigen. Der Koran weist Mohammed an, diese Moscheen der Heuchler zu zerstören, um dem Stammes-Islam keinen Raum zu gewähren sich auszubreiten und zu behaupten Einssein und Gott als oberste Prinzipien zu pflegen. Doch wie Dr. Azmayesh schildert, setzte sich die Version des Stammes-Islam kurz nach Mohammeds Tod dennoch durch und wurde durch die Begründung der Omajaden Dynastie in ihrem Macht- und Führungsanspruch gefestigt.

Es gibt einige Handlungen, wie Steinigungen, Vielweiberei, Menschenrechtsverletzungen, aufgezwungene Verhüllung (Hidschab), Verletzung von Frauenrechten, Misshandlungen und Geringschätzung von Nichtmuslimen, die von manchen mit Islam in Zusammenhang gebracht werden. Doch laut Azmayesh haben diese Handlungen keinerlei Basis im Koran und hängen mit grundlegend falschen Auslegungen der Koranverse zusammen. Oft stammen diese Auslegungen aus der Hinzuziehung sogenannter Überlieferungen (Revayat), die man Mohammed oder anderen bedeutenden religiösen Figuren zuschreibt.

Diese Fehldeutungen sind so stark verbreitet in dem Islam, der sich heute verbreitet, dass sie sogar die Bedeutung des Wortes Islam korrumpiert haben. Die schlichtweg falsche Übersetzung des Wortes Islam lautet Unterwerfung. Wie oben erwähnt, meint Islam innere Ruhe. 

Nach der Beantwortung der Fragen der Moderatorin Beverley Eve, ging Dr. Azmayesh auf Fragen aus dem Publikum ein. Die meisten Fragen bezogen sich auf einen sinnvollen Umgang mit der Einwanderung von Muslimen und auf geeignete Massnahmen im Umgang mit Gefahren durch Extremismus. Dr. Azmayesh konnte aufzeigen, wie falsche Interpretationen des Korans die Basis extremistischer Ideologien bilden. Auch tragen die manipulativen Beeinflussungen einer empfänglichen Gesellschaftsschicht durch extremistisches Gedankengut zur Gefahr bei. Somit müsse das Thema an der Wurzel angepackt werden. Ein Lösungsansatz dazu ist eine Aufklärung über die Inhalte des Korans und die koranischen Werte, die mit den Menschenrechten und dem Anspruch auf Gerechtigkeit für alle korrespondieren. Das wäre ein guter Anfang, um Hindernisse für ein friedliches Miteinander und eine gesunde Integration aufzulösen.

Wenn wir uns diese Mühe sparen wollten, könnten wir Zeugen werden eines weiteren Auseinanderdriftens unserer Gesellschaft und uns mit der Entwicklung einer Parallelgesellschaft mitten unter uns konfrontiert sehen, die demokratische Werte und Respekt vor den Menschenrechten und der Würde des Einzelnen ablehnen.

Dr. Azmayesh stellte klar, dass dieser Aufklärungsprozess nicht einfach sein wird. Für Aussichten auf Erfolg bedarf es der Unterstützung durch nationale Regierungen, gerade in der Phase, wenn Leute aus Ländern über die Grenzen strömen, in denen extremistische Rhetorik, Hetze und falsche Koraninterpretationen weit verbreitet sind.

Die Tropfen und der Ozean

Die Veranstaltung war von der Ausstellung einer französischen Künstlerin begleitet, die in ihren Werken das Verhältnis zwischen den Tropfen und dem Ozean thematisiert.

Grund für die Ausstellung bei der Dialog Veranstaltung ist laut Dr. Azmayesh eine uralte Tradition, die sich schon im 3. Jahrhundert nach Christus bei dem Propheten und Lehrer Mani ibn Patak findet. Mani war auch Künstler und nutzte die Darstellungen, um seine Lehren zu visualisieren und auch Analphabeten zugänglich zu machen.

Man konnte erfahren, dass Dr. Azmayesh in seinem Buch Bezug nimmt auf Mani, der sich als wahren Apostel Jesu empfand. Prophet Mohammed muss durch seine Reisen mit einer manichäischen Gemeinschaft verbunden gewesen sei.

Der Redner ergänzte, dass die Thematik der Tropfen und des Ozeans eine symbolische Darstellung von Einheit und Vielfalt ist. Jeder Tropfen repräsentiert die individuelle Vielfalt, während der Ozean göttliche Einheit darstellt. Jeder Tropfen entstammt dem Ozean und kehrt wieder zum Ozean zurück am Ende seiner Reise, so wie die individuellen Seelen aus der himmlischen Sphäre stammen, wohin sie auch zurückkehren. Die Tropfen stellen die Vielfalt des individuellen Bewusstseins dar, während der Ozean die Einheit des universellen und des kollektiven Bewusstseins repräsentiert. 

Darüberhinaus wies Azmayesh in Bezug auf den Titel der Veranstaltung darauf hin, wie der Tropfen beim Eintreten in das Gefäß seines physischen Körpers durch das selbstsüchtige Ego eingefangen wird, das die Anschauung und Wahrnehmung von Vielfältigkeit manipuliert und zu einer Quelle extremistischer Ideologien macht, indem es sich einredet ein Tropfen sei höherwertiger als die anderen Tropfen. Dies ist eine Problematik, die von Anbeginn der Menschheit auftritt.

Nichtsdestotrotz, lässt Azmayesh seine Zuhörer wissen, ist die Botschaft des Korans von einem geistigen Standpunkt zu betrachten. Dieser Standpunkt betrachtet jede individuelle Seele als Tropfen aus dem gleichen Ozean. Extremistisische Sichtweisen negieren dieses Verhältnis durch Missbrauch des Korans und durch Verbreitung der irrigen Ideen einer Überlegenheit eines Tropfens über den anderen. Damit brechen sie den Zusammenhalt unserer Gesellschaft durch ihre von Intoleranz und Hass durchtränkte Reden. Die Zuhörer erfahren, dass gemäß den Lehren des Korans, jedes Individuum die Krone Gottes trägt - man könnte auch sagen mit der göttlichen Würde ausgestattet ist - wodurch keiner von uns dem anderen die eigene Meinung überstülpen kann. Dies gilt als ein Prinzip geistiger Ritterlichkeit. Die ausgestellten Bilder drücken dieses Verhältnis aus.

Zum Abschluss der Veranstaltung spielte das Heart Ensemble aus London mystische Rhythmen. Diese Rhythmen kommen zum Ausdruck durch das musikalisch-poetische Aufleben lassen von Gedichten einiger Sufi Meister. Diese Gedichte sind Ausdruck von Toleranz und Menschlichkeit. Der letzte Gesang brachte eines der berühmtesten Gedichte zu Gehör. Bani Âdam (Die Kinder Adams) von Sa'adi aus Schiraz: 

"Die Kinder Adams sind aus einem Stoff gemacht,
als Glieder eines Leibs von Gott, dem Schöpfer, erdacht.
Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder,
dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wider.
Ein Mensch, den nicht die Not der Menschenbrüder rührt,
verdient nicht, daß er noch des Menschen Namen führt."

Links zu Interviews um die Veranstaltung herum:

Dr. Azmayesh wird von DorrTV zu den zwei Versionen von Islam interviewt: Interview 1
Dr. Azmayesh wird von DorrTV zu dem Konzept der Tropfen und dem Ozean interviewt: Interview 2
Tunne Kelam wird von DorrTV zu den Ergebnissen der Veranstaltung interviewt: Interview 3

© Gyula Fekete für mehriran.de 

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news-1010 Sun, 06 Mar 2016 09:59:11 +0100 Conference on Extremism, Islam, Democracy - Interview with Dr. Seyed M. Azmayesh (1) http://mehriran.de/artikel/conference-on-extremism-islam-democracy-interview-with-dr-seyed-m-azmayesh-1.html mehriran.de - This is the first interview with the author of the book "New Researches on the Quran: Why and How Two Versions of Islam Entered the History of Mankind" during the conference on Extremism, Islam and Democracy at the European Parliament in Brussels on 1st of March 2016. news-1009 Sun, 06 Mar 2016 09:51:19 +0100 Conference on Extremism, Islam, Democracy - Interview with Dr. Seyed M. Azmayesh (2) http://mehriran.de/artikel/conference-on-extremism-islam-democracy-interview-with-dr-seyed-m-azmayesh-2.html mehriran.de - This is the second interview with the author of the book "New Researches on the Quran: Why and How Two Versions of Islam Entered the History of Mankind" during the conference on Extremism, Islam and Democracy at the European Parliament in Brussels on 1st of March 2016. news-1008 Sat, 05 Mar 2016 13:09:43 +0100 „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ http://mehriran.de/artikel/habe-mut-dich-deines-eigenen-verstandes-zu-bedienen.html mehriran.de - Einführungsvortrag von Professor Dawud Gholamasad zu der Veranstaltung "Sind Menschenrechte und Islam vereinbar?" am 4. März 2016 an der Universität Hannover anlässlich der Vorstellung einiger neuen Thesen zu Islam durch Dr. Seyed Mostafa Azmayesh aus seinem Buch über zwei Versionen von Islam. mehriran.de - Die von dem Verein Karamat e.V. organisierte Veranstaltung wurde durch die Einleitung von Professor Gholamasad in größere Zusammenhänge kontextualisiert. Den Wahlspruch der Aufklärung „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ bezeichnet Gholamasad als Beginn eines Reformationsvorhabens. Diese Aussage charakterisiert auch den Ton der Veranstaltung mit Dr. Hans-Michael Haussig als Dialogpartner von Dr. Seyed M. Azmayesh zu seinen Forschungen.

Dawud Gholamasad

Zur Zivilisierung der Glaubensaxiome und Werthaltungen als einem Nachholeffekt des sozialen Habitus[1]

In meinem einleitenden Kurzbeitrag zur Eröffnung der Diskussion über die Forschungsergebnisse von Dr. Azmayesh über „Koran und Islam“ möchte ich thesenartig auf einen Zivilisierungsschub der religiösen Orientierung im nachrevolutionären Iran hinweisen, die ich als eine der unbeabsichtigten Folgen der Islamisierung der Revolution bezeichne; und als einen Nachholeffekt des sozialen Habitus der involvierten Menschen auffasse. Das bedeutet, dass ich die postrevolutionäre institutionelle Ent-Demokratisierung und den De-Zivilisierungsschub als einen Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der Mehrheit der sozialen Träger der Revolution begreife.[2] Als solche ist die „Islamische Republik“ der erste „Islamische Staat“ nach einer langen Modernisierungsphase in jüngster Geschichte. 

Mit dem Zivilisierungsschub der Glaubensaxiome[3] der Gläubigen geht eine Transformation ihrer Werthaltungen – als zentrale Elemente der Kultur – einher, die den durch Instinktreduktion und Verhaltensunsicherheit gekennzeichneten Menschen, als generelle Orientierungsstandards dienen.

Diese Zivilisierung der Glaubensaxiome und Werthaltungen wäre aber ohne die traumatischen Erlebnisse der Menschen im nachrevolutionären Iran kaum vorstellbar gewesen. Mit den schmerzhaften Erfahrungen einer religiös legitimierten totalitären Herrschaft entstand ein massenhaftes Bedürfnis nach einer religiösen Umorientierung, das von den sich als „religiöse Innovatoren“ („Noandischan-e Dini“) bezeichnenden Islamforschern befriedigt wird.

Diese Zivilisierung des Islamverständnisses, die sich in einer religiösen Umorientierung manifestiert, ergab sich aus den Reformierungsversuchen des Islams u.a. durch neue hermeneutische Koran-Rezeptionen in seinem historischen Kontext unter Berücksichtigung der linguistischen Aspekte der Koran-Interpretation, da die Sprache die Welt ist, wie Menschen sie erfahren. Zu diesen Reformationsversuchen gehören auch die Forschungen von Dr. Azmayesh.

Einer der Aspekte der Zivilisierung der religiösen Orientierung offenbart sich vor allem in einem „barmherzigen Gottesbild“ gegenüber dem unbarmherzigen und blutrünstigen Gottesbild der herrschenden Islamisten im Iran. Damit wird eine „Religion der Barmherzigkeit“ der „unbarmherzigen Religion“ der Islamisten entgegengesetzt.

Um die Bedeutung der Zivilisierung des Gottesbildes zu begreifen, muss man die Zivilisierung als eine gerichtete Entwicklung individueller Selbstregulierung momentaner trieb- und affektbedingter Verhaltensimpulse oder deren Umleitung auf sekundäre Ziele und deren Sublimierung begreifen. Diese ist eine Veränderung des sozialen Habitus bzw. der Persönlichkeitsstruktur der Menschen in Richtung auf ebenmäßigere, allseitigere und stabilere Selbstkontrollmuster. Dieser gerichtete psychische Transformationsprozess führt zum Strukturwandel des Seelenaufbaus der Menschen, zu dem auch die Gewissensbildung gehört.[4]

Ohne sich je von Fremdzwängen völlig loszulösen, gewinnen außerdem die Selbstzwänge gegenüber den Fremdzwängen größere Autonomie. Zu diesen Fremdzwängen gehören auch die religiösen Phantasien und Mythen sowie Götter.

Die Götter haben auf früheren Entwicklungsstufen, also etwa auf den durch Stämme und andere vorstaatliche Überlebenseinheiten repräsentierten Stufen Funktionen, die auf späteren Stufen in weit höherem Maße vom individuellen Gewissen und Verstand erfüllt werden. Für die heutigen gottesfürchtigen Gläubigen hat ihr Gott daher eine gewisse forensische Gewissensteilfunktion, dessen Zivilisierung eine entscheidende Bedeutung zukommt; damit können Menschen mit sich selbst und mit anderen Menschen friedlicher leben.

Dazu kommt einer realitätsangemesseneren Darstellung der Anfangsgeschichte des Islams sowie der Biografie des Gründers des Islam, Mohammed, eine entscheidende Bedeutung zu, weil er und seine tradierten Verhaltens- und Denkweisen für die gläubigen Muslime einen fremdzwangsartigen Vorbildcharakter haben.

Damit werden dem Islamismus als einer globalen Herausforderung alternative Lesarten des Islams als eines Wandlungskontinuums entgegengesetzt. Denn der Koran ist nicht nur geschrieben; er muss auch gelesen werden. Damit wird das nicht mehr lebendige Wort wieder lebendig. Denn Lesen und Denken sind Lebensäußerungen und verleihen den Worten das Leben, das sie verlieren, sobald sie niedergeschrieben worden sind.

So kann man die Aussage, Mohammed sei der letzte Gesandte Gottes gruppencharismatisch auslegen und wie die Islamisten „als auserwählte Kinder Gottes“ die Weltherrschaft beanspruchen. Oder sie als Beginn der Aufklärung im Sinne Kants als „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ begreifen; und dabei den Wahlspruch der Aufklärung bedienen: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“[5]

Wir lesen, dass wir uns Gottes Gesetze unterwerfen sollen im Sinne der Islamisten als einer Unterwerfung unter die Scharia; oder diese als Naturgesetze entdecken und befolgen; bzw. als soziale Regelmäßigkeiten wie z.B. der Zivilisation erkennen und uns entsprechend den Zivilisationsstandards benehmen. In diesem Sinne folgen wir verantwortungsbewusst den Natur- und Humanwissenschaftlern als neuen Propheten, die durch Paradigmenwechsel immer erneut ersetzt werden. Dabei können wir im Sinne Aristoteles ein Gebot A nicht als etwas Gutes befolgen, weil es Gott geboten hat; sondern weil das Gebot A im Sinne des Zivilisationsstandards gut ist, uns vom Gott auferlegt  wurde.

Wir können uns fatalistisch dem vom Gott bestimmten Schicksal hingeben oder unser Schicksal als Ergebnis der selbstverantwortlichen Lösung der von Gott gestellten Aufgaben begreifen.

Wir können Sure 4, Vers 62 im Koran: „Oh ihr, die glaubt, gehorchet Allah und gehorchet dem Gesandten und denen, die Befehl unter euch haben“ so auslegen, wie die Theologen, die Jahrhunderte lang die „orientalische Despotie“  als Usurpatoren begriffen aber trotzdem als „Schatten Gottes auf Erde“ und Garanten der Ordnung und der Unterbindung der Anarchie legitimierten. Oder wie Chomeini als Begründung der Notwendigkeit der Hierokratie heranziehen, weil die Menschen unmündig seien und eines Vormundes bedürfen. Und solange der entrückte zwölfte Imam Mahdi nicht wieder erscheint, komme diese Aufgabe der Geistlichkeit zu.[6]

Schließlich kann man auch, die Volkssouveränität als Grundprinzip einer demokratisch verfassten Gesellschaft vorausgesetzt, daraus eine Parlamentarische Demokratie  legitimieren.

Es ist also nicht nur geschrieben; es muss auch gelesen werden. Darauf kommt es an.


[1] Einführung der Diskussion der Forschungsergebnisse von Dr. Azmayesh  über Koran und Islam am 4.3.016 in Hannover.

[2] Vergl. meine Beiträge über die Entstehung der „Islamischen Revolution“ im Iran: gholamasad.jimdo.com

[3] Glaubensaxiome sind Setzungen, die nicht erkenntnismäßig, sondern bekenntnismäßig festgestellt werden. Mit der dogmatischen Tradition des Islams, die als Orientierungsmittel ein Ersatz für fehlende Instinkte der Menschen ist, wurde über Jahrhunderte eine unschöpferische, starre Haltung reproduziert.

[4] Vergl. Norbert Elias, Zivilisation, in Bernhard Schäfer (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie, Opladen 1986, : 382ff.

[5] Immanuel Kant; Ausgewählte keine Schriften, Hamburg 1965, S. 1ff

[6] Ajatollah Chomeini, Der islamische Staat, Berlin 1980, S. 33f., S. 60ff.

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news-1005 Sun, 28 Feb 2016 11:55:20 +0100 Abdolvahab Shahidi - Navayi http://mehriran.de/artikel/abdolvahab-shahidi-navayi.html mehriran.de - Die Stimme der Sehnsucht erklingt in diesem Klassiker besonders intensiv. news-1004 Sat, 27 Feb 2016 21:28:33 +0100 Musik für Freiheit - Tag der Derwische in London http://mehriran.de/artikel/musik-fuer-freiheit-tag-der-derwische-in-london.html mehriran.de - Mehrere Ensembles aus Deutschland, dem Iran und Großbritannien spielten am Tag der Derwische (20. Februar 2016) für die Freiheit des Denkens und Glaubens weltweit. news-1003 Thu, 25 Feb 2016 01:16:19 +0100 Ist der Umsturz im Iran jetzt endgültig vollbracht? http://mehriran.de/artikel/ist-der-umsturz-im-iran-jetzt-endgueltig-vollbracht.html mehriran.de - Am Freitag sind Wahlen im Iran. Einer der größten Hoffnungsträger für Reformen im Iran ist von den Wahlen ausgeschlossen worden. Das "Ausschließregime" im Iran versucht die letzten formellen Voraussetzungen durchzuführen, um die Linie der Hardliner im Iran durchzusetzen.
mehriran.de - Warum Hassan Khomeini von den Wahlen zum Expertenrat ausgeschlossen werden musste. Am 9. Dezember 2015 kündigte Hassan Khomeini an, dass er bereit sei den Weg in die Politik zu gehen und sich für die Wahl in den Expertenrat 2016 aufstellen lassen wollte. Der Expertenrat ist die Institution, die den zukünftigen Obersten Führer wählen will. Doch seine Bewerbung wurde am 10. Februar 2016 vom Wächterrat abgelehnt.

Einige Kenner des Establishments im Iran und dessen Ideologie haben kürzlich Hoffnungen auf Veränderungen zum Besseren im Iran aufgegeben. Stattdessen betonen sie die ernsten Konsequenzen für das Land und die Region aus der Entscheidung den Enkel des Gründungsvaters der Islamischen Republik Iran von den Wahlen auszuschließen. Ein Enkel Khomeinis namens Hassan Khomeini, Theologe aus Qom, wurde von den Pragmatikern des Regimes als Trumpfkarte für die Zukunft eines nicht-revolutionären und friedlichen Iran betrachtet. Doch die Vorauswahl der Kandidaten zur Wahl für den Expertenrat (Majles Khobregan)[1] scheint getrieben von Voreingenommenheit und Parteilichkeit getrieben zu sein. Extremistische Mitglieder des für die Vorauswahl zuständigen Wächterrats (Shorâie Negahban)[2] haben das leuchtende Vorbild jener, die Hoffnungen auf substanzielle Verbesserungen im Iran hatten, in den Schatten der Bedeutungslosigkeit gestellt. Die Kräfte hinter der Fraktion Akbar Haschemi Rafsandschanis konnten ihr Ass im Ärmel nicht ausspielen. Wie ist das geschehen und welche Relevanz hat das? Wer sind diese Pragmatiker und wer sind die Extremisten?

Irans Machtzentren

Iran ist von jeher ein Land der Vielfalt und stellt ein Mosaik aus unterschiedlichen Kulturen, Religionen und ethnischer Herkunft dar. Vielfältige politische Interessen sind im Land vertreten. Vielfalt ist ein Thema das sich seit je her wie ein roter Faden durch den Iran zieht, aber auch brutale Bemühungen, abweichende Meinungen und Gruppen unter die Knute einer einzigen Ansicht zu zwingen.

Das aktuelle System im Iran ringt heftig um den Kurs für die Zukunft, mal wieder. Grob gesehen versuchen zwei gegensätzliche Kräfte innerhalb des Establishments, den Kurs des Staates seit Anfang der Revolution zu bestimmen.

Ajatollah Ruhollah Khomeini war der erste Oberste Führer des Landes nach der Revolution. Er vereinigte unterschiedliche Strömungen in Auflehnung gegen ausländische Mächte, den Kurs des Landes zu bestimmen. Die Revolution war zunächst so etwas wie ein nationales Erwachen. Das Gesicht Khomeinis und sein Name wurden zu einem Symbol für die Iraner und Menschen in der Region, sowie in der dritten Welt, die den Wunsch verfogten, den Einfluß der USA und ihrer Eigeninteressen vor Ort zurück zu drängen. Doch einige Jahre nach der Revolution wurde der Name Khomeinis von vielen Exiliranern und westlichen Beobachtern mit Blutvergießen, Gewalt und Ungerechtigkeit in Verbindung gebracht.

Khomeini hatte ein islamisches System auf Grundlage einiger republikanischer Elemente geschaffen und dem Land den Namen Islamische Republik Iran gegeben. An der Spitze des Staates installierte er die Stellung eines Obersten Führers, einer Person die den Verborgenen Imam[3] in seiner Zeit der Abwesenheit auf Erden vertritt. Diese Person sollte überragende theologische Qualifikationen vorweisen können. Der Oberste Führer ist eingebettet und hängt zusammen mit zwei weiteren Institutionen, die eine wichtige Kontrollfunktion in Irans Machtgefüge einnehmen: der Wächterrat (Shorâie Negahban) und der Expertenrat (Majles Khobregan). Die Mitglieder des Expertenrats werden zwar durch das Volk gewählt, doch findet eine sorgfältige Vorauswahl der Kandidaten durch Mitglieder des Wächterrats statt.

Dieser Wächterrat besteht aus 6 Faghis (Islamische Rechtsgelehrte) und 6 Religionsgelehrten. Die Religionsgelehrten werden durch den Obersten Führer ernannt. Die Faghis werden durch den Chef der Justiz ernannt (zur Zeit Sadegh Laridschani). Der Expertenrat wählt, ernennt oder entlässt den Obersten Führer. Die 88 Mitglieder sind allesamt islamische Theologen (Mujtahids) und sollten über hohe Qualifikationen verfügen. Aktuell ist der Vorsitzende Mohammad Yazdi, ein Theologe aus Qom.

Hassan Khomeini ausgeschlossen

Die bekanntesten Mitglieder des Wächterrats sind die drei Geistlichen: Mohammad Yazdi, Mahmoud Hashemi Shahroudi und der Vorsitzende des Wächterrats Ahmad Dschannati. Alle drei sind Mitglieder des Expertenrats. Sie sind bekannt für ihre strikten Auslegungen und harschen politischen Ansichten sowie für ihre Unterstützung für den theologisch nicht sehr hoch qualifizierten Obersten Führer Ali Khamenei. Shahroudi stammt aus dem Irak. Er gehörte nicht zum Kreis der Vertrauten um Ajatollah Khomeini, gewann jedoch an Macht, als Khamenei zum Nachfolger des Obersten Führers ernannt wurde. Weil Khamenei nicht qualifiziert war, unterwies ihn Shahroudi in Fiqr, islamischem Recht. Khameneis Ansichten gründen auf Shahroudis Interpretationen von islamischem Recht.

Wie zuvor erwähnt, können die Mitglieder des Wächterrats die Kandidaten für die Wahl zum Expertenrat vorauswählen. Am 26. Februar wird die nächste Wahlrunde zu dieser Institution abgehalten. Wie in den Jahren zuvor wurden tausende Bewerber abgelehnt. Diese Ablehnungen scheinen sich auf Personen zu fokussieren, die eher reformistisch denken und nicht aus der Seilschaft Khameneis stammen und auch nicht mit den Ansichten der Hardliner und Armaggedonisten übereinstimmen. 

Parsine (iranisches Nachrichtenportal) hat einige interessante Details über die Ablehnung Hassan Khomeinis veröffentlicht. Nejatollah Ebrahimian, Jurist und Sprecher des Wächterrats, gab während einer Pressekonferenz bekannt, dass ihm keine Informationen zu den Entscheidungsvorgängen vorlägen, da er und die anderen Juristen nicht in den entsprechenden Treffen Teil nehmen würden. Er stellte klar, dass die Entscheidungen gemäß der Form in Versammlungen der 6 Kleriker getroffen werden sollten. Doch die wichtigsten Entscheidungen wurden nur durch eine Person getroffen.

Mohammad Yazdi und Ahmad Dschannati wußten von nichts, was den Schluß zulässt, dass Mahmoud Shahroudi die Entscheidung getroffen haben muss.

Laut Parsine hat Shahroudi den Namen Hassan Khomeinis von der Liste gelöscht. Laut offizieller Version wurde Hassan Khomeini ausgeschlossen, da er die Qualifikationen nicht erfülle. Die Behörden behaupteten, alle Bücher Hassan Khomeinis gelesen zu haben und alle seine Lehrveranstaltungen gehört zu haben, wodurch sie zu dem Schluß gekommen seien der Grad seines Wissens über Islam (Idschtehad) sei nicht ausgereift, wodurch er nicht beurteilen könne, wer der kommende Führer sein könnte oder gute Entscheidungen in Abwesenheit Khameneis mittragen könne (Der Expertenrat sollte das tun).

Manche glauben Hassan Khomeini sei zurück gewiesen worden, weil er nicht an einer erforderlichen Prüfung teilgenommen hätte.

Interessanterweise hatten ihm erst kurz vor seiner Bewerbung hochstehende Ajatollahs, die unabhängig vom Regime sind, eine sehr hohe Qualifikation bescheinigt. Rafsandschani hatte die Autorisierung für seine Idschtehad von Ajatollahs wie Khorasani, Ardebili, Amoli und anderen erwirkt, um Hassan Khomeini starken und soliden Rückhalt für seine Bewerbung und die Wahl in den Expertenrat zu verschaffen.

Weiterhin zitiert Parsine Mohsen Bayat, den Sohn von Ajatollah Bayat Zanjani (ein weiterer unabhängiger religiöser Gelehrter) im Artikel: "Die Prüfung war gar nicht wichtig, diese Entscheidung wurde schon vor der Prüfung getroffen. Er wäre sowieso abgewiesen worden, ob mit bestandener Prüfung oder ohne."

Offiziell wurde also Hassan Khomeini nicht abgelehnt, weil er nicht an der Prüfung Teil genommen hat, sondern weil ihm die Qualifikation fehlen soll, beurteilen zu können, welche Kriterien ein zukünftiger Führer der Islamischen Republik vorweisen sollte.

Im Parsine Artikel heißt es weiter: "Rafsandschani hat Hassan Khomeini ermutigt, sich mit dem Nimbus seines Großvaters einzubringen, um Mahmoud Shahroudi die Stirn zu bieten. Shahroudi wird von Khamenei gestützt und will alle Gegner und abweichenden Ansichten zum System auslöschen."

Vor wenigen Tagen besuchte Hassan Khomeini den oben erwähnten Mohammad Yazdi in seinem Büro in Qom, um aus seinem Mund zu hören, warum er nicht zur Wahl zugelassen worden sei. Darüber berichteten Medien der Hardliner, wie Jahan News[2], Tasmeen[3] und Naseem[4]. Die Medien berichteten, Yazdi habe die Sache mit der Qualifikation und der mangelnden Urteilsfähigkeit in Bezug auf einen Obersten Führer nochmals ins Spiel gebracht, worauf Khomeini zu weinen begonnen habe. Hassan Khomeini reagierte via Telegram sofort auf die Unterstellung er habe geweint und gab bekannt, dass Yazdi ihm anvertraut hatte, es sei nicht er gewesen, der ihn abgelehnt habe.

Auch dies ist ein weiterer Hinweis darauf, dass Shahroudi die Entscheidung in Übereinstimmung mit Khamenei getroffen hat.

Rafsandschani gegen Khamenei

Diese Entscheidung ist ein Schlag ins Gesicht jener, die zutiefst überzeugt waren von einer Veränderung im Verhalten des Systems im Iran.

Als der Gründer der Islamischen Republik Iran, Ajatollah Khomeini, 1989 starb, schien niemand geeignet zu sein, die Nachfolge anzutreten. Khamenei besaß keine ausreichenden theologischen Qualifikationen und wurde trotzdem von Akbar Haschemi Rafsandschani als beste Option im Expertenrat vorgeschlagen und von diesem dann auch zum Obersten Führer gewählt.

Schon zu Zeiten Ajatollah Khomeinis haben sich verschiedene politische Strömungen innerhalb des Establishments positioniert. Eine dieser Strömungen besteht aus Revolutionären, die sich einer dauerhaften Revolution verschrieben haben, um die ganze Welt zu beeinflussen und die Wiederkehr des Verborgenen Imams [5] vorzubereiten und seine Wiederkehr zu beschleunigen durch Schaffung von Chaos und Blutvergießen. Diese Revolutionäre interessieren sich nicht für Wirtschaft oder die Entwicklung einer Gesellschaft, da ihr Ziel in der Zerstörung der Welt liegt, um danach eine neue Zivilisation mit neuen Paradigmen zu errichten.

Eine weitere Strömung entstand hinter den Gedanken und der Arbeit des Pragmatikers Akbar Hashemi Rafsandschani, der Khomeini sehr nahe stand. Sein Ansatz gleicht dem Ansatz Ajatollah Khomeinis. Sie wandten sich gegen den Westen und vor allem gegen die USA als imperialistische und kolonialistische Kräfte und stellten sich gegen die Ausbeutung der Dritten Welt. Zu dem Strom Rafsandschanis zählen Personen wie der ehemalige Präsident Khatami, der derzeitige Präsident Rohani, sein Außenminister Zarif und der Kandidat, den Rafsandschani gerne weiter unterstützt gehabt hätte: Hassan Khomeini.

Das Ziel Rafsandschanis und seiner politischen Freunde den Nuklear Vertrag unter Dach und Fach zu bringen, war die Normalisierung der Beziehungen zu den USA. Der Ansatz folgte pragmatisch der Anpassung des Vorgehens in der Politik der USA. Sie wollten sich von einem ideologischen Festhalten an revolutionären und absoluten Ideen lösen und nicht weiter Hass und Ablehnung schüren.

Dagegen steht die Fraktion der Hardliner hinter Khamenei, die verschiedene Schlüsselposten besetzt halten. Zu nennen sind Mahmoud Shahroudi, der Mann der Hassan Khomeini von den Wahlen ausgeschlossen hat, Hossein Taeb, Kopf des ideologischen Think Tanks Ammaryioun, Ahmad Dschannati, Vorsitzender des Wächterrats und ein Leiter der Freitagspredigt oder Hossein Shariatmadary, dem Herausgeber der größten Hardliner Zeitung Kayhan. Alle genannten Männer sind Ideologen, die sich für die anhaltende Revolution stark machen und die Wiederkehr des Verborgenen Imams beschleunigen wollen.

Das Geheimnis hinter der Ablehnung Hassan Khomeinis

Warum war diese Entscheidung ihn abzulehnen relevant und was hätte passieren können, wenn Hassan Khomeini Mitglied im Expertenrat geworden wäre? Wir haben gehört, dass der Grund für seine Ablehnung nach einer Durchsicht seiner Werke erfolgt ist, die den Eindruck bestärkte er könne nicht über den zukünftigen Führer befinden. Was ist das Besondere seiner Werke? Das Geheimnis liegt darin, dass sich Hassan Sufitum und Mystik (Tasawuf va Erfan) zugewandt hat. Er ist Dozent an religiösen Seminaren in Qom. Er spricht häufig über Saadi, Hafis, Rumi, weltberühmte Mystiker und Schöpfer wundervoller Sufi Poesie. Vor einigen Jahren besuchte er das Oberhaupt des größten Sufi Ordens im Iran (Dr. Ali Tabandeh vom Shah Nematollah Gonabadi Orden). Bevor die Versammlungshalle der Gonabadi Derwische in Qom zerstört wurde [6], nahm er häufig Teil an den Zeremonien dort. All dies wurde sehr genau und kritisch von den Hardlinern beobachtet.

Eine Institution im Iran, die dem Obersten Führer am nächsten steht und für die ideologische Schulung der Kader der Revolutionsgarden zuständig ist, heißt Moasseseyeh feraq va adyan [7] (Institut für Religionen und Weltanschauungen). Die Mitglieder dieses Instituts sind sehr einflussreich. Seit zehn Jahren hat dieses Institut Schriften herausgegeben, die gegen Sufi-Derwische hetzen und Verleumdungen streuen.

Teil dieses ideologischen Eifers ist Mahmoud Shahroudi, ein im Irak geborener und aufgewachsener Geistlicher, dessen Farsi nicht ganz flüssig ist. Sein Wissen über Islam scheint auf den Überlieferungen (Rewayat) der Schia zu gründen. Für Shahroudi scheint es keine bessere Religion und Weltsicht zu geben als die Schia, weshalb in seinem Verständnis die Welt unter der Ideologie des Velayat-e Faghi und des Schiismus beherrscht werden sollte. Er scheint sehr gute Kenntnisse in Fiqr und schiitischer Jurisprudenz zu haben. Sufitum und Mystik lehnt er vehement ab. Er strebt danach, die schiitische Welt von allen Spuren der Mystik und des Sufitums zu säubern. Zu Ajatollah Khomeinis Lebzeiten war er noch unbedeutend, doch nahm seine Karriere einen steilen Verlauf nachdem Khamenei die Nachfolge antrat. Ali Khamenei hatte sehr geringe theologische Kenntnisse und wurde bald von Shahroudi in Fiqr und schiitischer Jurisprudenz unterwiesen. Dadurch wuchs seine Bedeutung. Er war kein Freund von Rafsandschani und den engen Schülern um Ajatollah Khomeini. 1989 (1368 nach dem iranischen Kalender) begann die verborgene Gegnerschaft zwischen den beiden Schwergewichten.

Wieso lebt dieser Hass gegen Sufitum in den Herzen verschiedener Hardliner? Der Kern des Sufitums ist das Streben nach Frieden in der Welt. Dagegen ist das Ziel der staatlichen Geistlichen, die eine eigene Interpretation der schiitischen Ideologie haben, die Bedingungen für das Erscheinen des letzten Erlösers (Mahdi) zu schaffen. In dieser Überzeugung erscheint der Mahdi auf Erden, um einen Endzeitkrieg zu führen, der die Zivilisation zerstört und schließlich ein neues Zivilisationsmodell implementiert.

Die Vorstellungen der Sufis sind ihren Ideen entgegengesetzt, weshalb sie Sufitum hassen. Die beiden Weltanschauungen sind antagonistisch und schließen sich jeweils aus.

Der letzte Schritt in der Vollendung des Umsturzes mit dem Ziel das Erbe Ajatollah Khomeini vollständig auszulöschen ist vollbracht

Rafsandschani gehört zur Fraktion der Pragmatiker. Sein Denkansatz könnte so zusammengefasst werden: "Jetzt ist der beste Augenblick gekommen, um sich mit den Amerikanern und aller historischen Feinden der Islamischen Republik zu versöhnen." Khamenei's Denkansatz ist entgegengesetzt. Könnte so zusammengefasst werden: "Wir können niemals Freunde der Amerikaner werden, sondern sollten das System der USA bekämpfen und entfernen."

Der Fall von Hassan Khomeini hängt mit der Weltanschauung der Armaggedonisten zusammen. Es zeigt sich, dass die Kräfte, die Ahmadinedschad zur Präsidentschaft verholfen haben, immer noch im Hintergrund aktiv sind und ihren Coup d'etat gegen das Erbe des Systemgründers Ajatollah Khomeini voran treiben.

Khomeini opponierte gegen die Politik der Vorherrschaft der USA und brachte heftige Kritik gegen die Rolle der USA beim Umsturz Mossadeghs in den 50er Jahren auf, aber Khomeini war kein Armaggedonist. Der Grundansatz der Lehren Ruhollah Khomeinis ist auf friedliche Koexistenz ausgerichtet.

Khameneis Ansatz heute ist durch und durch absolut und ideologisch, während Khomeinis Opposition dem pragmatischen Anlass einer anmaßenden Supermacht entsprang. Laut Rafsandschani sei es jetzt aber an der Zeit, sich mit den USA zu vertragen, da sich deren Außenpolitik geändert habe. Er dachte vor Kurzem laut über die Eröffnung einer Botschaft in den USA nach und brachte eine Normalisierung der Beziehungen ins Spiel.

Doch es sieht nach zwei Lagern im Iran aus, die wiederum die beiden Lager USA/Westen und Russland/China bedienen.

Pasdaran, Ammariyon, Bassidschi, Shahroudi, Khamenei suchen die Unterstützung der Russen, der Inder, der Chinesen, um den Westen auf breiter Basis zu konfrontieren.

Sie werfen Rafsandschani vor, nicht ideologietreu zu sein, sondern ein pragmatischer Wendehals. Für die Hardliner muss der nächste Führer ein revolutionär gesonnener Mann sein.

Hassan Khomeini hat keine revolutionäre Sicht, da er Frieden anstrebt, doch die Revolutionäre wollen einen Krieger und Führer der andauernden Revolution.

Diese Wahlen und das Geschehen im Hintergrund sind äußerst wichtig.

Der Krieg in der Region könnte sich in weitere Länder, wie Saudi Arabien und Jordanien ausweiten. Die Hardliner streben das Ende der arabischen Führer an und bereiten eine weitere Militarisierung des Iran vor. Iran droht eine religiös verbrämte Militärdiktatur.

Die Reformer brauchten eine symbolische Figur und haben es mit dem Enkel des Gründungsvaters probiert, doch es sieht jetzt danach aus, als würden sie mit leeren Händen dastehen.

Hassan wird durch diesen Ausschluss keine Chancen mehr haben auf eine Regierungsfunktion. Keine Hoffnung für Iran. Kein Platz für Pragmatiker. Khamenei hat schon seine Opponenten Mehdi Karoubi und Mir-Hossein Mousavi aus dem Ring geworfen. Jetzt Hassan Khomeini. Dadurch schätzen Beobachter, steige die Wahrscheinlichkeit für weitere militärische Verstrickungen Irans in der Region.

Ajatollah Khomeini und die Händler der Zerstörung

Vom Anbeginn der Revolution und der Herrschaftszeit Ajatollah Khomeinis 1979 kämpften zwei antagonistische Kräfte gegen einander innerhalb der Elite des Regimes. Die Zeit des Showdowns scheint gekommen zu sein.

Ruhollah Mussavi Khomeini wurde schon bald nach einem Referendum mit der Frage, ob die Bevölkerung ein islamisches Land haben wollten oder nicht zum Obersten Führer. Er schuf die sogenannte Islamische Republik. Obwohl er der Oberste Führer war und das bei vielen Iranern verehrte Gesicht der Revolution, hatte er tatsächlich nicht wirklich die Kontrolle über das Land. Die Besetzung der US-Botschaft hieß er im Nachhinein zwar gut, aber geplant und durchgeführt wurde sie von anderen Kräften.

Einige Gelehrte im Iran und außerhalb haben Ajatollah Khomeini persönlich gekannt und haben seine Werke genau studiert. Sie konstatieren Khomeini einen Hang zum Sufitum. So soll er eine Anweisung erlassen haben, die Sufis in Ruhe praktizieren zu lassen und sie nicht anzugreifen. Er scheint sogar einer Sufi Linie aus Indien angehört zu haben, der sein emigrierter Vater schon entstammte. Trotzdem findet man in seinen Gedichten auch Kritik an Sufis, die sich als Sufis ausgeben, aber nicht danach leben. Sufitum und die Ideologie der Hardliner im Iran sind antagonistisch. Sufitum lehrt Toleranz und Frieden und Entwicklung, während die Hardliner auf Gewalt und Blutvergießen und absolutem Gehorsam dem Führer gegenüber beharren, was man durchaus als faschistische Interpretation von Islam betrachten kann.

Während seiner Herrschaft wuchs ein Strom revolutionärer Kräfte hinter den Kulissen heran. Es heißt, diese Leute seien schon hinter der Besetzung der US-Botschaft gestanden und seien heute mächtige Mitglieder des Tiefenstaates. Diese Leute waren Schüler des charismatisch-schrägen Professor Ahmad Fardids [8], der seine Schüler von seiner Ideologie vom Tag nach dem Morgen begeistern konnte.

Khomeini lehnte Ahmad Fardid ab. Nichtsdestotrotz schaffte es Fardid, den Keim seiner Ideologie in die Herzen seiner Anhänger zu pflanzen. Im Prinzip stützt sich diese Ideologie auf einige Gedanken Martin Heideggers. Sie besagt, dass wir in einer durch und durch dekadenten Zeit leben, die sich ihrem Ende naht. Dieses Ende gilt es aktiv herbeizuführen und für Zerstörung und Chaos zu sorgen, damit die glorreiche Zeit nach dem Morgen folgen kann. Seine Anhänger tummeln sich heute in Think Tanks wie Ammariyon, dem Mehdi Taeb vorsteht.

Man könnte diese Leute auch als Händler der Zerstörung bezeichnen. Sie handeln mit Ausgrenzungen und Auslöschung.

"Eine Besonderheit in Fardids Weltsicht ist seine völlige Ablehnung der Geschichte und der Philosophie. Er beklagte den Verlust der Metaphysik seit der Philosophie Aristoteles' und der nachfolgenden Griechen und betrachtete auch die Islamische Philosophie nur als  Abzweig dieser Entwicklung. Er sehnte sich nach der neuen Gesellschaft der metaphysischen Menschen, in der das Licht des wahren Gottes scheint. Sein Schlagwort für diese Anschauung lautet "von der Zeit vor dem Gestern zur Zeit nach dem Morgen". Die Jetzt-Zeit hatte aus seiner Sicht keine Bedeutung. Er verglich die Philosophie der Griechen aus dem Okzident mit dem Sonnenuntergang: die Welt ward dunkel. Der Gott der Jetzt-Zeit war für ihn nur eine satanische Ersatzgestalt des wahren Gottes. Der Gott der Jetzt-Zeit war kein guter Gott, sondern ein mächtiger Gott (Ta'rut=Anti-Gott). Diese Ersetzung hatte sich laut Fardid mit der Okzidentalisierung der Geschichte, einer lichtlosen Geschichte, zugetragen.

Die Morgenröte des Ahmad Fardid

Fardid wartete auf die neue Morgenröte. Nach seinem Bild würde die Geschichte erst wieder einsetzen, wenn ein charismatischer Führer käme. Der einzige Weg zu einer neuen Gesellschaft ging über die totale Zerstörung der westlichen Welt und jeder Spur der westlichen Welt im Orient, tabula rasa. Aufgabe der Menschen der Jetzt-Zeit sei es mit Hilfe einer Revolution das Ende der dunklen Zeit herbeizuführen und die Grundlagen zu schaffen für einen Anführer, der ein Mann mit farreh = Charisma sein würde. Die Ankunft dieses Messias würde der Anbeginn einer glorreichen Geschichte sein. Den Messias hielt Fardid für die einzige Möglichkeit der Dekadenz ein Ende zu bereiten. Was die Vorstellungen einer zukünftigen Gesellschaft anbelangt, bezog er sich auf Lehren von Scheich Mahmoud Shabestary und Ibn Arabi und entwickelte eine Art Pantheismus. Die Welt der Zeit nach dem Morgen wäre die Welt der Namen Gottes. Es wäre eine Zeit der wahren Dinge an sich und nicht der Vorstellungen. Das Dasein stellt für Fardid eine Art Gefängnis für das Wesen dar, jedes Wesen ist im Dasein gefangen. Fardid machte die Gleichung 'estgh = Gefängnis = être = Dasein' auf. Er entlehnte von Ibn Arabi und Heidegger eine ähnliche Idee von Entwicklung zu einer Einheit aller Wesen und Dinge. In unserer dunklen Zeit sei es nicht möglich Gottes Namen zu sehen, behauptete Fardid.

Letzenendes wollte Fardid zu einer neuen Gesellschaft durch Konfrontation gelangen. Er machte Freimaurerei, Imperialismus und Zionismus für die Situation der Menschheit verantwortlich. Seither wird dieser Vorwurf von Vertretern des Regimes im Iran immer wieder vorgebracht. Freimaurerei, Imperialismus und Zionismus stehen als Synonym für die Westlichen Gesellschaften im Allgemeinen."


[1] de.wikipedia.org/wiki/Politisches_System_des_Iran; www.nzz.ch/international/naher-osten-und-nordafrika/die-versiegelte-tuer-ld.4526; iranjournal.org/tag/expertenrat

[2] www.zeit.de/politik/ausland/2016-01/iran-waechterrat-schliesst-reformkandidaten-von-wahl-aus

[3] mehriran.de/artikel/der-iranische-mythos.html; mehriran.de/artikel/ein-un-schiitischer-schiitenstaat-namens-islamische-republik-iran.html; www.ag-friedensforschung.de/regionen/Iran/staat.pdf

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news-1002 Wed, 24 Feb 2016 00:18:19 +0100 Menschenrechte im Iran - Aktion am Kröpke, Hannover http://mehriran.de/artikel/menschenrechte-im-iran-aktion-am-kroepke-hannover.html mehriran.de - Aktivisten der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran, Faradarmangaran und Karamat e.V. demonstrieren in Hannover mit Musik für die Freilassung aller Gewissensgefangenen im Iran. mehriran.de - Mit Trommeln, Sprüchen, Plakaten und Flyern protestierten mehrere Dutzend Aktivisten am Dienstag, 23.02.2016 für die Freilassung aller Gewissensgefangenen im Iran. Journalisten wie Isa Saharkhiz, Menschenrechtler wie Narges Mohammadi, Geistliche, die sich für die Trennung zwischen Staat und Religion aussprechen wie Ajatollah Boroudscherdi oder Wissenschaftler, die zuviel Aufmerksamkeit und dadurch viele Anhänger gewinnen, wie Mohammad Ali Taheri sitzen im Gefängnis, weil ein Teil des Regimes im Iran eifersüchtig über die eigene Macht und die Deutungshoheit für "Islam" hütet.

"Kurz vor den Parlamentswahlen und den zeitgleichen Wahlen zum Expertenrat am 26. Februar im Iran, ist es wichtig gewesen, den Menschen dort zu signalisieren, dass man im Westen die Vorgänge im Iran beobachtet und sich für die Rechte der Bürgerinnen und Bürger einsetzt," sagt Rasul Moatamedi, ein Geschäftsmann aus dem Iran, der aufgrund seiner Weltanschauung aus dem Iran fliehen musste. Er hätte seinem Heimatland auch für immer den Rücken zu kehren können und sich nicht mehr für Iran interessieren müssen, doch es ist ihm wichtig zu betonen, dass er das Privileg nutzen will in einer freien Gesellschaft zu leben und sich für Menschen, die leiden einsetzen will. Um keine Repressionen für seine Verwandten im Iran herauf zu beschwören, verhüllt er sein Gesicht und tritt mit seinem Künstlernamen auf, den er auch für die Veröffentlichung seiner Gedichte verwendet.

Eines seiner Gedicht war der Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh gewidmet. Es könnte für jeden anderen Menschen gelten. Hier bei einer Veranstaltung in Hannover von einem Sprecher rezitiert: Eingeschrieben.

Eingeschrieben

Freiheit für Nasrin (flüstern)
Blume der Freiheit! Dein Name ist eingeschrieben
in die Lippen der Menschen

Deine Blätter tanzen zärtlich
wie Schritte von Liebenden im Sand.

Freiheit für Nasrin...Soutoudeh 

Rose der Freiheit!
Deine Wurzeln ragen in die Tiefen bebender Herzen!
Deine Blüten beleben die Augen.

Freiheit für Nasrin...Soutoudeh

Zeichen der Freiheit! Dein Duft weckt
den Mut der Menschen
deinen Namen in die Welt hinaus zu flüstern..... 

Freiheit für Nasrin...Soutoudeh

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news-1001 Sun, 21 Feb 2016 01:09:39 +0100 Die größten Irrtümer und Missverständnisse über Islam - Kapitel Menschenrechte im Koran http://mehriran.de/artikel/die-groessten-irrtuemer-und-missverstaendnisse-ueber-islam-kapitel-menschenrechte-im-koran.html mehriran.de - Hintergründe, Hinweise, Klärungen zu Koran und Islam. Wir veröffentlichen in mehreren Kapiteln eine allgemein zugängliche Schrift zu grundlegenden Fragen über Islam.

Um die Gleichwertigkeit aller Menschen hervorzuheben, wendet sich der Koran mit seinen Lehren sehr häufig an die Nachfahren Adams.[1] Daher wendet sich Gott im Koran allgemein an die Menschheit und die Menschen, unabhängig vom Geschlecht oder anderen Unterscheidungsmerkmalen. Der Koran betont sogar, dass jeder Mensch das Potential in sich trägt Gottes Stellvertreter auf Erden zu werden. Daher ist ein Mensch unabhängig von seiner Rasse, Hautfarbe oder Geschlecht zu betrachten:

Wir haben die Kinder Adams geehrt, haben sie über Land und Meer getragen, sie mit Gütern versorgt und sie vielen Geschöpfen vorgezogen. 
Sure 17, Vers 70.

Er ist es, Der euch zu Statthaltern auf Erden gemacht hat. Sure 35, Vers 39.

Der Wert allen Lebens wird hervorgehoben, weshalb der Koran zu dieser Aussage kommt:

Deswegen schrieben wir den Kindern Israels vor, dass jeder, der einen Menschen tötet - es sei denn als Vergeltung für Mord oder Unheilstiftung auf Erden - gleichsam die ganze Menschheit tötet; und wer einem, den der Tod bedroht, zum Leben verhilft, der hat gleichsam der gesamten Menschheit zum Leben verholfen. Sure 5, Vers 32.

Aus geistiger Sicht lässt sich die Nähe zu Gott nur durch gute Taten, die aus reiner und uneigennütziger Absicht entspringen, erreichen. Damit sind Menschen gemeint, deren Sinn sich auf die positive Entwicklung der Welt richtet, unabhängig von dem Geschlecht oder dem Ansehen der Person, die gute Taten vollbringt.[2] Dieses grundlegende Prinzip ist das wichtigste Fundament des koranischen Bildungsanspruchs, der eine Fortsetzung aller Prophetenlehren bis in die Zeit Mohammeds ist.

Dieses Prinzip stellt den geistigen Kern der koranischen Lehren dar und liegt vielen Suren zu Grunde, wie zum Beispiel in der Geschichte der "Zivilisation von Saba". Die Menschen von Saba lebten in einer fruchtbaren Gegend und wurden von Königin Balkis, der berühmten Königin von Saba regiert.[3]

Diese Königin lebte zur Herrschaftszeit Salomos, einem Propheten Gottes und Sohn König Davids. Als Salomon von dieser Zivilisation unter der Herrschaft einer weisen Frau erfuhr, sandte er ihr eine Einladung, ihn in seinem Reich zu besuchen, um Balkis und ihr Volk mit dem monotheistischen Weg vertraut zu machen.

Die edle Balkis, Königin von Saba, nahm die Einladung wohlwollend an und zog mit ihrem Hofstaat nach Palästina, wo Salomon lebte. Dort wurde sie in den monotheistischen Schulungs-weg, genannt Islam[4], durch Salomo eingeweiht.

Von dieser Begegnung schreibt der Koran in der Sure Naml (Die Ameisen), um am Beispiel des Großreichs von Saba zu zeigen, dass auch eine Frau ein Land regieren kann und diese Tätigkeit für jeden Menschen möglich wäre, losgelöst von der Frage des Geschlechts.

Diese Tätigkeit erfordert die Fähigkeiten, Pläne zu machen, Verhandlungsgeschick, Weisheit, Übersicht und umfassendes Wissen anstatt Zwang und Vorurteile. So erlebte Salomon alle diese Fähigkeiten an Balkis und versuchte nicht, sie vom Thron zu stoßen, nur weil sie eine Frau war, sondern schätzte ihre Fähigkeiten, über Saba zu herrschen.

Diese auf Gleichwertigkeit gründenden Lehren spiegeln sich im Koran wider, insbesondere in der Sure 27, genannt Naml. Diese Sure behandelt ein weiteres Phänomen der irdischen Welt. Einige Zeilen gehen auf verschiedene Tiere ein, die in Gruppen oder Kollektiven leben. 

Die Lebensumstände der Ameisen werden in dieser Sure erwähnt, wie sie verschiedene Aufgaben erfüllen und unter der Fürsorge und Führung durch die Ameisenkönigin miteinander kooperieren.[5] Auch die Welt der Bienen wird im Koran aufgeführt, nämlich wie die Bienen auch von einer Königin und nicht von einem König geführt werden und alle Tätigkeiten unter der Leitung der Bienenkönigin so fein wie ein Uhrwerk aufeinander abgestimmt sind.[6] 

Noch interessanter ist jedoch die Schilderung im Koran, wie die Königin der Ameisen ihren Ameisen befiehlt, sich so schnell wie möglich unter die Erde zurückzuziehen bis das Heer Salomos das Vadi Naml (Tal der Ameisen) durchquert hat, um nicht von den Hufen und Stiefeln der Armee zertrampelt zu werden. Salomo bekommt diese Anweisung der Ameisen-königin mit, lächelt und bewundert ihr Ver-ständnis und ihre Umsicht.[7]

Dieses Motiv setzt sich in der gleichen Sure in der Geschichte der Königin von Saba fort, worin König Salomon zum Ausdruck bringt, dass die Schöpfung nichts mit dem Geschlecht zu tun hat und Gott die Gleichwertigkeit zwischen Frau und Mann hoch hält.

Als Prophet Mohammed jedoch nach Art der ihm vorausgehenden Propheten versuchte, die ungebildeten Bewohner der Wüsten der Arabischen Halbinsel aufzuklären, wiesen die meisten die Werte und Lehren des Korans ab und weigerten sich, die abergläubischen Überzeugungen ihrer Vorfahren loszulassen. Ein Teil dieses Aberglaubens gründete auf der Überlegenheit der Männer über Frauen.

Als der Koran offenbart wurde, lebten viele Männer und Frauen auf der Arabischen Halbinsel, die wegen ihrer Armut nicht heiraten konnten. Andere heirateten in der Hoffnung, einen männlichen Nachkommen zu zeugen, der für das wirtschaftliche Auskommen der Familie hätte arbeiten können. Zeugten sie dann jedoch Mädchen, begruben sie diese lebend gleich nach der Geburt. Viele Väter, deren Frauen Mädchen geboren hatten, gerieten in Rage und fühlten sich anderen Männern gegenüber minderwertig.

Frauen waren wirklich rechtlos, was viele zwang, Schutz zu suchen im Zelt (Tschador) einer der Männer, so dass die reicheren Männer großen Zulauf hatten, da sich die Frauen dadurch erhofften, ihr Leben zu verbessern. Somit hatten reiche Männer zahlreiche Frauen in ihrem Zelt.

Leute mit abergläubischen und frauenfeindlichen Ansichten konnten daher die Hinweise Mohammeds, sich zu den Werten im Koran zu bekennen und Männer und Frauen als gleichwertig zu betrachten, nicht annehmen. Sie lehnten die Lehren Mohammeds und die Inhalte seines Buches offen ab.[8] Sie forderten Mohammed auf, entweder seine Lehren zu verschweigen oder sie zu ändern und das Buch so umzuschreiben, dass seine Inhalte mit ihren Stammesbräuchen übereinstimmen.

Mohammed gab jedoch nicht auf und unternahm es mit großer Entschlossenheit, Bewohner der Arabischen Halbinsel in einer auf Entwicklung angelegten Weise zu erziehen und sie mit menschlichen Werten vertraut zu machen, um sie aus dem Zustand der Unwissenheit und Un-bewusstheit herauszuführen. 

Dabei machte Mohammed sie mit Kernlehren, wie der Alleinheit Gottes, der Unterstützung Gottes für seine ihm Zugewandten vertraut. Er pries ihnen die Heirat als wünschenswerte Praxis an und warnte sie vor der Ungerechtigkeit, ihre neugeborenen Mädchen bei lebendigem Leib zu begraben, da sich am Tag der Auferstehung ihre so abgewiesenen Töchter erheben und sich bei Gott über sie beschweren würden.

Der Prophet der Muslime gestand Frauen das Recht zu, Zeugnis abzulegen und Erbschaften anzutreten. Er wies darauf hin, dass es vor Gott keine Unterschiede zwischen Mann und Frau im Glauben gibt.

Den Männern legte er ans Herz, ihr aus-schweifendes Leben zu unterlassen und zu üben, Frauen nicht lustvoll anzustarren. Den Frauen empfahl er, den Männern nicht launisch und unzuverlässig gegenüberzutreten.

Prophet Mohammed gab den Männern zu be-denken, dass es so gut wie unmöglich sei, zwei Frauen gerecht zu werden und sie gleich zu behandeln, wodurch kein Mann mehr als eine Frau heiraten sollte.[9]

Entgegen der Bräuche der Zeit der Unkenntnis verbat Mohammed den Männern das Begaffen von Frauen und auferlegte den muslimischen Frauen in Mekka, ihren Nacken, ihre Brüste und ihr Geschlecht zu bedecken und sich sittsam zu verhalten. Auch sollten die muslimischen Frauen nicht die Blicke der Männer durch aufreizendes Verhalten auf sich ziehen oder beim Gehen ihre Reize besonders zur Geltung bringen.[10]

Das wiederum zeigt, dass der Koran keine Anweisung erteilt, ein hidschab (Kopftuch) zu tragen, sondern nur den Körper ab dem Nacken abwärts in der Weise zu verhüllen, dass die geschlechtsspezifischen Merkmale nicht so stark zur Geltung kommen.

Hier sollten wir hervorheben, dass einige Korandeuter versucht haben, Koranverse so auszulegen, dass Frauen gezwungen werden können, ihren Kopf, ja sogar ihr Gesicht zu verhüllen. Dafür gibt es im Koran keinen Beleg. Keiner der Verse weist Frauen an, Kopf und Gesicht zu verhüllen. Der Koran legt den Muslimen nahe, dass der Schmuck zinat der Frauen nur für ihre Ehemänner und Vertrauten zu sehen sein sollte. Es gibt jedoch Unterschiede zwischen zinat (Schmuck, Zierde, Ornat), hosn (Sinn, Einsicht in innere Schönheit, auch eines Gedankens) und dschamal (Anziehungskraft, Glanz, durchscheinende Schönheit, innerer geistiger Ausdruck von Schönheit).

Darüber hinaus fordert der Koran sowohl Männer als auch Frauen auf, keusch zu sein, um ihr Seelenheil nicht zu gefährden. Dabei wird nicht zwischen Männern und Frauen unter-schieden, sondern es wird beiden Geschlechtern empfohlen, ihr Verhalten gewissenhaft zu über-prüfen.

Der Koran enthält keinen Aufruf zu einem pflichtgemäßen Tragen eines hidschab[11] und es muss niemand spezifische Kleidung tragen. Der Prophet hat einfach nur den gläubigen Frauen geraten, sich sittsam anzuziehen, was den dortigen Bräuchen in der Zeit der Unwissenheit widersprach.[12]

Natürlich waren das aus unserer heutigen Sicht kleine Schritte, um die Männer und Frauen auf der Arabischen Halbinsel allmählich aus ihrem ungebildeten Zustand zu befreien, damit ihr Geist, ihre Seele und ihr Verstand vorbereitet werden konnten, um die Lehren der Propheten und die göttliche Anschauung auf die Gleichwertigkeit zwischen Frauen und Männern aufzunehmen, wie wir sie in dem Abschnitt über das Königreich Saba und die Sure Die Ameisen beschrieben haben.

Um wirklich zu verstehen, welche Haltung der Koran Frauen gegenüber einnimmt, müssen wir den allgemeinen Geist des Korans hinterfragen, den Geist der abrahamitischen Lehren, der sich aus der Zeit des Propheten Abraham bis in die Ära Mohammeds durchgezogen hat.

Wie im Koran dargestellt, weisen auch die Ansichten der Propheten und der heiligen Bücher zu Fragen der inneren Entwicklung auf eine substanzielle Entwicklung aller Menschen hin, ungeachtet ihrer Abstammung oder ihres Geschlechts.


[1] O ihr Menschen, Wir haben euch von Mann und Weib (Adam und Eva) erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, dass ihr einander kennen möchtet. Sure 49, Vers 13.

[2] Der Edelste vor Gott ist der Frommste unter euch.(idem)

[3] Der Wiedehopf hatte sich nicht weit davon aufgehalten und sprach: "Ich habe etwas erfahren, was du nicht weißt. Ich bringe dir aus Saba eine wichtige zuverlässige Nachricht. Ich habe dort gesehen, dass eine Frau als Königin über das Volk herrscht, die von allen Gaben hat und einen gewaltigen mächtigen Thron besitzt. Sure 27 Namal, Verse 22, 23. Gehe mit diesem Brief von mir zu ihnen und wirf ihn hin, dann wende dich von ihnen ab und höre, was sie einander sagen!" Die Königin sagte: "Ihr Vornehmen! Mir ist ein achtbarer Brief zugeworfen worden." Er kommt von Salomo und lautet: Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Gütigen! Seid mir gegenüber nicht hochmütig, und kommt ergeben zu mir! Sure 27, Verse 28-31.

[4] Islam: Schulungsweg von einem siechen Herzen zu einem heilen Herzen, von Entfremdung zum Einssein und Verbundensein mit dem Schöpferischen.

[5] Als sie ins Tal der Ameisen kamen, sagte eine Ameise: "O ihr Ameisen! Geht in eure Wohnungen, sonst zertreten euch Salomo und seine Streiter, ohne es zu merken." Sure 27, Vers 18.

[6] Und dein Herr gab den Bienen ein: "Baut euch Behausungen in den Bergen, in den Bäumen und in den von den Menschen errichteten Bienenstöcken!" Ernährt euch dann von allen Früchten und nutzt die Wege, die Gott euch geebnet hat!" Aus ihren Leibern kommt ein Labsal verschiedener Art, das den Menschen Heil bringt. Darin ist ein Zeichen für Menschen, die nachdenken können. Sure 16, Verse 68-69.

[7] Da lächelte er heiter über ihre Worte. Sure 27, Vers 19.

[8] Die Ungläubigen sagen: "Wir werden weder an diesen Koran noch an die vor ihm offenbarten Schriften glauben." Du müsstest sehen, wie die Ungerechten am Jüngsten Tag vor ihrem Herrn stehen und einander Vorhaltungen machen werden. Die Unterdrückten werden den Überheblichen sagen: "Wenn ihr nicht gewesen wäret, wären wir Gläubige." Sure 34, Vers 31.

[9] Und wenn ihr fürchtet, ihr würdet nicht gerecht gegen die Waisen handeln, dann heiratet Frauen, die euch genehm dünken, zwei oder drei oder vier; und wenn ihr fürchtet, ihr könnt nicht billig handeln, dann (heiratet nur) eine oder was eure Rechte besitzt. Also könnt ihr das Unrecht eher vermeiden. Sure 4, Vers 3.

Mohammed hatte mehrere Frauen. Diese Tatsache nutzen einige seiner Gegner, um daraus den Schluss zu ziehen, dass Islam Vielweiberei unterstützt. Wer jedoch genauer auf Mohammeds Leben schaut, wird zu einem ganz anderen Schluss kommen. Schauen wir zunächst auf seine Zeit in Mekka. Dort hatte er nur eine Frau. Er hatte im Alter von fünfundzwanzig Jahren die fünfzehn Jahre ältere Witwe Khadidscha bin Chuwaylid geheiratet. Laut allgemeiner Meinung gingen aus dieser Verbindung ein Sohn und zwei Töchter hervor. Offensichtlich haben nur die beiden Töchter das Erwachsenenalter erreicht. Allgemein ist man sich auch darüber einig, dass Mohammed ein zweites Mal heiratete, nachdem Khadidscha gestorben war und er nach Medina zog.

Dazu sollten wir berücksichtigen, dass die Rolle Mohammeds in der Gesellschaft Medinas einen anderen Stellenwert bekam, als die Bewohner Medinas ihn baten, ihr Anführer zu sein und er sich gezwungen sah, aus der neuen Rolle heraus einige der Bräuche in der Stadt anzunehmen, um den Frieden in der Stadt zu wahren.

Zu diesen Bräuchen der Stadt gehörte die besondere Vertragsgestaltung, die mit arrangierten Heiraten besiegelt und bekräftigt wurden. Dieser Brauch war nicht nur auf der Arabischen Halbinsel üblich, sondern auch in anderen Weltteilen. Daher sollten alle nach Khadija folgenden Verbindungen Mohammeds unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden. Die Frauen, die auf diese Art Teil seiner Familie wurden, betrachtete Mohammed nicht als seine "Ehefrauen" im engeren Sinne. Ein Beleg für diesen Schluss ist die Kinderlosigkeit aus diesen Verbindungen. Daraus ergibt sich, dass er die Frauen, die er als Ergebnis des gebräuchlichen Vertragsabschlusses in sein Haus aufnahm, nicht als seine "echten Frauen" betrachtete, denn die Vermählungen ergaben sich aus politischen oder humanitären Erwägungen heraus.

Die Frauen waren entweder Witwen der im Kampf getöteten Muslime und standen ohne Beschützer da oder waren Teil einer einflussreichen Familie oder eines Clans, die Mohammed ehren oder die Allianz mit ihnen bekräftigen musste.

Die einzige Frau, der nachgesagt wird, dass sie nach Khadidscha Mohammed einen Sohn (der nicht überlebt hat) geboren haben soll, war Maria al-Qibitiyya. Den meisten Berichten zu Folge war aber Maria al-Qibitiyya eine koptische Nonne und christliche Gelehrte, die tiefe Gespräche mit Mohammed über Spiritualität und das Leben Jesu geführt haben soll. Auch die bekannteren historischen Biografien von ibn-Hischam und ibn-Ischaq über Mohammeds Leben reihen Maria al-Qibitiyya nicht als eine seiner Ehefrauen ein.

[10] ... Sie sollen den Boden nicht mit den Füßen schlagen, um verdeckten Schmuck bemerkbar zu machen. Kehrt alle reumütig zu Gott zurück, ihr Gläubigen, damit ihr Erfolg erzielt! Sure 24, Vers 31.

[11] Der Koran kennt im Allgemeinen keine Zwangsbekehrung oder gewaltsames Auferlegen von Islam. Er bietet nur Anleitung an. Es gibt keinen Zwang im Glauben. Sure 2, Vers 256.

[12] Und sage den gläubigen Frauen, sie sollen den Blick niederschlagen und ihre Keuschheit wahren und ihre Zierde nicht zeigen, außer dem, was davon sichtbar ist, und sie sollen ihre Tücher über ihren Kleiderausschnitt ziehen und ihre Zierde niemandem zeigen außer ihren Ehemännern, ihren Vätern, Schwiegervätern, ihren Söhnen, Stiefsöhnen, ihren Brüdern, den Söhnen ihrer Brüder und ihrer Schwestern, den Frauen, mit denen sie Umgang haben, den Leibeigenen, den mit ihnen lebenden Männern, die Frauen nicht mehr begehren, und den Kindern, die noch kein Verlangen nach Frauen haben... Sure 24, Vers 31.

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news-999 Sat, 20 Feb 2016 15:14:17 +0100 Hannover spielt mit - Protest gegen Unrechtsjustiz im Iran http://mehriran.de/artikel/hannover-spielt-mit-protest-gegen-unrechtsjustiz-im-iran.html IOPHRI - Die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran, Faradarmangaran und Karamat e.V. kündigen eine Mustra in der Innenstadt Hannovers für Dienstag, 23.Februar an. mehriran.de - Aus aktuellem Anlass kündigte heute die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI) eine erneute Aktion zusammen mit Faradarmangaran und Karamat e.V. in Hannover an. Immer noch werden zahlreiche Journalisten, Blogger, Oppositionspolitiker, Gewerkschaftler und andere Gewissensgefangene im Iran durch falsche Anschuldigungen und Verdächtigungen unter unwürdigen Bedingungen im Gefängnis gehalten. Einige wenige, wie die iranische Bloggerin Atena Daemi sind vor Kurzem frei gelassen werden, doch darben immer noch viele Männer und Frauen auf Grund unbestimmter Sicherheitsbedenken und willkürlicher Vorwürfe in Haft. Männer wie der Journalist Issa Saharkhiz, Sadiq Kabudvand, Mohammed Ali Taheri und Ajatollah Boroudscherdi oder Frauen wie Narghes Mohammadi und Zeinab Dschalalian oder die sieben Führer der Baha'i werden aus politischen Gründen festgehalten oder weil sie Dinge zur Sprache bringen, die im Iran durch bestimmte Regimekräfte nicht gerne in der Öffentlichkeit gesehen werden. Auch ethnische Minderheiten wie Kurden und Araber werden im Iran immer wieder ausgegrenzt, verfolgt oder gar unter Vorwürfen des Drogenhandels oder der Gefährdung der inneren Sicherheit des Staates auch mal schnell hingerichtet.

Am Dienstag, 23. Februar zwischen 17:00 und 18:00 Uhr versammeln sich Aktivistinnen und Aktivisten am Kröpke, um die Öffentlichkeit in Deutschland und durch verschiedene Interviews, die in den Iran gesandet werden über den aktuellen Stand zu informieren. Gleichzeitig wird durch Sprechchöre auf den trockenen Hungerstreik von Mohammed Ali Taheri aufmerksam gemacht und die Behörden in Deutschland aufgefordert sich für seine Freilassung einzusetzen.

Am Samstag, 20.02. demonstrierten Aktivisten von IOPHRI in Birmingham für seine Freilassung:

Hier geht es zu einem Interview mit Radio Farda: https://www.youtube.com/watch?v=MbEgRAN36B0&feature=youtu.be

Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran

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news-998 Sat, 20 Feb 2016 14:59:48 +0100 Mohammad Ali Taheri wieder im trockenen Hungerstreik http://mehriran.de/artikel/mohammad-ali-taheri-wieder-im-trockenen-hungerstreik.html mehriran.de - Mohammad Ali Taheri ist am Freitag 19. Februar 2016 wieder in einen trockenen Hungerstreik getreten. mehriran.de - Der Wissenschaftler und iranischen Denker Mohammad Ali Taheri ist am Samstag 30. Januar (10. Bahman) zum vierzehnten Mal in einen Hungerstreik getreten, um gegen gesetzwidriges Verhalten der Justizbehörden zu protestieren.

Herr Taheris reguläre Haftstrafe endete am 7. Februar 2016 (18. Bahman 1394). Da er bereits vorher befürchtete nicht frei gelassen zu werden, trat er am 4.Februar (15. Bahman) in einen trockenen Hungerstreik. Nach vier Tagen verschlechterte sich sein körperlicher Zustand, wodurch er für zwei Tage in die Intensivstation des Baghiatollah Krankenhauses versetzt wurde. Die Behörden zwangen ihn Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Doch ab letzten Freitag hat er auch wieder die Flüssigkeitsaufnahme verweigert. Herr Taheri hat jetzt den zweiundzwanzigsten Tag seines Hungerstreiks hinter sich.

Der Gründer der Komplementärmedizin Faradarmani und Psymentologie gibt durch seinen trockenen Hungerstreik ohne Rücksicht auf sein Leben die klare Botschaft, dass er unter unfairen Bedingungen in Haft sitzt. Eine klare Botschaft mit der er die iranische Justiz warnt, die Verantwortung für solche willkürlichen Handlungen unter dem Druck der Sicherheitskräfte zu tragen.

Laut einem Interview mit der Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh durch VOA (Voice of Amerika) sei das Hafturteil gegen Mohammad Ali Taheri von Anfang an unfair gewesen ist. Gemäß der Justizgesetze sei es nicht rechtens , dass einem Gefangenen während seiner Abbüßung einer schweren Haftstrafe erneut falsche Vorwürfe zur Last gelegt werden.  Dieser Prozess zeige ein unfaires Verfahren gegen Herrn Taheri.   

http://m.ir.voanews.com/a/nasrin-sotoudeh-mohammad-ali-taheri/3185205.html

Währenddessen gehen laut der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran Proteste gegen seine Behandlung durch die Behörden im Iran und im Ausland weiter. In Tehran versammeln sich seine Anhänger an verschiedenen Knotenpunkten der Stadt, zum Beispiel am Mausoleum von Ajatollah Khomeini mit Fotos von Taheri und einem Schild, auf dem sie ihren Hungerstreik in Solidarität mit Taheri bekunden. Gestern fand in Birmingham,GB, eine Mustra (musikalische Straßenaktion) durch Mitglieder von IOPHRI und Anhängern Taheris statt. Für Dienstag, 23. Februar haben IOPHRI und Anhänger Taheris eine Aktion in Hannover angekündigt.

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news-996 Tue, 16 Feb 2016 18:10:26 +0100 Reformation des Islam? - ein Beitrag aus sozialwissenschaftlicher Sicht mit Hinblick auf Iran http://mehriran.de/artikel/reformation-des-islam-ein-beitrag-aus-sozialwissenschaftlicher-sicht-mit-hinblick-auf-iran.html mehriran.de - Impulsvortrag zur Einleitung der Veranstaltung "Sind die Menschenrechte mit dem Koran vereinbar?" am 4. März 2016 in Hannover. Prof. Gholamasad hat uns vorab seine Einleitung zur Veranstaltung zur Verfügung gestellt. Motto: "Wir können uns fatalistisch dem von Gott bestimmten Schicksal hingeben oder unser Schicksal als Ergebnis der selbstverantwortlichen Lösung der von Gott gestellten Aufgaben begreifen." Zur Zivilisierung der Glaubensaxiome und Werthaltungen als einem Nachholeffekt des sozialen Habitus[1]

In meinem einleitenden Kurzbeitrag zur Eröffnung der Diskussion über die Forschungsergebnisse von Dr. Azmayesh über „Koran und Islam“ möchte ich thesenartig auf einen Zivilisierungsschub der religiösen Orientierung im nachrevolutionären Iran hinweisen, die ich als eine der unbeabsichtigten Folgen der Islamisierung der Revolution bezeichne; und als einen Nachholeffekt des sozialen Habitus der involvierten Menschen auffasse. Das bedeutet, dass ich die postrevolutionäre institutionelle Ent-Demokratisierung und den De-Zivilisierungsschub als einen Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der Mehrheit der sozialen Träger der Revolution begreife.[2] Als solche ist die „Islamische Republik“ der erste „Islamische Staat“ nach einer langen Modernisierungsphase in jüngster Geschichte.

Mit dem Zivilisierungsschub der Glaubensaxiome[3] der Gläubigen geht eine Transformation ihrer Werthaltungen – als zentrale Elemente der Kultur – einher, die den durch Instinktreduktion und Verhaltensunsicherheit gekennzeichneten Menschen, als generelle Orientierungsstandards dienen.

Diese Zivilisierung der Glaubensaxiome und Werthaltungen wäre aber ohne die traumatischen Erlebnisse der Menschen im nachrevolutionären Iran kaum vorstellbar gewesen. Mit den schmerzhaften Erfahrungen einer religiös legitimierten totalitären Herrschaft entstand ein massenhaftes Bedürfnis nach einer religiösen Umorientierung, das von den sich als „religiöse Innovatoren“ („Noandischan-e Dini“) bezeichnenden Islamforschern befriedigt wird.

Diese Zivilisierung des Islamverständnisses, die sich in einer religiösen Umorientierung manifestiert, ergab sich aus den Reformierungsversuchen des Islams u.a. durch neue hermeneutische Koran-Rezeptionen in seinem historischen Kontext unter Berücksichtigung der linguistischen Aspekte der Koran-Interpretation, da die Sprache die Welt ist, wie die Menschen sie erfahren. Zu diesen Reformationsversuchen gehören auch die Forschungen von Dr. Azmayesh.

Einer der Aspekte der Zivilisierung der religiösen Orientierung offenbart sich vor allem in einem „barmherzigen Gottesbild“ gegenüber dem unbarmherzigen und blutrünstigen Gottesbild der herrschenden Islamisten im Iran. Damit wird eine „Religion der Barmherzigkeit“ der „unbarmherzigen Religion“ der Islamisten entgegengesetzt.

Um die Bedeutung der Zivilisierung des Gottesbildes zu begreifen, muss man die Zivilisierung als eine gerichtete Entwicklung individueller Selbstregulierung momentaner trieb- und affektbedingter Verhaltensimpulse oder deren Umleitung auf sekundäre Ziele und deren Sublimierung begreifen. Diese ist eine Veränderung des sozialen Habitus bzw. der Persönlichkeitsstruktur der Menschen in Richtung auf ebenmäßigere, allseitigere und stabilere Selbstkontrollmuster. Dieser gerichtete psychische Transformationsprozess führt zum Strukturwandel des Seelenaufbaus der Menschen, zu dem auch die Gewissensbildung gehört.[4]

Ohne sich je von Fremdzwängen völlig loszulösen, gewinnen außerdem die Selbstzwänge gegenüber den Fremdzwängen größere Autonomie. Zu diesen Fremdzwängen gehören auch die religiösen Phantasien und Mythen sowie Götter. 

Die Götter haben auf früheren Entwicklungsstufen, also etwa auf den durch Stämme und andere vorstaatliche Überlebenseinheiten repräsentierten Stufen Funktionen, die auf späteren Stufen in weit höherem Maße vom individuellen Gewissen und Verstand erfüllt werden. Für die heutigen gottesfürchtigen Gläubigen hat ihr Gott daher eine gewisse externe Gewissensteilfunktion, dessen Zivilisierung eine entscheidende Bedeutung zukommt; damit können Menschen mit sich selbst und mit anderen Menschen friedlicher leben.

Dazu kommt einer realitätsangemesseneren Darstellung der Anfangsgeschichte des Islams sowie der Biografie des Gründers des Islam, Muhammad, eine entscheidende Bedeutung zu, weil er und seine tradierten Verhaltens- und Denkweisen für die gläubigen Muslime einen fremdzwangsartigen Vorbildcharakter haben. 

Damit werden dem Islamismus als einer globalen Herausforderung alternative Lesarten des Islams als eines Wandlungskontinuums entgegengesetzt. Denn der Koran ist nicht nur geschrieben; er muss auch gelesen werden. Damit wird das nicht mehr lebendige Wort wieder lebendig. Denn Lesen und Denken sind Lebensäußerungen und verleihen den Worten das Leben, das sie verlieren, sobald sie niedergeschrieben worden sind. 

So kann man die Aussage, Muhammad sei der letzte Gesandte Gottes gruppencharismatisch auslegen und wie die Islamisten „als auserwählte Kinder Gottes“ die Weltherrschaft beanspruchen. Oder sie als Beginn der Aufklärung im Sinne Kants als „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ begreifen; und dabei den Wahlspruch der Aufklärung bedienen: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“[5]

Wir lesen, dass wir uns Gottes Gesetze unterwerfen sollen im Sinne der Islamisten als einer Unterwerfung unter die Scharia; oder diese als Naturgesetze entdecken und befolgen; bzw. als soziale Regelmäßigkeiten wie z.B. der Zivilisation erkennen und uns entsprechend den Zivilisationsstandards benehmen. In diesem Sinne folgen wir verantwortungsbewusst den Natur- und Humanwissenschaftlern als neuen Propheten, die durch Paradigmenwechsel immer erneut ersetzt werden. Dabei können wir im Sinne Aristoteles ein Gebot A nicht als etwas Gutes befolgen, weil es Gott geboten hat; sondern weil das Gebot A im Sinne des Zivilisationsstandards gut ist.

Wir können uns fatalistisch dem vom Gott bestimmten Schicksal hingeben oder unser Schicksal als Ergebnis der selbstverantwortlichen Lösung der von Gott gestellten Aufgaben begreifen.

Es ist also nicht nur geschrieben; es muss auch gelesen werden. Darauf kommt es an.

Professor Dawud Gholamasad, Sozialwissenschaftler Universität Hannover


[1] Einführung der Diskussion der Forschungsergebnisse von Dr. Azmayesh  über Koran und Islam am 4.3.016 in Hannover.

[2] Vergl. meine Beiträge über die Entstehung der „Islamischen Revolution“ im Iran: gholamasad.jimdo.com

[3] Glaubensaxiome sind Setzungen, die nicht erkenntnismäßig, sondern bekenntnismäßig festgestellt werden. Mit der dogmatischen Tradition des Islams, die als Orientierungsmittel ein Ersatz für fehlende Instinkte der Menschen ist, wurde über Jahrhunderte eine unschöpferische, starre Haltung reproduziert.

[4] Vergl. Norbert Elias, Zivilisation, in Bernhard Schäfer (Hrsg): Grundbegriffe der Soziologie, Opladen 1986, : 382ff.

[5] Immanuel Kant; Ausgewählte keine Schriften, Hamburg 1965, S. 1ff

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news-995 Tue, 16 Feb 2016 00:48:38 +0100 Die größten Irrtümer und Missverständnisse über Islam - Kapitel Auslegungen des Korans und Qualifikationen, den Koran zu interpretieren http://mehriran.de/artikel/die-groessten-irrtuemer-und-missverstaendnisse-ueber-islam-kapitel-auslegungen-des-korans-und-qualifikationen-den-koran-zu-interpretieren.html mehriran.de - Hintergründe, Hinweise, Klärungen zu Koran und Islam. Wir veröffentlichen in mehreren Kapiteln eine allgemein zugängliche Schrift zu grundlegenden Fragen über Islam.  

Teil I - Die größten Irrtümer und Missverständnisse über Islam - Kapitel Einführung in den Begriff Islam

Auslegungen des Koran

Irreführende oder unrichtige Auslegungen des Korans, genauso wie schlechte Auslegungen anderer heiliger Texte, stellen uns vor große Herausforderungen in modernen multikulturellen Gesellschaften. Um den Koran auslegen zu können, sollte man sich an den Prinzipien orientieren, die der Prophet Mohammed selbst aufgestellt hat und man sollte den besonderen Aufbau des Korans kennen, sowie die Werte, die sein Fundament ausmachen.

Um den Koran zu erforschen und die Bedeutung der Verse zu verstehen, muss man sie auf mehreren Ebenen erfassen. Zunächst sollte man die Bedeutung und den Sinn der Worte aufnehmen können, dann auf einer allegorischen oder hermeneutischen Ebene und schließlich auf der geistigen oder metaphysischen Ebene. Wenn man diese drei Ebenen nicht erfassen kann, erliegt man sehr schnell den Fallstricken mangelhafter Interpretationen des Korans. Aus diesem Grund findet sich im Koran der Hinweis, dass nur Gelehrte aller Bedeutungsebenen den Koran auslegen sollten.

Er ist es, Der dir das Buch herabgesandt hat. Es enthält eindeutige, grundlegende Verse, die den Kern des Buches bilden und Verse, die verschieden gedeutet werden können. Diejenigen aber, die im Herzen abwegige Absichten hegen, befassen sich vorrangig mit den nicht eindeutigen, mit der Absicht, Verwirrung zu stiften und eigene Deutungen zu entwickeln. Die einzig richtige Deutung weiß nur Gott allein. Diejenigen aber, die über tiefgreifendes, fundiertes Wissen verfügen, bekennen: "Wir glauben daran. Alles ist von Gott, unserem Herrn." So denken nur die, die sich ihres gesunden Verstandes bedienen.
Sure 3, Vers 7.

Daher lässt sich nachvollziehen, dass Wort für Wort Übersetzungen des Korans, wie sie heute im Westen üblich sind, gewöhnlich unrichtige Aussagen enthalten. Es ist unabdinglich, den Koran in seiner Sprache, Arabisch, zu erforschen und alle Ebenen seiner Aussagen zu erfassen. Dies ist alles andere als einfach, denn wir sollten berücksichtigen, dass viele der Worte im Koran nur scheinbar arabische Worte sind, aber eigentlich weisen diese Begriffe eine frappierende Ähnlichkeit mit dem Altsyrischen und sogar dem Altpersischen auf.

Ohne Kenntnisse in Etymologie[1] in Bezug auf die Koranverse kann sich niemand seiner Auslegung sicher sein. Daher würde man der Sache gerechter werden, wenn nur Fachleute, die sich dieser Nuancen bewusst sind und die alle Bedeutungsebenen dieser Verse erfassen können, den schwierigen Versuch unternehmen, den Koran auszulegen.

Dies hat Mohammed auch als Vermächtnis seiner Nachwelt hinterlassen, wie uns ein von allen Muslimen anerkanntes Hadith[2] eröffnet: ‘Ich werde jetzt diese Welt verlassen und hinterlasse euch zwei bedeutende Vermächtnisse: das Buch Gottes und meine Familie étràt oder Tradition sonat. Haltet euch an beide, um von Gott vor jeglicher Abspaltung und Abweichung beschützt zu sein.'[3]

Nehmen wir all diese Aspekte zusammen, wird klar, dass eine Auslegung des Korans schwierig ist und jemanden braucht, der spirituell hoch entwickelt ist, fachkundig in der arabischen sowie in weiteren Sprachen ist und sich der unter-schiedlichen Sinnebenen in jedem Vers bewusst ist. Daher werden die Leser des Korans in dem weiter oben zitierten Vers an die Gefahren erinnert, den Koran nach eigenem Gutdünken und eigensüchtigen Interessen auszulegen.[4] Um dieser Fallgrube zu entgehen, sollte man sich geistig hochstehend entwickeln und seine eigen-süchtigen Interessen zurückstellen können.

Da die Übersetzung des Korans keine einfache Aufgabe ist, sollte man nicht allzu leichtfertig jegliche Auslegung oder Übersetzung als korrekte Wahrheit und einzige Bedeutungsmöglichkeit der Verse betrachten.

Das letzte zu berücksichtigende Kriterium in der Auslegung und im Gesamtverständnis des Korans bezieht sich auf die Verse, die den Auf-bau einer Zivilisation in genau definierten Ent-wicklungsschritten schildern. Diese Verse basieren auf einem naschk genannten Prinzip. 

Historische Entwicklungen menschlicher Gesellschaften und das koranische Prinzip der Aufhebung (naschk)

Der Koran ist ein Buch, das den Menschen und der Gesellschaft Entwicklungsschritte zu einer substanziellen Evolution aufzeigt. Die Methode der Vermittlung gemäß der chronologischen Lehren des Korans macht Gebrauch von dem Prinzip der "Aufhebung" oder "Annulierung". Im Koran heißt es:

Du Mensch! Du strebst mit aller Mühe deinem Herrn zu; und du sollst Ihm begegnen.
Sure 84, Vers 6.

In einem weiteren Vers heißt es:

Der Edelste vor Gott ist der Frommste unter euch.
Sure 49, Vers 13.

Das Prinzip des naschk annuliert einen alten Vers durch einen neuen Vers. Naschk bedeutet "Aufhebung, Auslöschung, Streichung, Über-tragung, Unterdrückung, Auflösung". Die Arbeitsweise von naschk wird in diversen Versen, wie in der Sure 7, Vers 154, Sure 45, Vers 29, Sure 22, Vers 52, Sure 2, Vers 106 und in der Sure 16, Vers 101 angewandt. Diese Verse sind als "Aufhebungsverse" bekannt.

Wenn Wir (einem Gesandten) das wunderbare Zeichen eines vorigen vorenthalten oder es in Vergessenheit geraten lassen, so geben wir ihm ein besseres oder ein ähnliches. Weißt du nicht, dass Gottes Allmacht unermesslich ist?
Sure 2, Vers 106.

Wenn Wir dir ein Zeichen geben, das die Zeichen von Gesandten vor dir ersetzt - Gott weiß wohl, was Er offenbart - sagen die Ungläubigen: "Du bist ein Lügner!" Doch die meisten von ihnen sind unwissend.
Sure 16, Vers 101.

In diesen Versen findet man das Prinzip der Aufhebung eines älteren Verses und seine Ersetzung durch einen jüngeren Vers erläutert. Gemäß diesem Prinzip wird der aufgehobene Vers mansoukh in seiner Relevanz gegenüber dem neuen Vers nasekh herabgestuft und der neue Vers gewinnt dadurch eine höherwertige Gültigkeit. Auf dem geistigen Schulungsweg der substanziellen Entwicklung ist es üblich, dass ein Anfänger auf dem Weg von soghm zu selm die Stufen der inneren Entwicklung und der Entfaltung der seelischen Eigenschaften allmählich und in organischer Weise kennen und ausüben lernt. Wenn ein Novize Fehler begeht, wird ihm verziehen, jedoch wird von den Fortgeschrittenen erwartet, nicht die Verfehlungen eines Anfängers zu begehen.

Die Evolution der Menschheit hat mit der Bildung kleiner Gruppen, bestehend aus Männern, Frauen und Kindern begonnen, die als soziale Zelle in unterschiedlichen Regionen der Welt im Stil der Gemeinschaften der Steinzeit zusammen lebten. Im Laufe der Geschichte und vieler Jahrtausende haben sich diese einfachen Gruppen weiterentwickelt und haben einen neuen Schritt eingeleitet, als sie die ersten Stadtstaaten in Regionen wie Mesopotamien gründeten. Später sehen wir blühende Zivilisationen auftauchen, wie die sumerische, die babylonische, die assyrische, die persische, die griechisch-römische, die sich überlagerten und einander ablösten.

Jahrhunderte später wichen die alten Zivilisationen den modernen Gesellschaften. So sehen wir, wie die Menschheit eine allmähliche Entwicklung durchlaufen hat, die sich aus Sklavenhaltergesellschaften hin zu Zivilisationen entwickelten, die sich demokratisch verstehen und Menschenrechte respektieren.

Die Geschichtsbücher beschreiben, wie sich im 6. Jahrhundert n. Chr. zwei weit entwickelte Zivilisationen und Großmächte, Persien und Byzanz, gegenüberstanden, die in unmittelbarer Nachbarschaft herumwandernder Beduinen auf der Arabischen Halbinsel lebten, die noch keine historische Weiterentwicklung erfahren hatten, da sie sich den abergläubischen Traditionen der Stämme und Bräuchen ihrer Vorfahren vehement verschrieben hatten und nicht davon abweichen wollten.

Die Koranlehren enthalten verschiedene Aspekte, die allesamt auf eine geistig-kulturelle-soziale Erneuerung in jener Region zielten.

Dreiundzwanzig Jahre lang wurden Moham-med koranische Lehren offenbart. In dieser Zeit der schrittweisen Offenbarungen leiteten die Verse eine allmähliche Entwicklungsmethode für die Gläubigen an. Die koranische Methode der schrittweisen Evolution versucht den Lebensstil der Bewohner der Arabischen Halbinsel weiter zu entwickeln.

Die Stufen der Entwicklung beginnen mit dem Ist-Zustand einer in Obskurantismus, Unwissen und Götzendienerei verfangenen Gesellschaft, leiten zum Zustand des Anfängers auf dem Weg von soghm zu selm als Muslim (Gläubiger) über, erreichen dann den Zustand eines Mo'men (glaubwürdiger Muslim), er-reichen die Stufe des Zustands eines Mottaghi (frommer Muslim) und erreichen die Ebene eines Seddigh (gewissenhafter, gerechter Muslim). Schließlich gilt es, sich als Krönung den Zustand des Abd (ein Monotheist, der die Einheit allen Seins erfahren hat) zu erarbeiten.

Neben den Anleitungen zu einer geistigen Entwicklung und zum Erlangen von Weisheit betont der Koran auch die Wichtigkeit, lesen und schreiben zu lernen und sich mit Büchern zu beschäftigen.[5] Eine der ersten Maßnahmen Mohammeds in Medina war die Einführung einer Art Schulpflicht für die eingewanderten Muslime. Er schickte sie in die Schulen der Juden, um dort lesen und schreiben zu lernen und Wissen zu erlangen. Die geistigen Lehren Mohammeds waren vermischt mit Lehren, die sich auf die Entwicklung menschlicher Werte in der Gesellschaft bezogen. Dies kam daher, dass er erkannt hatte, dass eine geistige Entwicklung nicht ausreichte, um sich gegen Despotismus und abergläubische Praktiken aufzulehnen, um eine friedliche auf Teilhabe basierende demokratische Gesellschaft zu gründen.

O Prophet! Fürchte Gott und höre nicht auf die Ungläubigen und die Heuchler! Gottes Wissen und Weisheit sind unermesslich. Befolge alles, was dir von deinem Herrn offenbart wird! Gott weiß genau, was ihr tut. Verlass dich auf Gott allein! Gott genügt als Hüter.
Sure 33, Verse 1-3.

Irreführende Deutungen des Koran

Letztlich kann man sich auch klar machen, dass der eine oder andere sich auf eine gewisse Anzahl überlieferter Hadithe verlässt, um im Namen des Islams unmenschliche Handlungen zu begehen oder sachlich falsche Unterstellungen über den Koran in die Welt zu bringen. Doch um ein abschließendes Urteil über den Koran zu fällen, verlangt auch schon der Koran, dass man sich allein auf seine Aussagen beziehen sollte. Die Gültigkeit eines Hadith kann an den Aussagen im Koran überprüft werden. Wenn das Hadith mit der Aussage des Korans übereinstimmt, kann es als eine aussagekräftige Überlieferung gelten.


[1] Wortherkunft

[2] Ein Hadith ist ein mündlich überlieferter Spruch, der Mohammed zugeordnet wird. Um jedoch ein Hadith als authentisch zu klassifizieren, muss es eine eindeutige schriftliche Spur der Überlieferung bis in die Zeit des Propheten geben und noch wichtiger: es muss mit den Versen des Korans in der Sinngebung übereinstimmen.

[3] Hadith Nabavi zitiert von Zeyd ibn Argham, wie Muslem in seinem Sahih berichtet, Hadith as-Sagàlayn wird von vielen Berichterstattern zitiert: Al-Termazhi ; as-Sonan, vol. 5 im Kapitel ‘al-Managhib fil Ahlol bayt en Nabbi’. Ahmad Hanbal. Al-Musnàd, vol. III, p. 14, 17, 26, 59. Hâkim sagt in Al-Mustadrak, vol. 3 p. 109 dies Hadith sei Sahihlaut Muslim und Bokhari in ihren Büchern Sahih. Mohammad Baghir el Majlesi, Bihâr ol Anwar, vol. 3 p. 106.

[4] Ein klassisches Beispiel eigensüchtiger Auslegung des Korans ist der Einsatz von Steinigungen als Form einer islamischen Strafe, wie es einige Kleriker im Verlauf der Geschichte immer wieder getan haben. Der Koran hat die Steinigung unter keinen Umständen als islamische Strafe aufgeführt, sondern hat die Steinigung als Strafe geschildert, die Despoten an den Propheten Gottes vollziehen ließen. Daher lehnt der Koran solche Strafen vehement und entschieden ab. Es gibt aber immer noch einige Kleriker, die behaupten, Steinigung sei eine gerechte Strafe.

[5] Gott hat den Gläubigen wahrhaftig eine Gnade erwiesen, indem Er einen Gesandten aus ihrer Mitte mit der Botschaft betraute, der ihnen die offenbarten Zeichen Gottes vorträgt, der sie läutert und sie das Buch und die Weisheit lehrt. Denn zuvor hatten sie sich in schwerem Irrtum befunden. Sure 3, Vers 164.

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news-993 Thu, 11 Feb 2016 00:28:34 +0100 Die größten Irrtümer und Missverständnisse über Islam - Kapitel Einführung in den Begriff Islam http://mehriran.de/artikel/die-groessten-irrtuemer-und-missverstaendnisse-ueber-islam-kapitel-einfuehrung-in-den-begriff-islam.html mehriran.de - Hintergründe, Hinweise, Klärungen zu Koran und Islam. Wir veröffentlichen in mehreren Kapiteln eine allgemein zugängliche Schrift zu grundlegenden Fragen über Islam. Aus dem Klappentext: Schon als der Koran zur Zeit Mohammeds aufkam, gab es immer wieder falsche Auslegungen seiner Verse durch bestimmte Leute. Das hat Gefahren für Gesellschaften und Individuen mit sich gebracht, deren Ernst uns heute allzu deutlich vor Augen geführt wird. In diesem Buch findet sich eine Beschreibung der sachgemäßen Methoden, wie man an eine Auslegung des Korans herangehen kann. Diese Methoden sind den Koranversen entnommen, ebenso wie die Qualifikationsanforderungen an jene, die dieses Buch auslegen wollen. Schließlich bekommen die Leser ein tieferes Verständnis über einige Prinzipien des Islams. Der Begriff „Islam“ wird auf seine Grundbedeutung zurückgeführt und die größten Irrtümer und Missverständnisse über Islam werden in Bezug auf Menschenrechte, Frauenrechte und Dschihad beleuchtet.
Einführung

Die heiligen Koranverse sind im Lauf der Jahrhunderte durch irrtümliche Deutungen, sachlich falsche Zitate und unrichtige Übersetzungen der Texte, wie auch durch Zitieren einiger Stellen außerhalb ihres Zusammenhangs missbraucht worden. Da die Diskussionen um Islam nicht abreißen wollen und eine wachsende Zahl extremistischer Gruppen weltweit im Namen des Islams agieren, wollen wir einen Beitrag zur Aufklärung der häufigsten Irrtümer und falscher Vorstellungen in Bezug auf den Koran und Islam leisten. Ziel ist es, in diesem Werk auf diese Irrtümer und falschen Vorstellungen in Bezug auf die Verse des Korans bei Muslimen sowie Nicht-Muslimen einzugehen und die authentischen Kernaussagen des Korans zur Geltung zu bringen. Die Fehlurteile, die wir in dieser Schrift aufgreifen, beziehen sich auf die Darstellungen im Koran zu Menschenrechten, der Gleichwertigkeit zwischen Frauen und Männern und dem Konzept des Dschihad. 

Bevor wir die Betrachtung der Einzelheiten der unterschiedlichen Fehldeutungen vornehmen, erachten wir es als wichtig, den geistigen Kern des Islams und seiner wichtigsten Basis zu betrachten.

Dadurch wird man leichter nachvollziehen, warum einige Verse des Korans scheinbar nicht den eindeutigen Prinzipien des Islams entsprechen, sei es durch gewisse Fehldeutungen und fehlerhafte Übersetzungen, sei es dadurch, dass sie aus dem Gesamtzusammenhang heraus- gerissen wurden.

Dieser Aspekt sollte gerechterweise nicht außer Acht gelassen werden, so wie in jeder zivilisierten Gesellschaft ein Richter die Gesetze des Landes im Kontext des Geistes der Verfassung oder der Grundrechte betrachtet. In ähnlicher Weise sollten die Koranverse auch im Kontext des spirituellen Rahmens oder "Geistes" betrachtet werden, der in den Versen enthalten ist.

Der erste Schritt dieses Prozesses wird darin bestehen, den Begriff Islam, wie der Koran ihn definiert, zu untersuchen.

Oft findet sich der Begriff Islam mit "Unterwerfung" oder "Gehorsam" übersetzt und wird als "blindes Folgen" gedeutet. Diese Übersetzung ist falsch und irreführend. Die Wurzeln des Begriffs Islam sind selm und salam, was mit "Heil" oder "Frieden" übersetzt werden kann. Salama und yaslemo sind Verbformen von selm und drücken aus "den Frieden im Herzen erwerben" oder "ein heiles Herz erlangen". Tasleem hingegen ist der Ausdruck, der mit "Unterwerfung" übersetzt werden müsste. 

Das Wort Islam bezieht sich auf die Bedeutung von "Heil", "Heilung", "Gesundheit" oder "Frieden". Ein Individuum, das sich dem Erlangen dieses inneren "Heils" oder "Friedens" verschreibt, wird Muslim genannt. Der Koran schildert die Erkenntnis als Ausgangspunkt für die Entscheidung, ein solches Ziel anzustreben, mit einem "kranken" oder "unruhigen" Herzen soghm zu leben. Mit Hilfe der Koranlehren kann ein Suchender sein Herz aus einem Zustand des soghm in einen Zustand des selm verwandeln. Selm bedeutet "heiles" oder "gesundes" Herz.

Laut Koran lässt sich eine weitere Verwandlung des Herzens erzielen, aus dem Zustand des salem kann der Suchende sein Herz in den Zustand des salim verwandeln. Salim ist ein "immunisiertes" oder "heiliges" oder "sicheres" Herz.

Im Koran wird Abraham als Vorbild genannt, dessen Herz den Zustand salim erreicht hatte. Beachten wir, dass alle diese Begriffe wie Islam, Muslim, Selm, Salem und Salim sich alle von der Wurzel Salam ableiten lassen und in der jeweiligen Weise etwas zum Ausdruck bringen, das mit Heilung, Heil sein, Gesund sein oder Frieden zu tun hat.

Der Koran spricht auch von dem Zielort der Andächtigen im Nachtodlichen und nennt diesen Ort Dar al-Salam, was wir mit Haus des ewigen Friedens übersetzen können, auch bekannt als Paradies oder Himmel.

Darüberhinaus ist es nicht unüblich, Muslime as-Salam-Alaikum zur Begrüßung sagen zu hören. Übersetzt heißt das "Friede sei mit dir". Die Bedeutung dieser Begrüßungsformel und des Wortes salam sowie seiner Ableitungen werden im Koran stark hervorgehoben.

Die vierte Sure (an-Nisa, Die Frauen) weist die Gläubigen in Vers 94 an: und sagt nicht zu einem, der euch mit Salam, dem Friedensgruß, begrüßt "Du bist ein Ungläubiger!"

Aus diesem Vers kann man ableiten, dass die Lehren des Islam einem Muslim verbieten, die Religion oder den Glauben eines anderen in Frage zu stellen. Der Koran betont hingegen, dass die Begrüßung mit Salam (Frieden) ein Beweis einer guten Tat ist und wer mit Salam begrüßt wird, hat die Pflicht, den Friedensgruß zu erwidern, um bei einem Versäumnis entsprechend zu antworten, nicht zu sündigen. Dabei ist der Glaube oder die Religion dessen, der den Friedensgruß ausgesprochen hat, völlig unerheblich.

Vers 63 der Sure 25 (al-Furqan, Der Maßstab) beschreibt die Jünger des Allbarmherzigen als äußerst demütig. Sie antworten mit dem Friedensgruß Salam, wenn sie von den Unwissenden hart angegangen werden. Gott wird im Koran mit verschiedenen Namen bezeichnet[1]: salam. Auch diesen Aspekt können wir nicht außer Acht lassen.

Das Wort salam spielt im Islam eine entscheidende Rolle und der ganze geistige Schulungsweg dreht sich um salam und seine Ableitungen. Wer die Prinzipien des salam berücksichtigt und den Geist des Korans erfasst, kann feststellen, dass jede Schuldzuweisung dem Koran gegenüber und jede barbarische und gewalttätige Handlung im Namen des Islams einfach nur ein Ergebnis des Missbrauchs der koranischen Texte ist.

Oft ist es so, dass die Unkenntnis über den Aufbau des Korans zu vielen Missverständnissen und falschen Interpretationen der Verse führen kann.

Im Allgemeinen kann man den Koran in drei Hauptkategorien aufteilen. Die erste und rele-vanteste Kategorie von Versen bilden die Kern-lehren des Islams, die nach Ansicht der Muslime von dem Erzengel Gabriel dem Propheten Mohammed offenbart wurden. Die zweite Kategorie von Versen besteht aus Fragen an Mohammed, die ihm seine Jünger und andere Zuhörer seiner Unterweisungen gestellt haben. Die dritte Kategorie der Koranverse besteht aus den Antworten, die Mohammed auf die ihm gestellten Fragen gegeben hat. Zu den Fragen-stellern gehörten oft auch seine Gegner, die entschlossen waren, seine Mission bei jeder sich ergebenden Gelegenheit zu untergraben und häufig versuchten, sich lustig über ihn zu machen. Viele Missverständnisse in Bezug auf den Koran erwachsen durch die Unkenntnis von der Bedeutung des Aufbaus dieses Buches, gerade aus der Kategorie von Versen, welche die Fragen an Mohammed enthalten. So kann man jetzt ahnen, wie einige der Verse fälschlicherweise für Kernlehren des Islams gehalten werden können.

Dr. Seyed Mostafa Azmayesh

Die nächsten Kapitel beschäftigen sich mit der Wissenschaft den Koran auszulegen, mit den Menschenrechten im Koran und mit dem koranischen Verständnis des Begriffs Dschihad. Sie werden nach und nach im Abstand einiger Tage veröffentlicht. Wenn Sie Interesse an der ganzen Schrift haben, können wir Ihnen die gesamte Schrift "Die größten Irrtümer und Missverständnisse über Islam" als PDF Datei zur Verfügung stellen.(Schreiben Sie Ihre e-mail an info at mehriran.de)


[1] Gott wird mit einer Vielzahl von Namen benannt. Sie bezeichnen einzelne Aspekte, Eigenschaften oder Qualitäten des Göttlichen.

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news-992 Thu, 11 Feb 2016 00:21:29 +0100 Vierzehnter Hungerstreik statt Freiheit http://mehriran.de/artikel/vierzehnter-hungerstreik-statt-freiheit.html mehriran.de - Pressemitteilung der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran. mehriran.de - Information für Menschenrechtsaktivisten mit besonderem Fokus auf den Iran und die Welt.

Der Wissenschaftler Mohammad Ali Taheri ist Gründer der Methode „Faradarmani und Psymentology „Komplementärmedizin“. Er sitzt seit 5 Jahren in Einzelhaft im Evin-Gefängnis. Laut des jüngsten Berichts seines Anwalts Seyed Alizadeh Tabatabai  sollte er am 7. Februar 2016 freigelassen werden. Aus Protest gegen eine ungerechte Behandlung, sowie unerträgliche psychische Folter und Unterdrückung, trat er zum vierzehnten Mal am 30. Januar 2016 in einen trockenen Hungerstreik.

Wegen seines schlechten gesundheitlichen Zustands wurde er ins Krankenhaus Baghiatolah transportiert. Nach zwei Tagen Aufenthalt auf der Intensivstation wurde er wieder zurück in die  vorhergehende Zelle ins Evin-Gefängnis eingeliefert.

Er will seinen Hungerstreik bis zu seiner Freilassung nicht brechen ohne Rücksicht auf sein Leben. Zahlreiche Anhänger von Dr. Taheri und Menschenrechtsaktivisten im Iran und im Exil haben angekündigt ebenso in einen Hungerstreik zu treten.

10. Februar 2016, IOPHRI

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news-991 Wed, 03 Feb 2016 12:04:22 +0100 Solidaritätsaktion in Brüssel vor dem Europäischen Parlament http://mehriran.de/artikel/solidaritaetsaktion-in-bruessel-vor-dem-europaeischen-parlament.html IOPHRI - Eine Aktivistengruppe der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran hat den Auftakt für weitere Forderungen zur Freilassung von Dr. Mohammed Ali Tâheri in Brüssel gemacht. Die Aktionen zur Freilassung von Herrn Tâheri gehen am Freitag, 5.02.2016 weltweit weiter. In Berlin werden Aktivistinnen und Aktivisten vor der Botschaft der sogenannten Islamischen Republik Iran protestieren, skandieren, musizieren. Gleichzeitig läuft die Aktion "Das altruistische Selfie" weltweit. Hierbei handelt es sich um ein Foto, das Menschen von sich und einem Bild von Tâheri vor einer repräsentativen Kulisse ihrer Stadt machen. Die Fotos werden dann durch das Netz kursieren und an NGO's und Regierungsorganisationen gehen. Damit wollen die Aktivisten der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschen im Iran, von Faradarmangaran, und von Karamat e.V. ihre Solidarität zum Ausdruck bringen.

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news-989 Tue, 02 Feb 2016 00:03:34 +0100 Weltweite Solidarität für Mohammad Ali Tâheri http://mehriran.de/artikel/weltweite-solidaritaet-fuer-mohammad-ali-taheri.html mehriran.de - Das Regime im Iran beabsichtigt in unrechtmäßiger Weise den kurz vor seiner Haftentlassung stehenden Lehrer und Wissenschaftler Mohammed Ali Tâheri im Gefängnis zu behalten und mit neuen erfundenen Vorwürfen anzuklagen. Aus diesem Grund ist Herr Tâheri zum vierzehnten Mal in den Hungerstreik getreten, um auf seine Situation aufmerksam zu machen. mehriran.de - Am Freitag, 5. Februar 2016 (16. Bahman) werden Menschen weltweit an einer Solidaritätsaktion zu seiner Freilassung teilnehmen. 

Das altruistische Selfie

Um 16:30 MEZ werden Menschen Fotos von sich und einem Foto/Poster von Herrn Tâheri vor einem markanten Punkt ihrer Stadt aufnehmen und im Internet hochladen.

In Berlin werden sich zur gleichen Zeit mehrere Gruppen für seine Freilassung vor der Botschaft Irans einsetzen.
Ab 16:00 Uhr skandieren, singen und musizieren Menschenrechtsaktivisten für seine Freilassung.

Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran, Faradarmangaran, Karamat e.V. 

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news-988 Mon, 01 Feb 2016 14:12:48 +0100 Steinmeier soll sich für die Freilassung politischer Gefangener einsetzen http://mehriran.de/artikel/steinmeier-soll-sich-fuer-die-freilassung-politischer-gefangener-einsetzen.html Pressemitteilung der Gesellschaft für bedrohte Völker: Deutscher Außenminister im Iran und Saudi-Arabien erwartet (2.2.) GESELLSCHAFT FÜR BEDROHTE VÖLKER 
PRESSEMITTEILUNG    Göttingen, den 01. Februar 2016

Deutscher Außenminister im Iran und Saudi-Arabien erwartet (2.2.) 
Steinmeier soll sich für die Freilassung politischer Gefangener einsetzen
Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) hat Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier gebeten, sich im Iran für die Freilassung politischer Gefangener wie der sieben Mitglieder des ehemaligen informellen Führungsgremiums der Baha’i-Religionsgemeinschaft oder des gewaltlosen kurdischen Menschenrechtlers Mohammad Sadiq Kabudvand einzusetzen „Die Gewissensgefangenen haben in den iranischen Haftanstalten Unsägliches auszustehen. Die sieben Baha’i sind nur aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt worden. Wir appellieren an Sie, jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen und sich für die Freilassung von Frau Mahvash Sabet, Frau Fariba Kamalabadi, Herrn Jamaloddin Khanjani, Herrn Afif Naeimi, Herrn Saeid Rezaie, Herrn Behrouz Tavakkoli und Herrn Vahid Tizfahm auszusprechen“, schrieb die Menschenrechtsorganisation an Steinmeier. Die beiden Frauen und fünf Männer sind seit dem 14. Mai 2008 in Gefangenschaft. Die etwa 300.000 Bahá’í stellen im Iran die größte nichtislamische Minderheit, sind jedoch praktisch rechtlos. Ihre Religion hat ihre Wurzeln im Iran und ist eine eigenständige Glaubensgemeinschaft mit derzeit rund sieben Millionen Angehörigen weltweit. Der Bundesaußenminister soll am Dienstag nach Teheran und Riad aufbrechen. 
„Wir begrüßen es sehr, dass sich Außenminister Steinmeier für eine Deeskalation zwischen dem Iran und Saudi-Arabien einsetzen will“, erklärte der GfbV-Nahostreferent Kamal Sido am Montag in Göttingen. Die Regierungen beider Staaten missbrauchen die Religion zur Durchsetzung ihrer geopolitischen Interessen. Der Iran unterstützt das schiitisch geprägte syrische Regime von Baschar Assad und die schiitischen Huthi-Rebellen im Jemen. Saudi-Arabien liefert radikalen sunnitischen Rebellen in Syrien und im Irak Waffen und Geld für ihren „heiligen Krieg“ vor allem gegen Angehörige der ethnischen und religiösen Minderheiten wie Kurden, christliche Assyrer/Chaldäer/Aramäer, Yeziden und Armenier. 
Im Jemen führen Saudi-Arabien und ihre Verbündete einen Krieg gegen die vom Iran unterstützen schiitischen Huthi-Rebellen seit März 2015. „Es muss gelingen, Iran und Saudi-Arabien dazu zu bewegen, aufeinander zuzugehen, um die Kriege in Syrien und im Jemen zu beenden. Dies wäre ein großer Schritt hin zur Bewältigung der humanitären Flüchtlingskrise in den beiden arabischen Ländern. Denn die Menschen dort wollen nichts lieber als in ihrer Heimat bleiben“, sagte Sido. Etwa elf Millionen syrische Staatsbürger sind auf der Flucht. Im Jemen gibt es rund 2,3 Millionen Vertriebene innerhalb des Landes. Dort wurden nach UN-Angaben seit März 2015 etwa 6.000 Menschen im Bürgerkrieg getötet, davon die Hälfte Zivilisten. 80 Prozent der Bevölkerung sind auf Hilfslieferungen angewiesen. 

Kontakt: Dr. Kamal Sido, GfbV-Nahostreferent, Tel. 0173 67 33 980.

-- >>>>>>>>>>>>> Für Menschenrechte. Weltweit. <<<<<<<<<<<<<<< Gesellschaft für bedrohte Völker / Society for Threatened Peoples P.O. Box 20 24 - D-37010 Göttingen/Germany Nahostreferat/ Middle East Desk Dr. Kamal Sido - Tel: +49 (0) 551 49906-18 - Fax: +49 (0) 551 58028 E-Mail: nahost@gfbv.de - www.gfbv.de Besuchen Sie uns auf Facebook: www.facebook.com/bedrohteVoelker und https://www.facebook.com/KamalSiddo GfbV Berlin – der Blog: http://gfbvberlin.wordpress.com/
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news-986 Mon, 01 Feb 2016 12:13:23 +0100 Interview mit einem Flüchtling aus dem Iran http://mehriran.de/artikel/interview-mit-einem-fluechtling-aus-dem-iran.html mehriran.de - Arman Charostaei stammt aus dem Iran. Vor drei Jahren ist er aus dem Land geflohen, weil die Behörden seine Aktivitäten als Blogger, der sich für Demokratie im Land eingesetzt hat und die Organisation "Junge Menschen für Freiheit im Iran" gegründet hat, als Staats gefährdend betrachteten. Eine Rückkehr ist für ihn mit der Aussicht verbunden weiterer Folter, langer Gefängnisstrafen oder im schlimmsten Fall wegen Spionage und Landesverrats zum Tode verurteilt zu werden. Wir haben ein schriftliches Interview mit ihm geführt. mehriran.de - Interview mit einem Flüchtling aus dem Iran.

Stellen Sie sich bitte kurz vor, wie sie heißen, wie alt Sie sind, woher sie stammen und welche Bildung Sie durchlaufen haben.

Mein Name ist Arman Charostaei, 29 Jahre alt, wohnhaft in Plüderhausen. Ich bin seit über 3 Jahren in Deutschland, habe im Iran Informatik studiert, arbeitete nebenbei in einer Internet Firma und gründete dann im Iran meine eigene Internetfirma. 

In welcher Situation leben Sie jetzt? 

Ich bin 2012 aus politischen Gründen nach Deutschland geflüchtet. Seit dem bin ich in der Warteschleife und warte auf mein Asylrecht, was mit vielen Einschränkungen verbunden ist. Was meine Ziele hier angeht, werde ich trotz großem Willen gehindert. Ich darf keine Ausbildung machen, nicht studieren, nicht mal einen vernünftigen Sprachkurs besuchen und ein Recht auf eigenen Wohnraum habe ich auch nicht. Trotzdem spiele ich in SVP(sportverein-pluederhausen)  Fußball und lerne jeden Tag zu Hause am meinem Copmuter und mit Hife des Internets Deutsch. Auch bin ich sehr bemüht mich an soziale Aktivitäten zu beteiligen und besuche zum Beipiel in meinem Wohnort ein Jugendfreizeithaus, unterhalte mich mit den Besuchern und Mitarbeitern dort, suche das Gespärch und mache damit sehr positive Erfahrungen. 

Wann und warum sind Sie aus dem Iran geflohen?

Seit 2006 gehöre ich zu den bekannten und aktiven iranischen BLOGGERN, die sich für eine Demokratie im Iran einsetzen. Zahlreiche Videos und Interviews im Internet und bei Youtube belegen offensichtlich, dass ich zu der Speersptize der iranischen Opposition gehöre. Im Februar 2010 wurde ich mit meinem jüngeren Bruder verhaftet und für 45 Tage in Einzelhaft gesteckt. Physisch sowie psychisch erlitten wir in dieser Zeit Folter und Gewalt. Nach über zwei Monaten wurden wir nach der Bezahlung von 100 Millionen ‘Toman‘ frei gelassen. Wir mussten auch unterschreiben, dass wir uns im Iran politisch an gar keinen Aktionen beteiligen. Trotzdem gründete ich nur ein Jahr später die Organisation der „junge Menschen für Iranischen Freiheit“ und landete deshalb wieder für 3 Monate ins Gefängnis. Ich habe noch 9 Monaten Satz  Gefängnis. Ein zurückgehen in den Iran ist für mich unmöglich da mein Leben und Sicherheit 100% in Gefahr ist. 

Welcher Religion oder Weltanschauung folgen Sie und welche Werte liegen Ihnen besonders am Herzen?

Ich bin als Muslim geboren habe aber heute keine Religion. Ich glaube an das Gute und Positive in den Menschen. Die Menschenrechte so wie es in der Charta der Vereinten Nationen steht ist für mich die Grundlage meiner Werte. Außerdem, nicht lügen, nicht betrügen, nicht klauen!

Was stört Sie am Leben in Iran?

Mich stören sehr viele Sachen in meinem Land. Die Armut, die Korruption, die Arbeitslosigkeit, die Respressionen des Regiems und die Freiheit der Menschen die bei vielen Dingen sehr eingeschränkt ist.
Im Iran herrscht eine Theokratie, das ist ein Gottesstaat. Dabei muss man wissen, dass wir bis zu der Revolution im Jahre 1979 ein sehr westlich orientiertes Land waren. Die islamische Revolution war in meinen Augen eine nationale Tragöide, die uns in den letzten 37 Jahren sehr viel Unheil gebracht hat.


Was gefällt Ihnen am Leben in Iran?

Das Wetter, die Gastfreundlichkeit, das Essen, dass meine Familie vor allem meine liebe Mutter und mein kleiner Bruder da sind. Gebe es im Iran Freiheit würde ich keine Sekunde flüchten wollen, aber leider haben wir eine ganz andere Situation.


Was stört Sie am Leben in Deutschland? 

Für den Schutz, den mir Deutschland gegeben hat, bin ich vom tiefsten Herzen dankbar,
Dennoch habe ich sehr viel Heimweh, ich habe nicht viele Freunde hier, das Erlernen der Sprache ist sehr schwer, das Wetter ist kalt.
Aber was mich am meisten stört und einschränkt ist, dass ich nach 3 Jahren mein Asylrecht nicht bekomme.
Dass ich keine eigene Wohnung habe, dass ich keinen Sprachkurs besuchen kann, nicht mein eigenes Geld verdienen kann, nicht studieren kann.
Ich werde hier bisher nur geduldet, obwohl mein Leben im Iran gefährdet ist und ich 100% das Recht auf Asyl habe.


Was gefällt Ihnen in Deutschland?

Ich liebe Deutschland und lese gerne die Deutschen Philosophen.
Vor allem liebe ich den Deutschen Fussball. Schon im Iran war ich verrückt danach.
Mir gefällt hier die Freiheit, die Gleichberechtigung, die Demokratie, die deutsche Technik, die deutsche Pünktlichkeit und Diziplin.


Was können Iraner von Deutschen lernen? 

Diziplin, Pünktlichkeit, die Kunst zu Organisieren und zu koordinieren.

Was können Deutsche von Iranern lernen?

Dass man auch mal bißchen lockerer die Sachen sehen soll und sich nicht viel Stress um Kleinigkeiten machen soll.


11. Was wünschen Sie sich für Iran? 

Ich wünsche für mein Land Freiheit, Wohlstand und Demokratie. Ich wünsche mir, dass junge Menschen wie ich nicht mehr flüchten müssen und ihren Beitrag zum Aufstieg des Irans im eigenen Land leisten.

12. Was erhoffen Sie sich für Ihr eigenes Leben in Deutschland?

Ich hoffe, dass ich sobald wie möglich meinen Aufenthalt hier bekomme, schnell die Sprache vertiefe, studiere und einen positiven Beitrag hier leiste. Ich möchte weiterhin die deutsche Kultur und das Land kennenlernen, Freundschaften schließen und hier die Gesellschaft mitgestalten.
Danke für die Möglichkeit des Interviews.

Interview Helmut N. Gabel, mehriran.de, Januar 2016

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news-985 Thu, 28 Jan 2016 20:19:35 +0100 IOPHRI Mitglieder setzen sich im Europäischen Parlament für die Freilassung von Gewissensgefangenen im Iran ein http://mehriran.de/artikel/iophri-mitglieder-setzen-sich-im-europaeischen-parlament-fuer-die-freilassung-von-gewissensgefangenen-im-iran-ein.html IOPHRI- Als Präsident Rohani am Dienstag weitreichende wirtschaftliche Geschäfte zwischen europäischen Handelspartnern und Iran wieder in Gang brachte, trafen Mitglieder der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI) Abgeordnete des EP zum Austausch über die Menschenrechtssituation im Iran. IOPHRI - Am Dienstag und Mittwoch dieser Woche tauschten sich Mitglieder von IOPHRI im Europäischen Parlament zu der aktuellen Menschenrechtssituation im Iran aus. Einige besorgte Abgeordnete begründeten ihr Interesse an den Gesprächen teilzunehmen mit langjährigen Erfahrungen unter rigiden Herrschaftssystemen. Der estnische Parlamentarier Tune Kelam glaubt nicht an den Erfolg des Prinzips "Wandel durch Handel" wenn die Einhaltung der Menschenrechte nicht gleichermaßen in den Fokus der Berichterstattungen in Europa rücken wie die Handelsbeziehungen. Er verweist darauf, dass schon die Nuklearverhandlungen das Thema der Menschenrechte sehr stark in den Hintergrund gerückt haben und geht davon aus, dass jetzt Geschäftsinteressen des Westens im Iran unabhängige Berichte aus dem Iran blockieren werden.

Am Ende der Gespräche stand die Bitte eine Petition zur Freilassung des Gesundheitsforschers Dr. Mohammed Ali Tâheri zu unterschreiben. Mehrere Abgeordnete kamen der Bitte umgehend nach.

Hier der Wortlaut der Petition:

"Wir appellieren an den Präsidenten Hassan Rouhani, den Leiter der Justiz Sadeq Larijani und weitere Verantwortliche der Islamischen Republik Iran ihre besondere Aufmerksamkeit auf den Fall Herrn Mohammad Ali Tâheris zu lenken.

Dr. Mohammed Ali Taheri (geboren 1956) ist kein politischer Aktivist. Er hat mit Erlaubnis der Behörden ein psychologisches Institut gegründet mit dem Fokus physische und seelische Gesundheit zu fördern. Seine Lehre nennt sich Interuniversalismus (auch Psymentologie). Die Methoden dieser Lehre haben rasch Verbreitung gefunden unter zehntausenden Iranerinnen und Iranern. 2010 verhafteten Geheimdienstmitarbeiter Dr. Taheri und beschuldigten ihn der Blasphemie, Apostasie, Beleidigung des Propheten und Gefährdung der nationalen Sicherheit. Ein Gericht verurteilte ihn zum Tode. Sein Todesurteil beruhte auf einem Gesetz, das drei Jahre nach seiner Verhaftung erlassen wurde. Wir sind darüber erleichtert, dass Herrn Taheris Todesurteil nach internationalen Protesten aufgehoben wurde und seine Haftstrafe am 7. Februar 2016 enden wird.

Wir betrachten die Entlassung von Herrn Taheri als ein Indikator für Irans Bereitschaft die internationalen Beziehungen zu normalisieren und ebenso als Schritt der eigenen Bevölkerung nicht länger die Menschenrechte zu verweigern. Die iranische Justiz muss das Datum von Herrn Taheris Entlassung bestätigen. Gleichzeitig treibt uns auf Grund gewisser Anzeichen die Sorge um, dass die Behörden planen Herrn Taheri mit neuen erfundenen Anschuldigungen im Gefängnis festzuhalten.

Er hat bereits fünf Jahre in Einzelhaft verbracht. Herr Taheri hat sich mehrmals in den Hungerstreik begeben, um seine Unschuld hervorzuheben. Einmal dauerte der Hungerstreik 70 Tage. Als Ergebnis schlechter Behandlung und der wiederholten Hungerstreiks befindet sich Herr Taheri in einem kritischen gesundheitlichen Zustand.

Daher möchten wir, Mitglieder des Europäischen Parlaments, Ihnen unsere Besorgnis über Herrn Taheris Gesundheitszustand überbringen und Sie um seine sofortige und bedingungslose Freilassung aus dem Evin Gefängnis bitten."

Die Unterzeichner:

Tunne Kelam MEP, Estland

Andrey Kovachev MEP, Bulgarien

Petri Sarvamaa MEP, Finnland

Wim van de Camp MEP, Niederlande

Cristian Preda MEP, Rumänien

Bendt Bendtsen MEP, Dänemark

László Tőkés MEP, Ungarn

Marijana Petir MEP, Kroatien

Alojz Peterle MEP, Slowenien

Eduard Kukan MEP, Slowakei

http://www.eppgroup.eu/et/news/MEPs-urgent-appeal-on-Dr.-Mohammed-Ali-Tahiri

 

 

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news-983 Mon, 25 Jan 2016 20:43:38 +0100 Menschheit, Hass und Liebe - Teil III http://mehriran.de/artikel/menschheit-hass-und-liebe-teil-iii.html mehriran.de - Dieses Manifest wurde im Dezember 2007 durch die Bewegung fortschrittlich denkender Sufi-Muslime geschrieben und 2009 als kostenlose Schrift herausgegeben. Sie ist aktueller denn je. Wir veröffentlichen diese Schrift in mehreren Teilen auf mehriran.de in der Hoffnung Dialoge in Gang zu setzen, die unerlässlich für einen zivilisierten Fortbestand und Weiterentwicklung unserer modernen Gesellschaft sind.  

mehriran.de - Fortsetzung von Teil I und Teil II

Warum ist der Koran bedeutsam?

In den islamischen Ländern können alle anderen heiligen Schriften, wie die Baghavadgita, die Bibel, die Thora, das Awesta usw. keine Alternative zum Koran darstellen. Die Bevölkerung der islamisch geprägten Länder glaubt an den Islam und wenn jemand anführt, dass in der Bibel oder in der Baghavadgita oder in jeder weiteren Offenbarungsschrift etwas anderes geschrieben steht, sagen die Muslime: „ Na prima, das ist für die, die daran glauben wichtig. Wir folgen unserem muslimischen Glauben. Uns interessiert keine andere Schrift oder Kultur oder Religion. Für uns ist der Inhalt des islamischen Glaubens wichtig. Durch die ganze Geschichte hindurch, wenden sich die Sufi an die Muslime mit der Frage, was sie unter Islam verstehen, welches Konzept sie vom Islam haben. Wir wissen nicht, wie es für euch ist, aber für uns ist der Koran die Hauptsäule des Islam und was im Koran steht, wenden wir im täglichen Leben an. Für alles, was wir tun, haben wir die Unterstützung im Koran. Wir sind also Muslime, haben aber ein anderes Verständnis des Korans. Wir sollten also unsere Versionen des Korans miteinander vergleichen, um zu schauen, welche näher am Koran ist. Die Hauptquelle für den Islam ist der Koran. Und wir müssen auf diese Weise entscheiden, welcher Weg der des Korans ist.

Der Koran gibt Gottes Wort wieder. Was danach kommt, entspringt dem Verstand, der Anmaßung oder der Erfindung der Menschen. Der Koran ist heilig, andere Aussagen sind nicht heilig. Da wir den Koran haben, warum sollten wir uns auf andere Schriften beziehen?

Die Sufis haben den Anspruch zu versuchen den Lehren des Korans zu folgen; nicht mehr und nicht weniger. Das ist alles. Aus diesem Grund wurde das Sufitum in den muslimischen Ländern immer als Alternative zum Islam betrachtet, blieb aber eine Randerscheinung, weil niemand im Namen des Sufitums jemals ein Land regiert hat.

Vergangener und gegenwärtiger Anspruch der Sufis

Sufitum hat den Zweck, übersinnliche Wahrnehmung auszubilden, damit sich der Einzelne selbst wesenhaft erkennt, damit er oder sie sich ganzheitlich entwickeln kann. Doch ist es wichtig zu wissen, dass die Hauptquelle der Inspiration der Koran ist.
Die Sufis halten sich für authentische Muslime. In ihren Augen haben sie das Koranwissen aufgenommen und gründen ihre Handlungen auf diese Werte dieser Schrift.

Rumi hat diese Tatsache sehr eindringlich hervorgehoben. Er lebte in einer sehr unruhigen Zeit der Weltgeschichte. Es war die Zeit der Mongolenstürme in vielen Regionen der Welt, insbesondere in den muslimischen Ländern. In dieser Zeit konnte Rumi Dschingis Khan keinen Ratschlag geben. Sie teilten nicht die gleiche Weltanschauung. Dschingis Khan hatte die Jassa, die Gesetzessammlung der mongolischen Völker. Er folgte einer anderen Schrift, anderen Grundsätzen.

Saadi und Hafis jedoch konnten den Herrscher ihrer Zeit und ihrer Region kritisieren, weil er vorgab Muslim zu sein. Hafis sagte zu ihm: „Was du da tust, stimmt nicht mit den Grundsätzen des Islam überein, denn es widerspricht dem Koran.“

Warum ist dies nicht nur für muslimische Länder bedeutsam?

Die Hauptsorge der gesamten Welt gilt der Frage, wie mit den Herausforderungen, die aus muslimisch geprägten Ländern kommen, umgegangen werden kann. Viele Menschen in muslimischen Staaten wollen die Symbole von Zivilisation und Fortschritt im Namen des Islams angreifen und zerstören. Wenn wir das Problem der Fehldeutung des Islam lösen können, wenn wir den Muslimen klar machen können, dass es einen Weg gibt, der näher an den Lehren des Koran, eine menschlichere Version von Islam, die dem Geist der Koranweisheiten näher ist, wenn viele Muslime eine andere Haltung gewinnen, werden viele Probleme in der Welt gelöst sein.

Dies ist die Bedeutung und der Anspruch von Sufitum für unsere Zeit.

Bedeutsam war die Existenz des Sufitums stets, doch der Unterschied liegt darin, dass Sufis mit den eigenen Zielen beschäftigt waren. Sie haben ihre Schüler unterwiesen, um Frieden und Ruhe in jedem Einzelnen zu ermöglichen. Doch stehen wir jetzt vor der Frage, wie wir die Friedensbotschaft, einen Weg zu Frieden in der ganzen Welt, aufzeigen können.

Die Aufgabe der Sufis in der Gegenwart lautet: schaue mit offenem Sinn in den Koran und du wirst eine ganz andere Version darin finden. Wir können Muslime sein, ohne reaktionär zu sein; wir können Muslime sein ohne fanatisch zu sein; wir können tolerant und Muslim sein, all dies ist möglich.

In der Gegenwart hat das Sufitum eine historische Mission: der ganzen Welt und nicht nur den Muslimen zu zeigen, dass viele Missverständnisse über die Lehren des Korans und des Islams kursieren.

Der Auftrag Mohammeds

In unserer Zeit stecken wir in einem sehr großen Dilemma. Als Mohammad 15 Jahrhunderte vor unserer Zeit in Arabien lebte, war er in einen Stamm hineingeboren, der sich völlig in Aberglauben und Obskurantismus verloren hatte. Diese Menschen konnten weder lesen noch schreiben. Sie beteten Idole aus Stein und Holz an. Es waren Menschen, die Vernunft, Philosophie, Wissenschaft und Weisheit nicht erfahren hatten. Mohammad war ein Prophet, ein göttlicher Bote, ein spiritueller Lehrer. Eine der Folgen seiner Mission war eine kulturelle Revolution, die sich in seiner Heimatregion vollzog. Zum ersten Mal konfrontierte er sein Volk mit dem Wort „Ketab“. Das Buch. Was ist ein Buch? Wie kann man ein Buch schreiben? Wie kann man ein Buch lesen? Wie kann man aus einem Buch lernen? All das brachte er ihnen bei.

Er forderte seine Leute auf, mit dem Steine-anbeten aufzuhören und stattdessen den Weg Gottes zu gehen. Wie? Durch Selbsterkenntnis. Erforsche dein Wesen, das wird genügen. Er zeigte ihnen Kultur und Weisheit und die Überlieferung von Wissen und Weisheit an die kommenden Generationen durch das Schreiben und Lesen von Büchern. Es war eine sehr umfassende historische Mission für seine Zeit. Und jetzt erleben wir, wie Leute in bestimmten Teilen der Welt mit überwiegend muslimischer Bevölkerung, obwohl sie Muslime sind und sich Anhänger Mohammads wähnen, in die Gegenrichtung der kulturellen und spirituellen Revolution ihres eigenen Propheten gehen. Zur Zeit Mohammads verwandelten sie die Beytullah, das Haus Gottes in Mekka, in ein Haus der Idole. Es war mit 360 Idolen gefüllt. Jeder Stamm hatte sein eigenes steinernes Idol darin platziert. Somit war es nicht länger Gottes Haus, sondern ein Götzenhaus. Es war die Zeit, die von Aberglauben und Obskurantismus und Geistesdunkelheit beherrscht war. Die Aufgabe Mohammads war die Idole zu vernichten und sie aus dem Haus Allahs zu verbannen.

Jetzt befinden wir uns im 21. Jahrhundert und wir sehen Leute, die einen vertrockneten Brunnen in der Wüste anbeten und Wunder daraus erwarten.

Also, wenn dies kein Aberglaube ist, was ist Aberglaube dann? Dieser Glaube an den vertrockneten Brunnen und die Erwartung von Wundern daraus, hat mit dem Islam nichts zu tun, mit dem Koran nichts gemein.[1] Es läuft der Mission Mohammads zuwider. Es ist sehr schwer anzunehmen und schier unglaublich, dass Millionen Menschen diesen Weg des Aberglaubens gehen. Dabei glauben sie auch noch, aufrechte und gute Muslime zu sein. Sie glauben die besten Menschen, die je von Gott geschaffen wurden, zu sein. Im Koran gibt es einen Vers, der besagt: „Die größten Verlierer sind die Menschen, die die falschen Handlungen vollführen und glauben, gute Taten zu vollbringen.“ Sie verlieren ihre Energie und ihre Zeit, während sie glauben, Gutes zu vollbringen und dabei Schlimmstes tun. Sie sind die größten Verlierer vor Gott. Dieses Beispiel erleben wir in unserer Zeit. Jeden Tag werden eine Unmenge abergläubischer Praktiken unter dem Namen von Islam angewandt. Die große Mehrheit dieser Menschen weiß nichts über die Lehren des Korans. Islam ist unbekannt. Der Koran ist unbekannt. Es ist notwendig, all diesen Menschen klar zu machen, dass ihr Handeln und Denken im Gegensatz zu den Lehren und der Mission Mohammads steht.
Nicht erfinden wollen wir, was wir hier sagen. Die Sufis sagen dies seit 15 Jahrhunderten. Die Sufis erwarten kein Wunder aus irgendeinem trockenen Brunnen. Sie suchen Gottes Licht in ihrem Herzen. Wenn der Weg des Sufitums bei der muslimischen Bevölkerung und bei der Nicht-Muslimischen Bevölkerung bekannt ist, könnten Frieden und Toleranz zwischen den Zivilisationen und den Kulturen und den Religionen möglich sein. Darüber hinaus wird weniger Spielraum für Aberglauben innerhalb der muslimischen Länder sein. Das betrachten wir als sehr, sehr wichtig.

Notwendigkeit unserer Zeit

Die Notwendigkeit unserer Zeit liegt im Verhindern von Aberglauben.

Wir wollen die Gesellschaften in der gesamten Welt und besonders die westlichen Gesellschaften sensibilisieren, einen Dialog über den echten Islam zu führen, denn wir sehen, dass sich im Westen das Missverständnis bezüglich Islam unter den Einwanderern muslimischen Glaubens immer weiter verschärfen wird. Sie glauben, wenn sie gegen die etablierte Gesellschaft sind oder hasserfüllt gegen die Gesellschaft vorgehen, seien sie gute Muslime.
Wir wollen ihnen sagen, dass dies nicht wahr ist. Islam ist der Weg von Entwicklung, Fortschritt und Entdeckungen. Es ist sehr wichtig, die ganze Welt darüber aufzuklären, was der Koran mitzuteilen hat: dass die Anbetung von trockenen Brunnen und ähnlichem nichts mit Islam zu tun hat, dass es nicht nötig ist, die Menschen zu fanatisieren und durch absonderliche Lehren Gehirnwäsche bei den Leuten zu betreiben, um sie nachher zu Selbstmordattentaten und anderen zerstörerischen Handlungen gegen die moderne Gesellschaft aufzuhetzen.

Nur durch den Intellekt oder Reden über Menschenrechte ist es nicht möglich, in den Köpfen der Bewohner muslimischer Länder etwas zu erreichen. Wenn die UN die Regierung eines muslimischen Landes ermahnt, die Menschenrechte zu beachten, antwortet die Regierung: „Ihr folgt den Menschenrechten, die ihr selbst erfunden habt. Wir folgen dem islamischen Recht, das von Gott gegeben wurde und das uns viel wichtiger ist, als eure Menschenrechte.“ Wir müssen ihnen entgegnen, dass das nicht stimmt. Was diese Regierungen befolgen, steht nirgendwo im Koran. Im Koran steht das Gegenteil von dem, was sie tun. Wir müssen mit ihnen von Muslim zu Muslim sprechen. Christen oder Buddhisten zum Beispiel können keine Kritik an den Muslimen anbringen, denn ihr Standpunkt wird von vorneherein von einem Muslim nicht akzeptiert. Ein Muslim erhebt den Anspruch Recht zu haben, da er bereits ein Muslim ist und ein Nicht-Muslim liegt falsch, einfach dadurch, weil er kein Muslim ist. Ein Dialog ist so nicht möglich. Sie halten sich für höherwertig. Doch wenn man mit ihnen als Muslim spricht und man ihnen aufzeigen kann, dass ihr Konzept von Islam nichts mit dem Koran gemein hat, werden sie sich auf diese Weise überzeugen lassen.
Es ist allemal vernünftiger, Gespräche auf internationaler Ebene über den Stellenwert der Menschenrechte im Koran zu führen, als in der Stube zu sitzen und Rechtsgutachten über Menschenrechte zu erlassen. Wir rufen hiermit nachdrücklich die internationale Gemeinschaft zu einem Dialog über den Stellenwert von Menschenrechten im Koran auf.

Bewegung Fortschrittlich Denkender Sufi-Muslime


[1] Nahe Qom, Iran, steht ein Brunnen über den eine Moschee gebaut wurde. Laut Mahmoud Ahmadinedschad, einem ehemaligen Präsidenten Irans, wird der verborgene Mahdi, der sehnsüchtig erwartete Erlöser der Schiiten, aus diesem Brunnen in die Welt zurück kehren. Seither pilgern Millionen Gläubige dorthin, um ihre Klagen und Wünsche auf Zetteln in den Brunnen zu werfen.

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news-982 Mon, 25 Jan 2016 18:14:39 +0100 Menschheit, Hass und Liebe - Teil II http://mehriran.de/artikel/menschheit-hass-und-liebe-teil-ii.html mehriran.de - Dieses Manifest wurde im Dezember 2007 durch die Bewegung fortschrittlich denkender Sufi-Muslime geschrieben und 2009 als kostenlose Schrift herausgegeben. Sie ist aktueller denn je. Wir veröffentlichen diese Schrift in mehreren Teilen auf mehriran.de in der Hoffnung Dialoge in Gang zu setzen, die unerlässlich für einen zivilisierten Fortbestand und Weiterentwicklung unserer modernen Gesellschaft sind. mehriran.de - Fortsetzung von Teil I 

Was ist Sufitum?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten zu erklären, was Sufitum bedeutet. Wir könnten uns auf eine Vielzahl von Büchern und eine Menge unterschiedlicher Erklärungen durch ebensoviele Sufi Lehrer und Sufi Meister beziehen. Doch wenn wir die gemeinsame Botschaft aller Sufi Meister über die Jahrhunderte betrachten, kommen wir zu folgender Aussage: „Betrachte das Buch deiner selbst, deines geistigen Zustands, damit wirst du vollauf beschäftigt sein.“[1] Mit anderen Worten können wir sagen: kenne Dich selbst und Du wirst Gott kennen. Es ist genau dasselbe.
Jedoch ist das „Kenne Dich selbst und Du wirst Gott kennen“ älter als Sufitum. Diese Aussage findet sich auf einem antiken Tempel in Griechenland geschrieben. (Delphi: Gnothi Seauton)
Diese Botschaft ist von den Sufis weitergetragen worden. Doch haben wir einen weiteren Satz: „Lies im Buch Deiner eigenen Schöpfung, Deines eigenen Daseins, es wird Dich ausreichend beschäftigen.“ Diesen Satz betrachten wir etwas näher. Es wird gesagt, das gesamte Universum sei voller Zeichen, die die Aufmerksamkeit eines Suchenden zum Schöpfer lenken: (2) in allen Teilen der Welt und bei jedem, der sich selbst ernsthaft erforscht. Wenn ein Suchender beginnt, sich selbst zu erforschen, gelangt er zur Wahrheit. Er wird sofort verstehen, was mit Wahrheit gemeint ist. Und er kann nur durch die Erforschung und Erkenntnis seines Selbst zur Wahrheit gelangen. Somit ist dieser Satz „Erforsche das Buch Deines Selbst, es wird dich ausreichend beschäftigen“[2] sehr wichtig. Dies ist eine Zeile, die im Koran geschrieben steht. Im Koran wird also der Einzelne aufgefordert, sich nach einer profunden und wesenhaften Erforschung seiner selbst, tiefgreifend kennen zu lernen. Der Einzelne wird eingeladen, Schicht um Schicht sein Wesen zu durchdringen, bis hin zu seinem wesenhaften Kern; in die Weite seines oder ihres Ozeans einzutauchen.
Die gemeinsame Botschaft des Sufitums und der Lehren aller Sufi Meister über die Jahrhunderte heißt demnach: kenne Dich selbst und Du wirst die Wahrheit erkennen. Wir sollten beachten, dass dieser Satz der wichtigste Appel im Koran ist.

Aber wie kann ich eintauchen in die Tiefe meines Selbst? Wie kann ich mich erkennen? Durch welche Methode kann ich mich kennen lernen? Wir wissen es einfach nicht. Alleine durch mich und meinen Verstand wird es nicht gehen, denn der Verstand hat Grenzen. Mein geistiger Wesenskern aber hat keine Grenzen. Etwas Unbegrenztes kann nicht durch etwas Begrenztes aufgefasst werden. Was kann ich also tun? Die Sufis sagen, dass Gott aus seiner Milde heraus seine eigenen Lehrer, die spirituellen Lehrer gesandt hat, um geeignete Methoden vorzustellen und uns zu lehren, wie wir uns selbst kennen lernen können.

In den Augen der Sufis besteht die Hauptbotschaft der spirituellen Lehrer, die Propheten und Heilige genannt werden, in der Methode der Selbst-Wahrnehmung und der tiefen Selbst-Erfahrung. Das bedeutet für einen Sufi, dass jeder Prophet ein spiritueller Lehrer ist. Jeder Prophet wurde durch Gott gesandt, um der Menschheit Methoden der Selbst-Entwicklung beizubringen. Dadurch erkennen wir die Botschaft der Sufis für jede Einzelne und jeden Einzelnen: wie du und ich und jeder sich selbst entdecken kann.
Die Sufis haben nichts erfunden, was die Methoden der Selbst-Entwicklung anbelangt, aber sie geben diese Methode von Generation zu Generation weiter, entweder durch die göttlichen Lehrer oder durch die Propheten. Die Sufi-Meister bewahren den Rahmen der spirituellen Lehren der Propheten, die dem Individuum ermöglichen, sich geistig weiter zu entwickeln. Dies ist die Hauptbotschaft der Sufis.

Weiterhin sagen die Sufis: du kennst Deinen Schöpfer nicht und Du kennst Deine Welt nicht und Du kennst nicht Deinen Nachbarn. Wenn Du Dich selbst nicht kennst, lebst Du in Unwissenheit. Die unwissenden Menschen sind es gewohnt, sich als Mittelpunkt des Universums zu empfinden und alles für sich zu beanspruchen und Konflikte und Kriege vom Zaun zu brechen und für andere eine Menge Scherereien zu beschwören, weil sie mit sich selbst nicht im Reinen sind. Wenn du dich kennst und dich selbst entdeckst, wirst Du eine Welt voll tiefer Ruhe erfahren. Wenn Du Dich selbst nicht kennst, lebst Du in einem inneren Konflikt mit Dir selbst.

Der erste Schritt im Sufitum ist, Dich selbst kennenzulernen. Nachdem Du Dich selbst entdeckt hast, erfährst Du Ruhe und Dein Verhalten verändert sich. Du beginnst toleranter zu werden. Du verstehst, was Toleranz bedeutet und welchen Wert Toleranz hat.

In den Augen der Sufi besteht das Hauptproblem der Aggressoren darin, dass sie hinter etwas her sind, aber nicht wissen, wonach sie streben.
Sie gehen von hier nach dort und wieder von dort nach hier. Das eigentliche Ziel ihrer Suche ist in ihnen selbst verborgen, doch entfremden sie sich immer weiter von sich selbst.

Was ist das Ziel der Sufis? Was ist die Methode der Sufis? Was ist die Quelle der Inspiration der Sufis? Welches Zukunftsbild haben die Sufis von der Welt?
Was wir hier sagen, findet sich in den Beschreibungen eines jeden Sufi-Meisters wieder. Dies sind die Botschaften von Hafis, von Shah Nematollah, von Saadi, von jedem bedeutenden Sufi-Meister. Insbesondere finden wir dies alles bei Rumi. Wir könnten Tausende von Beispielen dieser Aufforderung eines jeden Sufi anführen.

Kenne Dich selbst. Wenn Du Dich selbst kennst, wirst Du tolerant. Wenn Du Dich selbst kennst, kannst Du Deine Gefühle, Deine Vorstellungen beherrschen und letztenendes kannst Du selbst Herr im eigenen Haus sein. Dadurch erlangst Du innere Ruhe. Und wenn Friede Dein Dasein durchdringt, wirst Du mit allem um Dich herum in Frieden sein. Dies sind Botschaft und Ziel im Sufitum.

Maulana Rumi ist in der ganzen Welt bekannt. Er zeigt uns eine Methode der Selbst-Entwicklung. Er ist überzeugt davon, dass viele individuelle und soziale Probleme durch die Anwendung seiner Methode gelöst werden können.

Ich möchte folgendes Beispiel anführen: zwei Personen schließen einen Vertrag miteinander ab, zum Beispiel heiraten sie oder sie schließen einen Geschäftsvertrag ab und sie meinen es ganz ernst, doch ganz plötzlich geschieht etwas, was nicht vorhergesehen und nicht geplant war. Warum geschieht so etwas? Ich tue vielleicht etwas, was für meinen Partner vollkommen unerwartet ist, so dass mein Partner sich von mir trennen will und mir sagen wird, er hätte nicht gewusst, dass ich so oder so sei, er habe mir niemals zugetraut, dass ich so etwas tun würde. Wenn er das vorher gewusst hätte, hätte er niemals einen Pakt mit mir geschlossen. Ja und das stimmt natürlich. Doch ist es in Wirklichkeit so, dass die Person, die beschuldigt wird, etwas für seinen Partner vollkommen Unerwartetes zu tun, selbst nicht von sich gedacht hatte, es zu tun. Also, der Partner der Person sagt, er habe nicht diese Handlung erwartet, er habe die Person nicht gekannt. Tatsächlich jedoch kennt die Person sich selbst nicht. Wir sind uns demnach unserer Selbst und unserer Handlungen nicht bewusst. Es gibt Milliarden von Möglichkeiten und wir wissen nicht, was wir tun sollen, wie wir uns entscheiden können, wie wir uns selbst beherrschen können. Nur wenn etwas Ungewohntes geschieht, kritisieren uns die Menschen um uns herum dafür, dies und jenes zu tun und nicht etwas anderes. Sie sagen, sie hätten uns diese oder jene Tat nicht zugetraut und sie haben Recht, denn wir hätten sie uns auch nicht zugetraut.

Alle sozialen Probleme zwischen Individuen entstehen auf Grund dessen, dass wir uns nicht verstehen. Alles ist dadurch möglich. Es trifft auf jeden Menschen zu. Niemand kennt sich selbst. Ich würde gerne alles Mögliche wissen, nur nichts über mich selbst. Und dies ist das größte Übel, das wir ausrichten können. Wir entfernen uns so unglaublich weit von unserem geistigen Wesen.

Es gibt ein persisches Sprichwort[3] Du hast Durst und das Wasser steht im Krug. Doch Du gehst so weit weg, um nach Wasser zu suchen. Du gehst zum Meer, um den Fluss zu finden und du findest ihn nicht und es wird alles verworren und verwickelt– dabei ist das Wasser im Krug. Dein Geliebter ist im Haus, während Du überall in der Welt herumreist, um seine Spur zu finden. Aber er ist ja zu Hause bei Dir! Die Wahrheit ist also in Dir. Du gehst überall hin, um die Wahrheit zu finden und schließlich vergisst Du die Wahrheit und Dich selbst und alles Mögliche kann Dir widerfahren.


Als ein Sufi-Meister wandte Rumi ganz gewissenhaft den Aufruf im Koran an, der jedes Individuum dazu aufruft, das Buch der eigenen Schöpfung zu lesen, sich selbst zu entwickeln. Zuerst arbeitete Rumi an seiner eigenen Entwicklung, danach begleitete er andere Menschen in dieser Weise und hinterließ die Botschaft an die Menschheit, persönlich nach Selbsterkenntnis zu streben, sich im Geist zu finden. Ein sehr wichtiges Beispiel dafür finden wir in einem Buch Rumi‘s. Rumi beschreibt im 6. Band seines Mathnawi, wie ein reicher Mann stirbt und seinem Sohn sehr viel Geld hinterlässt. Sein Sohn, der ganz plötzlich zu sehr viel Geld gekommen war, hatte nie gearbeitet und hatte sich nie für die Erwirtschaftung des Reichtums anstrengen müssen. Er kannte den Wert seines Erbes nicht. So gab er das Geld mit vollen Händen aus und nach einigen Jahren war er arm. Er war völlig blank. Gewohnt zu arbeiten war er auch nicht und hatte weder eine Ausbildung noch eine Anstellung, um Geld zu verdienen. Also begann er zu weinen und bat Gott, ihm zu helfen, einen Weg zu finden, um an Essen zu gelangen. Nachdem er eines Nachts viel geweint und Gott angefleht hatte, schlief er endlich ein und träumte von einem verborgenen Schatz, den er fände, wenn er nach Bagdad reiste. Also reiste er aus seiner Heimatstadt in Ägypten nach Bagdad, wo er sofort nach seiner Ankunft ins Gefängnis gesteckt wurde. Man hatte ihn für einen von der Polizei in Bagdad lange gesuchten Räuber gehalten. Der Richter wollte seinen Beteuerungen, doch gar nicht der Räuber zu sein und zum ersten Mal in seinem Leben in Bagdad zu sein, keinen Glauben schenken und ließ ihn im Gefängnis. Endlich, nach vielen langwierigen Untersuchungen der Sachlage, begann man ihm zu glauben, dass er zum ersten Mal in Bagdad und nicht der gesuchte Räuber sei. Doch bevor er entlassen wurde, wollte sein Wächter wissen, warum er denn seine Heimatstadt verlassen habe und nach Bagdad gekommen war. Er erzählte von seinem Traum, in dem er den Schatz gesehen hatte und nach Bagdad geschickt wurde. Der Wächter brach in Gelächter aus und schalt den Mann als überaus dumm. Er erzählte seinem Gefangenen von einer Karte, die er gefunden hatte, auf der ein Schatz eingezeichnet war. Er beschrieb den Ort des Schatzes genau in der Heimatstadt, in der Straße und im Garten des Gefangenen. Dieser eilte zurück, grub an dem ihm bezeichneten Ort in seinem Garten und fand tatsächlich den Schatz, von dem er geträumt hatte.

Er träumte somit von einem verborgenen Schatz und davon, dafür nach Bagdad gehen zu müssen. Er deutete den Traum so, dass er nach Bagdad reisen müsste, weil er dort den Schatz heben könnte. Gemeint war jedoch, er sollte nach Bagdad reisen, um herauszufinden, wie er den Schatz finden könne. Letztendlich befand sich der Schatz unter seinen Füßen.

Diese Geschichte existierte bereits lange Zeit vor Rumi und Rumi erwähnt sie in seinem Buch.

Nezami lebte 150 Jahre vor Rumi. Er erzählte die Geschichte von einem Mann, der in einer Ruine lebte. In dieser Ruine war ein Schatz vergraben. Der Mann war bitterarm. Er war ein Bettler. Jeden Morgen ging er in die Straßen, um zu betteln und kehrte abends zurück. Er starb, ohne den Schatz unter seinen Füßen zu entdecken. Sein ganzes Leben verbrachte er als Bettler. Wir sind genau solche Bettler, lautet Nezami‘s Botschaft. Wir stieren zu den Schätzen links und rechts und der kostbarste Schatz ist in uns selbst verborgen. Doch sind wir uns dessen nicht bewusst und es ist uns auch gleich.

Wir sollten anfangen, eine direkte Verbindung zu unserer Substanz zu graben, um unseren von Gott gegebenen verborgenen Schatz zu finden.

Rumi und andere Sufi-Meister hoben stets hervor, dass sich die Methode der Eingeweihten und der Propheten und Heiligen, diesen verborgenen Schatz zu finden, schon immer von den Methoden der Denker, der Philosophen und der Wissenschaftler unterschied. Wodurch? Die letzteren verwenden ihre fünf Sinne und ihre Vernunft, um auf verstandesmäßige Weise die Welt zu erforschen und das, was hinter den Dingen begründet liegt, zu erfassen.

Rumi führt an, dass die Methode der Sufis anders ist. Die Methode und das Ziel der Sufi ist die Entwicklung der Fähigkeit hinter die Dinge zu schauen; durch die Schleier der Materie andere Dimensionen des Lebens zu erfassen. Die Substanz des Menschen ist wesenhaft, geistig, von göttlicher Natur. Man könnte sie als Hauch Gottes bezeichnen. Mit unseren gewöhnlichen fünf Sinnen, mit denen wir alles Materielle wahrnehmen, genauso wenig wie durch unseren Verstand, können wir diese Seite in uns nicht erfassen. Durch die fünf Sinne und mit Hilfe der Vernunft können wir unser wahres geistiges Selbst nicht auffassen. Wie können wir es anstellen, unsere übersinnliche Wahrnehmung zu entwickeln, um unser geistiges Selbst zu finden?

Rumi und alle Sufi-Meister, die auf den Spuren des Propheten wandeln, sagen: Es ist klar, wozu der Prophet Mohammad und der Koran aufrufen. Erforsche dein eigenes Lebensbuch, das wird genügen. Es ist nicht nötig, Kriege vom Zaun zu brechen, Konflikte anzuheizen und desgleichen mehr. Strebe danach, dich selbst zu erkennen.

Es ergeben sich zwei Erkenntnisse: es ist notwendig, dass wir uns selbst erkennen. Dafür müssen wir eine bestimmte Methode anwenden. Durch Anwendung unseres Verstandes, wie die Philosophen es tun, entdecken wir unser wahres Selbst nicht. Denn unser wahres Selbst ist eine geistige Realität, die aus einer anderen Sphäre stammt und nichts mit der materiellen Welt und mit der Natur gemein hat. Wir können unsere spirituelle Natur nicht mit materiellen Instrumenten entdecken.

Rumi sagte, wir müssten eine andere Methode anwenden, um eine Fähigkeit in uns zu entwickeln, die uns ermöglicht, uns selbst zu entwickeln. Dies ist die Fähigkeit der geistigen Erkenntnis. Sie gewährt uns eine andere Perspektive und ein tieferes Verstehen unserer selbst.

Wenn jemand die tiefe Wirklichkeit von Liebe in sich erfährt, beginnt  der Kraftstrom der Liebe in seinem Dasein zu fließen. Dadurch beginnt er zu verstehen, was Liebe ist und wie die Wechselwirkungen des gesamten Universums mit jedem einzelnen Partikel im Universum zusammenhängen. Dann beginnt er Liebe zum Schöpfer und zu der gesamten Schöpfung zu empfinden. Das Ergebnis der Selbst-Entwicklung, des Selbst-Verstehens, der Selbst-Wahrnehmung gipfelt in dieser Kraft der Liebe, die nicht aufhört, wie Hafis sagt: „In den Augen der Diener des Feuertempels bin ich kostbar, denn in meinem Herzen leuchtet eine ewige Flamme.“

Darin liegt das Ergebnis. Das Herz von Hafis ist voller Liebe. In den Dichtungen von Hafis, Rumi, Saadi und so weiter, finden wir einen starken und kraftvollen Strom von Liebe, weil sie ihr geistiges Selbst entdeckt haben. Sie haben die Reise zu sich selbst vollbracht. Saadi sagt: „Ich empfinde Liebe zur gesamten Welt. Mein Geliebter lebt in jedem Teilchen der Welt und ich bin voller Liebe für meinen Geliebten, der überall durch alles west und waltet.“

Die Entwicklung geistiger Wahrnehmung

Die Sufi Methode geistige Wahrnehmung zu entwickeln ist sehr klar. Sie ist auf zwei Säulen aufgebaut.

Eine Säule besteht aus stiller Meditation und einer intensiven Aufmerksamkeit auf das Pulsieren unseres Herzmuskels.

Die zweite Säule besteht darin, sich auf den Schwingen spezifischer Rhythmen in andere Dimensionen zu erheben.

Dies ist die Methode, die Rumi seinen Schülern beibrachte und die seine Schüler überlieferten. Vor Rumi war es so und nach Rumi blieb es so, dass die Methode der Sufi-Entwicklung nichts mit Verstandesdenken und sinnlicher Wahrnehmung zu tun hat. Die Geistesschüler entwickeln die geistige Wahrnehmung durch Meditation in der Stille und durch Anwendung bestimmter wirkungsvoller Rhythmen.

Die Quelle der Inspiration für den Sufi ist der Koran. Es könnte im Prinzip jedes göttliche oder heilige Buch in der Welt sein. Die Besonderheit unserer heutigen Zeit jedoch liegt darin, dass es sehr viel Verwirrung und Missverständnisse und Vermischungen gibt in Bezug auf die Lehren des Korans.
Viele Menschen, die sich selbst als Muslime bezeichnen, vollbringen unzählige Taten, die als fanatisch, barbarisch oder verbohrt beschrieben werden können. Sie führen diese Taten aus, sie erlauben anderen, diese Taten auszuführen, sie erlauben jede rote Linie zu überschreiten im Namen des Islam. Aber was ist die Quelle ihrer Inspiration? Über welchen Islam sprechen sie? Sehr oft sprechen sie über einen revolutionären Islam. Aber was meinen sie mit revolutionärem Islam?

Letztenendes sollte jede Art von Islam in Übereinstimmung mit den koranischen Lehren sein. Sie können nicht im Gegensatz zu den koranischen Unterweisungen stehen. Also sollten wir erfahren, von welchem Islam sie sprechen. Wir würden gerne wissen, ob diese Personen, die sich selbst als Muslime bezeichnen, wirklich an den Koran glauben oder nicht. Akzeptieren sie den Koran als die Hauptquelle der Inspiration für ihr Handeln oder nicht? Wenn wir auf den Koran schauen, sind viele Handlungen, die jetzt im Namen des Islam geschehen, schlichtweg unmöglich, wenn die Prinzipien aus dem Koran berücksichtigt werden.

Die Bedeutung des Sufitums zeigt sich in ihrer eigenen Methode der Schulung, der Absicht, des Zieles, des Ausgangspunktes, die alle aus dem Koran extrahiert sind und sich in Versen des Korans wiederfinden. Dies ist nicht der Fall bei intoleranten Personen, die alles Mögliche im Namen des Islams tun und die Lehren des Korans verwerfen.

Einer der Gründe, warum unserer Ansicht nach Sufitum in der Vergangenheit und in der Gegenwart stets mit Argwohn betrachtet wurde, ist, dass die Sufi sich sehr stark an den Koran anlehnen.


[1] (اقراء کتابک کفی بنفسک )

[2] اقْرَأْ كِتَابَكَ كَفَى بِنَفْسِكَ الْيَوْمَ عَلَيْكَ حَسِيبًا          Koran/ S 17- v.14
سَنُرِيهِمْ آيَاتِنَا فِي الآفَاقِ وَفِي أَنْفُسِهِمْ حَتَّى يَتَبَيَّنَ لَهُمْ أَنَّهُ الْحَقُّ     Koran    S 41/ v.53

[3]م   آب در کوزه و ما تشنه لبان میگردیم        یار  درخانه و ما گرد جهان میگردی

Ein Manifest von Dr. Seyed Mostafa Azmayesh, Paris und der Bewegung fortschrittlich denkender Sufi Muslime (Einzelpersönlichkeiten aus Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Schweden, Dänemark, Österreich, Schweiz, Frankreich, Großbritannien, Spanien)

Ende Teil II - Fortsetzung im Abstand einer Woche.

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news-981 Mon, 18 Jan 2016 00:07:12 +0100 Interview mit Frau Faezeh Haschemi Rafsanjani, DorrTV http://mehriran.de/artikel/interview-mit-frau-faezeh-haschemi-rafsanjani-dorrtv.html mehriran.de - DorrTV ist ein Internet TV Sender, der mit Interviews von oppositionellen Politikern im Iran von sich reden macht. Da im Iran immer noch Zensur herrscht und freie Äußerungen zu gesellschaftspolitischen Themen schwer zu finden sind, gewinnt der Sender mehr und mehr Aufmerksamkeit im Iran wie im Ausland. Wir werden nach und nach einige Zusammenfassungen von Interviews mit Anwälten zu Menschenrechtsthemen oder Oppositionspolitikern im Vorfeld der anstehenden Wahlen im Iran veröffentlichen. mehriran.de - In einem Gespräch mit DorrTV am 10.01.2016, beschrieb Frau Faezeh Haschemi Rafsanjani ihre Ansichten über islamisches Recht und die Verfassung Irans, sowie Meinungsfreiheit und Freiheit der Presse.

Frau Faezeh Haschemi Rafsanjani sagte aus, dass die Ansätze von Herrn Taheri auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert. Seine Lehre kann daher für Irans Präsenz in der Welt als Vorteil gesehen werden.

Herrn Taheri einzusperren oder ihn gar zum Tode zu verurteilen seien gegen die islamischen Prinzipien. Frau Faezeh Haschemi Rafsanjani fügte hinzu, obwohl die Entwicklung und Veränderungen in der iranischen Gesellschaft zu Rechtsstaatlichkeit und Respekt gegenüber den bürgerlichen Freiheiten sehr langsam seien, könne die aktive Präsenz aller iranischer Bürger in der bevorstehende Wahlperiode eine gute und sinnvolle Methode auf dem Weg dahin sein.

https://www.youtube.com/watch?v=lfsYPFKeJGw.

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news-979 Mon, 18 Jan 2016 00:03:28 +0100 Interview mit Dr. Ahmed Shaheed am 10.09.2015 bei DorrTV http://mehriran.de/artikel/interview-mit-dr-ahmed-shaheed-am-10092015-bei-dorrtv.html mehriran.de - DorrTV ist ein Internet TV Sender, der mit Interviews von oppositionellen Politikern im Iran von sich reden macht. Da im Iran immer noch Zensur herrscht und freie Äußerungen zu gesellschaftspolitischen Themen schwer zu finden sind, gewinnt der Sender mehr und mehr Aufmerksamkeit im Iran wie im Ausland. Wir werden nach und nach einige Zusammenfassungen von Interviews mit Anwälten zu Menschenrechtsthemen oder Oppositionspolitikern im Vorfeld der anstehenden Wahlen im Iran veröffentlichen. In einem Interview mit DorrTV äußert sich Dr. Ahmed Shaheed (UN- Sonderberichterstatter für Menschenrechte im Iran) besorgt über die Menschenrechtslage im Iran. Der Anlass zu seiner Sorge ist die häufige Vollstreckung der Todesstrafe und ungerechte Urteile, die gegen internationale Gesetze verstoßen.

Im Falle von Herrn Dr. Taheri gibt es sehr viele unklare Punkte, die nicht im Einklang mit den Richtlinien des Völkerrechts sind. Nach dem angeblichen Verbrechen, was in seiner Akte festgehalten wurde, kann er gemäß dem Völkerrecht nicht zum Tode verurteilt werden. Aus diesem Grund sind zahlreiche Völkerrechtsverletzungen in der Akte von Herrn Dr. Taheri vorhanden. Die Akte von Herrn Taheri soll erneut geprüft werden!

Herr Dr. Ahmed Shaheed findet: wenn der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen auf spezielle Fälle hindeutet, wird Iran vorsichtiger werden in Bezug auf Verletzungen der Menschenrechte.

https://www.youtube.com/watch?v=eY3kjOcqYnc

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news-978 Sun, 17 Jan 2016 23:19:47 +0100 Interview mit Seyed Mahmoud Alizadeh Tabatabai http://mehriran.de/artikel/interview-mit-seyed-mahmoud-alizadeh-tabatabai.html mehriran.de - DorrTV ist ein Internet TV Sender, der mit Interviews von oppositionellen Politikern im Iran von sich reden macht. Da im Iran immer noch Zensur herrscht und freie Äußerungen zu gesellschaftspolitischen Themen schwer zu finden sind, gewinnt der Sender mehr und mehr Aufmerksamkeit im Iran wie im Ausland. Wir werden nach und nach einige Zusammenfassungen von Interviews mit Anwälten zu Menschenrechtsthemen oder Oppositionspolitikern im Vorfeld der anstehenden Wahlen im Iran veröffentlichen. mehriran.de - Seyed Mahmoud Alizadeh Tabatabai berichtet in einem Interview mit DorrTV von seinem Treffen am 04. Januar 2016 mit seinem Mandanten Mohammad Ali Taheri im Teheraner Evin-Gefängnis: ihm gehe es gut und er sei dankbar und froh über die Ankündigung seiner Freilassung und die Aufhebung seiner Todesstrafe.

In der vorläufigen Sitzung einer Anhörung wurde Herr Taheri in Bezug auf seine Mystiklehre über das Thema „Antithese“ befragt. Die fragende Person verwechselte seine Theorie über ,,Antithese" mit der marxistischen Antithese, was wohl dazu führte, dass man Herrn Taheri als Teil einer marxistischen Gruppe ,,abstempelte". Weitere Untersuchungen fanden bezüglich der ,,Faradarmani" statt.

Die gegen Herrn Taheri verhängte Todesstrafe wurde von einer höheren Instanz des Höchsten Gerichts aufgehoben. Der Chef dieser Abteilung ist sowohl Oberbefehlshaber der Streitkräfte als auch der Justizchef des ganzen Landes. Er hat die Akte von Herrn Taheri sorgfältig geprüft und die Todesstrafe ausgeschlossen.

Herr Alizadeh hofft auf die tatsächliche Freilassung von Herrn Taheri am 07.Februar 2016 (iranischer Kalender: 18. Bahman 1394).

https://www.youtube.com/watch?v=dVNuVK2KMQo&feature=youtu.be

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news-977 Sun, 17 Jan 2016 17:45:12 +0100 Menschheit, Hass und Liebe - Teil I http://mehriran.de/artikel/menschheit-hass-und-liebe-teil-i.html mehriran.de - Dieses Manifest wurde im Dezember 2007 durch die Bewegung fortschrittlich denkender Sufi-Muslime geschrieben und 2009 als kostenlose Schrift herausgegeben. Sie ist aktueller denn je. Wir veröffentlichen diese Schrift in mehreren Teilen auf mehriran.de in der Hoffnung Dialoge in Gang zu setzen, die unerlässlich für einen zivilisierten Fortbestand und Weiterentwicklung unserer modernen Gesellschaft sind. mehriran.de - Dezember 2007 - Dieses Manifest ist ein Aufruf an die ganze Welt zu Toleranz und Liebe.

Progressive Sufi-Muslim Movement / Bewegung Fortschrittlich Denkender Sufi-Muslime

Mancher Muslim wähnt sich höherwertig gegenüber anderen Menschen. Er hält nichts von Gesprächen über den Koran und den Islam mit Christen, Juden oder Andersgläubigen. Wenn wir mit ihnen jedoch von Muslim zu Muslim sprechen können und sie entdecken lassen können, dass ihr Konzept vom Islam nicht mit dem Koran übereinstimmt, wird das eine starke Wirkung haben.

Es macht mehr Sinn teilzunehmen an einem internationalen Dialog zu der Frage der Menschenrechte im Koran, als irgendwo am Schreibtisch zu sitzen und Fatwas gegen Menschenrechte zu erlassen.

Wir sind eine Organisation unabhängiger Mitglieder. Es ist die Bewegung Fortschrittlich Denkender Sufi-Muslime. Die Quellen religiöser Inspiration und die Zukunft der Menschheit sind unser Anliegen.

Mit diesem Manifest rufen wir die Menschengemeinschaft zu einem Dialog über den Stellenwert der Menschenrechte im Koran auf.

Die Krise 

Der Konflikt zwischen Ost und West ist eine vergangene und eine gegenwärtige Tatsache. In den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens herrscht eine schlechte Erinnerung an die Periode des Kolonialismus. Möglicherweise auf Grund dieser Zeit und der im Gedächtnis verankerten negativen Konsequenzen für die Bevölkerung der betroffenen Länder leben dort sehr viele Menschen, die ganz und gar nicht wohlwollend auf  westliche Länder schauen. Sie verabscheuen sogar deren Kultur.

Die Regierungen bestimmter muslimisch geprägter Staaten versuchen diesen historischen Konflikt in der Bevölkerung gegen westliche Länder und ihre Lebensweise in ihrem Sinne zu lenken und zu nutzen. Es ist eine Manipulation mit Hilfe von Religion. Religion wird als ein Manipulationsinstrument für die Massen angewandt. Die Massen werden durch Religion manipuliert und die Religion wird verändert, um die Massen zu manipulieren.

In bestimmten muslimischen Ländern haben Regierungsangehörige bei öffentlichen Reden populistische Botschaften: „Jeder Aspekt einer Religion wie der Islam hat eine politische Note.“(1)

Dieselben Regierungsvertreter sind überzeugt davon, es genüge den Menschen zu sagen, die USA sei der Teufel selbst und jeder werde das Paradies erreichen, wenn er durch Selbstmordattacken den USA und ihren Interessen schadet. Es wird ferner behauptet, es sei ein Versprechen Gottes, das Paradies zu erlangen, indem man andere durch Selbstmord ins Verderben zieht. Ein fanatischer Muslim wird sich alleine wegen der ihm angebotenen Perspektive dafür gewinnen lassen. Um seines Glaubens Willen wird er solch einen Selbstmord in Betracht ziehen. Somit ist es sehr einfach, die Vorstellungen der Menschen durch das Instrument der Religion zu manipulieren. Bestimmt werden sich manche im Nahen und Mittleren Osten fragen: wenn wir dieses Instrument weglassen, wie können wir dann die Menschen lenken oder wie können wir sonst dem Westen die Stirn bieten?

Die Sufis und der Koran

Die Antwort der Sufis ist: Gott hat die heiligen Bücher mitnichten dafür geschickt, um von Menschen in Krisenzeiten nach ihren eigenen Absichten manipuliert zu werden.

Diese Menschen sollten aufhören, den Koran zu kommentieren und zu interpretieren. Sie dürfen nicht den Koran und den Islam und den Glauben der Menschen in ihr Kalkül und in ihre Politik hineinziehen. Dies ist den Menschen gegenüber nicht gerecht. Denn die Bevölkerung dieser Regionen wird dem Imperialismus und Kapitalismus nichts entgegen setzen können. Vielmehr wird die Region schwächer und schwächer, weil die Menschen ihr Vertrauen und ihren Glauben verlieren und sich dem Drogen- und Alkoholkonsum zuwenden werden. Heutzutage ist der ausufernde Drogenkonsum im Iran und in vielen islamischen Ländern eines der drängendsten Probleme. Diese Art, sich den Problemen des Alltags zu entziehen, ist sehr weit verbreitet und außer Kontrolle der betreffenden Regierungen. Viele Menschen verlieren ihre Hoffnungen, die sie in Religion und Spiritualität gesetzt haben. Um sich zu trösten und eine oftmals trostlose Lebenssituation aufzufangen, entscheiden sie sich für den Konsum von Drogen.

Die Zeitspanne, den Glauben der Menschen zu manipulieren, ist sehr kurz. Hinter den Manipulationen der Behörden steht kein langfristiger Plan. Die Verantwortlichen dieser Machenschaften wissen darum. Also wäre es doch angebracht,  andere Lösungen für die angeblichen Auseinandersetzungen mit den imperialistischen und früheren Kolonialmächten zu finden, als den Koran für ihre Zwecke zu missbrauchen. Es ist in keinster Weise erlaubt, Gott und sein Buch und den Glauben der Leute an Gott für politische Angelegenheiten zu manipulieren.

Über die Absichten von Sufitum herrscht Verwirrung. Während wir diese Gedanken entwerfen, können wir sicher sein, dass die betreffenden Regierungen uns den Vorwurf machen werden, im Auftrag imperialistisch gesinnter Staaten zu arbeiten und dass wir die Menschen daran hindern wollen, im Namen des Islam  revolutionär zu sein. Doch was wir wünschen, ist nicht die Revolution der Menschen aufzuhalten. Die Revolution hat mit Sufitum nichts zu tun. Der Sufi hat als echter Muslim die Absicht, den Respekt vor der Heiligkeit des Koran und des Islam zu verteidigen. Jeder Sufi sollte sich in dieser Weise einsetzen, den Respekt und den Wert des Heiligen Koran und der Islamischen Lehren zu verteidigen. Ein Sufi kann nicht mit den Händen im Schoss zusehen, was dem Islam gegenüber an Schaden angerichtet wird. Die fundamentalistischen Regimes fügen dem Islam einen viel höheren Schaden zu, als die Imperialisten und Kapitalisten den muslimischen Ländern jemals zufügen könnten. Also müssen die Verantwortlichen andere Wege gehen, um ihre Probleme zu lösen. Wir als Sufis möchten gerne die Heiligkeit des Buches verteidigen. Dies ist für uns sehr wichtig.

Der historische Konflikt zwischen Ost und West, der in der Zeit Marco Polo’s  begann, befindet sich auf dem Höhepunkt. Jede Seite würde gerne die Übermacht in der Welt ausüben und somit stehen sie sich entgegen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verlor die Ideologie des Marxismus-Leninismus, der sich auf den dialektischen Materialismus stützte, ihre einstige Bedeutung. In der Zwischenzeit ereignete sich die islamische Revolution im Iran, basierend auf der schiitischen Ideologie und nahm den Platz der Sowjetunion als ein Antipode der USA ein. Der Islam wurde eine staatlich gelenkte Religion. Eine Religion im Dienste der Regierung. Einer Regierung, die sich diese Religion für eigene Zwecke dienstbar macht.

Vor diesem Ereignis waren die Medressen im Iran, wie zum Beispiel in Mashad, in Qom usw. vom Staat unabhängige religiöse Seminare. Nach der Revolution jedoch haben die religiösen Zentren ihre Unabhängigkeit eingebüßt. Alle unabhängigen religiösen Personen im Iran haben ihren Rang und ihre Stellung verloren. Jetzt manipuliert das System die Religion. Die Religion steht im Dienste des Systems. Es handelt sich um ein religiöses System und einen religiösen Staat und eine Staatsreligion. Daneben gibt es sehr viele andere fanatische und extreme Bewegungen, wie den Salafismus, den Wahabismus, den Islam talibanischer Art und andere mehr, die noch radikaler sind als die Extremisten im Iran. Daran lässt sich ablesen, dass die Welt auf einen großen, gefährlichen Abgrund zusteuert, der wie ein Drache sein Maul aufreißt, um alles zu verschlucken. Als allererstes werden die Menschenrechte und die menschlichen Werte von diesem Drachenmaul verschlungen werden.

Das allerdrängendste Dilemma unserer Zeit ist die Frage nach der Lösung dieser Herausforderungen.  Das erste, was in dieser turbulenten und konfliktreichen Zeit geopfert wird, ist die Heiligkeit des Koran und die tiefe Weisheit der Propheten, die durch ihr Wirken der Menschheit im Allgemeinen spirituelle Werte und Lehren brachten und dem Einzelnen aufzeigten, wie sie sich substantiell entwickeln können. All diese Lehren, die Inhalt jeder Religion - Islam eingeschlossen -  sind, werden völlig ausgeblendet. Dafür wird jeder Aspekt von Extremismus und Intoleranz in der ganzen Welt mit Islam in Verbindung gebracht. Wir würden gerne verstehen, welche Bedeutung wirklich hinter Islam steht. Wir würden gerne wissen, ob es noch eine andere Version des Islam gibt und ob es eine andere Lesart des Islam gibt, welche von den Muslimen verteidigt wird, welche sich im Rahmen des Korans bewegen und den historischen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten und alle weiteren Verzweigungen des Konflikts beiseite lassen. Wir möchten gerne entdecken, was uns der Koran lehrt und wie wir den Koran besser verstehen können, um den Stellenwert des Korans in der heutigen Zeit zu finden. Wir werden Sufitum erleben, indem wir eine andere Version des Islam hervorheben, die dazu beitragen kann, Frieden in der gesamten Welt und Frieden in jedem Einzelnen entstehen zu lassen.

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[1] Rouh ollah Hossienian/ ref- www.katib-blogfa.com/ 3 juily-2007/ 12 /4/1386

 آیت‌الله نوری همدانی گفت هدف از ترویج تصوف  سرکوب اسلام خروشان و ناشی از فرهنگ اهل بیت(ع) است و  سلاطین جبار با پرو بال دادن به شخصیت هایی چون بایزید بسطامی و فضیل عیاض، قصد بدل سازی برای ائمه اطهار(ع) را داشتند تا به وسیله ارتباط با این افراد، تدین خود را که برای مردم اهمیت داشت، اظهار کنند.  اینها بلایایی بود تا اسلام دارای فرهنگ جهاد را به کشکول و تبرزین و سبیل و چله نشینی تبدیل کنند.

Ayatollah Nouri Hamedani- Qom/ Wednesday 4th July 2007/ 13/4/1386, www.sufinews.blogfa.comwww.insideofira.com

Ayatollah Nouri Hamedani-Qom/Monday 5th December 2007/26/9/1386

www.insideofiran.com/en/?p=694 

Ein Manifest von Dr. Seyed Mostafa Azmayesh, Paris und der Bewegung fortschrittlich denkender Sufi Muslime (Einzelpersönlichkeiten aus Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Schweden, Dänemark, Österreich, Schweiz, Frankreich, Großbritannien, Spanien)

Ende Teil I - Fortsetzung im Abstand einer Woche.

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news-974 Mon, 11 Jan 2016 19:28:32 +0100 Die treuen Kämpfer für Menschenrechte auf dem Ida-Ehre-Platz in Hamburg http://mehriran.de/artikel/die-treuen-kaempfer-fuer-menschenrechte-auf-dem-ida-ehre-platz-in-hamburg.html mehriran.de - Sie stammen aus dem Iran, leben seit Jahrzehnten in Deutschland, haben aber ihre leidenden Landsleute nicht vergessen. mehriran.de - Die Hamburger Bürgerinnen und Bürger kennen sie schon gut. Jeden Samstag steht eine Gruppe Exiliranerinnen und Exiliraner am Ida-Ehre-Platz, die mit den sogenannten Trauernden Mütter im Iran (Madarane Parkeh Laleh) sympathisiert. Es sind meist Frauen, aber auch Männer tragen Plakate und zeigen sich mit Bannern, die die Freilassung aller Gefangenen aus politischen oder Gewissensgründen fordern. Sie setzen sich auch für ein Ende der Hinrichtungen und die Aufhebung der Todesstrafe im Iran ein. Manche Passanten lassen sich auf Gespräche ein und informieren sich, andere scheinen einen Anlass zu finden, ihren Vorurteilen freien Lauf zu lassen. Meist murmeln diese Unverständnis oder Unwillen über Fremdheit und können sich nicht überwinden ins Gespräch zu gehen.

Viele der Männer und Frauen sind selbst Verfolgte des Regimes im Iran, die fliehen mussten, weil sie selbst oder ihre Angehörigen in den Fokus ideologischer Hardliner gekommen sind.

Im Iran herrscht seit 1979 ein komplexes System, das sich als "Islamisch" versteht und sich dem sogenannten Obersten Rechtsgelehrten in allen relevanten Entscheidungen beugt. Das Prinzip nennt sich Velayat-e Faghi. Manche Beobachter sagen mit Blick auf die von breiten Gesellschaftsgruppen getragenen Revolution von 1979 im Iran, sie sei spätestens mit der Besetzung der amerikanischen Botschaft von fanatischen Kräften usurpiert worden, die sich Dank des Krieges gegen Saddam Hussein, fester in den Tiefenstaat und in einige militärisch-wirtschaftlich-juristische Institutionen einnisten konnten. Viele Revolutionäre der ersten Stunden haben sich enttäuscht von dem Ergebnis der Revolution abgewandt. Heute heisst es, wann man die Brutalität der jetzigen Machthaber geahnt hätte, wäre man doch lieber bei den Unterdrückungsmechanismen des Schahs verblieben.

Im Iran kämpfen momentan hauptsächlich zwei Machtblöcke, die in tausende von Untergruppen fraktioniert sind, um die Macht im Iran. Diese beiden Machtblöcke gehören beide der politischen Elite im Iran an. Der eine Machtblock besteht aus Eiferern, Gewaltideologen und treu ergebenen Führerhörigen und schart sich um den Obersten Führer Ali Khamenei. Khamenei ist im theologischen Sinne der Idee des Velayat-e Faghi sehr schwach für die Position legitimiert. Sein jetziger Hauptkontrahent Akbar Rafsandjani, ehemaliger Präsident Irans und jetziges Mitglied im Nationalen Sicherheitsrat, hatte Khamenei nach dem Tod der charismatischen Gründerfigur Ajatollah Khomeini zum Nachfolger vorgeschlagen. Doch seit Khamenei das Amt des Obersten Führers inne hat (1989), haben sich die ehemaligen Verbündeten zu Gegnern entwickelt. Rafsandjani unterstützt Präsident Rohani und scheint die Absicht zu hegen, das Amt des Obersten Führers nach Khameneis Tod nicht mehr besetzen und aus der Verfassung streichen zu wollen, was die Vertreter der Revolutionsgarden und alle Eiferer im Sinne der "Islamischen Weltrevolution" in Rage versetzt. Khamenei wiederum wird nachgesagt, er würde seinen Sohn Mojtaba darauf vorbereiten sein Nachfolger zu werden.

Mojtaba Khamenei wiederum wird eine führende Rolle in der blutigen Niederschlagung der Proteste von 2009 nachgesagt.

In der Zeit dieser starken Rivalität wird das Anliegen aller Menschenrechtler für die politischen Gefangenen im Iran kaum noch wahrgenommen. Gleichzeitig trauen sich immer mehr Menschen auf die Straße zu gehen und gegen Ungerechtigkeiten zu protestieren. Die iranischen Behörden haben große Furcht vor Eskalationen im Land. Gleichzeitig sind die wirtschaftlichen Interessen an Iran im Westen sehr stark angewachsen und Menschenrechte werden nicht so genau betrachtet. Auch ein Sicherheitsinteresse des Westens ist nicht zu vernachlässigen: Iran wird von manchen Politikern und Intellektuellen als stabilisierender Faktor in der Region betrachtet und dadurch eher nicht öffentlich gescholten.

Umso wichtiger ist die Beharrlichkeit der Frauen und Männer in Hamburg, auf die nach wie vor prekäre Menschenrechtssituation im Iran aufmerksam zu machen. Manchmal werden sie von Passanten gefragt, warum sie sich hier noch für Menschen im Iran einsetzen. Dann lächeln sie und sagen, weil wir die Situation dort vor Ort gut kennen und es gar nicht anders geht als auf diese Situation aufmerksam zu machen. Ein isoliertes Leben in Deutschland zu führen und sich nicht für das Leid ihrer Mitmenschen in der alten Heimat zu interessieren, erscheint ihnen leer.

2016, Gyula Fekete für mehriran.de

 

 

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news-969 Sun, 10 Jan 2016 08:29:03 +0100 Hamburg singt für die Freilassung aller Gefangenen aus politischen Gründen im Iran http://mehriran.de/artikel/hamburg-singt-fuer-die-freilassung-aller-gefangenen-aus-politischen-gruenden-im-iran.html Am Samstag, 9.01.2016 zog eine musikalische Karawane vom Rathaus zum Ida-Ehre-Platz. Die Freilassung aller Gefangenen aus politischen Gründen stand im Vordergrund, stellvertretend wurden einige Namen skandiert. Kaboudvand, Hassanpour, Mohammadi, Taheri, Boroujerdi, Baha'i, Sedighi, Hedayat, Daemi, Ardeshir, Saharkhiz, Jalalian waren die Namen derer, die am Häufigsten zu hören waren. Rede von Helmut N. Gabel, Mitglied der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran, zur Einstimmung der Teilnehmer auf die Mustra. Folgende Organisationen waren an der Karawane beteiligt: Erfâne Halghe, Verein zur Förderung von Demokratie und Menschenrechte im Iran aus Hamburg, Madarane Irani Hamburg, kurdische Organisationen (PKDI), Hamayesh Hamburg, Verein zur Unterstützung des Kampfes des iranischen Volkes, Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran, Karamat e.V.

Freiheit für alle politischen- und Gewissensgefangenen im Iran

Diese Straßenaktion findet in Hamburg statt, um friedliche Aktivisten (Frauen und Männer) im Iran in ihren Forderungen zu unterstützen. Diese Forderungen basieren auf grundlegenden Bürger- und Menschenrechten. Jede öffentliche Forderung in Deutschland wiegt im Iran schwer, denn das Regime im Iran möchte die Anerkennung vor allem der Menschen in Deutschland. Wir sind nicht gegen diese Anerkennung, denn Iran hatte einst eine starke Zivilisation und hoch entwickelte Werte. Doch mit dem Regime, dass seit mehr als 30 Jahren im Namen Gottes die Herrschaft brutal ausübt, werden alle diese Werte über Bord geworfen und Gewalt und Intoleranz zum Kult erhoben. Diese Anerkennung kann sich das Regime verdienen, wenn es Taten zeigt, die für eine Gesellschaft, die auf Meinungsfreiheit und Offenheit füreinander basiert, akzeptabel sind.

Im Iran stehen in diesem Jahr Wahlen an. Wir begrüßen die Wahlen, denn sie sind eine Chance den Menschen im Iran Schritt für Schritt Gerechtigkeit, bürgerliche Rechte, Meinungsfreiheit und Würde zu ermöglichen. Wir ermutigen mit unserer Aktion alle Menschen im Iran, sich auf der Grundlage der Menschenrechte für die Freilassung der politischen- und Gewissensgefangenen im Rahmen ihrer persönlichen Möglichkeiten einzusetzen. Wir hoffen, dass Herr Mohammad Javad Larijani es endlich Ernst meint mit seinen Äußerungen die Todesstrafe im Iran zu beenden.

Wir rufen das Regime auf, endlich ihrem Totenkult abzuschwören und ein Ende der Verstümmelungen und Hinrichtungen im Iran einzuläuten. Wir fordern das Regime auf, allen politischen Gefangenen und Gewissensgefangenen die Freiheit zu geben und ihr zukünftiges Handeln nach internationalen Rechtsstandards auszurichten. Wir wünschen den Iranerinnen und Iranern ein Ende des obszessiven Personen- und Führerkults.

Mögen die Menschen Irans die Möglichkeit bekommen ihre Kraft, Fantasie, Kreativität und Größe zu leben und eines Tages als Inspiration für Frieden und Kooperation für die gesamte Region aufzutreten. Dafür singen wir ein Gedicht, dass ihr alle in der Schule gelernt habt. Es stammt von Sa'adi aus Schiraz:

„Die Kinder Adams sind aus einem Stoff gemacht

als Glieder eines Leibs von Gott, dem Herrn, erdacht.

Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder,

dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wider.

Ein Mensch, den nicht die Not der Menschenbrüder rührt,

verdient nicht, dass er noch des Menschen Namen führt.“

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news-967 Thu, 31 Dec 2015 19:48:20 +0100 Islam - zwei gegensätzliche Religionen, ein Name http://mehriran.de/artikel/islam-zwei-gegensaetzliche-religionen-ein-name.html mehriran.de - Interview mit Dr. Seyed Mostafa Azmayesh, Religionswissenschaftler, Forscher auf dem Gebiet der Spiritualität, Menschenrechtsanwalt und Sufi Meister über Koran, Islam, das Leben Mohammeds und zu Gewalt im Namen von Islam. mehriran.de - Die Gewalt im Namen von Islam rückt stärker ins Bewusstsein und in den Alltag westlicher Gesellschaften. Im Mittleren Osten wird diese Gewalt gegen Muslime und Mitglieder anderer Religionen schon lange erfahren. Durch Angriffe wie kürzlich in Paris, sind westliche Gesellschaften jetzt stärker davon betroffen.

Interviewer: Wie können Texte des Korans, die scheinbar zu Gewalt auffordern oder Gewalt anpreisen, aufgefasst werden? Was sollten wir wissen über den Kulturraum und die Zeit, in der der Koran entstanden ist und bekannt wurde? Und wie können wir ihn heutzutage auslegen?

Über den Koran und die beiden Versionen von Islam

Dr. Azmayesh: Keinesfalls fordert der Koran zu Steinigungen, Kopftuch, Vielweiberei, Hinrichtungen durch den Strang oder Töten anderer Menschen auf und dennoch wird all dies im Namen des Islams ausgeführt. Was hier geschieht, passiert auf Grund einer Anschauung von Islam, die sich auf ausgedachte Überlieferungen (Rewayat) stützt und den Koran links liegen lässt. Diese Überlieferungen (Rewayat) wurden willkürlich und fälschlicherweise dem Propheten Mohammed zugesprochen, um ihnen Gültigkeit und Legitimation zu verleihen. Sie haben nichts mit den Lehren des Korans zu tun. Sie widersprechen gänzlich den Botschaften des Korans.
Schon zu Lebzeiten Mohammeds entstanden zwei entgegengesetzte Religionen unter gleichem Namen und in der gleichen Periode. Das hat alles noch gar nichts mit den späteren Abspaltungen von Sunniten und Schiiten und allen weiteren islamischen Denominationen zu tun. Im Koran finden sich Verse, die eindeutige Kritik an den sogenannten Monafeghoun (Heuchler) oder "falschen Muslimen" üben. Diese "Heuchler" waren Anhänger von Stammestraditionen, die sich an ihren Ahnen und Bräuchen orientierten. Sie hielten an ihren abergläubischen Überzeugungen fest, wodurch sie die kulturell-geistigen Lehren des Propheten Mohammed gänzlich ablehnten.

Dass sich Anhänger der vor-islamischen Ahnenkulte und der Götzendienerei zum Islam bekannten, stellte sich recht bald als Lippenbekenntnis heraus, denn sie waren ihren Überlieferungen verhaftet, während sie eine Gruppe "falscher Muslime" innerhalb der neugeborenen Gemeinschaft der Muslime in Mekka bildeten. Diese "falschen Muslime" gaben ein Lippenbekenntnis ab, als sie sich zum Islam bekannten (Shàhâdàt ol Léssânnieh) und die Einheit Gottes priesen, sowie Mohammad als Propheten anerkannten, ohne wirklich davon überzeugt zu sein. Nachdem sie dann Teil der Gemeinschaft der Muslime waren, bauten sie Moscheen, um im Namen Allahs zu beten und zu predigen, taten dies jedoch nach ihrem eigenen Gutdünken und brachten ihre eigenen Interpretationen hervor, um die Menschen von den spirituellen Lehren des Korans abzubringen.
Sie bekämpften Islam nicht mehr als Feinde, sondern integrierten sich in die Gemeinschaft der Muslime, um den Einfluss Mohammads und seiner Führung zu mindern und die Muslime dazu zu bringen, ihnen zu folgen. Sie hielten nichts von dem Islam, der mit den Lehren aus dem Koran übereinstimmte. Eine komplette Sure schildert die Heuchelei dieser Leute und verurteilt ihre Haltung. Das findet sich auch in einigen weiteren Versen. Diese "falschen Muslime" lebten in Medina zu Lebzeiten Mohammeds.  Hier ist die Geschichte der Menschheit Zeuge geworden, wie zwei sich widersprechende Religionen unter dem Namen Islam seit 622 n.Chr. (nach dem Auszug Mohammeds und seiner Gefährten von Mekka nach Medina) geboren wurden.


Es gibt diverse Unterschiede von großer Tragweite zwischen den beiden Islam-Versionen, die man den Islam der abergläubischen Beduinen und den Islam der Bürger (al-Islam ol Màdàni: in Medina) nennen könnte. Der Koran enthält die Botschaft, Menschen dazu zu inspirieren, hoch zivilisierte Gesellschaften aufzubauen, die sich auf Recht, Gleichwertigkeit, Partnerschaftlichkeit, Toleranz, Ritterlichkeit, Bildung, Respekt für Bürgerrechte gründen. So finden sich im Koran die Königreiche von David und Salomo als Beispiele für eine spirituelle Kultur und den Aufbau einer idealen Gesellschaft. Im Koran wird jeder individuelle Mensch als Stellvertreter Gottes auf Erden betrachtet. Im Gegensatz dazu, waren die Nomaden und herumziehenden Beduinen der arabischen Halbinsel jener Zeit ein Leben ohne Bindungen an einen Ort gewohnt und lehnten zivilisatorische Errungenschaften ab. Ihre Weltsicht widersprach zivilisatorischen Werten und Errungenschaften. Sie sicherten ihr Überleben dank Raubüberfällen, Eroberungen und in Besitznahme anderer Leute Güter. Sie wirkten als Zerstörer von Zivilisationen. 

Diese beiden antagonistischen Weltsichten gab es seit Anbeginn der Menschheit. Doch diese aggressive Weltsicht mit ihren Werten fehlt nicht nur gänzlich darin, sondern widerspricht geradezu dem Koran. So setzten sich an Stelle des Korans gewisse Überlieferungen (Rewayat) durch, die von bestimmten Geistlichen unter Menschen, die weder schreiben noch lesen konnten, verbreitet wurden. Diese Geistlichen erfanden also "überlieferte" Sprüche (Rewayat) und ordneten sie dem Propheten Mohammad zu. 

Der Koran hat zwei Aspekte: am Wesentlichsten sind die Lehren über die Entwicklung der individuellen Substanz, ein Weg, der für jeden Menschen möglich ist. Der zweite Aspekt enthält Gesetze und Prinzipien zur Gestaltung des Gesellschaftslebens, die einen Entwicklungscharakter haben und der jeweiligen Zeit und den jeweiligen Umständen angepasst sein müssen. Ein Beispiel: es findet sich im Koran ein Gesetz, das die Anbetung von Götzen und das Erbringen von Opfern diesen Idolen gegenüber für die Menschen auf der Arabischen Halbinsel verbietet. Zur gleichen Zeit gab es in unmittelbarer Nachbarschaft der Arabischen Halbinsel (z.B. in Persien) ein Kastenwesen, wo die Menschen in ihrer jeweiligen Kaste limitiert waren; manche Menschen durften schreiben lernen und Schulen besuchen, andere nicht. Der Koran postuliert Gleichwertigkeit und fordert Chancengleichheit für alle Menschen. Unterschiede zwischen Menschen entspringen dann eher aus dem Grad ihrer Nähe zu Gott und ihrem inneren Entwicklungszustand. Diesen Zustand kennt alleine Gott und keine menschliche Autorität. Dadurch kann sich niemand erlauben, andere abzuwerten. Jeder ist gleichwertig. Diese Ansicht von Gleichwertigkeit lebte weder auf der Arabischen Halbinsel, noch in den Anrainerstaaten jener Zeit. So führten die Lehren des Korans dieses Prinzip ein. Es heißt im Koran, dass jeder Mensch ein potentieller Stellvertreter Gottes auf Erden sei. Diese Tatsache ist unabhängig von Hautfarbe, Sprache, sozialem Hintergrund eines Menschen und anderer sekundärer Merkmale einer Person. Viele Verse des Korans sprechen nicht von Muslimen und Nicht-Muslimen, sondern von den Kindern Adams, "Bani Âdam".

Interviewer: Wie können Menschen, die sich dem Islam verbunden fühlen, angesichts von Gewalt im Namen des Islams reagieren? Was ist Ihre Antwort auf diese Gewaltanwendung, der damit verbundenen Unwissenheit und den damit in Zusammenhang stehenden Anschuldigungen? 

Gewalt im Namen des Islams            

Dr. Azmayesh: Die Angriffe, die im Namen des Islams von fanatischen Islamisten stattfinden, entbehren jeder Verbindung mit der Lehre des Islam. Für mich finden sich die Unterweisungen des Koran allesamt im Koran und die Grundlage dieses Buches ist Einheit. Das Buch betont die Schöpfung der Welt durch einen einzigen Schöpfer und den eigentlichen Grund der Schöpfung: in diesem endlosen Weltall ist der Mensch Stellvertreter Gottes. Es ist einfach nicht möglich, ein anderes menschliches Wesen, einen Mitmenschen und gleichfalls Stellvertreter Gottes, zu enthaupten. Dies sind Sufi Weisheiten, die der Koran enthält. Leute, die Mitmenschen im Namen des Islam töten, haben leider gar keine Kenntnisse über Islam. Der Islam dieser Leute hat nicht im Geringsten etwas mit dem Koran gemein, ihre Handlungen widersprechen den Lehren des Korans. Die Definition von Islam findet sich im Koran: es ist der Name eines methodischen Vorgehens, einer praktischen Anwendung, die seit der Zeit Abrahams bis in die Zeit Mohammeds zur Anwendung kam. Es ist der Pfad der substanziellen Entwicklung einer Person, die eine Reihe von Übungen praktiziert, um ihr "krankes" oder "unentwickeltes" Herz in ein "gesundes" oder "erleuchtetes" Herz zu verwandeln. Die Methode umfasst verschiedene Elemente oder Anwendungsformen, wie Selbstbetrachtungen und Selbsterkenntnis oder das Ausüben bestimmter Rhythmen, stilles oder hörbares Rezitieren von Mantren oder Zhikrs (rhythmisch wiederholte Namen Gottes), Herz-Meditationen und Hinwendung der Aufmerksamkeit im Alltag auf Gott. Die Hinwendung der Aufmerksamkeit auf das Herz und die Verbindung zum Herzen ist in dieser Methode entscheidend. Wenn unser Herz nicht gesund ist, können Körper und Seele ebenfalls nicht ihre volle Kraft entfalten oder gesund sein. Ein Muslim ist ein Mensch, der diesen Prozess mit der Absicht einer "Gesundung" durchläuft.

Interviewer: Zitiert wird neben den Stellen im Koran, wo Gewalt zur Sprache kommt, immer wieder auch das Leben des Propheten Mohammad als Beispiel für Gewaltanwendung. Wie können wir solchen Vorwürfen am besten begegnen?

Das Leben des Propheten Mohammad

Dr. Azmayesh: War Mohammad ein Krieger oder jemand, der seine spirituelle Entwicklung aktiv in die Hand genommen hat? Hat er Frauen von seinen Gegnern geraubt? War er Analphabet, wodurch der Koran nach seinem Tod geschrieben wurde? Hat Mohammad Menschen gezwungen, sich zum Islam zu bekennen? Das sind einige der fixen Ideen und Vorstellungen, Vorurteile in vielen Köpfen, die sich im Verlauf der Geschichte angesammelt haben und die Mohammad schlecht aussehen lassen.
Nach der öffentlichen Bekanntgabe seiner Mission predigte Mohammad für die Dauer von 23 Jahren: 13 Jahre davon in Mekka und danach 10 Jahre in Medina. Er hat seine Weltanschauung und seinen Aufruf an die aggressiven Stämme der Umgebung, ihr Verhalten an friedlichen Werten auszurichten, verteidigt. Gleichzeitig war er gegenüber anderen Weltanschauungen tolerant, was sich mit der Formel "ihr habt eure Überzeugungen, ich habe meine" ausdrücken lässt. Er war bereit, Dialoge zu führen und forderte andere auf, mit ihm zu diskutieren. Gleichfalls heißt es im Koran: "Mit Menschen Gespräche zu führen ist die beste Art des Umgangs."Viele Menschen jener Region haben jedoch seine Lehren über den Weg der Liebe, der Toleranz, der Einheit, der Partnerschaftlichkeit nicht angenommen und haben ihn und seine Gedanken als Bedrohung ihrer gewohnten Lebensführung betrachtet.

Die Kernursache der ganzen Kämpfe und militärischen Auseinandersetzungen liegt in der Absicht bestimmter Leute, Mohammed zu ermorden. Mohammed flüchtete aus Mekka nach Medina, wo er über 30 Angriffe seiner Gegner aus Mekka abwehren musste, um seiner persönlichen Vernichtung und der Auslöschung seiner Gemeinschaft zu entgehen. Da er sich verteidigen musste, ließ er einen Wall und einen Stadtgraben um Medina ziehen, um Medina vor Überraschungsangriffen zu schützen. Schließlich wurden seine Gegner mürbe und ihr Glaube an ihre eigene Weltanschauung begann immer weiter abzunehmen, so dass sie sich am Ende der Gemeinschaft Mohammeds anschlossen. Zuletzt zog Mohammed kampflos nach Mekka ein und erklärte das Ende der Zeit der Götzenanbetung. Dann wies er die Entfernung der Idole aus der Kaaba an, um der Kaaba ihre ursprüngliche Widmung zurück zu geben. Schließlich kehrte er zurück nach Medina, wo er Zeit seines Lebens verblieb.
In groben Zügen war das die Lebensgeschichte Mohammads. Nach seinem Tod folgten vier von der Gemeinschaft gewählte Kalifen, von denen der letzte, Ali ibn Abi Talib, durch einen Eiferer während eines Morgengebets in der Moschee von Kufa (im heutigen Irak) ermordet wurde. Danach usurpierte ein despotisches System die Macht und formte ein Reich, das seinen Herrschaftsbereich unter der Flagge des Islams von China bis nach Spanien expandierte. Alte Stammesbräuche, wie Sklavenhaltung, Enthauptungen, Steinigungen, Genitalverstümmelungen bei jungen Mädchen, Verschleierungszwang, wurden auf der Grundlage von Überlieferungen (Rewayat) - die einige den Machthabern nahe stehende Leute erfunden und dem Propheten zugeschrieben hatten - fortgesetzt. Dies nutzte den Despoten, die die Macht ergriffen und sich selbst zum Kalifen und Führer der Gemeinschaft der Muslime proklamiert hatten.

Interviewer: Im Iran werden Sufis unterdrückt, da man ihnen vorwirft, keine guten Muslime zu sein. Sie versuchen schon seit vielen Jahren eine Stimme für sie zu sein und ihnen zu helfen. Das bedeutet, Sie sind sehr erfahren darin und wissen vermutlich, wie mit dem Druck der aktuellen Zeit umzugehen ist. Wie kann man am besten mit einem solchen Druck umgehen?

Dr. Azmayesh: Der Leitstern meines Handelns ist geistige Ritterlichkeit (Javânmardy). Was wir seit Jahren in Europa versuchen, ist über die Gefahren aufzuklären, die aus den Ereignissen im Iran vor mehr als 35 Jahren erwachsen sind. Da ich aus dem Iran stamme, habe ich all das erfahren und jetzt sehe ich, dass es sich in Europa anbahnt. Daher versuchen wir die internationale Gemeinschaft über die zunehmende Gefahr aufzuklären. Es gilt sich der Gleichgültigkeit und Unwissenheit über die Gefahr, die mehr und mehr zunimmt, entgegenzustellen. Die Gefahr wird zu wenig ernst genommen. Die Leute denken oft, dass sich all dies woanders zuträgt, bevor sie plötzlich mit unerwarteten Situationen konfrontiert werden und viel zu spät erwachen und feststellen, dass ihr Handlungsspielraum sehr klein geworden ist. Das Phänomen, mit dem wir es zu tun haben, ist anti-zivilisatorisch und brandgefährlich. Die Gräueltaten im Sindschar sind bekannt geworden: Männer wurden ermordet, da sie sich nicht den Aggressoren anschließen wollten, Frauen wurden auf Märkten als Sklavinnen verkauft. Das ist nicht zu fassen, es ist empörend und die Taten lassen sich überhaupt gar nicht aus dem Islam heraus rechtfertigen oder womöglich gut heißen. Die Gefahren eines auf Überlieferungen (Rewayat) gegründeten Islams für die an einer konstruktiven Zivilisation interessierten Menschen, sollten uns allen bewusst sein. Darüber gilt es öffentlich und wiederholt und deutlich zu sprechen. Dafür braucht es immer wieder geeignete Plattformen und vertiefende Gespräche für die ich zur Verfügung stehe.

All rights reserved, Dr. Seyed Mostafa Azmayesh

Dezember 2015

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news-966 Wed, 30 Dec 2015 15:44:31 +0100 Seyed Khalil Alinejad http://mehriran.de/artikel/seyed-khalil-alinejad.html Musik in memory of one of the greatest artists originating from Iran. news-965 Tue, 29 Dec 2015 15:57:21 +0100 Seyed Khalil Alinejad spielt Tanbur und singt http://mehriran.de/artikel/seyed-khalil-alinejad-spielt-tanbur-und-singt.html Einer der größten Musiker singt mit inniger Leidenschaft eine Hymne. Seyed Khalil Alinejad starb in Göteborg bei einem Hausbrand im November des Jahres 2001. Die Umstände seines Todes wurden nie aufgeklärt. Laut Berichten soll er vor dem Brand mit einem Messer schwer verletzt worden sein. Er wohnte in sehr bescheidenen Verhältnissen in einem Asylheim der südschwedischen Stadt. 

Seinen Lebensunterhalt verdiente er mit Unterricht auf dem der Laute ähnlichen Instrument Tanbur und der kurdischen Rahmentrommel Daff. Er war Angehöriger der Ahl-e Hagh, einer der Mystik zugetanen Gruppe mit langer Tradition im West-Iran. 

Er hat zahlreiche Verehrer und Nachahmer in West und Ost, wird aber weitestgehend ignoriert von westlichen Medien. Seine Musik gilt seinen Anhängern als unsterblich. Jedes Jahr finden Gedenkfeiern zu seinen Ehren statt.

Etwas mehr Informationen gibt es auf Englisch:

http://www.iranhrdc.org/english/publications/witness-testimony/1000000276-witness-statement-of-hamed-khajeheian.html

http://www.huffingtonpost.com/stephen-schwartz/mourning-seyed-khalil-alinejad_b_1115697.html

http://www.ahl-alquran.com/English/show_news.php?main_id=20536

http://www.iranhrdc.org/english/publications/witness-testimony/1000000276-witness-statement-of-hamed-khajeheian.html

 

 

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news-964 Tue, 29 Dec 2015 12:17:49 +0100 Den Frieden trommeln http://mehriran.de/artikel/den-frieden-trommeln.html Politische- und Gewissensgefangene im Iran bekommen Unterstützung aus Hamburg. Am Samstag, 9. Januar 2016 zieht eine musikalische Karawane durch die Innenstadt. Sie stehen seit Jahren auf Europas Straßen oder klopfen an die Türen staatlicher Institutionen, um Aufmerksamkeit für die verzweifelte Lage der vielen Gewissens- und politischen Gefangenen im Iran zu gewinnen. Die Menschen, die ihre freie Zeit damit verbringen sich für sie fremde und ferne Menschen einzusetzen, sind in verschiedenen Vereinen und Nichtregierungsorganisationen organisiert. Sie stammen aus dem Iran oder aus Deutschland. Der gemeinsame Nenner sind grundlegende Rechte des Menschseins, wie freie Meinungsäußerung und das Recht die eigene Weltanschauung zu haben. In einem Gedicht des iranischen Dichters und Mystikers Saadi Shirazi drückt sich für viele Menschenrechtsaktivisten aus, warum sie sich einsetzen:

„Die Kinder Adams sind aus einem Stoff gemacht
als Glieder eines Leibs von Gott, dem Herrn, erdacht.
Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder,
dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wider.
Ein Mensch, den nicht die Not der Menschenbrüder rührt,
verdient nicht, dass er noch des Menschen Namen führt.“

Schon am 11. Dezember, einen Tag nach dem internationalen Tag der Menschenrechte, setzte sich eine Karawane von Aktivisten vor dem Gebäude des "Spiegel" in Gang und bewegte sich für die Freiheit aller Gewissensgefangenen im Iran skandierend zum Redaktionsgebäude der "Zeit", wo jeweils Dossiers einiger Gewissensgefangenen im Iran an die Redaktionen übergeben wurden.

Im Iran werden die Aktionen als Unterstützung für dortige Menschenrechtsaktivisten wie die Sacharow Preisträgerin Nasrin Sotoudeh, die regelmäßig mit anderen auf die Straße geht, aufgefasst. Auch die Gefangenen wissen es zu schätzen, es gibt ihnen neuen Lebensmut. Behördenvertreter im Iran wollen die Aktionen nicht kommentieren, aber es zeigt sich, dass so viel Öffentlichkeit über die Zustände im Iran, die mit hohem Einsatz versucht werden zu verbergen, den Vertretern des Systems Druck machen. So kann man ab und zu von Erfolgen sprechen, wenn Todesurteile aufgehoben werden oder wie im Fall Nasrin Sotoudehs 2013 die Gefängnisstrafe vorzeitig ausgesetzt wird.

Karawane zieht im Dezember 2015 durch Hamburg

Am Samstag, 9. Januar 2016 werden Aktivisten der Internationalen Organisation für Menschenrechte im Iran (IOPHRI), Erfane Halghe, Unterstützungsgruppe für die Mütter vom Laleh Park im Iran (Madarane Parke Laleh), Verein für Menschenrechte und Demokratie im Iran, Hamayesh Hamburg e.V., PDKI, Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), Karamat e.V. und Einzelpersonen eine Aktion auf dem Ida-Ehre-Platz für die Freilassung aller politischer- und Gewissensgefangene im Iran durchführen. Einige der Aktivisten werden das Gedicht von Saadi auf Trommeln und singend zum Besten geben.

Stellvertetend für alle politischen- und Gewissengefangenen im Iran wird auf das Schicksal von Narges Mohammadi, Mohammad Ali Taheri, Atena Daemi, Sadiq Kabudvand und Ajatollah Kazemei Boroujerdi hingewiesen.

Berichte bisheriger Veranstaltungen in Frankfurt, Hannover, Berlin, Hamburg:

https://www.gfbv.de/de/news/freiheit-fuer-sadiq-kabudvand-und-alle-politischen-gefangenen-im-iran-7579/

karamat.eu/artikel/teheran-london-und-berlin-proteste-gegen-menschenrechtsverletzungen-im-iran.html

http://www.amnesty-hamburg.de/bezirk-hamburg/veranstaltungsberichte/87-zeig-gesicht-fuer-menschenrechte-im-iran-2010

https://www.youtube.com/watch?v=Z17u31bO5Yo

https://www.youtube.com/watch?v=yKWn422IlyA

mehriran.de/artikel/azady-freiheit-fuer-alle-gewissensgefangenen-im-iran.html

mehriran.de/solidaritaet.html

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news-963 Sat, 12 Dec 2015 10:13:19 +0100 Âzâdy - Freiheit für alle Gewissensgefangenen im Iran http://mehriran.de/artikel/azady-freiheit-fuer-alle-gewissensgefangenen-im-iran.html mehriran.de - Musikalische Strassenaktion zur Freilassung aller Gewissensgefangenen im Iran geht weiter. Am Freitag, 11. Dezember 2015 zog eine Karawane der Protestierenden durch Hamburg. mehriran.de - Mehrere Dutzend Männer und Frauen zogen um 14:00 Uhr am neuen Redaktionsgebäude des "Spiegels", Ericusspitze 1, mit Bildern und Plakaten von Gewissensgefangenen im Iran und Forderungen zu ihrer Freilassung in Richtung Innenstadt los. Unterwegs machte die Karawane halt vor dem Gebäude der "Zeit", Speersort 1, um lautstark und mit Unterstützung von Rahmentrommeln Forderungen zur Freilassung der Gewissensgefangenen kund zu tun. Beiden Redaktionen wurde jeweils ein Dossier zu den aktuellen Menschenrechtsverletzungen durch das Regime im Iran übergeben.

Die Abschlusskundgebung mit Rufen nach Freiheit für Iran fand auf dem Ida-Ehre-Platz statt, wo Tausende Menschen ihre Einkäufe erledigend und Geschäftstermine wahrnehmend entlang gingen. Die Aktion erzeugte große Aufmerksamkeit.

Dorr TV berichtet hier über die Aktion in den Iran: Link.

Folgende Organisationen waren an der Aktion beteiligt: 

Erfân-e Halghe, Verein für Menschenrechte und Demokratie im Iran, Gesellschaft für bedrohte Völker, Hamayesh, Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran, Solidarität mit den Müttern von Parke Laleh im Iran, PDKI, Verein zur Unterstützung des Kampfs des iranischen Volkes, Karamat e.V.

Diese Organisationen sind bereit die Mustra (musikalische Strassenaktionen) zur Freilassung aller Gewissensgefangenen im Iran fortzusetzen.

Hier einige Eindrücke von der Aktion:

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news-962 Fri, 04 Dec 2015 23:30:40 +0100 Filmvorführung “To Light a Candle“ http://mehriran.de/artikel/filmvorfuehrung-to-light-a-candle.html Anlässlich des Internationalen Tags der Menschenrechte lädt die Baha'i Gemeinde herzlich zur Filmvorführung mit anschließendem Panel ein: Können wir uns in Deutschland überhaupt vorstellen, was es bedeutet, keinen Zugang zu Bildung zu haben? Nicht studieren zu dürfen und von den meisten Berufen ausgeschlossen zu sein? Eigentlich nicht. Bildung ist ein Menschenrecht und ein Lebensrecht. Es ist der wichtigste Zugang zu Teilhabe und einem selbstbestimmten Leben. Die Realität jedoch sieht oft anders aus: In vielen Ländern der Welt ist das Recht auf Bildung für bestimmte Menschengruppen ein Luxusgut - so auch für Geflüchtete in Deutschland oder die im Iran lebenden Bahá’í.

Filmvorführung “To Light a Candle“

Anschließendes Panel: 

Maziar Bahari, Filmemacher (via Skype); 

Sepehr Atefi, iranischer Menschenrechtsaktivist und 

Nora Hauptmann, Kiron Open Higher Education.

Moderation: Shila Meyer-BehjatJournalistin und 

Leiterin der Online-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins enorm.

9. Dezember 2015 im Babylon

Einlass: 17.00 Uhr 

Beginn: 17.30 Uhr 

Ab 19.30 Uhr: Get together 

Babylon, Rosa-Luxemburg-Str.30, 10178 Berlin 

EINTRITT FREI.

Die Dokumentation des preisgekrönten iranischen Filmemachers Maziar Bahari erzählt die Verfolgungsgeschichte der Bahá’í im Iran und zeigt ihre Initiative, mit dem „Bahá’í Institute for Higher Education“ jungen Bahá’í-Studenten im Iran eine Lebensperspektive zu bieten. Bahari ist zudem Initiator der weltweiten Kampagne #notacrime, die sich für das Recht auf Bildung und freie Meinungsäußerung im Iran einsetzt.  

Kiron Open Higher Education gUG ist ein Social Start Up, dessen Ziel es ist, geflüchtete Menschen weltweit durch kostenfreie Hochschulbildung dazu zu befähigen, sich sowohl auf wirtschaftlicher Ebene in den Arbeitsmarkt als auch auf sozialer Ebene in die Gesellschaft zu integrieren. Im Oktober 2015 konnten die ersten 1.350 Studierenden ihr Studium bei Kiron aufnehmen.

Im Gespräch erfahren Sie Hintergründe und wie Sie unterstützen können.

Über Facebook zusagen, teilen und informiert bleiben. 

Weiterführende Informationen: 

Dafür steht Kiron Open Higher Education.

Mehr zu Maziar Baharis Menschenrechtskampagne #notacrime.

BABYLON: http://www.babylonberlin.de

Hinweis: Foto- und Filmaufnahmen von Gästen und Mitwirkenden der Veranstaltung können im Rahmen des Internet-Auftrittes der Bahá’í-Gemeinde Deutschland KdöR und in sozialen Netzwerken veröffentlicht werden. Mit der Teilnahme an der Veranstaltung erklären sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer damit einverstanden. 

Bahá'í-Gemeinde in Deutschland K.d.ö.R.

Vertretung Berlin

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news-960 Mon, 30 Nov 2015 14:30:39 +0100 Vom Alex bis zum Brandenburger Tor - Musikalische Strassenaktion für Gewissensgefangene im Iran http://mehriran.de/artikel/vom-alex-bis-zum-brandenburger-tor-musikalische-strassenaktion-fuer-gewissensgefangene-im-iran.html mehriran.de - Am Samstag, 28. November zog eine Karawane mehrerer Dutzend Aktivisten durch Berlin, um die Freilassung von Friedensaktivisten im Iran zu fordern. mehriran.de - Nachdem im Iran letzten Montag im Zuge des Besuchs von Wladimir Putin zahlreiche Friedensaktivisten auf der Straße verhaftet wurden, haben sich Mitglieder der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI), Erfân-e Halghe und Karamat e.V. in Berlin zu einer musikalischen Strassenaktion versammelt.

Vom Alexanderplatz zog die Karawane bis zum Brandenburger Tor und skandierte "Freiheit den Gefangenen im Iran" und "Azâdi, azâdi, azâdiyeh Tâheri, Boroujerdi, Soltani, Saharkhiz...". Die Namen vieler Gefangenen wurden genannt, die am Montag verhaftet wurden und die in einen Hungerstreik getreten sind.

 

Bericht auf DorrTV (screenshot)

 

Die Karawane zieht in Richtung Brandenburger Tor

In Interviews mit Radio Farda und DorrTV gaben Sprecher von Erfân-e Halghe und IOPHRI zu bedenken, dass Aktivisten im Exil bereit sind, sich dem Hungerstreik der Verhafteten anzuschliessen und sich öffentlich vor Regierungsgebäuden in Deutschland zu exponieren im Einsatz für die Freilassung aller Gewissensgefangenen im Iran. Weitere musikalische Strassenaktionen (Mustra) sind geplant.

Hier der Bericht auf DorrTV in Farsi.

Rasoul Moatamedi, mehriran.de

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news-959 Mon, 23 Nov 2015 22:31:12 +0100 Gas OPEC in Teheran - kein guter Tag für Friedensaktivisten http://mehriran.de/artikel/gas-opec-in-teheran-kein-guter-tag-fuer-friedensaktivisten.html mehriran.de - Während heute neun Länder mit hohen Gasvorkommen in Teheran zusammen kamen, um über eine gemeinsame Vorgehensweise zu beraten, wurden Demonstranten, die seit Wochen regelmäßig vor dem Evin Gefängnis friedlich für Gerechtigkeit und die Freilassung aller Gewissensgefangenen eintraten unter brutalen Schlägen verhaftet. mehriran.de - Schon am letzten Samstag wurden zwölf Aktivisten festgenommen und wie von Verwandten zu hören ist im Gefängnis misshandelt. Die meisten Aktivisten sind Anhänger des alternativen Heilers Mohammad Ali Tâheri, der beschuldigt wird den Obersten Führer beleidigt zu haben und Gotteslästerei betrieben zu haben. Heute morgen setzten die Sicherheitskräfte Schlagstöcke ein und verhafteten Dutzende von Aktivisten, darunter Mohammad Nourizad, einem bekannten Regime Kritiker, der einst für die Khamenei nahe Hardlinerzeitung Kayhan schrieb, bis er es wagte Kritik am Obersten Führer zu üben. Nourizad hat nach Verbüssung seiner Haftstrafe die Seiten gewechselt und besucht Menschen in ganz Iran, die durch das Regime zu Schaden gekommen sind. So hat er - für Iran eine gewagte, mutige Tat - einem Baha'i Jungen die Füsse küsst. Baha'i werden im Iran nicht als offizielle Religion anerkannt und in immer neuen Wellen drangsaliert, vom Studium ausgeschlossen und durch systembetriebene Hetzkampagnen auch von Eiferern brutal attackiert.

Weitere Aktivisten, die verhaftet wurden, sind Esmail Zartosht, Ahmadi Ragheb, Hooshang Ne'matifar, Simin Eyvaz Zadeh (Mutter des verhafteten Kinderrechtsanwalts Omid Alishenas), Hashem Zeinali (Vater von Saeed Zeinali, Student der im Juli 1999 verhaftet wurde und seither vermisst wird), Reza Malek (ehemaliger Gewissensgefangener), Mohsen Sodscha und viele andere, deren Namen noch nicht bekannt sind.

Erst kürzlich schloss der Oberste Führer aus, dass man Gewalt durch Islam rechtfertigen könne, aber durch solche Aktionen, die sich in wiederholte ähnliche Ereignisse einreihen, wecken nicht das Vertrauen der Weltgemeinschaft in die hehren Absichten des Herrn Ali Khamenei.

Bericht auf Persisch über die Verhaftungen: Dorr TV

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news-958 Sun, 22 Nov 2015 02:13:21 +0100 Der Engel aus Teheran http://mehriran.de/artikel/der-engel-aus-teheran.html mehriran.de - Dr. Mohammad Maleki hat nichts mehr zu verlieren. Der 83-jährige protestiert seit Monaten jede Woche vor dem Teheraner Evin Gefängnis gegen das Regime. mehriran.de - Sein Beispiel macht Schule. Mehr und mehr Menschen schliessen sich ihm und anderen Aktivisten in den friedlichen Protesten an. Dr. Mohammad Maleki war Rektor der Teheraner Universität, seine Worte hatten einmal Gewicht. 

Jetzt leidet er an Prostatakrebs und ist gezeichnet von Verfahren, die ihm das Regime immer wieder angehängt hat, wegen angeblicher Gotteslästerei und Beleidigung des Obersten Führers Ali Khamenei. Seine Worte haben beim Regime kein Gewicht mehr. Er antwortet auf die Frage nach einer Botschaft an diesen Obersten Führer, dieser solle sich endlich zur Ruhe setzen, da ihm die Qualifikation für das Amt fehle und seine Herrschaft über Iran ein Ende haben müsse.

Vor sechs Jahren gingen die Behörden noch voller Eifer gegen ihn vor. Jetzt lassen sie ihn gewähren, weil sie sich uneinig sind welche Reaktion angemessen wäre.

Der klein gewachsene Mann verzichtet auf sein Mittagessen, um sich die teuren Medikamente gegen den Krebs zu leisten, denn er will so lange wie möglich leben, um - wie er sagt - durch die Gewalt des Regimes umzukommen. Er hofft dadurch, der Weltöffentlichkeit das wahre Wesen des Regimes vor Augen führen zu können. Vor dem Gefängnis steht er jede Woche zusammen mit Aktivisten wie Nasrin Sotoudeh, Mohammad Nourizad und Anhängern von Dr. Tâheri, einem alternativen Heiler der viele Anhänger gefunden und sich dadurch beim Regime unbeliebt gemacht hat, so dass er sogar zum Tode verurteilt wurde. Auch ihm wurde Gotteslästerei und noch Beleidigung des Propheten vorgeworfen. 

Dieses Beispiel ist symptomatisch für die Lage im Iran. Auch Monate nach dem Nukleardeal mit der internationalen Gemeinschaft bessert sich die Menschenrechtssituation dort nicht. Menschenrechtsorganisationen berichten sogar von einer sich immer weiter verschlechternden Lage. Doch im Westen ist man fast verstummt, was die Menschenrechtsverletzungen anbelangt. Die Probleme mit Flüchtlingsströmen und blutigen Attentaten hinter der eigenen Haustüre sind eine große Herausforderung für die Politik in Europa, passendere Rahmenbedingungen zu schaffen. 

In Teheran hingegen sind gestern über 100 Menschen verhaftet worden. Lange hatten die Behörden zugesehen, wie die Zahl der Protestierenden vor dem Evin Gefängnis stetig wuchs. Maleki wurde nicht angefasst, aber jene, denen er durch sein Beispiel Mut gemacht hatte.

Dr. Mohammad Maleki ist der Überzeugung, dass sein Einsatz für die Menschenrechte im Iran und dem Frieden im ganzen Nahen Osten dient, letztendlich der ganzen Welt. Sein Leben stellt er auf undramatische Weise für die Zukunft anderer zur Disposition.

Vahid Beheshti, Dorr TV

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news-957 Sun, 22 Nov 2015 01:52:17 +0100 Islamismus und Islamophobie schaukeln sich gegenseitig hoch und reduzieren demokratische Rahmenbedingungen in Europa http://mehriran.de/artikel/islamismus-und-islamophobie-schaukeln-sich-gegenseitig-hoch-und-reduzieren-demokratische-rahmenbedingungen-in-europa.html Einige Thesen zur Psychogenese von Islamismus und Islamophobie als gegenseitige Eskalation der de-zivilisierenden Aspekte der Demokratisierung in Europa In diesem Beitrag möchte ich – aus aktuellem Anlass –  Thesenartig auf die interdependenten sozio- und psychogentischen Aspekte des Islamismus und der Islamophobie als De-Zivilisierungsschübe in Europa hinweisen, die ich als Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der involvierten Menschen in Demokratisierungsprozessen diskutieren möchte. Damit soll eine Überwindungsperspektive des Problems erörtert werden, indem die Ungleichzeitigkeit der drei komplementären und reversiblen Aspekte von Demokratisierungsprozessen sowie ihre Richtung und Richtungsbeständigkeit berücksichtigt werden. Denn in der Regel werden die funktionellen, institutionellen und sozial-habituellen Aspekte der Demokratisierung auf ihre institutionellen Aspekte zustandsreduziert.

I. Zum Zusammenhang von Demokratisierung, Zivilisierung[1] und De-Zivilisierung als komplementäre und reversible Prozesse 

a.   Um diesen Zusammenhang zu begreifen, müssen die Gerichtetheit, Richtungsbeständigkeit, Ungleichzeitigkeit und Reversibilität der funktionellen, institutionellen und sozialhabituellen Aspekte der Demokratisierung berücksichtigt werden.

b.  Der Umgang mit den vier Zwängen sind entscheidend für diese Entwicklungsrichtungen:

                                                i.      Die Kontrolle der außenmenschlichen Natur in Gestalt der Naturwissenschaft und der technologischen Entwicklung,

                                              ii.     Die Kontrolle der Fremdzwänge in Gestalt der Bedrohung anderer Menschen und anderer Menschengruppen, die zur Entstehung des Staates als einer Verteidigungs- und Angriffseinheit sowie des Gewalt- und Steuermonopols führt.

                                            iii.     Die Umwandlung der Fremdzwänge in Selbstzwänge bzw. in Selbstbeherrschung.

                                           iv.     Die Kontrolle der eigenen Natur in Gestalt der der Entwicklung individueller Selbstregulierung momentaner trieb- und affektbedingter Verhaltensimpulse oder deren Umleitung auf sekundäre Ziele und deren Sublimierung.

c.   Mit dem habituellen Aspekt der Demokratisierung sind die Fragen verbunden, inwieweit die Wertmaßstäbe zivilisiert und verinnerlicht worden sind. Diese Zivilisierung manifestiert sich u.a. in vorherrschende Gebote und Verbote sowie in den Scham- und Peinlichkeitsschwellen der Menschen als deren Verbots- bzw. Gefahrenzonen.

d.  Zu den demokratisierungsrelevanten Hauptkriterien des Zivilisierungsprozesses gehören u. a.:

1.  Veränderungen des sozialen Habitus bzw. der Persönlichkeitsstruktur der Menschen in Richtung auf ebenmäßigere[2], allseitigere[3] und stabilere[4] Selbstkontrollmuster.

2.  Ohne sich je von Fremdzwängen völlig loszulösen, gewinnen außerdem ihre Selbstzwänge gegenüber den Fremdzwängen größere Autonomie. (Z.B. Privateigentum als ein Verhalten) 

3.  Das Gleichmaß der Selbstregulierung im Verhältnis zu allen Menschen und in fast allen Lagen nimmt zu. Dies manifestiert sich in Erweiterung der Toleranzgrenze und abnehmender Diskriminierung.

4.  Im Zusammenhang mit der zunehmenden Verselbstständigung der individuellen Selbstregulierungsinstanzen, zu denen Verstand wie Gewissen, Ich wie Über-Ich gehören,  erweitert sich auch die Reichweite des Vermögens eines Menschen, sich mit anderen Menschen in relativer Unabhängigkeit von deren Gruppenzugehörigkeit zu identifizieren, also auch Mitgefühl mit ihnen zu empfinden.

5.  Ein De-Zivilisierungsschub bedeutet dann eine Veränderung in entgegengesetzte Richtung, d.h. vor allem (siehe Selbstwertlinie):

a.   eine Erhöhung der Erregbarkeit bzw. Affektivität im Sinne zunehmender „Unsachlichkeit“ bzw. Realitäts- Unangemessenheit des Erlebens und Verhaltens, weniger ebenmäßige, weniger allseitige und weiniger stabilere Selbstkontrollmuster.

b.  sowie eine Verringerung der Reichweite der Identifizierung und des Mitgefühls.[5]- wie wir sie bei Islamismus und Islamophobie vorfinden.

II. Islamismus und Islamphobie als ein sich gegenseitig hochschaukelnder De-Zivilisierungsschub.

a.   In diesem Sinne teilen Islamismus und Islamophobie gewisse Strukturähnlichkeiten trotz ihrer Gestaltunterschiede.

b.  Islamismus manifestiert eine massenhafte Identitätskrise, die als Folge der Diskontinuität der Lebenszusammenhänge zu begreifen ist. 

c.   Diese Identitätskrise ist Funktion einer Modernisierung der islamisch geprägten Gesellschaften. 

·     Mit den Globalisierungsprozessen und im Zuge der funktionellen Integrationsprozesse der islamisch geprägten Gesellschaften, geht eine institutionelle Modernisierung dieser Gesellschaften einher.

o  Es entsteht zwar Lohnarbeit, aber ohne dass die Arbeiter reell unter das Kapital subsumiert wären und Normen abstrakter Arbeit verinnerlicht hätten. 

o  Es entstehen moderne Verfassungen und Rechtssysteme, unter denen die Menschen zumeist aber nur formell subsumiert sind, ohne dass aus ihnen selbstbewusste Staatsbürger werden.

o  Auch die Säkularisierung des Alltagslebens bleibt mehr oder weniger eine Fassade, unter der sich enorme innere Spannungen und Konflikte verbergen. Dabei werden die Menschen unsicherer in der Steuerung ihres Verhaltens.

o  Diese Transformationsspannungen und -konflikte sind Nachhinkeffekt ihres sozialen Habitus bzw. ihrer Persönlichkeitsstruktur. Sie ist gekennzeichnet durch mangelnde Individualisierung und relativ geringere emotionale Entbindung von dem tradierten Zivilisationsmuster angesichts der modernen Anforderungen.

·     Diese Modernisierung vollzieht sich in Form sozialer Differenzierungs- und Integrierungsprozesse, die als soziale Auf- und Abstiegsprozesse erfahren werden.

·     Mit der Transformation der Gesellschaft in Modernisierungsprozessen verlieren die herrschenden sozialen Funktionsträger nicht nur ihre sozialen Funktionen, sondern auch ihre Werte verlieren mehr oder weniger an Bedeutung, weil die transformierte Gesellschaft neue spezifische Werte und Gesetze braucht, um die Beziehungen der Mitglieder zueinander und zu der Ganzheit zu regeln.

·     Dieser existentiell bedrohende soziale Abstieg wird nicht nur als ein Funktionsverlust und als Entwertung der affektiv besetzten eigenen Werte erlebt, sondern auch als eine erschütternde soziale Erniedrigung.

·     Der Islamismus ist Folge dieses erschütternden Erlebnisses traditioneller sozialer Gruppen und eine Reaktion gegen den Untergang der Scharia als offizieller normativer Struktur der Gesellschaft; diese  werden als eigen definierte Werte der Islamisten demonstrativ hervorgehoben und gegen moderne Werte verteidigt, die als „verwestlicht“ bekämpft werden.

·     Islamismus ist daher ein chiliastisch geprägter Nativismus: er ist also die demonstrative Hervorhebung der als selbstwertrelevant definierten Werte der sich als „rechtgläubig“ begreifenden Muslime, die die „Scharia“ als Inbegriff des „Islams“ und göttlicher Regulationsprinzipen der gesellschaftlichen Beziehungen im Sinne der Herstellung der paradiesischen Glückszustände auf Erden verstehen.

·     Mit der „Scharia“ wird eine selbstwertrelevante institutionalisierte Diskriminierung Andersdenkender und Andersgläubiger sowie der Frauen angestrebt und etabliert. Diese ist ein massiver Schub der De-Zivilisierung.

Dabei wird die physische Gewalt wieder zum Regulationsprinzip gesellschaftlicher Beziehungen.

d.  Die Islamophobie ist eine Radfahrermentalität: d.h. man beugt sich vor den Mächtigen und zertritt zugleich die Machtschwächeren.

„Man unterwirft sich dem Großen, um über Kleine Herr zu sein: diese Lust überredet uns zur Unterwerfung“ (Nietzche)

a.    sie ist eine, durch das selbstwertrelevante fiktive[6] Ziel der Überlegenheit geprägte, Grundhaltung, die zur Feindseligkeit von neurotischen[7] Europäern gegenüber den Muslimen drängt, die sie als starken Auftrieb von Unten erfahren.

b.  Als „Arbeiteraristokratie“ vergleichen sie sich mit den mächtigeren Gruppen in Europa und betrachten ihren, von Muslimen unterscheidenden, Verhaltensstandard als Distinktionsmittel und Hauptinstrument ihrer Prestigekonkurrenz und Prestigepolitik.

c.   Dies ist aber nur durch eine „Pars-pro-toto“-Verzerrung der Realität möglich. Dabei werden die besten Charaktereigenschaften der Minderheit der eigenen Gruppe für die „Wir-Gruppe“ verallgemeinert und der De-Zivilisierungsschub einer Minderheit der Muslime als Zivilisationsstandard „der Muslime“ generalisiert, um die eigene selbstwertrelevante feindliche Haltung ihnen gegenüber subjektiv zu legitimieren.

d.  Deswegen riecht alles, was an ihre Peinlichkeitsschwelle rührt, „islamisch“,  ist gesellschaftlich minderwertig; und umgekehrt rührt alles, was „Islamisch“ ist, an ihrer Peinlichkeitsschwelle – als eine Art Angst[8] 

e.   Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, sich von allem, was „islamisch“ ist, zu unterscheiden, die diese Empfindlichkeit verschärfen, weil sie sich weder durch ihre beruflichen Leistungen noch durch Besitztum und Geld  als Hauptinstrument der Prestigekonkurrenz und Prestigepolitik bedienen können.

f.    Ihr ganzes Wollen, Denken, Fühlen und Handeln ist aber durch ihr Minderwertigkeitsgefühl angestachelt, weil sie sich im Vergleich mit den mächtigeren Etablierten unzulänglich empfinden.

 (Selbstwertlinie & Unerreichbare Maßstäbe)

g.   Diese fiktive Überlegenheit der neurotischen Europäer ist Funktion ihrer „tendenziösen Brille“, die ihre Aufmerksamkeit und damit die bewusste Aufnahme des jeweiligen Inhalts ihrer Erlebnisse, Wahrnehmungen und ihres Denken  steuert.

h.  Diese „tendenziöse Brille“ ist Funktion einer in Europa tradierten kolonialen Kultur der Machtüberlegenheit. 

i.     Denn sie schauen wie jeder Mensch zwar mit ihren eigenen Augen, sie sehen aber mit den Augen des Kollektivs.[9]

j.    Mit dieser tendenziösen Brille wird der „Islam“ gleichgesetzt mit Islamismus, gegenüber dem sie als Nativismus den eigenen Chauvinismus demonstrativ hervorheben und so zur Eskalation der Feindseligkeit in Europa beitragen. 

k.  Damit entsteht eine „Beziehungsfalle“ bzw. eine „Schicksalsschleife“ des Islamismus und der Islamophobie, die sich gegenseitig hochschaukeln. Und dadurch die Rekrutierungsmöglichkeit des IS in Europa erhöht.

III.     Förderung des Gleichwertigkeitsgefühls und Ermutigung der Migranten als notwendiger Präventionsmaßnahme gegen  Islamismus und Islamophobie

a.  Nur durch die Anerkennung der Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Migranten als Einzelne und Gruppen fühlt sich der potentielle Islamist dazugehörig und findet produktiv seinen Platz in der Gesellschaft, wo er als Staats- und Wirtschaftsbürger respektvoll behandelt wird.

b.  Ohne eine emotionale Entbindung im Sinne der „Ausreifung“ der Migranten aus den früheren Integrationseinheiten, die bisher die überlagerten Schichten ihres sozialen Habitus geprägt haben, wäre keine produktive Integration im Sinne der „Einreifung des Charakters“ möglich.

c.   Der „Islamische Staat“ (IS) repräsentiert in diesem Sinne eine Art „Scheingemeinschaft“, eine Art „Ur-Wir“, welches auf einer Verschmelzungsphantasie der „Wir-brüchigen“ basiert und auf das frühkindliche Erlebnis der Dyade bzw. „symbiotischen Einheit“ zurückzuführen ist.

d.  Die potentiellen Islamisten, „die Schläfer“, entstehen dadurch, dass die emotionalen Entbindungen der Migranten nicht gefördert und die Chance neuer beruflicher und affektiver Bindungen durch ihre Ermutigung verweigert wird – indem man ihnen das Gefühl der Selbstachtung und Leistungsfähigkeit vorenthält.

e.   Diese Transformation der islamisch geprägten Menschen in gewaltbereite Islamisten ist dann die Folge einer Umfinalisierung der versagenden Menschen, bei denen sich die Balance zwischen ihrer Kooperations- und Konfliktsbereitschaft zugunsten der letzteren verschiebt.

f.     Dies geht aber einher mit der Verschiebung der Balance zwischen ihren überlagerten Schichten des sozialen Habitus zugunsten älterer Schichten. Vor allem zugunsten der vorsprachlichen und unbewussten Ebene, welche dann dominierend handlungssteuernd wirken. 

g.   Wenn sie ihre bisherigen Ziele, dazu zu gehören und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, nicht durch nützliche Mitarbeit erreichen können; wenn sie sich nicht dazugehörig fühlen und sich ihres Wertes nicht sicher sind, finden sie andere Ziele; Ziele, die ihnen größere Möglichkeiten zu bieten scheinen, sich wichtig und bedeutend zu empfinden.

h.  Mit dem Erlebnis des Versagens und dem sich daraus ergebenden Abwehrprozess der Regression, die zu einer mehr oder weniger starken Infantilisierung führt, bemächtigen sie sich vor allem „Ziele des störenden oder versagenden Kindes“.[10]

i.     Jeder dieser Ziele stellt aber ihre Überzeugung dar, unter welchen Umständen sie sich wichtig, bedeutend und dazugehörig fühlen können.

j.    Das erste Ziel ist in der Regel, sich um jeden Preis Beachtung zu verschaffen, weil sie ihr Gefühl der Zusammengehörigkeit von der Beachtung der anderen abhängig machen. Wenn aber die positiven Methoden versagen, versuchen sie mit störenden Mitteln die ersehnte Beachtung herbeizurufen.

k.  Wenn der dadurch entstandene Machtkampf mit den Etablierten verstärkt wird, dann versuchen sie ihren Platz in der Gesellschaft durch verschiedene Formen der Machtkämpfe zu gewinnen. 

l.   Wenn die Machtkämpfe zu brutalen und gewalttätigen Reaktionen der Etablierten zu ihrer Unterdrückung führen, dann können sie versuchen, andere so zu verletzen, wie sie sich von ihnen verletzt fühlen: Rache ist dann das dritte Ziel, das einzige Mittel, bei dem sie sich zur Geltung bringen können. Deswegen kann der blutrünstige Islamist, der vor laufender Kamera unschuldige Menschen enthauptete, in einem Interview behaupten, erst hier habe er den Sinn seines Lebens gefunden.

m.  Der Islamismus ist deswegen der destruktive Ausdruck des Versagens der islamisch geprägten Menschen, ihren Platz produktiv in der Gesellschaft zu finden. Die bisher bekannt gewordenen Informationen über die rekrutierten Islamisten aus Europa demonstrieren exemplarisch, wie die Verweigerung der Produktivität zur Destruktivität führt.

n.  Allerdings bleiben noch mehr entmutigte Muslime, die jeden Versuch der Beitragsleistung und Anteilnahme aufgeben, da sie keine guten Ergebnisse ihres Bemühens erwarten. Ihre  Passivität und Lethargie manifestiert sich deswegen in ihrem „chiliastischen Quietismus“ in Gestalt der „friedlichen“ Muslime, die ihren „paradiesischen Glückszustand“ nicht unbedingt auf der Erde suchen.

o.  Um aber ihre schlummernde „Aufbruchsbereitschaft zur Herstellung der paradiesischen Zustände“ nicht zu aktivieren, muss eine Deeskalation der gegenseitigen Feindseligkeit und der sie begleitenden Gewaltakte angestrebt werden. 

p.  Die Deeskalation hat nur eine Chance, wenn wenigstens die eher distanziertere Seite des Konfliktes in Europa das zunehmende emotionale Engagement bremst. Denn jedes weitere Gefühl der Bedrohung (des Selbstwertes) steigert das emotionale Engagement und führt zu weiterer Eskalation der Gewalt und Gewaltbereitschaft.

Fazit: Zur  absolut notwendigen Bedingung der Überwindung der Islamophobie gehören:

· die Förderung der Einsicht in den Selbstzwang zu einem fiktiven Ziel der Überlegenheit in entwickelteren Gesellschaften und damit,

· die Überwindung des sonst kultivierten neurotischen Apperzeptionsschemas in einem institutionalisierten Bildungsprozess im Sinne einer humanistischen Umorientierung und

· Förderung des Gleichwertigkeitsgefühls.

Nur so ist eine Verschiebung der Balance zwischen Kooperation und Konflikt zugunsten der ersteren möglich.  

Denn Menschen sind im Unterschied zu manchen anderen sozialen Lebewesen auf die Mobilisierung ihrer natürlichen Anlage zur Selbstregulierung durch das persönliche Lernen von Trieb- und Affektkontrolle im Sinne gesellschaftlicher Zivilisationsmuster angewiesen, um mit sich selbst und mit anderen Menschen leben zu können.[11]

Hannover, 31.10.2015

http://gholamasad.jimdo.com/kontakt/

 


[1] Die Zivilisierung bezieht sich auf die Entwicklung individueller Selbstregulierung momentaner trieb- und affektbedingter Verhaltensimpulse oder deren Umleitung auf sekundäre Ziele und deren Sublimierung. Dieser gerichtete psychische Transformationsprozess führt zum Strukturwandel des Seelenaufbaus der Menschen als Einzelne und Gruppen.

[2] Die stetige Selbstkontrolle sucht die Kontraste und plötzliche Umschwünge im Verhalten, die Affektgelegenheit aller Äußerungen  gleichermaßen zu verringern.

[3] Das ganze Verhalten, alle Leidenschaften werden gleichermaßen einer genaueren Regelung unterworfen.

[4] Abnehmende Triebdurchlässigkeit der Verhaltenssteuerung.

[5] Vgl. Norbert Elias, Zivilisation, in: Bernhard Schäfers (Hrsg.), Grundbegriffe der Soziologie, Opladen 1986, S. 382ff.

[6]„Als eigentliche Fiktionen im strengen Sinne des Wortes stellen sich Vorstellungsgebilden dar, welche nicht nur der Wirklichkeit widersprechen, sondern auch in sich selbst widerspruchsvoll sind.“ (Hans Vaihinger, die Philosophie des Als Ob, Volksausgabe, 1924/2014, S. 15)

[7] „Das neurotische und psychotische Seelenleben als das Haften an der >>leitenden Fiktion>>…“ (Alfred Adler, Praxis und Theorie der Individualpsychologie, München 1930/ Köln 2012, S. 117)

[8] Vergl. Elias, Norbert, Über den Prozeß der Zivilisation, Bd. 2, S. 410f.

Sham- und Peinlichkeitsgefühl sind eine Art Angst, die sich automatisch und gewohnheitsmäßig bei bestimmten Anlässen in dem Einzelnen reproduziert. Es ist eine Angst vor der Übertretung gesellschaftlicher Verbote und damit verbundene Unterlegenheitsgefühl. Bei der Scham-Erregung ist man selbst der (potentielle) Täter; bei der Peinlichkeit sind die Anderen.  Sie sind also Ängste vor sozialer Degradierung, die sich aus der Wehrlosigkeit vor der Überlegenheit Anderer ergibt. (Vergl. Elias, N. a.a.O., S. 397ff)

[9] „Wir schauen mit den eigenen Augen, wir sehen mit den Augen des Kollektivs. ( Ludwig Fleck, a.a.O, S. 154)

[10] Vergl. Rudolf Dreikurs, Grundbegriffe der Individualpsychologie,  Stuttgart, 19906,   S. 73f. & 99f.

[11] ibid.

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news-956 Wed, 21 Oct 2015 17:51:16 +0200 Zur Psychogenese von Islamismus und Islamophobie als gegenseitige Eskalation der de-zivilisierenden Aspekte der Demokratisierung in Europa: Förderung der Gleichwertigkeit als notwendiger Präventionsmaßnahme http://mehriran.de/artikel/zur-psychogenese-von-islamismus-und-islamophobie-als-gegenseitige-eskalation-der-de-zivilisierenden-aspekte-der-demokratisierung-in-europa-foerderung-der-gleichwertigkeit-als-notwendiger-praeventionsmassnahme.html „Man unterwirft sich dem Großen, um über Kleine Herr zu sein: diese Lust überredet uns zur Unterwerfung“ (Friedrich Nietzsche) In diesem Beitrag möchte ich – aus aktuellem Anlass – auf die interdependenten sozio- und psychogentischen Aspekte des Islamismus und der Islamophobie als De-Zivilisierungsschübe in Europa hinweisen, die ich als Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der involvierten Menschen in Demokratisierungsprozessen diskutieren möchte. Damit soll eine Überwindungsperspektive des Problems erörtert werden, indem die Ungleichzeitigkeit der drei komplementären und reversiblen Aspekte der Demokratisierungsprozesse sowie ihre Richtung und Richtungsbeständigkeit berücksichtigt werden. Denn in der Regel werden die funktionellen, institutionellen und sozial-habituellen Aspekte der Demokratisierung auf ihre institutionellen Aspekte zustandsreduziert. Vernachlässigt werden:

1.     die gerichtete funktionelle Demokratisierung im Sinne der Verschiebung der Machtbalance zwischen den Machtstärkeren und Machtschwächeren zugunsten der letzteren im Zuge der inner- und zwischenstaatlichen Differenzierungs- und Integrationsprozesse, ohne zu institutioneller Demokratisierung zu führen. Dabei müssen die Menschen mit ihren Funktionseinschränkungen und Funktionsverlusten bzw. Funktionserweiterungen neben der Entstehung neuer Funktionen erhebliche soziale Auf- und Abstiegserfahrungen machen, die zuweilen emotional nicht verkraftbar sein können. Hinzu kommen Brüche in der Kontinuität der Lebenszusammenhänge, die mit erheblichen Identitätskrisen begleitet sind.

2.     der gerichtete und reversible Transformationsprozess des sozialen Habitus der involvierten Menschen im Sinne ihrer Zivilisierung und De-Zivilisierung, die deren ganzes Wollen, Denken, Fühlen und Handeln prägen.

Aus diesem Grunde möchte ich zunächst kurz auf den Zusammenhang von Demokratisierung, Zivilisierung und De-Zivilisierung als komplementäre und reversible Prozesse eingehen. Damit sollen Islamismus und Islamophobie als sich gegenseitig hochschaukelnde de-zivilisierende Aspekte der Demokratisierung in Europa verstanden werden. 

Zum Zusammenhang von Demokratisierung, Zivilisierung und De-Zivilisierung als komplementäre und reversible Prozesse

Zu den demokratisierungsrelevanten Hauptkriterien des Zivilisierungsprozesses gehören u. a. Veränderungen des sozialen Habitus bzw. der Persönlichkeitsstruktur der Menschen in Richtung auf ebenmäßigere, allseitigere und stabilere Selbstkontrollmuster. Ohne sich je von Fremdzwängen völlig loszulösen, gewinnen außerdem ihre Selbstzwänge den Fremdzwängen gegenüber größere Autonomie. Das Gleichmaß der Selbstregulierung im Verhältnis zu allen Menschen und in fast allen Lagen nimmt zu. Im Zusammenhang mit der zunehmenden Verselbständigung der individuellen Selbstregulierungsinstanzen, zu denen Verstand wie Gewissen, Ich wie Über-Ich gehören,  erweitert sich auch die Reichweite des Vermögens eines Menschen, sich mit anderen Menschen in relativer Unabhängigkeit von deren Gruppenzugehörigkeit zu identifizieren, also auch Mitgefühl mit ihnen zu empfinden. Ein De-Zivilisierungsschub bedeutet dann eine Veränderung in entgegengesetzte Richtung, d.h. eine Erhöhung der Irritabilität sowie eine Verringerung der Reichweite der Identifizierung und des Mitgefühls.[1]

Daher erlaubt eine angemessene Berücksichtigung dieser zivilisatorischen Aspekte der Demokratisierungsprozesse im Zusammenhang mit ihren funktionellen und institutionellen Dimensionen den gewalttätigen Islamismus und Islamophobie in Europa als einen Nachhinkeffekt des sozialen Habitus zu diskutieren, unter Berücksichtigung entsprechender Konsequenzen: vor allem der Notwendigkeit der Förderung der Zivilisierung des sozialen Habitus der Menschen in einem gezielten humanistisch geprägten institutionellen Bildungsprozess. Denn Menschen sind im Unterschied zu manchen anderen sozialen Lebewesen auf die Mobilisierung ihrer natürlichen Anlage zur Selbstregulierung durch das persönliche Lernen von Trieb- und Affektkontrolle im Sinne gesellschaftlicher Zivilisationsmuster angewiesen, um mit sich selbst und mit anderen Menschen leben zu können.[2]

Ohne derartige Förderungsmaßnahmen kann sich die Balance zwischen Kooperation und Konflikt zwischen den Menschen als Einzelne und Gruppen zugunsten ihrer Konfliktsbereitschaft verschieben und die Entstehung solcher sozialen Bewegungen wie Islamismus und Islamphobie Vorschub leisten, die sich als interdependente De-Zivilisierungsschübe gegenseitig eskalieren.

Islamismus und Islamphobie als sich gegenseitig zur Eskalation bringende De-Zivilisierungsschübe. 

Wenn man diese Verschiebung der Balance zwischen Konflikt und Kooperation der Menschen zugunsten der zuweilen blutigen Konfliktaustragungen begreifen will, muss man wissen, dass Menschen von Natur aus gegenseitig aufeinander angewiesen und voneinander abhängig sind. Aus diesem Verflechtungsprozess interdependenter Menschen gestalten sich Figurationen, wie Familien, Stämme, und Interessengruppen oder Staaten mit entsprechender Machtbalance und mehr oder weniger offenen Machtkämpfen. Dabei geht es immer um die Chance, das Verhalten der anderen gegen ihren Willen zu beeinflussen und zu steuern. Darum sind diese Konflikte immer auch selbstwertrelevant. Denn mehr Macht bedeutet im Rahmen der durch Konkurrenz geprägten Kulturen mehr Selbstwert. In diesem Sinne sind die Menschen getragen von einer mehr oder weniger starken Tendenz, sich mit anderen zu vergleichen und zu messen. Dabei steuert diese Tendenz, als eine Art Selbstzwang, das Verhalten und Erleben der involvierten Menschen. Deswegen bekommen wir nur aus dieser Interdependenz ihrer Beziehungen heraus einen Einblick in ihr Seelenleben bzw. in die Psychogenese ihrer zielgerichteten Verhaltens- und Erlebensmuster; denn Menschen sind überhaupt nicht in der Lage zu denken, zu fühlen, zu wollen und zu handeln, ohne dass ihnen ein Ziel vorschwebt. Das ist nur nachvollziehbar, wenn man berücksichtigt, dass die Existenz des „Seelischen Organs“ der Menschen  genauso zielgerichtet ist wie alle seine anderen Organe: ohne die Sonne gäbe es keine Augen, ohne die Erdanziehungskraft gäbe es keine Füße, ohne die Luft gäbe keine Lungen und ohne Handlungsziele bzw. Finale  gäbe es auch kein  Seelenleben.

Aber diese Zielgerichtetheit des Seelenlebens der Menschen verleiht dem „fiktiven Endziel“ bzw. dem als fix gedachten oder empfundenen Finale, unter deren Herrschaft alle im Einzelnen sichtbaren Ziele geraten, die entscheidende Bedeutung. Und wegen dieser Zielgerichtetheit des Seelenlebens der Menschen ist das Leben ein Sollen[3], mit entsprechenden zivilisatorisch geprägten moralischen Maßstäben.

Demzufolge ist das, was Seelenleben genannt wird, nur verständlich als ein Kommunikationssystem in einem dynamischen Netz von kommunikativen Beziehungen in Raum und Zeit, das als Figurationen bezeichnet werden kann. Folglich ist das Sprechen, Fühlen, Denken und Verhalten von Menschen, kurz ihr individualisierter sozialer Habitus nur begreifbar als selbstwertrelevante Stellungnahmen zum Leben, zu sich selbst und zu den Mitmenschen, als ihre Antworten in den jeweils spezifischen Figurationen.

Mit der funktionellen Demokratisierung ihrer Beziehungen, als Reduktion der Machtdifferentiale zwischen Individuen und Menschengruppen, können sich eine institutionelle Demokratisierung und entsprechende Zivilisierungen der Verhaltens- und Erlebensmuster der involvierten Menschen in Richtung der Erhöhung ihrer Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung, im Sinne der emotionalen Verankerung der demokratischen Normen, vollziehen. Daher geht  mit der funktionellen Demokratisierung, früher oder später, eine Verschiebung der Selbstwertbeziehungen zugunsten der früher machtschwächeren Menschen als Einzelne und Gruppen einher; da ihre interdependenten Beziehungen zugleich ihre Selbstwertbeziehungen sind: Denn das, was sich auf der funktionellen Ebene als Machtdifferentiale bzw. als Verringerung derselben vollzieht, wird in der Regel von den in diesen Prozessen involvierten Menschen auch mit mehr oder weniger zeitlicher Verzögerungen erfahren und empfunden. Diese interdependenten Selbsterfahrungen und damit einhergehend auch Selbstbewertungen manifestieren sich in ihren Selbstwertbeziehungen. Was auf der funktionellen Ebene also die Machtbeziehungen bzw. Machtdifferentiale sind, sind auf der habituellen Ebene die selbstwertrelevanten Erfahrungen dieser Machtbeziehungen: ihre Selbstwertbeziehungen.

Allerdings kann die Transformation des sozialen Habitus der involvierten Menschen hinter der funktionellen und institutionellen Demokratisierung hinterherhinken. Dies manifestiert sich in Erniedrigung und Diskriminierung der Machtschwächeren als Kompensation der Machstärkeren von ihrer eigenen Machtreduzierung. Denn je höher man sich auf der Selbstwertlinie fühlt, desto tiefer fällt man. Je höherer der Geltungsanspruch ist immer verbunden mit größerer Angst vor sozialem Abstieg. Mit dem höheren Spannungsbogen reduziert sich die Toleranzgrenze, die sich in Reduzierung der Reichweite der Identifizierung mit Mitmenschen manifestiert.

In dieser Konstellation wird das Minderwertigkeitsgefühl der Machtschwächeren, angesichts ihrer gesteigerten Aspirationen, schmerzhafter empfunden, weil das Minderwertigkeitsgefühl als eine Gefühlslage dann entsteht, wenn  der angestrebte Geltungsanspruch nicht aus eigenen Kräften erreichbar ist. Diese Gefühlslage ist dann der Ausgangspunkt für ein kompensatorisches Streben, da sich im Minderwertigkeitsgefühl ein den Selbstwert verneinendes Empfinden manifestiert.[4] Dies wird als eine existentielle Gefahr empfunden, weil der eigene Selbstwert und dessen Anerkennung existentiell notwendig sind.

Und je höher das angestrebte fiktive Ich- und Wir-Ideal angesichts der Verfügbarkeit der Machtchancen ist, desto destruktiver das kompensatorische Streben. Denn je stärker ihr Spannungsbogen ist – d.h. je größer der Differenz zwischen Minderwertigkeitsgefühl und Geltungsstreben ist – desto egozentrischer und emotional engagierter das Verhalten und Erleben der Menschen.  Damit einher geht eine Verringerung der der Reichweite der Identifikation der Menschen mit Menschen und des Mitgefühls mit ihnen.

Worin die Überwindung dieser negativen Ausgangslage gesehen und mit welchen Mitteln sie angestrebt wird, ergibt sich nicht nur aus der individuellen Situation der Menschen als Einzelne und Gruppen. Hier kann sich auch der Nachhinkeffekt des sozialen Habitus manifestieren: Die früher eingeübte Art und Weise, in der die Menschen als Einzelne und Gruppen auf das Minderwertigkeitsgefühl geantwortet haben, verfestigt sich in ihrem Lebensplan. Während aber die individuell fixierte Prestigepolitik vorsprachlich ist, wird das zugrunde liegende gruppenspezifische Muster zumeist sprachlich tradiert. Diese als Geschichte gefeierten Überlieferungen werden wiederum individualisiert rezipiert.

Wenn man daher begreift, dass die Sprache die Welt ist, wie Menschen sie erfahren, wird die Bedeutung der sozialen Vererbung der Verhaltens- und Erlebensmuster und entsprechender Regulationsprinzipien durch die Sprachvermittlung verständlich.

Die virulente Gewaltbereitschaft und die unbarmherzig gewalttätigen, blutrünstigen Kommunikationsmittel der Islamisten, als Ausdruck eines De-Zivilisierungsschubes, deuten auf diese Überlieferung der Erfahrungen der anfänglich kriegerisch geführten Expansion der Herrschaft Mohammads und seiner Nachfolger hin. Sie werden aber, je nach dem Zivilisierungsgrad der Muslime, unterschiedlich rezipiert. Die Islamistische Rezeption reduziert sich, entsprechend ihres   niedrigeren Grades der Trieb- und Affektkontrolle, auf Zivilisationsstandards der beduinischen Stämme vor 14 Jahrhunderten, wenn sie ihre blutigen Taten subjektiv rechtfertigen wollen. Diese sind ihre stets allgegenwärtigen Vorbilder. Deswegen darf man sie nicht danach beurteilen, was sie sagen sondern danach, was sie tun und wozu sie das tun, was sie tun. Denn das, was sie sagen, sind lediglich subjektive Rechtfertigungen ihrer barbarischen Taten für sich und die Ausbeutung der Glaubensaxiome und Werthaltungen der Muslime, welche deren Hautopfer sind. Wie sollen sie denn sonst ihren barbarisch gewaltsamen Versuch der Befriedigung ihrer unersättlichen Geltungssucht mit allen Mitteln, subjektiv rechtfertigen, während sie aus ihrer Unsicherheit und ihrem Minderwertigkeitsgefühl heraus unaufhörlich nach einer „göttlichen Herrschaft“ über ihre Mitmenschen zu gelangen streben. Diese eigene Vergöttlichung und ihre angestrebte „göttliche Herrschaft“ sollen sich ja in einem „Islamischen Staat“ manifestieren, der einer subjektiven Rechtfertigung bedarf; dabei bleiben ihnen selbst ihre eigenen wahren Motive verkannt und unbewusst.

Aber gerade was diese subjektive Rechtfertigung und als Gegenpart auch die Islamophobie ermöglicht, ist die Identifizierung des Islamismus mit dem zustandsreduzierten Vorstellungsgebilde „Islam“, welches jedoch nur als ein Wandlungskontinuum erschlossen werden kann[5]. Denn die Subsumierung der lückenlosen Wandlungszusammenhänge von Ereignissen über Jahrhunderte unter den Begriff „Islam“ als einer „symbolischen Fiktion“ führt zu seiner Hypostasierung, als ob es diesen unabhängig von den Muslimen und ihren unterschiedlichen Lesarten geben würde. Diese Vergegenständlichung eines Vorstellungsgebildes des „Islam“ unabhängig von den islamisch geprägten Menschen vollzieht sich in der Regel durch die fiktiven Abstraktionen in der  Sprache: indem man aus bequemen Abstraktionen Wirklichkeiten macht, „als ob sie etwas Besonderes, selbständig Existierendes wären ohne die Objekte, an denen wir sie faktisch finden.“[6] Somit werden die über Jahrhunderte überlieferten Glaubensaxiome und Werthaltungen der Muslime mit unterschiedlicher Lesart, die sich in verschiedenen islamisch geprägten Territorialstaaten manifestierten, auf einen Zustandsbegriff „Islam“  reduziert.

Obwohl Fiktionen als Vorstellungsgebilde Produkte der Einbildungskraft sind, können sie als Substitutionen im weiteren Sinne betrachtet werden, indem an die Stelle der Wirklichkeit irgendetwas Unwirkliches gesetzt wird. Problematisch wird es, wenn man diese symbolischen Repräsentanten der Wirklichkeit mit der Wirklichkeit verwechselt; einer Wirklichkeit, die „an sich“ nicht erkennbar ist, sondern nur eine erfahrene Wirklichkeit ist. Von daher ist die Sprache die Welt, wie Menschen sie erfahren. Vor allem im Alltagsleben, in dem Menschen nicht danach fragen, was Dinge „an sich“ bedeuten, sondern was sie „für mich“ bedeuten. In diesem Zusammenhang also wird danach gefragt, welche selbstwertrelevante Bedeutung sie „für mich“ haben: erhöhen oder erniedrigen sie meinen Wert. Mit dieser egozentrischen Brille, durch die die Welt angeschaut wird, wird allerdings eine selbstwertrelevant gerichtete Aufmerksamkeit bedingt; denn „man muss eine gerichtete Bereitschaft zum Sehen besitzen“[7], um sehen zu können.

In einem selbstwertrelevanten Apperzeptionsschema[8] der egozentrischen Menschen als Einzelne und Gruppen, die mit einer egozentrisch „tendenziösen Brille“ alle Eindrücke als „grundsätzlich“ und polargegensätzlich im Sinne von „Oben-Unten“, „Sieger-Besiegter, „Männlich-Weiblich“, „Mächtig-Ohnmächtig“, „Nichts-Alles“ usw. bewertet, liegt die Bedingung der Möglichkeit des Islamismus genauso wie der Islamophobie als ideologisch unterschiedlich gefärbte egozentrische  Schema des Selbstwertes. Dabei wird Oben als Wertvoll bzw. Vollwertig und Unten als Minderwertig empfunden. Mittels diesem egozentrischen Apperzeptionsschema, mit dem man den Abstand der Wirklichkeit von einem tendenziös verstärkten Ideal misst, kann man immer Menschen als Einzelne und Gruppen, gemessen an diesem Ideal, verdammend beliebig entwerten.[9]

Dieses Schema des Selbstwertes  führt zur „Islamophobie“, weil sie mit einer „Pars-pro-toto“-Verzerrung der Realität einhergeht. Dabei werden die besten Charaktereigenschaften der Minderheit der eigenen Gruppe für die „Wir-Gruppe“ verallgemeinert und der De-Zivilisierungsschub einer Minderheit der Muslime als Zivilisationsstandard „der Muslime“ generalisiert. Damit kann die eigene selbstwertrelevante feindliche Haltung ihnen gegenüber subjektiv legitimiert werden.

In dieser feindseligen Haltung den Muslimen gegenüber und ihrer Entwertung und Marginalisierung manifestiert sich ebenfalls einer der Aspekte der De-Zivilisierung: die Verengung der Reichweite des Vermögens der Identifizierung der Menschen mit Menschen relativ unabhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit.

Die Islamophobie als eine Entwertungstendenz ist also eine, durch das selbstwertrelevante fiktive Ziel der Überlegenheit angetriebene, feindliche Haltung neurotischer Europäer, deren ganzes Wollen, Denken, Fühlen und Handeln durch ihr Minderwertigkeitsgefühl angestachelt ist. Sie sind geprägt durch eine durch den Kolonialismus überlieferte neurotische Kultur der Überlegenheit. Denn sie schauen zwar mit den eigenen Augen, sie sehen aber mit den Augen des Kollektivs.[10] Ihre nachhinkenden Glaubensaxiome und Werthaltungen sind neurotisch, weil „das neurotische und psychotische Seelenleben als das Haften an der »leitenden Fiktion« im Gegensatz zum Gesunden (…)“[11] zu begreifen ist. Fiktiv ist ihr starres „Ideales Leitbild“ der Überlegenheit als Orientierungsmittel, weil es nicht nur der Wirklichkeit widerspricht, sondern auch in sich widerspruchsvoll ist.[12] Diese Widersprüche bleiben ebenfalls unverstanden durch ihre tendenziöse Erinnerung und Aufmerksamkeit, die eine „Pars-Pro-toto“-Verzerrung der Realität ermöglichen. Auf diese Weise wird der Entzug des Mitgefühls für die Muslime emotional verträglich gemacht und die Einengung der eigenen Reichweite des Vermögens der Identifizierung mit Menschen relativ unabhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit im Sinne eines De-Zivilisierungsschubes stolz nach außen demonstriert.

Mit diesem tendenziösen Apperzeptionsschema wird „der Islam“ sowohl gleichgesetzt mit Islamismus als einer gewalttätigen demonstrativen Hervorhebung der als eigen definierten Werte der „Rechtgläubigen“, die mit der „Scharia“ – als Inbegriff des „Islams“ im Sinne der überlieferten göttlichen Regulationsprinzipen der gesellschaftlichen Beziehungen – zur Herstellung der „paradiesischen Glückszustände auf Erden“ streben. Indem dem Islamismus als einer chiliastisch geprägten nativistischen Bewegung[13] zugleich der eigene Chauvinismus gegenübergestellt wird, wird zu einem Teufelskreis der Feindseligkeit beigetragen, womit die gewalttätigen Islamisten weitere Anhänger rekrutieren können.

Förderung der Gleichwertigkeit als notwendige Präventionsmaßnahme gegen Islamismus und Islamophobie

Nur durch die Anerkennung der Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Migranten als Einzelne und Gruppen fühlt sich der potentielle Islamist dazugehörig und findet produktiv seinen Platz in der Gesellschaft, wo er als Staats- und Wirtschaftsbürger respektvoll behandelt wird. Auf diese Weise ist er in der Lage aus den erinnerten „Wir-Bezügen“ herauszuwachsen und seine Verschmelzungsphantasien von einem „Ur-Wir“ zu überwinden und als ein, mehr oder weniger emanzipiertes, Individuum in eine entwickeltere „Wir-haftigkeit“ – als „Wirtschaftsbürger“, „Staatsbürger“ und im Zeitalter der Globalisierung als „Weltbürger“ – hineinzuwachsen.  

Ohne eine emotionale Entbindung im Sinne der „Ausreifung“ aus den früheren Integrationseinheiten, die bisher die überlagerten Schichten seines sozialen Habitus geprägt haben, wäre keine produktive Integration im Sinne der „Einreifung des Charakters“ möglich. Diese „Formung des Charakters“ bedarf es allerdings einiger Generationen. Diese Transformationen der Grundeinstellungen bzw. des sozialen Habitus ist aber scheinbar bei vielen islamisch geprägten Jugendlichen versagt geblieben, die nun als Außenseiter durch den IS rekrutiert werden können. Diese Rekrutierung vollzieht sich durch die Aktivierung ihres nativistisch geprägten Chiliasmus, ihrer Aufbruchsbereitschaft zur Herstellung der „paradiesischen Glücksumstände auf Erden“. Damit wird unbewusst, die Aufhebung der Spannung angestrebt, die sich aus der erheblichen Abstand ihres wirklichen Selbstwertgefühls und ihres Geltungsanspruches ergibt und mit einem überwältigenden Gefühl der Minderwertigkeit verbunden ist.

Der IS repräsentiert in diesem Sinne eine Art „Scheingemeinschaft“, ein Art „Ur-Wir“, welches auf einer Verschmelzungsphantasie der „Wir-brüchigen“ basiert und auf das frühkindliche Erlebnis der Dyade bzw. „symbiotische Einheit“ zurückzuführen ist. Ihr Nativismus drückt sich aus in der demonstrativen Hervorhebung des auf die Scharia reduzierten „Islam“ als eigen definierter Werte, die als normative Struktur des „Islamischen Staates“ wiederbelebt werden sollen (Revivalismus). 

Würden die emotionalen Entbindungen der Migranten nicht gefördert und die Chance neuer beruflicher und affektiver Bindungen durch ihre Ermutigung verweigert – indem man ihnen das Gefühl der Selbstachtung und Leistungsfähigkeit vorenthält – entstehen die entmutigten Islamisten. Diese Transformation der islamisch geprägten Menschen in gewaltbereite Islamisten ist dann die Folge einer Umfinalisierung der versagenden Menschen, bei denen sich die Balance zwischen ihrer Kooperations- und Konfliktsbereitschaft zugunsten der letzteren verschiebt. Dies geht aber einher mit der Verschiebung der Balance zwischen ihren überlagerten Schichten des sozialen Habitus zugunsten älterer Schichten. Vor allem zugunsten der vorsprachlichen und unbewussten Ebene, welche dann dominierend handlungssteuernd wirken. 

Wenn sie ihre bisherigen Ziele, dazu zu gehören und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, nicht durch nützliche Mitarbeit erreichen können; wenn sie sich nicht dazugehörig fühlen und sich ihres Wertes nicht sicher sind, finden sie andere Ziele; Ziele, die ihnen größere Möglichkeiten zu bieten scheinen, sich wichtig und bedeutend zu empfinden. Mit der Erlebnis des Versagens und dem sich daraus ergebenden Abwehrprozess der Regression, die zu einer mehr oder weniger starken Infantilisierung führt, bemächtigen sie sich vor allem „Ziele des störenden oder versagenden Kindes“.[14] Jeder dieser Ziele stellt aber ihre Überzeugung dar, unter welchen Umständen sie sich wichtig, bedeutend und dazugehörig fühlen können.

Das erste Ziel ist in der Regel, sich um jeden Preis Beachtung zu verschaffen, weil sie ihr Gefühl der Zusammengehörigkeit von der Beachtung der anderen abhängig machen. Wenn aber die positive Methoden versagen, versuchen sie mit störenden Mitteln die ersehnte Beachtung herbeizurufen.

Wenn der dadurch entstandene Machtkampf mit den Etablierten verstärkt wird, dann versuchen sie ihren Platz in der Gesellschaft durch verschiedene Formen der Machtkämpfe zu gewinnen.

Wenn die Machtkämpfe zu brutalen und gewalttätigen Reaktionen der Etablierten zu ihrer Unterdrückung führen, dann können sie versuchen, andere so zu verletzen, wie sie sich von ihnen verletzt fühlen: Rache ist dann das dritte Ziel, das einzige Mittel, bei dem sie sich zur Geltung bringen können. Deswegen kann der blutrünstige Islamist, der vor laufender Kamera unschuldige Menschen enthauptete, in einem Interview behaupten, erst hier habe er den Sinn seines Lebens gefunden.

Der Islamismus ist deswegen der destruktive Ausdruck des Versagens der islamisch geprägten Menschen, ihren Platz produktiv in der Gesellschaft zu finden. Die bisher bekannt gewordenen Informationen über die rekrutierten Islamisten aus Europa demonstrieren exemplarisch, wie die Verweigerung der Produktivität zur Destruktivität führt.

Allerdings bleiben noch mehr entmutigte Muslime, die jeden Versuch der Beitragsleistung und Anteilnahme aufgeben, da sie keine guten Ergebnisse ihres Bemühens erwarten. Ihre  Passivität und Lethargie manifestiert sich deswegen in ihrem „chiliastischen Quietismus“ in Gestalt der „friedlichen“ Muslime, die ihren „paradiesischen Glückszustand“ nicht unbedingt auf der Erde suchen.

Um aber ihre schlummernde „Aufbruchsbereitschaft zur Herstellung der paradiesischen Zustände“ nicht zu aktivieren, muss eine Deeskalation der gegenseitigen Feindseligkeit und der sie begleitenden Gewaltakte angestrebt werden.

Die Deeskalation hat nur eine Chance, wenn wenigstens die eher distanziertere Seite des Konfliktes in Europa das zunehmende emotionale Engagement bremst. Denn jedes weitere Gefühl der Bedrohung (des Selbstwertes) steigert das emotionale Engagement und führt zu weiterer Eskalation der Gewalt und Gewaltbereitschaft.

In diesem Sinne haben alle Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft sich ihrer Verantwortungsethik bewusst zu werden und sie als einer der Aspekte der Zivilisierung des Verhaltens und Erlebens zu pflegen. Damit soll die Balance zwischen Kooperation und Konflikt zugunsten der ersteren verschoben werden, durch Herstellung und Erweiterung des Mitgefühls mit Mitmenschen relativ unabhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit. Hinzu kommen die allseitige Förderung der beruflichen und staatlichen Bindungen der Menschen als Voraussetzung der Bildung der verantwortungsbewussten „Wirtschaftsbürger“ und „Staatsbürger“ als unverzichtbare Integrationsmaßnahmen. Außerdem ist die Förderung der Identität dieser Bürger als „Weltbürger“, angesichts der zunehmenden Globalisierung zu unabdingbarer Notwendigkeit geworden. Dies wäre aber ohne Förderung des Ethos der Menschenrechte und einer praktischen Verteidigung derselben undenkbar. Vor allem muss mit einem praktischen Diskriminierungsverbot zur Förderung der „Logik des menschlichen Zusammenlebens“ beigetragen werden. Nur mit dieser aktiven Humanisierung der Gesellschaft, in der jeder seinen Nebenmenschen als Gleichwertig anzusehen und mit Respekt zu behandeln lernt, wird sich die Balance zwischen Kooperation und Konflikt zugunsten zunehmender Kooperationsbereitschaft verschieben können.

Hannover, 22.10.2015

P.S.: Für weitere Beiträge über Islamismus und Demokratisierungsprobleme in islamisch geprägten Gesellschaften verweise ich auf meine Webseite: gholamasad.jimdo.com


[1] Vgl. Norbert Elias, Zivilisation, in: Bernhard Schäfers (Hrsg.), Grundbegriffe der Soziologie, Opladen 1986, S. 382ff.

[2] ibid.

[3] Vgl.  Alfred Adler, Praxis und Theorie der Individualpsychologie, München 1930/ Köln 2012, S. 14

[4] Vgl. Henry Jacoby, Alfred Adlers Individualpsychologie und dialektische Charakterkunde, Ffm., 1983, S.48

[5] So wie bei Juristen ein Einzelfall unter einen „Allgemeinbegriff“ subsumiert wird, dem er eigentlich nicht angehört wie z.B.  Mord, Diebstahl als  „analogische Begriffe“ bzw. „symbolische Fiktionen“ (vgl. Hans Vaihinger, die Philosophie des Als Ob, Volksausgabe, 1924/2014, S. 32). Somit sind die Kategorien wie Dogmen analogische Fiktionen:  Nach Analogie menschlicher, subjektiver Verhältnisse wird das Wirkliche gedacht. (Ibid., S. 28)

[6] Hans Vaihinger, ibid., S. 205

[7] Ludwig Fleck, Erfahrung und Tatsache, Ffm. 1983, S. 154.

[8] Apperzeption bedeutet, im Unterschied zur Perzeption, die klare und bewusste Aufnahme des jeweiligen Inhalts eines Erlebnisses, einer Wahrnehmung oder eines Denkens.

[9] Vgl. Alfred Adler, Praxis und Theorie der Individualpsychologie, München 1930/ Köln 2012, S. 153

[10] „Wir schauen mit den eigenen Augen, wir sehen mit den Augen des Kollektivs. ( Ludwig Fleck, a.a.O, S. 154)

[11] Alfred Adler, a.a.O, S. 117

[12]  „Als eigentliche Fiktionen im strengen Sinne des Wortes stellen sich Vorstellungsgebilden dar, welche nicht nur der Wirklichkeit widersprechen, sondern auch in sich selbst widerspruchsvoll sind.“ (Hans Vaihinger, die Philosophie des Als Ob, Volksausgabe, 1924/2014, S. 15

[13] Vgl. Dawud Gholamasad, Zur Sozio- und Psychogenese der Selbstmordattentate der Islamisten, unter: http://gholamasad.jimdo.com  Und ders., Iran – Die Entstehung der „Islamischen Revolution“, Hamburg 1985, S. 461ff.

[14] Vergl. Rudolf Dreikurs, Grundbegriffe der Individualpsychologie,  Stuttgart, 19906,   S. 73f. & 99f.

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news-950 Mon, 19 Oct 2015 23:20:34 +0200 Menschenrechtsbeauftragter zum Gesundheitszustand von Mohammad Ali Taheri http://mehriran.de/artikel/menschenrechtsbeauftragter-zum-gesundheitszustand-von-mohammad-ali-taheri.html Pressemitteilung des Auswärtigen Amts vom 19.10.2015: Anlässlich aktueller Meldungen über den kritischen Gesundheitszustand des zum Tode verurteilten Iraners Mohammad Ali Taheri erklärte der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt, Christoph Strässer, heute (19.10.): "Ich bin äußerst besorgt über den sich stetig verschlechternden Gesundheitszustand von Mohammad Ali Taheri, der sich aus Protest gegen sein Todesurteil seit mehr als 60 Tagen im Hungerstreik befindet.
Seine Verurteilung erfolgte offenbar lediglich aufgrund seiner Weltanschauung und seiner religiösen Lehren. Sie stellt damit eine eklatante Missachtung des Menschenrechts auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit dar, zu dessen Achtung und Schutz sich Iran völkerrechtlich verpflichtet hat.
Ich fordere Iran auf, das Todesurteil gegen Mohammad Ali Taheri umgehend aufzuheben und ihm bis zu seiner Freilassung uneingeschränkten Zugang zu seiner Familie, seinen Anwälten und zu umfassender medizinischer Versorgung zu gewähren."

Hintergrund:

Mohammad Ali Taheri, Gründer der spirituellen Bildungs- und Kultureinrichtung „Erfan-e-Halgheh“ („Mystik des Ringes“), wurde im Mai 2011 festgenommen und im Oktober 2011 wegen „Beleidigung der islamischen Heiligkeit“ zunächst zu fünf Jahren Haft, 74 Peitschenhieben und einer Geldstrafe verurteilt. In einem erneuten Verfahren wurde er im August 2015 zum Tode verurteilt.

Das Verfahren weist nach Berichten von Menschenrechtsorganisationen zahlreiche Mängel auf; u.a. werde Taheri der Kontakt zu seinen Anwälten verwehrt. Der aktuelle Verfahrensstand ist unbekannt. Seit seiner Verhaftung soll er sich ununterbrochen in Einzelhaft im Teheraner Evin-Gefängnis befinden. Am 13.08.2015 ist Mohammad Ali Taheri aus Protest gegen die Verurteilung und gegen fehlenden Zugang zu seinen Rechtsbeiständen zum wiederholten Mal in Hungerstreik getreten.

Original: http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Infoservice/Presse/Meldungen/2015/151019-RHH_Al_Taheri.html

Weitere Informationen zum Fall auf mehriran.de: http://mehriran.de/artikel/der-fall-taheri-und-die-unwuerdigen-spiele-des-regimes-im-iran.html

und bei Amnesty International: https://www.amnesty.org/en/documents/mde13/2245/2015/en/

Urgent action: http://ua.amnesty.ch/urgent-actions/2014/08/212-14/212-14-2

 

 

 

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news-949 Fri, 16 Oct 2015 15:24:00 +0200 Bitte setzen Sie sich für die die Freilassung der politischen Gefangen im Iran ein! Appell an Frank-Walter Steinmeier http://mehriran.de/artikel/bitte-setzen-sie-sich-fuer-die-die-freilassung-der-politischen-gefangen-im-iran-ein-appell-an-frank-walter-steinmeier.html mehriran.de - Brief von Tilman Zülch, Generalsekretär der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) an Aussenminister Steinmeier vor seiner Reise in den Iran. An den Bundesminister des Auswärtigen 
Herrn Frank-Walter Steinmeier 
Auswärtiges Amt
11013 Berlin 
  
                                                                              Göttingen, den 16. Oktober 2015 
  
Bitte setzen Sie sich für die die Freilassung der politischen Gefangen im Iran ein! 
  
Sehr geehrter Herr Minister, 
  
im Namen unserer Menschenrechtsorganisation sowie im Namen von vielen in Deutsch­land lebenden Iranern bitte ich Sie, sich bei Ihrem Besuch am Samstag im Iran für die Freilassung von Gewissensgefangenen einzusetzen. Als Außenminister eines der wich­tigsten EU-Länder sollten Sie jede bietende Gelegenheit nutzen, um sich für die aus reli­giösen Gründen inhaftierten Bahá’i und alle anderen politischen Gefangenen wie den gewaltlosen kurdischen Menschenrechtler Mohammad Sadiq Kabudvand zu engagieren. 
  
Bitte sprechen Sie auch das Schicksal des gewaltlosten iranischen Gefangenen Moham­mad Ali Taheri und des Gefangenen Omid Kokabee an. Kokabee gehört der turkmeni­schen Minderheit an und ist seit 2011 inhaftiert. Ali Taheri trat vor 66 Tagen in den Hun­gerstreik. Die Gewissensgefangenen haben in den iranischen Haftanstalten Unsägliches auszustehen. Bitte helfen Sie ihnen, ihre Freiheit wiederzuerlangen! 
  
Die sieben Mitglieder des ehemaligen informellen Führungsgremiums der iranischen Baha’i-Glaubensgemeinschaft Frau Mahvash Sabet, Frau Fariba Kamalabadi, Herr Jamaloddin Khanjani, Herr Afif Naeimi, Herr Saeid Rezaie, Herr Behrouz Tavakkoli und Herr Vahid Tizfahm sind seit dem 14. Mai 2008 in Gefangenschaft. Die beiden Frauen und fünf Männer wurden nur aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit zu 20 Jahren Haft verur­teilt. Die rund 300.000 Bahá’í stellen im Iran die größte nichtislamische Minderheit, sind jedoch praktisch rechtlos. Ihre Religion hat ihre Wurzeln im Iran. Sie ist eine unabhängige Offenbarungsreligion mit derzeit etwa sieben Millionen Angehörigen weltweit. 
  
Wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, dass sich seit Amtsantritt von Präsident Hassan Rohani vor zwei Jahren nichts für die unterdrückten und diskriminierten Minder­heiten im Iran verbessert hat. Es ist jetzt dringend an der Zeit, dass Rohani seine Wahl­versprechen einlöst und endlich ein Zeichen setzt: Die politischen Gefangenen müssen umgehend freigelassen werden! 
  
Im Vielvölkerstaat Iran sind die Volksgruppen der Aseri, Kurden, Araber, Belutschen, Tur­kmenen, Assyrer sowie andere kleinere ethnische Minderheiten nicht als eigenständige Völker mit eigener Sprache und Kultur anerkannt. Sie alle leiden unter Unterdrückung und Diskriminierung. Gruppen und Individuen mit von der Staatsreligion abweichenden Weltanschauungen wie Bahá’í, Sufi-Derwische, Sunniten und sogenannte Neue Christen werden immer wieder willkürlich beschuldigt, Spione ausländischer Mächte zu sein und kurzerhand zu Staatsfeinden erklärt. Ein iranisches Gesetz sieht die Todesstrafe für sol­che Vergehen vor. Es ist nicht zu erwarten, dass Gerichte ein unabhängiges Urteil fällen. Doch internationale Aufmerksamkeit kann aggressiveres Vorgehen gegen diese Gruppen verhindern. 
  
Mit freundlichen Grüßen 
Tilman Zülch, Generalsekretär der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV)

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news-948 Fri, 16 Oct 2015 15:11:00 +0200 Der Fall Tâheri und die unwürdigen Spiele des Regimes im Iran http://mehriran.de/artikel/der-fall-taheri-und-die-unwuerdigen-spiele-des-regimes-im-iran.html mehriran.de - Im Iran herrschen im Hintergrund die Revolutionswächter und wollen jeden loswerden, der eigenständig denkt und es zu einer gewissen Berühmtheit bringt. Ein alternativer Heiler hat viele Anhänger gewonnen, jetzt läuft er Gefahr sein Leben zu verlieren. mehriran.de - Dr. Mohammad Ali Tâheri sitzt seit 5 Jahren im Gefängnis. Er hat mehrmals gegen seine Inhaftierung durch mehrere Hungerstreiks protestiert. Seit August 2015 ist er wieder in einen Hungerstreik getreten, seither sind mehr als 60 Tage vergangen und er ist gewillt weiter zu machen, obwohl ihn aus dem In- und Ausland gut gemeinte Appelle erreichen, den Streik zu brechen. Sein Fall ist ein Beispiel für die skandalösen Machtstrukturen im Iran und macht deutlich wo die Strippenzieher hinter den Kulissen sitzen. 

Amnesty International setzt sich mit einer Urgent Action für sein Leben ein und schreibt dazu: 

www.amnesty.de/urgent-action/ua-212-2014-2/zum-tode-verurteilt

"Mohammad Ali Taheri ist im Zusammenhang mit seiner spirituellen Weltanschauung und Lehren wegen "Beförderung von Verdorbenheit auf Erden" zum Tode verurteilt worden. Er ist ein gewaltloser politischer Gefangener.

Gegen Mohammad Ali Taheri erging am 1. August ein Todesurteil wegen "Verbreitung von Verderbtheit auf Erden" (efsâd-e fel arz). Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe beziehen sich auf die Gründung der spirituellen Gruppe Erfân-e-Halgheh. Er musste sich zuvor in zwei Sitzungen am 11. März und am 29. April vor der Abteilung 26 des Teheraner Revolutionsgerichts verantworten. Bis zum 20. August hat er nun die Möglichkeit, Rechtsmittel gegen seine Verurteilung einzulegen.

Amnesty International vorliegenden Informationen zufolge basiert das Todesurteil gegen Mohammad Ali Tâheri auf denselben spirituellen Lehren und Praktiken, die auch schon im Oktober 2011 die Grundlage seiner Verurteilung in mehreren Anklagepunkte waren. Er war 2011 unter anderem wegen "Beleidigung islamischer Heiligkeiten" zu fünf Jahren Haft, 74 Hieben und einer Geldstrafe von neun Milliarden Rial (ungefähr 277.000 Euro) verurteilt worden. Seit seiner Inhaftierung im Mai 2011 befindet er sich in der den iranischen Revolutionsgarden unterstellten Abteilung 2A des Evin-Gefängnisses in Teheran in Einzelhaft. Amnesty International befürchtet, dass Mohammad Ali Tâheri wegen "Beförderung von Verdorbenheit auf Erden" zum Tode verurteilt worden ist, weil die Revolutionsgarden diesbezüglich Druck ausgeübt haben. Dies lässt Zweifel an der Unabhängigkeit und Unparteilichkeit des iranischen Justizsystems aufkommen."

Die ausgesprochenen Zweifel von Amnesty International an der Unabhängigkeit und Unparteilichkeit des iranischen Justizsystems sind vollkommen gerechtfertigt. Das lässt sich am Fall Tâheri sehr gut nachvollziehen. 

Es gibt innerhalb des Systems im Iran Institutionen, die vergleichbar mit Einrichtungen anderer Staaten sind. So gibt es eine angeblich unabhängige Justiz unter ihrem Leiter Sadegh Larijani, die tatsächlich unabhängig von der Regierung ist, in diesem Fall der Regierung unter Hassan Rouhani. Sie ist mit Diebstählen, Gewaltakten, Drogendelikten, Familiensachen und anderen Streitigkeiten befasst. Dazu gibt es Gerichte, die nur für Geistliche zuständig sind, Militärgerichte und Revolutionsgerichte, die eingeschaltet werden, wenn jemand verdächtigt wird dem revolutionären Staat Iran gefährlich zu werden. Alle diese Gerichte wiederum müssen sich Weisungen einer Geheimdienstinstitution der Pasdaran fügen, die "Zâbetin-e Qoveyieh Ghazâyieh" heisst (Befehlsgeber für die Gerichtsbarkeit). 

Weiterhin gibt es einige ideologisch arbeitende Institutionen (think tanks), welche die Aufgabe haben die Ideologie des Systems zu tragen, zu verteidigen, zu verbreiten und auf verschiedenen Ebenen durchzusetzen. Diese Institutionen gehören auch zum mächtigen Apparat der Revolutionsgarden (Pasdaran). Eine dieser Institutionen (Zentrum für Weltanschauungsfragen und Religionen, Feragh va Adyan) überwacht und prüft alle weltanschaulichen und religiösen Gruppen im Land und weltweit. Hier werden auch die Kader der Pasdaran ideologisch geschult.

Grundsätzlich organisiert dieses Zentrum Ausstellungen, in denen andere religiöse oder spirituelle Gruppen als Satanisten diffamiert oder als Staatsfeinde und fünfte Kolonne des Westens im Iran dargestellt werden. Junge Geistliche werden in Provinzstädte geschickt, um einfache Bürger gegen Baha'i, Sufi-Derwische oder andere Gruppen aufzuhetzen.

Gegen Mohammad Ali Tâheri ist dieses Zentrum nun vor fünf Jahren gerichtlich vorgegangen. Er wurde vor einem Revolutionsgericht angeklagt "Verderbtheit auf Erden" (efsâd-e fel arz) zu verbreiten und islamische Heiligkeiten beleidigt zu haben.

Herr Tâheri hätte sich gerne selbst vor Gericht verteidigt, was ihm nicht gewährt wurde. Er sollte seinen Standpunkt schriftlich einreichen. Die 200 Seiten, die er daraufhin als Verteidigungsschrift verfasste, wurde jedoch von Mitarbeitern des Zentrums für Weltanschauungsfragen und Religionen konfisziert und dem Gericht nicht vorgelegt. Stattdessen brachte das besagte Zentrum Rechtsgutachten dreier Ajatollahs aus Ghom vor Gericht ins Spiel und berief sich auf religiöses Recht anstatt auf gesetzliche Grundlagen. Auf Druck und Weisung der Pasdaran Abteilung  "Zâbetin-e Qoveyieh Ghazâyieh" verurteilte der zuständige Richter dann im August 2015 Herrn Tâheri zum Tode. 

Das Urteil wurde nicht gleich veröffentlicht. Hier sieht man sehr gut wie das Regime im Iran dann sein Spiel mit der öffentlichen Meinung sehr subtil und mehrstufig umsetzt. Der Richter informierte lediglich den inzwischen hinzugezogenen neuen Anwalt Tâheri's am Telefon darüber, dass ein Todesurteil gegen seinen Mandaten gefällt worden war. Der Anwalt, Alizadeh Tabatabei, der auch Mehdi Hashemi und Amir Helmati vor Gericht vertreten hat, veröffentlichte dann durch Interviews die Entscheidung des Gerichtes. Umgehend wurde die Entscheidung jedoch offiziell dementiert und erst eine Woche später in einer Pressekonferenz von Mohsen Ejei, dem Sprecher der Justiz, bestätigt. Anwalt Alizadeh Tabatabei reiste daraufhin nach Qom und suchte das Gespräch mit den drei Ajatollahs, die als Quelle des zu Grunde gelegten Rechtsgutachtens genannt worden waren und erfuhr, dass keiner von den dreien eine solche Fatwa erlassen hatten, geschweige denn, dass sie Herrn Tâheri und seinen Fall kannten, um in der Lage zu sein ein Rechtsgutachten zu seinem Tod zu erlassen. Dann legte er Berufung gegen das Todesurteil ein. Ejei bestätigte in einer weiteren Pressekonferenz daraufhin noch einmal das Todesurteil und den Eingang der Berufung und versprach den Fall an den Obersten Gerichtshof weiter zu leiten, der über das Todesurteil zu befinden habe. Seither sind zwei Monate vergangen und nichts ist passiert.

Mohammad Ali Tâheri ist entschlossen seinen Hungerstreik weiter zu führen. Es ist sein einziges Mittel sich gegen die Willkürjustiz zu wehren.

Im Iran und in europäischen Ländern organisieren Aktivisten Protestaktionen.

Menschenrechtsaktivisten aus Teheran, wie die Rechtsanwältin Nasrin Sotoudeh, der Journalist Mohammad Nourizadeh oder der ehemalige Teheraner Universitätsrektor Mohammad Maleki geben in Interviews mit DorrTV zu verstehen, dass die mächtigen Revolutionswächter im Iran die Popularität Tâheri's nicht mehr tolerieren wollten und ihn auf diesem Weg aus dem Weg schaffen wollen.

V. Beheshti, ein führendes Mitglied der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran, lebt in London. Er warnt davor, dass das Regime im Iran mit dem Fall Tâheri einen Präzedenzfall schaffen will, um später einfacher Anführer missliebiger Gruppen "gesetzlich" aus dem Leben zu befördern.

Helmut N. Gabel für mehriran.de

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news-947 Mon, 12 Oct 2015 22:42:00 +0200 Karawane der Freiheit in Hannover http://mehriran.de/artikel/karawane-der-freiheit-in-hannover.html mehriran.de - Am Montag, 12.10.2015 startete vor dem Opernhaus Hannovers eine Karawane mit Plakaten, Musikinstrumenten und einer klaren Forderungen nach Freiheit für alle Gewissensgefangenen im Iran. Über kurze Besuche im Rathaus, im Landtag und in der Marktkirche endete der Zug mit einer Schlusskundgebung am Platz der Weltausstellung. mehriran.de - Aktivisten von Karamat e.V., der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran, Erfân-e Halghe und Amnesty International zogen bei strahlendem Sonnenschein singend und skandierend durch die Innenstadt Hannovers, sammelten Unterschriften und verteilten Flyer, in denen die Menschenrechtssituation aktuell dargelegt wurde.

Im Iran herrscht auch nach dem Atomdeal mit den 5+1 Ländern eine Unrechtsjustiz. So wurde ein Mann, der alternative Heilmethoden entwickelt hat und viele Anhänger im Iran gefunden hat, der Gotteslästerei bezichtigt und zum Tode durch den Strang verurteilt, was eigentlich selbst im Iran gegen jedes recht und Gesetz verstößt. 
Die Aktivisten zogen durch die Stadt und baten um Unterstützung durch Unterschriften und Fotos auch im Rathaus, im Niedersächsischen Landtag und in der Marktkirche. 

Dr. Mohammad Ali Tâheri ist jetzt seit 70 Tagen im Hungerstreik. Er protestiert gegen das ungerechte und ideologisch getriebene Urteil gegen ihn. Verschiedene Organisationen versuchen weltweit durch verschiedene Aktionen auf sein Schicksal aufmerksam zu machen.

Im Iran solidarisieren sich immer mehr Menschen mit jenen, die seit Tagen vor dem Evin Gefängnis in Teheran für seine bedingungslose Freilassung protestieren.

Helmut N. Gabel für mehriran.de

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news-946 Fri, 09 Oct 2015 12:51:00 +0200 Hannover - Karawane für die Freiheit aller Gewissensgefangenen im Iran http://mehriran.de/artikel/hannover-karawane-fuer-die-freiheit-aller-gewissensgefangenen-im-iran.html mehriran.de - Am Montag, 12.10.2015 wird ab 12:10 eine Karawane von Aktivisten mit Musikinstrumenten vom Opernplatz zum Rathaus, zum Landtag und zur Marktkirche ziehen und um Unterstützung für die verfolgten Iranerinnen und Iraner und für die Freilassung aller Gewissensgefangenen bitten. Mehriran.de - Eine Mustra (musikalische Strassenaktion) wird am Montag, 12.10.2015 in Hannover d