Von der Revolution zum Putsch – 4. Teil

Sadhare Reflecting Iranian and islamic race culturalphoto with traditional clothing, beard, turban and headgear, in historical and cultural heritage context.

„Von der Revolution zum Putsch“ ist eine Serie von Artikeln, die in die Geschichte Irans einführt, aufzeigt, wie es dazu gekommen ist, dass ein islamisches Regime installiert wurde und welche Perspektiven für einen zukünftigen freien Iran greifbar sind.

Religiöse Bewegungen im Iran von der Verfassungsrevolution bis zum Regimewechsel 1979

Von der „schariakonformen Verfassung“ bis zum Einfluss an den Universitäten und der Entstehung des radikalen Islams

Die religiösen Strömungen im Iran durchliefen zwischen der Konstitutionellen Revolution von 1906 und dem Regimewechsel 1979 einen langen und spannungsreichen Weg. Einerseits versuchte ein Teil der Geistlichkeit mit dem Konzept der „schariakonformen Verfassung“ (Mashruteje Mashrua), die Politik an die religiösen Gesetze zu binden. Andererseits entwickelte sich innerhalb der Seminare (Hawza) eine neue radikale Strömung, die in enger Verbindung mit der intellektuellen Szene und den Universitäten stand und den Islam Schritt für Schritt in eine politische und staatliche Ideologie verwandelte. Dieser Prozess führte schliesslich 1979 zum Regimewechsel und zum endgültigen Sieg des radikalen Flügels über den traditionellen Flügel.

Von der schariakonformen Verfassung zum politischen Schweigen der religiösen Seminare in Qom

Die Wurzeln dieser Entwicklung liegen in der Konstitutionellen Revolution von 1906. Der Geistliche Scheich Fazlollah Nuri vertrat die Idee, dass eine Verfassung und weltliche Gesetze nur dann legitim seien, wenn sie unter der Aufsicht der Geistlichkeit stünden. Mit seiner Hinrichtung im Jahr 1909 vertiefte sich die Kluft zwischen den religiösen Kräften, die eine „schariakonforme Verfassung“ wollten, und den säkularen Befürwortern einer modernen Verfassung.

Nach dem Sturz der Qadscharen und dem Aufstieg der Pahlavi Dynastie gründete Ajatollah Abdulkarim Haeri Yazdi 1922 die theologische Hochschule von Qom (Hawza). Anders als viele Geistliche der Konstitutionellen Revolution entschied er sich für eine Politik des Schweigens und der Vorsicht gegenüber Reza Schah. Sein Ziel war es, die Unabhängigkeit der religiösen Bildungseinrichtung zu sichern. Diese Linie setzte später Ajatollah Borudscherdi fort. Auch er lehnte zwar viele Aspekte der westlichen Moderne ab, vermied aber direkte politische Konfrontation und baute Qom zum wichtigsten religiösen Zentrum des schiitischen Islam im 20. Jahrhundert aus.

Der traditionelle Flügel der Geistlichkeit konzentrierte sich somit auf die Bewahrung von Religion und Moral, während er sich von direkter Politik weitgehend fernhielt. Bis in die 1960er Jahre blieb er ein hemmender Faktor gegenüber radikalen religiösen Bewegungen.

Der radikale Flügel: Von den Fedajine Islam bis zu den Islamischen Studentenverbänden

Im Gegensatz dazu entstand ein radikaler Flügel. Ein erstes sichtbares Beispiel war die Gruppe Fedajine Islam unter Führung von Navvab Safavi. Diese Bewegung trat in den 1940er und 1950er Jahren mit dem Ziel auf, die Scharia vollständig umzusetzen, den „Verwestlichungswahn“ zu bekämpfen und politische Gegner durch Attentate auszuschalten. Während Borudscherdi und andere traditionelle Gelehrte diese Strömung ablehnten, zeigten jüngere Geistliche wie Ajatollah Kaschani und später auch Ajatollah Chomeini Sympathien.

Parallel dazu entwickelten sich die Universitäten zu einem neuen Zentrum des religiösen Aktivismus. Bis in die 1950er Jahre wurde die Studentenbewegung von der Tudeh Partei (kommunistisch) und der Nationalen Front dominiert. Nach dem Putsch von 1953 und der politischen Repression entstand jedoch Raum für neue Kräfte. Ab Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre bildeten sich die Islamischen Studentenverbände.

Religiöse Bewegungen im Iran von der Verfassungsrevolution bis zum Regimewechsel 1979: Mehdi Bazargan, Yadollah Sahabi, Ali Schariati

Unter dem Einfluss von Mehdi Bazargan, Yadollah Sahabi und später Ali Schariati versuchten diese Verbände, den Islam als Alternative zu linker oder nationalistischer Ideologie zu präsentieren. Besonders Ali Schariati spielte eine entscheidende Rolle: Mit seiner Lehre vom „sozialen, revolutionären und antikolonialen Islam“ begeisterte er die junge Studentengeneration. In den 1970er Jahren gewannen die religiösen Studenten so stark an Einfluss, dass sie die Linken und Nationalisten zunehmend verdrängten und den Islam als radikale Ideologie im akademischen Umfeld etablierten.

In dieser Phase begann eine enge Verbindung zwischen Studentenbewegung und radikalen Geistlichen. Studierende mobilisierten die Strasse, während Geistliche wie Chomeini und seine Schüler den ideologischen Rahmen lieferten. Gemeinsam bildeten sie das Rückgrat des Widerstands gegen die Pahlavi Herrschaft.

Die Haqqani Schule: Verbindung von religiösen Seminaren, Politik und Sicherheit

Das Zentrum des radikalen Flügels innerhalb der Hawza war die Haqqani Schule in Qom. Diese Schule wurde Ende der 1950er und in den 1960er Jahren von Personen wie Mohammad Beheshti und Ajatollah Qodsi gegründet. Anders als die traditionellen Madrasas bot sie ein modernes, strukturiertes Curriculum an. Neben islamischem Recht lernten die Studenten Fremdsprachen, moderne Sozialwissenschaften, Psychologie und Management. Ziel war es, eine neue Generation von Geistlichen hervorzubringen, die nicht nur predigen, sondern auch regieren konnten.

Die Haqqani Schule war de facto eine Kaderschmiede für den künftigen islamischen Staat. Nach 1979 besetzten viele ihrer Absolventen Schlüsselpositionen in Justiz, Revolutionsgerichten, Geheimdienst und Revolutionsgarden. Namen wie Beheshti, Bahonar, Mousavi Ardebili, Nayyeri, Fallahian und Ebrahim Raisi sind eng mit dieser Schule verbunden.

Damit wurde die Hawza von einem religiösen Bildungszentrum zu einem politischen und sicherheitspolitischen Machtfaktor transformiert.

Religiöse Bewegungen im Iran von der Verfassungsrevolution bis zum Regimewechsel 1979: Akademie des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation

Haqqani und die Sowjetunion: Ähnlichkeiten oder Einfluss?

Ein interessanter Diskussionspunkt ist die mögliche Ähnlichkeit zwischen der Haqqani Schule und den Ausbildungsmustern der Sowjetunion. In den Schulen der KPdSU oder in den KGB Akademien (z. B. der Dserschinski Akademie in Moskau) wurden Kader systematisch mit einer Mischung aus Ideologie, Disziplin und geheimdienstlichen Fähigkeiten ausgebildet. Auswahlverfahren, strenge Organisation, Loyalität zur Ideologie und langfristige Planung zur Infiltration staatlicher Institutionen waren dort zentrale Elemente.

Die Haqqani Schule wies viele Parallelen auf: strenge Auswahl der Studenten, Kombination von islamischem Recht mit modernen Wissenschaften, Disziplin und Ziel, Absolventen in Schlüsselpositionen der Macht zu platzieren.

Es gibt zwei Erklärungsansätze:

Erste These: Diese Ähnlichkeiten sind universell. Jeder ideologische Staat, ob islamisch oder kommunistisch, braucht eine Kaderschmiede, um loyale Führungskräfte hervorzubringen.

Zweite These: Es gab tatsächlich indirekte Einflüsse oder Anleihen aus dem sowjetischen Modell, vermittelt über linke islamische Gruppen in der Zeit des Kalten Krieges. Zwar existieren keine eindeutigen Beweise für eine direkte sowjetische Beteiligung, doch das spätere Vorgehen vieler Haqqani Absolventen in Justiz und Geheimdienst ähnelt auffällig den Methoden der Ostblockstaaten.

Unabhängig von der Ursache steht fest: Die Haqqani Schule war entscheidend für die Politisierung und Militarisierung der Geistlichkeit im Iran, und zwar in dem Maße, dass alle oder die meisten Schlüsselbeamten der islamischen Regierung des Iran aus dieser religiösen Schule hervorgegangen sind.

Einfluss des radikalen Flügels an den Universitäten

Besonders deutlich zeigte sich die Stärke des radikalen Flügels in den iranischen Universitäten. Dort kam es in den 1960er und 1970er Jahren zu einer echten Verschiebung: Während die Linken bis dahin das intellektuelle Milieu dominierten, eroberten die religiösen Studenten Schritt für Schritt die Diskurshoheit.

Die Islamischen Studentenverbände boten eine Plattform, auf der Religion mit modernen Konzepten wie soziale Gerechtigkeit, Antiimperialismus und politischer Aktivismus verbunden wurde. Ali Schariatis Vorlesungen verwandelten sich in Massenereignisse, die Studenten zu einem aktiven politischen Kampf ermutigten.

In den 1970er Jahren kam es zu einer taktischen Annäherung zwischen linken und religiösen Studenten. Beide Gruppen waren sich ideologisch uneins, aber sie hatten ein gemeinsames Ziel: den Sturz des Schahs und die Bekämpfung des Einflusses der USA und Israels. Diese Allianz verstärkte die Dynamik des Protests und trug massgeblich zur revolutionären Mobilisierung bei.

Nach dem Regierungswechsel, institutionalisierten sich diese Strukturen im „Büro zur Stärkung der Einheit“ (Daftare Tahkime Vahdat), das über Jahre hinweg die wichtigste Stimme der religiösen Studentenbewegung blieb und grossen Einfluss auf die Politik der Universitäten hatte.

Schlussfolgerungen

Die Geschichte der religiösen Strömungen im Iran zeigt einen klaren Wandel: vom Konservatismus der schariakonformen Verfassung Scheich Fazlollah Nuris über das politische Schweigen der religiösen Seminare in Qom bis hin zum radikalen Islam in Gestalt von Fedajine Islam, den Islamischen Studentenverbänden und der Haqqani Schule.

Der traditionelle Flügel der Geistlichkeit, verkörpert durch Haeri Yazdi und Borudscherdi, setzte auf Zurückhaltung, die Bewahrung der Religion und moralische Führung ohne direkte politische Macht. Der radikale Flügel dagegen verwandelte Religion in eine Ideologie, die politische Macht beanspruchte und schliesslich auch ergriff.

Universitäten spielten dabei eine Schlüsselrolle: Sie waren der Ort, an dem der radikale Flügel des Klerus die junge, emotionale und ahnungslose Generation erreichen und ansprechen konnte. Hier verschmolzen religiöse und soziale Forderungen, und hier bildete sich das Bündnis zwischen Studierenden und Klerus, das den Grundstein für den Regimewechsel von 1979 legte.

Somit war der Islamische Staat nicht nur ein Produkt der religiösen Seminare, sondern auch das Ergebnis des Einflusses des radikalen Islam an den Universitäten. Dieser Einfluss machte den Islam zur dominierenden politischen Sprache im Iran. In der Zwischenzeit gelang es der Haqqani-Schule, mit ihrer möglichen Verbindung zur Sowjetunion und später zu Russland, bis heute die Führung dieser Bewegung zu übernehmen.

©Afshin Sajedi für mehriran.de, 03.09.2025

Teil 1

Teil 2

Teil 3

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