Raketenstädte der Islamistischen Revolutionsgarden Irans sind über die letzten Jahre in zahlreichen Regionen wie Pilze aus dem Boden gesprossen. Seit gut vier Wochen werden sie bombardiert und Stück für Stück zerstört.
Die Revolutionsgarden (offizielle Bezeichnung Korps der Islamischen Revolutionsgarden, oft mit IRGC abgekürzt) sind eine breit aufgestellte militärisch-ökonomische Organisation, die hauptsächlich zwei Ziele verfolgen:
- Zuvorderst die Erhaltung und Verteidigung des Herrschaftssystems des Obersten Rechtsgelehrten (welajat-e faghi).
- Die Verbreitung der Ideologie und schrittweise Übernahme von Macht in der Region und schliesslich auf der ganzen Welt.

Die Organisation betreibt ein riesiges Wirtschaftsimperium, wobei sein Bauzweig, das Chatam al-Anbia Construction Headquarters, als eines der grössten Ingenieur- und Bauunternehmen des Iran fungiert. Zwar werden keine genauen, transparenten Umsatzzahlen veröffentlicht, doch belaufen sich die Geschäftsinteressen der IRGC, einschliesslich Bauwesen und Infrastruktur, auf Milliarden von Dollar, wobei einige Schätzungen darauf hindeuten, dass die Garden etwa 50 % der iranischen Wirtschaftsleistung kontrollieren.

Wichtige finanzielle Details zu den Bauaktivitäten und Einnahmen der IRGC:
- Grossaufträge: Chatam al-Anbia erhält regelmäßig gross angelegte Regierungsaufträge ohne Ausschreibung. Beispiele hierfür sind ein 1,3 Milliarden Dollar teures Gaspipeline-Projekt, Aufträge im Wert von mehreren Milliarden Dollar im South-Pars-Ölfeld sowie umfangreiche Infrastrukturprojekte wie Staudämme, Tunnel und Autobahnen. Und wie wir jetzt schliessen können: Raketenstädte.
- Projektschwellenwerte: Der Bauzweig der IRGC konzentriert sich traditionell ausschliesslich auf hochkarätige Projekte; Berichten zufolge würde er sich nicht um Projekte im Wert von unter 1 Billion Rial (etwa 1 Milliarde US-Dollar) bewerben (basierend auf einer Richtlinie aus dem Jahr 2010) und Projekte im Milliardenbereich priorisieren.
- Schuldenrückzahlung: Im Jahr 2025 ermächtigte das iranische Haushaltsgesetz Chatam al-Anbia und andere verbundene Einrichtungen, staatliche Vermögenswerte in Höhe von bis zu zwei Billiarden Rial (etwa 2 Milliarden US-Dollar) zu erhalten, um ausstehende Staatsschulden zu begleichen.
- Wirtschaftliche Reichweite: Über den Bausektor hinaus kontrolliert der wirtschaftliche Arm der IRGC, zu dem auch verbundene Bonjads (religiöse Stiftungen) gehören, Sektoren wie Telekommunikation, Öl und Gas sowie die Rüstungsindustrie.
- Illegale Einnahmen: Neben legitimen Bauaufträgen ist die IRGC in grossem Umfang in Schmuggelaktivitäten verwickelt; einigen Schätzungen zufolge erzielt der illegale Handel eine Gewinnspanne von 200–300 % und macht bis zu 12 Milliarden US-Dollar an jährlichen Einnahmen aus.
Was durch die anhaltenden Bombardements klar wird, ist, dass diese tief in die Berge hinein gebauten Raketenstädte nicht mit wenigen Schlägen zu zerstören sind. Jede Nacht sind jedoch zunehmend mehr Rauchwolken, Feuer und nachgelagerte, lang anhaltende Explosionen zu hören.

Folgende Raketenstädte wurden bisher angegriffen: Semnan, Karadsch, Bidganeh, Täbris, Lar, Buschehr, Chorramabad, Hadschiabad, Hormozgan, Isfahan, Yazd und weitere 17 Standorte im ganzen Iran.
Tod eines Umweltforschers
Dr. Kavous Seyed-Emami, Universitätsprofessor und eine der führenden Persönlichkeiten der Umweltbewegung, kam am 8. Februar 2018 im Evin-Gefängnis ums Leben, und sein Tod wurde als „Selbstmord“ eingestuft. Sein Team bei der „Persian Heritage Wildlife Foundation“ setzte Kamerafallen ein, um den asiatischen Geparden zu beobachten. Doch genau diese Kameras hielten unbeabsichtigt einen Teil der geheimen Projekte fest.

Sie dokumentierten versteckte militärische Infrastrukturen und Raketenstädte. Projekte, die tief in das Ökosystem des Iran eingreifen und es zerstören. Nach diesen Ereignissen wurde die Stiftung aufgelöst, Umweltaktivisten, darunter Niloufar Bajani, wurden verhaftet und gefoltert. Im selben Monat stürzte inmitten dieser angespannten Sicherheitslage der Flug 3704 ab; eine Gruppe Bürger und Umweltaktivisten sind ums Leben gekommen. Von Sefid Kuh (Weisser Berg, bei Kermanschah) bis zum Sagros und Elburs wurden Ökosysteme zerstört, Feuchtgebiete und Flüsse – vom Sayandeh Rud bis zum Urmiasee – wurden für die terroristischen Aktivitäten der IRGC ausgetrocknet.
Dezimierungen der Revolutionsgarden und politischer Funktionsträger
Die Zahl der getöteten Kommandeure der Revolutionsgarden und der Bassidschi nimmt jeden Tag zu. Es sollen inzwischen mehr als 3000 Mann sein. Daneben verlieren auch Mitglieder der Geheimdienste und andere Regime Verantwortlich ihr Leben. Neben hohen Offiziellen wie der Oberste Führer Ali Chamenei kamen auch Strategen wie Ali Schamchani und Ali Laridschani ums Leben. Vor wenigen Tagen traf es einen Mann, der eher aus dem Hintergrund agierte: Kamal Charrazi.
Kamal Charrazi – Diplomat und einer der Architekten des Regimes ist laut Berichten seinen schweren Verletzungen erlegen, die er bei einem Angriff auf eine Einrichtung der Revolutionsgarden neben seinem Wohnhaus erlitten hat. Auch seine Ehefrau starb bei dem Angriff.
Der 1944 geborene Charrazi gehörte nach der islamischen Revolution zu einer neuen Generation von Technokraten des Regimes. Er ist einer der Intellektuellen, die dabei mithalfen, die religiös gefärbte Sprache der revolutionären Ideologie in eine allgemein verständliche Sprache zu übersetzen. Er vermittelte eindeutige und prägnante Botschaften und hatte direkten Zugang zur iranischen und internationalen Öffentlichkeit.
Während des Iran-Irak-Krieges arbeitete er bei den Vereinten Nationen, verteidigte Teheran und kämpfte gegen die Isolation des Landes. Er trug dazu bei, den Iran nicht als Schurkenstaat, sondern als Staat unter Druck darzustellen. Diese Zeit festigte seine Glaubwürdigkeit als vertrauenswürdige Stimme der internationalen Gemeinschaft.
Unter Mohammad Chatami wurde Charrazi während der Ära des „Dialogs der Zivilisationen“ Aussenminister. Der Ton wurde gemässigter, das System jedoch nicht. Er trug dazu bei, Irans Image im Ausland zu verbessern und gleichzeitig dessen Kernpolitik zu bewahren.
Nach 2005 zog er sich in den Hintergrund zurück. Als Leiter des Strategischen Rates für Aussenbeziehungen und Berater von Ali Chamenei wurde er Teil des langfristigen politischen Motors des Regimes. Weniger sichtbar, aber einflussreicher.
Charrazi blieb in wichtige Entscheidungen eingebunden, prägte die nukleare Strategie während der Phase des Nuklear-Abkommens (JCPOA), unterstützte die regionale Expansion und positionierte sich angesichts des zunehmenden Drucks offener auf Seiten der Hardliner. Er mied die Öffentlichkeit, war aber stets dort präsent, wo die Strategie festgelegt wurde.
Kamal Charrazi ist nicht nur eine Persönlichkeit des Regimes, die Kontinuität dargestellt hat. Seine eigentliche Rolle liegt in den Verbindungen, die er in den Bereichen Diplomatie, Politik und bei den Revolutionsgarden gepflegt hat. Der jüngst bekanntere Diplomat und ehemalige Aussenminister Mohammad Dschawad Sarif vertritt dieselbe diplomatische Tradition. Beide waren im Rahmen des Systems der Vereinten Nationen tätig, wobei Charazi zu Beginn die führende Rolle innehatte. Dies war keine Rivalität, sondern Kontinuität.

Charrazi half beim Aufbau des Rahmens, den Sarif später während der Ära des Nuklear-Abkommens (JCPOA) nutzte. Unterschiedlicher Ton, gleiche Struktur. Selbst als Sarif Aussenminister war, blieb Charrazi in beratenden Funktionen tätig und prägte hinter den Kulissen die Richtung.
Im Zusammenhang mit Mohammad Bagher Ghalibaf, entsteht eine Verbindung der Diplomatie zum Sicherheitsstaat. Ghalibaf stammt aus dem Kommando der IRGC und der internen Macht. Charrazi aus der Aussenpolitik. Unterschiedliche Wege, dasselbe System unter Ali Chamenei. Als Ghalibaf in die politische Führung aufstieg, stellte Charrazis Rolle sicher, dass die aussenpolitische Kommunikation mit den Prioritäten der inneren Sicherheit im Einklang blieb. Keine öffentlichen Verbündeten, sondern Teil desselben koordinierten Netzwerks von Insidern.

Charrazi war nie beim Militär, doch seine Rolle hat sich stets mit der Strategie der Revolutionsgarden überschnitten. Insbesondere nach den 2000er Jahren trug er dazu bei, diplomatische Rahmenbedingungen für die vom IRGC in der gesamten Region vorangetriebenen Aktionen zu schaffen. Seine Überschneidungen mit Persönlichkeiten wie Ghassem Soleimani sind entscheidend. Soleimani setzte die Strategie vor Ort um.
Charrazi half dabei, zu gestalten, wie diese Aktionen international präsentiert, gerechtfertigt oder gehandhabt wurden. Nach der Ermordung von Ghassem Soleimani wurde diese Koordination noch enger. Charrazi agiert an der Schnittstelle aller drei Säulen: Diplomaten wie Sarif, Machtfiguren wie Ghalibaf, das militärische Kommando durch die IRGC. Er war nicht die lauteste Stimme. Aber er war eines der Verbindungsglieder, die das System im Gleichgewicht hielten. Darin lag seit jeher sein wahrer Einfluss. Jetzt fehlt dem Regime ein weiteres Glied.
Er verkörpert die Kontinuität von 1979 bis heute. Nur wenige Persönlichkeiten haben Revolution, Krieg, Diplomatie der Reformära, die folgende Konsolidierung und schliesslich den Beginn der Zerstörung des Regimes miterlebt. Er ist das institutionelle Gedächtnis und eine der professionellsten internationalen Schnittstellen des Regimes.
Sein Tod wird das Funktionieren des Regimes zunächst nicht gefährden. Aber die Tiefe seiner strategischen Beiträge werden fehlen. Möglicherweise ist die diplomatische Geschlossenheit geschwächt. Charrazi diente nicht nur dem System. Er hat mitgeprägt, wie es denkt, spricht und überlebt.
Noch ist das Regime nicht am Boden. Noch brennen Raketenlager, Fabriken, Abschussanlagen, Kasernen, militärische Infrastruktur. Was braucht es noch, um das Regime zu Fall zu bringen?



