Fatwas: Gefährliche Waffe ideologischer Systeme. Atomraketen und geheime Waffenarsenale sind tödlich und zerstörerisch. Doch in der modernen politisch-ideologischen Landschaft bekommen sie Konkurrenz von einem unscheinbaren Herrschaftsinstrument. Ein fremder, rätselhafter, aber todbringender Begriff: Fatwa. Was das ist und warum es ein gefährliches Werkzeug in den Händen machtbesessener Ideologen ist, beschreiben wir entlang von aktuellen und älteren Beispielen.
Fatwas sind als Teil der Ausformung des Islams zur Zeit des Propheten Muhammad entstanden. Es waren Antworten auf Fragen von Muslimen zu religiösen und sozialen Fragen. Heute gelten sie in der Regel als religiöse Rechtsgutachten und dienen der Orientierung für Gläubige.
Dieses Werkzeug wirkt harmlos und nichts sagend, doch in Gesellschaften, in denen Religion und politische Macht miteinander verflochten sind, kann eine Fatwa tödlicher als jede Rakete oder Bombe sein. Eine Fatwa mag wie eine blosse religiöse Meinung erscheinen, aber in der Praxis ist sie ein Instrument, um unter dem Deckmantel göttlicher Autorität, den Willen eines Einzelnen oder einer geschlossenen Interessengruppe über das Schicksal von Millionen zu stellen.
Fatwas werden als Instrument zur Legitimierung von Eigeninteressen eingesetzt. Ein einfaches Beispiel für eine flexible und willkürliche Handhabung und den opportunistischen Einsatz von Fatwas in der Islamischen Republik Iran ist das Rechtsgutachten zu Krokodilen. Ursprünglich war der Verzehr von Krokodilfleisch in allgemeinen religiösen Vorschriften als haram (verboten) erklärt worden. Als jedoch klar wurde, dass die globale Luxusmodeindustrie Krokodilhaut verwendet und die Krokodilzucht sehr profitabel sein kann, änderten sich die Fatwas schlagartig: Die Krokodilzucht war nun halal, und der Verzehr von Krokodilfleisch nicht mehr verboten.
Profit für die kontinuierliche Revolution im Namen Gottes
Eine profitable Intervention von Seiten staatlich-religiöser Würdenträger. Mit anderen Worten: Was für halal oder haram erklärt wird, wird nicht durch unveränderliche religiöse Grundsätze bestimmt, sondern durch wirtschaftliche und politische Interessen herrschender Geistlicher. Auch Ruhollah Chomeini, Gründer der Islamischen Republik, ist zu einem Symbol für Manipulationen von Fatwas zur Festigung seiner Macht geworden.
Chomeini verkörperte die Praxis, Fatwas im Streben nach Macht ständig zu ändern. Während seines Exils in Paris erklärte er öffentlich, dass er nach dem Sturz des Schahs nach Qom zurückkehren werde, um Theologie zu lehren. Nach seiner Ankunft im Iran brach er jedoch nicht nur dieses Versprechen, sondern ergriff auch die absolute Macht und erklärte später: „Diese Fatwa gehört der Vergangenheit an. Ich habe sie nun widerrufen.“ Zunächst hatte er Schach und Musik verboten. Im Laufe der Zeit und korrespondierend mit Bedürfnissen des Regimes revidierte er jedoch diese Positionen und erklärte sie für zulässig.
Dabei handelte es sich nicht um Änderungen in der Rechtswissenschaft, sondern schlichtweg um strategische Verschiebungen in der Machtkontrolle. Wäre eine Fatwa lediglich eine persönliche Meinung, wäre ihre Veränderung an sich nicht gefährlich. Das Risiko entsteht jedoch, wenn sie als offizielle Stimme der Religion verkündet und als göttlich bindend behandelt wird.
Die ständige Änderung von Fatwas bedeutet letztlich eine Veränderung der Grundlagen der Religion selbst, die allein auf persönlichen oder politischen Interessen der beteiligten Geistlichen beruht. In der Islamischen Republik ist eine Fatwa kein Ausdruck theologischer Einsichten. Sie dient dem Machterhalt und ist Teil des Herrschaftsmechanismus. Gemäss der Verfassung des Regimes gilt die Meinung des Obersten Führers Ali Chamenei als „Regierungsdekret”, das dem Willen Gottes gleichkommt.

Gewalt, getarnt als Sprache der Tugend
Der Koran warnt häufig davor, dass diejenigen, die andere täuschen wollen, sich in religiöse Gewänder hüllen. Die gefährlichsten Betrüger sind diejenigen, die im Namen Gottes die Menschen zwingen, sich ihrer persönlichen Autorität zu unterwerfen. Solange Religion mit Politik verflochten ist, bleiben Fatwas weitaus gefährlicher als Gewehre oder Bomben.
Denn im Namen Gottes kann man töten, vergewaltigen, unterdrücken und sich gleichzeitig als Verkünder von Gerechtigkeit und Moral präsentieren. Das ist die tödliche Dualität staatlicher Fatwas: Gewalt, getarnt als Sprache der Tugend. In Regimes, in denen Religion und Politik verschmolzen sind, wird eine Fatwa zu einer tödlichen Waffe. Sie dient nicht mehr dazu, menschliches Verhalten zu lenken oder moralische Klarheit zu fördern.
Stattdessen wird sie dazu benutzt, zu dominieren, auszubeuten und die Wahrheit zu verzerren. Keine Gesellschaft kann wirklich frei, gesund oder fortschrittlich sein, solange Fatwas als Instrumente der politischen Macht eingesetzt werden. Fatwas dürfen nicht reformiert werden, sie müssen aus allen Machtstrukturen entfernt werden, denn ihre Gefahr liegt in ihrem Wesen selbst: einer breiten Bevölkerungsschicht oder Nation den Willen eines sich als höherwertig wähnenden Menschen im Namen Gottes aufzuerlegen.
Regime, die Fatwas einsetzen, um persönliche und soziale Freiheiten einzuschränken und ihren Bürgern Angst einzuflößen, werden als takfiri-Systeme bezeichnet. Dazu gehören das derzeitige Regime im Iran, das Taliban-Regime in Afghanistan und das ehemalige IS-Regime in Syrien und im Irak.
Aktuelle Todes-Fatwas
Der Westen muss auf die neuen Fatwas aus der Islamischen Republik Iran reagieren. Einflussreiche Ajatollahs des Regimes sprechen in ihren religiösen Rechtsgutachten ernsthafte Drohungen aus, die sich als sehr wirkmächtig herausstellen könnten. Solche Todesfatwas sollten nicht ignoriert werden.
Eine ernsthafte Bedrohung geht von religiösen Rechtsgutachten aus, die jüngst von einflussreichen Ajatollahs des Regimes erlassen wurden.
Vor fast vier Jahrzehnten, im Jahr 1989, erliess Ajatollah Ruhollah Chomeini, Gründer der Islamischen Republik, eine Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie und beschuldigte ihn der Blasphemie. Dieses Ereignis rückte plötzlich in den Fokus der Weltöffentlichkeit, als im August 2022 ein Angreifer (Hadi Matar), der sich durch Chomeinis Fatwa legitimiert sah, wiederholt auf Rushdie einstach. Dieser Vorfall zeigt, dass Fatwas noch lange nach ihrem Erlassen wirksam sind. In diesen Erlassen werden Selbstmordattentate befürwortet, um ihre Ziele zu erreichen.
In den letzten Wochen haben prominente Ajatollahs neue Fatwas erlassen. Am 29. Juni 2025 erließ Ajatollah Nasser Makarem Schirasi, einer der ranghöchsten schiitischen Geistlichen im Iran, eine Fatwa, in der er Kritiker und Gegner des Obersten Führers Ali Chamenei als Mohareb – „Feinde Gottes“ – bezeichnete und sie damit zum Tode verurteilte. Am 1. Juli 2025 erliess ein weiterer prominenter Ajatollah, der dem Regime nahestehende Geistliche Hossein Nouri Hamedani, eine ähnliche Fatwa.
Todes-Fatwas von Hamedani und Schirasi
In der Fatwa von Ajatollah Makarem Schirasi heisst es ausdrücklich: „Jede Person oder jedes Regime, das die islamische Führung oder die klerikale Autorität bedroht oder gegen sie vorgeht, ist als Mohareb zu betrachten, und die Zusammenarbeit oder Unterstützung solcher Feinde durch Muslime ist streng verboten.“
In diesen religiösen Rechtsgutachten werden Selbstmordattentate befürwortet, um zum Ziel zu kommen. Am 3. Juli 2025 bestätigte der Freitagsprediger Ahmad Chatami, ein einflussreiches Mitglied der iranischen Expertenversammlung, die Fatwas und erklärte ausdrücklich, dass die Strafe für US-Präsident Donald Trump und den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu eine Hinrichtung durch den Strang sei.
In der Heiligen Stadt Qom fanden sich über 400 Dozenten von religiösen Seminaren, die den Erlass der Fatwas begrüssten. „Diese Fatwa kommt zur richtigen Zeit. Religiöse Führer zu schützen, ist für alle Muslime geboten!“ Die Propaganda des Regimes stellt die Fatwas als Schutzmassnahme für friedlich betende Anführer von Gläubigen dar. In Wirklichkeit sind es Mordaufrufe für politische Gegner im In- und Ausland. In der Islamischen Republik Iran sind nämlich Politik und Religion miteinander verquickt.

Attacken des Geheimdienstes gegen Vahid Beheshti
Mehrere Nachrichtenseiten des Regimes, die den Bassidschi und den Revolutionsgarden zugeordnet werden, greifen diese Todes-Fatwas auf und richten ihre Attacken gegen aus ihrer Sicht ärgste Feinde des Regimes. So schreibt Hodschatolislam Dr. Abdolrahim Biranvand, warum der Geheimdienst den Gründer der Iran Front fürchtet:
„Warum ist Vahid Beheshti eine aktive Sicherheitsbedrohung?
1. Er hat Zugang zu sektiererischen Oppositionsnetzwerken, Medien, oppositionellen Exilgruppen und sogar zu feindlichen Geheimdiensten. Bemerkenswert ist, dass seine Frau (Mattie Heaven) Mitglied der rechten Fraktion im britischen Parlament ist.
2. Er nutzt die Tarnung als „Menschenrechtsaktivist” und „Regimekritiker”, um die militärischen und terroristischen Aktivitäten des Mossad zu beschönigen.
3. Er baut aktiv ein synergetisches Netzwerk zwischen separatistischen Bewegungen, monarchistischen Oppositionellen und abtrünnigen religiösen Sekten auf, um die Sicherheitsinstitutionen des Iran zu untergraben.
4. Er arbeitet unermüdlich daran, das Konzept der „legitimen Ermordung“ in den Köpfen der iranischen Öffentlichkeit zu normalisieren, um militärische Angriffe auf iranischem Boden als akzeptabel erscheinen zu lassen.“
Solche Zuschreibungen sind nicht nur hohle Worte. Iran bemüht sowohl diplomatische Kanäle, das Protestcamp von Beheshti gegen das Regime vor dem britischen Auswärtigen Amt in London schliessen zu lassen, als auch rechtliche Wege, um ihn und andere Mitglieder der Iran Front wegen konstruierter Vergehen an den Iran ausliefern zu lassen. – Der Erfolg dieser Wege wird wohl nicht aussichtsreich sein, da brauchen die Betroffenen weniger Sorge haben. Auch dass ihre Auslieferung im Tausch gegen britische oder französische Geiseln in Iran erfolgt, scheint derzeit nicht wahrscheinlich. Um so mehr besteht Gefahr für Leib und Leben dieser Oppositionellen durch übliche Proxies des Regimes. Und so könnte es in Zukunft weiteren Oppositionellen gehen. Auch in Deutschland.
Iran Front wehrt sich
Eine der stärksten mit freiheitlich gesinnten Schichten der vielfältigen Bevölkerung in Iran verbundene Oppositionsgruppe ist die von Vahid Beheshti und Mostafa Azmayesh initiierte Iranische Front für die Wiederbelebung des Rechts und der nationalen Souveränität.

„Die Iranische Front für die Wiederbelebung des Rechts und der nationalen Souveränität (IFRLNS) verurteilt unmissverständlich die Verbreitung von Drohbotschaften und hasserfüllter Propaganda, die sich gegen Mitglieder dieser Front und andere politische Aktivisten und Freiheitskämpfer richten. Diese Handlungen, die von Medien durchgeführt werden, die mit dem Sicherheits- und Propagandaapparat der Islamischen Republik verbunden sind, darunter Mashregh News, das mit dem Geheimdienst der IRGC verbunden ist, und Rassa News, das offizielle Medienorgan des Qom-Seminars, stellen eine eklatante Aufstachelung und Bedrohung dar.
Die Veröffentlichung solcher Materialien und terroristischer Drohungen gegen politische und zivilgesellschaftliche Aktivisten ist nicht nur illegal und unmenschlich, sondern auch ein klarer Ausdruck der Verzweiflung und tiefen Angst des Regimes angesichts des wachsenden Widerstands der Bevölkerung und der zunehmenden nationalen Solidarität gegen Unterdrückung und Tyrannei.
Die IFRLNS warnt alle freiheitsliebenden Iraner, insbesondere politische, zivile und Menschenrechtsaktivisten im Ausland, dass Schweigen oder das Ausbleiben einer entschlossenen Reaktion auf solche Drohungen das Regime nur ermutigen wird, seine Maßnahmen gegen Verfechter der Freiheit und politische Dissidenten zu verschärfen. Ohne eine schnelle und angemessene Reaktion werden diese gefährlichen Schritte unweigerlich die Sicherheit und Freiheit aller Iraner gefährden, die sich weltweit gegen den Autoritarismus stellen.
Diese Front ruft alle freiheitsliebenden Iraner und die internationale Gemeinschaft dazu auf, schnell und entschlossen zu reagieren und die Islamische Republik daran zu hindern, eine Atmosphäre der Angst und Einschüchterung über die Grenzen des Iran hinaus auszuweiten.
Die Iranische Front für die Wiederherstellung des Rechts und der nationalen Souveränität bekräftigt erneut, dass sie sich von solchen Drohungen niemals einschüchtern lassen wird und ihren entschlossenen und unermüdlichen Kampf bis zum vollständigen Sturz des despotischen Regimes und zur Errichtung von Demokratie, Freiheit und nationaler Souveränität im Iran fortsetzen wird.“
@Helmut N. Gabel, mehriran.de, 2025


