Es ist ein historischer Wendepunkt: Interview mit Wahied Wahdat-Hagh, politischer Analyst, Übersetzer, Autor, Berlin, zu den aktuellen Ereignissen in Iran.

Helmut N. Gabel: Herr Wahdat-Hagh, Ihre Familie stammt aus dem Iran, Sie sprechen persisch und haben sich viele Jahre lang mit der Ideologie des Regimes in Iran beschäftigt und dazu auch kritisch publiziert. Manche Ihrer Landsleute sehen in den aktuellen Protesten den Anfang einer nationalen Revolution, ja den Anfang vom Ende des Regimes gekommen. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein?
Es ist ein historischer Wendepunkt
Wahied Wahdat-Hagh: Es ist ein historischer Wendepunkt, und ein Prozess des Wandels hat begonnen. Ob daraus revolutionäre gesellschaftliche Veränderungen hervorgehen und es zu einem Regimewechsel kommt oder ob die totalitäre islamistische Diktatur beginnt, hart durchzugreifen, ist offen.
Historisch betrachtet und im Vergleich mit der Entwicklung anderer Staaten kommt ein Systemwechsel entweder dadurch zustande, dass die Machthaber erkennen, dass sie aufgeben müssen, was selten vorkommt und meist nur im Zuge eines extremen wirtschaftlichen Kollapses geschieht, oder durch eine friedliche beziehungsweise blutige Revolution. Alternativ treten die genannten Optionen im Anschluss an einen Krieg ein.
Die gegenwärtigen Fakten sprechen eine eindeutige Sprache: Millionen Menschen riskieren Verhaftung und sogar, auf offener Straße erschossen zu werden. Sie rufen ‚Tod dem Diktator‘, und Forderungen nach Pahlavi werden laut. Gleichzeitig reagiert die totalitäre islamistische Macht, die bis an die Zähne bewaffnet ist. Khamenei ist nicht gewillt aufzugeben. Russische Söldner sowie Mitglieder von Terrororganisationen wie der libanesischen Hisbollah, Haschd al-Schaabi, Kataeb Seyyed al-Schuhada, Kataeb Hisbollah und Kataeb al-Nujaba werden gegenwärtig im Iran eingesetzt, um den Widerstand zu zerschlagen.
Seit Kurzem soll auch das reguläre Militär neben den Revolutionsgarden und den Bassidsch-Einheiten in die Unterdrückung der Proteste eingebunden werden. In einigen Orten wurde bereits mit scharfer Munition auf Demonstrierende geschossen.
Es gibt zwar Gerüchte, dass Khamenei über einen Plan B für die Flucht verfügen soll. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die islamistischen Revolutionsgarden bereit wären, ihre Macht aufzugeben und nicht mit aller Härte durchzugreifen. Die Möglichkeit einer stalinistischen Phase der islamistischen Herrschaft, das heißt Pogrome und Massenmord, ist durchaus gegeben. Darunter werden vor allem Anhänger der Bahai-Religion und Frauen leiden.
Der Staatskleriker Mohseni-Edsche’i, oberster Richter des Iran und ehemaliger Geheimdienstminister, warnt die Bevölkerung immer wieder, dass er diesmal keine Gnade walten lassen werde. Khamenei befürwortet offen die Niederschlagung der Demonstrationen und stigmatisiert die Freiheitsbewegung, ganz im Stil eines islamistischen Orwell-Staates, als Terroristen.

Demonstrierende werden als „Randalierer“ oder „Feinde Gottes“ diffamiert, drakonische Strafen angekündigt.
Wer das nicht ernst nimmt, übersieht, dass nach Berichten der Menschenrechtsorganisation HRANA innerhalb weniger Tage über 2.311 Menschen verhaftet und mindestens 65 Menschen auf offener Straße getötet worden sind. Zugleich hält die Hinrichtungswelle an. Über 200 Menschen sollen mittlerweile auf offener Straße getötet worden sein, berichten andere Quellen.
Um es abzurunden: Ja, der Iran befindet sich an einem historischen Wendepunkt. Die anhaltenden Massenproteste haben einen tiefgreifenden Transformationsprozess ausgelöst, dessen Ausgang offen ist: Entweder kommt es zu einem Regimewechsel, d.h. zu einer erfolgreichen revolutionären Regime Change oder zu einer drastischen Verschärfung der Repression.
Berichte über Schusswaffeneinsatz, Tränengas, Massenverhaftungen und explizite Drohungen der Justiz belegen eine klare Eskalationsstrategie der totalitären Diktatur. Gleichzeitig wurde der Informationsfluss systematisch unterbrochen, um die Berichterstattung zu behindern und Gewalt zu verschleiern. Das Internet wurde faktisch ausgeschaltet.
Kurz zu den Ursachen der Demonstrationen: Die Bazaris, die Schicht der Handelsbourgeoisie, fühlten sich von der Modernisierungsdiktatur des Schahs vernachlässigt und verhalfen Khomeini an die Macht. Heute sind sie die Verlierer der zusammenbrechenden Wirtschaft der Islamischen Republik, und gehen deshalb gegen die islamistischen Machthaber auf die Straße. Inzwischen sind die Proteste jedoch eindeutig landesweit politisch ausgerichtet und richten sich gegen die Islamische Republik als Ganzes.
Die Ursachen der Proteste liegen in einer Kombination aus politischer Repression, wirtschaftlichem Niedergang und wachsender sozialer Verzweiflung. Der drastische Wertverlust der Landeswährung, Existenzängste breiter Bevölkerungsschichten und das Fehlen politischer Perspektiven treiben die Menschen weiter auf die Straße. Die Protestbewegung hat sich dabei dezentralisiert: Nachbarschaftliche Versammlungen, nächtliche Sprechchöre, Streiks und symbolische Aktionen ersetzen zunehmend klassische Großdemonstrationen. Auch die Universitäten stehen unter massivem Druck.
Nach einer Welle studentischer Proteste wurden Versammlungen unterbunden, Wohnheime geräumt und der Lehrbetrieb eingeschränkt. Damit versucht das Regime, einen zentralen Mobilisierungsraum der Bewegung zu kontrollieren.
Die Proteste haben eine neue gesellschaftliche Dynamik entfaltet, die auf eine freie und demokratische Zukunft für den Iran hoffen lässt. Doch das Regime reagiert mit systematischer, gewaltsamer Eskalation. Im Klartext bedeutet das: Der Iran steht an der Schwelle zwischen einem möglichen politischen Umbruch und einer drastischen Verschärfung sowie Zuspitzung der totalitären Herrschaft.
Revolutionsgarden als terroristische Organisation einstufen
Helmut N. Gabel: Vor kurzem haben Sie diese Gedanken auf einer Ihrer social media Seiten geschrieben:
„Europa muss endlich eingestehen, dass es ein Fehler war, mit einer islamistischen, totalitären Diktatur wirtschaftliche und politische Beziehungen zu führen. Die jahrelange Strategie, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, hat letztlich nur dazu beigetragen, dieses mörderische Regime zu stabilisieren. Erst jetzt zeigt die iranische Bevölkerung der Welt unmissverständlich, dass sie nicht länger unter einer Terrorherrschaft leben will. Die für ihre Freiheit kämpfende iranische Bevölkerung braucht die aktive Unterstützung der Europäischen Union.“ – Wie kann eine solche Unterstützung durch die Europäische Union aussehen?
Wahied Wahdat-Hagh:
Die Europäische Union sollte die Revolutionsgarden endlich als terroristische Organisation einstufen, statt sich weiterhin hinter rechtlichen Formalien zu verbergen.
Am 9. Januar veröffentlichten Deutschland, Frankreich und Großbritannien eine gemeinsame Erklärung zur Lage im Iran. Bundeskanzler Friedrich Merz, Präsident Emmanuel Macron und Premierminister Keir Starmer verurteilten darin die tödliche Gewalt iranischer Sicherheitskräfte gegen Demonstrierende und äußerten ihre tiefe Besorgnis über die anhaltende Repression.
Wir sind zutiefst besorgt über Berichte von Gewalt durch iranische Sicherheitskräfte und verurteilen die Tötung von Demonstranten. @EmmanuelMacron, @Keir_Starmer und ich fordern die iranischen Behörden auf, von Gewalt abzusehen und die Grundrechte der iranischen Bürger zu wahren.
— Bundeskanzler Friedrich Merz (@bundeskanzler) January 9, 2026
Sie betonten, dass die iranischen Behörden für den Schutz der eigenen Bevölkerung verantwortlich seien und die Pflicht hätten, Meinungsfreiheit sowie das Recht auf friedliche Versammlung zu gewährleisten. Nachdrücklich forderten sie die Führung in Teheran auf, Zurückhaltung zu üben, von Gewalt abzusehen und die Grundrechte der iranischen Bürgerinnen und Bürger zu achten.
So richtig und notwendig diese Erklärung ist, wirkt sie zugleich zynisch und wie ein spätes Eingeständnis jahrzehntelangen politischen Versagens. Über mehr als vierzig Jahre hinweg hat Europa nicht nur weggeschaut, sondern eine totalitäre Diktatur wirtschaftlich stabilisiert, in der Hoffnung, Handel könne Wandel herbeiführen. Während dieser Zeit interessierte man sich kaum für die systematische Unterdrückung der iranischen Bevölkerung, für Massenhinrichtungen, Folter und politische Verfolgung, die das Regime seit 1979 in gewaltigem Ausmaß praktiziert. Die europäische Außenpolitik ist in diesem Kontext mitnichten von Menschenrechten geleitet gewesen.
Gleichzeitig finanzierte das iranische Regime mit Millionenbeträgen den Terrorismus von Hamas, Hisbollah und anderen Organisationen. Europa tat lange so, als beträfe diese Politik nur Israel und nicht die eigene Sicherheit. Erst als der Iran offen eine militärische Kooperation mit Russland einging und sich unverhohlen gegen den Westen positionierte, wurden Handelsbeziehungen eingeschränkt und schärfere Sanktionen verhängt.
Der einzige konsequente Akteur in diesem bösen Spiel waren dabei stets die islamistischen Machthaber selbst: Sie handelten strategisch zweckrational im Dienst einer ideologisch irrationalen Agenda, und setzten ihre Ziele unbeirrt durch, während Europa zu lange auf Illusionen und Profitinteressen setzte.
Wie könnte eine europäische Unterstützung konkret aussehen? Weitere iranische Konsulate und Botschaften sollten geschlossen werden. Das würde die iranische Demokratiebewegung ermutigen, weil sie sehen würde, dass Europa wirklich an ihrer Seite steht, und nicht nur mit Lippenbekenntnissen.
Und last not least: Europa könnte den Einsatz von Musks Starlink finanzieren, um den Iranerinnen und Iranern unentgeltlichen Zugang zu einem nicht zensierten Internet zu ermöglichen.
Noch ist die Diktatur nicht gestürzt
Helmut N. Gabel: Falls die nationale Erhebung gelingen sollte, das Regime in seine Einzelteile zerfallen, die Revolutionsgarden substanziell geschwächt sein sollten, wie kann es der multi-ethnischen, multi-religiösen und nach Freiheit hungernden jungen Bevölkerung dieses reichen Landes gelingen eine neue Gesellschaft aufzubauen? Welche Schritte wären auf jeden Fall nötig? Wie kann hierbei die internationale Gemeinschaft unterstützen?
Wahied Wahdat-Hagh: Noch ist die Diktatur nicht gestürzt. Und das Licht am Ende des Tunnels weist eher auf ein Feuer als auf einen romantischen Hoffnungsschimmer.
Dennoch wünsche ich den Iranerinnen und Iranern eine verfassungsgebende Versammlung, in der sie selbst entscheiden können, ob sie künftig in einer säkularen demokratischen Republik oder in einer parlamentarischen demokratischen Monarchie leben wollen. Vergessen wir nicht: In Europa existieren mehrere parlamentarische Monarchien, und auch der Iran hat eine lange monarchische Tradition, demokratisch jedoch war das Land bislang nie.
Die Erfahrung mit der Islamischen Republik ist für die meisten Iraner ein Trauma, und in der mehrtausendjährigen Geschichte Irans hat das Land noch nie einen solchen kulturellen Tiefpunkt und eine solche Katastrophe erlebt wie unter dieser islamistischen Herrschaft. Umso größer ist heute der Freiheitsdrang eines Volkes, das jahrzehntelang unter religiös verbrämter Diktatur gelitten hat, seit 1979.
Ohne die Unterstützung der Vereinigten Staaten wird ein erfolgreicher Übergang kaum durchzusetzen sein. Eine verfassungsgebende Versammlung nach dem Modell des Parlamentarischen Rates in der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte wäre wünschenswert, allerdings nur unter internationaler westlicher Aufsicht.

Fest steht: Die republikanische Opposition ist längst nicht mehr nur ein Sammelbecken alter Stalinisten, Moskau-Treuer oder Maoisten. Und Reza Pahlavi ist nicht die SAVAK. Er ist auch kein Diktator. Warum sollte der Iran nicht eine Entwicklung wie Spanien durchlaufen? In einem Punkt sind sich heute alle Antiislamisten aller Schattierungen einig: Sie haben dazugelernt, und der Iran braucht eine demokratische Zukunft.
Was jedoch aufhören muss, ist das armselige Gezänk des Fußvolks in beiden Lagern.
Gegenseitige Beschimpfungen helfen niemandem. Alte Tabus müssen fallen, vor allem das unausgesprochene Dogma, man könne den Übergang ohne westliche Unterstützung demokratisch gestalten. Das ist eine Illusion. Ein freier Iran wird internationale Hilfe brauchen, wenn aus dem Sturz der Diktatur mehr werden soll als der Beginn einer neuen Diktatur. Doch all das bleibt Lyrik, all diese Überlegungen bleiben reine Theorie, solange die islamistische Diktatur an der Macht ist.
Herzlichen Dank für Ihre Einschätzungen.
©Helmut N. Gabel für mehriran.de, 10.01.2026



