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Dialog im Europäischen Parlament: "Wie wir unsere Gesellschaft vor islamistischem Extremismus schützen können"

mehriran.de - Am Dienstag, 1. März 2016, veranstaltete ICC (Intercultural Center) in Brüssel eine Konferenz mit dem Titel "Wie wir unsere Gesellschaft vor islamistischem Extremismus schützen können". Abgeordnete des Europäischen Parlaments, Tunne Kelam (MEP aus Estland) und László Tökes (MEP aus Ungarn) unterstützen den Dialog. Eingeladen waren Dr. Seyed Mostafa Azmayesh aus Paris und Prof. Miklós Maróth aus Budapest ihre Sichtweise zu Islam, Demokratie und Extremismus vor einer breiten Zuhörerschaft innerhalb des Europäischen Parlaments darzulegen.

Tunne Kelam, Dr. Seyed M. Azmayesh, Beverly Eve, Prof. Miklòs Maróth


Die beiden Abgeordneten Tökes und Kelam brachten als Einleitung die Sorgen der Europäer in Bezug auf islamischen Extremismus zur Sprache. Anschliessend sprach Prof. Miklós Maróth über Islam und Demokratie. Er gab einen kurzen Überblick über islamische Herrschaftspraxis von der Dynastie der Omajaden bis in die Jetztzeit. Weiterhin verglich er islamische Regierungen mit Regierungsformen in christlichen Ländern seit der Zeit des Römischen Reichs zu unseren heutigen Demokratien.

Er ging auf historische Vergehen sowohl islamischer als auch christlicher Regierungsformen ein und zog den Schluss, dass es heute aus kulturellen Gründen unangebracht sei für christliche Regierungen ihre Regierungsform islamischen Nationen überzustülpen.

Der zweite Teil der Veranstaltung verlief in einem Frage und Antwort Format. Die Moderatorin stellte Dr. Azmayesh, dem Gründungsmitglied des Intercultural Centres, einem gemeinnützigen Verein aus dem Vereinigten Königreich, der sich der Verständigung der Kulturen und der Überwindung Integrations hemmender Faktoren verschrieben hat, einige Fragen. Der Religionswissenschaftler und Koran-Experte Dr. Azmayesh gab zu bedenken, dass die islamischen Regierungesformen seit der Zeit der Omajaden, niemals die im Koran vertretenen Werte einer islamischen Zivilisation repräsentiert haben. Er wies darauf hin, dass der Koran in der gesamten Geschichte islamischer Regierungen durchgehend ignoriert wurde. Stattdessen setzte sich eine Regierungsform durch, die auf Werten und Traditionen der arabischen Stämme in der Region aus der Zeit vor dem Islam begründet war. Die koranischen Werte und Prinzipien einer muslimischen Gesellschaft finden sich in einigen Versen, die von Gerechtikeit handeln, wenn Gleichheit für alle, unabhängig von Rasse, Religion oder Geschlecht etabliert sind. Dazu findet sich im Koran das Bild einer Waage, welche den Stellenwert der Gleichheit und Gleichwertigkeit hervorhebt.

Wie auch heutzutage üblich, interpretieren die Richter die Gesetze eines Landes gemäß dem Sinn der Verfassung oder des Grundgesetzes des jeweiligen Landes. In ähnlicher Weise müssen die Koranverse im Rahmen des göttlichen Ziels oder im Geiste der Verse betrachtet werden. Diese Werte oder dieser "Geist" bezieht sich auch auf die Bedeutung des Wortes Islam, das innere Ruhe oder Frieden bedeutet. Die muslimische Begrüßungsformel "Salam" basiert auf dem Wort für Frieden. Der Koran weist alle Muslime an, jedem Menschen mit dem Wunsch nach Frieden ohne Rücksicht auf ihre oder seine Religion zu begegnen. Im Sinne der koranischen Werte ist es für einen Muslim nicht hinnehmbar, die Religion oder den Glauben eines Menschen in Frage zu stellen. Unter Berücksichtigung der Prinzipien der inneren Ruhe (Salam) und aus dem Geiste des Korans heraus, ist es klar, dass alle Vorwürfe gegen den Koran und alle barbarischen Handlungen im Namen des Islam ausschliesslich Ergebnisse eines Missbrauchs der koranischen Texte sind.

Dr. Azmayesh, Autor von "New Researches on the Quran", verwies auf sein Buch, in dem er klar darlegt, dass selbstsüchtige Interessen einiger Machthaber dazu geführt haben, dass die Koranverse nach ihrer politischen Agenda ausgelegt wurden und der heutige islamistische Extremismus ein Ergebnis dieser jahrhundertelangen Falschauslegung der Koranverse ist. Tatsächlich zeigt sich, dass schon in der Entstehungszeit des Islams zwei antagonistische Versionen einer Religion unter einem Namen in die Welt kamen.

Die zwei sich widersprechenden Islam Versionen

Azmayesh beschreibt in seinem Buch "New Researches on the Quran", wie es zu zwei sich widersprechenden Islam Versionen gekommen ist. Darüber sprach er auch im weiteren Verlauf der Veranstaltung. Eine Version nennt er Islam-Madani (Der Zivilisations-Islam). Sie basiert auf den koranischen Werten. Die zweite Version nennt er Islam of Badavi oder Islam der Stammestraditionen. Die heutigen Extremisten seien kein neues Phänomen, laut Azmayesh. Selbst Mohammed hatte es zu seinen Lebzeiten mit Gruppen zu tun, die an ihren Stammesbräuchen anhafteten und die Koranverse nach ihrem Belieben auslegten, um die junge muslimische Gemeinschaft zu spalten und sich Mohammed zu widersetzen.

Azmayesh führte weiter aus, dass der Koran diese Widersacher in einer großen Anzahl von Versen kritisiert. Sie werden dort als Monafegh oder Heuchler bezeichnet. Diese Leute hatten sich nur durch Lippenbekenntnisse zum Islam bekannt, hingen jedoch an ihren Privilegien und in ihren Herzen waren sie nach wie vor den barbarischen Stammesbräuchen verschrieben. Die barbarischen Element dieses Stammes-Islams enthalten Ausgrenzungen Andersgläubiger, Herabwürdigung von Frauen, wirtschaftliche Ausbeutung und Sklavenhaltung, Befürwortung von Invasionen und Angriffskriegen, sich selbst im Vergleich zu anderen Völkern und Nationen als höherwertig zu betrachten, brutale Strafen für diverse Vergehen.

Im Koran finden sich Warnungen an Mohammed welche Gefahren diese Monafegh oder Heuchler darstellten, wenn sie sogar Moscheen errichteten, um ihre Version des Stammes-Islam zu predigen. Der Koran weist Mohammed an, diese Moscheen der Heuchler zu zerstören, um dem Stammes-Islam keinen Raum zu gewähren sich auszubreiten und zu behaupten Einssein und Gott als oberste Prinzipien zu pflegen. Doch wie Dr. Azmayesh schildert, setzte sich die Version des Stammes-Islam kurz nach Mohammeds Tod dennoch durch und wurde durch die Begründung der Omajaden Dynastie in ihrem Macht- und Führungsanspruch gefestigt.

Es gibt einige Handlungen, wie Steinigungen, Vielweiberei, Menschenrechtsverletzungen, aufgezwungene Verhüllung (Hidschab), Verletzung von Frauenrechten, Misshandlungen und Geringschätzung von Nichtmuslimen, die von manchen mit Islam in Zusammenhang gebracht werden. Doch laut Azmayesh haben diese Handlungen keinerlei Basis im Koran und hängen mit grundlegend falschen Auslegungen der Koranverse zusammen. Oft stammen diese Auslegungen aus der Hinzuziehung sogenannter Überlieferungen (Revayat), die man Mohammed oder anderen bedeutenden religiösen Figuren zuschreibt.

Diese Fehldeutungen sind so stark verbreitet in dem Islam, der sich heute verbreitet, dass sie sogar die Bedeutung des Wortes Islam korrumpiert haben. Die schlichtweg falsche Übersetzung des Wortes Islam lautet Unterwerfung. Wie oben erwähnt, meint Islam innere Ruhe. 

Nach der Beantwortung der Fragen der Moderatorin Beverley Eve, ging Dr. Azmayesh auf Fragen aus dem Publikum ein. Die meisten Fragen bezogen sich auf einen sinnvollen Umgang mit der Einwanderung von Muslimen und auf geeignete Massnahmen im Umgang mit Gefahren durch Extremismus. Dr. Azmayesh konnte aufzeigen, wie falsche Interpretationen des Korans die Basis extremistischer Ideologien bilden. Auch tragen die manipulativen Beeinflussungen einer empfänglichen Gesellschaftsschicht durch extremistisches Gedankengut zur Gefahr bei. Somit müsse das Thema an der Wurzel angepackt werden. Ein Lösungsansatz dazu ist eine Aufklärung über die Inhalte des Korans und die koranischen Werte, die mit den Menschenrechten und dem Anspruch auf Gerechtigkeit für alle korrespondieren. Das wäre ein guter Anfang, um Hindernisse für ein friedliches Miteinander und eine gesunde Integration aufzulösen.

Wenn wir uns diese Mühe sparen wollten, könnten wir Zeugen werden eines weiteren Auseinanderdriftens unserer Gesellschaft und uns mit der Entwicklung einer Parallelgesellschaft mitten unter uns konfrontiert sehen, die demokratische Werte und Respekt vor den Menschenrechten und der Würde des Einzelnen ablehnen.

Dr. Azmayesh stellte klar, dass dieser Aufklärungsprozess nicht einfach sein wird. Für Aussichten auf Erfolg bedarf es der Unterstützung durch nationale Regierungen, gerade in der Phase, wenn Leute aus Ländern über die Grenzen strömen, in denen extremistische Rhetorik, Hetze und falsche Koraninterpretationen weit verbreitet sind.

Die Tropfen und der Ozean

Die Veranstaltung war von der Ausstellung einer französischen Künstlerin begleitet, die in ihren Werken das Verhältnis zwischen den Tropfen und dem Ozean thematisiert.

Grund für die Ausstellung bei der Dialog Veranstaltung ist laut Dr. Azmayesh eine uralte Tradition, die sich schon im 3. Jahrhundert nach Christus bei dem Propheten und Lehrer Mani ibn Patak findet. Mani war auch Künstler und nutzte die Darstellungen, um seine Lehren zu visualisieren und auch Analphabeten zugänglich zu machen.

Man konnte erfahren, dass Dr. Azmayesh in seinem Buch Bezug nimmt auf Mani, der sich als wahren Apostel Jesu empfand. Prophet Mohammed muss durch seine Reisen mit einer manichäischen Gemeinschaft verbunden gewesen sei.

Der Redner ergänzte, dass die Thematik der Tropfen und des Ozeans eine symbolische Darstellung von Einheit und Vielfalt ist. Jeder Tropfen repräsentiert die individuelle Vielfalt, während der Ozean göttliche Einheit darstellt. Jeder Tropfen entstammt dem Ozean und kehrt wieder zum Ozean zurück am Ende seiner Reise, so wie die individuellen Seelen aus der himmlischen Sphäre stammen, wohin sie auch zurückkehren. Die Tropfen stellen die Vielfalt des individuellen Bewusstseins dar, während der Ozean die Einheit des universellen und des kollektiven Bewusstseins repräsentiert. 

Darüberhinaus wies Azmayesh in Bezug auf den Titel der Veranstaltung darauf hin, wie der Tropfen beim Eintreten in das Gefäß seines physischen Körpers durch das selbstsüchtige Ego eingefangen wird, das die Anschauung und Wahrnehmung von Vielfältigkeit manipuliert und zu einer Quelle extremistischer Ideologien macht, indem es sich einredet ein Tropfen sei höherwertiger als die anderen Tropfen. Dies ist eine Problematik, die von Anbeginn der Menschheit auftritt.

Nichtsdestotrotz, lässt Azmayesh seine Zuhörer wissen, ist die Botschaft des Korans von einem geistigen Standpunkt zu betrachten. Dieser Standpunkt betrachtet jede individuelle Seele als Tropfen aus dem gleichen Ozean. Extremistisische Sichtweisen negieren dieses Verhältnis durch Missbrauch des Korans und durch Verbreitung der irrigen Ideen einer Überlegenheit eines Tropfens über den anderen. Damit brechen sie den Zusammenhalt unserer Gesellschaft durch ihre von Intoleranz und Hass durchtränkte Reden. Die Zuhörer erfahren, dass gemäß den Lehren des Korans, jedes Individuum die Krone Gottes trägt - man könnte auch sagen mit der göttlichen Würde ausgestattet ist - wodurch keiner von uns dem anderen die eigene Meinung überstülpen kann. Dies gilt als ein Prinzip geistiger Ritterlichkeit. Die ausgestellten Bilder drücken dieses Verhältnis aus.

Zum Abschluss der Veranstaltung spielte das Heart Ensemble aus London mystische Rhythmen. Diese Rhythmen kommen zum Ausdruck durch das musikalisch-poetische Aufleben lassen von Gedichten einiger Sufi Meister. Diese Gedichte sind Ausdruck von Toleranz und Menschlichkeit. Der letzte Gesang brachte eines der berühmtesten Gedichte zu Gehör. Bani Âdam (Die Kinder Adams) von Sa'adi aus Schiraz: 

"Die Kinder Adams sind aus einem Stoff gemacht,
als Glieder eines Leibs von Gott, dem Schöpfer, erdacht.
Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder,
dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wider.
Ein Mensch, den nicht die Not der Menschenbrüder rührt,
verdient nicht, daß er noch des Menschen Namen führt."

Links zu Interviews um die Veranstaltung herum:

Dr. Azmayesh wird von DorrTV zu den zwei Versionen von Islam interviewt: Interview 1
Dr. Azmayesh wird von DorrTV zu dem Konzept der Tropfen und dem Ozean interviewt: Interview 2
Tunne Kelam wird von DorrTV zu den Ergebnissen der Veranstaltung interviewt: Interview 3

© Gyula Fekete für mehriran.de