Ein unerschütterliches System – was wir im Westen nicht nachvollziehen können, sind die lebensfeindlichen Überzeugungen der Ideologen und der Anhänger des Regimes in Iran. Ein Beitrag zur Aufklärung.
Die Islamische Republik Iran ist kein gewöhnlicher Staat, obwohl sie strukturell wie ein ganz gewöhnlicher Staat erscheinen mag. Die Islamische Republik wird von der überwältigenden Mehrheit der Staaten weltweit als souveräner Staat anerkannt und ist Mitglied der Vereinten Nationen. Es gibt keinen Staat, der ihr die staatliche Existenz prinzipiell abspricht oder sie diplomatisch nicht als Staat anerkennt. Die Vereinigten Staaten haben seit 1980 keine direkten diplomatischen Beziehungen zu Iran. Sie werden von der Schweiz vertreten.
Auf Vermittlung von Irans Nachbarstaat, Pakistan, haben Vertreter der USA am 11. April 2026 unter Führung des Vizepräsidenten JD Vance mit Vertretern des Regimes in Iran unter Führung des Parlamentspräsidenten MB Ghalibaf direkte Gespräche geführt und nach 21 Stunden wieder abgebrochen. Das Regime ist nicht bereit, seine Nuklear-Ambitionen zu begraben. Die USA sind nicht bereit, ein Regime das Chaos und Blutvergiessen fördern will, weiter an seinem Nuklear-Waffen-Programm arbeiten zu lassen. Asim Munir, Pakistans Armeechef, versucht derweil weiter zu vermitteln. Am 15. April reiste er nach Teheran.

Den Ideologen des Regimes in Iran geht es in dieser beengten Situation um nichts weniger, als ums Überleben des Systems. Sie brauchen dieses mafia-artige System, um ihre sich selbst zugeschriebene göttliche Mission zu erfüllen.
Das System
Ach, was soll der Mensch verlangen?
Ist es besser, ruhig bleiben?
Klammernd fest sich anzuhangen?
Ist es besser, sich zu treiben?Soll er sich ein Häuschen bauen?
Soll er unter Zelten leben?
Soll er auf die Felsen trauen?
Selbst die festen Felsen beben. – Johann Wolfgang Goethe
Wilfried Buchta schreibt 2020 über Irans politisches System: „Gleichzeitig endete mit dem Tod Chomeinis die Ära der charismatischen Autokratie. Chomeini hatte wegen seiner theologischen Qualifikation als schiitischer Grossajatollah, seines Widerstands gegen die Monarchie und seines Charismas unangefochtene politische Autorität genossen.
Anders dagegen Chamenei, dem diese Qualifikationen fehlten. Chamenei, bei seinem Amtsantritt ein eher blasser Kompromisskandidat der verschiedenen Flügel der Regimeelite, musste mehrere Jahre kämpfen, um seine Mankos auszugleichen. Doch schrittweise gelang es ihm, verschiedene Systemelitegruppen, insbesondere die Militärführer der mächtigen Revolutionswächtergarden (pasdaran), an sich zu binden.
Dank ihrer Hilfe und dank des von ihm massiv ausgebauten „Revolutionsführerbüros“ (bayt-e rahbari), das mit seinen schätzungsweise 300 Mitarbeitern seither als wichtigste Schaltzentrale des Regimes gilt, konnte Chamenei seinen Einfluss absichern.“
Ausflug in die Geschichte
Die Islamische Revolution von 1979 im Iran unter Führung von Ajatollah Chomeini sollte die politische Doktrin der Schiiten und das Mahditum grundlegend verändern. In den Jahren vor der iranischen Revolution entwickelte der damals im Pariser Exil lebende Kleriker Ruhollah Chomeini die Theorie einer islamischen Regierung, die die gesamte politische Macht auf den schiitischen Klerus übertragen sollte. Chomeini skizzierte seine Pläne für die Schaffung eines islamischen Staates, indem er die Doktrin des Welajat-e Faghi neu konzipierte, um die klerikale Vormundschaft über den Staat zu legitimieren.

Chomeini postulierte, Gott habe den Islam geschaffen, damit er auch umgesetzt werde, wie die Schaffung des göttlichen Gesetzes (Scharia) zeige. Da niemand den Islam besser kenne als die Kleriker (islamische Rechtsgelehrte), so Chomeini, sei es nur natürlich, dass diese als Wächter des Staates regieren sollten bis zur Rückkehr des 12. Imams. In Abwesenheit des 12. Imams würde Welajat-e Faghi die gesamte politische und religiöse Autorität auf einen Obersten Führer (Mudschtahid) übertragen, der als Stellvertreter des Verborgenen Imams (Nayeb-e Imam) und als Gottes Vertreter auf Erden die Obhut über die schiitische Umma innehaben würde.
Chomeinis Theorie konzipierte auch das Mahditum neu und kehrte Jahrhunderte des klerikalen Quietismus während der Zeit der „Grossen Verborgenheit“ um. Anstatt still auf die Rückkehr des 12. Imams zu warten, so Chomeini, warte der 12. Imam darauf, dass die schiitischen Muslime den Boden für seine Ankunft bereiten. Die schiitischen Muslime müssten politisch aktiv sein und eine islamische Regierung bilden, um sich auf die weltweite Revolution des Mahdi vorzubereiten.
Nach der Islamischen Revolution von 1979 wurde das Welajat-e Faghi in der iranischen Verfassung verankert und bildete die Grundlage des Staates, wobei der Oberste Führer des Regimes in Iran als Stellvertreter des 12. Imams regiert. Nach dieser Auslegung markiert die Islamische Revolution im Iran die erste Phase vor der Rückkehr des 12. Imams.
Chamenei und die Mahdi-Doktrin
Die Vorbereitungen für die Wiederkehr des Mahdi wurden ernsthafter, nachdem Ali Chamenei 1989 das Amt des Obersten Führers übernommen hatte. Dieses Bestreben wurde ursprünglich durch den Einfluss von Ajatollah Mohammed-Taghi Mesbah-Yazdi geprägt, einem strengen islamistischen Kleriker, der einer der Hauptbefürworter und Theoretiker von Chomeinis Neuinterpretation des Mahditums war. Dieser Einfluss begann sich Ende der 1990er Jahre zu manifestieren, als Chamenei eine Doktrin rund um den Mahdismus entwickelte.

Zur Vorbereitung auf die Rückkehr des 12. Imams erklärte Chamenei, es sei notwendig, eine ideale islamische Gesellschaft auf der Grundlage des Mahditums (dschaameh-e mahdavi) zu schaffen. Er entwickelte diese These einige Jahre später weiter. Um den Grundstein für die Rückkehr des 12. Imams Rückkehr umzusetzen, skizzierte der Oberste Führer fünf notwendige revolutionäre Stufen: Islamische Revolution, islamisches Regime, islamische Regierung, islamische Gesellschaft und islamische Zivilisation. Laut Chamenei und seinen Verbündeten hatte der Iran lediglich die ersten beiden Stufen erreicht und steckte bei der Vollendung einer islamischen Regierung fest.
Ahmadinedschad soll die Regierung des Mahdi aufbauen
Die Wahl des Hardliners Ahmadinedschad zum Präsidenten im Jahr 2005 verlieh dem Mahditum in der gesamten Islamischen Republik neuen Auftrieb. Ahmadinedschad – Mitglied der Bassidschi – war besessen von der Lehre des Mahditums und davon, Wege zu finden, um die Rückkehr des 12. Imams zu beschleunigen. Dies ist vielleicht nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass sein geistlicher Führer kein Geringerer als Mesbah-Yazdi war. Wie der neue Präsident erklärte: „Wir haben eine Mission – den Iran in das Land des Verborgenen Imams zu verwandeln.“

Ahmadinedschad mass der Dschamkaran-Moschee, in der sich der Brunnen von Dschamkaran befindet, besonderen Stellenwert bei. Einige schiitische Muslime glauben den vagen Überlieferungen, dass der 12. Imam aus dem Brunnen steigen und zurückkehren wird. Ahmadinedschads Regierung stellte 17 Millionen US-Dollar an staatlichen Mitteln für die Dschamkaran-Moschee bereit und erweiterte deren Einrichtungen, wodurch sie von einer kleinen Moscheezu einem mehrere Millionen Dollar teuren Schrein umgestaltet wurde.
Seine Regierung gab zudem rund 8 Millionen US-Dollar für Erfrischungen für Pilger aus, die die Dschamkaran-Moschee zur Feier von Mahdis Geburtstag besuchten. Ahmadinedschad ging sogar so weit, die Dschamkaran-Autobahn zu bauen, um die Dschamkaran-Moschee direkt mit dem Imam-Chomeini-Flughafen in Teheran zu verbinden. Bei einem Treffen mit dem Obersten Führer soll der Präsident auf dessen Bau bestanden haben, damit „im Falle einer Wiederkehr des Imam Mahdi dieser direkt von Dschamkaran zum Flughafen von Teheran reisen kann, ohne im Stau stecken zu bleiben.“
Um den Bau der Autobahn zu ermöglichen und eine ungestörte Fahrt des einst wiedergekehrten 12. Imams zu ermöglichen, wurde ein Versammlungshaus der Nematollah Gonabadi Sufis in Qom abgerissen. Hier ein umfassender Bericht über die Ereignisse. Was andere über Sufis schreiben -> hier.
Ein unerschütterliches System ist ein unergründliches Rätsel
Die Islamische Republik Iran ist vielen Beobachtern ein unergründbares Rätsel, das sich auf jeden Fall westlichen Betrachtungsweisen nicht ganz erschliesst. Am 28. Februar 2026 starb nicht nur der Oberste Führer Ajatollah Ali Chamenei, sondern auch zahlreiche seiner engsten Vertrauten, darunter hochrangige Kommandeure der Pasdaran wie Mohammad Pakpour und Ali Schamchani, Geheimdienstminister Esmaeil Chatib, Oberster Bassidschi Gholamresa Soleimani sowie weitere hochrangige Verantwortliche des Regimes. Insgesamt wurden bei dem koordinierten US und israelischen Luftangriff mindestens 16 zentrale Akteure ausgeschaltet.

Am 8. März 2026, setzte die Expertenversammlung unter massivem Druck der Revolutionsgarden Modschtaba Chamenei als neuen Obersten Führer ein. Eigentlich ein Bruch mit den Prinzipien der Islamischen Republik, keine Erbfolge in der Nachfolge des Obersten Führers zuzulassen. Doch wie so oft in den letzten Jahren, setzte sich eine taktische Flexibilität, um das Regime um jeden Preis zu erhalten durch.
Modschtaba, der zweitgeborene Sohn von Ali Chamenei, ist ein Hardliner mit begrenzter religiöser Autorität und kaum öffentlicher Präsenz. Doch seine Verbindungen innerhalb der Machtstrukturen des Regimes und seine Rolle bei der brutalen Niederschlagung jeglicher Opposition und Kritik am Obersten Führer und dem Regime prädestinieren ihn als Aushängeschild eines schwer angeschlagenen Regimes, das zumindest symbolisch eine zentrale Führungsfigur braucht. Es ist unklar, ob Modschtaba tatsächlich die politischen Fäden in der Hand hat oder nur schwerverletzt und unfähig im Bett liegend, als Symbolfigur gebraucht wird.
Trotz wirtschaftlichem Kollaps, militärischer Schwächung und einer weitgehend dezimierten Führungsspitze gibt es bis heute scheinbar keine strategische Wende, keine klare Kapitulation und keine Anzeichen für einen raschen Zusammenbruch des Systems. Warum eigentlich? Ein Teil der Antwort liegt in der spezifischen Struktur des Staates. In der Struktur hinter der Stuktur, die auch Tiefenstaat genannt werden kann: das Heyati-System. Dies ist ein informelles, schwarmartiges Netzwerk schiitischer religiöser und revolutionärer Bindungen, das die eigentliche Machtarchitektur der Islamischen Republik prägt.
Dieses wenig transparente System in Iran funktioniert nicht wie ein zentralisierter Nationalstaat mit klarer Hierarchie und eindeutigen Verantwortungen, sondern wie ein dezentrales, rotierendes Geflecht aus persönlichen Loyalitäten, Gewohnheiten und Komitees, in dem Verantwortung bewusst diffus gehalten wird. Verstärkt wird das Ganze durch ideologische Überzeugungen, die rationale Kosten-Nutzen Gleichungen systematisch aushebelt.
Heyati-System: Hinter einer republikanischen Hülle ein ideologiegetriebenes Netzwerk
Von aussen wirkt Iran wie ein normal funktionierender Staat mit Präsident, Parlament, Revolutionsgarden und Oberstem Führer. In Wirklichkeit hat sich das Machtgefüge seit 1979 nie vollständig in eine moderne bürokratische Ordnung verwandelt. Es arbeitet bis heute nach dem Muster der traditionellen Heyati, also jener lockeren, informellen schiitischen Traditions- und Mobilisierungsgruppen, die in den Basaren und Moscheen der 1970er Jahre entstanden sind.
Diese Heyati waren keine starren Organisationen mit klaren Hierarchien, sondern durchlässige Kreise von Gläubigen, die sich zu Trauerzeremonien wie Ashura oder Arbaeen, zu politischen Diskussionen und zur gegenseitigen Unterstützung trafen. Sie lebten von persönlichen Bindungen, wechselndem Einfluss und kollektiver Verantwortung. Jeder trug etwas bei, aber niemand stand allein in der Haftung. Genau diese Struktur verschmolz später mit den revolutionären Institutionen, also mit den Bonyads, den religiösen Stiftungen mit enormem wirtschaftlichem Einfluss, mit den Revolutionsgarden als ideologischem Machtapparat und mit informellen Netzwerken im Klerus.

Macht zirkuliert dort ganz bewusst. Offiziere der Revolutionsgarden können in die Führung einer Bonyad wechseln, später ins Parlament oder in eine kulturelle Stiftung. Entscheidungen entstehen nicht sauber entlang formaler Hierarchien, sondern in überlappenden, halb zufälligen Komitees, oft im Konsens unter Hardlinern. Analysten beschreiben dieses Geflecht deshalb als „military bonyad complex“, also als dichtes, sich selbst reproduzierendes Netz aus militärischen, wirtschaftlichen und religiösen Akteuren.
Verstärkt wird das durch die sogenannte „Mosaic Doctrine“ der Revolutionsgarden, die Befehlsgewalt auf 31 provinziale Kommandos verteilt, die im Zweifel auch ohne zentrale Anweisung handlungsfähig bleiben.
Ein unerschütterliches System bekommt Schlagseite
Grosse Teile des alten Netzwerks sind ausgeschaltet. Der Tiefenstaat hat entscheidende Verluste erlitten. Die Kleriker haben ihre Führungsfigur verloren, die Revolutionsgarden sind nicht geeint, verfügen aber im Moment über sehr viel Macht. Präsident Massud Peseschkian bleibt blass, auch wenn er viel mit Emmanuel Macron oder anderen Staatsführern telefoniert. Entscheidungen trifft er sicher nicht. Der Tiefenstaat hat etwas Schlagseite bekommen:
𝟭. Die Führungsebene ist stark dezimiert worden. Die gezielten Angriffe vom 28. Februar 2026 und in den Folgewochen trafen den innersten Zirkel mit chirurgischer Präzision. Chamenei selbst, sein Sicherheitsberater Schamchani, Spitzen der Revolutionsgarden und Bassidschi, die Liste liest sich wie eine systematische Ausschaltung jener Leute, die jahrzehntelang die informellen Fäden in der Hand hielten.
𝟮. Charismatischen Persönlichkeiten fehlen. Die Ernennung Modschtaba Chameneis war kein Ausdruck breiter Legitimität in der Expertenversammlung, sondern ein Kompromiss unter Druck von den Garden. Er gilt als Hardliner, aber ohne die spirituelle oder revolutionäre Aura seines Vaters. Zudem ist er seit dem Bombardement auf den Kreis der Erlauchten öffentlich nicht in Erscheinung getreten. Neue Figuren mit echter Autorität fehlen.
Das System kann nicht nach Bedarf neue Soleimanis oder neue Chameneis aus dem Boden stampfen. Mohsen Rezaei, Mohammad Bagher Solghadr oder Mohammad Ali Dschafari, die allesamt aus dem Netzwerk des Tiefenstaats stammen und noch nicht eliminiert wurden, arbeiten zum Teil in neuen Positionen, zum Teil aus dem Hintergrund, doch können auch sie nicht Soleimani oder Chamenei ersetzen.

𝟯. Das Geflecht der interdependenten Verantwortlichen ist durchschnitten. Früher basierten Status und Einfluss vor allem auf persönlicher Nähe zum inneren Kreis um Chamenei, also auf einem Netzwerk von etwa 15 bis 20 Personen, die über Jahrzehnte Loyalitäten aufgebaut hatten. Dazu gehörten die Laridschani Brüder, Hossein und Mehdi Taeb, Kamal Charazi, Schamchani sen und jr. und viele andere. Dieser Kreis existiert in dieser Form nicht mehr. Die Rotation zwischen Garde, Wirtschaft und Politik funktionierte nur, solange diese informellen Bindungen intakt waren.

Jetzt klaffen dort Lücken, die formale Hierarchien schlicht nicht füllen können. Von aussen sieht das Regime noch immer aus wie ein Staat. Im Inneren bleibt es aber das alte revolutionäre Heyati Geflecht aus den 1970er Jahren, informell, persönlich, kollektiv haftbar und genau deshalb erstaunlich widerstandsfähig gegenüber gezielten Schlägen.
Schiitische Mythologie in Ideologie gegossen
Diese strukturelle Dezentralität wird durch eine tief verwurzelte Ideologie noch verstärkt, die rationales Denken systematisch aushebelt. Ein nüchterner Verstand würde wirtschaftlichen Kollaps, militärische Niederlagen und das blanke Überlebensinteresse sehen und daraus Kompromisse ableiten. Die schiitisch geprägten Überzeugungen in der Staatsideologie fokussieren etwas anderes. Im Zentrum steht die Schlacht von Karbala im Jahr 680 n. Chr. Damals stand Imam Hussein, der Enkel des Propheten, einer übermächtigen Armee gegenüber.
Er hätte sich zurückziehen oder verhandeln können, stattdessen entschied er sich für den sicheren Tod. Militärisch verlor er, spirituell gewann er. Sein Martyrium wurde zum ewigen Symbol des gerechten Widerstands gegen Ungerechtigkeit. Für das Regime ist Leiden deshalb kein Zeichen von Schwäche, sondern von moralischer Überlegenheit. Echte Niederlage wäre aus dieser Sicht nur Kapitulation. Dazu kommt der Mahdismus, also die endzeitliche Erwartung der Rückkehr des verborgenen Imams, des Mahdi.
Viele Hardliner innerhalb der Revolutionsgarden sehen in zusätzlichem Chaos, Krieg und Blutvergiessen kein Zeichen des Scheiterns, sondern ein göttliches Signal. Je schlimmer die Lage, desto näher aus ihrer Sicht die Apokalypse und damit der endgültige Triumph der Schiiten. Der Oberste Führer gilt dabei als Stellvertreter des Mahdi, das Prinzip des Welajat-e Faghi. Jede Krise wird so zur göttlichen Prüfung, nicht zum strategischen Versagen. Diese Denkmuster sind seit den 2000er Jahren fest in der Ausbildung der Revolutionsgarden verankert.
Märtyrerkult baut auf Dauer
In diesem System bedeutet das physische Ausschalten von Personen nicht automatisch, dass ihr Einfluss verschwindet. Ghassem Soleimani starb 2020, aber sein Märtyrerkult und die Strategie der „Achse des Widerstands“ leben bis heute fort. Khameneis Ideologie des totalen Widerstands gegen die USA und Israel ist nicht einfach mit ihm gestorben. Der eigentliche Bruch käme erst dann, wenn die Idee selbst zerfällt. Genau hier liegt die grösste Schwachstelle des Systems, in öffentlicher Abtrünnigkeit und in Defektionen von Insidern.
Solange der Kreis der Revolutionsgarden, der Bassidschi und des Klerus geschlossen bleibt, trägt das Heyati System das Regime weiter. Wenn aber Schlüsselfiguren das System offen verlassen, vielleicht sogar unter Nutzung gescheiterter Verhandlungen wie in Islamabad als Ausstiegsrampe, dann entstehen Risse, die keine noch so präzisen Schläge hervorrufen können. Bisher gibt es nur vereinzelte Hinweise, etwa Bassidschi Einheiten, die sich weigerten zu schiessen, oder Gerüchte über Unzufriedenheit in unteren Rängen. Sollte sich das ausweiten, könnte der Schwarm seinen inneren Zusammenhalt verlieren.
Die Islamische Republik scheint nicht so schnell zu kollabieren, weil sie nie als klassischer Nationalstaat gebaut wurde. Sie ist ein klerikal-revolutionäres Netzwerk, bewusst dezentral organisiert und ideologisch auf Märtyrertum und Endzeitvorstellungen ausgerichtet. Das Heyati System und diese religiös genährten Überzeugungen machen das Regime weitgehend immun gegen rationale Druckmittel, solange die zugrunde liegende Idee intakt bleibt. Genau darin steckt aber auch die Schwachstelle.
Das System lebt von innerer Loyalität und kollektivem Glauben. Raketenschläge und Sanktionen schwächen es, aber Massendefektionen und ideologische Erosion könnten es wirklich brechen. Die Islamische Republik ist so geschwächt wie lange nicht mehr. Aber sie stirbt nicht von einigen Schlägen. Sie stirbt erst dann, wenn genügend Mitglieder der staatstragenden Netzwerke den Glauben an die Staatsdoktrin verlieren.
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