Die Krake aus Teheran – Emmmanuel Razavi bei einer Reportage im iranischen Kurdistan für Paris Match © Alfred Yaghobzadeh
„Die Krake aus Teheran“ („La Pieuvre de Téhéran“) ist ein fundiertes Werk über die vielfältigen Machenschaften der Agenten der Islamischen Republik Iran in Frankreich sowie über die Gefahren eines zutiefst ideologischen Regimes und seiner Propaganda für die westlichen Gesellschaften. Emmanuel Razavi und Jean-Marie Montali sind die Autoren dieser Recherchen über die Spionage- und Einflussnetzwerke des Iran in Frankreich und weltweit. Emmanuel Razavi hat sich die Zeit genommen, einige relevante Fragen zu beantworten.
Emmanuel Razavi ist ein französischer Reporter, Journalist und Autor, der sich auf internationale Fragen und insbesondere den Nahen Osten spezialisiert hat. Er ist bekannt für seine Recherchen und Dokumentarfilme zu Themen wie der Islamischen Republik Iran, der Muslimbruderschaft, Katar und den Konflikten im Nahen und Mittleren Osten. Der studierte Politikwissenschaftler hat mit grossen Redaktionen wie Paris Match zusammengearbeitet und Dokumentarfilme gedreht, die auf Sendern wie Arte und M6 ausgestrahlt wurden.

„Die Krake aus Teheran“. Interview über das Regime im Iran.
Helmut N. Gabel, mehriran.de: Sie haben zusammen mit Jean-Marie Montali ein Buch über den Export der islamistischen Revolution des Regimes in Iran nach Frankreich geschrieben (La Pieuvre de Téhéran) und zahlreiche Interviews zu diesem Thema gegeben. Was hat sich seit der Veröffentlichung in der öffentlichen Debatte über die Bedrohung geändert, die die Agenten des Regimes für iranische Dissidenten und für den sozialen Frieden in der französischen Gesellschaft darstellen?
Emmanuel Razavi: Zunächst einmal ist es wichtig zu wissen, dass die französischen Spionageabwehrdienste seit langem sehr gut über die Spionage- und Einflussoperationen des iranischen Geheimdienstes in Frankreich informiert sind. Daher gehen sie wirksam gegen sie vor. Seit Bruno Retailleau ins Innenministerium gekommen ist, sind auch die Ermittlungen gegen iranische Einflussagenten in Frankreich beschleunigt worden.
Aber lassen Sie uns klar sein: Innenminister Bruno Retailleau ist der erste, der seit langem solche Massnahmen in Frankreich ergreift. Auf politischer Ebene haben wir also einen gewissen Rückstand, denn in Frankreich hat die Islamische Republik seit 45 Jahren Universitäten, insbesondere linksradikale politische Parteien und diplomatische Kreise infiltriert. Allerdings beginnt die Öffentlichkeit dank Büchern wie dem, das ich zusammen mit Jean-Marie Montali geschrieben haben, sich dessen bewusst zu werden. Fernsehsender wie Cnews und LCI, Radiosender wie Europe 1 und Zeitungen wie Le Figaro haben unsere investigative Arbeit vielfach aufgegriffen, und das ist sehr wichtig.
Die Atomfrage
HNG: Welche Folgen könnte es für Frankreich und Europa haben, wenn die europäische Politik dem Regime in Iran weiterhin freie Hand lässt und trotz besseren Wissens auf die atomare Bedrohung durch das Regime mit endlosen Verhandlungen reagiert, aber die Agenten und die Propaganda des Regimes weiterhin gewähren lässt?
Emmanuel Razavi: Sie sprechen von einer doppelt wichtigen Herausforderung. Denn die Einflussnahme des iranischen Geheimdienstes hängt vorwiegend mit der Atomfrage zusammen. Die Führung der Islamischen Republik will nämlich die Botschaft vermitteln, dass ein Iran mit Atomwaffen nicht gefährlich ist. In Wirklichkeit will sie die Bombe, um zum wichtigsten Akteur im Nahen Osten zu werden und politisch mehr Gewicht gegenüber ihren arabischen Nachbarn zu erlangen. Tatsache ist, dass die Existenz Israels bedroht wäre, wenn die Islamische Republik morgen die Atombombe hätte.
Man muss nur die Reden von Chomeini seit 1963 in Qom lesen, bis hin zu denen mehrerer iranischer Würdenträger, hauptsächlich der Anführer der Revolutionsgarden, um zu verstehen, dass ihre Strategie gefährlich ist. Parallel zu dieser Strategie der Einflussnahme in der Atomfrage haben die iranischen Geheimdienste seit Anfang der 1980er Jahre unsere Universitäten, das politische Gefüge Europas und unsere Diplomatie infiltriert.
Das Ziel dieser Infiltrationsstrategie: „Die europäische öffentliche Meinung zu formen“, damit sie sich für friedliche Beziehungen zum islamischen Regime und seinen palästinensischen Stellvertretern wie der Hamas und der PFLP oder auch der Hisbollah im Libanon ausspricht.
Wenn wir dies weiterhin zulassen, riskieren wir einen Bürgerkrieg in mehreren europäischen Ländern, da es den iranischen Geheimdiensten gelungen ist, einen Teil unserer Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die Hamas und die PFLP Widerstandsbewegungen und keine terroristischen Organisationen sind.
Sie haben auch opportunistische Verbindungen zur Muslimbruderschaft in Frankreich geknüpft und eine tödliche Sache akzeptabel gemacht, nämlich den islamistischen Kommunitarismus, der die Stabilität der europäischen Länder, angefangen bei Frankreich, bedroht. All dies trägt dazu bei, die Gräben zu vertiefen.
Aus meiner Sicht als Journalist, der zu diesem Thema recherchiert, müssen alle Verhandlungen mit dem iranischen Regime über das Atomprogramm eingestellt werden, da es nicht vertrauenswürdig ist, und mehrere iranische Botschaften in Europa geschlossen werden, die als Aussenstellen des iranischen Geheimdienstes fungieren. Schliesslich muss die säkulare und demokratische Opposition im Iran, die eine Zukunftsperspektive für den Iran und für die Stabilität im Nahen Osten darstellt, eindeutig unterstützt werden, indem man ihr hilft, eine Koalition zu bilden.
Ein Regime, das unseren Interessen feindlich gegenübersteht
HNG: Welche Staaten, Politiker oder Institutionen in Frankreich und Europa müssen Ihrer Meinung nach handeln, um Ihre Forderungen umzusetzen und das Regime im Iran zu beenden?

Emmanuel Razavi: Ich persönlich habe keine Forderungen. Ich bin Auslandskorrespondent, arbeite für grosse Medien wie Paris Match oder Franc-Tireur und bin kein Aktivist. Obwohl ich französisch-iranischer Herkunft bin, bleibe ich rational und halte mich nur an das, was ich vor Ort sehe oder feststelle. Davon abgesehen muss der französische Staatspräsident Emmanuel Macron einen Kurswechsel in den Beziehungen zur Islamischen Republik einleiten. Er muss die säkularen und demokratischen Oppositionskräfte mit einer klaren Linie unterstützen.
Wenn er dies nicht tut, wird Frankreich eine historische Chance verpassen. Denn mit einem Durchschnittsalter von 32 Jahren im Iran und 81 % der Iraner, die laut einer im Juli 2025 vom Institut Gamaan durchgeführten und von der renommierten französischen Denkfabrik Fondapol veröffentlichten Studie, das Konzept der Islamischen Republik ablehnen, ist es offensichtlich, dass das Regime ohnehin zum Scheitern verurteilt ist.
Hinzu kommt, dass es auf zwei Dritteln des iranischen Territoriums kein Trinkwasser mehr gibt, dass es Stromausfälle von bis zu 12 Stunden pro Tag gibt, dass es kein Brennholz mehr gibt, obwohl der Herbst und dann der Winter bald vor der Tür stehen. Es ist ein grosser Fehler, weiterhin mit den Mullahs zu verhandeln, die an der Spitze eines Regimes thronen, das am Abgrund steht.
Das sage ich auch dem französischen Aussenminister Jean-Noël Barrot. Er kann nicht weiter eine Linie verfolgen, die den Menschenrechten im Iran schadet, indem er mit einem mafiösen und terroristischen Regime in Iran verhandelt, das, wie Jean-Marie Montali und ich in unserem Buch erklären, auch ein Drogenstaat ist. Auf innenpolitischer Ebene muss Frankreich die Botschaft der Islamischen Republik Iran in Paris schliessen und alle dort tätigen Diplomaten ausweisen.
Sie ist ein Nest von Spionen und Einflussagenten. Diese Leute dienen zudem einem Regime, das unseren Interessen feindlich gegenübersteht, und haben in einem Land wie Frankreich, das die Menschenrechte verteidigt, nichts zu suchen.
HNG: Vielen Dank für Ihre Einschätzung der Risiken, die das Regime in Iran für die französische Gesellschaft und andere europäische Gesellschaften darstellt.
© Helmut N. Gabel, mehriran.de, 26.08.2025, „Die Krake aus Teheran“. Interview über das Regime im Iran.



