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Warum werden Sufis im Iran verfolgt?

Beitrag Dr. Mostafa Azmayesh bei der Jahreshauptversammlung der IGFM am 19.März 2011.

 

 

Wir fächern dieses Thema in drei Fragen auf. Was macht einen Sufi aus? Welche Stellung haben Sufis heutzutage im Iran? Warum werden Sufis im Iran verfolgt?

Was macht einen Sufi aus?

Sufis interessieren sich für eine sogenannte substanzielle Entwicklung ihres Wesenkerns. Sie wenden verschiedene Methoden an, um ihre geistig-seelischen Fähigkeiten zu entfalten. Sufitum an sich hat in keinstem Sinne mit irgendeiner Religion etwas zu tun. Dieser Schulungsweg ist älter als jede bekannte Religion. Dieser Schulungsweg hat Selbsterkenntnis zum Ziel. Seine Grundlagen sind die Selbsterforschung und die Bewusstwerdung über den eigenen Schöpfer. Mit anderen Worten kann man auch sagen, dass Sufitum ein Schulungsweg ist, um Selbsterkenntnis zu üben und den eigenen Sinn in dieser Welt zu entdecken.

Sufitum ist ein Kompendium verschiedener Methoden, die dem Sufi-Schüler ermöglichen seine veranlagten Bewusstseinsfähigkeiten zur Entwicklung zu bringen. 

Das Wort Sufi kam nach der Eroberung iranischer Gebiete durch die arabischen Heere auf. Davor galten die Klöster in diesen iranischen Gebieten als Orte der Meditation und des Gebets gewisser Gottessucher, die Gnostiker genannt wurden. Nach dem Aufkommen des Islams und der Invasion jener Gebiete durch muslimische Armeen wechselte die Bezeichnung dieser gnostischen Klöster in Sufi-Klöster. So kam es laut historischer Dokumente, dass Sufitum Teil der muslimischen Länder und der muslimischen Zivilisation wurde.

Man kann im Sufitum von verschiedenen Orden sprechen. Diese Orden und Nachfolgen von Einweihungen in Weisheitslehren gehen zurück auf das Leben und Wirken der Heiligen wie Ali, Mohammed, die Apostel, Jesus, Johannes der Täufer und andere spirituelle Lehrer. Die verschiedenen Sufi Orden sind parallel nebeneinander arbeitende Schulen, die von Bulgarien bis nach China ihre Ausbreitung fanden. In den letzten dreißig Jahren haben sie sich noch weiter ausgebreitet, vor allem entstanden Zweige in Kanada, den USA und Australien. Diese setzen sich zumeist aus muslimischen Derwischen zusammen, die in die genannten Länder ausgewandert sind.

Welche Stellung haben Sufis heutzutage im Iran?

Die Anzahl der Sufi-Orden im Iran und die Anzahl der Sufis im Iran ist in keiner offiziellen Statistik erfasst. Man kann jedoch ganz allgemein sagen, dass in Balutschistan, in Sistan, in Kurdistan, in Lorestan und in anderen Gebieten gewisse Sufi-Traditionen eine Vermischung mit dem Alltagsleben eingegangen sind. Dort ist dann ein Neugeborenes von Geburt an Sufi. In diesen grenznahen Regionen leben viele bedeutende Sufi-Sippen und Familien von Sufis.

In anderen Regionen, vor allem in Städten wie Isfahan, Schiras, Täbris, Teheran, etc existieren andere Sufi-Orden wie zum Beispiel Ahl-e-hagh, Zahabi oder Nematollahi. Einer der Zweige der Nematollahi heißt Gonabadi und besteht laut eigenen Statistiken aus 4 Millionen Menschen, die im ganzen Iran verbreitet sind. Der Name Gonabadi leitet sich von der Stadt Gonabad im Nordosten Irans ab, wo sich die Schreine einiger bedeutender Meister des Ordens befinden.

Im heutigen Iran wurden in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Sufi-Orden wie Oveissi, Ahl-e-hagh, Zahabi, die Anhänger von Dr. Nurbaksch, einem weiteren Nematollah Zweig, u.a. gezwungen das Land zu verlassen. Einer der bedeutendsten Orden, der im Iran noch starken Zulauf hat ist der Gonabadi Orden.

Von Anbeginn der Revolution haben die Hardliner unter den Revolutionären begonnen gegen den guten Ruf der Sufis im Land und vor allem gegen den Gonabadi Orden vorzugehen. Seit jener Zeit waren die Hosseinyehs, die Gebetshäuser der Sufis im Iran verschiedensten Angriffen ausgesetzt und wurden mit Baggern zerstört und abgetragen. Die Sufis selbst wurden verfolgt. Man kann von einer offenen, religiösen Apartheid gegen die Derwische sprechen, obwohl die Derwische Muslime sind und Teil der muslimischen Kultur. Ihre Rechte respektiert das Regime nicht.

Seit sechs Jahren haben die Angriffe gegen die Derwische unter der Führung von Ali Khamenei eine gewisse Regelmäßigkeit erlangt und das Vorgehen wirkt gut durchgeplant. Im Februar 2006 (Moharram, 1384 nach persischem Kalender) lagen 40 Bücher vor, die allesamt dem Zweck dienten, Sufitum und Sufis zu verleumden und den Bassidschi unter der Führerschaft der Pasdaran als Antrieb galten das große Gebetshaus der Nematollah Gonabadi Sufis in Qom anzugreifen und dem Erdboden gleich zu machen. 1.450 Derwische wurden an diesem Tag verhaftet und in das Sahedi Gefängnis der Pasdaran nahe Qom verbracht. Zwei Jahre (2008/1386) später zerstörten dieselben Kräfte ein Gebetshaus der Sufis in Boroudscherd und 2009/1387 zertrümmerten sie das Zentrum der Gonabadi Derwische in Isfahan.

Warum werden Sufis im Iran verfolgt?

Um die Gründe dieser regelmäßigen Zerstörungen und Verfolgungen zu verstehen, wenden wir unseren Blick auf die eigentliche Natur von religiösem Faschismus, welcher das Land mehr und mehr in seinen Griff bekommt. Das Regime toleriert keine religiösen oder ethnischen Minderheiten, keine religiöse oder ethnische Pluralität im Iran. Diese Leute streben einen Iran an, der Nord Korea gleicht in Uniformität, wo es keine abweichende Meinung geben darf, geschweige denn politische Vielfalt. Jeder Bürger soll sich der Führung von Ali Khamenei beugen, nicht nur als gehorsamer Untertan, sondern als inbrünstiger Anhänger von Velayat-e-faghi unter der Führung von Ali Khamenei. Die Ideologen des Regimes wollen Ali Khamenei zum Imam erheben, einem absoluten religiösen Führer. Darunter sollen die Bürger als seine Sklaven leben und absoluten Gehorsam zeigen. In diesem faschistischen System bleibt kein Raum für andere Weltanschauungen, andere Meinungen oder andere Religionen.

Das Regime geht nicht gegen die Derwische vor, weil sie sich etwa gegen das Regime oder das System gestellt haben, sondern weil die Angriffe gegen die Derwische mit dem Wesen dieses Regimes zu tun haben und da heraus ihren Anfang nehmen.

Nach den Präsidentschaftswahlen im Juni 2009/1388 begann eine neue Dimension der Auseinandersetzungen zwischen den Behörden und den Derwischen, weil die Derwische sich geschlossen hinter den Präsidentschaftskandidaten Mehdi Karoubi gestellt hatten. Das diente den Behörden wiederum als effektiver Anschuldigungsgrund gegen die Derwische. Das Regime gebraucht in diesem Zusammenhang das Wort Fitneh (Beschwörer von Krisen/Unruhestifter). Man beschuldigt Karoubi und Mousavi die Führer der Fitneh im Iran zu sein, während die Derwische als Soldaten dieser Fitneh gegen die Stabilität des Landes und des Systems im Iran bezeichnet werden.

Nachdem Karoubi und Mousavi von ihrer Umgebung isoliert wurden und unter strenger Bewachung stehen und nachdem Rafsandschani von der Macht verdrängt wurde, sind zahlreiche Anti-Sufi Webseiten und Webblogs reaktiviert worden, auf denen Artikel mit wüsten Beschimpfungen erschienen sind. Dies kann als ein Signal gewertet werden, dass das Regime wieder massive Aktionen gegen die Sufis plant.