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Verfolgt, verfemt, vernichtet – warum das Regime in Iran Sufis bedroht

mehriran.de - Das Regime in Iran verfolgt seit Jahrzehnten ethnische und religiöse Minderheiten. Es geht sogar gegen die in der iranischen Kultur tief verwurzelten muslimischen Sufis vor. In Europa ist die Öffentlichkeit sehr wenig vertraut mit der Ideologie des Regimes in Iran. Einige iranische Dissidenten warnen eindrücklich und nachhaltig vor der Ausbreitung dieser spezifischen Ideologie auch in Europa.

Dr. Tabandeh, Dr. Azmayesh, Schah Nematollah Vali

mehriran.de - Das Regime in Iran verfolgt seit Jahrzehnten ethnische und religiöse Minderheiten. Es geht sogar gegen die in der iranischen Kultur tief verwurzelten muslimischen Sufis vor. In Europa ist die Öffentlichkeit sehr wenig vertraut mit der Ideologie des Regimes in Iran. Einige iranische Dissidenten warnen eindrücklich und nachhaltig vor der Ausbreitung dieser spezifischen Ideologie auch in Europa.

Sufitum - ein Weg geistiger Schulung 

Für spirituell gesinnte Menschen ist das Leben auf Erden ein Erfahrungsfeld, um seelische Reife zu erlangen. So auch für Sufis. Sie interessieren sich für das, was den Menschen in seinem Innersten zusammenhält und wie dieser Wesenskern mit seinen vielfältigen Potentialen zur bestmöglichen Entfaltung gebracht werden kann. Dadurch liegt es in der Natur der Sufi oder Derwisch genannten Menschen, Werte wie Toleranz, Frieden, Solidarität, Verantwortung und Selbstbestimmung zu leben.

Sufitum an sich hat mit Religion nichts zu tun. Dieser Schulungsweg ist älter als jede bekannte Religion. Sein Ziel ist tiefe und wahrhaftige Selbsterkenntnis, wodurch eine Begegnung mit der ursprünglichen Schöpferkraft erlangt werden kann. 

Sufitum ist ein Kompendium verschiedener Methoden, die ein Mann oder eine Frau unter der Aufsicht eines erfahrenen Lehrers individuell nach bestimmten Folgen ausüben kann. Es werden sowohl Konzentrations- als auch Atemübungen praktiziert und notwendigerweise die kontinuierliche Überprüfung des eigenen Denkens, Fühlen und Handelns, sowie der eigenen Handlungsmotive. In gemeinsamen Veranstaltungen spielt oft die verbindende Kraft spiritueller Musik und poetischer Rezitationen eine wichtige Rolle.

Das Wort Sufi kam nach der Eroberung iranischer Gebiete durch die arabischen Heere auf. Davor galten dort die Klöster als Orte der Meditation und des Gebets gewisser Gottessucher, Gnostiker genannt. Nach dem Aufkommen des Islams und der Invasion jener Gebiete durch muslimische Armeen änderte sich die Bezeichnung dieser gnostischen Klöster in Sufi-Klöster. So kam es, dass Sufitum Teil der muslimischen Zivilisation wurde. 

Es gibt viele verschiedene Sufi-Orden. Sie gehen zurück auf das Leben und Wirken der Heiligen wie Ali, Mohammed, die Apostel, Jesus, Johannes der Täufer und früherer spiritueller Lehrer. Es sind parallel arbeitende Schulen, die in früheren Zeiten ihre Ausbreitung von Bulgarien bis nach China fanden. In den letzten vierzig Jahren sind durch Flucht, Vertreibung und Auswanderung Zweige in Europa, Kanada, den USA und Australien entstanden. 

In den letzten Jahrzehnten wurden unter anderem Oveissi, Ahl-e-hagh, Zahabi, die Anhänger von Dr. Nurbaksch, einem weiteren Nematollah Zweig, gezwungen das Land zu verlassen. Einer der bedeutendsten Orden, der im Iran noch starken Zulauf hat, ist der Nematollah Gonabadi Orden. 

Die Stellung der Sufis im heutigen Iran

Die Anzahl der Sufi-Orden und der Sufis im Iran ist in keiner offiziellen Statistik erfasst. In manchen ländlich geprägten Regionen sind Vermischungen zwischen Sufitum und ethnischen Zugehörigkeiten entstanden, so dass ein Kind von Geburt an durch seine Familienzugehörigkeit Sufi ist. Vor allem in Städten wie Isfahan, Schiras, Täbris, Teheran jedoch, existieren Sufi-Orden wie Ahl-e-hagh, Zahabi oder Nematollahi. Einer der Zweige der Nematollahi heißt Gonabadi und besteht laut eigenen Statistiken aus 4 Millionen Menschen in ganz Iran. 

Von Anbeginn der Revolution im Jahr 1979 haben die Hardliner unter den Revolutionären begonnen, gegen den guten Ruf der Sufis im Land und vor allem gegen den Gonabadi Orden zu agitieren. Seit jener Zeit sind die Gebetshäuser der Sufis im Iran Angriffen ausgesetzt und einige bedeutende Zentren sind mit Baggern zerstört und abgetragen worden. Die Sufis selbst, Frauen wie Männer, wurden verhaftet und verfolgt. Man kann von einer offenen, religiösen Apartheid gegen die Derwische sprechen, obwohl die Derwische Muslime sind und Teil der muslimischen Kultur. Ihre Rechte respektiert das Regime nicht.

Seit dem Jahr 2005 haben die Angriffe eine gewisse Regelmäßigkeit erlangt. Das Vorgehen der Angreifer wirkt gut durchgeplant. Im Februar 2006 lagen 40 Bücher vor, die allesamt dem Zweck dienten, Sufitum und Sufis zu verleumden und den Bassidschi unter der Führung der Pasdaran als Anlass galten, das große Gebetshaus der Nematollah Gonabadi Sufis in Qom anzugreifen und dem Erdboden gleich zu machen. 1.450 Derwische wurden an diesem Tag verhaftet und in das Sahedi Gefängnis der Pasdaran nahe Qom verbracht. Zwei Jahre (2008) später zerstörten dieselben Kräfte ein Gebetshaus der Sufis in Boroudscherd und 2009 zertrümmerten sie das Zentrum der Gonabadi Derwische in Isfahan. Schon 2007 wurde in Karadsch gegen Sufis agitiert.

Nach den Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 begann eine neue Dimension der Auseinandersetzungen zwischen den Behörden und den Derwischen. Die Derwische hatten sich geschlossen hinter den Präsidentschaftskandidaten Mehdi Karoubi gestellt. Das nutzten die Behörden wiederum, um die Derwische als Unruhestifter (fitneh) zu beschuldigen und viele ins Exil oder ins Gefängnis zu schicken.

Im Februar 2018 kulminierten die Versuche des Regimes den Gonabadi Orden mit seinem Leiter Dr. Nour Ali Tabandeh unter Kontrolle zu bringen darin, dass Sicherheitskräfte das Haus von Tabandeh abriegelten und ihn unter Hausarrest stellten. Dabei gingen die Sicherheitskräfte mit brutaler Gewalt gegen Protestierende vor. Einige Derwische wie Mohammad Salas und Mohammad Radschi wurden durch das Regime getötet, viele wurden verletzt, zu Haftstrafen verurteilt oder in abgelegene Provinzen ins Exil geschickt.

Während Dr Tabandehs Hausarrest wurde er stark von der Außenwelt isoliert und seine Nachrichten an die Ordensmitglieder wurden durch Regime Agenten verfälscht weitergeleitet. Ein plötzlich einsetzender körperlicher Verfall des alten Mannes, der vorher laut ärztlicher Atteste gesund war, führte am 24.12.2019 zu seinem Tod. 

Das Regime schreckt auch nicht vor Bedrohungen von im Ausland lebenden Dissidenten zurück. Der von Tabandeh mit der Vertretung der Anliegen des Gonabadi Ordens im Ausland beauftragte Religionswissenschaftler und Jurist Dr. Seyed Mostafa Azmayesh, wird immer wieder mit dem Tod bedroht. Azmayesh hat über Jahre hinweg die Verfolgung verschiedenster Minderheiten in internationalen Gremien wie dem UN-Menschenrechtsausschuss, dem EU-Parlament und vor nationalen Gremien zur Sprache gebracht. Das Regime betrachtet die Veröffentlichungen von Details seiner Vorgehensweise gegen ungeliebte Gruppen und Individuen als feindlichen Akt, denn es möchte als moralisch sauber und höherwertig in der Welt wahrgenommen werden.

Warum werden Sufis im Iran verfolgt?

Um die Gründe dieser regelmäßigen Zerstörungen und Verfolgungen zu verstehen, sollten wir die eigentliche Natur von religiösem Faschismus sehen.

Das Regime toleriert keine religiösen oder ethnischen Minderheiten, keine religiöse oder ethnische Pluralität im Iran. Das Regime strebt einen uniformen Iran an, in dem es keine abweichende Meinung geben darf - geschweige denn politische Vielfalt. Jeder Bürger soll sich der Führung Ali Khameneis beugen, nicht nur als gehorsamer Untertan, sondern als inbrünstiger Anhänger der Staatsideologie (Velayat-e-faghi = Herrschaft des Obersten religiösen Führers). In diesem Rahmen sollen alle Bürger als seine Sklaven leben und absolut gehorsam sein. In diesem faschistischen System ist kein Raum für andere Weltanschauungen, andere Meinungen oder andere Religionen. 

Was das Regime in Iran am meisten fürchtet, ist ein Verlust der Legitimation seiner Staatsideologie, die Staatsführung und eine machtbasierte Interpretation von Islam verquickt. 

Azmayesh setzt hier immer wieder Akzente, die dem Regime weh tun. As er im Jahr 2008 über die Steinigung als anti-islamischem Prinzip referierte, griffen hohe Würdenträger im Iran seine Argumente auf, was letztlich dazu führte, dass die Steinigung aus dem Strafen Katalog der Justiz entfernt wurde.

Zuletzt zeigte Azmayesh in einem Video Beitrag auf, warum die im Iran vom Regime verordnete Zwangsverschleierung gegen koranische Prinzipien verstößt und handelte sich gleich eine Todesdrohung ein.

Sufis widerstrebt es Gewalt anzuwenden. Sie erwehren sich der brutalen und unrechtmäßigen Angriffe mit friedlichen Mitteln. Sie setzen sich aus Gründen der Solidarität uneigennützig für die Rechte anderer ein. Sie übernehmen Verantwortung dafür, sich selbst zu helfen. Doch brauchen sie auch die Unterstützung westlicher Politik - wenigstens aber die Möglichkeit die Öffentlichkeit über die Strategien, Pläne und Vorgehensweisen des Regimes in Iran zu informieren.

Helmut N. Gabel, © mehriran.de