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Iranischer Groß-Ayatollah demütigt Khamenei

Ali Khamenei, spirituelles Oberhaupt Irans, wird sich nur noch einige Wochen halten können, schätzt der Sufi-Meister Seyed Azmayesh aus Paris. Khameneis gefährlichster Widersacher ist Ayatollah Montazeri, einer der geistigen Köpfe der iranischen Revolution.

Die Ereignisse zum Ende von Ramadan waren eine tiefe Demütigung für Irans Obersten religiösen Führer. Schon die gegen ihn gerichteten Demonstrationen am letzten Freitag, dem „Jeursalem-Tag“, trafen ihn schwer. Doch den härtesten Schlag erhielt er von einem Mann, der seit 1989 unter Hausarrest steht, Groß-Ayatollah Montazeri. einst war er der Hauptideologe des Mullah Regimes.
Um die Ereignisse in kommunistischen Begriffen zu schildern: Karl Marx hätte etwas länger gelebt, hätte die Revolution miterlebt und danach den Kampf gegen Lenin oder Stalin aufgenommen. 
Einst nannte Montazeri Khamenei einen “gefälschten Ayatollah”, weil er nie eine Dissertation geschrieben hat. Dieses Mal bereitete er seinem Gegner Schmerzen mit einem Brief an alle 16 Groß-Ayatollahs. Groß-Ayatollahs haben oft unterschiedliche Meinungen, doch in diesem Fall hat Montazeri sie alle auf eine Spur gebracht. Er hatte eine geschlossene Aktion gegen Khamenei gefordert, die auch tatsächlich stattfand. Daraufhin muss selten jemand ein einsameres Zuckerfest gehabt haben als der Iranische Führer. 
Khamenei hatte angeordnet, dass Ramadan am Sonntag enden sollte. Doch ganz Iran fastete bis Montag mit der Unterstützung der höchsten geistigen Autoritäten. Auch frühere Anhänger des geistigen Führers hatten sich dem Protest angeschlossen. Montazeri war in seinem Brief noch einen großen Schritt weiter gegangen. Er verwarf seine eigene politische Ideologie. Um wieder die Karl Marx Variante zu denken: Marx rebelliert gegen sich selbst und zieht sein Werk „Das Kapital“ zurück. 
“Jeder stellt sich inzwischen gegen Khamenei, sowohl die Menschen auf der Straße, als auch die hohen Geistlichen“ sagt Seyed Azmayesh. Er verfolgt die Entwicklungen im Iran ganz genau. Azmayesh vertritt den Iranischen Gonabadi Sufi Orden im Ausland. Zahlreiche Nachrichten per e-mail und über andere Wege aus dem Iran halten ihn sehr beschäftigt.
Die Sufis hatten es in den vergangenen Jahren nicht leicht im Iran.
Weil sie eine persönliche Annäherung an Gott praktizieren und den traditionellen Schriften misstrauen, werden die Sufis von vielen orthodoxen Muslimen als halbe oder gar völlige Ungläubige betrachtet. Unter Präsident Ahmadinedschad trat eine Bewegung in Erscheinung, welche das Ende aller Zeiten vorhersagte. Es ist nicht zum ersten Mal, dass im Iran so etwas geschah. Am Ende aller Zeiten wird die Rückkehr des „Verborgenen Imams“ in Begleitung von Jesus erwartet. All das sollte in der heiligen Stadt Qom geschehen, was eine hysterische Atmosphäre erzeugte, in deren Folge die mystischen Sufis zum Opfer von Gewalthandlungen wurden. 
Azmayesh sieht jedoch im Moment erstaunliche Allianzen in den höchsten Ebenen der geistlichen Führer entstehen. Feinde von gestern verbinden sich mit moderateren Kräften gegen den geistigen Führer Ali Khamenei, alles auf Grund von Montazeris Initiative. 1989 verlor Montazeri die Gunst des Revolutionsführers Khomeini, weil er angesichts der erschreckenden Massenexekutionen politischer Gegner nach dem Krieg gegen den Irak 1988 öffentlich und heftig protestiert hatte. 
Bis zu seinem Fall, wurde er als Nachfolger des Obersten Führers der islamischen Revolution, Khomeini, gehandelt. Als Ideologe der Revolution hatte er die Theorie des “Velayat-e-faghi” - das Land muss von einem “religiösen Führer” gelenkt werden – entwickelt. 
Schon früher hat er immer wieder darauf hingewiesen, dass seine Ideen in ihr Gegenteil gekehrt wurden, da sie nicht in rechter Weise angewandt wurden. In seinem letzten Brief an seine gleichgestellten Groß-Ayatollahs allerdings, erweist er sich nun als Anhänger einer klaren Trennung zwischen Staat und religiösen Institutionen. 
Azmayesh: “Durch diese Aussage verliert Khamenei jegliche Legitimation. Diese Aktion Montazeris ist für Khamenei gefährlicher als eine Versammlung des Expertenrats, der ihn absetzen kann.“ 
Aber was ist mit den bewaffneten Milizen, den Bassidschi und den Pasdaran? Azamayesh: “Viele von ihnen sind ausgetreten. Das Regime stützt sich sehr stark auf Ausländer, wie libanesische Hisbollahi, irakische Unterstützer Moktada Sadrs und afghanische Schiiten. Es wird berichtet, dass viele der Polizisten, die letzten Samstag gegen die Demonstrationen vorgingen, kein Farsi sprachen. Besonders peinlich für das Regime waren wohl die Demonstranten, die skandierten: “Wir wollen für den Iran sterben, aber nicht für den Libanon oder für Palästina.”
Wie lange wird Khamenei noch an der Macht bleiben? „Vielleicht noch einige Monate”. 
Helmut N. Gabel auf der Grundlage eine Artikels in der niederländischen Tageszeitung Trouw  www.mehriran.de