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Golestanstrasse von der Umgebung abgeschnitten

Mehriran.de - Belagerung der Golestanstrasse geht weiter. Störsender sollen die Kommunikation der Belagerten verhindern.

Hinterlassenschaften der geflohenen Bassidschi-Agenten

Mehriran.de - In Teheran liegt dieser Tage viel Schnee. Man bereitet sich vor auf die Feierlichkeiten zum 39 - Jahrestag der Rückkehr des Revolutionsführers Ajatollah Khomeini in den Iran und den Beginn der sogenannten Islamischen Revolution. Am 1. Februar 1979 kehrte Khomeini zurück. Der 11. Februar gilt als Jahrestag der siegreichen Revolution. Diese Periode von zehn Tagen wird jährlich als Fadschr-Dekade (Dahe-ye Fadschr) oder Zehn-Tage-der-Morgendämmerung mit vielen vom Regime geförderten Veranstaltungen gefeiert.

Dass es in Iran nicht alles einfach ist und die Revolution anstatt die Herzen der Bevölkerung eher ihren Mut zum Widerstand gegen das Regime befeuert hat, sehen - neben vielen Exiliranern - mittlerweile auch Parlamentsabgeordnete in Iran und Männer der ersten Revolutionsstunden wie Mehdi Karroubi so. Frauen nehmen sich öffentlichkeitswirksam das Kopftuch ab, Proteste verschiedener benachteiligter Gruppen eskalieren zu Prügeleien mit Sicherheitskräften oder werden kurzerhand niedergeknüppelt. Doch die Proteste lassen sich kaum noch eindämmen.

Im Teheraner Pasdaran Viertel stehen sich seit Sonntag Hunderte bis Tausend Männer gegenüber, die gegensätzliche Ziele verfolgen. Vom Pasdaran Boulevard zweigt die Golestanstrasse (Land der Blumen/duftender Garten) ab. Hier liegt das Haus eines 90-jährigen Juristen und ehemaligen Richters, der seit dem Tod seines jüngeren Bruders seinen Beruf an den Nagel gehängt, um als Oberhaupt einer spirituellen Gemeinschaft mit langer Tradition in Iran diese zusammenzuhalten. Seine Anhänger nennen ihn Pol der Weisheit und respektieren ihn mit großer Ehrfurcht. Die Gemeinschaft geht auf den Gelehrten, Musiker und Dichter Schah Nematollah Vali zurück. Schah Nematollah war ein Sufi und praktizierender Musiker. Die Gemeinschaft, die auf ihn zurückgeht, trägt den Namen Nematollahia oder Nematollah Gonabadi Orden. Sie hat Anhänger in ganz Iran und mittlerweile durch die Flucht zahlreicher Mitglieder ins Ausland auch in Europa, Australien und den USA.

Dr. Noor Ali Tabandeh ist seit mehr als 25 Jahren Oberhaupt der angeblich 4-5 Millionen Mitglieder umfassenden Gemeinschaft. Der Orden hat in den letzten Jahren sehr viel Zulauf erfahren, da sich vor allem junge Leute vor der Islam Version ihres Regimes abgestoßen fühlten.

Zunächst wollten einige Bassidschi (paramilitärischen Einheiten) Agenten die Zugänge zur Golestanstraße kontrollieren und versuchten Checkpoints zu errichten. Sie wurden jedoch von den immer um das Haus ihres Oberhauptes sich aufhaltenden Derwischen daran gehindert und vertrieben. Seither eskaliert die Situation immer weiter. Die Bassidschi erwirkten einen Haftbefehl gegen Dr. Tabandeh und kehrten mit Verstärkung zurück. Doch auch die Derwische hatten ihr Netzwerk informiert, mehr und mehr Menschen strömten in die Golestanstrasse. Einige Angriffe mit Blendgranaten und Tränengas sind bereits abgewehrt worden. Die Sicherheitskräfte haben ihre höchsten Vertreter vor Ort, man berät über ein weiteres Vorgehen, offensichtlich haben die unterschiedlichen Vertreter jeweils andere Vorstellungen von dem Auftrag in der Golestanstrasse. Die Behörden haben den Netzverkehr in der Gegend stark gedrosselt. Umliegende Straßen sind gesperrt, sogar in angrenzenden Städten wurden Straßensperren an Ortsausgängen eingerichtet, um Derwische an der Fahrt nach Teheran zu hindern.

Es steht zu befürchten, dass die Sicherheitskräfte eine blutige Auseinandersetzung in Kauf nehmen. Zur Unterstützung der Derwische kommen andere Bewohner dazu. Die Nachbarn versorgen die Ausharrenden mit Getränken und Snacks. Es wäre nicht zum ersten Mal, dass man mit roher Gewalt den Widerstandsring der Derwische zu brechen versucht. 2009 wurde ein Versammlungshaus der Derwische in Isfahan zerstört, 2006 eines in der heiligen Stadt Qom, schon 1980 hatte ein Mob das Versammlungshaus der Derwische in Teheran niedergebrannt. Ähnlichen Verfolgungen waren schon die Nachfahren Schah Nematollah Valis ausgesetzt, die nach Indien flohen, um ihre Praxis abseits legalistischer Orthodoxie weiter zu pflegen.

Vielleicht gelingt es dieses Mal mit Hilfe der neuen Medien die Weltgemeinschaft über die Vorgänge zu informieren und die Behörden in ihrem Vorgehen zu bremsen.

© mehriran.de, Helmut N. Gabel