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Gefangen im eigenen Haus

mehriran.de - Das Ziel sei die Zerrüttung des Ordens, die Verdrängung des greisen Oberhaupts, um ihn von einer Marionette des Regimes zu ersetzen, sagt Vahid Beheschti, ein Aktivist der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte aus London, die sich vor allem auf die Machenschaften des Regimes in Iran fokussiert.

Mohammad Salas, Dr. Hadsch Nuur Ali Tabandeh, Dr. Seyed Mostafa Azmayesh

mehriran.de - Oberhaupt des Nematollah Gonabdi Ordens in Iran ist zur Zeit der 91-jährige Hadsch Nuur Ali Tabandeh, der als Jurist für seine herausragende Integrität und seinen selbstlosen Gerechtigkeitssinn bekannt ist. Seit 107 Tagen steht er unter Hausarrest, umringt von fünf Personen, die zwar würdige Mitglieder des Ordens sind, jedoch schon lange als Partner des iranischen Geheimdienstes und des Regimes gelten. Sie verfassen Briefe und Ansprachen an die Mitglieder des Ordens im Namen von Dr. Tabandeh mit dem Ziel die Derwische ruhig zu halten und keine weiteren Proteste zuzulassen. Der Verdacht der Aktivisten liegt nahe, dass das Regime Dr. Tabandeh auf elegante Art von seiner Umgebung und den Mitgliedern abschneidet. Die fünf Herren bilden wie einen sanften Abschirmring um den Leiter des Ordens, vermeintlich im guten Glauben, dass sie dadurch weiteres Blutvergießen verhindern. Denn Blut ist bereits geflossen. Im Februar 2018 sind Proteste von Derwischen gegen die zahlreichen Verfolgungen ihrer Gemeinschaft und Zerstörung ihrer Versammlungshäuser mit massiver und blutiger Gewalt niedergeschlagen worden.

Zahlreiche Verletzte, ein Toter - vielleicht mehrere - Hunderte Häftlinge und ein in die Mühlen der Justiz geratener verletzter Derwisch, dem man eine tödliche Busfahrt vorwirft waren ein Ergebnis des Vorgehens der Sicherheitskräfte. Die Proteste der Derwisch schlugen aber auch im Establishment der staatstreuen Mullahs hohe Wellen. Sie beschuldigten Dr. Tabandeh Auslöser der Proteste zu sein. Zudem stilisieren sie den Tod dreier Polizisten durch einen in die Menge fahrenden Bus zu einem Akt von Terroristen. Diese Busfahrt hat man einem schwerverletzten Derwisch, Mohammad Salas, angehängt, den man gezwungen hat vor laufender Kamera in völlig desorientiertem Zustand die Fahrt zu gestehen. Er wurde zum Tode verurteilt. Mittlerweile liege klare Beweise vor, die Herrn Salas Unschuld beweisen. Sicherheitsorgane im Iran brauchen aber einen Derwisch, dem sie etwas anhängen können, um im nächsten Schritt die größere Schuld bei Dr. Tabandeh, dem Leiter des Ordens zu suchen und ihn dadurch aus dem Weg zu räumen.

Durch Anstrengungen der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte wird der Fall von Mohammad Salas doch noch von einem neuen Gericht aufgerollt werden. Seine Anwältin, Frau Zeinab Taheri, ist es gelungen eine Bandaufnahme aus dem Gefängnis mit der Aussage von Salas zu schmuggeln, in der er der Version des Staatsanwalts und des Gerichts heftig widerspricht. Seither steht auch Frau Taheri unter Druck und wurde vom Teheraner Oberstaatsanwalt Dolatabadi beschuldigt, gegen Nationale Sicherheitsinteressen zu verstoßen. Sie musste eine hohe Kaution hinterlegen, um nicht im Gefängnis zu landen, wo sie ihre Tätigkeiten als Anwältin hätte ruhen lassen müssen.

Gleichzeitig haben die fünf Personen um Dr. Tabandeh einen Rückschlag hinnehmen müssen, denn mehrere berühmten iranischen Anwälte wie Shirin Evadi, Abdolkarim Lahidschi und Nasrin Sotoudeh haben darauf hingewiesen, dass die Unterschrift einer Person im Hausarrest keinerlei bindende Gültigkeit hat, solange sie selbst für sich sprechen könne. Das könnte wiederum öffnen das Tor für die Derwische öffnen sich für die Freilassung ihres Oberhauptes einzusetzen und sich nicht weiter durch die Dekrete der fünf angeblich im Namen von Dr. Tabandeh täuschen zu lassen. Der Ärger des Regimes auf diese neue Situation ließ nicht länger auf sich warten. Schon bald rief ein Agent des Regimes bei Dr. Seyed Mostafa Azmayesh zu Hause an und forderte seine Frau auf, er solle sich nicht mehr öffentlich äußern. Er bedrohte die Frau mit dem Tod und weitete die Todesdrohung auch auf die gesamte Familie aus. Dr. Azmayesh ist einerseits ein Sprecher von Dr. Tabandeh im Ausland, andererseits Mitglied in der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte. Das Regime wirft ihm umstürzlerische Absichten vor, weil er regelmäßig Menschenrechtsverletzungen anspricht und Informationen darüber in Europa und den USA an zuständige Stellen weitergibt, so dass das Regime wegen der schlechten Menschenrechtssituation im Land ständig unter Druck steht. Der Agent stellte sich mit einem Tarnnamen vor, Mohsen Radschavi, doch durch Recherchen von DorrTV, einem exiliranischen Internetsender, konnte der Mann dahinter identifiziert werden. Sein Name soll Abbas Mohammadi sein. Dieser Mann hat in einem zweiten Telefonat seine Drohungen gegen die Familie von Dr. Azmayesh wiederholt und sie auch gegen Vahid Beheshti, der viele oppositionelle Iraner in Interviews über die Situation im Iran zu Wort kommen lässt, ausgesprochen. Abbas Mohammadi versprach Agenten, die in England und Frankreich auf Aufträge warten, zu aktivieren, wenn weitere öffentliche Statements zu den Derwischen bekannt würden.


Mohsen Radschavi aka Mohammad Abbasi

Wenn Europa zulassen sollte, dass das Regime in Iran weiterhin seine Auftragsmorde hier durchführen wird, sehen wir düsteren Zeiten entgegen. Die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte ruft die Regierungen Europas auf, solchen Drohungen deutlich entgegenzutreten und den Agenten Irans entschlossener das Handwerk zu legen.

Die Organisation mahnt Europa Menschen zu schützen, die sich um die freie Ausübung von Bürgerrechten und Menschenrechten im Iran sorgen und Menschen dort in ihrem Kampf um Rechte und Freiheit unterstützen. 

© mehriran.de, Helmut N. Gabel