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Ein Blick in die Geschichte des Sufitums

Ausschnitt aus der Vorlesung vom 3. Schah Nematollah Vali Symposium in Sevilla, Spanien

Das Spielen auf der Daf bringt die Substanz der Seele hervor

Sufitum: Die Verwandlung von Blei in Gold

Die Schule der geistigen Entwicklung, durch welche der Geistsucher die verborgenen Anlagen seiner Seele ausformen kann, nennt man Pfad der Substantiellen Entwicklung. Diese Schule gab es schon lange, bevor der Islam auftrat. Viele Geistsucher haben die Methode dieser esoterischen Schule angewandt, um die ‚Perle ihres wirklichen Selbst‘ zu finden. Auch der Prophet Mohammad war ein Schüler dieses Pfads. Die wichtigste Quelle für die mystische Tradition der Selbstentwicklung vor dem Auftreten des Islam war das gnostisch-christliche Kloster in Bosra, Syrien. In dieser Schule der Gnostiker wurden viele Geistsucher eingeweiht. Sie sind unter dem Namen ‚Honafa‘ bekannt geworden. Mohammad hat seine Einweihung im Alter von 12 Jahren in diesem Kloster erfahren. Die Meister und Lehrer dieses Klosters in Bosra wurden ‚Bahira‘ oder ‚Mystiker‘ genannt. Ihre überlieferten mystischen Lehren, die auf Jesus zurückgehen, werden in einigen Versen des Korans erwähnt. Mit anderen Worten: der Koran hat ein Zeugnis für die Existenz dieser substantiellen Schule der christlichen Mystik gegeben. Manche Menschen setzten diese Tradition spiritueller Übungen fort, sogar nachdem sie zum Islam bekehrt worden waren. Sie waren die ersten Anhänger von Mohammad (As-Hab-e-Soffeh). Weil diese ersten Anhänger des Propheten eine Verbindung zum Koran hatten und rhythmische Texte daraus anwandten, bekam diese Vor-Islamische Tradition der substantiellen Entwicklung eine muslimische Färbung. Zweihundert Jahre nach der Geburt des Islam wurde diese Art unter dem Namen Sufismus oder Sufitum bekannt. Sufitum weist auf einen spirituellen Pfad, der von den geistigen Übungen des Propheten Mohammad abgeleitet wird. Die Übungen dieses Pfades hat viele spirituell Suchenden zu einer geistigen Erleuchtung gebracht und noch darüber hinaus. Der Koran beschreibt diesen Pfad an mehreren Stellen: „Geistgläubige, die sich Gott vergegenwärtigen, erhalten ein Licht, um Wahres von Unwahrem zu unterscheiden.“ „Der Pfad führt am Ende zu Gott.“ „Die, die Gott am meisten liebt, sind die, die sich seiner am stärksten erinnern.“

 

Erste Phase
In der ersten Phase kannte man die Lehre der Sufis als eine Mischung aus asketischem Leben und alchemistischen Praktiken. Die frühen Sufis suchten einen alchemistischen Prozess, um die niedere Natur der Leute in eine erleuchtete Menschennatur zu wandeln. Dieser Umwandlungsprozess wurde mit der Verwandlung von Blei in Gold verglichen. Dadurch betrachtete man die Lehrer dieses Pfades auch als ‚Goldmacher‘ oder Alchemisten. Dieses Wort ‚Alchemie‘ stammt aus dem arabischen ‚al-Kimia‘. Es bezeichnet die Kunst, Blei in Gold zu wandeln. Die ersten Sufi-Meister waren wirklich Chemiker und sie benutzten Ausdrücke der Chemie wie ‚filtern‘, ‚destillieren‘, ‚kristallisieren‘, ‚verschmelzen‘ und so weiter, um die einzelnen Stufen auf dem geistigen Entwicklungsweg zu beschreiben. Ein bekanntes Beispiel dieser Meister ist Jabir Ibn Hayyan, Vater der heutigen Chemie und im Westen unter dem Namen ‚Geber‘ bekannt. Diese Phase dauerte länger als zweihundert Jahre. Das Motto der Sufis lautete. „Herr, vervielfältige mein Wissen.“

Elixier
In dieser Phase entdeckte ein spiritueller Alchemist eine spezielle Methode einer alchemistischen Verwandlung. Durch die Anwendung von bestimmten Rhythmen aus der spirituellen Musik und durch Rückzugs- und Meditationspraktiken entdeckten die Sufis dieser Zeit das kraftvolle ‚Elixier‘ der substantiellen Verwandlung.

Khalvat (spirituelle Einkehr)
Die Tradition des Rückzugs und des Insichgehens stammt aus der Zeit vor dem Islam. Viele Asketen pflegten mindestens einmal im Jahr in die Zavieh (ein abgesonderter Ort zum Meditieren) zu gehen und dort Tage und Nächte in Einsamkeit zu verbringen. Der Prophet Mohammad ging in die Höhle auf dem Berg Hira. Er erhielt seine erste göttliche Offenbarung in dieser Höhle auf dem Hira, als er vierzig Jahre alt war. Der Gründer der Sufi-Schule hielt streng an dieser Tradition des Khalvat fest. Die Sufi-Meister schickten ihre Schüler auch einmal im Jahr über eine Periode von 40 bis zu 120 Tagen in ein solches Khalvat oder spirituelle Einkehr. Die Schüler verbrachten ihre Zeit in der Zavieh völlig abgeschlossen von der Außenwelt, um sich ganz der Kontemplation und der inneren Einkehr zu widmen. In der Einsamkeit der Einkehr schmolzen die negativen Aspekte, die den Fortschritt der Schüler behinderten, dahin. Die perfekte Konzentration und die eindringliche Durchführung des Zhekr und des Fekr (Methoden der Erinnerung an Gott) führten die Geistesschüler zu ihrem wahren Selbst.

Die Musik der Sufis
Ein weiterer Teil dieses inneren Elixiers war die mystische Musik, auch ‚Samâ‘ genannt. Auch die Tradition des ‚Samâ‘ lebte vor der Zeit des Islam. Es gibt viele Überlieferungen (Revâyat) über diese geschichtliche Tatsache, die von muslimischen Historikern wie Buchari stammen.

Zweite Phase

Rhythmen und die Kunst des Dichtens
Aufgrund von Äußerungen der sehr berühmten Freidenker Farâby, Hojwiri, Abul Khyr und Ibn Sina (Avicenna), die allesamt die Bedeutung der Musik und der Rhythmen für die spirituelle Entwicklung der Menschen hervorhoben, war das dritte und das vierte Jahrhundert der Hegira (9. und 10. Jahrhundert nach Christus) eine revolutionäre Periode in der Geschichte der Sufis. Die ganzen Volksweisen und die traditionelle Musik aus den Zusammenkünften der Sufis dieser Zeit wurden gesammelt und zu einer Methode der substantiellen Entwicklung geordnet. Die Methode beruhte auf einer klaren Übersicht und auf rationalen Einsichten, was die substanzielle Entwicklung des Menschen betraf. Die Forschungen von Khalil Ben Ahmad, der die Struktur persischer Dichtung (Arouz) begründete, wurden hierbei mit einbezogen. Ahmad war der erste Wissenschaftler, der die Theorie der inneren Schwingungen, auch ‚Zarb-e-khafy‘ genannt, entdeckte und der diese Theorie in Form der Silben ‚bahr e hazaj‘ vorstellte. Diese Entdeckungen bearbeitete Farâby in seinem Buch ‚Moussighy ol kabir‘ (Von der großartigen Kunst der Musik) weiter. Die wichtigste These des Buches spricht über das sogenannte ‚Qowl‘, was die rhythmisch-musikalische Rezitation einer Dichtung meint. Dieses Qowl umfasst vier Elemente, die zusammen wirken: den Rhythmus, die Melodie, die Harmonie und die innere Schwingung. Zur gleichen Zeit, etwa um die zweite Hälfte des vierten Jahrhunderts, schrieb Aly Hojviry Ghaznâvy das erste Dokument über die Samâ und ihre Rituale. In dem Buch mit dem Titel ‚Kashfol mahjoub‘ (Die Entdeckung der Geheimnisse) erklärt er im Detail alles Wissenswerte über die Tradition, das Ritual und die Kultur der Samâ in den Klöstern der Sufis. Ebenfalls zur gleichen Zeit fand auf dem Gebiet der Mystik eine weitere revolutionäre Entwicklung statt. Ein Zeitgenosse von Hojviry, der Abu Said Abul Khyr hieß, wandte zum ersten Mal die innere Struktur der persischen Dichtung als musikalische Unterstützung an, um die verborgenen Schwingungen der Rhythmen zur Geltung kommen zu lassen. Nach dieser Neuerung begannen die Sufis die mystischen Dichtungen in ihren ‚Khanegâs‘ (Klöstern) zu rezitieren. Abu Said war ein Zeitgenosse von Avicenna, dem Vater des Rationalismus im Osten. Avicenna entwickelte die mystischen, philosophischen und rationalen Thesen seines Lehrers und Meisters Faraby zu der geistigen Entwicklung des Menschen auf dem Pfad der substantiellen Entwicklung weiter. In seinem bedeutendsten und bekanntesten Buch ‚Shafâ‘ (Wiedergenesung) unterteilt Avicenna seine Philosophie in vier Bereiche: das Sein und das Nichtsein (voujoud va adâm), die Wissenschaft und der Weg Gottes (elm ol adyân), Selbsterkenntnis (ma’refat on nafs) und Mystik (erfan). In dem gleichen Buch findet sich ein detailiert ausgearbeitetes Kapitel über Mathematik, das er auch in vier Teile gliedert: Geometrie, Algebra, Astronomie und Musik. Er schrieb auch zwei miteinander zusammenhängende Bücher über Musik: ‚Al-lavâheg‘ (Ergänzungen) und ‚Almadkhâl fy sana atel mossighy‘ (Einführung in die Musiktheorie). Weiterhin schrieb er zu dem gleichen Thema Bücher wie ‚Daneshnâmeh Aly y‘ (Enzyklopädie für Aly) und ‚Annejât‘ (Loslösung). In seinem Buch ‚Al-esharat vat tanbyhat‘ (Anleitung zur Achtsamkeit) folgert Avicenna, dass man den Sufi-Pfad nur gehen kann, wenn man Einkehr und Samâ durchführt. Durch Lesen und Erklärungen suchen ist das nicht möglich. Er erläutert dass: „Durchhaltekraft, Rückzug, Meditation und Samâ im Allgemeinen zur Enthüllung der göttlichen Sphären führen, die nicht mit den irdischen Sinnen erfasst werden können.“

Qawwali und die Rezitationskunst
Wenn wir die Essenz aus allen Theorien und Entdeckungen des dritten und vierten Jahrhunderts zusammen nehmen, erfahren wir, dass eine musikalische Zeremonie der Sufis zweigeteilt ist: Qawwali und Instrumentalmusik. Qawwali ist eine spezifische Art, Dichtungen durch Betonung der Silben oder der ‚ighâ‘ zu rezitieren. Das Wort ‚Qawwali‘ heißt ‚Rezitieren‘ und ‚Qowl‘ sind durchrhythmisierte Verse. Der gesamte Koran kann durch seinen inneren Rhythmus als ein Qowl betrachtet werden. Zu Beginn vieler Verse heißt es: ‚Qoll‘, rezitiere! Von diesem Standpunkt kann man sagen, dass manche Propheten, zum Beispiel David, Qawwal waren. Es ist bekannt, dass sich während der ersten Jahre der islamischen Zeit viele Menschen durch die innere Resonanz der von Mohammad rezitierten Verse sehr angezogen fühlten. Qawwali ist die Kunst der mystischen Rezitation. Der zweite Teil der Samâ ist die Instrumentalmusik, welche die Rezitation ergänzt. Dieser Teil wird hauptsächlich auf Schlaginstrumenten wie der Daf, der Tombak, der Tabla und der Dohol gespielt, während das Spiel der Ney, der Zitter, der Harfe und anderer Saiteninstrumente das ‚tan-tan‘ der ‚Zarb‘ (Tombak) vervollständigt.
Weiterlesen im Buch
"Die Perle der Sufis" von Dr. Mostafa Seyed Azmayesh,
MEHRABY verlag, 2.Auflage, 22,00€ 
www.perledersufis.de www.mehraby-verlag.de