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Die politisch motivierten Verfolgungen von Sufis in Iran

Eine Zusammenfassung der Ereignisse seit M. Ahmadinedschads Amtsübernahme

Allerdings weist die lange Geschichte des Islam Spannungen zwischen dem Sufismus und dem orthodoxen Islam auf.

So sind Sufis (speziell Gonabadi-Derwische des Nematollahi-Ordens) im Iran in den letzten vier Jahren verstärkter Unterdrückung ausgesetzt. Im Februar 2006 kam es zu friedlichen Protesten von Angehörigen des Nematollahi-Ordens, nachdem die iranischen Behörden angeordnet hatten, dass die Sufi-Gemeinschaft ihr Gebetshaus (Hosseinieh) in Qom räumen sollte. Die friedlichen Proteste wurden durch Sicherheitskräfte mit Unterstützung zweier regierungstreuer Gruppierungen ("Hojatieh" und "Fatemiyon") gewaltsam niedergeschlagen. 1200 Demonstranten wurden festgenommen, mehrere Hundert wurden verletzt. Das Gebetshaus wurde später abgerissen. Die meisten der festgenommenen Mitglieder der Sufi-Gemeinschaft wurden nach einigen Tagen wieder freigelassen. Mehr als 170 der Sufi-Anhänger wurden in das Fajr-Gefängnis in Qom verbracht, wo sie Berichten zufolge ohne Kontakt zur Außenwelt inhaftiert und verhört wurden. Sie sollen unter Druck gesetzt worden sein, vorgefertigte falsche Geständnisse zu unterzeichnen, in denen behauptet wurde, die Sufi-Gemeinschaft habe mit der Demonstration politische Ziele verfolgt und unterhalte Verbindungen zu regierungsfeindlichen Gruppierungen. Im Mai 2006 wurden 52 Mitglieder des Nematohllahi-Ordens und zwei Rechtsanwälte, die die Interessen der Gemeinschaft vertreten haben, wegen "Missachtung der Anweisungen von Regierungsvertretern" und der "Störung der öffentlichen Ordnung" in erster Instanz vom Strafgericht in Qom zu Haftstrafen, Geldbußen und Prügelstrafen verurteilt.

Nach den Erkenntnissen von Amnesty International gibt es eine besorgniserregende Tendenz im Iran, die Glaubensrichtung der islamischen Sufi-Gemeinschaft zu kriminalisieren. Im September 2005 rief der prominente Geistliche Ayatollah Hossein Nuri-Hamedani dazu auf, hart gegen Sufi-Gemeinschaften in Qom durchzugreifen, da sie eine "Gefahr für den Islam" darstellten. In zwei iranischen Zeitungen, "Jomhouri-ye Eslami" und "Kayhan", wurden im Vorfeld der Proteste vom Februar 2006 in Qom immer wieder gegen Sufis gerichtete Artikel veröffentlicht. Im Februar 2006 beschuldigte der Gouverneur der Provinz Qom, Abbas Mohtaj, die Sufis der Beteiligung an einer ausländischen Verschwörung gegen den Iran und erklärte, "arrogante ausländische Mächte" würden jede Gelegenheit nutzen, im iranischen Staat Unsicherheit zu schüren. Die Verbindungen der Sufis zum Ausland seien offensichtlich. In ähnlicher Weise haben mehrere prominente schiitische Geistliche in ihren Äußerungen und Rechtsgutachten Sufis attackiert. So hat Ayatollah Lankarani im Jahr 2006 geäußert, dass Sufis "die Jugend verführen würden" und dass "jeglicher Kontakt mit Sufis verboten sei".

Auch im Jahr 2008 wurden in verschiedenen Städten Hosseiniehs (Gebetsorte) von Gonabadi-Derwischen unter Gewaltanwendung geschlossen und sogar zerstört. Mindestens vier Lehrer wurden 2008 wegen ihrer Teilnahme an Sufi-Versammlungen entlassen. Im Oktober 2008 wurden sieben Personen in Isfahan inhaftiert und fünf in Karadj, offensichtlich wegen ihrer Mitgliedschaft in dem Sufi-Orden.

Im Dezember 2008 wurden mindestens sechs Sufis auf der Insel Kish inhaftiert, und ihr Gebetshaus wurde unter Gewaltanwendung geschlossen. Farshid Yadollahi und Amir Eslami, zwei Anwälte der Verhafteten, sollen vom Staatsanwalt der Insel verhört worden sein wegen angeblicher "Verbreitung von Unruhe in der Öffentlichkeit". Die Vorladung sei ausgegangen von dem "Gemeinsamen Geheimdienstbüro" der Provinz Hormozgan.

Am 22. Januar 2009 wurde Jamshid Lak, ein Nematollahi-Derwisch, nach seiner Vorladung vor Gericht mit 74 Peitschenhieben bestraft. Er war 2006 von der Abteilung 102 des Hauptgerichtes von Daroud zu 6 Monaten Haft, 74 Peitschenhieben und zu einer Geldstrafe wegen "Verbreitung von Lügen", "Verleumdung" und "Verunglimpfung der Behörden" verurteilt worden. Die Anklage gegen ihn wurde erhoben, nachdem er einen Brief an einen hohen Beamten des Landes geschrieben hatte. In diesem beklagte er sich über den körperlichen Übergriff eines Beamten des Geheimdienstministeriums. Das Urteil wurde später von der Abteilung 7 des Berufungsgerichtes von Lurestan auf 74 Peitschenhiebe reduziert. Fallengelassen wurden die Anklagepunkte "Verbreitung von Lügen" und "Verunglimpfung", bestehen blieb aber der Vorwurf der "Verleumdung". Mostafa Daneshju, der Anwalt von Jamshid Lak, der auch andere angeklagte Derwische nach der Zerstörung des Gonabadi Gebetshauses in Qom im Februar 2006 vertreten hatte, wurde die Anwaltszulassung für fünf Jahre aberkannt. So konnte er in dem Berufungsverfahren für Jamshid Lak nicht tätig werden.

Am 18. Februar 2009 wurde laut Medienberichten das Gebetshaus der Gonabadi-Derwische in Isfahan zerstört und kurz darauf wurden 30 Sufis bei Zusammenstößen mit der Polizei verhaftet, als diese sich an der Stelle des zerstörten Gotteshauses versammelten.