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Angriffe und gleichzeitig Diskreditierungskampagne gegen Sufi-Derwische in Teheran

mehriran.de - Sicherheitskräfte sind in den vergangenen Tagen massiv gegen Sufi-Derwische in der Hauptstadt Irans vorgegangen. Es gab zahlreiche Verletzte, Tote und über 300 Verhaftungen. Gleichzeitig lancierten den Sicherheitskräften nahestehende Medien eine Diskreditierungskampagne gegen Derwische, um die Unterstützung der Derwische in der Gesellschaft zu brechen.

mehriran.de - Zusammenstöße zwischen Derwischen des Nematollah Gonabadi Ordens und Sicherheitskräften in Iran sind kein neues Phänomen. Zahlreiche Hetzkampagnen durch staatliche Institute haben über die Jahrzehnte der sogenannten Islamischen Revolution große Spannungen zwischen orthodoxen politischen Islamisten und auf Frieden und Toleranz setzende Sufi-Derwische erzeugt. Mehrere Versammlungshäuser der Derwische sind willkürlich durch Regimekräfte zerstört worden, zahlreiche Mitglieder verhaftet, aus Universitäten ausgeschlossen oder aus dem Staatsdienst entfernt worden.

Erst Anfang Februar 2018 gab es die letzten Straßenkämpfe zwischen paramilitärischen Bassidschi, Pasdaran und lokalen Sicherheitskräften, sowie Derwischen und Bürgern, die zur Unterstützung aus dem Stadtgebiet und nahen Regionen herbeigeeilt waren. Die Derwische hatten sich um das Haus ihres 90 jährigen Oberhauptes Dr. Nour Ali Tabandeh versammelt, um ihn vor einer möglichen Verhaftung durch Zivilagenten zu schützen. Nach einer kurzen Eskalation, zogen sich die Sicherheitskräfte zurück mit dem Versprechen, Dr. Tabandeh und die Derwische in Ruhe zu lassen.




Die Derwische befürchten, dass ihr Oberhaupt im Gefängnis mit subtilen Mitteln getötet werden könnte. Da sie das Staatsoberhaupt Ali Khamenei nicht als ihr spirituelles Oberhaupt akzeptieren, wäre die Beseitigung von Dr. Tabandeh für ideologisch festgefahrene Regimevertreter eine willkommene Gelegenheit den Orden ganz zu zerschlagen. Sufi-Derwische werden von Ideologen des Regimes als größte Bedrohung für die sogenannte Islamische Revolution betrachtet, weil es ihre friedliche Auslegung von Islam nicht zulässt, Politik und Religion zu vermischen, Menschen auszugrenzen, anzugreifen oder zu töten.

Dass Derwische friedlich protestieren haben sie mehrfach unter Beweis gestellt in den letzten Jahren, in denen sie immer wieder Sit-ins und andere friedlich verlaufende Proteste organisiert und durchgeführt haben. Sie lassen sich aber nicht alles bieten und wehren sich, wenn sie massiv angegangen werden.

Letzten Montag protestierte eine Gruppe Derwische vor einer Polizeistation für die Freilassung eines ihrer Mitglieder. Der 72 jährige Nematollah Riahi war aus einer Provinzstadt angereist, um bei der Verteidigung von Nour Ali Tabandeh vor willkürlich agierenden Geheimdienstagenten zu helfen.

Bei diesen Protesten wurden Einheiten der Sicherheitspolizei eingesetzt. Etwas abseits des Hauptgeschehens überfuhr ein Reisebus drei Polizisten und ein Mitglied einer paramilitärischen Einheit (Bassidschi). Die den Pasdaran nahe stehenden Farsnews behauptete sehr schnell danach, der Fahrer sei ein Derwisch und verbreitet die Nachricht in Windeseile auch über internationale Presseagenturen. Diese Nachrichten wurden dann ungeprüft von Zeit online und wenigen anderen deutschen Medien veröffentlicht. 

Sowohl der vor Ort protestierende Derwisch Kasra Nouri, als auch eine den Derwischen nahestehende Webseite (Majzooban-e Nour) dementierten, dass der Fahrer ein Derwisch sei. Auf sozialen Medien kursiert ein Video, das die Fahrt des Busses in die Polizeieinheit zeigt. Auf telegram und facebook wird lebhaft darüber diskutiert. Auch BBC-Farsi und VOA-Farsi haben das Thema aufgegriffen und Experten wie Mohsen Kadivar und Seyed Mostafa Azmayesh dazu interviewt.

Der Bus scheint ein von den Pasdaran eingesetztes Fahrzeug zu sein, das dazu diente Bassidschi-Einheiten aus der Provinz nach Teheran zu ihrem Einsatz zu fahren. Die Vermutungen, wer das Tat-Fahrzeug aus welchem Grund eingesetzt haben mag, sind vielfältig. Eine unabhängige Untersuchung des Vorfalls ist nicht zu erwarten.

Die Tageszeitung Keyhan gilt als Sprachrohr des Obersten Führers Ali Khamenei. Sie wird von dem als islamistischem Hardliner geltenden Hossein Schariatmadari herausgegeben. Um die Derwische auf breiter Front in der iranischen Gesellschaft zu diskreditieren, veröffentlichte Keyhan am Mittwoch einen Artikel auf der Titelseite, in dem Derwische beschuldigt werden mit Monarchisten und Baha'i eine Allianz gegen das Regime gegründet zu haben und von Israel finanziert zu werden, das Regime zu Fall zu bringen. Als Beweis stellt die Zeitung Bilder von Konferenzen in Frankfurt und Genf neben den Artikel, auf denen Vertreter der Derwische und der Baha'i bzw. der Schah-Sohn Reza Pahlawi in Diskussionspanels über die Menschenrechtsverletzungen in Iran gemeinsam zu sehen sind. Israel gilt innerhalb der Staatsnomenklatura Irans als Erzfeind. Baha'is wird seit Beginn des Regimes unterstellt mit dem Feind zu kollaborieren. Derwischen wird vorgeworfen die Revolution nicht zu unterstützen, da sie eine tolerante und friedliche Interpretation von Islam leben und Religion und Politik strikt trennen.

 

Weiterführende Links:

https://english.shabtabnews.com/2018/02/20/six-people-said-killed-300-arrests-at-sufi-protest-in-iran/

https://english.shabtabnews.com/2018/02/22/three-sufi-protesters-killed-hours-after-being-shot-by-iranian-forces/

https://english.shabtabnews.com/2018/02/22/300-iranian-dervishes-remain-under-arrest-after-clashes-with-security-forces/

https://www.rferl.org/a/iran-dervhishes-sufi-explainer-tabandeh/29051140.html

https://www.iranhumanrights.org/2018/02/iranians-debate-use-of-violence-against-security-forces-after-clashes-with-sufi-gonabadis-leave-three-dead/

https://www.iranhumanrights.org/2018/02/tehran-police-open-fire-on-sufi-gonabadi-protesters-as-clashes-leave-several-dead/

https://www.youtube.com/watch?v=D7y1TAQ_phg (Mohsen Kadivar und Seyed Azmayesh im Interview - Farsi)

22.02.2018 © mehriran.de, Jonathan Skug, Stockholm