Mehriran http://mehriran.de/ de_DE Mehriran Mon, 27 Mar 2017 04:32:08 +0200 Mon, 27 Mar 2017 04:32:08 +0200 TYPO3 EXT:news news-1071 Sun, 19 Mar 2017 00:19:11 +0100 Justiz im Iran verurteilt Faezeh Hashemi Rafsandschani wegen Interview mit Dorr TV zu Haftstrafe http://mehriran.de/artikel/justiz-im-iran-verurteilt-faezeh-hashemi-rafsandschani-wegen-interview-mit-dorr-tv-zu-haftstrafe.html mehriran.de - Die Tochter eines ehemaligen Präsidenten Irans findet, das Regime im Iran sei von einer Bande von Dieben und Gaunern beherrscht. Sie scheut sich nicht Exil-iranischen Medien Interviews zu geben. Jetzt wurde sie zum zweiten Mal wegen Interviews zu einer Haftstrafe verurteilt. mehriran.de - Faezeh Haschemi Rafsandschani setzt sich für Frauenrechte im Iran ein und scheut sich nicht ihre Meinung öffentlich kund zu tun. Dadurch gerät sie immer mal wieder in die Fänge der Justiz im Iran. Auch ihr im Januar 2017 plötzlich verstorbener Vater Akbar Haschemi Rafsandschani konnte sie nicht vor Verfolgungen der Justiz schützen. Der ehemalige Präsident Irans war einer der Mitbegründer des Regimes und ein sehr gut vernetzter Politiker mit Gewicht in vielen Schichten der Gesellschaft Irans. Es heisst, er sei keines natürlichen Todes gestorben, wie die offizielle Version verlautet, sondern von einem Elitesoldaten der sogenannten "Eisernen Gruppe" in seinem eigenen Swimmingpool ertränkt worden. Hinter dem tollkühnen Mord steckt laut Reza Malek, einem iranischen Geheimdienstmitarbeiter, eine Gruppe, die mit Modschtaba Khamenei, Sohn des Obersten Führers, verbunden ist.

Faezeh Rafsandschani wurde zu sechs Monaten Haft verurteilt, wie BBC Persian, Deutsche Welle Farsi, Radio Farda und zahlreiche iranische Webseiten übereinstimmend berichtet haben. Der mit dem französisch-iranischen Forscher und Menschenrechtler Seyed Mostafa Azmayesh kooperierende Internet-Sender Dorr TV hatte mit Frau Rafsandschani über den Korruptionsfall des Oberhaupts der Justiz, Sadegh Laridschani, ein Interview geführt. Jetzt hat sich Laridschani offenbar mit einer Haftstrafe für sie revanchiert. Dorr TV hatte Dokumente veröffentlicht, die beweisen, dass Laridschani private Geschäfte auf dem Rücken zahlreicher Gefangener, die hohe Kautionen bezahlen mussten, gemacht hat. Laridschani liess offenbar immer wieder Leute grundlos verhaften und gegen Zahlung sehr hoher Kautionen auf eines von 63 Konten auch wieder frei. Die Zinsen aus den akkumulierten Kautionszahlungen, liess er sich wohl persönlich ausbezahlen. Es handelt sich um Millionenbeträge. 

Quellen: http://shabtabnews.com

Der Fall Laridschani wurde vom Präsidenten Rohani aufgegriffen und beim Obersten Führer zur Sprache gebracht, was für Laridschani keine Nachteile eingebracht, jedoch den Bankdirektoren und jetzt auch Frau Rafsandschani Gefängnisstrafen eingehandelt hat. 

Dorr TV gibt immer wieder vom Regime geschmähten oder verfolgten Persönlichkeiten Raum, ihre Sicht auf gesellschaftliche und soziale Verhältnisse im Iran in Interviews zu geben. Das regime betrachtet diese Interviews als Propaganda gegen das Regime und hat dadurch einen Bann auf Dorr TV erlassen als Regime kritisches Medium zu fungieren. Dorr TV produziert neben kulturellen Sendungen auch Berichte über die Menschenrechtssituation im Iran. Das passt dem Regime keineswegs. Dorr TV hat sich aber den Ruf einer beharrlichen Berichterstattung und überraschende Fakten und Dokumente publizierendem Medium erworben.

© Helmut N. Gabel für mehriran.de 2017

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news-1068 Mon, 27 Feb 2017 16:43:46 +0100 Internationaler Tag der Derwische 2017 in Hannover http://mehriran.de/artikel/internationaler-tag-der-derwische-2017-in-hannover.html mehriran.de - Mit einer Veranstaltungsreihe in Hamburg und Hannover feierten Menschenrechtsaktivisten aus mehreren europäischen Ländern den Internationalen Tag der Derwische 2017. Der Tag wird in Erinnerung an einen mutigen Marsch einiger 10.000 Derwische zum Parlament in Teheran am 21. Februar 2009 begannen. mehriran.de - Letztes Jahr traf man sich in London, um mit Musik und Poesie den Tag zu begehen. In diesem Jahr organisierte der Verein Karamat e.V. eine Serie von Dialogen zur Relevanz des Korans für den Islam, zu orientalischer und okzidentalischer Mystik und ein Abschlusskonzert in der Kirche der Stille Hannover. 

Pastorin Maike Ewert hatte die Türen der Kirche auf dem Kronsberg für einen Dialog am Samstag, 18.02.17 zwischen Prof. Wolfgang Achtner und Dr. Seyed M. Azmayesh weit aufgemacht. Im Rahmen der DialogReihe Spiritualität sprachen die Referenten über Meister Eckhart und Dschelalledin Rumi und gaben Einblicke in die Praxis der beiden Mystiker. Am Abend konzertierten Beate Achtner mit Liedern von Hildegard von Bingen und Arvo Pärt, sowie das Londoner Ensemble Soveida mit Sufi Hymnen voller Sehnsucht, Hingabe und starker Energie.

Am Vorabend hatten die beiden Referenten schon Gelegenheit gehabt im ka:punkt Begegnungszentrum mitten  in Hannover das Thema vor einem höchst interessierten Publikum zu entfalten. Beide Dialogveranstaltungen waren umrahmt von Musik des Ensembles Louly, die von Rumis Gedichten inspiriert ist.

Schon am Mittwoch, 15.02.17 hatte ein Dialog zum Koran mit Interessierten in der Christuskirche, Hamburg stattgefunden. Am Abend erklangen in der Christuskirche Hymnen, Gedichte und Geschichten des berühmten Mystikers aus Konya.

Zum Abschluss trafen sich am Sonntag, 19.02.17 Aktivisten vor der Oper in Hannover, um für die Freilassung politischer und Gewissensgefangener zu demonstrieren.

 

 

 

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news-1066 Tue, 14 Feb 2017 11:28:41 +0100 Vor der Oper für die Freiheit http://mehriran.de/artikel/vor-der-oper-fuer-die-freiheit.html mehriran.de - Pressemitteilung: Am Sonntag, 19.02.2017 von 10:30-11.30 Uhr protestieren mehrere Organisationen und Menschenrechtsaktivisten für die Freilassung aller Gewissensgefangenen und aller politischen Gefangenen im Iran vor dem Opernhaus Hannover . mehriran.de - Am Sonntag, 19.02.2017 von 10:30-11.30 Uhr protestieren die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte (IOPHR), Karamat e.V., Erfane Halghe u.a. vor der Oper Hannover (Opernplatz, Georgstr.) für die Freilassung aller politischer Gefangenen und aller Gewissensgefangenen im Iran.

Im Fokus dieser Aktion werden folgende Männer und Frauen stehen. Es handelt sich um Menschenrechtsaktivisten, Anwälte, Studenten, Journalisten und seit Jahren unter Hausarrest stehenden Oppositionspolitikern.

Mehdi Khazali - Shahnaz Akmali - Ayatolah Nekoonam - Mohammad Ali Taheri - Arash Sadeghi - Ali Shariyati - Narges Mohammadi - Mehdi Karoobi - Mir Hossein Musavi - Zahra Rahnavard

Hintergrund:

Seit Präsident Rohani im Iran angetreten ist, hat sich entgegen vieler Versprechen die Menschenrechtslage nicht wirklich verbessert. Verschiedene Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, Human Rights Watch oder die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte weisen immer wieder auf die hohen Hinrichtungszahlen im Iran hin. Dazu kommen immer wieder willkürliche Verhaftungen unter fadenscheinigen Gründen hinzu, physische und psychische Folter in den Gefängnissen, sowie die Verweigerung medizinischer Hilfe für kranke Gefangene. Vor den im Mai anstehenden Neuwahlen im Iran ist eine weitere Verschlechterung der Menschenrechtssituation zu erwarten.

Vor 11 Jahren (2006) wagten um die 60.000 Derwische (Anhänger einer mystisch orientierten Version von Islam) sich vor dem Teheraner Parlament zu versammeln, um gegen die Verbalattacken und Zerstörungen ihrer Versammlungshäuser in einigen Städten Irans durch Schergen des Regimes zu protestieren. Anlässlich des Internationalen Tags der Derwische rufen die beteiligten Menschenrechtsgruppen die Internationale Gemeinschaft auf, weitere Appelle an die Verantwortlichen im Iran zu richten, die Menschen- und Bürgerrechte ihrer Bevölkerung zu respektieren und ihre Wachsamkeit gegenüber den Vorgängen im Iran weiter zu intensivieren. 

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news-1064 Thu, 12 Jan 2017 00:53:49 +0100 Haifisch oder Stimme der Vernunft? - Zum Tod Hashemi Rafsandschanis http://mehriran.de/artikel/haifisch-oder-stimme-der-vernunft-zum-tod-hashemi-rafsandschanis.html mehriran.de - Einer der einflussreichsten politischen Akteure der Islamischen Republik Iran erlag am letzten Sonntag einem Herzstillstand. Millionen Iranerinnen und Iraner erwiesen ihm am Dienstag die letzte Ehre. mehriran.de - Im Mai 2017 stehen im Iran wieder Präsidentschaftswahlen an. Der gegenwärtige Präsident Rouhani hätte erneut mit der Unterstützung seines Mentors Rafsandschani rechnen können. Nun ist der jedoch im Alter von 82 Jahren einem Herzinfarkt beim regelmäßigen Fitnessbad in seinem Pool erlegen. Im Krankenhaus konnte sein Leben nicht mehr gerettet werden.

Die letzten Jahre hatte sich Rafsandschani als Stimme der Vernunft gegeben, der den Hardlinern innerhalb der Machtelite Paroli bot und deren Beschimpfungen seiner Person und Familie weitgehend ignorierte. Doch ein Engel soll er nicht gewesen sein. Der als Politfuchs bekannte Pistazien-Milliardär hat viele Strippen in der Politik der Islamischen Republik gezogen. Er diente dem Regime in sehr unterschiedlichen Rollen und Funktionen, zuletzt als Vorsitzender des Schlichtungsrats. Er war auch schon Präsident und hat maßgeblich zur Auswahl des Nachfolgers des Revolutionsführers Khomeinis beigetragen.

Ali Khamenei hat Rafsandschani seine Stellung als Oberster Führer zu verdanken. In jener Zeit galt Hashemi Rafsandschani noch als "Hai". Später stellte ihn der in die USA geflohene Akbar Gandschi als "Roter Kardinal" dar. Rafsandschanis Kalkül den unerfahrenen Khamenei hochzuhieven und ihn zu kontrollieren ist nicht wirklich aufgegangen. Vielmehr entwickelten sich in den letzten 16 Jahren grob gesehen zwei Lager. Pragmatiker, Reformer und andere reihten sich in die tendenziell reformerischen Bemühungen Rafsandschanis ein, während Spitzenfunktionäre der Revolutionsgarden, Hardliner und Anhänger einer fortwährenden sogenannten islamischen Revolution hinter dem Obersten Führer Khamenei agierten.

Die Revolution von 1979 im Iran hat nach und nach viele Akteure desillusioniert. Angefangen mit Ajatollah Taleghani und später Ajatollah Montazeri, der Stellvertreter Khomeinis, reihten sich ab der Ära des Präsidenten Ahmadinedschad offen Mehdi Karroubi und Mir Hossein Mousavi in die Front der scharfen Kritiker Khameneis. Rafsandschani hat sich nie so offen gegen Khamenei gestellt, weil er große Sorge vor dem Zerbrechen des Systems hatte und lieber auf Kompromisse aus war. Aber hinter den Kulissen soll er laut diverser Beobachter viele Strippen gezogen haben, die eine sanfte Wandelabsicht für die Politik im Iran erkennen lassen könnten.

Aber schon das soll für Khamenei zu viel gewesen sein. Der mit ganz niedrigen geistlichen Würden und Befähigung angetretene Khamenei, der seit seiner Machtübernahme um Legitimation bemüht ist, versuchte in letzter Zeit immer wieder die sogenannte Islamische Revolution zu retten. Es wird ihm nachgesagt, dass ihm dafür alle Mittel Recht seien. Im Iran passiert das allermeiste hinter den Kulissen, da eine freie Berichterstattung unmöglich ist. Viele Journalisten, Menschenrechtler und sogar Mitglieder des Establishments haben sich schnell mit dem Vorwurf der Gefährdung der Sicherheit des Systems konfrontiert gesehen und sind auf die eine oder andere Weise ins Abseits gestellt worden. 

Parteigänger des Obersten Führers wie der Ideologe Hassan Abassi, das Sprachrohr Khameneis Hassan Shariatmadari oder auch der ehemalige Präsident Mahmoud Ahmadinedschad, sowie Mullahs wie der als Krokodil bekannte Messbar Yazdi haben Rafsandschani offen bekämpft und als Anführer der Fitneh-Bewegung bezeichnet. Der Name wurde nach den massiven Protesten gegen die Wahlfälschungen 2006 gerne inflationär gebraucht. Fitneh bedeutet Abweichung oder Abspaltung oder Ab-fall.

Jetzt spekulieren manche, dass der unerwartete und plötzliche Tod Rafsandschanis Folge einer raffinierten Ermordung sein könnte. Dazu werden verschiedene Indizien zusammen getragen.

Khamenei soll am Sonntag Vormittag in Qom eine Rede gehalten haben, in der er versprach, dass die Einheit des Landes bald wieder hergestellt sei. Hassan Abassi hat vor vier Wochen gedroht, dass Rafsandschani sein Leben lassen müsste. Ein hochrangiger Pasdar namens Dschafar Assadi hat kurz nach Rafsandschanis Tod gesagt: "Große Leute sind wichtig, wenn sie leben und sie sind wichtig wenn sie tot sind. Wir wissen was die Feinde des Systems für die Wahlen im Mai 2017 geplant hatten. Wir haben dafür gesorgt, dass diese Pläne nichtig werden." Dazu kommt, dass einige Fälle bekannt geworden sind, indem mittels nicht genauer identifizierter Substanzen Menschen getötet wurden. Es heisst, man habe ihnen entweder eine Nervengift verabreicht, dass zu einer Lähmung des Nervensystems geführt habe oder auch, dass die Arbeit des Herzens ausgesetzt habe und die Menschen scheinbar an einem Herzinfarkt gestorben seien.

Tatsache ist, dass Rafsandschani aus dem Weg ist und die Hardliner alles daran setzen werden, um die Machtverhältnisse wieder verstärkt zu ihren Gunsten zu verschieben.

Seine Bestattung war ein beeindruckender Massenauflauf. Die Angaben der Anzahl der Menschen auf den Strassen schwanken je nach Quelle zwischen 2,5 und 7 Millionen. Während das Regime das Begräbnis nutzte, um den Eindruck einer Eintracht zu erwecken, waren auch Rufe nach dem immer noch unter Hausarrest stehenden Mir Hossein Mussavi zu hören - eigentlich ein Affront gegen das Regime.

Weitere Artikel zum Tod Rafsandschanis:

Deutsch:

https://www.welt.de/politik/ausland/article161014511/Rafsandschanis-Tod-bringt-den-Atomdeal-in-Gefahr.html

http://www.spiegel.de/politik/ausland/irans-ex-praesident-rafsanjani-ist-tot-a-1129089.html

http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-01/frueherer-iranischer-praesident-rafsandschani-gestorben

http://www.focus.de/politik/ausland/tod-von-rafsandschani-irans-ex-praesident-architekt-der-islamischen-republik_id_6464902.html

http://www.heute.de/teheran-iran-ex-praesident-rafsandschani-gestorben-46279224.html

http://www.tagesspiegel.de/politik/zum-tod-des-iranischen-ex-praesidenten-rafsandschani-war-einflussreich-und-umstritten/19225500.html

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/ehemaliger-iranischer-staatspraesident-rafsandschani-ist-gestorben-14610366.html

https://de.qantara.de/content/zum-tod-von-irans-ex-praesident-rafsandschani-lenker-und-denker-der-islamischen-revolution 

http://www.aargauerzeitung.ch/ausland/der-tiefste-einschnitt-seit-dem-tod-von-ayatollah-khomeini-130840781 

Englisch:

http://www.rferl.org/a/iran-rafsanjani-secrets-he-takes-to-the-grave/28224008.html

http://www.aljazeera.com/indepth/features/2017/01/iran-reformists-stand-lose-rafsanjani-death-170109100325733.html

http://www.independent.co.uk/news/world/middle-east/ayatollah-rafsanjani-death-analysis-donald-trump-iran-nuclear-deal-a7518076.html

http://www.bbc.com/news/world-middle-east-38562490

https://www.ft.com/content/c3def514-d68f-11e6-944b-e7eb37a6aa8e

https://www.nytimes.com/2017/01/08/world/middleeast/iran-ali-akbar-hashemi-rafsanjani-dies.html?_r=0


Français:

http://www.lepoint.fr/monde/rafsandjani-l-impitoyable-mollah-devenu-apotre-de-la-moderation-09-01-2017-2095803_24.php

http://www.lemonde.fr/disparitions/article/2017/01/09/rafsandjani-le-parrain-de-la-republique-islamique-d-iran-est-mort_5059580_3382.html

http://www.lefigaro.fr/international/2017/01/08/01003-20170108ARTFIG00155-iran-l-ex-president-rafsandjani-est-mort.php

http://www.liberation.fr/planete/2017/01/08/l-ex-president-iranien-akbar-hachemi-rafsandjani-est-decede_1539953

 

 

 

 

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news-1063 Thu, 29 Dec 2016 00:45:05 +0100 Bärbel Kofler sorgt sich um Gesundheitszustand iranischer Menschenrechtsverteidiger http://mehriran.de/artikel/baerbel-kofler-sorgt-sich-um-gesundheitszustand-iranischer-menschenrechtsverteidiger.html mehriran.de - PRESSEMITTEILUNG des Auswärtigen Amts: Menschenrechtsbeauftragte zum Gesundheitszustand der iranischen Menschenrechtsverteidiger Arash Sadeghi, Golrokh Ebrahimi Iraee, Mohammad Reza Nekounam und Morteza Moradpour mehriran.de - Pressemitteilung der Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, Bärbel Kofler vom 28.12.2016:

Anlässlich aktueller Meldungen über den sehr kritischen Gesundheitszustand mehrerer inhaftierter iranischer Menschenrechtsverteidiger, die sich im Hungerstreik befinden, erklärte die Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt, Bärbel Kofler, heute (28.12.):

Zusatzinformationen

In den letzten Tagen erreichen mich äußerst besorgniserregende Nachrichten aus Iran:          
Der Gesundheitszustand von Arash Sadeghi, der aus Protest gegen die fortgesetzte Inhaftierung seiner Ehefrau Golrokh Ebrahimi Iraee am 24. Oktober 2016 in einen Hungerstreik getreten ist, ist äußerst kritisch.           
Arash Sadeghi wurde für seinen Einsatz für die Menschenrechte verurteilt, zu deren Achtung und Schutz sich Iran völkerrechtlich verpflichtet hat. Golrokh Ebrahimi Iraee wurde verurteilt, weil sie sich als Autorin friedlich gegen die unmenschliche Praxis der Steinigung ausgesprochen hat.          
Der inhaftierte Geistliche Ayatollah Mohammad Reza Nekounam ist ebenfalls in einen Hungerstreik getreten. Auch sein Zustand ist kritisch.               
Schließlich erreichen uns auch zum Gesundheitszustand des ebenfalls inhaftierten Menschenrechtsaktivisten Morteza Moradpour, der sich für die Minderheit der Azeri in Iran einsetzt, besorgniserregende Nachrichten.           
Iran muss faire, rechtsstaatliche Verfahren garantieren und darf die Meinungsfreiheit nicht beschränken. Solange dies nicht gewährleistet ist, sind die Betroffenen aus der Haft zu entlassen.

Hintergrund:

Arash Sadeghi und Golrokh Ebrahimi Iraee wurden erstmals 2014 wegen ihres Einsatzes für die Menschenrechte in Iran inhaftiert. Seiner Ehefrau Golrokh Ebrahimi Iraee wurde in der Untersuchungshaft die Hinrichtung angedroht. Nach einem Schnellverfahren wurde Arash Sadeghi wegen seines Einsatzes für die Menschenrechte zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Golrokh Ebrahimi Iraee wurde wegen „Beleidigung der islamischen Heiligkeit“ zu sechs Jahren Haft verurteilt, weil sie eine nicht-veröffentlichte Kurzgeschichte verfasst hatte, in der sie sich gegen die unmenschliche Praxis der Steinigung wendet. Arash Sadeghi und Golrokh Ebrahimi Iraee sind beide im Teheraner Evin-Gefängnis inhaftiert.

Der hochrangige iranische Geistliche Ayatollah Mohammad Reza Nekounam ist nach aktuellen Meldungen am 21.12.2016 in einem Gefängnis in Qom in einen Hungerstreik getreten. Am 28.12. soll er zusammengebrochen sein und das Bewusstsein verloren haben. Er soll in ein Krankenhaus eingeliefert worden sein. Seine Familie ist sehr in Sorge um sein Leben. Nach seiner Verhaftung im Jahr 2015 wurde der damals 66-jährige Nekounam von einem Sondergericht für Geistliche zu fünf Jahren Haft verurteilt. Man beschuldigt ihn der „Bekämpfung des Regimes“, „unmoralischen Verhaltens“ und der „Beleidigung des Obersten Führers“. Nach 18 Monaten Haft wurde er am 23. Juni 2016 entlassen, aber am 7. Juli wieder ins Gefängnis gebracht. Seine Bücher und Veröffentlichungen wurden verboten.

Morteza Moradpour, der sich für die Minderheit der Azeri einsetzt, wurde 2009 unter den Vorwürfen der “Propaganda gegen den Staat” und der „Versammlung gegen die nationale Sicherheit“ von einem Revolutionsgericht zu insgesamt drei Jahren Haft verurteilt. Nachdem er zunächst gegen Kaution freikam, wurde er im Mai 2015 erneut inhaftiert. Er trat am 25. Oktober 2016 in einen Hungerstreik, um gegen seine fortgesetzte Inhaftierung zu protestieren. Sein Gesundheitszustand ist Berichten zufolge sehr kritisch.

Original: http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Infoservice/Presse/Meldungen/2016/161228_MRHH_B_zu_IRN_Menschenrechtsverteidiger.html

Weiterführende Informationen:

 

 

 

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news-1062 Mon, 26 Dec 2016 11:36:17 +0100 Modschtaba Khamenei will's - unbequemer Geistlicher in Haft http://mehriran.de/artikel/modschtaba-khamenei-wills-unbequemer-geistlicher-in-haft.html mehriran.de - Wer als Gefahr für das Regime im Iran definiert wird, soll beseitigt werden. Dieser Maxime folgt vor allem der als möglicher Nachfolger seines Vaters gehandelte Moschtaba Khamenei mit Nachdruck. mehriran.de - Das Regime scheint große Angst vor allen Berichten zu haben, die tief in die Ideologie und die Ziele des Regimes schauen. Einer der die Absichten und Ideologie des Regimes sehr gut kennt und auch darüber spricht, ist der Großajatollah Mohammad Reza Nekounam.

Am 1. Januar 2015 verhafteten Sicherheitsleute des Sondergerichts für Geistliche und Geheimdienstmitarbeiter der Revolutionsgarden den damals 66-jährigen Geistlichen Nekounam. Weder wurde ein Haftbefehl vorgelegt noch sonstige Dokumente. Vielmehr brachen die Agenten Türen und Fenster seines Hauses auf, um sich Zugang zu verschaffen. Sie konfiszierten persönlichen Gegenstände wie Bücher und alle elektronische Medien. Herr Nekounam wurde mit verbundenen Augen an einen unbekannten Ort abgeführt. Dort verbrachte er 60 Tage in Einzelhaft. 

Am 3. März 2015 erlitt Ajatollah Nekounam einen Hirnschlag in Folge physischer und psychischer Folter. Klinische Untersuchungen bestätigten den Hirnschlag, woraufhin er sofort und bedingungslos aus der Haft entlassen hätte werden müssen. Verschiedene Quellen melden, ihm sei abgelaufene Medizin verabreicht worden, sowie stark salzige und fetthaltige Kost, um seinen Gesundheitszustand weiter zu verschlechtern.

Modschtaba Khamenei besteht auf deiner Vernichtung

Beim ersten Aufeinandertreffen mit dem Generalstaatsanwalt Ajatollah Moschtahedzadehim vom Sondergericht für Geistliche in Qom, eröffnete er Nekounam, dass der Sohn des Obersten Führers - Modschtaba Khamenei - seine Eliminierung angeordnet habe, da er eine große Gefahr und ein gewaltiges Hindernis für das Überleben des Regimes darstelle.


Modschtaba Khamenei mit schwarzem Turban

Vom 3. Januar bis zum 2. März 2015 wurde Ajatollah Nekounam jeden Tag zwischen 10-15 Stunden Verhören unterzogen, die sowohl psychische als auch körperliche Foltersequenzen enthielten. Man beschuldigt ihn einer Reihe Verbrechen, wie Bekämpfung des Regimes, unmoralisches Verhalten, Beleidigung des Obersten Führers und vieles mehr...

Am 2. Januar 2015 verhafteten Geheimdienstmitarbeiter zwei enge Schüler Ajatollah Nekounams samt ihrer Familien (Ehefrauen und Kinder). Sie wurden 10 Tage lang gefoltert und verhört, um sie zu Geständnissen zu zwingen, dass Nekounam sexuelle Beziehungen zu ihren Frauen geführt hatte. Trotz Folter haben sich die Studenten nicht zwingen lassen diese willkürlichen Anschuldigungen zu bestätigen.

Der schiitische Mardscha (Quelle der Weisheit) wurde zu 5 Jahr Haft im Saheli Gefängnis in Qom verurteilt. Nach 18 Monaten Haft wurde er am 23. Juni 2016 nach Hause entlassen, aber am 7. Juli wieder ins Gefängnis gebracht. In der Zwischenzeit wurde alle seine Besucher registriert und alle Gespräche aufgezeichnet. Manche Kontakte wurden ihm verboten.

Am 2. Juli 2016 sind alle seine Bücher, trotz offizieller Veröffentlichungserlaubnis durch die Regierung, verboten und aus allen Buchgeschäften und Bibliotheken entfernt worden. Jede weitere Publikation wurde verboten.

Seit dem 3. März 2015, dem Tag seines Hirnschlags, wurde Ajatollah Nekounam bei 29 Gelegenheiten an dringend notwendigen Arztbesuchen gehindert. Eine der medizinischen Folgen ist der erhöhte Blutdruck, ein hoher Blutzuckerspiegel, Herzrhythmusstörungen, Nierenfehlfunktion, Schilddrüsenprobleme, halbseitige Lähmungen der linken Körperhälfte, beträchtliche Verschlechterung der Sehkraft und schmerzende Augen. 

Einige Quellen berichten: "Es scheint, dass diese Einschränkungen mit voller Absicht und unter Zustimmung des Sondergerichts für Geistliche erfolgen. Ziel wird es sein, dass Herr Nekounam einwilligt, nicht mehr seine Gedanken öffentlich zu vertreten. Doch hat er abgelehnt, dem zu zustimmen, daraufhin wurde ihm verwehrt Briefe aus dem Gefängnis zu schreiben."

Zuletzt wurde seine Gefängniszelle am 14. Dezember 2016 von Gefängniswärtern durchsucht und alle seine persönliche Habseligkeiten zerstört und entsorgt, samt seiner Kleidung.

 

 

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news-1060 Wed, 21 Dec 2016 20:13:43 +0100 Vergesst sie nicht - die Verschleppten http://mehriran.de/artikel/vergesst-sie-nicht-die-verschleppten.html mehriran.de - Verschleppte Bischöfe Mor Gregorius Joanna Ibrahim und Boules Yazigi dürfen nicht vergessen werden.
mehriran.de - Am 22. April 2013 sind Mor Gregorius Yoanna Ibrahim, Erzbischof der syrisch-orthodoxen Kirche und Boulos Yazigi, Erzbischof der griechisch-orthodoxen Kirche von Aleppo verschleppt. Seit jenem Apriltag gibt es von beiden christlichen Würdenträgern kein Lebenszeichen mehr. Die Bischöfe hatten sich damals auf den Weg gemacht, um über die Freilassung eines entführten Priesters zu verhandeln. Dabei gerieten sie in einen Hinterhalt. Ihr Fahrer, ein Diakon, wurde von den Entführern erschossen. Sie selbst wurden verschleppt. Bisher hat sich niemand zu der Tat bekannt.

„Die Bischöfe haben sich wiederholt für ein friedliches Miteinander verschiedener ethnischer und religiöser Gruppen in ihrem Land ausgesprochen. Beide haben immer wieder zu Versöhnung, Vergebung und zum Dialog aufgerufen und versucht, Wege zur Beendigung der Gewalt in Syrien aufzuzeigen“, erklärte Sido. Auf Vorschlag der GfbV hat die Stadt Weimar die beiden Bischöfe mit ihrem Menschenrechtspreis 2014 ausgezeichnet und sie so für ihren Einsatz als Vermittler, Botschafter und Kämpfer für die Menschenrechte in dem anhaltenden Bürgerkrieg geehrt.

"Wir haben bis heute nur Gerüchte, keine offizielle Nachricht", sagt Elias Esber, Erzpriester der rum-orthodoxen Gemeinde. Der Geistliche stammt ebenfalls aus Syrien, lebt seit 1979 in Deutschland und ist derzeit im Namen der orthodoxen Bischofskonferenz zuständig für die Flüchtlinge im Bundesgebiet. Bischof Boulos Yazigi kannte er gut. Dieser repräsentiere eine neue Generation von Bischöfen, sei fromm, bescheiden und könne sich sehr gut artikulieren, sagt Esber.

Auf dem Gebiet der Ökumene seien beide entführten Bischöfe besonders aktiv gewesen. Der einst friedliche Aufstand gegen Syriens Präsident Baschar al-Assad war 2013 zu einem Bürgerkrieg geworden. Es gab erste Berichte, wonach das Regime Giftgas gegen Rebellen einsetzte. Extremistische Fanatiker einer unter dem Kürzel ISIS agierenden Gruppe machten durch besondere Grausamkeit von sich reden. Den selbst ernannten "Islamischen Staat" auf syrischem und irakischem Boden gab es noch nicht.

Die beiden Bischöfe setzte sich unermüdlich für einen dauerhaften Waffenstillstand und Frieden ein. Bei einem Vortrag an der US-Universität Princeton sagte Bischof Ibrahim viereinhalb Monate vor seiner Entführung: "Ich verteidige nur eine Sache, das ist Syrien. Ein Syrien aller Syrer, Muslime und Christen." Aleppo beschrieb er als großes Gefängnis: "Es ist eine tote Stadt."

Christen im Visier radikaler Islamisten

In jener Zeit nahm auch die Zahl der Entführungen in Nordsyrien deutlich zu: Als einer der ersten wurde im November 2012 der US-Journalist James Foley verschleppt, der knapp zwei Jahre später von IS-Dschihadisten enthauptet wurde. Vor allem Christen gerieten verstärkt ins Visier radikaler Islamisten. 

Die christliche Gemeinde in Syrien gehört zu den ältesten der Welt. Auf dem Weg nach Damaskus soll Saulus bekehrt worden sein, der fortan als Apostel Paulus die Lehren Jesu predigte. Vor 100 Jahren war etwa ein Drittel der Menschen in der Region christlichen Glaubens. 2011 - vor Beginn des Konflikts - waren es mit zwei Millionen Christen nur noch acht Prozent der Bevölkerung. Weil sie im Bürgerkrieg zunehmend bedroht wurde, schätzen christliche Verbände, dass die Gemeinde noch einmal um die Hälfte geschrumpft ist. 

Am dritten Jahrestag der Entführung hofften Kirchenvertreter weiterhin auf ein Lebenszeichen der verschollenen Bischöfe. "Was uns alle wundert", sagt Esber, "es gab niemals Forderungen. Nicht nach Geld, nicht nach anderen Dingen. Gar nichts."

Wie deutsche, türkische und internationale Medien berichten, hat die türkische Regierung einen großen Einfluss auf die in Nordsyrien operierenden islamistischen Gruppen. In dieser Region wurden die Bischöfe auch entführt. Deswegen fordert die internationale Menschenrechtsorganisation immer wieder vom türkischen Ministerpräsidenten Davutoglu und vom Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, bei der Aufklärung des Schicksals der beiden Bischöfe zu helfen. Die Regierung in Ankara lehnt jedoch Gespräche in dieser Frage ab und bestreitet jeglichen Einfluss auf die in Syrien operierenden bewaffneten Gruppen.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker hat für den 22. April 2017 eine Mahnwache zum vierten Jahrestag ihrer Verschleppung angekündigt.

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news-1059 Wed, 21 Dec 2016 19:53:46 +0100 Zahl der Christen im Irak von 1,5 Millionen auf 300.000 geschrumpft: Gläubige flüchten aus der „Wiege der Christenheit“ http://mehriran.de/artikel/zahl-der-christen-im-irak-von-15-millionen-auf-300000-geschrumpft-glaeubige-fluechten-aus-der-wiege-der-christenheit.html mehriran.de - PRESSEMITTEILUNG der GfbV: Weihnachten 2016 im Nahen Osten  
mehriran.de - Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) erinnert kurz vor Weihnachten an das Schicksal der Christen im Nahen Osten. „Die Gläubigen flüchten aus der „Wiege der Christenheit“ vor anhaltender Gewalt, dort droht die 2000-jährige Geschichte der Christen für immer zu Ende zu gehen“, sagt der GfbV-Nahostreferent Kamal Sido. „Vor hundert Jahren stellten die Christen noch 20 Prozent der Gesamtbevölkerung im Nahen Osten, heute sind es kaum noch drei Prozent.“ Im Irak sei die große Mehrheit der Christen innerhalb der vergangenen drei Jahrzehnte vertrieben worden oder geflohen: Ihre Zahl schrumpfte von 1,5 Millionen auf heute höchstens noch 300.000. In Zentralsyrien sei der „Islamische Staat“ (IS) wieder auf dem Vormarsch und bedrohe viele Ortschaften mit christlicher Bevölkerung zwischen Aleppo und Damaskus wie Qaryatain oder Maalula. Und auch die nur noch wenigen Christen in der Türkei gerieten durch das Wiederaufflammen des Kurdenkonfliktes und rigide Maßnahmen des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zunehmend in Bedrängnis. Die einzige christliche Oberbürgermeisterin der Türkei, Februniye Akyol, wurde des Amtes enthoben. Ihre kurdischen Kollegen wurden inhaftiert.  
   
„Terror, Gewalt und religiöse Intoleranz haben das Leben von Millionen Menschen im Nahen Osten massiv verändert“, kritisiert Sido. „Christen und andere religiöse Minderheiten wie die Yeziden oder Mandäer brauchen dort staatlich garantierte und gesellschaftlich unterstützte Glaubensfreiheit, sonst können sie dort kaum überleben.“ Im Irak seien zwar viele mehrheitlich christliche Ortschaften in der so genannten Ninive-Ebene nördlich und östlich von der umkämpften nordirakischen Metropole Mossul vom IS befreit worden. Dennoch könnten viele Christen und Yeziden erst in ihre Dörfer zurückkehren, wenn international für ihren Schutz vor sunnitischen, aber auch vor schiitischen Radikalislamisten garantiert wird. 
   
Die GfbV rief auch dazu auf, die beiden im April 2013 entführten Bischöfe von Aleppo nicht zu vergessen. „Das Schicksal der damals westlich der syrischen Handelsstadt nahe der türkischen Grenze verschleppten geistlichen Würdenträger der syrisch-orthodoxen und der griechisch-orthodoxen Kirche von Aleppo spiegelt die aussichtlose Lage der Christen in Syrien wider“, sagte Sido. Mor Gregorius Yoanna Ibrahim und Boulos Yazigi haben sich wiederholt für ein friedliches Miteinander verschiedener ethnischer und religiöser Gruppen in ihrem Land ausgesprochen. Beide haben immer wieder zu Versöhnung, Vergebung und zum Dialog aufgerufen und versucht, Wege zur Beendigung der Gewalt in Syrien aufzuzeigen. „Ihr Engagement als Vermittler, Botschafter und Kämpfer für die Menschenrechte in dem anhaltenden Bürgerkrieg muss uns allen ein Vorbild sein.“ 
Göttingen, den 20.12.2016 
   
Kamal Sido ist erreichbar unter Tel. 0173 67 33 980.

-- >>>>>>>>>>>>> Für Menschenrechte. Weltweit. <<<<<<<<<<<<<<< Gesellschaft für bedrohte Völker / Society for Threatened Peoples P.O. Box 20 24 - D-37010 Göttingen/Germany Nahostreferat/ Middle East Desk Dr. Kamal Sido - Tel: +49 (0) 551 49906-18 - Fax: +49 (0) 551 58028 E-Mail: nahost@gfbv.de - www.gfbv.de Besuchen Sie uns auf Facebook: www.facebook.com/<wbr />bedrohteVoelker und www.facebook.com/<wbr />KamalSiddo GfbV Berlin – der Blog: gfbvberlin.wordpress.<wbr />com/
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news-1058 Wed, 21 Dec 2016 19:40:12 +0100 Sechs Tote durch Bombenanschlag auf iranische Kurden im nordirakischen Exil http://mehriran.de/artikel/sechs-tote-durch-bombenanschlag-auf-iranische-kurden-im-nordirakischen-exil.html mehriran.de - PRESSEMITTEILUNG der Gesellschaft für bedrohte Völker, Göttingen. mehriran.de - Wie die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) über ihre Freunde im nordirakischen Kurdistan erfahren hat, sollen dort am Dienstag bei einem Bombenanschlag auf ein Büro der Demokratischen Partei Kurdistan Iran (PDKI) sechs Menschen getötet und mehrere verletzt worden sein. Das Büro befindet sich in der Ortschaft Koya, in Irakisch-Kurdistan. Mitglieder der PDKI feierten ein altkurdisch-iranisches Fest, die Yalda-Nacht, als das Attentat verübt wurde. Die PDKI agiert im Untergrund und im Exil. Sie macht die iranische Regierung für den blutigen Anschlag verantwortlich. 
   
„Immer wieder greifen Agenten der Islamischen Republik Iran (IRI) kurdische Aktivisten an, auch im Ausland. Sieben Millionen der zehn Millionen Kurden sind dort einer doppelten Verfolgung ausgesetzt: Sie sind ethnische Kurden und nicht-schiitische Muslime“, berichtete der GfbV-Nahostreferent Kamal Sido am Mittwoch in Göttingen. „Die iranischen Machthaber verbieten oft den Bau von sunnitischen Moscheen, denn die offizielle Religion ist de facto das Schiitentum.“  
   
Die GfbV und andere Menschenrechtsorganisationen werfen der Regierung der Islamischen Republik Iran vor, durch die Verhängung und Vollstreckung von immer mehr Todesurteilen und durch die langjährige Inhaftierung von Oppositionellen ein Klima der Angst im Land zu schaffen. „Offenbar soll jeder iranische Bürger – ob Perser, Kurde, Ahwazi, Belutsche, Aserbaidschaner, Turkmene oder Christ – die Macht des Regimes in Teheran spüren“, sagte Sido. Im Iran sollen jährlich Hunderte Hinrichtungen stattfinden: Allein 2015 sollen 977 Todesurteile vollstreckt worden sein. Auch wird aus Gefängnissen und Polizeistationen immer wieder berichtet, dass Gefangene grausam gefoltert werden. 
   
Die Yalda-Nacht ist ein kurdisch-iranisches Fest, das die Wintersonnenwende feiert. Im iranisch-zoroastrischen Kalender entspricht dies der Nacht vom 30. Aar (Feuer) auf den 1. Dey (Schöpfer). Das Fest stammt ursprünglich aus dem Zoroastrismus, einem Glauben der iranischen Völker aus der vor-islamischen Zeit. Es wird vor allem von Kurden, Persern, Tadschiken und Afghanen zelebriert.  
   
Im Vielvölkerstaat Iran leben neben Persern auch Aseri, Kurden, Araber, Belutschen, Turkmenen, Assyro-Aramäer sowie andere kleinere ethnische und religiöse Minderheiten. Die nichtpersischen Nationalitäten stellen weit mehr als die Hälfte der rund 77 Millionen Einwohner des Iran. Als eigenständige Völker mit eigener Sprache, Kultur und Geschichte werden sie nicht anerkannt, sondern bewusst als „ethnische Gruppen“ bezeichnet. Sie alle leiden unter Unterdrückung und Diskriminierung.         

Göttingen, den 21.12.2016  
   
Kamal Sido ist auch erreichbar unter Tel. 0173 6733980.

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news-1057 Tue, 20 Dec 2016 20:15:53 +0100 Die Weltanschauung al-Ghazalis als Basis für Legitimationsversuche "islamischer Staaten" http://mehriran.de/artikel/die-weltanschauung-al-ghazalis-als-basis-fuer-legitimationsversuche-islamischer-staaten.html mehriran.de - Islamische Staaten versuchen ihr System aus einer Vielzahl von Quellen zu legitimieren. Eine der Hauptquellen, die am meisten bemüht wird ist die Weltanschauung al-Ghazalis. Diese Weltanschauung beruht auf den theologisch-philosophischen Erklärungen und Beschreibungen eines religiösen Staates, der Gottes Willen auf Erden in einer Regierung vertritt, die von Theologen getragen wird. Menschen werden zu gehorsamen Wesen reduziert, denen kein freier Wille zusteht. Demgegenüber sind Philosophen und Mystiker wie Avicenna, al-Farabi und Averroes kaum bekannt. Ihr Gesellschaftsmodell beruht auf der Entwicklung des Menschen und freien Willen. mehriran.de - Der vor 905 Jahren verstorbene Theologe Mohammad al-Ghazali[1] hat viele Bücher geschrieben, doch sein bedeutendstes Buch ist das Ihiya ulum al-din ( Die Wiederbelebung der Religionswissenschaften). Das Buch hat er auf Arabisch verfasst, es besteht aus 54 Bänden. Weiterhin existiert ein Extrakt dieses Buches in Persischer Sprache mit dem Namen Kimiayeh Sa'âdat (Die Alchemie des Glücklichseins). Diese Bücher geben Zeugnis darüber wie al-Ghazali die Existenz einer religiös geprägten Gesellschaft legitimiert. Im Zusammenhang der Zeit betrachtet, kann man sehen wie diese Bücher al-Ghazali 's Gegenreaktionen eines Theologen auf die Gedanken al-Farabi's[2] über den Entwurf einer tugendhaften Gesellschaft sind.


al-Farabi

Zusammenfassung der Weltanschauung Imam Mohammad al Ghazalis

Al-Ghazali beginnt seine Anschauung von Gott und der Welt ausgehend vom Sein Gottes und wie wir Menschen von seiner Existenz wissen können. Er erklärt das Sein Gottes auf verschiedene Weisen, um zum Schluss zu kommen, dass Gott notwendigerweise existieren muss und er keine Wahl hat, nicht zu existieren. Das bedeutet, Gott kann sich nicht entschließen nicht zu sein. Gott ist - und sein Sein ist eine Notwendigkeit, es ist keine Möglichkeit.

Danach beschreibt al-Ghazali die Kategorien (Eigenschaften) Gottes. Eine der Eigenschaften Gottes, die al-Ghazali erwähnt, ist, dass Gott keinen Anfang und kein Ende hat - sein Dasein ist unendlich und ewig. Gott war schon vor dem Sein irgendeines anderen Wesens und wird sein auch nach dem Verschwinden aller Wesen. Dies ist die Bedeutung von Unendlichkeit und Ewigkeit. Gott existiert in Zeit- und Raumlosigkeit und kein Ort ist frei von seiner Anwesenheit. Er beschreibt alle diese Aspekte im Detail und stellt Bezüge zum Koran und zahlreichen Überlieferungen her, die Mohammed zugesprochen werden.

Später referiert er über eine weitere Eigenschaft Gottes: der Schöpfer. Laut al-Ghazali schuf Gott das gesamte Universum aus einem ihm bekannten Grund, welchen nur er kennt, wir Menschen aber nicht. Dann schuf Gott alle Wesenheiten, seien sie groß oder klein, um von ihnen verehrt zu werden. Jedes Geschöpf, jedes Wesen, das im Universum existiert, verehrt unbewusst und unwissentlich seinen Schöpfer. Später schuf Gott den Menschen, um von diesem bewusst und auch unbewusst verehrt zu werden.

Im weiteren Verlauf erhebt er die Frage, wie man Gott in richtiger und bewusster Weise verehren könne, das bedeutet, wie kann ein Mensch in bewusster Weise zu seinem Gott beten. Er erklärt, dass Menschen geschaffen wurden, um zu Gott zu beten. Gott soll also den Menschen geschaffen haben, damit dieser ihn anbete. Doch laut al-Ghazali wissen die Menschen nicht, wie sie zu Gott beten sollen. Aus diesem Grund hat Gott die Propheten geschickt, damit diese den Menschen Gehorsam Gott gegenüber beibringen und die richtige Art zu beten. Auf diese Weise soll Gott die Religionen geschaffen haben. Laut al-Ghazali hat Gott viele Propheten geschickt, deren letzter Mohammed war, der den Koran gebracht hat. Der Koran sei vor jeglicher Verfälschung geschützt und gibt laut al-Ghazali den Rahmen für eine Religion, die jedem Menschen aufzeigt, wie man in richtiger Weise lebt und Gott verehrt und mit anderen Menschen zusammenlebt und zusammenarbeitet und zuversichtlich sein kann und in seinem Leben keine Missetaten begeht, so dass man dann in den Himmel kommen kann - oder wenn man die Erwartungen des Schöpfers des Universums nicht erfüllt, man in der Hölle landet.

Doch al-Ghazali geht noch weiter und schreibt, es sei nicht ausreichend Propheten zu senden, die die korrekte Lebensführung erläutern, sondern es sei notwendig, dass die Propheten und ihre Nachfolger eine Gesellschaft schaffen, in der Menschen korrekt leben können und zu Gott beten können, um echtes Glück zu erfahren. Das Glück, das hier gemeint ist, wird dem guten Anbeter, der sich in der Gesellschaft korrekt verhält, zugestanden. Wenn er die Anleitungen alle genau befolgt, wird er dann als tugendhafter Muslim sterben und direkt in den Himmel eingehen. Al-Ghazali schreibt dem Staat die Rolle zu, eine Gesellschaft nach den Lehren des Propheten zu organisieren, um ewige Glückseligkeit für jeden zu gewährleisten.

Im darauffolgenden Kapitel gibt al-Ghazali genaue Abweisungen für jede Alltagshandlung, die ein Muslim exakt so durchzuführen habe: wie er sein Gesicht waschen solle, wie er seine Hände waschen solle, welches Wasser er für seine Reinigung vor dem Gebet benutzen solle und welches nicht, wie sich ein Muslim nach einem Toilettengang reinigen solle - jeder kleine Aspekt aus dem Alltag eines Menschen von seiner Geburt bis zu seinem Dahinscheiden ins Jenseits wird detailliert für jeden Menschen erläutert. Wer diesen Hinweisen al-Ghazali's folgt, der wird in dieser und in der jenseitigen Welt glücklich sein. Und wer diesen Anweisungen nicht folgt, wird in dieser Welt von dem Staat bestraft und im Jenseits schnurstracks in die Hölle eingehen.

Ein System der totalen Kontrolle - legitimiert durch al-Ghazali?

Dies ist die Beschreibung eines theokratischen Systems, das eine absolute und grenzenlose Kontrolle über die Menschen dieser Gesellschaft hat. Den Menschen wird keinerlei Freiheit zugestanden und al-Ghazali's Schrift fordert die Menschen auf zu akzeptieren, nicht geschaffen worden zu sein, um frei zu sein, sondern, um gehorsam zu sein. Dies alles kennzeichnet eine Gesellschaft von indoktrinierten und gleichgeschalteten Menschen, in der das von Klerikern getragene Herrschaftssystem alle Freiheiten hat, im Namen der Nachfolger Mohammeds und der Allmacht und Legitimität Gottes, alles zu tun, was den Vertretern eines solchen Systems beliebt. 

Heutzutage werden mehr und mehr Bücher und Artikel veröffentlicht, die sich auf al-Ghazali's Schriften beziehen oder sein Leben beschreiben. Die allermeisten dieser Veröffentlichungen stehen in irgendeiner Weise in Verbindung mit einem islamischen Staat, Diese Staaten unternehmen immer wieder den Versuch ihre Staatsform zu legitimieren, indem sie sich auf al-Ghazali beziehen. Die Autoren beschreiben gerne die beiden Lebensphasen al-Ghazalis. In seiner ersten Lebensphase hat er diese Art System in seinen Schriften und Rechtsgutachten (Fatwas) legitimiert. Das betrachten die Autoren als die authentische Phase, in der al-Ghazali nach Einschätzung dieser Autoren auf "dem rechten Weg" war. Seine zweite Lebensphase betrachten dieselben Autoren als eine Abweichung vom tugendhaften Pfad und als einen groben Fehler. Ghazali wandte sich dem mystischen Strom, genannt Sufismus, zu. Diese Autoren begründen ihre Position mit dem Hinweis, es sei nicht wichtig, ob al-Ghazali später seine erste Lebensphase sehr kritisch betrachtet habe und was er später über einen islamischen Staat geäußert habe, sein Irrtum habe eben mit der zweiten Lebensphase begonnen. Die mit den islamischen Staaten verbundenen Schreiber akzeptieren seine Selbstkritik in Bezug auf seine Werke der ersten Lebensphase schlichtweg nicht.


Alireza A'arafi, Internationale Universität al-Mustafa


Mohsen Araki, Weltverband für die Annäherung der Islamischen Rechts- und Denkschulen


Abdol-Hossein Khosrowpanah, Iranisches Institut für Philosophie, 

Eine genauere Untersuchung wird dazu führen, dass Autoren, die heutzutage über Ghazali schreiben in Verbindung stehen mit islamischen Staaten, wie zum Beispiel der Islamischen Republik Iran und deren ideologischen Zentren. Zu nennen wären die Internationale Universität al-Mustafa, die von Alireza A'arafi geführt wird, der von Generalsekretär Mohsen Araki geführte Weltverband für die Annäherung der Islamischen Rechts- und Denkschulen, das Iranische Institut für Philosophie (Andschomane Falsafe) unter Abdol-Hossein Khosrowpanah und weitere. Sie alle beanspruchen für sich Teil des legitimen religiösen Staates zu sein, der von al-Ghazali für die Sunniten beschrieben wurde. Weiter behaupten sie, nicht zwischen Sunniten und Schiiten zu unterscheiden und wie jüngst der Oberste Führer Irans Ali Khamenei sagte, gehe es ausschließlich um Islam. Das bedeutet, diese Bücher sind mit Vorsicht zu betrachten. Das beste und glaubwürdigste Buch über al-Ghazali stammt von Averroes (Ibn Rushd)[3] und heißt Tahâfat-ol Tahâfeh (Die Irrtümer des Buches über die Irrtümer). Es handelt sich hier um eine philosophische Erwiderung auf al-Ghazali's Tahâfat ol Falsafe (Die Irrtümer der Philosophen). Das Buch von Averroes wurde recht bald verbrannt[4], aber glücklicherweise hatte man bereits eine Übersetzung angefertigt, die erhalten geblieben ist. In islamisch geprägten Regionen wurde Averroes stets abgelehnt, doch wurden seine Werke mit dem Ende des Islamischen Reichs in Spanien veröffentlicht.


Averroes oder Ibn Rushd


Avicenna

Averroes
war Soziologe, Theologe, Historiker und Philosoph, doch trat er vornehmlich als Philosoph auf, während al-Ghazali Theologe war, der sich auf die Koran Verse und Überlieferungen, die man Mohammed zuschreibt, fokussierte und Methoden der Logik nutzte, um gegen Philosophie und Logik zu argumentieren. Wenn er also über Gott, Ewigkeit, Unsterblichkeit, Unendlichkeit schreibt nutzt er Begriffe der Philosophen, die vor seiner Zeit gelebt haben, wie zum Beispiel Avicenna[5] oder al-Farabi. Doch er vertritt eine Lehre, die abweicht von den Lehren der Philosophen, denn für Philosophen ist der Mensch nicht zum Gehorsam oder zur Unterwerfung geboren. Philosophen betrachten den Menschen als ein Wesen, das einen freien Willen hat. Ghazali hat sich gegen diesen Aspekt ausgesprochen und den Philosophen vorgeworfen die Tore für Ungehorsam und Beliebigkeit zu öffnen. Er bestand darauf, dass die Menschen Gott gegenüber gehorsam sein müssen und somit auch gegenüber dem Stellvertreter Gottes, der laut al-Ghazali in der Regierung eines Staates besteht.

Schlussfolgernd kann man sagen, dass al-Ghazali Islam zu einer Staatsideologie reduziert hat. Als er dies tat, übte er ein hohes Klerusamt im Dienste des Staates aus. Er schrieb diese Gedanken und Rechtsgutachten, um dem berühmten Staatslenker Khowajeh Nezam ol Molk e Toussi[6], Großwesir des Seldschukenherrschers Malekshah und den Abbassidischen Kalifen von Bagdad zu gefallen.

© Seyed M. Azmayesh, Übersetzung Helmut N. Gabel im Dezember 2016


[1] Abū Ḥāmid Muḥammad ibn Muḥammad al-Ghazālī c. 1058 – 18. Dezember 1111

[2] Abū Naṣr Muḥammad ibn Muḥammad al Farabi c. 872[2] in Fārāb[3] – zwischen 14. Dezember, 950 und 12. Januar, 951 in Damaskus

[3] Abū l-Walīd Muḥammad Ibn ʾAḥmad Ibn Rushd‎, 14. April 1126 – 10. Dezember 1198

[4] Jacob Anatoli (um 1194–1256) übersetzte seine Werke aus dem Arabischen ins Hebräische. Von der islamischen Orthodoxie werden seine Werke bis heute strikt abgelehnt.

[5] Abū Alī al-Husain ibn Abdullāh ibn Sīnā, c. 980 in Afschāna bei Buchara in Khorasan; † Juni 1037 in Hamedan

[6] Nizām al-Mulk Abū ʿAlī al-Hasan ibn ʿAlī ibn Ishāq at-Tūsī; * 10. April 1018; † 14. Oktober 1092

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news-1053 Fri, 09 Dec 2016 22:17:20 +0100 Von Wölfen umzingelt - Interview mit Salih Gado, einem syrisch-kurdischen Politiker http://mehriran.de/artikel/von-woelfen-umzingelt-interview-mit-salih-gado-einem-syrisch-kurdischen-politiker.html mehriran.de - Salih Gado, Mitglied der syrisch-kurdischen Allianz aus Qamishli, kommt regelmäßig seit 30 Jahren nach Europa, um von der Situation der Kurden in Nordsyrien, der Kornkammer Syriens, zu berichten und um Unterstützung bei der Umsetzung eines föderalen Systems, in dem alle Volksgruppen gleichberechtigt leben können, zu werben. Salih Gado hat ganz Syrien zu Fuß kennen gelernt und eine Zeit lang in Damaskus gelebt. Wir haben ihn mit sprachlicher Unterstützung des Nahostreferenten der Gesellschaft für bedrohte Völker, Kamal Sido aus Göttingen, interviewen können. mehriran.de - Interview am Donnerstag, dem 8.12.2016 mit dem syrisch-kurdischen Politiker Salih Gado aus der nord-syrischen Stadt Qamishli, der für ein föderales Syrien eintritt. Herr Gado, 70 Jahre alt, sagt von sich, er stamme aus West-Kurdistan, genannt Rojava, einer Gegend mit ursprünglich 3 Millionen Kurden. Mittlerweile sind mehr als 1 Million Menschen vor Kämpfen in anderen Teilen Syriens hierher geflohen. Salih Gado stammt aus einer ehrbaren kurdischen Grossgrundbesitzerfamilie. Er begann sich schon in seiner Jugendzeit in Damaskus für das politische Schicksal der Kurden in Syrien zu interessieren.

mehriran.de: Herr Gado, mit welchem Ziel sind Sie nach Deutschland gekommen und welche Botschaft haben sie für die deutsche Regierung?

Salih Gado: In den letzten 30 Jahren bin ich sehr häufig in Deutschland und in Europa gewesen. Unsere Botschaft hat sich in diesen 30 Jahren so gut wie gar nicht verändert. Da wir über keinen Staat und über keine diplomatischen Kanäle verfügen, hatten wir immer die gleichen Schwierigkeiten die deutsche Öffentlichkeit und vor allem die Regierungen zu erreichen, um von unseren Problemen und Sorgen zu erzählen. 

mehriran.de: Was haben denn ihre Leute in den letzten 30 Jahren alles durchgemacht? Schildern Sie doch, was sich alles verändert hat in diesen Jahrzehnten...

Salih Gado: In den letzten 30 Jahren haben unsere Leute unter einer Diktatur gelitten. Ich kann sagen, es waren eigentlich zwei verschiedene Ausgrenzungserfahrungen, die wir durchgemacht haben. Einmal aufgrund der politischen Konfiguration des diktatorischen Staates, waren die Kurden wie alle anderen Gruppen der staatlichen Unterdrückung ausgesetzt und zum anderen waren wir als Volk (Ethnische Minderheit, die Red.) von Verfolgungen betroffen. Die Situation in Syrien dürfte allgemein bekannt sein. Wir sollten aber genau hinschauen. Was mich anbelangt, ich komme aus Nordsyrien. Diese Region ist nahezu vollständig eingekesselt, worunter die Menschen sehr leiden. Alles, was man zum Leben braucht fehlt oder ist knapp. Wir sind von allen Seiten von Wölfen umzingelt. Türkei, Regime, Daesh (IS), Al-Nusra. 

mehriran.de: Wodurch schaffen die Menschen in ihrer Region sich der "Wölfe" zu erwehren?

Salih Gado: Unsere Leute sind Helden. Ich bin wirklich beeindruckt wie die Menschen zurecht kommen mit dem, was ihnen die Region bietet. Wir waren mal die Kornkammer Syriens, auch fördern wir etwas Öl, das in unserer Situation schwer an den Markt zu bringen ist. Militärisch halten wir uns mit Hilfe der Volksverteidigungseinheiten (YPG), von denen es auch Frauenbataillone gibt. Die sorgen dafür, dass wir schlafen können. Ich muss an dieser Stelle meinen Hut vor diesen Menschen ziehen und ihnen Respekt zollen für ihre Leistungen. Sie schützen nicht nur die Kurden, sondern alle Menschen, die in unsere Region gekommen sind. Das sind Aramäer/Assyrer/Chaldäer, Araber, Yeziden und andere.

mehriran.de: Wie organisiert sich diese Region im Moment auf der gesellschaftspolitischen Ebene?

Salih Gado: Die Verwaltung, welche die Geschäfte in die Hand genommen hat, ist 2 Jahre und 10 Monate alt. Diese Verwaltung ist in einer sehr schwierigen Situation entstanden. Ich habe vorhin die Blockaden durch die Türkei, das Regime, Daesh, andere radikale Islamisten erwähnt. Unsere Wirtschaft liegt da facto am Boden. Wir müssen mit sehr wenigen Mitteln auskommen und uns organisieren, wir haben kaum Fachleute. Dazu kommt, dass es das erste Mal in der Geschichte ist, dass wir selbst eine Verwaltung aufbauen. Wir sind immer beherrscht worden und konnten nie selbst eine Verwaltung aufbauen. Der Umgang der Menschen verändert sich dadurch auch, da wir früher immer von anderen verwaltet wurden. Es kommt dazu, dass wir diese Verwaltung in einem Land aufbauen, das durch den herrschenden Bürgerkrieg fast vollständig zerstört ist. Während andere für Zerstörungen sorgten, mussten wir uns in dieser Situation organisieren. 

mehriran.de: Wer hat diese Verwaltung in die Hand genommen? Sind Wahlen abgehalten worden oder wer sind die Menschen, die es an sich genommen haben eine Verwaltung aufzubauen?

Salih Gado: Der Bürgerkrieg war im Gange, die Gemeinden und Städte sind mehr und mehr heruntergekommen. Der syrische Staat hatte sich zurückgezogen und die Infrastruktur lag brach. In dieser Situation wurde unter uns diskutiert, was getan werden kann. Am 15. Januar 2014 gab es dann die Entscheidung einiger Organisationen, die darüber einig waren, dass die Situation nicht mehr haltbar war und wir uns irgendwie organisieren müssen. Wir müssen es ermöglichen, dass die Bevölkerung möglichst normal leben kann. Sich nahe stehende Organisationen und Persönlichkeiten, die ähnliche Bewertungen zur Lage teilten, haben auf einem gemeinsamen Kongress diskutiert, wie die Bevölkerung in diesem großen Gebiet verwaltet werden kann. So kam es, dass auf diesem Kongress der gemeinsame Entschluss entstand eine Verwaltung aufzubauen, damit das Leben von 3 Millionen Menschen weiter gehen kann. Infrastruktur, Dienstleistungen, ein Minimum an wirtschaftlichen Aktivitäten mussten wieder aufgebaut werden, Sicherheit musste auf den Straßen gewährleistet werden, soziale Probleme der Bevölkerung brauchten Widmung - jemand musste sich um all dies kümmern. 

mehriran.de: Dazu sind noch Flüchtlinge aus den umkämpften Landesteilen gekommen?

Salih Gado: Immer mehr Flüchtlinge (nâze'h), ich schätze 1,25 Millionen, sind zu den 3 Millionen aus anderen Landesteilen dazu gekommen.

mehriran.de: Wie können wir uns das vorstellen, wie wird in Rojava Wirtschaft betrieben? Welche Wirtschaftszweige gibt es da?

Salih Gado: Wir haben einen hohen Anteil an Landwirtschaft, den Anbau von Getreide und Oliven, die Herstellung von Olivenöl im Westen, in Afrin und im Osten auch Erdölförderung. Das Problem mit dem Erdöl ist die Abnahme, d.h. es funktioniert nur über Schmuggel. Das allermeiste Erdöl wird aber zum Heizen gebraucht, da unsere Region um Qamishli sehr arm an Wäldern ist. In der Region um Afrin wiederum ist viel Holz, jedoch kaum Erdöl. Jetzt kommt aber eine weitere Versorgungsproblematik hinzu. Die beiden Regionen sind durch einen Korridor getrennt, der von Islamisten bzw. von der Türkei gehalten wird. Das bedeutet, durch die fehlende Verbindung Landverbindung kann kein regulärer Austausch von Waren stattfinden. 

mehriran.de: Gibt es Staaten oder sonstige Organisationen, die die Menschen in Rojava unterstützen?

Salih Gado: Bis jetzt hilft uns niemand. 2014 war ich Leiter des Büros für Außenbeziehungen der autonomen Verwaltung. Wir haben viele Hilfegesuche auf unseren Rundreisen gestellt, haben viele Regierungen um Hilfe gebeten. Unsere Delegation hat ganz Europa bereist, alle haben uns gesagt, das würde sich alles gut anhören, was wir machen, aber bisher ist noch keine praktische Hilfe erfolgt. Humanitär hilft uns also keiner. Es gibt militärische Hilfe durch die USA. Der Luftraum wird geschützt und es erfolgen einige Waffenlieferungen. Mittlerweile gibt es zwei Flugplätze, die von den Amerikanern genutzt werden. Ein dritter Flughafen wird bei Kobane gebaut. 

mehriran.de: Zurück zur Botschaft an die Europäer. Sie reisen seit 30 Jahren nach Europa, Ihr Anliegen ist kaum verändert, ist wahrscheinlich in den letzten drei Jahren dringlicher geworden. Was braucht Ihr Volk, welche Botschaft haben Sie an Europa?

Salih Gado: Unsere Botschaft ist immer wieder - das wiederhole ich auch heute - wir haben noch nie gesagt, dass wir bessere Menschen sind, sondern wir sind nur Menschen, die das Recht auf Leben haben. Über Landesgrenzen hinaus betrachtet sind wir fast 40 Millionen Kurden. Wir erleben immer wieder Verfolgung, Unterdrückung, Zurückweisungen. Wir wollen sagen, wir sind auch Menschen, wir haben Rechte und brauchen Unterstützung. Warum soll uns geholfen werden? Wir sind eine Volksgruppe, die offen ist für neue Werte, für neue Ideen. Wir denken diese Werte und Ideen umsetzen und dadurch unsere Nachbarn positiv beeinflussen zu können. Wir können die westlichen Werte schneller empfangen, realisieren und aus der Region als ein funktionierendes Modell ausstrahlen lassen. Unsere Nachbarn werden sich durch ein gutes Beispiel überzeugen lassen. Das ist ein Grund, warum uns geholfen werden soll. 

Wir sind auch Muslime, aber es ist sehr selten, dass sich Kurden radikalisieren und dieses Übel namens Islamismus annehmen, obwohl es uns gar nicht gut geht. wir wollten uns mit dieser abwegigen Interpretation des Islam nicht abfinden und haben dagegen auch Widerstand geleistet. Wir haben Dutzende politische Organisationen in unserer Region, aber eine relevante Islamistische Gruppe, die Fuß fassen könnte in der Bevölkerung, gibt es unter Kurden nicht.

mehriran.de: Wie sind die Kurden in Rojava organisiert?

Salih Gado: Wir haben mehr politische Organisationen, die das gesellschaftliche Leben organisieren und Einfluss haben, die Stammesstrukturen haben in unserer Region keinen Einfluss. Seit 50 Jahren ist es so bei den Kurden, bei den arabischen Nachbarn sind die Clans noch mächtig. Unsere Entscheidungen haben für Clans auch manchmal provokativen Charakter. So hat die autonome Verwaltung die Vielehe verboten. Ein Mann kann nur noch eine Frau haben. Für unsere Verwaltung zählt die Säkularität, so haben die Stammesstrukturen bei uns in Rojava keine Bedeutung. 

mehriran.de: Wie ist das Verhältnis Russlands und Irans zur Region Rojava?

Salih Gado: Wenn ich mir die Lage mit Abstand und ohne Emotionen anschaue, dann muss ich sagen, dass die iranische Diplomatie viel tiefgreifender, weitsichtiger und klüger agiert. Wir wissen, dass der Iran keine kurdische Autonomie unterstützt, das wissen wir sehr genau, aber die Iraner scheinen nicht so plump, dumm und vulgär wie der türkische Präsident Erdogan. Die Iraner unterstützen voll das Regime von Assad und sie lehnen auch eine kurdische Verwaltung ab, aber sie greifen uns nicht so offensichtlich an. Vielleicht später. Vielleicht warten die Iraner auch erst Mal darauf, dass Türken und Kurden aufeinander losgehen und sich gegenseitig schwächen.

Zu den Russen haben wir in Rojava bessere Beziehungen, die Region um Afrin hat sehr gute Beziehungen zu den Russen. Dort wurden die Kurden indirekt von den Russen unterstützt, sonst hätten die Islamisten dort auch alles kaputt gemacht.

Vor mehr als zwei Monaten haben die Russen zuletzt einen Versuch unternommen zwischen Kurden und dem Regime zu vermitteln. Wir waren eine kurdische Delegation von acht Personen aus Kobani, Afrin, Qamishli. Wir haben uns in Latakia auf einem Stützpunkt der Russen getroffen. Dort waren Vertreter des Außenministeriums und des Verteidigungsministeriums. Die Russen hatten uns mit einem Spezialflugzeug abgeholt und wieder zurück gebracht. Die Russen haben konkrete Vorstellungen in Bezug auf die Zukunft Syriens, auch was die Kurden anbelangt. Die Russen hatten eine Erklärung vorbereitet und ganz konkrete Vorschläge gemacht, die sowohl das Regime als auch wir unterschreiben sollten. Das waren Punkte, die vollständig in unserem Interesse waren. Zum Beispiel reden die Russen von einem föderalen System, das ist genau auch unsere Forderung. Ein weiteres Beispiel bezieht sich auf die YPG, die es in eine staatliche Armee zu integrieren gilt, was auch unseren Vorstellungen entspricht. Weiterhin ging es um die Änderung des Namens "Syrisch-arabische Republik" in "Syrische Republik". Diese Erklärung haben wir aus Rücksicht auf andere Nachbarn nicht veröffentlicht oder offiziell bestätigt. Es ist aber auf einer Basis von Gerüchten bekannt geworden. Das Regime kann den Vorschlägen gar nicht zustimmen, denn das würde für sie de facto einer Teilung des Landes gleich kommen.

mehriran.de: Bedeutet das, dass keine Vereinbarung zu Stande gekommen ist?

Salih Gado: Es gab keine Abmachungen, aber wir haben erlebt, wie die Russen die Syrer unter Druck gesetzt haben, daraufhin haben die Syrer sich weitere Beratungszeit in Damaskus erbeten. Vieles wurde über unterschiedlichste Kanäle gestreut und mittlerweile glauben die Leute, dass über diese Dinge diskutiert wurde, aber offiziell will das noch keiner zugeben. Selbst das Staatsfernsehen hat über ein "Treffen" berichtet. 

mehriran.de: Waren bei dem Treffen nur die Kurden oder auch Vertreter anderer Gruppen?

Salih Gado: Nun, weil die Kurden sich nicht in allen Punkten einig sind, hat man zunächst nur die Kurden eingeladen und wenn hier Einigkeit erzielt wird, werden nach und nach andere Gruppen einbezogen, das war der Plan. Also, um die Probleme Stufe für Stufe abzuarbeiten ist diese Aufteilung vorgenommen worden. Später werden die Assyrer/Aramäer/Chaldäer mit einbezogen werden.

mehriran.de: Es heißt die USA würden sich zurück halten aus Verhandlungen, da die Russen traditionell bessere Beziehungen zu den Kurden in Syrien unterhalten. Weiter heisst es, dass die Verhandlungsinhalte aber durchaus abgestimmt sind zwischen den beiden Großmächten. Wie sehen Sie das? 

Salih Gado: Dem stimme ich vollständig zu, dass die Amerikaner die gleichen Ziele verfolgen wie die Russen und somit die Verhandlungen ganz den Russen überlassen haben. Was die Amerikaner nicht machen können oder wollen, geben sie an die Russen weiter. 

mehriran.de: Was sind Unterschiede zu den Kurden im Irak und wo unterstützen sie sich gegenseitig?

Salih Gado: Es gibt Meinungsverschiedenheiten auch unter den syrischen Kurden. Die Verwaltung wird gemeinsam organisiert, doch gibt es natürlich gesellschaftliche Meinungsverschiedenheiten. Zum Beispiel zwischen der Partei Demokratische Union (PYD), das ist die Hauptkraft, die die Verwaltung stellt und der Demokratischen Partei Kurdistan Irak von Massoud Harzani  bzw. denen, die Harzani unterstützen, gibt es viele Probleme und Meinungsverschiedenheiten. Ich gehöre zum Beispiel weder zur Harzani Partei, noch zur PYD. Wir haben eine Allianz - Kurdische Patriotische Allianz - die aus fünf Parteien besteht. Zu der Linken Demokratischen Partei gehöre ich, dann gibt es eine Demokratische Einheitspartei, dann gibt es die Kurdisch-Demokratische Partei al-Party, eine Partei heisst al-Wifaq, dann eine Reformpartei (Partei der Reformbewegung). Es gibt noch eine andere wichtige Partei, die heißt Peshveru-Partei (Fortschrittspartei), die sehen die Dinge auch wie wir, aber die machen bisher einen Alleingang. Wir haben noch den kurdischen Nationalrat, der steht Barzani nah und die arbeiten eng mit der syrischen Nationalkoalition, die wiederum von der türkischen Regierung unterstützt wird.

mehriran.de: Worin sind sich die meisten Kurden in Syrien einig und in welchen Fragen sind sie sich am Weitesten voneinander entfernt?

Salih Gado: Wir alle halten das Regime für ein diktatorisches Regime. Darin sind sich so gut wie alle einig. Wir als Kurdisch-Patriotische Allianz wollen, dass die syrisch-kurdische Bewegung einen eigenen Weg geht und sich nicht von den kurdischen Organisationen im Irak oder in der Türkei beeinflussen lässt. Dieser Kurdische Nationalrat will unbedingt unter der Ägide von Barzani stehen. Die regierende Partei (PYD) steht mehr der PKK nahe. Die   Kurdische Patriotische Allianz will einen eigenen, einen mittleren Weg gehen. 

In der Föderalismus-Frage sind wir auch fast alle einig. Was die YPG anbelangt, lehnen die Kollegen vom Kurdischen Nationalrat, die mit der türkischen Regierung zusammen arbeiten, deren Existenz eher ab. Die PYD, die Kurdische Patriotische Allianz, die Peshveru (Fortschrittspartei) sind alle laizistische Parteien, die lehnen den radikalen/gewalttätigen Islam ab, während der Nationalrat auf Grund ihrer Zusammenarbeit mit der Türkei ein wenig zum Islamismus tendieren, obwohl die kurdische Gesellschaft insgesamt diese politische Ideologie des Islamismus ablehnt. Durch die Zusammenarbeit mit der Türkei merkt man jedoch beim Nationalrat Tendenzen in diese Richtung. 

mehriran.de: Wenn Sie in naher Zukunft eine führende Rolle in Syrien innehätten, was würden Sie als erstes anpacken?

Salih Gado: Das erste wären allgemeine Wahlen abhalten, um ein Parlament wählen zu lassen. Wir haben bisher zu viel unter Diktaturen und diktatorischen Methoden gelitten. Es muss ein Parlament als Vertreter des Volkes Entscheidungen treffen. Ich würde mich also in einem solchen Parlament sofort dafür einsetzen, dass Menschen- und Minderheitenrechte anerkannt werden und in der Verfassung verankert werden. Ich würde vollständig Religion vom Staat trennen. Weiterhin würde ich mich für die Gleichstellung zwischen Mann und Frau einsetzen und die Gleichberechtigung aller Bewohner unabhängig ihrer ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit. Dann würde ich mich natürlich dafür einsetzen, dass es den Menschen auch wirtschaftlich besser geht. Ich würde dafür sorgen, dass die Medien immer unabhängiger arbeiten können. Wenn ich das alles machen könnte, das wäre natürlich alles wunderbar!

mehriran.de: Wie schätzen Sie das Verständnis der Bevölkerung ein - können die ihre Gedanken und Konzepte verstehen, teilen die Menschen in Ihrer Region Ihre Ziele? Verstehen die das gleiche unter Menschenrechten wie sie?

Salih Gado: Die wissen das ganz genau. Wir haben viele Vereine, die sich um die Menschenrechte kümmern. Die wissen, was ich meine.

mehriran.de: Was sind die größten Hindernisse für Ihre Vision und Vorgehensweise?

Salih Gado: Um diese Ziele umzusetzen brauchen wir Unterstützung. Wir haben keine Unterstützung durch die regionalen Mächte und auch keine von der internationalen Gemeinschaft. Wir treffen auf viele Widerstände in der Region. Das ist ein Problem. Die regionalen Mächte spielen eine entscheidende Rolle, die sorgen dafür, dass wir dieses Ziel nicht umsetzen können. Die Türkei will es nicht. Saudi-Arabien will es nicht. Qatar will es nicht. Iran will es nicht. Baschar Assad und das syrische Regime wollen es nicht. 

mehriran.de: Wer kann denn wirklich helfen?

Salih Gado: Natürlich müssen wir uns erstmal auf die Bevölkerung konzentrieren. Die Bevölkerung muss erst Mal aus eigener Kraft weitermachen. Und wir Politiker vor Ort müssen vielleicht noch pragmatischer werden. Es ist klar, dass wir uns zunächst auch gegenseitig helfen müssen. Wenn wir uns zerstreiten, wird uns keiner helfen wollen. 

mehriran.de: Was können Sie sich als Minimal- und Maximalhilfestellung vorstellen?

Salih Gado: Wir wissen, dass die Bundesrepublik Deutschland Interessen in der Region hat. Und wir wissen, dass wir selbst eine Kraft in der Region werden müssen, damit uns die Bundesrepublik helfen kann. Ein Minimum für uns wäre die Öffnung der Grenzübergänge in die Türkei, um das Leben wieder fließen zu lassen. Das ist für uns am dringlichsten.

mehriran.de: Ja, ich verstehe, das ist dringend, doch ein kleines Ziel scheint das nicht zu sein. Gibt es ein kleineres Ziel?

Salih Gado: Politische Signale wären durchaus wünschenswert. Eine positive Anerkennung und Bewertung unserer Verwaltung wäre zum Beispiel ein erstes wichtiges Signal für den Anfang. Wenn die Bundesrepublik zum Beispiel ein offizielles Statement diesbezüglich abgeben würde, wäre schon ein Minimalziel erreicht.

Was das Maximalziel anbelangt: wir wollen ein föderales demokratisches friedliches Syrien. Und ein Beitrag der Bundesrepublik wäre schon eine offizielle Unterstützung dieser Ziele.

mehriran.de: Danke an Sie Herr Gado, dass Sie für das Wohl Ihrer Region Verantwortung tragen und um Unterstützung werben. Danke an Kamal Sido für die Übersetzungsleistung. Hoffen wir das, dass sich der von Ihnen formulierte Ausstrahleffekt auf die Region ergibt, wenn in Syrien und der ganzen Region Frieden herrscht und alle Menschen gleichberechtigt an einer positiven Zukunft arbeiten können.

Weiter führende Informationen: https://www.gfbv.de/de/news/recherchereise-syrien-rojava-schutzzone-fuer-minderheiten-8088/

© Helmut N. Gabel für mehriran.de

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news-1051 Tue, 29 Nov 2016 08:18:07 +0100 Iran - eine neue Seite im Buch der Justizwillkür wird beschrieben http://mehriran.de/artikel/iran-eine-neue-seite-im-buch-der-justizwillkuer-wird-beschrieben.html mehriran.de - Ahmad Montazeri ist zu sechs Jahren Haft und dem Verlust seiner religiösen Würden verurteilt worden. mehriran.de - Sie müssen sicher alles andere als froh gewesen sein über die Veröffentlichung alter Tonbadaufnahmen. Vier auf höchster Ebene des Regimes angesiedelte Verantwortliche, darunter ein heutiger Minister namens Pourmohammadi, sollten vor Wut geschäumt haben, als der Sohn des verstorbenen Ajatollah Montazeri vor einem halben Jahr wichtige Tonbandaufnahmen seines verstorbenen Vaters veröffentlicht hat. In den Aufnahmen geht es um die Rolle der vier Protagonisten bei den Massenmorden in den 80er Jahren durch das Regime in Iran.

Ahmad Montazeri wurde vor einem Sondergericht für Geistliche letzten Samstag abgeurteilt. Im Folgenden fassen wir die wesentlichen Punkte des Urteils gegen ihn zusammen:

Gerichtsurteil des Sondergerichtshofs für Geistliche gegen Ahmad Montazeri:

Herr Ahmad Montazeri hat Verbrechen gegen die Herrschaft des Regimes begangen und die Ordnung in der Gesellschaft durch folgende Punkte gestört:

a) Versteckt halten von top-secret Dokumenten der Islamischen Republik Iran und Gebrauch der Dokumente, um das Ansehen, die Interessen und die Einheit der Islamischen Republik Iran zu schädigen.

b) Er hat Interviews mit Medien außerhalb Irans geführt, die gegen das Ansehen der Islamischen Republik Iran handeln. insbesondere gab er dem persischen Sender DorrTV Interviews, um das regime zu beschuldigen und die Islamische Republik Iran schlecht dastehen zu lassen.

c) Auf Grund aller dieser Verbrechen gegen die IRI wird er zu 21 Jahren Haft verurteilt, sowie seiner Geistlichen Würden entkleidet. Er hat das Recht innerhalb von 20 Tagen nach Erlass gegen dieses Urteil Einspruch beim Sondergerichtshof einzulegen. 

Tatsächlich ist das Urteil milder ausgefallen. Seine Haftstrafe wurde auf sechs Jahre reduziert, da sein Bruder einer der ersten Märtyrer des Regimes war.

Weitere Berichte:

http://alischirasi.blogsport.de/2016/11/28/iran-21-jahre-gefaengnis-fuer-die-wahrheit/

http://www.kurdistan24.net/en/news/2b465ee3-447f-4515-acf6-4debd03365ec/Iran-says-Ahmad-Montazeri-is---acting-against-national-security-

https://de.qantara.de/inhalt/hossein-ali-montazeri-das-vermaechtnis-des-rebellischen-grossayatollahs

http://www.rferl.org/a/iran-montazeri-comes-back-to-haunt-1988-mass-killings/27975961.html

http://alischirasi.blogsport.de/2016/08/15/iran-ajatollah-montaseri-die-stimme-des-gewissens/

2016 © mehriran.de

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news-1048 Sat, 19 Nov 2016 00:08:39 +0100 "Schlaft ihr immer noch?" - Zwietracht und Angst im Iran http://mehriran.de/artikel/schlaft-ihr-immer-noch-zwietracht-und-angst-im-iran.html mehriran.de - Im Windschatten internationaler Krisen und politischer Verwerfungen verschärft sich auch im Iran das gesellschaftspolitische Klima. Die Mächtigen im Iran zeigen mit Fingern aufeinander und decken ungeheure Korruptionsskandale auf. mehriran.de - John Bolton wird als Außenminister des neuen US Präsidenten Trump gehandelt. In einem Interview mit Trumps Hauspostille "Breitbart" besteht er auf einer Sicht auf den Iran, die er schon vor Jahren vertreten hat: im Iran muss ein Regime Change her. Er gilt als Unterstützer der Volksmudschahedin mit ihrer Anführerin Marjam Radschavi, einer im Exil operierenden Oppositionsgruppe, die bereits seit Jahren starke Kontakte zu Republikanern in den USA aufgebaut haben. John Bolton will diese Gruppierung bewaffnen, er glaubt an eine gewaltsame Intervention.

Währenddessen versucht der Oberste Führer Ali Khamenei die Bevölkerung für den Opferkult des Imam Hossein zu gewinnen. Sein Mausoleum liegt in der für die Schiiten heiligen Stadt Kerbela, im Irak. Sein Tod im 7. Jahrhundert gilt den Schiiten als Mahnung ihren Führer im Stich gelassen zu haben, als er im Angesicht übermächtiger Feinde mit einer kleinen Schar der Seinen niedergemetzelt wurde. Gläubige peitschen sich blutig und verletzen sich mit großen Messern, um ihre Schuld einmal im Jahr symbolisch abzugelten. Das Regime im Iran versucht diese volkstümlichen Feiern als Treubeweis für sich und als Existenzberechtigung zu inszenieren. Khamenei hat seine religiösen Stiftungen angewiesen jedem, der nach Kerbela reisen will, alle Kosten zu erstatten. Er hofft damit, bis zu 2 Millionen Anhänger zu mobilisieren, um der Welt zu zeigen, dass die Menschen das Regime unterstützen und durch ihre Anwesenheit legitimieren.

In Teheran sind in den letzten Monaten immer häufiger Demonstrationen vor dem Parlament, vor dem Evin Gefängnis oder an anderen Orten zu finden. Ein großer Teil Bevölkerung hat trotz der Gräuel in den Gefängnissen keine Angst davor verhaftet zu werden und zeigt sich widerspenstig. 

So hat eine große Gruppe - manche sprechen von 100.000 Menschen, andere von 1 Million - Iranerinnen und Iraner den großen König Kyros I an seinem Grab geehrt und ihn als Nationalheld gefeiert - sehr zum Missfallen Khameneis, der diese nationalistische Karte als Verrat an seinem religiösen Regime versteht. Die Einladung nach Kerbela kann als Gegendemonstration verstanden werden.

Wegen Korruption steht im Moment Sadegh Laridschani, der Chef der Justiz, am Pranger. Durch die Veröffentlichung einer gängigen Praxis im Justizapparat auf DorrTV, ist ein Stein ins Rollen gebracht worden, der viel Schande auf die Familie Laridschani bringt. Die beiden Brüder Sadeghs, Javad und Ali Laridschani, besetzen auch hohe Posten innerhalb des Regimes. Es finden im Iran häufig unerwartete Besuche der Geheimpolizei bei unbescholtenen Bürgern mit allerlei Vorwürfen statt. Sie werden verhaftet und gegen eine hohe Kaution bis zur Verhandlung wieder frei gelassen. Diese Kautionen wandern auf eines von 63 Konten, die der Justiz gehören und werden tatsächlich getreu der Bestimmung behandelt. Jedoch die Zinsen, die sich aus den Kautionen ergeben, wandern in die Taschen Sadegh Laridschanis. Man schätzt die monatlichen Zusatzeinkünfte Laridschanis aus diesen Zinsen auf 20 Millionen Toman (ca 600.000 €). Der Skandal wurde erst richtig zum Kochen gebracht als der Wirtschaftsminister im staatlichen Fernsehen Stellung zu diesen Vorwürfen beziehen sollte. Ali Tajebnia, der zum Kabinett Rohanis gehört, bezog Stellung dazu und bestätigte die Vorwürfe. Ein weiterer Ausdruck für die Verwerfungen zwischen dem Lager Khameneis zu dem Laridschani gehört und dem Lager Rafsandschanis, zu dem Rohani und seine Regierung im Wesentlichen gehören.

So prophezeite der Parlamentsabgeordnete Sadeghi: "Wir scheinen alle zu schlafen. Eines Tages werden wir alle aufwachen und es wird kein Regime mehr geben. Diese Zustände sind nicht weiter haltbar!" Und tatsächlich kann man die Zustände im Iran mit einem letzten Beispiel visualisieren. Verurteilte Verbrecher wie der ehemalige Staatsanwalt Saeed Mortazavi oder der pädophile Torsi Gandâmyieh werden von Khamenei protegiert und nach Kerbela geschickt, während der Arzt und Heiler Mohammed Ali Taheri sogar nach Abbüßen seiner Haftstrafe und internationalen Protesten noch im Gefängnis behalten wird, weil es einer Machtgruppe innerhalb der hinter Khamenei stehenden Pasdaran nicht in den Plan passt und sie seine Freilassung auf jeden Fall verhindern wollen.

© Helmut N. Gabel für mehriran.de 

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news-1046 Tue, 08 Nov 2016 22:10:10 +0100 Menschenrechtsbeauftragte zum Gesundheitszustand von Mohammad Ali Taheri http://mehriran.de/artikel/menschenrechtsbeauftragte-zum-gesundheitszustand-von-mohammad-ali-taheri.html mehriran.de - Anlässlich aktueller Meldungen über den kritischen Gesundheitszustand des seit fünf Jahren inhaftierten Iraners Mohammad Ali Taheri erklärte die Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt, Bärbel Kofler, heute (08.11.). Erscheinungsdatum 08.11.2016

"Ich bin äußerst besorgt über den sich stetig verschlechternden Gesundheitszustand von Mohammad Ali Taheri, der aus Protest gegen seine sich immer weiter verzögernde Haftentlassung seit mehr als 40 Tagen im Hungerstreik ist und dem seit drei Wochen der Kontakt zu seiner Familie verwehrt wird.

Taheris Verurteilung erfolgte offenbar lediglich aufgrund seiner Weltanschauung und seiner religiösen Lehren. Sie stellt damit eine eklatante Missachtung des Menschenrechts auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit dar, zu dessen Achtung und Schutz sich Iran völkerrechtlich verpflichtet hat.

Ich fordere Iran auf, Mohammad Ali Taheri nach der erfolgten Verbüßung seiner Haftstrafe nun umgehend aus der Haft zu entlassen und ihm bis dahin uneingeschränkten Zugang zu seiner Familie, seinen Anwälten und zu umfassender medizinischer Versorgung zu gewähren."

Hintergrund:

Mohammad Ali Taheri, Gründer der spirituellen Bildungs- und Kultureinrichtung „Erfan-e-Halgheh“ („Mystik des Ringes“), wurde im Mai 2011 festgenommen und im Oktober 2011 wegen „Beleidigung der islamischen Heiligkeit“ zunächst zu fünf Jahren Haft, 74 Peitschenhieben und einer Geldstrafe verurteilt. In einem erneuten Verfahren wurde er im August 2015 zum Tode verurteilt. Nach Angaben von Taheris Anwalt hat der Oberste Gerichtshof im Berufungsverfahren das Todesurteil im Dezember 2015 aufgehoben und den Fall an das Revolutionsgericht zurückverwiesen. Taheris Anwalt und seine Familie rechnen mit seiner Freilassung bereits seit Februar 2016, als er seine 5-jährige Haftstrafe verbüßt hat.

Seit seiner Verhaftung soll sich Taheri ununterbrochen in Einzelhaft im Teheraner Evin-Gefängnis befinden. Am 28.09.2016 ist Mohammad Ali Taheri aus Protest gegen die Verzögerung seiner Freilassung zum wiederholten Mal in Hungerstreik getreten. Seit 16.10.2016 wird ihm der Kontakt zur Außenwelt verwehrt. Einer informellen Mitteilung gegenüber seinem Anwalt  zufolge fiel er ins Koma und wurde in ein Teheraner Krankenhaus gebracht.

Erschienen auf: http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Infoservice/Presse/Meldungen/2016/161108-MRHH-Mohammad_Ali_Taheri.html?nn=382708 

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news-1044 Mon, 31 Oct 2016 13:49:49 +0100 Lasst sie endlich frei! http://mehriran.de/artikel/lasst-sie-endlich-frei.html mehriran.de - Weltweite Proteste zur Freilassung aller Gewissensgefangenen und politischen Gefangenen im Iran fanden am Sonntag, 30.10.2016 statt.
mehriran.de - In Hannover protestierten mehrere Männer und Frauen für die Freilassung von Mohammad Ali Taheri, Narghes Mohammadi, Kazemeni Boroudscherdi und alle anderen Inhaftierten.

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news-1043 Sat, 29 Oct 2016 00:25:00 +0200 Mitgefühl aus der Perspektive von Sufi Gelehrten http://mehriran.de/artikel/mitgefuehl-aus-der-perspektive-von-sufi-gelehrten.html mehriran.de - Aus Anlass eines internationalen Symposiums zum Thema "Mitgefühl in verschiedenen Weltanschauungen" im Januar 2016 in Hyderabad, Indien, trug Dr. Seyed M. Azmayesh die wesentlichen Aspekte dazu aus der Tradition der Sufis in einem kurzen Beitrag für mehriran.de zusammen. mehriran.de - Der in Kanada lebende Prof. Daroll Bryant hat im Januar 2016 ein Symposium zu Barmherzigkeit organisiert, zu dem auch Dr. Seyed Mostafa Azmayesh eingeladen war, den Blick auf die Tradition der Sufis zu richten. Im Folgenden veröffentlichen wir den Text auf Deutsch.

"In der Geschichte der Sufis finden sich zahlreiche Beispiele für gelebte Barmherzigkeit. Davon zeugen die Werke einiger Sufi Meister wie Fariduddin Attâr[1], Maulana Dschami[2] oder Nezâmi Gandschavi[3] und besonders in den Gedichten des Sa'adi aus Schiraz[4].

Liebe in einem tieferen Verständnis bedeutet für einen Sufi Meister die Verbindung mit Gott und seiner Schöpfung und seinen Geschöpfen zu erfahren. Wenn sich jemand auf den Schulungsweg des Einswerdens begibt, empfindet dieser Mensch zunächst eine tiefe Sehnsucht, die nicht zuordenbar sein mag. Man fühlt sich zu seinem Lehrer hingezogen. Dann geht man bewusst eine Verbindung ein mit dem geistigen Strom dieses Lehrers, indem man ihm die Hand zur Einweihung reicht. Man sucht immer wieder die Verbindung zum eigenen Herzen im Alltag und bleibt dadurch mit dem Herzen des Lehrers und dem Strom der Liebe verbunden. Nach und nach wächst die Seele wie ein Küken in einem Ei, bis sie stark genug wird, ihre Flügel zu entfalten und die harte Schale zu verlassen.

Unter der Obhut ihres Lehrers werden die kleinen Vögel Übungen anwenden, welche die Entwicklung voranbringen. Die "Nahrung" des Seelen-Vogels ist reine Schwingung, die aus der Verbindung mit dem Lehrer resultiert und durch die Anwendung spezifischer Rhythmen aus dem Kanon der substanziellen Entwicklung. Diese Rhythmen können auf Instrumenten wie der Daff, der Dâyereh oder der Tombak gespielt werden oder rezitiert, gemurmelt oder innerlich gehört werden, während man sich auf den eigenen Herzschlag konzentriert. Diese Rhythmen finden sich in sehr vielen Sufi Gedichten und können von einem erfahrenen Qawwal zu Gehör und zur Wirkung gebracht werden. Sie finden sich auch in den Namen Gottes, von denen es zahlreiche gibt. Die bekanntesten Namen Gottes sind zum Beispiel: Haq (die wahre und tiefste Realität), Huu (der All-Eine) oder der Mitfühlende, der Barmherzige (ar-rahim).

Der erste Teil des Korans, der in Mekka niedergeschrieben wurde, besteht aus Hymnen und meditativen Gebeten, die man im korrekten Rhythmus rezitieren muss, damit sich ihre richtige Wirkung auf das Herz entfaltet.

Die ursprüngliche und authentische Bedeutung des Wortes Islam gemäß der Sufi Tradition und entsprechend der Wurzel des Wortes, kann so beschrieben werden: der Weg von soghm zu selm, was auf Deutsch mit einem Heilungsprozess von einer Erkrankung (soghm) des Herzens zur Genesung des Herzens (selm) beschrieben werden kann.

Wenn ein Sufi sich für eine Weile um diese Entwicklung zu einem genesenen Herzen bemüht hat, wird er oder sie eine Art von Gewissheit über ihre spirituelle Wirklichkeit bzw. ihren geistigen Kern erlangen. Man beginnt zu verstehen, dass man nichts anders als ein Gast auf Zeit und periodischer Bewohner dieser irdischen Leiber ist. Die Sufis erkennen ihre Mission auf der Erde und brauchen nicht an etwas glauben, das sie nicht selbst erfahren.

Somit reinigen Sufis die Staubschichten, die ihr Herz bedecken bis dieses Herz ruhig und rein wird und leuchtend glänzt. Sie machen das durch Anwenden verschiedener Methoden, wie, die Herzverbindung zum Lehrer aufrecht erhalten, das Herz ernähren durch Anwendung Schwingung erzeugender Rhythmen, persönliche Mantren (Dhikr)[5] im Stillen üben und an gemeinsamen Samâ[6] Zeremonien Teil nehmen, eine gewissenhafte Betrachtung der eigenen Gedanken, Gefühle und Handlungen in einer täglichen Rückschau (Mohassebeh genannt). Doch es geht noch weiter. Das hat mit Empathie und Barmherzigkeit zu tun. In einem seiner berühmtesten Gedichte hat Sa'adi eine Bedingung dafür vorgeschlagen, um als Mensch bezeichnet zu werden.

Bàni âdam azâye yek digarand 
Ke dar âfarinesh ze yek goharand 
Cho ozvi be dard âvarad roozegâr 
Degar ozvohâ ra namânad gharâr.
To kaz mehnate digarân bi ghami 
Nashâyad ke nâmat nahand âdami. 

Die Menschenkinder sind ja alle Brüder,

aus einem Stoff wie eines Leibes Glieder.

Hat Krankheit nur ein einzig Glied erfasst,

so bleibt den andern weder Ruh noch Rast.

Wenn andrer Schmerz dich nicht im Herzen brennet,

verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennet. 

Empathie und Mitgefühl sind also laut Sa'adis Gedicht hoch zu schätzende Eigenschaften und eine notwendige Stufe für die Qualifizierung zum menschlichen Wesen. Aber wie entwickeln Sufis Mitgefühl? Woher stammt das Mitgefühl? Sufis sagen, dass Mitgefühl aus dem Herzen kommt und eine Folge oder vielmehr ein Folgephänomen einer angewandten Handlung ist.

Sa'adi hat eine Geschichte über Mitgefühl hinterlassen, die dieses Prinzip veranschaulicht.

Auf einer seiner ausgedehnten Reisen durch den Nahen Osten, gelangte er nach Damaskus, als dort wegen langer Trockenheit eine Hungersnot herrschte und die Bewohner dem Tode näher waren als dem Leben. Er ging durch die Straßen von Damaskus und sah in die elendigen, fahlen und eingefallenen Gesichter der Bewohner, die dem Verhungern nahe waren. So traf er einen alten Bekannten, der dort Reichtümer angehäuft hatte und in Wohlstand lebte. Sa'adi betrachtete das Gesicht seines Bekannten und sah auch bei ihm die gelbliche und fahle Haut. Darauf sprach er ihn an: "Mein Freund, was ist dir widerfahren? Du siehst genauso elendig aus, wie diese armen Leute um dich! Dein Gesicht ist eingefallen und deine Haut ist gelb. Wie geht es dir?" Der Bekannte antwortete: "Mit all diesen leidenden Leuten um mich herum bin ich selbst so elendig geworden. Ihr Leiden berührt mich, sie dauern mich, ich leide mit ihnen. Jetzt bin ich von ihren Sorgen erfüllt."

Sa'adi reflektiert seine Begegnung im Nachgang und kommt zum Schluss, dass es nicht ausreicht das Leid der anderen nur untätig zu empfinden, sondern in Aktion zu treten und etwas an der Situation zu ändern, die anderen Leid verursacht. Das bedeutet, sein reicher Bekannter hätte einen weiteren Schritt tun können und anstatt nur mitzuleiden, hätte er sein Geld dafür einsetzen können, um Essen für die Armen zu organisieren, die kurz vor dem Verhungern waren.

Hier beschreibt Sa'adi das Prinzip der Ritterlichkeit (javânmardy). Dieses Prinzip bedeutet: es reicht nicht eine Situation zu empfinden, sie muss auch verstanden werden, doch es reicht nicht eine Situation zu verstehen, es muss auch eine angemessene Handlung gemäß den Fähigkeiten und Möglichkeiten jeder Person erfolgen. Dies ist eine ganzheitliche Sichtweise zu Mitgefühl und Barmherzigkeit laut Sufi Lehrern.

Eine weitere Geschichte berichtet von Schibli[7], von dem erzählt wird, dass er einen Sack Mehl in eine Sufi Khanegâh[8] gebracht hatte. Als er den Sack öffnete, sah er darin eine Ameise hilflos von links nach rechts laufen. Schibli fühlte sich schuldig, die Ameise aus ihrer Heimat und von ihren Gefährten entfernt zu haben. Nachts konnte er überhaupt nicht schlafen und anstatt zu schlafen oder zu beten, entschloss er sich die Ameise wieder nach Hause zu bringen.

Diese Geschichte enthält eine Lehre über Mitgefühl. Das Schicksal des kleinen Tieres ließ den Mann nicht unberührt und er setzte den Schmerz eines Lebewesens höher als sein Versprechen zu beten oder das Bedürfnis seines Körpers zu schlafen und handelte, um den Schmerz des Wesens zu beenden.

Viele Geschichten in den Büchern und Schriften der Sufis visualisieren Lehren und Prinzipien in einfacher Form. In der letzten Geschichte erfahren wir, dass Sufis nicht so sehr Wert darauf legen fortgeschritten oder mächtig zu sein oder viele Anhänger zu haben, sondern die Unterweisungen im Alltag anzuwenden - sogar, wenn das bedeutet, das Leben einer Ameise zu achten.

Diese Tatsache führte dazu, dass einige großen Herrscher Sufis als ihre Berater wählten. Lehrer wie Hafis[9] und Sa'adi haben nicht ihre Könige verherrlicht und gepriesen, sondern haben sie mit unerwarteten Gedankengängen herausgefordert, um sie zu lehren Gleichgewicht zu finden, die Kunst einer maßvollen Herrschaft auszuüben und nicht grausam und hart und streng mit dem Volk umzugehen.

Gemäß aller dieser großen Sufi Lehrer ist Mitgefühl die Anwendung geistiger Bewusstheit im Alltag."

© Seyed Mostafa Azmayesh


[1] Fariduddin Attâr ist als Dichter, Sufi Gelehrter und Hagiograph aus Nischapour bekannt. Nischapour war eine bedeutende Stadt des Mittelalters in Chorasan, im Nord-Osten Irans. Attâr lebte im 12. und 13. Jahrhundert. Sein offizieller Name lautet Abū amīd bin Abū Bakr Ibrāhīm. Er wurde über 100 Jahre alt. Sein berühmtestes Werk ist die "Konferenz der Vögel".

[2] Maulana Dschami war mit der Schule Ibn Arabis verbunden. Er gilt als größter Religionsgelehrter und Dichter des 15. Jahrhunderts. Dschami hat reichhaltige Werke als Gelehrter, Mystiker, Historiker hinterlassen. Er gilt als Autor, Komponist zahlreicher Lieder und Hymnen und größter Sufi Dichter seiner Zeit. Sein offizieller Name lautet Mawlanā Nūr al-Dīn 'Abd al-Rahmān or Abd-Al-Rahmān Nur-Al- Din Muhammad Dashti.

[3] Nezâmi Gandschavi war Autor romantischer Geschichten des 12. Jahrhunderts. Er stammt aus Gandscha, einer Stadt des großen Seldschukenreiches, die heute in Azerbaidschan liegt. Sein offizieller Name lautet Dschamal ad-Dīn Abū Muammad Ilyās ibn-Yūsuf ibn-Zakkī, genannt Ilyās. 

[4] Sa'adi  lebte im 13. Jahrhundert. Die Gedichte dieses Sufi Meisters sind von hochstehender Güte und die darin enthaltenen Gedanken sind berühmt wegen ihrer gesellschaftlichen und moralischen Tiefe. Sa'adi ist sehr viel gereist und hatte verschiedene Begegnungen mit Menschen, durch die er tiefe Erkenntnisse erlangte. Sein offizieller Name lautet Abū-Muhammad Muslih al-Dīn bin Abdallāh Schīrāzī.

[5] Dhikr oder zikr oder zekr: einen der Namen Gottes rezitieren wie z.B. Allah Huu (die einzigartige allumfassende Eigenschaft Gottes).

[6] Samâ Musikalische Zeremonie, die von einem Sufi Meister geleitet wird und zur Stärkung eines gemeinsamen Bewusstseins dient.

[7] Schibli war ein Mystiker mit persischen Wurzeln, der am Hof gedient hatte, bevor er sich auf den Weg der Liebe begab. Er soll sehr außergewöhnliches und exaltiertes Verhalten an den Tag gelegt haben. Abu Bakr Schibli lebte im 9. und 10. Jahrhundert. Sein Lehrer war Dschunayd Baghdadi.

[8] Eine Khanegâh ist ein Versammlungshaus der Sufis.

[9] Hafis ist ein persischer Dichter und großer Sufi Lehrer des 14. Jahrhunderts. Goethe hat ihn als Zwilling bezeichnet und fühlte sich von Hafis Werken inspiriert seinen "Ost-Westlichen Diwan" zu schreiben.

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news-1042 Fri, 28 Oct 2016 23:13:56 +0200 Mahnwache für Mohammed Ali Taheri am Kröpcke http://mehriran.de/artikel/mahnwache-fuer-mohammed-ali-taheri-am-kroepcke.html mehriran.de - Sonntag, 30.10.2016, zwischen 14:00 und 16:00 Uhr am Kröpcke, Hannover. Hinter den Kulissen Verhandlungen mit Iran, in deutschen Medien eisiges Schweigen zur Menschenrechtssituation im Iran. Doch Exil-iranischen Friedensaktivisten bleibt in ihrer Verzweiflung nur der Weg auf die Straße. mehriran.de - Der Arzt und Heiler Mohammad Ali Taheri ist laut mehrerer Quellen aus dem Iran in ein Koma gefallen. Er befindet sich in der vierten Woche seines 16. Hungerstreiks. Der Mann hat seine Haftstrafe längst abgebüßt, doch gibt es mächtige Männer innerhalb des Staatsapparates, die ihn auf keinen Fall draußen sehen wollen. Seine Anhängerschar ist in den letzten Jahren, sehr zum Missfallen des Regimes, gewachsen. Manche Hardliner wollten ein Exempel statuieren und ebenso einen Präzedenzfall schaffen, indem er hingerichtet hätte werden sollen. Das ist Dank internationaler Aufmerksamkeit verhindert worden. 

Durch Taheris unsicheren Zustand im Koma sind seine Anhänger und Schüler besorgt und gehen sowohl in Teheran als auch in Europa auf die Strassen, schreiben Appelle, wissen Amnesty International, die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI) und viele andere Menschenrechtsorganisationen an ihrer Seite, doch wünschen sie sich deutlichere Signale an den Iran, endlich die Rechte von Herrn Taheri zu wahren und ihn aus der Haft zu entlassen.

Neben Hannover wird es in weiteren Städten weltweit Proteste geben.

Einige Informationen zu Taheri über nachfolgende Links:

www.amnesty.ca/blog/<wbr />path-freedom-mohammad-ali-<wbr />taheri

www.amnesty.ca/blog/“i-<wbr />will-never-stop”-–-mother’s-<wbr />campaign-free-her-son-iran

© Helmut N. Gabel, mehriran.de

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news-1037 Mon, 24 Oct 2016 00:31:44 +0200 Menschenrechtler protestieren - Politik schweigt http://mehriran.de/artikel/menschenrechtler-protestieren-politik-schweigt.html mehriran.de - Im Iran stehen Tag für Tag mehrere Hundert Menschen vor Krankenhäusern oder vor Gefängnissen, um gegen unrechtmäßige Verhaftungen oder Brutalität gegenüber politischen Häftlingen und Gewissensgefangenen zu protestieren. Die Revolutionswächter im Iran reagieren nervös, deutsche Politiker schweigen dazu.
mehriran.de - Menschenrechte sind ein hohes Gut. Manche Ideologen im Iran behaupten es gäbe islamische Menschenrechte und der Westen solle sich nicht einmischen. Korankenner sind vom Gegenteil überzeugt: wer den Koran, das grundlegende Buch der Muslime befrage, käme zum Schluss, dass die Menschenrechte, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Vereinten Nationen zu finden sind schon im Koran veranlagt sind: was zählt ist der Mensch als Individuum vom Augenblick der Empfängnis und Inkarnation unabhängig von seinen Geschlechtsmerkmalen, sozialen Gegebenheiten, Hautfarbe oder anderen Unterscheidungen. 

Manche Muslime wähnen sich aber höherwertig und propagieren Gewaltanwendung gegenüber Andersdenkenden oder Andersgläubigen. So werden immer wieder Kampagnen mit Hilfe von Ausstellungen und Veröffentlichungen gegen unterschiedlichste Bürger und Bürgerinnen Irans gestartet. 

Es sind Geistliche wie Ajatollah Nekounam oder Ajatollah Boroudscherdi, Rechtsanwälte wie Abdolfattah Soltani, Menschenrechtler wie Narghes Mohammadi, Andersgläubige wie Baha'i, Derwische des Nematollah Gonabadi Ordens oder Ahl-e Hagh, Gewerkschafter, Lehrer, Studenten, Journalisten oder Heiler wie Mohammed Ali Taheri, die sich mit abstrusen staatsgefährdenden Vorwürfen konfrontiert sehen und plötzlich im Gefängnis landen, wo sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit gequält werden.

Dies mussten einmal wieder die Familie und die Freunde von Taheri letzten  Samstag erfahren, als er am 22 Tag seines 16 (!) Hungerstreiks verhört und ins Koma geprügelt wurde. Seine Frau wurde nicht zu ihm gelassen und auch nicht über seinen genauen Aufenthalt in Kenntnis gesetzt.

Seither stehen Hunderte Menschen vor dem Krankenhaus und protestieren. Immer wieder werden sie von Pasdaran Einheiten mit Tränengas und Schlagstöcken vertrieben. Das Regime wird nervös. Der Export seiner politisch-religiösen Ideologie auf die Schlachtfelder Iraks, Jemens und Syriens könnte sich als Fehlkalkulation erweisen, wenn daheim das Volk sich von den eisernen Fesseln der Machthaber zu befreien versucht.

Am Sonntag haben Menschenrechtsaktivsten vor dem iranischen Konsulat in Frankfurt sowie in Städten in Kanada, den USA, Schweden, Großbritannien, Australien protestiert. Es ist an der Zeit, dass sich neben Amnesty International und anderen Menschenrechtsorganisationen auch die deutsche Politik dazu äußert.

Weitere Infos unter: http://www.ac-dv.org/mohamad-ali-taheri-case-october-5th-2016/





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news-1036 Sun, 16 Oct 2016 23:08:51 +0200 Ali Khamenei und der Skandal um den pädophilen Maddah http://mehriran.de/artikel/ali-khamenei-und-der-skandal-um-den-paedophilen-maddah.html mehriran.de - Im Iran reihen sich handfeste Skandale aneinander. Das Regime, das einst seine Bürger mit brutalen Strafen zum Schweigen zu bringen versuchte, ist innerhalb seiner Führungselite zerstritten. Mehr und mehr korrupte, brutale und Menschen verachtende Handlungen, die lange Zeit durch den Obersten Führer gedeckt wurden, kommen ans Tageslicht. mehriran.de - Der nächste Skandal im Iran ist eine Tragödie aus dem unmittelbaren Umfeld des Obersten Führers selbst. Der Umgang mit dem Skandal ein Trauerspiel und typisch für das Haus Khameneis. 
Die Verquickung zwischen Religion und Staat erweist sich einmal mehr als schädlich für das Gesellschaftsleben. Ein Maddah (Koranrezitator) aus dem nahen Umfeld Khameneis wurde schon länger beschuldigt sich an "Chorknaben" zu vergreifen. Der Vater dreier Kinder hat die Übergriffe zugegeben und hat sich in langen Briefen immer wieder entschuldigt und gelobt sich zu bessern, doch er wurde wieder und wieder rückfällig. Der als Mahmoud Toossi Sadeghi bezeichnete Mann wurde sogar von einem Gericht für schuldig befunden, doch der Oberste Führer bestand darauf den Fall zu vergessen, um das Gesicht aller anderen Koransänger zu bewahren und kein Schaden auf die Religion kommen zu lassen, wie er sagte.

Jetzt wurde der Fall nochmals aufgebracht, weil der Mann seinen Übergriffen einfach kein Ende setzt. 50 Jungen aus Klerikerfamilien, die mit dem Mann im Kontakt gewesen sind, sollen Opfer geworden sein. Jetzt wurde auch der Tarnname des Mannes fallen gelassen. Offensichtlich soll es sich um einen Koransänger namens Toossi Gandâmiyeh und nicht "Sadeghi" handeln. Khamenei soll sehr verärgert sein, doch konnte er die Veröffentlichung des Falls durch VOA nicht mehr verhindern. Seine Taktik, die Korruption und Brutalität im Namen des Islams zu verschleiern, geht nicht mehr auf. 

Beobachter der politisch-gesellschaftlichen Vorgänge im Iran betrachten auch diesen Fall als Machtkampf zwischen der Fraktion des aktuellen Präsidenten Hassan Rohani und seiner Unterstützer im Verbund mit dem alten Politfuchs Haschem Rafsandschani und den Hardlinern hinter dem Obersten Führer Khamenei und seinem Ammaryioun Netzwerk.

 

 

 

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news-1035 Tue, 04 Oct 2016 11:29:09 +0200 Hassan Shariatmadari sendet Liebesgrüße nach Berlin http://mehriran.de/artikel/hassan-shariatmadari-sendet-liebesgruesse-nach-berlin.html mehriran.de - Der Herausgeber der Tageszeitung Kayhan sendet eine klare Botschaft an die deutsche Politik: "glaubt nicht, dass Rohani oder Zarif irgendeine Entscheidung betreffend iranischer Außenpolitik treffen können!"
mehriran.de - Kayhan gilt als offizielles Sprachrohr des Obersten Führers Ali Khamenei. Hassan Shariatmadari ist ein Revolutionär der ersten Stunden und gilt als Hardliner, der sich nicht mit den USA versöhnen mag, sondern "seine islamische" Revolution in die ganze Welt tragen will.

Nach dem Besuch von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel in Teheran, fühlte sich Shariatmadari bemüßigt allen deutschen Politikern, die gerne mit Wirtschaftsdelegationen in den Iran reisen, diese Botschaft ins Stammbuch zu schreiben: "Ihr braucht gar nicht glauben, dass Iran Änderungen in seiner Menschenrechtspolitik machen wird, denn Rohani und Zarif dürfen da oben nur stehen, weil sie die Diplomatensprache der Westler sprechen und nicht so ausfällig werden wie wir Hardliner." 

Ein weiteres pikantes Detail wurde heute durch die Veröffentlichung von Donald Trumps Steuerdokumente bekannt. Einer seiner größten Mieter ist die Iranische Nationalbank, die als größte Geldwäscheorganisation des Irans gilt. Lässt das den Schluß zu, dass Iran am Aufstieg Donald Trumps mitgearbeitet hat? 

Shariatmadari schreibt nicht wer die Entscheidungen bezüglich der iranischen Außenpolitik trifft. Er könnte mit großer Wahrscheinlichkeit Khamenei meinen. Gibt es noch andere Entscheider?

 

 

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news-1034 Thu, 29 Sep 2016 08:42:00 +0200 Âzâdi heisst Freiheit http://mehriran.de/artikel/azadi-heisst-freiheit.html mehriran.de - Einige Dutzend Männer und Frauen stehen vor einem Absperrgitter, Autos, die von ihren Fahrern achtlos abgestellt wurden, werden abgeschleppt. Immer wieder rufen sie Âzâdi, Freiheit. Mitten zwischen ihnen zwei hochgewachsene Männer, die entschlossen über die Strasse auf das gegenüber liegende Gebäude schauen. Vor der Botschaft der Islamischen Republik Iran protestieren einmal wieder Menschen. Die meisten der Protestierenden stammen aus dem Iran und sind geflohen, um ihr Leben zu retten. Sie sind zum Christentum konvertiert, das macht sie für das Regime verdächtig mit dem Westen zu sympathisieren und womöglich zu kooperieren. Im Iran ist das immer noch lebensbedrohlich. mehriran.de - Bei den hochgewachsenen Männern handelt es sich um Patrick Schnieder, einem CDU Bundestagsabgeordneten und um Daniel Holler, einem Vertreter der IGFM.

Zu dem Protest vor der Botschaft Irans in Berlin am Donnerstag, 29. September hatte die IGFM eingeladen. Es ging darum einige Unterschriftenlisten zur Freilassung politischer Gefangenen und Gewissensgefangener im Iran zu übergeben. Neben den vielen konvertierten Exiliranern, die nach Freiheit riefen, waren auch Mitglieder der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran anwesend. Nach einer Ansprache des MdB Patrick Schnieder und dem Appell an das Regime im Iran die Gefangenen frei zu lassen, sang die gesamt Gruppe das berühmte Gedicht Saadi's Bani Âdam, das auch als Inschrift über dem Hauptgebäude der Vereinten Nationen prangt.

Die Menschenkinder sind ja alle Brüder und Schwestern,
aus einem Stoff wie eines Leibes Glieder.
Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder,
dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wider.
Wenn andrer Menschen Schmerz dich nicht im Herzen brennet,
verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennet.

Patrick Schnieder und Daniel Holler am Briefkasten der Botschaft und bei der kurzen Ansprache

mehriran.de

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news-1032 Tue, 19 Jul 2016 20:55:20 +0200 Mahnwache und Hungerstreik vor dem iranischen Konsulat in Hamburg http://mehriran.de/artikel/mahnwache-und-hungerstreik-vor-dem-iranischen-konsulat-in-hamburg.html mehriran.de - Ohne Aufmerksamkeit und Druck von der internationalen Gemeinschaft, wird sich in Sachen Menschenrechte im Iran nichts ändern! - Mehrere Menschenrechtsorganisationen rufen zu einer Mahnwache (Freitag, 22. - Sonntag, 24. Juli 2016) vor dem iranischen Konsulat, Bebelstr. 18, in Hamburg auf. Während der Mahnwache werden zahlreiche Aktivistinnen und Aktivisten aus Solidarität mit den politischen Gefangenen im Iran in einen Hungerstreik treten. mehriran.de - Die Situation mehrerer politischer Gefangenen im Iran ist lebensbedrohlich. Sie protestieren durch Hungerstreiks gegen die Misshandlungen, Entrechtungen und Entwürdigungen, die sie in verschiedenen Gefängnissen Irans erdulden müssen. Manchen werden dringend benötigte medizinische Versorgung oder Medikamente verweigert, andere werden bedroht, wenn sie von ihrer Situation schreiben oder erzählen. Das Regime versucht nach wie vor sich der Weltöffentlichkeit mit sauberer Weste zu präsentieren. Gleichzeitig hat sich die Situation für Menschenrechtsanwälte, Journalisten und ethnische und religiöse Minderheiten kaum gebessert. 

Die Berichte von Amnesty International, Reporter ohne Grenzen, Gesellschaft für bedrohte Völker u.a. sind ein beredtes Zeugnis für die Missstände in Bezug auf die Menschenrechtslage im Iran. Immer wieder werden Appelle an die nationale und internationale Politik veröffentlicht, Iran an seine Selbstverpflichtungen in Bezug auf die Einhaltung der Bürger- und Menschenrechte zu erinnern. 

Mehrere Aktivistinnen und Aktivisten werden sich von Freitag bis Sonntag vor dem iranischen Generalkonsulat für eine Mahnwache versammeln. Einige werden in Solidarität mit den politischen Gefangenen im Iran in einen Hungerstreik treten, andere werden mit Plakaten und lauten Parolen protestieren. Weitere Aktionen finden zeitgleich in weiteren europäischen und amerikanischen Städten statt. Organisiert wird die Aktion im Wesentlichen vom Hamburger Verein für Demokratie und Menschenrechte.

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news-1031 Mon, 11 Jul 2016 23:44:02 +0200 "Warum schweigt die deutsche Politik zur miserablen Lage politischer Gefangenen im Iran?" http://mehriran.de/artikel/warum-schweigt-die-deutsche-politik-zur-miserablen-lage-politischer-gefangenen-im-iran.html mehriran.de - Interview mit Parviz Mokhtary, Menschenrechtler, Exiliraner, Wirt, Sprecher der Hamburger Gruppe Verein für Menschenrechte und Demokratie für Iran aus Anlass eines bevorstehenden Hungerstreiks aus Verzweiflung über die Lage vieler politischen Gefangenen im Iran und die Sprachlosigkeit deutscher Politiker darüber. mehriran.de: „Herr Mokhtary, Sie leben bereits einige Jahrzehnte in Hamburg. Ihre Wurzeln sind im Iran, dem Land aus dem sie als politisch Verfolgter geflohen sind und wohin sie immer noch viele Kontakte unterhalten und die Lage der Zivilbevölkerung ganz gut einschätzen können. Wir führen das Interview aus Anlass des Hungerstreiks der Sprecherin des Zentrums für Menschenrechtsverteidiger im Iran, Narges Mohammadi. Wie steht es gegenwärtig um die politischen Gefangenen im Iran?“

Parviz Mokhtary: „Die Situation ist miserabel. Es gibt zahlreiche politische Gefangene, die ihr Leben riskieren, um ihre Rechte zu erlangen. Iran gehört zu den Staaten, die eine UNO Konvention für die Rechte von Gefangenen unterschrieben haben. Iran hält sich aber nicht daran. Viele politische Gefangenen werden in Gefängnissen festgehalten ohne einen Prozess bekommen zu haben und ohne Respekt für ihre Rechte. Es gibt jetzt einige, die mit Hungerstreiks diese Rechte einfordern. Es passiert aber nichts, man lässt sie auflaufen. Darum rufen mehrere Organisationen zu Aktionen weltweit auf. In einigen Städten wird es Aktivisten geben, die einen Hungerstreik an Öffentlichkeit wirksamen Plätzen durchführen werden.“


Heshmatollah Tabarzadi, Journalist im Hungerstreik im Iran

mehriran.de: „Welche Chancen geben Sie einem weltweiten Hungerstreik einiger Aktivisten im Ausland im Iran etwas zu bewirken?“

Parviz Mokhtary: „Der Atomstreit mit den westlichen Mächten ist einigermaßen beigelegt. Die Menschenrechte werden seither unter den Tisch gekehrt. Politiker reisen mit Wirtschaftsdelegationen in den Iran und kommen mit vollen Auftragsbüchern zurück. Das ist eine Schande. Zwar behaupten sie auch die Menschenrechte anzusprechen, aber Ernst kann das niemand nehmen. Das sind Reden, um uns zu beruhigen. Deutliche und ernste Wörte werden nicht ausgesprochen. Amnesty International sendet dringende Appelle an Politiker sich einzusetzen, Reporter ohne Grenzen hat erst kürzlich einen Bericht veröffentlicht. Wenn man uns Exiliraner nicht glaubt, sollte man den Sondern  Beauftragten der UN für die Menschenrechte im Iran, Ahmed Shaheed, befragen! Aber es passiert nichts! Uns bleiben an dieser Stelle, wo wir kein Gehör finden, nur noch Verzweiflungstaten. Wir wissen keine anderen Mittel mehr auf die Menschenrechtslage im Iran aufmerksam zu machen und um Hilfe zu bitten. Es haben sich jetzt 29 Organisationen aus den USA und Europa zu einem Solidaritätsrat für Demokratie und Menschenrechte im Iran zusammen getan. Alle Organisationen sind unabhängig. Der Rat bekommt Aktionsvorschläge und verbreitet sie zwischen Mitgeliedern und Koordiniert die Aktionen. Für die Zeit vom 22.-24. Juli werden einige Organisationen den Hungerstreik mitmachen, andere werden auf die Straße gehen. Bisher wissen wir, dass in Paris, Göteborg, Montreal,  Atlanta, Fresno, Dallas, Calgary und Hamburg Hungerstreikende sich an prominenten Stellen in den Städten durch spektakuläre Aktionen ins Rampenlicht bringen werden, um auf das Schicksal der politischen Gefangenen im Iran aufmerksam zu machen.“


Jafar Azimzadeh im roten Hemd

„Eurer Meinung nach bin ich eine Verbrecherin, aber warum bestraft ihr die Kinder?“

mehriran.de: „Welche konkreten Fälle politischer Gefangenen können Sie vorbringen?“

Parviz Mokhtary: „Es gibt viele Geschichten, sie sind allesamt traurig, unwürdig und Wert erzählt zu werden. Ich greife einige wenige heraus. Da ist der vielfach bekannte Fall des Physikers Omid Kokabi, der nicht mit dem Regime am Bau einer Nuklear Bombe mitwirken wollte und seither mit dem Vorwurf ein Verräter zu sein, im Gefängnis sitzt. Es geht ihm schlecht, eine Niere musste ihm entnommen werden. Der Zugang zu wichtigen Medikamenten wurde ihm verwehrt. Da sind Fälle von politischen Gefangenen, die urplötzlich nach Radschai-Shar verlegt werden, in ein Gefängnis für gewalttätige und skrupellose Verbrecher. Was haben politische Gefangene dort verloren? Es ist ein weiteres Druckmittel des Regimes, um sie gefügig zu machen. Ein bekannter Dichter Spitznamens  Halou Khalouwurde für mehrere Monate dorthin verlegt, wo er schon mit Messerstichen und Schnittwunden traktiert wurde. Drei Männer, Afshin Osanloo, Mitglied der Busfahrergewerkschaft, Shahab Tabrizi, Mitglied der Malergewerkschaft, und Hoda Saber, Journalist und Freund  und Parteigenossen des Ehemanns von Narges Mohammadi, sind während ihres Hungerstreiks in den Gefängnissen verstorben. Herz Stillstand, heisst es. Ehsan Mazandarani , Journalist, ist seit über 42 Tagen im Hungerstreik. Er müsste ins Krankenhaus zur Behandlung.   Afshin Sohrabzadeh, Student, ist hat Krebs. Er müsste dringend ins Krankenhaus aber die Gefängnisleitung verlangt mehrere Millionen Tuman als Sicherheit.  Die Familie kann das Geld aber nicht aufbringen, der Vater war sogar bereit eine Niere zu spenden, um zu Geld zu kommen, alle Haushaltsgeräte wurden verkauft. Der Mann wird von den Wärtern geschlagen, um ihn zum Aufgeben zu zwingen. Weitere Menschen sind aktuell im Hungerstreik. Jaffar Azimzadeh, Metallarbeiter, der versucht hat eine unabhängige Gewerkschaft zu gründen, war über 63 Tage im Hungerstreik und sehr schwach. Er ist vor kurzem zur Behandlung in einem Krankenhaus beurlaubt worden und nach viel Widerwillen des Staatsanwalts wurde ihm auch ein juristisches Verfahren zugesichert.


Mohammad Sadiq Kabudvand

mehriran.de: „Was sagt das Regime zu den Vorwürfen, die sie vorbringen?“

Parviz Mokhtary: „Das Traurige ist, der Westen fällt auf die süßen Worte eines Herrn Rohani herein, wenn er in New York  (Genf  falsch) öffentlich erklärt, es gäbe keine politischen Gefangenen im Iran und schon gar nicht Journalisten. Und wenn ein Journalist im Gefängnis sei, habe das nichts mit seinem Beruf zu tun. Dasselbe Erklärungsmuster wird auf die gefangenen Baha’i angewandt, dasselbe Erklärungsmuster hat schon Mahmoud Ahmadinedschad vorgebracht und andere Vertreter der I.R.I., aber ich erinnere an Issa Saharkhiz, er ist Journalist, er hat sich keines Verbrechens schuldig gemacht. Er ist seinem Beruf nachgekommen! Er sitzt unschuldig im Gefängnis und keiner tut etwas."


Narges Mohammadi, Mutter, Journalistin, Menschenrechtsaktivistin

mehriran.de: „Was können Sie von Narges Mohammadi erzählen?“

Parviz Mokhtary: „Der Fall von Narges Mohammadi  ist eine weitere Schande für I.R.I Iran und für die Weltgemeinschaft, die diese Situation zulässt. Frau Mohammadi ist Journalistin, Sprecherin des Zentrums für Menschenrechtsverteidiger im Iran und Mutter von Zwillingen. Ihr Mann, Taghi Rahmani, ist auch lange Zeit politisch aktiv und hat viele Jahre in den Kerkern der Islamischen Republik verbracht. Er ist inzwischen aus dem Iran geflohen und lebt mit den Zwillingen in Frankreich. Narges ist schwer krank und gehört medizinisch angemessen versorgt. Sie wurde misshandelt und gefoltert und hatte mehrere Zusammenbrüche und einen Schlaganfall. Dazu ist sie seit zwei Wochen im Hungerstreik. Man stelle sich diese Verzweiflung und diesen Mut vor! Sie protestiert mit dem Hungerstreik dagegen, dass man ihr verwehrt mit ihren Kindern zu telefonieren. In einem offenen Brief an die Verantwortlichen schreibt sie unter anderem: „Eurer Meinung nach bin ich eine Verbrecherin, aber warum bestraft ihr die Kinder?“ Wenn unsere Politiker es nicht schaffen diese eklatanten Verhältnisse im Iran auf die Waagschale zu werfen und die Augen schliessen, um Geschäfte machen zu können, sind wir in unserem Zivilisierungsprozess ziemlich armselig."

Interview vom 9.07.2017 © mehriran.de (Helmut N. Gabel)

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news-1030 Mon, 11 Jul 2016 23:12:28 +0200 „Es ist in Eurem Interesse die Menschenrechte einzuhalten!“ http://mehriran.de/artikel/es-ist-in-eurem-interesse-die-menschenrechte-einzuhalten.html mehriran.de - Vielfalt, Fraktionen, Verwerfungen - Gespräch über Kurden in der Türkei, im Iran, im Irak und in Syrien mehriran.de - Interview mit Kamal Sido von der Gesellschaft für bedrohte Völker. Gerade hat er im Landesmuseum Hannover über seine Reise in den Nordosten Syriens gesprochen und viele Eindrücke auch fotografisch mit seinem Publikum geteilt. Dort hat er mit Vertretern vieler ethnischer und religiöser Minderheiten gesprochen. Wir führen ein Interview mit ihm über seine Arbeit bei der Gesellschaft für bedrohte Völker und über historisch lange Zeiträume, was sich bei den Kurden und bei den sunnitischen Arabern in Bezug auf Islam und gesellschaftliche Perspektiven entwickelt hat.

mehriran.de: „Was ist die GfbV in deinen Worten? Warum gibt es sie?“

Dr. Kamal Sido: „Die GfbV ist aus einer kleinen Initiative 1968 hervorgegangen, die im wesentlichen von Tillmann Zülch und Klaus Guerke begründet wurde. Zülch teilt mit seiner Familie das Schicksal von Millionen deutscher Vertriebener. Sie sind im Winter von Ostpreußen bis in den Norden Westdeutschlands gezogen. Als Student entschloss er sich anderen Vertriebenen zu helfen und zwei Jahre später entstand zusammen mit weiteren Mitstreitern die Gesellschaft für bedrohte Völker. Hervorzuheben ist die Arbeit dieser Initiative gegen die vielfältigen Bedrohungen aus unterschiedlichsten Gründen. Wir setzen uns vor allem für Minderheiten ein. Amnesty konzentriert sich mehr auf Einzelschicksale, wir wenden uns gegen Gruppenverfolgungen. Wir sagen es auch ganz offen: wir ergreifen Partei für die Minderheit. Ich bin Referent für den Nahen Osten.

mehriran.de: „Wie bist Du zu dieser GfbV gekommen? Gab es ein ähnliches Schlüsselerlebnis in deinem Leben wie bei Tillmann Zülch? Was motiviert dich diese Arbeit mit so viel Herzblut durchzuführen“

Dr. Kamal Sido: „Ich bin Kurde mit Wurzeln in Syrien. Als junger Mann bin ich mit 19 nach Moskau gegangen. Die Situation der Kurden in der Türkei, in Syrien, Irak, Iran ist nicht einfach und war zu meiner Zeit auch nicht einfach. Schon die kurdische Sprache war verboten. In Syrien durften wir zum Beispiel keine kurdische Bücher haben. Ich erinnere mich noch ganz genau, dass es in unserem Dorf ein einziges Buch eines kurdischen Dichters in kurdischer Sprache gab. Das mussten wir immer verstecken. Mit diesem Buch haben wir kurdisch gelernt. Das Buch war so alt, so kaputt! Das haben wir manchmal unter der Erde vergraben, um es zu verstecken! Das hat mich geprägt. Aufgrund meiner ethnischen Zugehörigkeit und unserer Sprache wurden wir diskriminiert. In der Schule durften wir manchmal kein kurdisch sprechen. Kurdische Schulen gab es nicht. Richtig Kurdisch habe ich erst an der weit entfernten Uni in Moskau lernen können. Es gab einige 10.000 Kurden in der Sowjetunion, die hatten Bücher, Radiosendungen, Wörterbücher und dort habe ich richtig Kurdisch gelernt. Warum muss ein Mensch aufgrund seiner Zugehörigkeit zu einer anderen Ethnie und Sprache verfolgt werden? Als ich mit 19 Jahren in Moskau ankam, habe ich an die Ideen eines internationalen Sozialismus geglaubt, an Gleichberechtigung, Brüderlichkeit. Aber als ich bei den Kommunisten war, habe ich gesehen, dass da auch Machtmenschen am Hebel waren, die zwar Gleichheit propagiert haben, aber sobald sie an der Macht waren, haben sie eine Diktatur entstehen lassen. Die Kommunisten in Syrien solidarisierten sich mit den Menschen in z.B. Nicaragua, aber mit den Kurden in Syrien gar nicht. Dadurch kam ich in Konflikte mit den Kommunisten. Später 1990 kam ich nach Deutschland. Die Idee der Gleichberechtigung aller Völker hat mich aber nicht losgelassen. Für mich hatte sich also ein Kriterium entwickelt, wie man mit eigenen Minderheiten im Land umgeht. Mein Motto lautet also: ‘Jede Zivilisation ist daran zu messen, wie sie Minderheiten im eigenen Land behandelt’ (Gandhi). Das war meine Motivation. Ich lebe jetzt nach dieser Maxime, z.B. indem ich mich für die Minderheiten in den kurdischen Gebieten einsetze, Menschen wie Assyrer/Aramäer/Chaldäer, Araber - wie behandeln die Kurden die Minderheiten in ihrem Gebiet? Wie behandeln sie die Jeziden, die keine Muslime sind?”

mehriran.de: „Du hast vorhin in deinem Vortrag im Landesmuseum erwähnt, dass du in den kurdischen Regionen Nordost-Syriens vor Vertretern der lokalen Kurdenverwaltung über die Notwendigkeit einer multi-ethnischen und multi-religiösen Gesellschaften gesprochen hast. Gab es von Seiten deiner Zuhörer Reaktionen, Diskussionsbeiträge, eigene Ideen dazu oder haben die das nur so hingenommen, was du erzählt hast?“

Dr. Kamal Sido: „Ich glaube die Menschen in Syrien haben in den letzten 5 Jahren viele Erfahrungen sammeln können, wie die ethnischen und religiösen Konflikte zum Elend führen. Reine ethnische und religiöse Gesellschaften entstehen in der Regel nur dann, wenn man auch massenweise vertreibt. In diesen Gegenden, Kurdistan, Syrien, Irak lebten schon immer viele verschiedene Ethnien. Rein persische, rein kurdische oder rein arabische Gegenden sind nur durch Vertreibungen installiert worden. Und das führt zu Elend, das sehen wir schon.“

mehriran.de: „Wo liegt die Wurzel dieser Nicht-Toleranz Fähigkeit gegenüber anderen Minderheiten?“

Dr. Kamal Sido: „In der Geschichte gab es immer Perioden, wo die verschiedenen Ethnien aufeinander losgegangen sind. Es gab Perioden, in denen alle zusammenleben konnten und es gab immer wieder Phasen, in denen Konflikte, Kriege und Vertreibungen entstanden sind. Wir sollten uns aber an den Phasen orientieren, wo das Zusammenleben gelungen ist. In den verschiedenen Gemeinschaften gab es immer Elemente der Toleranz und eines friedlichen Miteinanders aber auch Elemente einer Ablehnung. Ich weise auf die unterschiedlichen Perioden der Entstehung des Islams in Mekka und Medina hin. Auch in späteren Zeiten sehen wir bei den Omayyaden oder den Abbassiden Zeiten größerer Toleranz aber auch sehr tyrannische Zeiten. Die Toleranz in Andalous führe ich auf die räumliche Distanz zum Kalifat der Abbassiden zurück, es lag also am politischen Kalkül diese Toleranz zu fördern. Es gibt also an dieser Stelle immer auch ein Interesse hinter der Toleranz, denke ich mir. es gilt also zu sagen: wir müssen unser Interesse im gemeinsamen friedlichen Leben suchen und nicht in der Konfrontation. 

mehriran.de: „Was ist der Grund dafür, dass z.B. in Syrien so viele Menschen den IS (Daesh) unterstützen? Wie konnte es soweit kommen, dass sich Menschen solchen ausgrenzenden Ideen begeistert anschliessen?“

Dr. Kamal Sido: „Ich glaube der Islam hat verschiedene Phasen. Eine Phase, die Hoffnung machte, war Ende des 19. Jahrhunderts, durch Dschamal ad din Afghani, Mohammed Abdou in Ägypten. Sie versuchten eine Art Reformation des sunnitischen Islam zu beginnen. Diese Entwicklung wurde durch die Entstehung der Muslimbrüder bei Seite gedrängt, auch die Entwicklung des Wahhabismus in Saudi Arabien gehört zu den rückwärts gewandten Versionen. Im Schiitentum gab es mit der Revolution im Iran 1979 einen großen Rückschlag. Die vielen freien schiitischen Lehrer in Nadschaf, Irak, Qom, Iran oder im Libanon haben sich mit der Machtübernahme Khomeinis zurück gezogen und eine starre Ideologie hat sich installiert.“

mehriran.de: „Wenn es eine Realität ist, dass Ideologien Menschen zu intoleranten Wesen und manchmal Monstern formen und Staaten oder mächtige Institutionen solche Entwicklungen voranbringen, was wäre dann eine Massnahme, die Menschen unterstützen kann Toleranz zu leben, das Andersartige auszuhalten?“

Dr. Kamal Sido: „Ich glaube jede Gruppe, jede Nation, jede Gemeinschaft muss leider eigene Erfahrungen machen. Man denkt, dass Menschen aus Büchern voneinander lernen, dass sie Strategien, Vorgehensweisen abgucken sollen. Bildung ist ein wichtiger Faktor, aber das ist nicht alles, Bildung kann die Probleme nicht lösen, aber viel einfacher machen, glaube ich. Bildung brächte den Vorteil, dass die Menschen andere Quellen studieren könnten und dadurch ihren Horizont erweitern könnten. Was ist bei anderen Völkern vorgefallen, was ist z.B. in Deutschland passiert usw. Bildung hätte das Ziel das Selbstdenken zu ermöglichen. Es ist nicht alles, aber es könnte eine große Hilfe sein, einen Sprung nach vorne zu machen. Wirtschaft und Armut ist ein weiterer Faktor, der Kampf um Umverteilung ist nicht zu ignorieren. Wenn wir z.B. auf Asylbewerberheime schauen, wo viele verschiedene Menschen auf Engstem Raum zusammen leben müssen, kommen diese Probleme sehr deutlich in Erscheinung. Die Kultur des Dialogs ist weiterhin sehr wichtig, dass Menschen lernen Konflikte und divergierende Meinungen durch Dialoge und Verhandlungen zu lösen und nicht durch Gewalt. Die Sprachlosigkeit der Menschen muss aufgelöst werden, indem sie die eigene Sprache sprechen lernen, aber auch eine Sprache die in größeren Zusammenhängen gesprochen wird. Mir macht das Sprechen verschiedener Sprachen vieles leichter und ich kann mich unterschiedlichen Umgebungen zurecht finden. Dadurch entstehen kaum Probleme. Dadurch kann man sich auch unter den Gemeinschaften und Ländern besser kennen lernen. Ich bin als Muslim geboren und war früher nie in einer Kirche oder einer Synagoge, das baut Vorbehalte und Ängste auf.“


Mitglieder der neu gegründeten Regionalgruppe in Hannover

mehriran.de: „Lass uns nochmals auf Kurden zu sprechen kommen. Neben den Kurden in Syrien gibt es viele andere Kurden im Irak, im Iran, ganz zu schweigen von den Kurden in der Türkei. Aber in sich unterscheiden sich die Kurden auch in vielfältiger Hinsicht: unterschiedliche Stämme, unterschiedliche Dialekte, unterschiedliche Weltanschauungen oder Religionen und sicher noch weitere Unterscheidungen, wenn man tiefer gehen will. Was sind in deiner Einschätzung die wichtigsten Unterschiede zwischen den Kurden in diesen vier Ländern und wie gehen die Kurden jeweils mit den Problemen, denen sie ausgesetzt sind, um?“

Dr. Kamal Sido: „Durch diese Grenzen entstehen natürlich neue Eigenschaften, neue Identitäten: türkische, syrische, irakische und iranische Kurden. Bis 1918 gab es zwei große Reiche, in denen Kurden zu Hause waren: osmanisches und persisches Reich. In den 20er, 30er, 40er Jahren entstanden neue Staaten wie Syrien, die Türkei, Irak. Doch auch in den traditionellen Stammesgesellschaften von früher gab es wesentliche Unterschiede. Ein Stamm war in sich abgegrenzt und bildete eine Gemeinschaft, einen Körper. Der Stamm war Garant für das Überleben des Individuums in wirtschaftlicher und überlebenstechnischer Hinsicht. Es gab also unterschiedliche Stämme. Doch auch in religiöser Hinsicht sind unterschiedliche Denominationen entstanden. Es gibt die sunnitischen Kurden, aber auch die schiitischen Kurden, weiterhin die Aleviten, die Jeziden und andere. Vergessen wir nicht die Dialekte. Die Kurden können sich zum Teil gar nicht unter einander verständigen. Auch heute nicht. Es gibt Kurmandschi, darin gibt es wiederum verschiedene Mundarten. Es gibt Sorani, Zaza - manche sagen es sei eine eigene Sprache. Dadurch entstehen auch Identitätsfragen. Zum Beispiel sagen einige Jeziden, sie seien keine Kurden, obwohl sie kurdisch sprechen. Viele Zaza sagen von sich sie seien keine Kurden, genauso wie im Iran die Ahl-e Hagh oder unter den Loren im Iran betrachten sich einige als Kurden, andere nicht, ebenso bei den Bakhtiari usw. Die Zersplitterungen sind sehr sehr vielfältig. Wie es dazu gekommen? Wir sagen immer der Orient ist das Herz und dort haben sich viele Völker vermischt. Viele Armeen und Völker sind durchgezogen und haben Spuren hinterlassen. Kurdistan war immer multi-religiös, im arabischen Teil Syriens und des Irak gibt es nur schiitische oder sunnitische Araber. Keine anderen Minderheiten mehr. Die kurdische Gemeinschaft ist multi-religiös, multi-ethnisch, vielsprachig, sie lebt in den Bergen wie in der Ebene. Es wird niemals eine Partei geben, die alle Kurden vertreten kann, niemals einen Kurdenführer, der alle Kurden vereinen wird. Es gibt zwar diverse Ansprüche und mancher träumt von einem Groß-Kurdistan, aber meiner Meinung nach wird es nicht dazu kommen, da sich die Kurden in vielen Dingen nicht einig sind. Wenn überhaupt, kann es zu mehreren kurdischen Staaten oder zu einer Konföderation kommen, denn diejenigen die Zaza sprechen wollen nicht von Kurmandschi Sprechenden geführt werden, die Aleviten nicht von Sunniten usw. Die moderne kurdische Freiheitsbewegung muss die Politik der Vielfalt propagieren, weil es im eigenen Interesse ist. Aber auch der schiitisch-sunnitische Konflikt der letzten Jahre hat Spuren in der kurdischen Gesellschaft hinterlassen. Die Kurden müssen sich oft auch entscheiden auf wessen Seite sie stehen. Auf Seiten der Türkei gegen den Iran? Auf Seiten Irans gegen die Türkei? Die Kurden versuchen sich herauszuhalten, doch es ist nicht einfach. Dann gibt es linke, sozialistische Parteien, aber auch konservative, usw. Das ist alles zusammen Kurdistan, sehr sehr vielfältig, sehr sehr komplex." 

mehriran.de: „Heisst das, wenn die Kurden diese Vielfalt zu beherrschen lernen, wäre das ein Modell für den ganzen Nahen Osten?“

Dr. Kamal Sido: „Ich persönlich befürworte das Modell einer vielfältigen Gesellschaft. Auch die sozialistisch orientierte PKK mit ihrem Führer Abdullah Öcalan, der im türkischen Gefängnis sitzt, propagiert diese Ideen. Öcalan spricht sogar von der Idee einer „demokratischen Nation“. Dewegen werfen ihm konservative Kurden Verrat vor, denn er spricht nicht von der „kurdischen Nation“, sondern von der „demokratischen Nation“. Diese Vision von Öcalan ist unter den Kurden gerade ein großes Streitthema. Das klingt ein wenig utopisch. Auf kurdisch klingt „Netewa demokratik“ etwas komisch. Meiner Ansicht nach muss die Vielfalt erhalten werden. Rein kurdische Gesellschaften wird es niemals geben, da müsste man viele Menschen vertreiben. Es muss also eine offene Gesellschaft mit verschiedenen Ethnien und Religionsgemeinschften sein, gleichberechtigt miteinander oder nebeneinander. Dies ist ist erst mal eine Idee, die von den kurdischen Linken kommt. Es wäre schön, aber ob es realistisch ist (zuckt mit den Schultern)? In Nordsyrien versucht man dieses Projekt: Rojava. Hier wurde mit den Minderheiten ein Konsens gefunden in der Bezeichnung. Es heisst nicht Rojava-Kurdistan. ‚Warum sollte ein Assyrer sich für den Begriff Kurdistan gewinnen lassen?’ Manche Kurden sprechen auch nicht von der Türkei, wenn es um ihre Heimat geht. Da muss man Kompromisse finden. So diskutiert man auch alte Namen wie Mesopotamien. Das ist sehr sehr schwierig und wird in verschiedenen Kommissionen ernsthaft diskutiert. Die streng nationalistischen Kurden lassen sich darauf aber nicht ein, für sie ist es Kurdistan und Punkt.“

Der dritte Weg

mehriran.de: „Wie sieht die Situation der Kurden im Iran aus?“

Dr. Kamal Sido: „In Syrien haben wir jetzt schon einige Jahre diesen Konflikt. Unter den Kurden gibt es verschiedene Gruppen. Die führende Partei ist die PYD, die PKK nahe Gruppe in Syrien, die dieses Projekt propagiert, vertritt von Anfang an die dritte Linie im Konflikt, d.h. ist weder mit dem Regime noch mit der islamistischen Opposition. Sie gehen einen eigenen Weg. Die Zeit hat gezeigt, dass sie Recht damit hatte. Das war auch meine Position unabhängig von dieser Partei. Ich kenne die Geschichte Syriens und ich kenne die Geschichte und die Sprache und die Mentalität der Leute in der Region. Es ist wichtig weder auf der einen Seite zu stehen noch auf der anderen, sondern von Fall zu Fall zu entscheiden. Es war der richtige Weg. Viele sagen diese PYD ist Assad nah. In Wirklichkeit gibt es einfach gemeinsame Interessen, wie z.B. den türkischen Einfluss in Syrien und die Islamisten bekämpfen. Assad macht das, weil er an der Macht bleiben will, die Kurden haben andere Gründe. Iran ist ein Verbündeter von Assad. Iran will aber nicht Islamismus bekämpfen, sondern Assad an der Macht halten. Die iranischen Kurden versuchen bei dem anderen Lager, bei den Saudis, bei den Türken Sympathie zu bekommen. Genau aus dem gleichen Grund: Realpolitik. Realpolitisch gesehen sucht man nach gemeinsamen Interessen. Die syrischen Kurden sind gegen die Politik des türkischen Staates, gegen Islamismus. Die iranischen Kurden wollen die iranische Zentralregierung bekämpfen, also bekommen sie Sympathien in Saudi Arabien, vielleicht in Ankara, nicht aber bei den Schiiten im Irak. Die Kurden im Irak haben unterschiedliche Beziehungen zu Iran. Es gibt zwei, drei Parteien. Barzanis Gebiet ist an der Grenze zur Türkei, er arbeitet mehr mit der Türkei. Er will die Grenze zur Türkei offen halten, um seine Erdölgeschäfte mit den Türken abzuwickeln. Talabanis PUK im Osten arbeiten intensiver mit dem Iran. Die brauchen die Ruhe an der Grenze zum Iran. Die iranischen Kurden arbeiten mehr mit Barzani, da Barzani keine guten Beziehungen zu Iran hat. Es gibt natürlich viele verschiedene Parteien, die wiederum in kleine Fraktionen aufgeteilt sind. Auch hier ist der dritte Weg entscheidend. Der dritte Weg ist für die Kurden im Nahen Osten der bessere. In diesem Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten Partei zu ergreifen, kann katastrophal für die kurdische Gesellschaft enden. Es wird einen totalen Sieg, eine totale Lösung nicht geben, sie auch nicht geben dürfen. Totalitaristische Ideologien sind immer gefährlich, denn totaler Sieg für die einen, bedeutet immer totale Niederlage für die anderen. Daher ist der Konsens sehr wichtig, wir müssen doch zusammen leben! Der IS ist doch ein Produkt von Ausgrenzung. Viele Sunniten betrachten den IS als ihren Schutz vor den Schiiten. De facto hat der IS jedoch den Sunniten geschadet. Viele sehen Iran hinter den Aktivitäten des IS, Tatsache ist aber, dass Iran die Situation zu nutzen weiss.“

mehriran.de: „Was ist deine Empfehlung für die Verantwortlichen und Vertreter der deutschen Politik. wie kann man diese Menschen unterstützen?“

Dr. Kamal Sido: „Es braucht offene Dialoge miteinander. Alle Probleme müssen offen angesprochen und nicht ausgeklammert werden. Man kann natürlich die Art und Weise wie man Probleme anspricht selbst festlegen, aber ansprechen muss man sie. Und dann mit allen Seiten sprechen. Bsp. Türkei. Dort gibt es verschiedene Gruppen, es gibt auch die Kurden, man muss auch mit den Kurden reden, dadurch kann man Einfluss auf die Entwicklung nehmen. Es gibt viele Kurden in Deutschland. Über Deutschland Einfluss auf die Türkei einnehmen. Die Alevitische Gemeinschaft ist sehr gut integriert in Deutschland. Sie nehmen Einfluss auf die Türkei. Vor kurzem ist etwas einmaliges in der Parteiengeschichte Deutschlands geschehen, als die deutsche Grüne Partei eine Wahlempfehlung für die HDP an die Menschen mit türkischem Pass in Deutschland gegeben haben. Das kommt daher, dass diese eine Million Aleviten, aber auch Assyrer/Chaldäer/Aramäer wahrscheinlich die Grüne Partei wählen und das Auswirkungen in die Realpolitik hat. So kann man der Türkei, die immer versucht Einfluss zu nehmen auf die türkischen Vereine in Deutschland etwas entgegensetzen, indem man auch seinen Einfluss geltend macht. Ziel ist keine Einmischung, sondern Vermittlung, zum Beispiel Türken und Kurden zum Dialog zusammen bringen. Deutschland könnte hier die Rolle eines ehrlichen Maklers übernehmen, könnte den Rahmen für solche Gespräche bilden. Es gibt viele, die Mitglieder bei der CDU, andere bei den Grünen, andere bei der SPD oder bei der Linke sind. Voraussetzung ist die Gleichbehandlung. Hier kann eine Aufhebung des PKK-Verbots  helfen. Die PKK muss sich aber an die demokratischen Spielregeln halten. Das Verbot ist ein Störfaktor. Es ist ein Schwert über allen Köpfen der Kurden. Die türkischen Vertreter müssen auch aufhören jeden Kurden, der sich frei äußern will unter Generalverdacht zu stellen und ihn mit der PKK in Verbindung bringen, um ihn so ins Abseits zu stellen und zu delegitimieren. Ähnlich wie im Iran, wer nicht auf der Linie Khameneis ist, wird sofort als Staatsfeind beschimpft. Mit der Aufhebung des PKK Verbots muss der Verfassungsschutz aber weiter ein Auge auf die extremistischen Ränder haben.“

mehriran.de: „Du hast eben ein Beispiel für Dialog gegeben, vorhin hast du auch über Bildung gesprochen. Wie genau stellst du dir diese Bildung vor?“

Dr. Kamal Sido: „Nicht jede Bildung ist da hilfreich. Kinder und Jugendliche den Koran nur auswendig lernen lassen ist zu wenig oder gar kontraproduktiv. Die Inhalte müssen auch verstanden werden. Die Zusammenhänge und Sinnkontexte des Korans müssen erfasst werden. Diese Inhalte müssen in der Schule klar dargestellt werden, anders als in der Türkei und in Saudi-Arabien. Den Menschen muss die Möglichkeit gegeben werden, weiter zu denken. Wenn man den Koran nur auswendig lernen lässt, verstehen die Menschen überhaupt nicht wovon die Rede ist. Das sind Projekte, die in der Schule durchgeführt werden müssen. Aber Bildung umfasst noch mehr. 

Was die Menschen in Nordsyrien anbelangt, braucht es eine klare und wohlwollende Behandlung. Bei meiner letzten Reise nach Nordsyrien haben ich in allen Gesprächen betont: ‚Wenn ihr die Minderheiten gut behandelt, werdet ihr mehr Unterstützung bekommen. Wenn ihr die Minderheiten unter euch schlecht behandelt, politische Gegner in den Gefängnissen foltert, bekommt ihr keine Unterstützung, auch von mir nicht. Keine Solidarität mit Folterern. Wenn ihr die Rechte der Minderheiten beachtet, bekommt ihr Unterstützung. Es ist in eurem Interesse die Menschenrechte einzuhalten!‘“

Interview vom 7.07.2016, © mehriran.de (Helmut N. Gabel)

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news-1029 Mon, 11 Jul 2016 08:13:20 +0200 Zu zivilisatorischen Aspekten des interreligiösen Dialoges der monotheistischen Religionen: http://mehriran.de/artikel/zu-zivilisatorischen-aspekten-des-interreligioesen-dialoges-der-monotheistischen-religionen.html mehriran.de - Vortrag im Rahmen einer Tagung in Leipzig zu christlich-muslimischen Dialogen. "Die gegenwärtige Sprachlosigkeit der gewalttätigen Islamisten und deren Identifizierung mit dem Islam als einem Wandlungskontinuum macht die Unterscheidung zwischen Zivilisierungs- und De-Zivilisierungsschüben des Menschen- und Gottesbildes in den islamisch geprägten Gesellschaften umso dringlicher denn je." mehriran.de - (Zur Zivilisierung und De-Zivilisierung des Menschen- und Gottesbildes in den islamisch geprägten Gesellschaften, wie sie sich in unterschiedlichen Lesarten des Islams manifestieren)

Die gegenwärtige Sprachlosigkeit der gewalttätigen Islamisten und deren Identifizierung mit dem Islam als einem Wandlungskontinuum macht die Unterscheidung zwischen Zivilisierungs- und De-Zivilisierungsschüben des Menschen- und Gottesbildes in den islamisch geprägten Gesellschaften umso dringlicher denn je. Ohne diese wäre ein interreligiöser Dialog unmöglich. Diese Unterscheidung möchte ich am Beispiel der Entwicklung Irans diskutieren, weil er der erste "Islamische Staat" ist, wie er von Islamisten herbei gebombt wird.

In meinem Beitrag möchte ich daher zunächst hervorheben, dass es inzwischen ein breites Spektrum islamischer Strömungen unter den Geistlichen gibt, deren ausgeprägte polare Traditionslinien auf der einen Seite konservative Islamisten und auf der anderen Seite modern-liberale Muslime sind. Während Islamisten den Islam mit der Scharia gleichsetzen und ihn als Kodex präziser Rechts- und Verhaltensvorschriften begreifen, der die politisch relevanten Normen und Institutionen bindend festlegt, was einer demokratischen Grundordnung widerspricht; strebt die modernisierte Geistlichkeit danach, die Kompatibilität von Islam und institutioneller Demokratisierung dadurch herzustellen, indem sie die Scharia ethisiert und als Kanon grundlegender Maximen und Werte versteht, die den Menschen die Freiheit vernunftgeleiteter Deutung und Anwendung der heiligen Texte lassen und damit tendenziell eine Autonomisierung der „politischen Sphäre“ erlauben.

Diese Formalisierungs- bzw. Ethisierungstendenzen des Islams sind die beiden dominanten Entwicklungstendenzen des Islams, der wie jeder andere soziale Prozess zwar reversibel ist, aber eine gerichtete Entwicklung aufweist. Dessen Entwicklung ist aber ein Teilaspekt einer gesamtgesellschaftlichen Transformation, d.h. einer Veränderung der Sozial- und Persönlichkeitsstruktur der involvierten Menschen. Mit diesen Transformationsprozessen geht einher eine gerichtete Veränderung der Selbstwahrnehmung der Menschen hin zu einem zunehmend individualisierten, d.h. autonomeren und selbstwirksameren Selbstbild. Dieses Selbstbild ist die Manifestation der Verschiebung der Balance von Fremdzwängen und Selbstzwängen zu Gunsten der letzteren und damit auch der Balance von Trieb- und Selbstzwängen und der Veränderung der Art des individuellen Einbaus der letzteren im Laufe ihres Zivilisierungsprozesses. Denn Menschen sind von Natur aus nicht zivilisiert, aber sie haben von Natur aus eine Anlage, die unter bestimmten Bedingungen eine Zivilisierung, also eine individuelle Selbstregulierung momentaner trieb- und affektbedingter Verhaltensimpulse oder deren Umleitung von den primären auf sekundäre Zielen hin und gegebenenfalls auch deren sublimatorische Umgestaltung, möglich machen.

Mit diesem zivilisatorischen Transformationsprozess des Selbstbildes der Menschen geht einher eine Transformation ihres Gottesbildes, das seine furchterregende Funktion als Stütze einer relativ gebrechlichen Selbstregulierung niemals verliert. Mit der zunehmenden Individualisierung des Menschen geht einher nicht nur der zunehmende Funktionsverlust Gottes als Ersatz für die sich zunehmend entwickelnden individuellen Gewissen und den Verstand. Er zivilisiert sich auch in der Vorstellung der Menschen. Er erscheint ihnen weniger leidenschaftlich, wild-, und unberechenbar. Er ist nicht mehr heute menschenfreundlich und voller Wohlwollen, morgen grausam, voller Hass und zerstörerisch, wie sehr mächtige Menschen und ungezähmte Naturgewalten, weil sich die schwankenden natürlichen und sozialen Gefahrenniveaus reduziert haben.

Diese interdependenten Selbst- und Gottesbilder der Menschen bestimmen als soziale a’priorien die Gerichtetheit ihrer gesamten Wahrnehmung. Daraus ergeben sich unterschiedliche Lesarten von Koran und Sunna. Diese Differenzen sind weniger den Texten selbst geschuldet als vielmehr den textfremden interdependenten Selbst- und Gottesbildern der Menschen. Als ihre Glaubensaxiome und Werthaltungen manifestieren sie ein Zivilisationsdifferential unterschiedlicher Menschen, bestimmen aber auch die Gerichtetheit ihrer Wahrnehmung der heiligen Texte und ihrer formalisierten und ethisierten Lesarten.

Es ist dieser veränderte Wahrnehmungseffekt der zivilisierten Gottes- und Menschenbilder der Geistlichkeit und ihrer Klientel, der sich in der Ethisierung des Islam manifestiert und den Menschen die Hauptrolle in der Gestaltung ihres sozialen Lebens einräumt; während ihre Formalisierung als Scharia diese Gestaltungschance untersagt. Dabei ist die Formalisierungstendenz des dominanten Teils der Geistlichkeit und ihrer Klientel - also der Islamisten - ein Nachhinkeffekt ihres sozialen Habitus. Als ein zivilisatorischer Gegenprozess ist diese letztgenannte Tendenz dominant geworden im Zusammenhang mit dem erhöhten Gefahrenniveau, das sie als Funktion der Modernisierung der Gesellschaft erfahren haben. Mit der Modernisierung ist nicht nur ein selbstwertrelevanter sozialer Abstieg der traditionellen sozialen Gruppen, wie der Großgrundbesitzer, traditioneller Händler und Gewerbetreibender verbunden, sondern auch der Funktionsverlust der Geistlichkeit. Die letzteren verlieren nicht nur ihre juristischen Funktionen sondern auch die dominante Stellung der Scharia als normativer Struktur der Gesellschaft, die sie als ihre eigen definierten Werte demonstrativ hervorheben und wieder einführen wollen.

Zu diesem schmerzhaft empfundenen, selbstwertrelevanten sozialen Abstieg kommt die mit der zunehmenden Individualisierung einhergehende Notwendigkeit der Selbststeuerung, die diese traditionellen sozialen Gruppen überfordert.

Es sind daher auch ihre relativ triebdurchlässigen, labilen und weniger autonomen Selbstzwangsinstanzen, die sich in ihrem Bedürfnis nach ständiger Unterstützung und Verstärkung durch Fremdzwänge manifestiert. Zu diesen Fremdzwängen gehören u. a. die Zwänge kollektiver Phantasien und ein Gottesbild, das als ihr forensisches Gewissen funktioniert. Zu deren Funktionen gehört die Hilfestellung und Verstärkung ihrer relativ fragilen persönlichen Selbstzwangsinstanzen. Diese Fragilität der eigenen Selbstzwangsinstanzen manifestiert sich in einem Bild von Menschen, die scheinbar ihres eigenen Glücks unkundig, ihren rebellischen Trieben unterlegen und zur normativen Strukturierung ihres sozialen, ökonomischen und politischen Lebens unfähig sind, für die Gott als Kompensation Gesetze erlässt.

Angesichts dieser Gesetzesunkundigkeit der Menschen bestehe die Sendung des Propheten in der Übermittlung der ewig geltenden göttlichen Gesetze. Aus diesem Grunde dreht sich für sie die Offenbarung Gottes nur um Gesetzgebung, während die göttlichen Gesetze das Herzstück ihres Islams bilden.  Dabei begreift die konservative Geistlichkeit wie jeder Islamist Gottesgesetzgebung im geläufigen Sinne und das Gesetz als Verkörperung der absolut geltenden Werte unter besonderen äußeren Bedingungen. Diesem Gottesbild als Gesetzgeber entspricht ihr interdependentes Menschenbild. Es ist das Bild eines in der Pflicht stehenden, unmündigen Menschen, ohne jeglichen Rechtsanspruch. Er ist nur Bewahrer der Gottessendung. Seine Pflicht sei nur begrenzt durch allgemeine Bedingungen wie die Machtverhältnisse und Vernunft.

Demgegenüber begreift der zivilisiertere Teil der Geistlichkeit die Gesetzgebung Gottes im Sinne von Erlassen und Bestätigung ewig gültiger Werte, wie z.B. Gerechtigkeit. Für sie ist Gott kein Gesetzgeber sondern in erster Linie der Garant der ethischen Grundsätze als Orientierungsmittel der Menschen. Demnach ist Gott der „Sinnstifter der Werte“, während die Sendung der Propheten in der Etablierung der ethischen Grundlagen der irdischen Gesetzgebung besteht.

Die anthropologische Voraussetzung dieses Gottesbildes ist der historisch konkrete Mensch, der Gott als eine forensische Gewissensinstanz und Fremdzwang als Selbstzwang weitgehend verinnerlicht hat - im Sinne  Jesu Christi, der sagt: "das wahre Reich Gottes ist inwendig". Für diesen Menschen ist die Religiosität eher ein mystisches Gefühl und Nachleben der göttlichen Moral und humanes Verhalten. Demnach habe die Geistlichkeit die Aufgabe, die sinnstiftenden Wertprobleme der Menschen als ihr zentrales Problem zu lösen. Für diese Geistlichkeit sind es diese historisch bedingten Menschen, die Gott mit seiner Offenbarung der ewig gültigen Wertmaßstäbe anspricht und die sich ihm gegenüber moralisch verpflichtet fühlen. Von daher erwarten sie in dem heiligen Text keineswegs absolut gültige Modelle der sozialen, ökonomischen und politischen Ordnung zu finden. Sie erwarten nur, die allgemeinen Gebote und absolut gültigen Werte für die sich permanent wandelnde Gesellschaft der Menschen zu finden – so Mohammed Mudjtahed Schabestari, einer der prominenten Geistlichen in Opposition zu den Islamisten.

Folglich sind es weniger die statisch gedachten Islam und Demokratie, deren Kompatibilität oder Inkompatibilität festgestellt werden sollen, als vielmehr miteinander konkurrierende, graduell unterschiedlich zivilisierte Muslime mit unterschiedlichen Lesarten ihrer heiligen Schrift. Das Ergebnis ihrer Konkurrenz- und Ausscheidungskämpfe ist zwar Folge einer kognitiven Umstrukturierung der islamisch geprägten Menschen. Doch diese Umstrukturierung selbst hängt ab von der sich verschiebenden Balance zwischen Engagement und Distanzierung der involvierten Menschen zugunsten der Distanzierung, wie sie sich aus dem empfundenen Gefahrenniveau ergibt. Letztere ist aber Funktion der globalen und nationalen Ziel- und Interessenkonflikte und der Art ihrer Austragung.

Zum postrevolutionären Zivilisierungsschub der religiösen Orientierung im Iran

Neben diesen polaren Positionen der Geistlichkeit entstand nach der "Islamischen Revolution" im Iran eine zunehmend größere Gruppe von  Muslimen, die sich auf eine neue Lesart des Korans als der einzigen Quelle der Glaubensaxiome und Werthaltungen der Muslime konzentrieren.

Doch bevor ich auf die innovativen Aspekte  ihres Islamverständnisses als ein Gegengift zum Islamismus eingehe, möchte ich zunächst thesenartig auf einen Zivilisierungsschub der religiösen Orientierung im nachrevolutionären Iran hinweisen, die ich als eine der unbeabsichtigten Folgen der Islamisierung der dortigen Revolution bezeichne; und als einen Nachholeffekt des sozialen Habitus der involvierten Menschen auffasse. Das bedeutet, dass ich den postrevolutionären institutionellen Ent-Demokratisierungs- und De-Zivilisierungsschub als einen Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der Mehrheit der sozialen Träger der Revolution begreife. Als solche ist die „Islamische Republik“ der erste „Islamische Staat“ nach einer langen Modernisierungsphase in jüngster Geschichte, in der die dogmatische Tradition des Islams festgeschrieben wurde.

Da die Glaubensaxiome Setzungen sind, die nicht erkenntnismäßig, sondern bekenntnismäßig festgestellt werden, wurde mit der dogmatischen Tradition des Islams, die als Orientierungsmittel ein Ersatz für fehlende Instinkte der Menschen ist, über Jahrhunderte eine unschöpferische, starre Haltung der islamisch geprägten Menschen sich selbst, anderen Menschen und dem Leben gegenüber reproduziert. Diese Haltung manifestiert sich gegenwärtig in Gestalt des Islamismus, welcher im nachrevolutionären Iran einen Zivilisierungsschub auslöste.

Mit dem postrevolutionären Zivilisierungsschub der Glaubensaxiome der Gläubigen geht aber auch eine Transformation ihrer Werthaltungen – als zentrale Elemente der Kultur – einher, die den durch Instinktreduktion und Verhaltensunsicherheit gekennzeichneten Menschen, als generelle Orientierungsstandards dienen.

Diese Zivilisierung der Glaubensaxiome und Werthaltungen wäre aber ohne die traumatischen Erlebnisse der Menschen im nachrevolutionären Iran kaum vorstellbar gewesen. Mit den schmerzhaften Erfahrungen einer religiös legitimierten totalitären Herrschaft entstand ein massenhaftes Bedürfnis nach einer religiösen Umorientierung, welches gegenwärtig von den sich als „religiöse Innovatoren“ („Noandischan-e Dini“) bezeichnenden Muslime befriedigt wird.

Diese Zivilisierung des Islamverständnisses, die sich in einer religiösen Umorientierung manifestiert, ergab sich aus den Reformierungsversuchen des Islams u.a. durch neue hermeneutische Koran-Rezeptionen in seinem historischen Kontext unter Berücksichtigung der linguistischen Aspekte der Koran-Interpretation, da die Sprache die Welt ist, wie die Menschen sie erfahren. Zu diesen Reformationsversuchen gehören auch die neuen Forschungen zum Koran von Dr. Azmayesh, deren Rezeption ich sehr empfehle.

Einer der Aspekte der Zivilisierung der religiösen Orientierung offenbart sich vor allem in einem „barmherzigen Gottesbild“ gegenüber dem unbarmherzigen und blutrünstigen Gottesbild der herrschenden Islamisten. Damit wird eine „Religion der Barmherzigkeit“ der „unbarmherzigen Religion“ der Islamisten entgegengesetzt.

Um die Bedeutung der Zivilisierung des Gottesbildes zu begreifen, muss man die Zivilisierung als eine gerichtete Entwicklung individueller Selbstregulierung momentaner trieb- und affektbedingter Verhaltensimpulse oder deren Umleitung auf sekundäre Ziele und deren Sublimierung begreifen. Diese ist eine Veränderung des sozialen Habitus bzw. der Persönlichkeitsstruktur der Menschen in Richtung auf ebenmäßigere, allseitigere und stabilere Selbstkontrollmuster. Dieser gerichtete psychische Transformationsprozess führt zum Strukturwandel des Seelenaufbaus der Menschen, zu dem auch die Gewissensbildung gehört.

Ohne sich je von Fremdzwängen völlig loszulösen, gewinnen außerdem die Selbstzwänge gegenüber den Fremdzwängen größere Autonomie. Zu diesen Fremdzwängen gehören auch die religiösen Phantasien und Mythen sowie Götter: "Nun habt ihr im Koran einen klaren Beweis von eurem Herren, eine Rechtleitung und Barmherzigkeit".(Der Koran, Sure 6, Vers 157)

Die Götter haben auf früheren Entwicklungsstufen, also etwa auf den durch Stämme und andere vorstaatliche Überlebenseinheiten repräsentierten Stufen Funktionen, die auf späteren Stufen in weit höherem Maße vom individuellen Gewissen und Verstand erfüllt werden. Für die heutigen gottesfürchtigen Gläubigen hat ihr Gott daher eine gewisse forensische Gewissensteilfunktion, dessen Zivilisierung eine entscheidende Bedeutung zukommt; damit können Menschen mit sich selbst und mit anderen Menschen friedlicher leben.

Dazu kommt einer realitätsangemesseneren Darstellung der Anfangsgeschichte des Islams sowie der Biografie des Gründers des Islam, Mohammed, eine entscheidende Bedeutung zu, weil er und seine tradierten Verhaltens- und Denkweisen für die Gläubigen einen fremdzwangsartigen Vorbildcharakter haben. Eine der wesentlichen innovativen Beiträge von Dr. Azmayesh besteht in seiner neuen Darstellung der Anfangsgeschichte des Islams als Fortsetzung der Abrahamitischen Traditionslinie und der Biografie Mohammeds.

Damit werden dem Islamismus als einer globalen Herausforderung alternative Lesarten des Islams als eines Wandlungskontinuums entgegengesetzt. Denn der Koran ist nicht nur geschrieben; er muss auch gelesen werden. Damit wird das nicht mehr lebendige Wort wieder lebendig. Denn Lesen und Denken sind Lebensäußerungen und verleihen den Worten das Leben, das sie verlieren, sobald sie niedergeschrieben worden sind.

So kann man die Aussage, Mohammed sei der letzte Gesandte Gottes gruppencharismatisch auslegen und wie die Islamisten „als auserwählte Kinder Gottes“ die Weltherrschaft beanspruchen. Oder sie als Beginn der Aufklärung im Sinne Kants als „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ begreifen; und dabei den Wahlspruch der Aufklärung bedienen: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Dabei kann man sich wie Dr. Azmayesh auf  den Koran, Sure 21, Verse 51 - 71 beziehen, in dem Abraham die Götzenanbeter fragt: "Wollt ihr euch nicht des Verstandes bedienen?" Wobei Abraham als -  mit dem Verstand ausgestattetes - Vorbild eines ritterlich gesinnten Edelmannes für die ganze Menschheit dargestellt wird: "Wir gewährten vordem Abraham Denkvermögen und das  Nachdenken über die Wahrheit, und wir wussten Bescheid über ihn." (Sure 21, Vers 51)

Wir lesen, dass wir uns Gottes Gesetze unterwerfen sollen im Sinne der Islamisten als einer Unterwerfung unter die Scharia; oder diese als Naturgesetze entdecken und befolgen; bzw. als soziale Regelmäßigkeiten wie z.B. der Zivilisation erkennen und uns entsprechend den Zivilisationsstandards - als moralphilosophisch begründete Gebote und Verbote - benehmen. In diesem Sinne folgen wir verantwortungsbewusst den Natur- und Humanwissenschaftlern sowie den Moralphilosophen als neuen Propheten, die durch Paradigmenwechsel immer erneut ersetzt werden können. Dabei können wir im Sinne Aristoteles ein Gebot A nicht als etwas Gutes befolgen, weil es Gott geboten hat; sondern weil das Gebot A im Sinne des Zivilisationsstandards gut ist, wurde es uns von Gott auferlegt: "Er hat herab gesandt zu dir das Buch mit der Wahrheit, bestätigend das, was ihm vorausging; und vordem sandte Er herab die Thora und das Evangelium als eine Richtschnur für die Menschen; und Er hat herab gesandt eine Richtschnur für die Menschen; und Er hat herab gesandt die Maßstäbe", (weil sie gut sind) (Der Koran, Sure 3, Vers 1 - 3)

Wir können uns fatalistisch dem von Gott bestimmten Schicksal hingeben oder unser Schicksal als Ergebnis der selbstverantwortlichen Lösung der vom Leben gestellten Aufgaben begreifen: "In der Prophetengeschichte liegt eine Lehre für Menschen, die sich des Verstandes bedienen." (Der Koran, Sure 12, Vers 111)

Wir können Sure 4, Vers 62 im Koran: „Oh ihr, die glaubt, gehorchet Allah und gehorchet dem Gesandten und denen, die Befehl unter euch haben“ so auslegen, wie die Theologen den Vers auffassen, die Jahrhunderte lang die „orientalische Despotie“  als Usurpatoren begriffen, aber trotzdem als  „Schatten Gottes auf Erden“ und Garanten der Ordnung und der Unterbindung der Anarchie legitimierten. Oder wie Khomeini als Begründung der Notwendigkeit der Hierokratie heranziehen, weil die Menschen angeblich unmündig seien und eines Vormundes bedürfen. Und solange der entrückte zwölfte Imam Mahdi nicht wieder erscheint, komme diese Aufgabe der Geistlichkeit zu.

Schließlich kann man auch, die Volkssouveränität als Grundprinzip einer demokratisch verfassten Gesellschaft vorausgesetzt, daraus eine Parlamentarische Demokratie  legitimieren.

Es ist also nicht nur geschrieben; es muss auch gelesen werden. Darauf kommt es an, wie es auch im Koran hervorgehoben wird: "Er ist es, Der dir das Buch herab gesandt hat. Es enthält eindeutige, grundlegende Verse, die den Kern des Buches bilden und Verse, die verschieden gedeutet werden können. Diejenige aber, die abwegige Absichten hegen, befassen sich vorrangig mit den nicht eindeutigen, mit der Absicht, Verwirrung zu stiften und eigene Deutungen zu entwickeln. Die einzig richtige Deutung weiß nur Gott allein."( Der Koran, Sure 3, Vers 7)

Schon daraus geht hervor, dass die Entstehung verschiedener Islamversionen auf einige mögliche kommunikative Missverständnisse der Konvertierten hervorgeht, wenn man einen bewussten Betrugsversuch der scheinbar "Bekehrten" ausschließen will. Dies vor allem, wenn man die Kommunikationsverflechtungen im Koran berücksichtigt.

Was daher eine realitätsangemessene Lesart vor allem kennzeichnet, ist eine kommunikationspsychologische Interpretation der Bekenntniszusammenhänge im Koran, wie ich sie verstehe. Dies wäre ohne eine historische Kontextualisierung der in der Regel missverstandenen Wörter im Koran nicht angemessen möglich, wenn man die vier Dimensionen dieser Kommunikation differenziert aus dem Munde Mohammeds und seiner Adressaten berücksichtigen wollte. Im Unterschied zur sonst üblichen dogmatischen und buchstabentreuen Lesart, die das Buch zu einem Steinbruch verwandeln, aus dem manche das herausholen, was sie wollen, muss die kommunikationsdiagnostische Lesart der Botschaft Mohammeds folgende vier Dimensionen seines Kommunikationszusammenhanges mit seinen Gegnern und den scheinbar Bekehrten berücksichtigen, wie sie im Koran vermittelt werden:

  1. Den inhaltlichen Aspekt, d.h. worüber gegenseitig gesprochen wurde,

  2. Den Selbstoffenbarungsaspekt, d.h. was gegenseitig von sich selbst kundgegeben wurde,

  3. Den Beziehungsaspekt, d.h. was die Kommunikationspartner gegenseitig voneinander gehalten haben,

  4. Den Appellaspekt, d.h. wozu sich die Kommunikationspartner veranlassen wollten.

Nur so können die abweichenden Ziel- und Zwecksetzungen der Bekenntnisse Mohammeds und seiner Bekehrungsversuche und der seiner Gegner und der scheinbar Bekehrten aus den Koran-Versen herausdestilliert werden. Dabei können die abweichenden persönlichen Zwecksetzungen der scheinbar Bekehrten und den von Mohammed vorgegebenen Leitbilder der Gläubigen unterstrichen werden, um die weitere Geschichte des Islams als eines Wandlungskontinuums im Sinne der Etablierung eines Herrschaft legitimierenden Dogmas zu begreifen. Denn „man fragt nicht, woher, durch welche Ursache sich das menschliche Handeln bestimmt, sondern man fragt, wozu, im Dienste welches Zweckes verhält sich der Mensch so, wie er sich verhält.“: "...Wir haben dir den Koran nicht herab gesandt, damit du dich über die Ungläubigen grämst, sondern er ist vielmehr eine Ermahnung an die, die Gott fürchten" (Der Koran, Sure 20, Vers 1 - 3).

Aus diesen Ziel- und Zweckkonflikten heraus entstanden schon zu Lebzeiten Mohammeds hautsächlich zwei Islamversionen, die über 14 Jahrhunderte die Geschichte des Islams prägten. Schon im Koran, Sure 3, Verse 7 - 8 wird auf die verschiedene Lesarten des Korans hingewiesen: "Er ist es, Der dir das Buch herab gesandt hat. Es enthält eindeutige, grundlegende Verse, die den Kern des Buches bilden und Verse, die verschieden gedeutet werden können. Diejenige aber, die abwegige Absichten hegen, befassen sich vorrangig mit den nicht eindeutigen, mit der Absicht, Verwirrung zu stiften und eigene Deutungen zu entwickeln. Die einzig richtige Deutung weiß nur Gott allein." Daraus geht hervor, dass es schon seit Mohammed verschiedene Islamversionen gegeben hat. Ein interreligiöser Dialog muss daher diese Tatsache unbedingt berücksichtigen.

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news-1028 Sat, 18 Jun 2016 01:02:36 +0200 Soziologische Kontextualisierung der Buchneuerscheinung "Wie und warum es zu zwei gegensätzlichen Islam Versionen gekommen ist" http://mehriran.de/artikel/soziologische-kontextualisierung-der-buchneuerscheinung-wie-und-warum-es-zu-zwei-gegensaetzlichen-islam-versionen-gekommen-ist.html mehriran.de - Kurzbeitrag zur Buchvorstellung: "Neue Forschungen zum Koran: Wie und warum es zu zwei gegensätzlichen Islam Version gekommen ist" von Dr. Azmayesh am 18. Juni 2016 in Hannover  

mehriran.de - In meinem einleitenden Kurzbeitrag möchte ich auf einige innovative Aspekte der Forschung von Dr. Azmayesh zum Koran aufmerksam machen.

Um aber seinen Beitrag zu kontextualisieren, möchte ich zunächst thesenartig auf einen Zivilisierungsschub der religiösen Orientierung im nachrevolutionären Iran hinweisen, die ich als eine der unbeabsichtigten Folgen der Islamisierung der Revolution bezeichne; und als einen Nachholeffekt des sozialen Habitus der involvierten Menschen auffasse. 

Das bedeutet, dass ich die postrevolutionäre institutionelle Ent-Demokratisierung und den De-Zivilisierungsschub als einen Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der Mehrheit der sozialen Träger der Revolution begreife. Als solche ist die „Islamische Republik“ der erste „Islamische Staat“ nach einer langen Modernisierungsphase in jüngster Geschichte.

Mit dem Zivilisierungsschub der Glaubensaxiome der Gläubigen geht eine Transformation ihrer Werthaltungen – als zentrale Elemente der Kultur – einher, die den durch Instinktreduktion und Verhaltensunsicherheit gekennzeichneten Menschen, als generelle Orientierungsstandards dienen. 

Diese Zivilisierung der Glaubensaxiome und Werthaltungen wäre aber ohne die traumatischen Erlebnisse der Menschen im nachrevolutionären Iran kaum vorstellbar gewesen. Mit den schmerzhaften Erfahrungen einer religiös legitimierten totalitären Herrschaft entstand ein massenhaftes Bedürfnis nach einer religiösen Umorientierung, das von den sich als „religiöse Innovatoren“ („Noandischan-e Dini“) bezeichnenden Islamforschern befriedigt wird.

Zu diesen Reformationsbeiträgen gehören auch die Forschungen von Dr. Azmayesh. 

Diese Zivilisierung des Islamverständnisses, die sich in einer religiösen Umorientierung manifestiert, ergab sich aus den Reformierungsversuchen des Islams u.a. durch neue hermeneutische Koran-Rezeptionen in seinem historischen Kontext unter Berücksichtigung der linguistischen Aspekte der Koran-Interpretation, da die Sprache die Welt ist, wie die Menschen sie erfahren. Zu diesen Reformationsversuchen gehören auch die Forschungen von Dr. Azmayesh. 

Einer der Aspekte der Zivilisierung der religiösen Orientierung offenbart sich vor allem in einem „barmherzigen Gottesbild“ gegenüber dem unbarmherzigen und blutrünstigen Gottesbild der herrschenden Islamisten im Iran. Damit wird eine „Religion der Barmherzigkeit“ der „unbarmherzigen Religion“ der Islamisten entgegengesetzt.

Um die Bedeutung der Zivilisierung des Gottesbildes zu begreifen, muss man die Zivilisierung als eine gerichtete Entwicklung individueller Selbstregulierung momentaner trieb- und affektbedingter Verhaltensimpulse oder deren Umleitung auf sekundäre Ziele und deren Sublimierung begreifen. Diese ist eine Veränderung des sozialen Habitus bzw. der Persönlichkeitsstruktur der Menschen in Richtung auf ebenmäßigere, allseitigere und stabilere Selbstkontrollmuster. Dieser gerichtete psychische Transformationsprozess führt zum Strukturwandel des Seelenaufbaus der Menschen zu dem auch die Gewissensbildung gehört.

Ohne sich je von Fremdzwängen völlig loszulösen, gewinnen außerdem die Selbstzwänge gegenüber den Fremdzwängen größere Autonomie. Zu diesen Fremdzwängen gehören auch die religiösen Phantasien und Mythen sowie Götter.

Die Götter haben auf früheren Entwicklungsstufen, also etwa auf den durch Stämme und andere vorstaatliche Überlebenseinheiten repräsentierten Stufen Funktionen, die auf späteren Stufen in weit höherem Maße vom individuellen Gewissen und Verstand erfüllt werden. Für die heutigen gottesfürchtigen Gläubigen hat ihr Gott daher eine gewisse forensische Gewissens-Teilfunktion, dessen Zivilisierung eine entscheidende Bedeutung zukommt; damit können Menschen mit sich selbst und mit anderen Menschen friedlicher leben.

Dazu kommt einer realitätsangemesseneren Darstellung der Anfangsgeschichte des Islams sowie der Biografie des Gründers des Islam, Mohammed, eine entscheidende Bedeutung zu, weil er und seine tradierten Verhaltens- und Denkweisen für die Gläubigen einen fremdzwangsartigen Vorbildcharakter haben. Dies ist eine der innovativen Beiträge von Dr. Azmayesh, dass er das sonst verbreitete realitätsfremde Bild, empirisch begründet korrigiert.

Mit seiner Koran basierten Darstellung der Geschichte des Islams, als Geschichte des Monotheismus seit Abraham bis zu Mohammed, wird dem Islamismus als einer globalen Herausforderung eine alternative Lesart des Islams als eines Wandlungskontinuums entgegengesetzt, die eine unabdingbare Grundlage einer interreligiösen Verständigung und Koexistenz ist. 

Diese Überwindung des Zustand reduzierten Islambegriffes kommt z.B. in seinem Hinweis auf die sechsundzwanzig Koranverse  zum Ausdruck, in denen der Islam als ein Wandlungskontinuum hervorgehoben wird :  "Vers 73 der 21. Sure (Anbia - die Propheten) beschreibt das Fortbestehen der Abrahamischen Lehre jenseits von Zeit und Raum bis zu Mohammed bei den Jüngern der Prinzipien (den Rechtgeleiteten) und bei den Überlieferungen Abrahams. Im Koran werden die Hüter der Abrahamischen Traditionen als göttliche Anführer der Menschheit beschrieben, die unter  himmlischer Führung und geistiger Beziehung zum Göttlichen mit Hilfe übersinnlicher Wahrnehmungsfähigkeiten stehen, um historische Fortschritte zu erzielen."(S.81)

Unabdingbar ist auch für die Überwindung des Islams, als seine Reduktion auf Scharia und auf die überlieferten kultischen Handlungen, die Hervorhebung der Schrift als Quelle der Zivilisationsmaßstäbe, die als "Forghan" hervorgehobenen, "kategorische Imperative" repräsentieren.(S. 69ff.): "Segenreich ist Der, Der seinem Diener Abd den Maßstab al-Forghan herab gesandt hat, damit er die Bewohner der Welt anleite" ( Der Koran, Sure 25, Vers 1)(S. 69)

Diese Hervorhebung des Guten und Bösen im Sinne der Gebote und Verbote als Verhaltenskriterien wie z.B. Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit unterscheiden sich von Islamistischen, die als überlieferte Verhaltensmuster der Beduinen immer noch sanktionieren werden: "Das Buch, das die endgültigen Unterscheidung al-Forghan enthält, hat er herab gesandt" (Der Koran, Sure 3, Vers 3,4)(S.69). Damit werden die zivilisatorischen Standards von den jeweils historisch herrschenden Zivilisationsmuster unterschieden.

Diese Lesart setzt mündige Vernunft begabte Menschen im Sinne der Aufklärung voraus, wie es in Sure 12,Vers 111,die auf S. 58 zitiert wird: "In den Prophetengeschichten liegt eine Lehre für Menschen, die sich des Verstandes bedienen…"

Ein zentrales Problem der weiteren Entwicklung des Islams als eines Wandlungskontinuums liegt in dem ethnischen Charakter des auf arabisch kommunizierten Offenbarung: "Alif lam Ra. Dies sind die Verse des eindeutigen, klaren Buches. Wir haben es auf Arabisch offenbart, damit ihr es versteht" ( Koran, Sure 12, Vers 1-3)(S.58)

Darin liegt eine der wesentlichen kommunikationspsychologischen Aspekte der Entstehung der zwei gegensätzlichen Islamversionen, deren dominant gewordene, sich durch die Expansion der arabischen Herrschaft, kulturimperialistisch weltweit ausbereitete, und heute als Islamismus zur globalen Herausforderung geworden ist.

Deswegen kommt es auf die Lesart dieser Schrift an: "Er ist es, Der dir das Buch herab gesandt hat. Es enthält eindeutige, grundlegende Verse, die verschieden gelesen werden können." ( Der Koran, Sure 3, Vers 7)

Zu den kommunikationspsychologischen Aspekten des Korans als unabdingbare Bedingung der Vermeidung von Missverständnissen bezüglich des heiligen Buches der Muslime

"Man kann nicht nicht kommunizieren"(P. Watzlawick)

Was aber die Lesart von Dr. Azmayesh vor allem kennzeichnet, ist eine kommunikationspsychologische Interpretation der Bekenntniszusammenhänge im Koran, wie ich sie verstehe. Dies wäre ohne seine historische Kontextualisierung der in der Regel missverstandenen Wörter im Koran nicht angemessen möglich gewesen; wenn er die vier Dimensionen dieser Kommunikation differenziert aus dem Munde Mohammeds und seiner Adressaten berücksichtigen wollte. Im Unterschied zur sonst üblichen dogmatischen und buchstabentreuen Lesart, die das Buch zu einem Steinbruch verwandelt, aus dem manche das herausholen, was sie wollen; muss die kommunikationsdiagnostische Lesart der Botschaft Mohammeds folgende vier Dimensionen seines Kommunikationszusammenhanges mit seinen Gegnern und den scheinbar Bekehrten berücksichtigen, wie sie im Koran vermittelt werden: 

  • Den inhaltlichen Aspekt, d.h. worüber gegenseitig gesprochen wurde,
  • Den Selbstoffenbarungsaspekt, d.h. was gegenseitig von sich selbst kundgegeben wurde,
  • Den Beziehungsaspekt, d.h. was die Kommunikationspartner gegenseitig von einander gehalten haben,
  • Den Appellaspekt, d.h. wozu sich die Kommunikationspartner veranlassen wollten.

Nur so können die abweichenden Ziel- und Zwecksetzungen der Bekenntnisse Mohammeds und seiner Bekehrungsversuche  und der seiner Gegner und der scheinbar Bekehrten aus den Koran-Versen heraus destilliert werden. Dabei können die abweichenden persönlichen Zwecksetzungen der scheinbar Bekehrten und die von Mohammed vorgegebenen Leitbilder der Gläubigen unterstrichen werden, um die weitere Geschichte des Islams als eines Wandlungskontinuums im Sinne der Etablierung eines Herrschaft legitimierenden Dogmas zu begreifen. Denn „man fragt nicht, woher, durch welche Ursache sich das menschliche Handeln bestimmt, sondern man fragt, wozu, im Dienste welches Zweckes verhält sich der Mensch so, wie er sich verhält.“: "...Wir haben dir den Koran nicht herab gesandt, damit du dich über die Ungläubigen grämst, sondern er ist vielmehr eine Ermahnung an die, die Gott fürchten" (Der Koran, Sure 20, Vers 1 - 3)  

Einige Thesen zur Entstehung zweier Islamversionen, wie sie von Dr. Azmayesh beschrieben werden

Aus diesen Ziel- und Zweckkonflikten heraus entstanden schon zu Lebzeiten Mohammeds zwei Islamversionen, die über 14 Jahrhunderte die Geschichte des Islams prägten. Schon im Koran, Sure 3, Verse 7 - 8 wird auf die verschiedenen Lesarten des Koran hingewiesen: "Er ist es, Der dir das Buch herab gesandt hat. Es enthält eindeutige, grundlegende Verse, die den Kern des Buches bilden und Verse, die verschieden gedeutet werden können. Diejenige aber, die abwegige Absichten hegen, befassen sich vorrangig mit den nicht eindeutigen, mit der Absicht, Verwirrung zu stiften und eigene Deutungen zu entwickeln. Die einzig richtige Deutung weiß nur Gott allein." Schon daraus geht hervor, dass die Entstehung zweier Islamversionen auf einige mögliche kommunikative Missverständnisse der Konvertierten hervorgeht, wenn man einen bewussten Betrugsversuch der scheinbar "Bekehrten" ausschließen will. Dies vor allem, wenn man die von Dr. Azmayesh beschriebenen Kommunikationsverflechtungen im Koran berücksichtigt.

Eine der Quellen der Missverständnisse liegt in der Kommunikationsdiagnose der involvierten Menschen; denn eine Nachricht enthält vielfältige Botschaften. Deswegen ist immer eine Kommunikationsdiagnose notwendig, um das Botschaftsgeflecht zu begreifen: Genauso, wie man mit den eigenen Augen schaut, aber mit den Augen des Kollektivs sieht; hört man mit den eigenen Ohren, vernimmt aber mit den Ohren des Kollektivs. Mit dieser gerichteten Wahrnehmung ist die von Mohammed abweichende Lesart als ein Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der Beduinen zurück zu führen, mit deren stammesgeschitlich geprägtem Denken, Fühlen und Handeln.   So entstehen inkongruente Botschaften, die zu einer widersprüchlichen Handlungs-aufforderung führen können; vor allem, wenn die Mitteilungsebene und die Metaebene nicht übereinstimmen.

Außerdem entstehen bei Bekehrungen zuweilen solche Übergangsspannungen und -Konflikte, die als Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der Bekehrten interpretiert werden können. Dabei ist die "institutionelle Islamisierung" noch nicht tief genug emotional verankert, so dass die tradierten Verhaltens- und Erlebensmuster immer noch handlungs- und erlebenssteuernd dominieren, wie bei den heutigen Modernisierungsproblemen, die zu Islamismus führen.

Darüber hinaus können je nach den Charakterzügen der Scheinbekehrten verschiedene Handlungsmotive wie Gier, Hab- und Machtsucht, Geltungsbedürfnis, Angst und Zorn verhaltenssteuernd gewesen sein und Verflechtungsdynamiken in Gang gesetzt und erhalten haben, die zum heutigen Islamismus geführt haben.

Aber die Psychogenese der Scheinbekehrten ergibt sich u.a., auch wenn man die Scheinbekehrung vor allem als inkongruente Nachricht begreift und danach fragt, welchen Vorteil ein solches Verhalten mit sich bringen könnte?:

  • Ihre inkongruente Nachrichten können den Vorteil haben, dass sie sich nicht ganz festlegen, indem sie ihr Bekenntnis zu Gott und Mohammed als seinem Botschafter äußern.

Eine solche Kommunikation mit doppeltem Boden der Scheinbekehrten braucht nicht bewusst zu sein - oft sind es ihre unbewussten, uneingestandenen Wünsche, die sich durch  den nicht-sprachlichen Kanal zur Geltung bringen. 

  • Als Nachhinkeffekt des sozialen Habitus, die mit Übergangsspannungen und Konflikte einher gehen, verweisen sie auf "zwei Seelen in einer Brust", weil der scheinbar Bekehrte mit sich selber nicht ganz im Reinen ist - so wie ursprünglich "Verwestlichte" in islamisch geprägten Gesellschaften, die zu Islamisten mutierten. Dabei zielen verschiedene Bestrebungen und Gefühle nicht am gleichen Strang. Es herrscht also ein inneres Durcheinander. Ihr Scheinbekenntnis zum Islam erweist sich so als ein Verschmelzungsprodukt aus zwei Botschaften.

Die inkongruenten Nachrichten der "Bekehrten" entstehen also vorzugsweise dann, wenn ihre Selbstklärung noch nicht zum Abschluss gekommen ist, sie sich aber trotzdem zu einem Bekenntnis veranlasst fühlen. Dies ergibt sich durch die Eroberung Mekkas durch Mohammed und der sich damit verschobenen Machtbalance, die sie als ehemalige Etablierten zu Außenseitern werden lässt.

  • Außerdem kann jeder  "Bekenner" zugleich ein Empfänger sein, der es verfehlt, seine eigenen unterschiedlichen inneren Reaktionen auf Mohammeds Botschaft für sich selbst klar zu bekommen; bei dieser verfehlten Selbstklärung "des Bekenners", kann er auch nicht klar nach außen reagieren. Seine Scheinheiligkeit ist also Funktion einer kognitiven und emotionalen Dissonanz und Ausdruck der Verhaltenskomponente seiner Einstellung gegenüber der Botschaft und als solches ein Nachhinkeffekt seines sozialen Habitus.

In diesem Sinne sind die heutigen Islamisten und die "Scheinbekehrten" das Ergebnis der Ungleichzeitigkeit der institutionellen und sozial habituellen Entwicklung der Gesellschaften, die zur Entstehung eines dogmatischen Islams als Legitimationsgrundlage der Kalifate führen. 

Ein Nachholen des sozialen Habitus bedeutet dann, die relativ rückständigen kognitiven, emotionalen und Verhaltenstendenzen ihrer Einstellung zu überwinden, d.h. realitätsangemessener zu denken, zu fühlen und zu handeln lernen. Dazu kann der Umorientierungsvorschlag von Dr. Azmayesh erheblich beitragen.

Das bedeutet nicht, dass das Buch ein Allheilmittel ist; vor allem dann nicht, wenn eine "Gottesvergiftung" vorliegt, wie in der Massenerschießung der sexuell Andersorientierten in Orlando, Florida. Denn ein Mensch, der ein liebloses, unnatürlich strenges Gottesbild verinnerlicht hat, versucht sich mit diesem Gott durch skrupelhafte Pflichterfüllung zu versöhnen. Dabei versucht er die eigene Angst vor einer Pflichtverletzung - also sein eigenes Schamgefühl - durch scharfe, kleinliche und zuweilen blutige Verurteilung der Vergehen anderer Menschen zu kompensieren, die sein Peinlichkeitsgefühl erregen.

Prof. Dawud Gholamasad, Sozialwissenschaftler, Hannover

http://gholamasad.jimdo.com/

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news-1026 Sat, 11 Jun 2016 23:44:02 +0200 Hannover erlebt musikalische Karawane für die Menschenrechte im Iran http://mehriran.de/artikel/hannover-erlebt-musikalische-karawane-fuer-die-menschenrechte-im-iran.html mehriran.de - Am Freitag, 10. Juni 2016 zogen Aktivistinnen und Aktivisten mehrerer Menschenrechtsorganisationen vom Bahnhof Hannover über die symbolische Marktkirche und den niedersächsischen Landtag zur Staatskanzlei, um Dokumentationen zu 4 Gefangenen zu übergeben, stellvertretend für alle politischen und Gewissensgefangenen im Iran. mehriran.de - Eine singende Menschenkarawane machte sich am Freitag, 10.Juni 2016 auf den Weg vom Bahnhof Hannover zur Staatskanzelei Niedersachsens, um Politiker und Vertreter der Kirche zu bitten in allen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Veranstaltungen mit der I.R. Iran auf die Wahrung grundlegender Menschenrechte im Iran hinzuweisen. Nach wie vor werden Menschen im Iran gequält, verleumdet, gefoltert, unrechtmäßig ins Gefängnis gesperrt oder ermordet.

Mehrere Organisationen beteiligten sich an dem Protestmarsch durch Hannovers Innenstadt. Die Aktivistinnen und Aktivisten sangen ein Gedicht des persischen Mystikers Saadi (Bani Âdam) über die substanzielle Nähe aller Menschen zueinander unabhängig von Geschlecht, Rasse, Hautfarbe oder anderen äußeren Unterschieden. Auf dem Weg streuten sie Rosenblütenblätter in Erinnerung an alle Opfer des Regimes. Schließlich wurde eine Dokumentation der Fälle von vier Häftlingen (Heshmatollah Tabarzadi, Mohammad Ali Taheri, Narghes Mohammadi, Kazemenei Boroudscherdi) stellvertretend für alle politischen Gefangenen/Gewissensgefangenen im Iran übergeben. Landtagspräsident Bernd Busemann bedankte sich herzlich für den Einsatz und nahm die Dokumentation offiziell in Empfang. Auch die Pressesprecherin der Marktkirchengemeinde, Frau Becker-Foss, nahm bei strahlendem Sonnenschein vor der Marktkirche mit einer Dankesrede die Dokumentation entgegen. Ministerpräsident Stephan Weil musste sich aufgrund dienstlicher Termine von der Abteilungleiterin Internationale Kontakte, Frau Jutta Kremer, vertreten lassen. Frau Kremer betonte im Gespräch, dass Ministerpräsident Weil die Menschenrechtssituation bei seiner Reise in den Iran sehr Ernst genommen habe und sich im Rahmen der Möglichkeiten stark gemacht hat für eine notwendige Verbesserung der Menschenrechtssituation.

Tatsache bleibt, dass jeder Kontakt mit iranischen Vertretern auch das Kapitel Freilassung aller Gewissensgefangenen/politischer Gefangenen enthalten sollte. So lässt sich die Hoffnung nähren mit vereinten Kräften einer nachhaltigen Verbesserung der Situation der Menschen im Iran mit zu ermöglichen.

Hier geht es zum Videobericht in persischer Sprache, der im Iran über Internet zugänglich ist:

Videobericht

Hier das Anschreiben an die Adressaten:

Sehr geehrter Ministerpräsident Niedersachsens Stephan Weil, sehr geehrter Landesparlamentsvorsitzender Bernd Busemann, sehr geehrte Mitglieder des Niedersächsischen Landtags, sehr geehrte Vorstandsmitglieder der evangelischen Marktkirche Hannover

Hannover, 10.06.2016

Einflussnahme auf positive Entwicklungen bezüglich Menschenrechtsfragen in der I.R. Iran ist sicherlich eine der heikelsten Aufgaben der Außen-, Kultur- und Wirtschaftspolitik auf Bundes- und auf Landesebene. Alle Hoffnungen ruhen seit dem Amtsantritt von Präsident Rouhani und seit den internationalen Vereinbarungen mit Iran zu den Nuklearaktivitäten des Regimes dort auf dem Prinzip Wandel durch Handel. 

Wir wissen, dass es im Iran Kräfte gibt, die diese Hoffnung teilen, während andere den Wandel fürchten, ablehnen und vieles tun, um diesen Wandel zu verhindern. Einige der Leidtragenden dieses Machtkampfes innerhalb der politischen Machtfraktionen Irans sind die Gewissensgefangenen/politischen Gefangenen.

Viele Wirtschaftsführer und Politiker sind sich bewusst, dass es im Iran nach wie vor nicht zum Besten steht mit den Menschenrechten. Sind sie sich Ihrer Verantwortung innerhalb des Wandel durch Handel Prinzips in Bezug auf Iran auch voll bewusst?

Menschenrechtler weltweit sind eher skeptisch, ob im Fall Iran das Prinzip Wandel durch Handel tatsächlich mehr Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und Respekt vor der Würde des Individuums generieren werden. Am Ende wird es wieder die Geschichte zeigen, was gelingen kann und was nicht. Die Geschichte zeigt aber auch, dass es auf das Engagement Einzelner und Vieler gemeinsam ankommt, damit sich etwas bewegt.

Mehrere in Deutschland, Europa oder weltweit tätige Organisationen haben sich zusammen geschlossen, um an die Situation der Gewissensgefangenen/politischen Gefangenen im Iran zu erinnern und Sie zu bitten in allen kulturellen und wirtschaftlichen Kooperationen/Veranstaltungen mit offiziellen Organen der sogenannten Islamischen Republik Iran das Thema Menschenrechte zur Sprache zu bringen.

Stellvertretend für alle Gewissensgefangenen/politischen Gefangenen im Iran überreichen wir Ihnen hiermit jeweils ein Dossier zu den Fällen von Herrn Heschmat Tabarzadi, Herrn Mohammed Ali Taheri, Frau Narghes Mohammadi und Ajatollah Kazemi Boroudscherdi, verbunden mit der Bitte die Behörden im Iran eindringlich auf die Einhaltung internationaler Standards hinzuweisen, in Folge derer diese Menschen längst frei sein sollten.

 

Unterzeichner und beteiligte Organisationen:

Professor Dr. Dr. Dawud Gholamasad, Sozialwissenschaftler, Menschenrechtler, Hannover

Dr. Seyed Azmayesh, Religionswissenschaftler, Menschenrechtler, Paris

Vahid Beheshti, Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran, London

Erika Büchse, Gruppensprecherin, Amnesty Gruppe Burgdorf/Burgwedel

Soheila Hadipour, Erfane Halghe, Gruppe Hannover

Dr. Patricia Vöge, Vorsitzende Karamat e.V., Hannover

Dr. Kamal Sido, Nahostreferent bei der Gesellschaft für bedrohte Völker, Göttingen

Helmut N. Gabel, Pressesprecher Karamat e.V., Hannover

Verein für Demokratie und Menschenrechte, Hamburg

Solidaritätsgruppe mit den Frauen vom Laleh Park, Hamburg

u.a.m.

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news-1024 Tue, 07 Jun 2016 07:41:23 +0200 Tabarzadi, Mohammadi, Taheri, Boroudscherdi - sie darben nach wie vor in den Kerkern des Regime im Iran http://mehriran.de/artikel/tabarzadi-mohammadi-taheri-boroudscherdi-sie-darben-nach-wie-vor-in-den-kerkern-des-regime-im-iran.html mehriran.de - Mehrere in Deutschland, Europa oder weltweit tätige Organisationen haben sich zusammen geschlossen, um an die Situation der Gewissensgefangenen/politischen Gefangenen im Iran zu erinnern. Am 10. Juni zieht eine musikalische Karawane durch Hannover. mehriran.de - Am Freitag, den 10. Juni 2016, zieht eine Menschenkarawane mit Plakaten und Musik vom Hauptbahnhof zur Staatskanzlei. Vertretern der Marktkirche Hannover, des Landesparlaments Niedersachsens und Ministerpräsident Weil werden Dossiers von vier politischen Gefangenen/Gewissensgefangenen übergeben. In dem Anschreiben zu den Dossiers werden Vertreter von Kirche und Staat in Deutschland gebeten bei kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Veranstaltungen mit der sogenannten Islamischen Republik Iran auf die nach wie vor anhaltenden gravierenden Menschenrechtsverletzungen hinzuweisen.

Stellvertretend für alle Gewissensgefangenen/politischen Gefangenen im Iran werden die Fälle von Heschmat Tabarzadi, Mohammed Ali Taheri, Narghes Mohammadi und Kazemi Boroudscherdi vorgestellt. Wenn Justiz und Pasdaran internationale Standards achten würden, zu denen sich Iran offiziell verpflichtet hat, sollten diese Menschen längst frei und keinen Verfolgungen unter erfundenen Vorwürfen ausgesetzt sein.

An der Aktion beteiligen sich die Amnesty International Gruppe Burgdorf/Burgwedel, Solidaritätsgruppe mit den Müttern vom Laleh Park, Erfane Halghe, Verein für Menschenrechte und Demokratie e.V. Hamburg, Gesellschaft für bedrohte Völker, Karamat e.V. Hannover, Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI).

Auf dem Weg wird an die Menschen im Iran erinnert, die Opfer von Folter, Gewalt und Tod durch das Regime wurden. Die Karawane wird Rosenblütenblätter streuen und dadurch eine rote Spur vom Hauptbahnhof, dem Tor zur Welt, über religiöse und politische Vertreter der Gesellschaft in Deutschland hin zum Vertreter Niedersachsens beim Bund, Ministerpräsident Weil, hinterlassen. 

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news-1022 Fri, 03 Jun 2016 08:44:17 +0200 Zivilisierung des Islamverständnisses? http://mehriran.de/artikel/zivilisierung-des-islamverstaendnisses.html mehriran.de - Kurzbeitrag zur Buchvorstellung: "Neue Forschungen zum Koran: Wie und warum es zu zwei gegensätzlichen Islam Version gekommen ist" von Dr. Azmayesh am 18. Juni 2016 in Hannover
mehriran.de - In meinem einleitenden Kurzbeitrag möchte ich auf einige innovative Aspekte der Forschung von Dr. Azmayesh zum Koran aufmerksam machen. Um aber seinen Beitrag zu kontextualisieren, möchte ich zunächst thesenartig auf einen Zivilisierungsschub der religiösen Orientierung im nachrevolutionären Iran hinweisen, die ich als eine der unbeabsichtigten Folgen der Islamisierung der Revolution bezeichne; und als einen Nachholeffekt des sozialen Habitus der involvierten Menschen auffasse. Das bedeutet, dass ich die postrevolutionäre institutionelle Ent-Demokratisierung und den De-Zivilisierungsschub als einen Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der Mehrheit der sozialen Träger der Revolution begreife.[1] Als solche ist die „Islamische Republik“ der erste „Islamische Staat“ nach einer langen Modernisierungsphase in jüngster Geschichte.

Mit dem Zivilisierungsschub der Glaubensaxiome[2] der Gläubigen geht eine Transformation ihrer Werthaltungen – als zentrale Elemente der Kultur – einher, die den durch Instinktreduktion und Verhaltensunsicherheit gekennzeichneten Menschen, als generelle Orientierungsstandards dienen.

Diese Zivilisierung der Glaubensaxiome und Werthaltungen wäre aber ohne die traumatischen Erlebnisse der Menschen im nachrevolutionären Iran kaum vorstellbar gewesen. Mit den schmerzhaften Erfahrungen einer religiös legitimierten totalitären Herrschaft entstand ein massenhaftes Bedürfnis nach einer religiösen Umorientierung, das von den sich als „religiöse Innovatoren“ („Noandischan-e Dini“) bezeichnenden Islamforschern befriedigt wird.

Diese Zivilisierung des Islamverständnisses, die sich in einer religiösen Umorientierung manifestiert, ergab sich aus den Reformierungsversuchen des Islams u.a. durch neue hermeneutische Koran-Rezeptionen in seinem historischen Kontext unter Berücksichtigung der linguistischen Aspekte der Koran-Interpretation, da die Sprache die Welt ist, wie die Menschen sie erfahren. Zu diesen Reformationsversuchen gehören auch die Forschungen von Dr. Azmayesh.

Einer der Aspekte der Zivilisierung der religiösen Orientierung offenbart sich vor allem in einem „barmherzigen Gottesbild“ gegenüber dem unbarmherzigen und blutrünstigen Gottesbild der herrschenden Islamisten im Iran. Damit wird eine „Religion der Barmherzigkeit“ der „unbarmherzigen Religion“ der Islamisten entgegengesetzt.

Um die Bedeutung der Zivilisierung des Gottesbildes zu begreifen, muss man die Zivilisierung als eine gerichtete Entwicklung individueller Selbstregulierung momentaner trieb- und affektbedingter Verhaltensimpulse oder deren Umleitung auf sekundäre Ziele und deren Sublimierung begreifen. Diese ist eine Veränderung des sozialen Habitus bzw. der Persönlichkeitsstruktur der Menschen in Richtung auf ebenmäßigere, allseitigere und stabilere Selbstkontrollmuster. Dieser gerichtete psychische Transformationsprozess führt zum Strukturwandel des Seelenaufbaus der Menschen zu dem auch die Gewissensbildung gehört.[3]

Ohne sich je von Fremdzwängen völlig loszulösen, gewinnen außerdem die Selbstzwänge gegenüber den Fremdzwängen größere Autonomie. Zu diesen Fremdzwängen gehören auch die religiösen Phantasien und Mythen sowie Götter.

Die Götter haben auf früheren Entwicklungsstufen, also etwa auf den durch Stämme und andere vorstaatliche Überlebenseinheiten repräsentierten Stufen Funktionen, die auf späteren Stufen in weit höherem Maße vom individuellen Gewissen und Verstand erfüllt werden. Für die heutigen gottesfürchtigen Gläubigen hat ihr Gott daher eine gewisse forensische Gewissens-Teilfunktion, dessen Zivilisierung eine entscheidende Bedeutung zukommt; damit können Menschen mit sich selbst und mit anderen Menschen friedlicher leben.

Dazu kommt einer realitätsangemesseneren Darstellung der Anfangsgeschichte des Islams sowie der Biografie des Gründers des Islam, Mohammed, eine entscheidende Bedeutung zu, weil er und seine tradierten Verhaltens- und Denkweisen für die Gläubigen einen fremdzwangsartigen Vorbildcharakter haben. Dies ist eine der innovativen Beiträge von Dr. Azmayesh, dass er das sonst verbreitete realitätsfremde Bild, empirisch begründet korrigiert.

Mit seiner Koran basierten Darstellung der Geschichte des Islams, als Geschichte des Monotheismus seit Abraham bis zu Mohammed, wird dem Islamismus als einer globalen Herausforderung eine alternative Lesart des Islams als eines Wandlungskontinuums entgegengesetzt, die eine unabdingbare  Grundlage einer interreligiösen Verständigung und Koexistenz ist.

Diese Überwindung des zustand reduzierten Islambegriffes kommt z.B. in seinem Hinweis auf die sechsundzwanzig Koranverse  zum Ausdruck, in denen der Islam als ein Wandlungskontinuum hervorgehoben wird :  "Vers 73 der 21. Sure (Anbia - die Propheten) beschreibt das Fortbestehen der abrahamischen Lehre jenseits von Zeit und Raum bis zu Mohammed bei den Jüngern der Prinzipien (den Rechtgeleiteten) und bei den Überlieferungen Abrahams. Im Koran werden die Hüter der abrahamischen Traditionen als göttliche Anführer der Menschheit beschrieben, die unter  himmlischer Führung und geistiger Beziehung zum Göttlichen mit Hilfe übersinnlicher Wahrnehmungsfähigkeiten stehen, um historische Fortschritte zu erzielen.(S.81)

Unabdingbar ist auch für die Überwindung des Islams, als seine Reduktion auf Scharia und auf die überlieferten kultischen Handlungen, die Hervorhebung der Schrift als Quelle der Zivilisationsmaßstäbe, die als "Forghan" hervorgehobenen, "kategorische Imperative" repräsentieren.(S. 69ff.): "Segenreich ist Der, Der seinem Diener Abd den Maßstab al-Forghan herab gesandt hat, damit er die Bewohner der Welt anleite" ( Der Koran, Sure 25, Vers 1)(S. 69)

Diese Hervorhebung des Guten und Bösen im Sinne der Gebote und Verbote als Verhaltenskriterien wie z.B. Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit unterscheiden sich von Islamistischen, die als überlieferte Verhaltensmuster der Beduinen immer noch sanktionieren werden: "Das Buch, das die endgültigen Unterscheidung al-Forghan enthält, hat er herabgesandt" (Der Koran, Sure 3, Vers 3,4)(S.69). Damit werden die zivilisatorischen Standards von den jeweils historisch herrschenden Zivilisationsmuster unterschieden.

Diese Lesart setzt mündige Vernunft begabte Menschen im Sinne der Aufklärung voraus, wie es in Sure 12,Vers 111,die auf S. 58 zitiert wird: "In den Prophetengeschichten liegt eine Lehre für Menschen, die sich des Verstandes bedienen…"

Ein zentrales Problem der weiteren Entwicklung des Islams als eines Wandlungskontinuums liegt in dem ethnischen Charakter des auf arabisch kommunizierten Offenbarung: "Alif Lam Ra. Dies sind die Verse des eindeutigen, klaren Buches. Wir haben es auf Arabisch offenbart, damit ihr es versteht" ( Koran, Sure, Vers 1-3)(S.58)

Darin liegt eine der wesentlichen kommunikationspsychologischen Aspekte der Entstehung der zwei gegensätzlichen Islamversionen, deren dominant gewordene, sich durch die Expansion der arabischen Herrschaft, kulturimperialistisch weltweit ausbereitete, und heute als Islamismus zur globalen Herausforderung geworden ist.

Deswegen kommt es auf die Lesart dieser Schrift an: "Er ist es, Der dir das Buch herab gesandt hat. Es enthält eindeutige, grundlegende Verse, die verschieden gelesen werden können." ( Der Koran, Sure 3, Vers 7)

Zu den kommunikationspsychologischen Aspekten des Korans als unabdingbare Bedingung der Vermeidung von Missverständnissen bezüglich des heiligen Buches der Muslime

"Man kann nicht nicht kommunizieren"(P.Watzlawick)

Was aber die Lesart von Dr. Azmayesh vor allem kennzeichnet, ist eine kommunikationspsychologische Interpretation der Bekenntnis-zusammenhänge im Koran, wie ich sie verstehe. Dies wäre ohne seine historische Kontextualisierung der in der Regel missverstandenen Wörter im Koran nicht angemessen möglich gewesen; wenn er die vier Dimensionen dieser Kommunikation differenziert aus dem Munde Mohammeds und seiner Adressaten berücksichtigen wollte. Im Unterschied zur sonst üblichen dogmatischen und buchstabentreuen Lesart, die das Buch zu einem Steinbruch verwandelt, aus dem manche das herausholen, was sie wollen; muss die kommunikations-diagnostische Lesart der Botschaft Mohammeds folgende vier Dimensionen seines Kommunikationszusammenhanges mit seinen Gegnern und den scheinbar Bekehrten berücksichtigen, wie sie im Koran vermittelt werden:

1.   Den inhaltlichen Aspekt, d.h. worüber gegenseitig gesprochen wurde,

2.   Den Selbstoffenbarungsaspekt, d.h. was gegenseitig von sich selbst kundgegeben wurde,

3.   Den Beziehungsaspekt, d.h. was die Kommunikationspartner gegenseitig von einander gehalten haben,

4.   Den Appellaspekt, d.h. wozu sich die Kommunikationspartner veranlassen wollten.

Nur so können die abweichenden Ziel- und Zwecksetzungen der Bekenntnisse Mohammeds und seiner Bekehrungsversuche  und der seiner Gegner und der scheinbar Bekehrten aus den Koran-Versen heraus destilliert werden. Dabei können die abweichenden persönlichen Zwecksetzungen der scheinbar Bekehrten und den von Mohammed vorgegebenen Leitbilder der Gläubigen unterstrichen werden, um die weitere Geschichte des Islams als eines Wandlungskontinuums im Sinne der Etablierung eines Herrschaft legitimierenden Dogmas zu begreifen. Denn „man fragt nicht, woher, durch welche Ursache sich das menschliche Handeln bestimmt, sondern man fragt, wozu, im Dienste welches Zweckes verhält sich der Mensch so, wie er sich verhält.“: "...Wir haben dir den Koran nicht herab gesandt, damit du dich über die Ungläubigen grämst, sondern er ist vielmehr eine Ermahnung an die, die Gott fürchten" (Der Koran, Sure 20, Vers 1 - 3)  

Einige Thesen zur Entstehung zweier Islamversionen, wie sie von Dr. Azmayesh beschrieben werden                                         

Aus diesen Ziel- und Zweckkonflikten heraus entstanden schon zu Lebzeiten Mohammeds zwei Islamversionen, die über 14 Jahrhunderte die Geschichte des Islams prägten. Schon im Koran, Sure 3, Verse 7 - 8 wird auf die verschiedenen Lesarten des Koran hingewiesen: "Er ist es, Der dir das Buch herab gesandt hat. Es enthält eindeutige, grundlegende Verse, die den Kern des Buches bilden und Verse, die verschieden gedeutet werden können. Diejenige aber, die abwegige Absichten hegen, befassen sich vorrangig mit den nicht eindeutigen, mit der Absicht, Verwirrung zu stiften und eigene Deutungen zu entwickeln. Die einzig richtige Deutung weiß nur Gott allein." Schon daraus geht hervor, dass die Entstehung zweier Islamversionen auf einige mögliche kommunikative Missverständnisse der Konvertierten hervorgeht, wenn man einen bewussten Betrugsversuch der scheinbar "Bekehrten" ausschließen will. Dies vor allem, wenn man die von Dr. Azmayesh beschriebenen Kommunikations-verflechtungen in Koran berücksichtigt.

Eine der Quellen der Missverständnisse liegt in der Kommunikationsdiagnose der involvierten Menschen; denn eine Nachricht enthält vielfältige  Botschaften. Deswegen ist immer eine Kommunikationsdiagnose notwendig, um das Botschaftsgeflecht zu begreifen: Genauso, wie man mit den eigenen Augen schaut, aber mit den Augen des Kollektivs sieht; hört man mit den eigenen Ohren, vernimmt aber mit den Ohren des Kollektivs. Mit dieser gerichteten Wahrnehmung ist die von Mohammed abweichende Lesart als ein Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der Beduinen zurück zu führen, mit deren stammesgeschitlich geprägtem Denken, Fühlen und Handeln.   So entstehen inkongruente Botschaften, die zu einer widersprüchlichen Handlungsaufforderung führen können; vor allem, wenn die Mitteilungsebene und die Metaebene nicht übereinstimmen.

Außerdem entstehen bei Bekehrungen zuweilen solche Übergangsspannungen und -Konflikte, die als Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der Bekehrten interpretiert werden können. Dabei ist die "institutionelle Islamisierung" noch nicht tief genug emotional verankert, so dass die tradierten Verhaltens- und Erlebensmuster immer noch handlungs- und erlebenssteuernd dominieren, wie bei den heutigen Modernisierungsproblemen, die zu Islamismus führen.

Darüber hinaus können je nach den Charakterzügen der Scheinbekehrten verschiedene Handlungsmotive wie Gier, Hab- und Machtsucht, Geltungsbedürfnis, Angst und Zorn verhaltenssteuernd gewesen sein und Verflechtungsdynamiken in Gang gesetzt und erhalten haben, die zum heutigen Islamismus geführt haben.

Aber die Psychogenese der Scheinbekehrten ergibt sich u.a., auch wenn man die Scheinbekehrung vor allem als inkongruente Nachricht begreift und danach fragt, welchen Vorteil ein solches Verhalten mit sich bringen könnte? Denn jede Nachricht beinhaltet vielfältige Botschaften, die entziffert werden müssen[4]:

1.   Ihre inkongruente Nachrichten können den Vorteil haben, dass sie sich nicht ganz festlegen, indem sie ihr Bekenntnis zu Gott und Mohammed als seinem Botschafter äußern.

Eine solche Kommunikation mit doppeltem Boden der Scheinbekehrten braucht nicht bewusst zu sein - oft sind es ihre unbewussten, uneingestandenen Wünsche, die sich durch  den nicht-sprachlichen Kanal zur Geltung bringen.

2.   Als Nachhinkeffekt des sozialen Habitus, die mit Übergangsspannungen und -Konflikte einher gehen, verweisen sie auf "zwei Seelen in einer Brust", weil der scheinbar Bekehrte mit sich selber nicht ganz im Reinen ist - so wie ursprünglich "Verwestlichte" in islamisch geprägten Gesellschaften, die zu Islamisten mutierten. Dabei zielen verschiedene Bestrebungen und Gefühle nicht am gleichen Strang. Es herrscht also eine ein inneres Durcheinander. Ihr Scheinbekenntnis zum Islam erweist sich so als ein Verschmelzungsprodukt aus zwei Botschaften.

Die inkongruenten Nachrichten der "Bekehrten" entstehen also vorzugsweise dann, wenn ihre Selbstklärung noch nicht zum Abschluss gekommen ist, sie sich aber trotzdem zu einem Bekenntnis veranlasst fühlen. Dies ergibt sich durch die Eroberung Mekkas durch Mohammed und der sich damit verschobenen Machtbalance, die sie als ehemalige Etablierten zu Außenseitern werden lässt.

3.   Außerdem kann jeder  "Bekenner" zugleich ein Empfänger sein, der es verfehlt, seine eigenen unterschiedlichen inneren Reaktionen auf Mohammeds Botschaft für sich selbst klar zu bekommen; bei dieser verfehlten Selbstklärung "des Bekenners", kann er auch nicht klar nach außen reagieren.[5] Seine Scheinheiligkeit ist also Funktion einer kognitiven und  emotionalen Dissonanz und Ausdruck der Verhaltenskomponente seiner Einstellung gegenüber der Botschaft und als solches ein Nachhinkeffekt seines sozialen Habitus.

In diesem Sinne sind die heutigen Islamisten und die "Scheinbekehrten" das Ergebnis der Ungleichzeitigkeit der institutionellen und sozial habituellen Entwicklung der Gesellschaften, die zur Entstehung eines dogmatischen Islams als Legitimationsgrundlage der Kalifate führen.

Ein Nachholen des sozialen Habitus bedeutet dann, die relativ rückständigen kognitiven, emotionalen und Verhaltenstendenzen ihrer Einstellung zu überwinden, d.h. realitätsangemessener zu denken, zu fühlen und zu handeln lernen. Dazu kann der Umorientierungsvorschlag von Dr. Azmayesh erheblich beitragen.


[1] Vergl. meine Beiträge über die Entstehung der „Islamischen Revolution“ im Iran: gholamasad.jimdo.com

[2] Glaubensaxiome sind Setzungen, die nicht erkenntnismäßig, sondern bekenntnismäßig festgestellt werden. Mit der dogmatischen Tradition des Islams, die als Orientierungsmittel ein Ersatz für fehlende Instinkte der Menschen ist, wurde über Jahrhunderte eine unschöpferische, starre Haltung reproduziert.

[3] Vergl. Norbert Elias, Zivilisation, in Bernhard Schäfer (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie, Opladen 1986, : 382ff.

[4] Vergl. Friedmann Schulz von Thun, Miteinander reden, Störung und Klärungen, Reinbek bei Hamburg, 200439, S. 31 ff.

[5] ibid, S. 15

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news-1021 Sun, 01 May 2016 18:46:21 +0200 Wende im Fall Taheri, Wende im Iran? http://mehriran.de/artikel/wende-im-fall-taheri-wende-im-iran.html mehriran.de - Mohammad Ali Taheri, Begründer des universellen mystischen Kreises im Iran, wird seit 2011 auf Grund verschiedener Anklagepunkte festgehalten. Sein Anwalt erklärte in einem Interview mit HRANA, dass die seinem Klienten auferlegte Geldstrafe von 9 Milliarden IRR bezahlt ist und er auf Grund dessen die Anwendung von Artikel 134 des neuen islamischen Gesetzbuches verlangt hat. Der Artikel bezieht sich darauf, dass ein Individuum sich nicht in mehreren Anklagepunkten verantworten muss und die Höchststrafe auf das Vergehen mit der schwersten Strafe beschränkt wird. Der Anwalt ist der Meinung, Taheris Freilassung auf Kaution, könnte dadurch endlich ernsthaft in Frage kommen. mehriran.de - Wie die Human Rights Activists News Agency im Iran (HRANA) übereinstimmend mit den Schilderungen eines Mitarbeiters der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI) aus London berichtet, gibt es wieder Bewegung im Fall Mohammad Ali Taheris. Der Begründer der universellen mystischen Kreise im Iran ist seit 2011 inhaftiert und wird mit immer neuen Vorwürfen konfrontiert, um ihn im Gefängnis zu behalten. Erst kurz vor seinem Entlassungsdatum Ende Januar wurde er mit neuen Vorwürfen konfrontiert. Laut seines Anwalts wurde seine Inhaftierung verlängert, da er eine erhobene Geldstrafe in Höhe von 9 Milliarden IRR (Iranische Rial = 260.000 €) nicht bezahlt hatte.

Seyed Mahmoud Alizadeh Tabatabaei, Anwalt von Herrn Taheri gab in einem Interview mit HRANA an: "Am 20. April 20. 2016 wurde die komplette Summe für das Vergehen von Herrn Taheri in 2011 auf das Konto der Justiz überwiesen." Alizadeh Tabatabaei wies darauf hin, dass die Verurteilung ungerecht war und argumentierte, dass sowohl aus den religiösen Grundsätzen heraus, als auch aus Sicht des Gesetzes: "Der Grund für die Bezahlung der Summe liegt darin, seine anhaltende Inhaftierung nach sechs Jahren - meist in Einzelhaft - zu beenden. Der Staatsanwalt und der Richter hätten mündlich zu verstehen gegeben, dass er immer noch im Gefängnis sei, da er die Geldstrafe vorher nicht entrichtet hatte."

Weiter gab er zu verstehen: "Meine Kollegen und ich verlangen die Anwendung von Artikel 134 des Strafgesetzbuchs und die Richtlinien des Berufungsgerichts und erwarten dessen Umsetzung durch das Gericht. Um eine weitere Verlängerung der ungerechten Inhaftierung meines Klienten zu verhindern und seine Freilassung zu beschleunigen, wurde die Strafe bezahlt und der Zahlbeleg wird dem Gericht vorgelegt."

Mohammad Ali Taheri wurde am 4. Mai 2011 in Gewahrsam genommen. Es liegen Anschuldigungen wie "ungesetzliche Eingriffe in Gesundheitsangelegenheiten und ärztliche Behandlungsmethoden", "Blasphemie", "ungesetzlicher Ehebruch", "nicht authorisierter Missbrauch akademischer Titel" und "Veröffentlichung subversiver Bücher und Texte" vor. Ein Revolutionsgericht verurteilte ihn zu 5 Jahren Haft, 9 Milliarden IRR (Iranische Rial = 260.000 €) Strafe und 74 Peitschenhieben. Weiterhin wurde ihm "Verderbtheit auf Erden" und "Irreleitung von Menschen" vorgeworfen. Trotz Ablauf seiner Haftzeit, haben die Behörden sich geweigert ihn zu entlassen und haben seine Inhaftierung einfach verlängert.

Hintergründe für die Haftverlängerung

Die Gründe für diese willkürlichen Haftverlängerung scheinen sehr undurchsichtlich zu sein. Vor allem sind westliche Beobachter verwirrt, ob der Zuständigkeiten und doppelten Spiele der Behörden im Iran. Der Fall Taheri hat für gewisse Kreise im Iran eine große Bedeutung. Sie möchten einen Präzedenzfall schaffen.

Wie Dr. Seyed M. Azmayesh, Menschenrechtler und Präsident der IOPHRI (International Organization to Preserve Human Rights in Iran) aufzeigt, wird der Fall Taheri sehr komplex durch die verborgenen Strukturen des Tiefenstaates. Der Fall beschäftigt, Politik, Staatsanwälte, mehrere Gerichte und Protagonisten, die außerhalb der Gerichtsbarkeit stehen, weil ein Gesetz die Handlungen und Aussagen dieser Personen unter der Maßgabe der Sicherung der sogenannten Islamischen Revolution im Iran deckt. Ihnen sichert das Gesetz Straffreiheit zu. Viele dieser Personen gehören zu einem Kreis um Modschtaba Khamenei, einem Sohn des Obersten Führers Ali Khamenei. Sie stehen Instituten vor, die ideologisch, strategisch und operativ agieren. Einmal in der Woche treffen sie sich mit Khamenei in seinem Haus und erhalten Unterweisungen von Ali Khameneis in seiner Ideologie, wie seiner Meinung nach eine "islamische Zivilisation" aussehen sollte. Stets gibt es auch geheime Anweisungen, durch welche Maßnahmen das Ziel vorangebracht werden sollte. So gehört zum Programm die Säuberung der Gesellschaft im Iran von Andersdenkenden. Sobald eine Bewegung eine bestimmte Größe erreicht hat oder bekannt und beliebt in der iranischen Gesellschaft zu sein scheint, wird sie angegriffen. So geht es den Baha'i, den Nematollah Gonabadi Sufis, Anhängern verschiedener säkular gesinnter Ajatollahs, z.B. Ajatollah Boroudscherdi oder eben Taheri und seinen Anhängern.

Im Fall Taheri setzt sich vor allem ein gewisser Mahmud Reza Ghasemi, Leiter eines Instituts zur Bekämpfung der Gefahr durch die Lehren Taheris, hinter den Kulissen für eine Verlängerung der Haft Taheris ein. Gleichzeitig hängen an ihm weitere Institute wie das von Mazâherieh Seif geleitete Institut für psychische Gesundheit und sowie das von einem Mullah Anhâri, der kürzlich der Zuhälterei überführt wurde, geleitete Institut für Islamische Lebenführung.

Der Oberste Führer über "Islamische Zivilisation"

Der Oberste Führer hingegen beginnt massvolle Worte in der Öffentlichkeit auszusprechen. Nicht mehr ein gewaltvoller Umsturz der dekadenten westlichen Gesellschaften steht im Vordergrund, sondern wie er in einer Rede am 25. April 2016 vor dem Hohen Rat Islamisch-Iranischer Paradigmen für Fortschritt festhielt: "Islamische Zivilisation bedeutet nicht Länder zu erobern, sondern der intellektuelle Einfluss, den wir dort gewinnen können."

Ob das nur leere Worte des Obersten Führers sind oder ob die Kettenhunde des Regimes wie Mahmud Reza Ghasemi ihr Handeln und Reden anpassen, kann sich an dem Fall Taheri und anderen Gewissensgefangenen zeigen. Freiheit für diese Menschen sollte erfolgen, um den Reden des Obersten Führers Glaubwürdigkeit zu verleihen.

 © Helmut N. Gabel für mehriran.de

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news-1020 Thu, 28 Apr 2016 11:16:07 +0200 Die Moderne mit Spiritualität versöhnen http://mehriran.de/artikel/die-moderne-mit-spiritualitaet-versoehnen.html mehriran.de - Bei der Veranstaltung "Das Paradox der zwei Islam Versionen" in Hannover, führten die Referenten aus, wie es dazu gekommen ist, dass der historische Islam über so lange Zeit den koranischen Islam in die Bedeutungslosigkeit abgedrängt hat und sich in vielen Köpfen zu einer Religion des Hasses und der brutalen Gewalt geformt hat. mehriran.de - Am Freitag, 22. April 2016 diskutierten der Soziologe Prof. Dawud Gholamasad, der Religionswissenschaftler Prof. Peter Antes zusammen mit dem Autor des Buches "Neue Forschungen zum Koran - Wie und warum es zu zwei gegensätzlichen Versionen von Islam gekommen ist", Dr. Seyed Mostafa Azmayesh aus Paris, einige Thesen seines Buches, die bisherige Dogmen unter Theologen und Islamgelehrten in Frage stellen. Die Veranstaltung fand an der Universität Hannover mit Unterstützung von Prof. Antes statt und wurde von dem Hannoverschen Verein Karamat e.V. organisiert.

Einige Erkenntnisse aus dem Abend auf den Punkt gebracht:

  • Durch Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte sind neue Perspektiven auf den Koran und die Zeit Mohammeds möglich geworden. So sind Fragmente von Koranexemplaren in den Universitäten Tübingen und Birmingham gefunden worden, die mit Hilfe der Radio-Carbon Methode datiert wurden und überraschend die bisherige These in Frage stellen lassen, der Koran sei erst 200 Jahre nach dem Tod des Propheten aufgeschrieben worden. Die Ergebnisse der Untersuchung des Koranfragments aus Birmingham weisen eindeutig auf eine Zeitgleichheit zu Mohammeds Lebenszeit hin. Das Tübinger Fragment scheint aus einer Zeit 20 Jahre nach seinem Tod zu stammen. Beide Fragmente sind im Hidschazi Schreibstil geschrieben, der in Mekka gepflegt wurde, während spätere Korankopien im Kufi Schreibstil geschrieben wurden, der sich aus dem Nabatäischen weiter entwickelt hat und bei jüdischen Gelehrten in Medina üblich war. Diese Gelehrten wurden nach Kufa (heute im Süden Iraks) umgesiedelt, wodurch der Stil seinen Namen bekam.
  • Das Arabische Alphabet hat sich über zwei verschiedene Linien entwickelt und kann bis 100 Jahre vor Mohammed nachgewiesen werden. Mohammed hat laut dem Koran schreiben und lesen können und hat das Schreiben und Lesen seinen Anhängern schon früh ans Herz gelegt, um ihren sozialen Verträge schriftlich und nachvollziehbar festhalten zu können. Sein Ziel war es, einen Paradigmenwechsel im Umgang miteinander auf Grundlage von zivilisatorischen Errungenschaften zu schaffen. Dies ist im Grunde erstmal gescheitert.
  • Mohammed hat, grob gesehen, zwei Phasen in seinem Leben gehabt. In der ersten Phase trat er als Lehrer eines spirituellen Schulungsweges auf, der in der ihn umgebenden Region auf einen sozialen Paradigmenwechsel durch ganzheitliche Bildung hinwirken wollte. Dabei hat er auf Methoden zurückgegriffen, die bereits Propheten wie Abraham, Jesus oder Mani angewandt haben. Mohammed hat diese Lehren auf Arabisch an seine Arabisch sprechende Umgebung weiter gegeben. In der zweiten Phase war er der Vorsteher Medinas und hatte ein offizielles Amt inne, so dass er versuchen konnte seine Sozialutopie umzusetzen.
  • Mächtige Gegner aus seiner nächsten Umgebung fühlten sich durch die Aufrufe zum Werte- und Paradigmenwechsel bedroht und trachteten Mohammed nach seinem Leben. Nachdem sie ihn und seine Gemeinschaft in Medina immer wieder angriffen, kam es dazu, dass sie sich ihm schliesslich ergaben und Lippenbekenntnisse abgaben, die Lehren des Korans zu akzeptieren. Doch schliesslich untergruben sie den Einfluss Mohammeds und setzten ihre Stammestraditionen unter dem Namen Islam fort. Diese Leute begründeten später die Omajaden Dynastie und eroberten große Teile der Welt, wohin sie ihre "beduinischen" Werte unter dem Namen Islam exportierten. Das Prinzip der Stammestraditionen unter der Flagge des Islams setzte sich auch in den später herrschenden Dynastien fort.
  • Nach und nach wurden die in die Lehren des hermeneutischen Koran eingeweihten Gefährten ausgeschaltet und statt des Korans wurden sogenannte Revâyat (Überlieferungen und Kommentare, die einige Theologen Mohammed zuschrieben) als Orientierungspol für die Muslime festgesetzt. Viele  Bücher und Texte aus der Zeit vor Mohammed wurden vernichtet und damit Spuren getilgt, den koranischen Islam besser zu verstehen. Forscher wie Hassan Basri ( 8. Jahrhundert) wurden ignoriert und Kommentatoren, die den Kalifen und Herrschern die nötige Legitimation verschafften, zu Leuchten der Religion erhoben.

Welche Relevanz haben all diese Thesen für die Herausforderungen Europas? Wie bringen uns diese Perspektiven in Bezug auf die vielfältigen Radikalisierungen einerseits und den Ängsten vor Überfremdung durch Flüchtlinge und Asyl-Suchende aus sogenannten islamischen Ländern weiter?

Wer bekommt die Deutungshoheit in Bezug auf Islam? Kräfte, die den historischen, Stammestraditionen fortsetzenden Islam als mit der Attitüde der Mächtigen durchsetzen wollen und die sich anderen Bekenntnissen, Lebensentwürfen und Weltanschauungen als höherwertig einstufen oder Vertreter eines koranischen Islam, der auf Gleichheit und Gleichbehandlung aller Menschen baut und auf die Entwicklung von Individuum und Gemeinschaft setzt?

Hier sind einige Überlegungen dazu zusammengefasst. Einen weiteren Ansatz formulierte Dr. Azmayesh mit der Notwendigkeit der Zeit Spiritualität mit der Moderne zu versöhnen. Er bescheinigte dem Koran das Potential, positive Signale im Umgang miteinander zu setzen. Es kommt darauf an, die hermeneutische Sprache des Korans verstehen zu lernen.

Eine Metapher aus dem Koran veranschaulicht das Gebot der Gleichbehandlung: Ganz gleich, ob Jude, Christ oder Heide bei einem muslimischen Kaufmann kaufen kommen, der Kaufmann darf nicht mit zweierlei Maß messen und heimlich manipulierte Gewichte einsetzen, um Nicht-Muslimen einen Nachteil zu schaffen. Er soll für jeden Käufer ohne Ausnahme das gleiche geeichte Gewicht verwenden.

Und das am Ende auf Persisch rezitierte Gedicht des Dichters Saadi gibt in wenigen Worten den Geist des Korans gemäß Dr. Azmayesh wider:

Bani Âdam (Die Kinder Adams)

Sa'adi Schirazi, ein persischer Dichter aus dem 13. Jahrhundert

Die Menschenkinder sind Brüder und Schwestern,
aus einem Stoff wie eines Leibes Glieder.
Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder,
dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wider.
Wenn andrer Menschen Schmerz dich nicht im Herzen brennet,
verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennet.

Human beings are members of a whole,
in creation of one essence and soul.
If one member is afflicted with pain,
other members uneasy will remain.
If you’ve no sympathy for human pain,
the name of human you cannot retain.

Les hommes font partie du même corps.
Ils sont créés tous d'une même essence.
Si une peine arrive à un membre du corps
Les autres aussi, perdent leur aisance
Si, pour la peine des autres, tu n'as pas de souffrance
Tu ne mérites pas d'être appelé Homme. 

Bàni âdam azâye yekdigarand

Ke dar âfarinesch ze yek goharand
Cho ozvi be dard âvarad ruzegâr

Degar ozvohâ ra namânad gharâr
To kaz mehnate digarân bi ghami
Naschâyad ke nâmat nahand âdami.

Nach der Veranstaltung führte eine Reporterin von DorrTV ein Interview mit Prof. Antes und mit Prof. Dawud Gholamasad zu den Thesen von Dr. Azmayesh auf Englisch.

Wie wird es weiter gehen?

Offizielle Buchvorstellungen von "Neue Forschungsergebnisse zum Koran"in Berlin, Gießen, Wien und Hannover im Mai/Juni und vertiefende Diskussionen werden bald hier bekannt gegeben.

© Mathilde Amar, 2016

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news-1019 Fri, 15 Apr 2016 00:55:06 +0200 Fatalismus oder Selbstverantwortung http://mehriran.de/artikel/fatalismus-oder-selbstverantwortung.html mehriran.de - In Vorbereitung auf die Veranstaltung "Das Paradox der zwei Islam Versionen" am 22.04.2016 in Hannover, stellt Prof. Gholamasad seinen Beitrag zur Kontextualisierung und Relevanz der neuen Forschungsergebnisse von Dr. Seyed Mostafa Azmayesh in Bezug auf die Entstehung des Korans und der Entwicklung zwei verschiedener Islame noch zu Zeiten Mohammeds zur Verfügung.

"Das Paradox der zwei Islam Versionen" am 22.04.2016 in Hannover

Zur Zivilisierung der Glaubensaxiome und Werthaltungen als einem Nachholeffekt des sozialen Habitus II

(Zu den  kommunikationspsychologischen Aspekten im Koran)[1]

In meinem einleitenden Kurzbeitrag zur Eröffnung der Diskussion über die Forschungsergebnisse von Dr. Azmayesh über „Koran und Islam“ möchte ich zunächst thesenartig auf einen Zivilisierungsschub der religiösen Orientierung im nachrevolutionären Iran hinweisen, die ich als eine der unbeabsichtigten Folgen der Islamisierung der Revolution bezeichne; und als einen Nachholeffekt des sozialen Habitus der involvierten Menschen auffasse. Das bedeutet, dass ich die postrevolutionäre institutionelle Ent-Demokratisierung und den De-Zivilisierungsschub als einen Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der Mehrheit der sozialen Träger der Revolution begreife.[2] Als solche ist die „Islamische Republik“ der erste „Islamische Staat“ nach einer langen Modernisierungsphase in jüngster Geschichte.

Mit dem Zivilisierungsschub der Glaubensaxiome[3] der Gläubigen geht eine Transformation ihrer Werthaltungen – als zentrale Elemente der Kultur – einher, die den durch Instinktreduktion und Verhaltensunsicherheit gekennzeichneten Menschen, als generelle Orientierungsstandards dienen.

Diese Zivilisierung der Glaubensaxiome und Werthaltungen wäre aber ohne die traumatischen Erlebnisse der Menschen im nachrevolutionären Iran kaum vorstellbar gewesen. Mit den schmerzhaften Erfahrungen einer religiös legitimierten totalitären Herrschaft entstand ein massenhaftes Bedürfnis nach einer religiösen Umorientierung, das von den sich als „religiöse Innovatoren“ („Noandischan-e Dini“) bezeichnenden Islamforschern befriedigt wird.

Diese Zivilisierung des Islamverständnisses, die sich in einer religiösen Umorientierung manifestiert, ergab sich aus den Reformierungsversuchen des Islams u.a. durch neue hermeneutische Koran-Rezeptionen in seinem historischen Kontext unter Berücksichtigung der linguistischen Aspekte der Koran-Interpretation, da die Sprache die Welt ist, wie die Menschen sie erfahren. Zu diesen Reformationsversuchen gehören auch die Forschungen von Dr. Azmayesh.

Einer der Aspekte der Zivilisierung der religiösen Orientierung offenbart sich vor allem in einem „barmherzigen Gottesbild“ gegenüber dem unbarmherzigen und blutrünstigen Gottesbild der herrschenden Islamisten im Iran. Damit wird eine „Religion der Barmherzigkeit“ der „unbarmherzigen Religion“ der Islamisten entgegengesetzt.

Um die Bedeutung der Zivilisierung des Gottesbildes zu begreifen, muss man die Zivilisierung als eine gerichtete Entwicklung individueller Selbstregulierung momentaner trieb- und affektbedingter Verhaltensimpulse oder deren Umleitung auf sekundäre Ziele und deren Sublimierung begreifen. Diese ist eine Veränderung des sozialen Habitus bzw. der Persönlichkeitsstruktur der Menschen in Richtung auf ebenmäßigere, allseitigere und stabilere Selbstkontrollmuster. Dieser gerichtete psychische Transformationsprozess führt zum Strukturwandel des Seelenaufbaus der Menschen, zu dem auch die Gewissensbildung gehört.[4]

Ohne sich je von Fremdzwängen völlig loszulösen, gewinnen außerdem die Selbstzwänge gegenüber den Fremdzwängen größere Autonomie. Zu diesen Fremdzwängen gehören auch die religiösen Phantasien und Mythen sowie Götter.

Die Götter haben auf früheren Entwicklungsstufen, also etwa auf den durch Stämme und andere vorstaatliche Überlebenseinheiten repräsentierten Stufen Funktionen, die auf späteren Stufen in weit höherem Maße vom individuellen Gewissen und Verstand erfüllt werden. Für die heutigen gottesfürchtigen Gläubigen hat ihr Gott daher eine gewisse forensische Gewissensteilfunktion, dessen Zivilisierung eine entscheidende Bedeutung zukommt; damit können Menschen mit sich selbst und mit anderen Menschen friedlicher leben.

Dazu kommt einer realitätsangemesseneren Darstellung der Anfangsgeschichte des Islams sowie der Biografie des Gründers des Islam, Mohammed, eine entscheidende Bedeutung zu, weil er und seine tradierten Verhaltens- und Denkweisen für die gläubigen Muslime einen fremdzwangsartigen Vorbildcharakter haben.

Damit werden dem Islamismus als einer globalen Herausforderung alternative Lesarten des Islams als eines Wandlungskontinuums entgegengesetzt. Denn der Koran ist nicht nur geschrieben; er muss auch gelesen werden. Damit wird das nicht mehr lebendige Wort wieder lebendig. Denn Lesen und Denken sind Lebensäußerungen und verleihen den Worten das Leben, das sie verlieren, sobald sie niedergeschrieben worden sind.

So kann man die Aussage, Mohammed sei der letzte Gesandte Gottes gruppencharismatisch auslegen und wie die Islamisten „als auserwählte Kinder Gottes“ die Weltherrschaft beanspruchen. Oder sie als Beginn der Aufklärung im Sinne Kants als „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ begreifen; und dabei den Wahlspruch der Aufklärung bedienen: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“[5]

Wir lesen, dass wir uns Gottes Gesetze unterwerfen sollen im Sinne der Islamisten als einer Unterwerfung unter die Scharia; oder diese als Naturgesetze entdecken und befolgen; bzw. als soziale Regelmäßigkeiten wie z.B. der Zivilisation erkennen und uns entsprechend den Zivilisationsstandards - als moralphilosophisch begründeten Gebote und Verbote - benehmen. In diesem Sinne folgen wir verantwortungsbewusst den Natur- und Humanwissenschaftlern sowie den Moralphilosophen als neuen Propheten, die durch Paradigmenwechsel immer erneut ersetzt werden. Dabei können wir im Sinne Aristoteles ein Gebot A nicht als etwas Gutes befolgen, weil es Gott geboten ist; sondern weil das Gebot A im Sinne des Zivilisationsstandards gut ist, uns von Gott auferlegt wurde.

Wir können uns fatalistisch dem von Gott bestimmten Schicksal hingeben oder unser Schicksal als Ergebnis der selbstverantwortlichen Lösung der vom Leben gestellten Aufgaben begreifen.

Wir können Sure 4, Vers 62 im Koran: „Oh ihr, die glaubt, gehorchet Allah und gehorchet dem Gesandten und denen, die Befehl unter euch haben“ so auslegen, wie die Theologen, die Jahrhunderte lang die „orientalische Despotie“  als Usurpatoren begriffen, aber trotzdem als  „Schatten Gottes auf Erde“ und Garanten der Ordnung und der Unterbindung der Anarchie legitimierten. Oder wie Chomeini als Begründung der Notwendigkeit der Hierokratie heranziehen, weil die Menschen angeblich unmündig seien und eines Vormundes bedürfen. Und solange der entrückte zwölfte Imam Mahdi nicht wieder erscheint, komme diese Aufgabe der Geistlichkeit zu[6].

Schließlich kann man auch, die Volkssouveränität als Grundprinzip einer demokratisch verfassten Gesellschaft vorausgesetzt, daraus eine Parlamentarische Demokratie  legitimieren.

Es ist also nicht nur geschrieben; es muss auch gelesen werden. Darauf kommt es an.

Was aber die Lesart von Dr. Azmayesh vor allem kennzeichnet, ist eine kommunikationspsychologische Interpretation der Bekenntniszusammenhänge im Koran, wie ich sie verstehe. Dies wäre ohne sein historisches Wörterbuch des Korans nicht angemessen möglich gewesen, wenn er die vier Dimensionen dieser Kommunikation[7] differenziert aus dem Munde Mohammeds berücksichtigen wollte. Im Unterschied zur sonst üblichen dogmatischen und buchstabentreuen Lesart, muss die kommunikationsdiagnostische Lesart der Botschaft Mohammeds folgende vier Dimensionen seines Kommunikationszusammenhanges mit seinen Gegnern und den scheinbar Bekehrten berücksichtigen, wie sie im Koran vermittelt werden:

1.    Den inhaltlichen Aspekt, d.h. worüber gegenseitig gesprochen wurde,

2.    Den Selbstoffenbarungsaspekt, d.h.. was gegenseitig von sich selbst kundgegeben wurde,

3.    Den Beziehungsaspekt, d.h. was die Kommunikationspartner gegenseitig von einander gehalten haben,

4.    Den Appellaspekt, d.h. wozu sich die Kommunikationspartner veranlassen wollten.

Nur so können die abweichenden Ziel- und Zwecksetzungen der Bekenntnisse Mohammeds und seiner Bekehrungsversuche  und der seiner Gegner und der scheinbar Bekehrten aus den Koran-Versen heraus destilliert werden. Dabei können die abweichenden persönlichen Zwecksetzungen der scheinbar Bekehrten und den von Mohammed vorgegebenen Leitbilder der Gläubigen unterstrichen werden, um die weitere Geschichte des Islams als eines Wandlungskontinuums im Sinne der Etablierung eines Herrschaft legitimierenden Domas zu begreifen. Denn „man fragt nicht, woher, durch welche Ursache sich das menschliche Handeln bestimmt, sondern man fragt, wozu, im Dienste welches Zweckes verhält sich der Mensch so, wie er sich verhält.“[8]  


[1] Einführung der Diskussion der Forschungsergebnisse von Dr. Azmayesh  über Koran und Islam am12.4.016 in Hannover.

[2] Vergl. meine Beiträge über die Entstehung der „Islamischen Revolution“ im Iran: gholamasad.jimdo.com

[3] Glaubensaxiome sind Setzungen, die nicht erkenntnismäßig, sondern bekenntnismäßig festgestellt werden. Mit der dogmatischen Tradition des Islams, die als Orientierungsmittel ein Ersatz für fehlende Instinkte der Menschen ist, wurde über Jahrhunderte eine unschöpferische, starre Haltung reproduziert.

[4] Vergl. Norbert Elias, Zivilisation, in Bernhard Schäfer (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie, Opladen 1986, : 382ff.

[5] Immanuel Kant; Ausgewählte keine Schriften, Hamburg 1965, S. 1ff

[6] Ajatollah Chomeini, Der islamische Staat, Berlin 1980, S. 33f., S. 60ff.

[7] Vergl. Friedemann Schulz von Thun, Miteinander reden, Bd. 1, Reinbek bei Hamburg, 2004, S.23ff.

[8] Fritz Künnkel, Die Arbeit am Charakter, Konstanz, Nachdruck 1975, S. 22.

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news-1018 Mon, 11 Apr 2016 17:44:26 +0200 Ein tieferes Verständnis des Korans ist das Gegengift für islamischen Extremismus http://mehriran.de/artikel/ein-tieferes-verstaendnis-des-korans-ist-das-gegengift-fuer-islamischen-extremismus.html mehriran.de - Die tragischen Ereignisse von Brüssel zeigen einmal mehr, wie islamischer Extremismus weiterhin an der Spaltung und Eroberung der westlichen Gesellschaften arbeitet. In meinem Buch "Neue Forschungsergebnisse zum Koran" habe ich bereits aufgezeigt, dass es sich nicht um ein neues Phänomen handelt. In der Tat reicht das Phänomen schon in die Lebenszeit des Propheten Mohammed, als er sich bemühte Islam-ol-Madani, den Islam der Zivilisiertheit einzuführen, im Gegensatz zum Islam-ol-Badawi, dem Islam der Stammesgesetze, der von jenen, die sich zwar zum äußerlich zum Islam bekannt hatten, doch in ihrem Innern den Stammesgesetzen und -traditionen anhafteten. Die Letzteren haben die Geschicke des gewöhnlichen Islams nach dem Tod des Propheten in ihre Hände genommen.

Da die Probleme, die durch Extremismus hervorgerufen wurden, schon Jahrhunderte alt sind, sollten Gesetzgeber und Politiker keine schnellen Lösungen erwarten, sondern sich auf nachhaltige Strategien konzentrieren. Dazu sollte man noch die Menschen berücksichtigen, die im Westen groß geworden sind und westliche Bildung genossen haben und sich von dieser Art von Ideologie hingezogen fühlen. Der Hang zu Radikalisierungen in den europäischen Gesellschaften, ist ein Thema, das nach Lösungen ruft.

Europäische Strategien und Maßnahmen gegen Extremismus sollten sich aus ihrem derzeitigen Zustand der Reaktion in eine strukturierte und nachhaltige Vorgehensweise entwickeln. Der erste Schritt auf diesem Weg  sollte darin bestehen, das Problem an der Wurzel zu packen. Dafür sollten wir die Quelle des Islam, den Koran und seine geistigen Lehren gut verstehen, um nicht Opfer von Fehlinterpretationen zu werden. Der Koran ist für alle verschiedenen muslimischen Fraktionen die gemeinsame Grundlage. Ein akkurates Studium und Verständnis seiner Lehren, sollte daher den Kern und die Seele des Textes untersuchen, um als entscheidender Referenzpunkt zur Unterscheidung des Islam-ol-Madani (zivilisierter Islam) von der fundamentalistisch-egoistischen Interpretation zu dienen.

Der zweite Schritt muss die Vorstellungswelt der Extremisten ergründen, um den Ursprung dieser Vorstellungen zu erkennen. Der Maßstab und Ansatz für die Betrachtung ist ein Blick auf die Einstellung gegenüber den Menschenrechten, die im Kern Toleranz und Gleichheit für alle enthalten. Wir können uns als Gesellschaft nicht still verhalten angesichts ausgrenzendem und intolerantem Verhalten. Leute, die Intoleranz fördern, betrachten unser Schweigen als Signal ihre eigene Propaganda zu verbreiten. Sie missbrauchen oft die Prinzipien der Demokratie, wie freie Rede, um Demokratie zu Fall zu bringen. Sie zielen darauf die Gesellschaft zu spalten.  

Wie können also heutige Entscheider mit den Gefahren von Extremismus und Spaltung umgehen?

Mein erster Vorschlag bezieht sich auf Bildung. Es erscheint mir wichtig, dass gewisse muslimische Gruppen innerhalb unserer Gesellschaft, die empfänglich sind für radikale islamistische Ideen, mit Werten der demokratischen Grundordnung und der allgemeinen Menschenrechte in Berührung kommen und deren Sinn als Grundlage unserer Gesellschaft verstehen und akzeptieren lernen. 

Ähnlich gilt es bei Immigranten und Einwanderern aus islamischen Ländern vorzugehen. Wir sollten ihnen vermitteln, dass der Koran, die Basis für den Islam, nicht nur mit den Werten von Frieden und Gerechtigkeit jenseits des Glaubens, des Geschlechts oder der Abstammung übereinstimmt, sondern dies eindeutig einfordert. Der Koran legt den Muslimen Verhaltensmaßgaben ans Herz, die mit diesen Werten korrespondieren, so dass sie nicht gegen die Lehren des Korans verstoßen, wenn sie diese Werte annehmen.

Für die Glaubwürdigkeit dieses Bildungsansatzes ist es relevant, dass Menschen, die diese Werte vermitteln sollen, die Grundsätze der Menschenrechte tief verinnerlicht haben. Durch verschiedene Bildungsmassnahmen gilt es dann vor allem die Haltungen und Vorstellungen derjenigen Menschen anzusprechen, die Stammestraditionen anhängen, welche den Prinzipien der allgemeinen Menschenrechte widersprechen und mit Islam in Verbindung gebracht werden.

Ausgegrenzte und isolierte Individuen in den Gesellschaften Europas sind für die Manipulationen der Leute mit einer extremistischen Agenda besonders anfällig. Sie fühlen sich ausgegrenzt, vernachlässigt, abgehängt oder unerwünscht und steigern sich in die Vorstellung hinein, dass der einzige Ausweg für sie darin besteht, Rache zu üben an der Gesellschaft durch Angriffe auf die Gemeinschaft oder sich denen anzuschließen, die uns ins Chaos stürzen wollen.

Ein Hauptpunkt gegen solchen Radikalisierungen vorzugehen, sollte einen inklusiver Zugang zu den Individuen sein. Sinnvolle Massnahmen dafür könnten gemeinschaftliche Aktivitäten sein, wie Sport oder Kunst in Begleitung einer ganzheitlichen und inklusiven Bildung. Diese Menschen brauchen eine positive Ermutigung ihr Leben in die hand zu nehmen und die Entwicklung eines Zugehörigkeitsgefühls.

Der Erfolg einer Vorgehensweise hängt sehr wohl von der Glaubwürdigkeit jener Menschen ab, die sie ersinnen und umsetzen. Damit Muslime in Europa und außerhalb Europas die Politik und die Vorgehensweisen Europas als gelungen betrachten, sollte die Außenpolitik Europas übereinstimmen mit den Werten der Gesellschaften in Europa, insbesondere hinsichtlich der Menschenrechte. Es kann nicht klug sein, Vorgehensweisen zu verfolgen, die diesen Prinzipien widersprechen. Handel zu betreiben mit Ländern, die grundlegende Menschenrechte der eigenen Bevölkerung mit Füßen treten, sollte unterlassen werden.

"Der Koran preist Frieden und Gerechtigkeit unabhängig von Glauben, Abstammung, Nationalität oder Geschlecht über die Maßen an." 

Dank einer globalisierten und stark vernetzten Welt, muss die Europäische Union sehr schnell handeln, um aufkeimende Konflikte rechtzeitig anzugehen. Der Bürgerkrieg in Syrien hat klar gezeigt, dass Europa nicht immun ist für die Folgen von Konflikten außerhalb seiner Grenzen. Im Moment ringen wir auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen mit den Herausforderungen einer sehr großen Anzahl an Flüchtlingen, die in sehr kurzer Zeit ankommen. Zugleich sind wir konfrontiert mit der Verbreitung extremistischer Ideologien. Die Außen- und die Innenpolitik Europas muss aktiv gegen den Einfluss extremistischer Regime und Organisationen vorgehen, die Terrorzellen in Europa bilden und nähren. Dies geschieht in sogenannten religiösen Zentren, wie wir es aus Dänemark und Großbritannien kennen.

Zuletzt weise ich auf die Verantwortung der Kommissionen hin, die an der Gestaltung der Vorgehensweise mit diesen Problemen beteiligt sind. Um die Ausbreitung von Islamophobie zu verhindern und einzudämmen, sollten die Mitglieder dieser Kommissionen ein tiefes und umfassendes Verständnis des Korans und des Islams erlangen, um ihre Vorgehensweisen aus dieser Expertise heraus glaubwürdig zu gestalten. Auf Grund der Tatsache, dass Europa eine Region mit offenen Grenzen ist, wäre es angebracht dieses Vorgehensweisen auf einer Pan-Europäischen Basis zu implementieren.

Durch gemeinsames und abgestimmtes Vorgehen und einem Erfassen des tiefen und authentischen Geistes des Korans wird es möglich gewalttätigen Extremismus von der Religion Islam zu unterscheiden. Diese Extremisten haben nicht wirklich Interesse daran, religiösen Unterweisungen Folge zu leisten, sondern bringen ihre fundamentalistische Agenda unter dem Vorwand und Deckmantel einer Religion, um ihre eigennützigen Ziele zu erreichen.

Seyed Mostafa Azmayesh

Religionswissenschaftler und Forscher auf dem Gebiet der Spiritualität und Gnostik. Er ist Autor einer Neuerscheinung mit dem Titel "Neue Forschungsergebnisse zum Koran". 

Originalveröffentlichung: Europesworld.org 

 

 

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news-1016 Mon, 11 Apr 2016 01:15:55 +0200 Erst kam Putin, dann kam Dugin in den Iran http://mehriran.de/artikel/erst-kam-putin-dann-kam-dugin-in-den-iran.html mehriran.de - Endzeitvisionäre aus Russland und dem Iran proben den Schulterschluss in Qom. Neue Phase im Machtkampf zwischen Khamenei und Rafsandschani. mehriran.de - Im Poker um die zukünftige Macht im Iran ist die letzte Schlacht noch nicht geschlagen. Aus den letzten Wahlen gingen die Reformer und US-Befürworter um Rohani und Rafsandschani gestärkt hervor. Doch die Hardliner suchen jetzt den Schulterschluss mit russischen Kräften. Während Rafsandschani, Rohani, Zarif und andere Mitglieder des Establishments im Iran für eine Öffnung Irans gegenüber dem Westen und vor allem gegenüber den USA plädieren, stemmen sich die Hardliner um den Obersten Führer Khamenei gegen den Abbruch der Feindschaft gegenüber dem "großen Satan" USA und stärken ihre Verbindungen zu Russland auf verschiedenen Ebenen.

Rafsandschani wieder Zielscheibe Khameneis

In einem Tweet von Hashemi Rafsandschani hieß es kurz nach den Wahlen im Iran "Die Welt von Morgen wird geprägt sein durch Gespräche und Verhandlungen, es wird nicht die Welt der Raketen sein." Das betrachten Hardliner als Verrat an der Revolution. Wenige Tage danach sprach Khamenei vor einer Gruppe von Maddah[1]. Sie dienen dem Regime als rhythmische Einpeitscher von Massen - manchmal um Massen im Allgemeinen aufzuputschen und manchmal zu spezifischen Anlässen, wenn es darum geht bestimmte Gruppen anzugreifen. Die Maddah putschen dann paramilitärische Bassidschi durch Hetzreden und vor allem rhythmische Rezitationen gegen vermeintliche Gegner und Verräter auf. Khamenei nahm indirekt Bezug auf den Tweet ohne den Namen Rafsandschanis zu erwähnen und folgerte: "Leute, die so etwas von sich geben, sind entweder nicht ganz bei Sinnen oder sie sind Verräter." Ali Khamenei träumt nach wie vor von der andauernden Revolution in Feindschaft zum "dekadenten Westen"und mit ihm verschiedene Hardliner, die ihre messianische Vorstellungen zu einer Ideologie der Strafe und Zerstörung für jeden Andersdenkenden stilisiert haben, um letztlich die Welt für die Wiederkunft von Jesus und den 12. Imam vorzubereiten. Und da es in einer Überlieferung heisst, dass die beiden im Augenblick der größten Ungerechtigkeit und des grausamen Blutvergießens auf Erden wiederkehren werden, fühlen sie sich verpflichtet alles für eine Verschärfung von Krisen und Chaos in der Welt zu tun.

Ein Abgeordneter des Parlaments aus Khorasan, Mohammad Javad Karimi Qoddousi, der auch Herausgeber eines Online Magazins, Bultan News, ist, gilt als Scharfmacher und ewiger Revolutionär. Er gilt als scharfer Kritiker des Atomabkommens und fordert Außenminister Zarif immer wieder auf, Details der Verhandlungen Preis zu geben und sich für die Verhandlungen zu rechtfertigen. Qoddusi bezeichnet Zarif als Verräter der Revolution und als Barjâm (jemand, der mit 5+1 konversiert hat). Nach Khameneis Rede vor den Maddah, forderte er das Ministerium für Sicherheit und Information auf endlich Dokumente zu veröffentlichen, die Rafsandschani als Verräter zeigen, um seine politische Laufbahn endlich zu begraben.

Dies kann als Gegenangriff gewertet werden, da die Hardliner schwach aus den Wahlen hervorgegangen sind. Khamenei fürchtet, dass Rafsandschani wieder Macht im Wächterrat gewinnt, der den nächsten Obersten Führer bestimmen wird und auch den aktuellen Führer absetzen könnte. Qoddusi zeigt sich als treuer Kettenhund, der bellt, wenn es brenzlig wird für den Hofstaat des Führers.

Nach Putin reist Dugin in den Iran

Im November 2015 reiste Präsident Putin in den Iran. Dort schloss er angeblich Wirtschaftsvorverträge bis zu 21 Milliarden Dollar ab. Nebenbei ging es auch um Syrien. Putin durfte sich von Khamenei ein Lob mitnehmen für Russlands "konstruktive Rolle" im Konflikt mit den Schergen des sogenannten IS (Daesh).

Auf Einladung einiger Köpfe um das inoffizielle Sprachrohr Khameneis, die Tageszeitung Kayhan, kam Ende März Alexander Dugin (im Anhang haben wir einige Links aufgeführt, die ein umfassendes Bild zu Dugin ermöglichen. Weniges gibt es auf Deutsch, einiges mehr auf Englisch und ganz aktuell Berichte von seinem Aufenthalt im Iran auf Persisch), ein illustrer Kommentator politischer Ereignisse, Autor, Ideologe und Endzeitpropagator in den Iran.

In Begleitung Payam Fazlinedschads[2], Mehdi Nassiris[3], Nader Talebzadehs[4] und anderen Kayhan und Khamenei nahe stehenden Ideologen reiste er nach Qom, der theologischen Hauptstadt der Schiiten. Im Farhangestan  Ulumeh-Eslami in Qom[5] (Kulturzentrum für Islamwissenschaften) soll er diesen Satz ausgesprochen haben: " Ich bin froh und sehr stolz darauf, im Zentrum der Kampfbemühungen gegen die Moderne zu sein. Für mich ist die Moderne gleich zu setzen mit Satanismus, Teufelsanbeterei!" Darüberhinaus führte er aus, warum er eine strategische Partnerschaft zwischen Russland und Iran gut heisst., denn beide seien gegen den "US-Amerikanischen" Einfluss in der Welt.  "Wir sind am Ende der Geschichte angelangt, weil die Welt an einem Höhepunkt der Dekadenz angelangt ist", führte er weiter aus. In dieser Aussage kann man den Grund sehen, warum Dugin in den Iran eingeladen wurde.

Rohani reist nicht nach Österreich

In dieser Phase sagte Präsident Rohani eine geplante Reise nach Wien ab. Scheinbar störte er sich an einer geplanten Demonstration von Regimegegnern in Wien. man kann vermuten, dass dieser Grund offiziell vorgeschoben wurde, doch könnte es auch sein, dass Rohani in dieser heiklen Phase der Angriffe gegen Rafsandschani, nicht außer Landes reisen wollte. Immerhin hatte es ja in Paris während seines Besuches auch Proteste gegeben. Seine Reise nach Pakistan, während des Anschlags in Lahore, fand auch statt. Khamenei werden die vielen Reisen Rohanis ins Ausland irritieren. Er fürchtet zu viele Kontakte mit den USA, möchte lieber, dass die Maddah die Bassidschi auf eine revolutionäre Haltung einschwören. Doch die Dekadenz, die Dugin im Chor mit den Hardlinern Irans dem Westen unterstellt, findet sich auch unter den Mullahs im Iran. Vor kurzem fiel ein Mullah bei seinen Schwiegereltern in Ungnade. Diese hatten einige Gespräche ihres Schwiegersohns Mohammed Reza Anhâri aufgezeichnet. Anhâri, Leiter eines Instituts, das mit dem Zentrum für Religionen und Weltanschauungen (Moasseseyeh Adyan va Feragh) verflochten ist, war einer der treibenden Kräfte in der Beschuldigungskampagne gegen den Alternativmediziner Mohammed Ali Tâheri. Die Aufzeichnungen belegen, dass er zusammen mit seinem Vater gewinnbringend einen Prostituiertenring führte. Er sah sich daraufhin gezwungen, von seinem Posten beim Institut zum Schutz der Gesellschaft vor den Anhängern und den Lehren Tâheris[6] zurück zu treten.

https://www.youtube.com/watch?v=-Fxaj8aT7Dw (Bericht auf Persisch)

https://www.youtube.com/watch?v=BFURoXeLKqg (Bericht auf Persisch)

4threvolutionarywar.wordpress.com/2016/04/02/dugins-guideline-the-day-of-iran/

islam-freemasonry.com/2015/03/23/traditionalism-politics-and-islam-today/

Alexander S. Duff in the American Interest über Heidegger, Fardid und Dugin: www.the-american-interest.com/2016/02/25/heideggers-ghosts/

Alexander Dugin, ein ehemaliger Politikprofessor der Moskauer Lomonossow-Universität und Mitbegründer der Nationalbolschewistischen Partei und später Gründer der Eurasischen Partei.

dugin.ru

"Wir haben dem Liberalismus einen globalen Dschihad erklärt, da der Liberalismus ebenfalls ein Kreuzzug gegen die Menschlichkeit ist."

Timo Stein über Dugin www.cicero.de/weltbuehne/eurasische-fantasien-die-antiwestliche-ideologie-putins-russland/58989

Silvio Duwe über Dugin www.heise.de/tp/artikel/44/44342/1.html

Boris Kálnoky in Die Welt www.welt.de/politik/ausland/article136928614/Putin-Ideologe-Dugin-will-Oesterreich-aufloesen.html

Krzysztof W. Rath in Vice

www.vice.com/de/read/erobern-eingliedern-und-anschliessen-alexander-dugin-marschiert-in-deutschland-ein-russland-putin-881

Dugins Vater war vermutlich ein Geheimdienstoffizier, der Groß- sowie Urgroßvater waren Militärs. Er selbst flog 1983 vom Staatlichen Luftfahrtinstitut, die Gründe sind umstritten. Einer von ihm selbst verbreiteten Legende zufolge hatte er aufgrund seiner familiären Beziehungen Zugang zu geheimen KGB-Archiven und studierte dort verbotene Literatur zu Themen wie Freimaurerei, Faschismus und Paganismus. Mit Sicherheit aber schloss er sich in dieser Zeit dem okkultistischen Mamleew-Zirkel an. Der Fantasy-Autor Yuri Mamleewhatte eine kleine Schar von Mystikern um sich versammelt, die ihre Freizeit im Wesentlichen mit schwarzer Magie, sexuellen Ausschweifungen, hartem Alkohol und rechtsradikaler Esoterik verbrachte. Die Männer nannten sich selbst ‚Schwarzer Orden der SS'. Hier lernte Dugin spätere Mitstreiter wie den Philosophen Evgenij Golovin kennen oder den Islamisten Gaidar Dschemal , aber auch Künstler wie Wenedikt Jerofejew (den Autor von Die Reise nach Petuschki).

Die Vereinigten Staaten stehen, laut Dugin, an der Spitze der Zivilisation der ‚ Atlantiker', die ihren Ursprung im sagenumwobenen Atlantis hat. Seefahrerkulturen wie Karthago waren Teil dieser atlantischen Ordnung, die seit Jahrtausenden einen geheimen Krieg gegen die ‚Eurasier' führt. Letztere entstammen dem mythischen Land des Nordens: Hyperborea (das schon in der Rassenlehre der NSDAP eine wichtige Rolle spielte). Ihre heutige Zentrale ist Russland.

Die Eurasier, zu denen auch das Römische Reich gehörte, sind seit jeher bodenständige Krieger, die sich ihren Wurzeln und der autoritären Ordnung verpflichtet fühlen. Damit stehen sie im Widerspruch zu den degenerierten Seevölkern, die keine Werte kennen, sondern nur Sodom und Gomorrha. Dieser fundamentale Konflikt rast mit bahnbrechender Geschwindigkeit auf sein Finale zu. Unsere Generation ist auserwählt, den „Endkampf" zu erleben – einen letzten Weltkrieg.

Christoph Kluge im leverage -magazine

www.leverage-magazine.com/hohepriester-der-apokalypse-der-unwahrscheinliche-aufstieg-des-alexander-dugin/

Christian Neef im Spiegel www.spiegel.de/spiegel/print/d-128101577.html

Dugin: Eurasien hat einen globalen Charakter, es ist ein Synonym für Multipolarität. Ich habe Anhänger selbst in Brasilien oder in China - überall dort, wo man gegen die unipolare amerikanische Dominanz ist. In diesem Sinne sind sogar diese Leute Eurasier. Zum engeren Begriff: Eurasien - das sind Russland und seine Partner. Die Türkei, Iran, China, Indien. Der postsowjetische Raum, der sogar die Mongolei einschließt. Und einen Teil Osteuropas - Bulgarien oder Serbien.

In einem Interview beschreibt Dugin seinen eigenen Werdegang und seine Zuordnungen: www.identitaere-generation.info/interview-alexander-dugin/

Klaus-Helge Donath bezeichnet Dugin als neuen Rasputin in der Rheinischen Post Online www.rp-online.de/politik/ausland/alexander-dugin-russlands-neuer-rasputin-aid-1.4893318

Kerstin Holm in der FAZ

www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/auf-diesen-mann-hoert-putin-12991924.html

Andrey Tolstoy and Edmund McCaffray

www.worldaffairsjournal.org/article/mind-games-alexander-dugin-and-russia’s-war-ideas

Mind Games: Alexander Dugin and Russia’s War of Ideas

Klaus-Helge Donath in der TAZ www.taz.de/!5044325/

Dugin, der Wanderprediger

Messianisches Russland und faulender Westen

Kurzum: Der faulende Westen steht einem messianischen Russland gegenüber, das sich für dessen mentale und geistige Erneuerung bereithält. Die orthodoxe Kirche übernimmt den Part der spirituellen Unterweisung und gibt Anleitung zur sich selbst bescheidenden Demut. Die Weltordnung gleicht in diesem Konstrukt einem „Spinnennetz“ (Dugin), in dem das Gegeneinander von Freund und Feind erst Dynamik generiert. Unschwer zu erkennen, dass die geistigen Väter dieser Gedankenwelt im antidemokratischen Denken der Weimarer Republik beheimatet sind. Blaupause ist die „konservative Revolution“ der 1920er, die der Wegbereiter des Nationalsozialismus war.

Wahid Azal in counterpunch

www.counterpunch.org/2016/02/10/dugins-occult-fascism-and-the-hijacking-of-left-anti-imperialism-and-muslim-anti-salafism/&nbsp;

Chaos Magic as the True Duginist weltanschauung

The misanthropic ideas of British occultist and satanist Aleister Crowley (d. 1947) do however inform both the Duginist world view and its contemporary praxis. Indeed it is within the worldview of Chaos magic specifically (which is a spawn of Crowley’s Thelemic philosophy) where much of the paradoxes and seeming contradictions of the Duginist weltanschauung – and especially in its Fourth Positionist catchall of ‘beyond right or left’ – must be sought, since this is (whether explicitly articulated or not) the actual animating locus of the Duginist far-right praxis, beginning with its choice of symbology, i.e. his Eurasian flag of eight white or yellow thunderbolts (or arrows) shaped in a radial pattern and set behind a black background. This symbol by itself is alternatively referred to in Chaos magic as the ‘wheel of chaos’, ‘the symbol of chaos’, ‘arms of chaos’, ‘the arrows of chaos’, ‘the chaos star’, ‘the chaos cross’, ‘the chaosphere’ or ‘the symbol of eight’. Somewhat reminiscent of the Thule Society and then Hitler’s own appropriation of the swastika from the writings of Theosophical Society founder H.P. Blavatsky (d. 1891), Dugin derives his design from the popularizations of it made by western Chaos magicians during the 1970s-1980s who themselves appropriated it from the work of British science fiction and fantasy novelist Michael Moorcock.

www.thenewamerican.com/reviews/books/item/22324-a-review-of-dugin-s-last-war-of-the-world-island

James Heiser, A Review of Dugin's "Last War of the World-Island"


[1] alischirasi.blogsport.de/2016/03/14/iran-der-ajatollah-und-der-trauerredner/

und mehriran.de/artikel/das-lumpengesindel-singt-elegien.html

[2] Payam Fazlinedschad arbeitet für das Kayhan Institut, das immer wieder Hetzschriften gegen unterschiedliche Gruppierungen herausgibt.

[3] Mehdi Nassiri war Vorgänger Hossein Schariatmadaris im Amt des Herausgebers von Kayhan. Nassiri gilt als Hardliner. Er verteidigt die Kleriker, die Ibn Arabi als Ungläubigen bezeichnen. Das ist eigentlich ein Sakrileg im Iran, denn der Revolutionsgründer Ayatollah Khomeini hat Ibn Arabi (Konzept der Einheit des Daseins) hoch geschätzt. An diesem Beispiel kann man sehr gut sehen, wie die Hardliner den ursprünglichen Geist und die Richtung der Revolution pervertiert haben. Äußerlich tun sie als würden sie Khomeini ehren, doch gehen sie eigentlich gegen die Lehren Khomeinis.

[4] Nader Talebzadeh ist ein iranischer Regisseur. Sein bekanntester Film heisst "Der Messias".

[5] Direktor des Farhangestan  Ulumeh-Eslami in Qom ist Mohammed Mehdi Mirbagheri.

[6] Moasseseyeh Nedschâte as al- Halghe

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news-1015 Thu, 10 Mar 2016 00:54:59 +0100 Die größten Irrtümer und Missverständnisse über Islam - Kapitel Hintergründe zu Dschihad http://mehriran.de/artikel/die-groessten-irrtuemer-und-missverstaendnisse-ueber-islam-kapitel-hintergruende-zu-dschihad.html mehriran.de - Hintergründe, Hinweise, Klärungen zu Koran und Islam. Wir veröffentlichen in mehreren Kapiteln eine allgemein zugängliche Schrift zu grundlegenden Fragen über Islam.  

Vorhergehende Kapitel:

Kapitel 1 - Einführung in den Begriff Islam

Kapitel 2 - Auslegungen des Korans

Kapitel 3 - Menschenrechte im Koran

Hintergründe zu Dschihad

Der Begriff Dschihad wird heutzutage nicht entsprechend seiner eigentlichen ursprünglichen Bedeutung verwendet. Wenn jemand heute über Dschihad spricht, schwingt eine sehr negative, ja sogar manchmal in Angst versetzende Konnotation mit, die mit "islamischem" oder "islamistischem" Terrorismus und Selbstmordangriffen in Zusammenhang gebracht wird.
Diese Risiken und Gefahren durch willkürliche Kommentare zu heiligen Schriften sind nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Den Koran, die Bibel oder die Tora kann man schnell mal lesen, aber eine sinnvolle Interpretation ist dann doch schwieriger, denn jede Person projiziert ihren geistigen Entwicklungsstand in ihre jeweilige Interpretation. Unreife Menschen werden durch ihre unmittelbaren Impulse beherrscht, sie leben im Zustand der Unwissenheit, auch wenn wir schon im 21. Jahrhundert sind. Ihre Auslegungen der heiligen Schriften wie Bibel, Evangelium und Koran entsprechen der oberflächlichen, materialistischen Stufe ihrer Fähigkeit zu be-greifen und zu denken. Man kann nicht das Buch dafür zur Rechenschaft ziehen, wenn die Interpretation schlichtweg falsch ist oder zu-mindest irreführend oder missverständlich.

Dschihad heißt "höchste Anstrengung". Die Wurzel dieses Begriffs ist jahd, was mit "Anstrengung", "Mühe", "Streben" übersetzt werden könnte. Jemand, der sich nicht unerheblich einsetzt, um ein wichtiges Ziel zu erreichen, ist ein mojahid. Der Begriff Dschihad und alle seine Ableitungen ist ein spezifisches Vokabular im Koran und wird darin 41 Mal verwendet.

Dschihad gehört zu den Säulen des Islam. Gemäß der sunnitischen Gelehrten gibt es fünf religiöse Verpflichtungen: Salat (tägliches Gebet), Zakat (religiöse Steuern), Soun (Fasten), Hadsch (Pilgerfahrt nach Mekka) und Dschihad (alle Bemühungen für Gott). Demgegenüber sprechen Schiiten von acht Säulen: Salat, Soun, Khoms und Zakat, Hadsch, Dschihad, Amr bil ma’rouf (sich vornehmen, gute Taten zu vollbringen), Nahi menal monkar (das Ego wird vom Ausführen schlechter Taten abgehalten). 

Im Koran werden Gläubige als Menschen beschrieben, die regelmäßig beten, ihre religiösen Steuern leisten und sich ernsthaft anstrengen, auf materielle Güter zu verzichten und ihr Ego auf dem Weg zu Gott zu überwinden. Anders gesagt sollte ein treuer Muslim die Bedeutung von Dschihad beachten und ausüben. Im Gegensatz zu der heute üblichen Anschauung gehört die religiöse Disziplin des Dschihad ganz und gar nicht zu den Techniken der Kriegsführung oder hat sonst irgendwie mit Krieg zu tun. Die im Koran verwendeten Worte für Krieg sind harb und getal sowie deren Ableitungen:

a) Harb ist ein Kampf, der von einer Person oder von einer Gruppe gegen moralische oder physische Feinde ausgeht. Zum Beispiel enthält die Sure "Die Kuh" (bakara) jenen Vers, in dem Wucher strikt abgelehnt wird.  

Doch Gott hat den Handel erlaubt und den Wucher verboten.
Sure 2, Vers 275.

O ihr Gläubigen! Fürchtet Gott und verzichtet auf noch ausstehende Wucherbeträge, wenn ihr wirklich an Gott glaubt! Wenn ihr das nicht tut, so wisst, dass ihr mit Gott und Seinen Gesandten in Fehde steht.
Sure 2, Verse 278-279.

Ein anderer Vers schildert:

Sooft sie Feuer zum Krieg (harb) gegen den Gesandten und die Gläubigen entfachen, löscht es Gott.
Sure 5, Vers 64.

b) Getal bedeutet "Krieg führen". Getal bekommt eine negative und zerstörerische Bedeutung, wenn der Krieg dazu dient, Gerechtigkeit zu verachten und die Rechte der Menschen zu unterdrücken.

Eine positive Note bekommt getal, wenn dadurch Leben und Würde beschützt werden sowie Güter und Gebäude beim Angriff eines unerbittlichen Feindes bewahrt werden. Gott hat den Muslimen erlaubt, Krieg zu führen, wenn sie sich "zurecht verteidigen" müssen. Dies geschah, als der Prophet und seine Gefährten gezwungen waren, Mekka ohne gerechtfertigten Grund, nur aus Angst um ihr Leben, zu verlassen. Sie wurden unzählige Male von ihren Gegnern angegriffen. Vers 39 aus der Sure "Die Pilgerfahrt" (hadsch) berichtet von diesem historischen Ereignis und verwendet dabei den Begriff getal und nicht dschihad.

Den Gläubigen, die von den Ungläubigen angegriffen werden, ist es erlaubt, zu kämpfen (yoghteloun), weil ihnen Unrecht geschehen ist. Gott kann sie gewiss siegen lassen.
Sure 22, Vers 39.

David und Goliath

Verschiedene Koranverse nehmen mit dem Wort getal Bezug auf die militärischen Auseinander-setzungen der Gefährten des Propheten, die sich wiederholt gegen angreifende Feinde zur Wehr setzen mussten. Ein Beispiel wird mit der Geschichte über den Kampf der Israeliten unter der Führung Davids gegen ihre Feinde, geführt von Goliath, gegeben.

Hast du nicht von den Häuptern der Kinder Israels nach Moses gehört, wie sie zu einem ihrer Propheten sprachen: "Setze einen König über uns, dass wir für Gottes Sache kämpfen (katala) mögen?" Er sprach: "Ist es nicht wahrscheinlich, dass ihr nicht kämpfen werdet, wenn euch Kampf verordnet wird?" Sie sprachen: "Welchen Grund sollten wir haben, uns des Kampfes für Gottes Sache (katala) zu enthalten, wenn wir doch von unseren Wohnungen und unseren Kindern vertrieben worden sind?" ... Ihr Prophet sprach zu ihnen: "Gott hat Saul - Talût - zu eurem König bestimmt." ... Sie sagten (als sie Goliath und seine Kämpfer erblickten): "Wir können Goliath und seine zahlreichen Kämpfer heute nicht bezwingen." Diejenigen unter ihnen, die darauf vertrauten, dass sie Gott einmal (am Jüngsten Tag) begegnen würden, sagten: "Wie oft bezwang eine kleine Schar mit Gottes Willen eine große!" Gott ist mit den Standhaften. ... Sie besiegten sie mit Gottes Verfügung. David (einer der Kämpfer Sauls) erschlug Goliath. Gott gewährte David nach Sauls Tod Herrschaft und Weisheit. Er lehrte ihn, was Er wollte.
Sure 2, Verse 245-251.

Im Anschluss an diese Verse folgert der Koran:

Wenn Gott es nicht so einrichtete, dass die guten Menschen die Bösen verdrängen und dass die Bösen einander bekämpfen, wäre die Erde voller Unheil.
Sure 2, Vers 251.

Und fügt hinzu:

Kämpft (gatelou) für die Sache Gottes, und seid euch dessen bewusst, dass Gott alles hört und alles weiß!
Sure 2, Vers 244.

Aus der Logik des Korans heraus kann man ableiten, dass Widerstand gegen Ungerechtigkeit, Überfälle und Barbarei berechtigt ist. Dennoch muss betont werden, dass der Begriff dschihad in diesen Versen nicht vorkommt, sondern getal oder mokateleh verwendet werden. Um es deutlich auszudrücken: Dschihad entspricht keineswegs einer militärischen Handlung, weder Angriff noch Verteidigung korrespondieren mit diesem Begriff.

Der Begriff dschihad bezeichnet eine "intensive Bemühung" und entspricht einer inneren individuellen Handlung, zu der die Gläubigen aufgerufen sind, um sich dem höchsten Ziel einer geistigen Schulung zum Schöpferischen (Gött-lichen, Gott, Allah) hin zu bewegen. Dazu liest man im Koran:

Den Gläubigen, die sich für Unsere Sache einsetzen (jahadou), zeigen Wir Unsere Wege. Gott ist gewiss mit den Rechtschaffenen, die sich eifrig um gute Werke bemühen.
Sure 29, Vers 69.

In der gleichen Sure ergänzt dieser Vers die Erläuterung:

Wer da strebt (dschihad), strebt nur für seine eigene Seele; er erzieht seine nafs. (Man jahada faennama youiahid le nafseh)
Sure 29, Vers 6.

Somit stellt dschihad ein Ringen dar, das jeder Gläubige in seinem Innern durchführt. Er ringt mit seinen primitivsten Affekten und instinktiven Trieben. In diesem heftigen und mühevollen Ringen strebt der Gläubige danach, in sich selbst menschlichere und ritterlichere Eigenschaften und innere Haltungen wie Partnerschaftlichkeit, Liebe, Großzügigkeit, Beharrlichkeit, Toleranz zu entwickeln und zerstörerische Impulse wie Eifersucht, Neid, Hass, Gemeinheit oder Ver-bohrtheit zu unterbinden. 

Einziges Ziel dschihad zu betreiben, ist der Kampf gegen die nafs (Ego). Der Begriff nafs bezeichnet eher impulsgetriebene oder triebgesteuerte Regungen, was wir gemeinhin mit selbstsüchtig umschreiben könnten. Nafs sind instinktive Im-pulse in uns, die sich selbst überlassen, sich als Barbarei, Obskurantismus und Ignoranz aus-wirken können.

Nafs sind die primitivsten Schichten der Gattung Mensch, die mit dem sogenannten "Reptilien-hirn"[1] verbunden sind. Durch die Tätigkeit dieser primitiven Hirnfunktionen verbleibt die Menschheit im Allgemeinen unter den Gesetzen eines un-kultivierten Lebens in der Wildnis. Nafs stehen im völligen Gegensatz zu allem Gött-lichen, Schöpferischen und Geistigen.

Fariduddin Attar[2] vergleicht die Eigenschaften der nafs mit einem Dschungel, der durch verschiedene Tiere wie dem wilden Wolf, dem schlauen Fuchs, dem lustvollen Bär, dem aggressiven Tiger, der Schlange, der Fledermaus, dem Skorpion und anderen bevölkert wird. Die Pflicht des Gläubigen besteht darin, den un-kultivierten Wildwuchs seiner Persönlichkeit in einen Garten voller Duft und Blüten zu ver-wandeln. Maulana aus Balkh vergleicht die nafs mit einem Drachen, den siebenhundert Köpfe zieren, die sich allesamt gegen den Himmel stellen.

Gott hat die Propheten gesandt, um die Menschen um sie herum aus dem Schlaf der Selbstsucht zu wecken und auf die Quelle der verborgenen Gefahren in uns hinzuweisen.

Im Koran steht:

Ich spreche mich von der Schuld nicht frei. Die Seele (nafs) treibt gewiss zum Bösen.
Sure 12, Vers 53.

Und (gedenket der Zeit) da Moses zu seinem Volke sprach: "O mein Volk, ... kehre dich denn zu deinem Schöpfer und merze deine Triebe aus (töte deine nafs).
Sure 2, Vers 54.

Eigene Triebe (nafs, Antreiber zerstörerischer Handlungen ammara bissou) im Zaum halten lernen, ist eine unerlässliche Bedingung für die Entwicklung der Seele zu edleren Werten der Menschlichkeit, Einigkeit und Geistigkeit. Indem diese erste Hürde überwunden wird, kann eine Person nach und nach ihre geistige Realität verwirklichen und dem Bild Gottes entsprechen, um am Scheitelpunkt eines langen und beschwerlichen Prozesses ein wahrhafter Stellvertreter Gottes auf Erden zu werden.

Darum kann ein Gläubiger seine Waffe der inneren Hingabe nie aufgeben und diesem inneren Ringen nicht abschwören. Mystiker zeigen, wie man mittels dschihad Schritt für Schritt seine geistige Entwicklung so weit voranbringen kann, dass man auf der höchsten Stufe dem Bild Gottes im eigenen Herzen begegnet. Für einen spirituellen Schüler gilt dieser Zustand als sichere Garantie gegenüber den Launen der nafs.

Der erste Rat der Propheten an ihre Schüler bezieht sich auf dschihad, da diese hohe Anstrengung die Tore zur ganzheitlichen Reife öffnet. Daher gilt es, dschihad gegen unser eigenes Ego zu führen, da die nafs unsere mächtigsten Gegner sind. So lange wir unsere nafs nicht beherrschen lernen, wird eine Entwicklung unserer latenten seelisch-geistigen Fähigkeiten schwierig.

Unterscheidung verschiedener Dschihads

In der muslimischen Tradition (sunna) haben die islamischen Rechtsgelehrten, foghaha genannt, drei verschiedene Arten von Dschihad unterschieden. Der große Dschihad (dschihad al-akbar) bedeutet Selbstüberwindung oder das Ringen mit dem inneren Feind; der kleine oder geringere Dschihad (dschihad al-asgar) meint den Kampf gegen einen äußeren Aggressor, um seine Werte zu verteidigen und der edelste Dschihad hat den Beinamen al-afdal, was soviel heißt wie "die Wahrheit im Angesicht eines Unterdrückers aussprechen". (In einem von Muslim und Bukhari überlieferten Hadith). Aus einem Ereignis der ersten islam-ischen Kriege erfahren wir, wie wichtig der Wan-del in der Bedeutung und der geistige Aspekt von Dschihad  war. Eines Tages kam es zu einer Schlacht zwischen den Gefährten Mohammeds und einer heidnischen Stammesarmee, aus der die Muslime siegreich hervorgingen. Als die Feinde abzogen, sah Mohammed, dass die Muslime sehr zufrieden mit ihrem Einsatz und ihrem Sieg waren. Er sprach zu ihnen: "Von dieser geringeren Schlacht kehren wir nun zurück zu der großen Schlacht und betätigen uns im größten Dschihad (Farajena menal jihad alasgar ela aljihad alakbar)” [3]

Den Muslimen stockte angesichts dieser Antwort der Atem und sie riefen: “Aber das war doch der schlimmste Gegner, den wir je besiegt haben." Doch Mohammed antwortete: “Ganz und gar nicht. Euer größter Gegner ist in euch, jeder von euch wird das Ringen mit seinem eigenen Ego aufnehmen müssen (a ’da adovokom alnafs allati baina djanbeikom).” Dazu bemerkt Maulana[4]:

"Den Löwen betrachte als beherzt, der sich selbst überwindet und nicht jenen, der sich in die Reihen der Gegner stürzt.


[1] Paleocortex, einem sehr alten Teil des menschlichen Hirns.

[2] Persischer Mystiker und Dichter des 13. Jahrhunderts.

[3] (Ein von Bayhagi zitiertes Hadith, das auch bei dem großen Gelehrten, Mystiker und Dichter Rumi Maulana in seinem Mathnavi Band I zu finden ist).

[4] Masnawi, Bd I, Seite 38. Übersetzt aus dem Masnavi Mirkhani (Tehran, 1953).

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news-1012 Tue, 08 Mar 2016 15:40:41 +0100 Dialog im Europäischen Parlament: "Wie wir unsere Gesellschaft vor islamistischem Extremismus schützen können" http://mehriran.de/artikel/dialog-im-europaeischen-parlament-wie-wir-unsere-gesellschaft-vor-islamistischem-extremismus-schuetzen-koennen.html mehriran.de - Am Dienstag, 1. März 2016, veranstaltete ICC (Intercultural Center) in Brüssel eine Konferenz mit dem Titel "Wie wir unsere Gesellschaft vor islamistischem Extremismus schützen können". Abgeordnete des Europäischen Parlaments, Tunne Kelam (MEP aus Estland) und László Tökes (MEP aus Ungarn) unterstützen den Dialog. Eingeladen waren Dr. Seyed Mostafa Azmayesh aus Paris und Prof. Miklós Maróth aus Budapest ihre Sichtweise zu Islam, Demokratie und Extremismus vor einer breiten Zuhörerschaft innerhalb des Europäischen Parlaments darzulegen.
Die beiden Abgeordneten Tökes und Kelam brachten als Einleitung die Sorgen der Europäer in Bezug auf islamischen Extremismus zur Sprache. Anschliessend sprach Prof. Miklós Maróth über Islam und Demokratie. Er gab einen kurzen Überblick über islamische Herrschaftspraxis von der Dynastie der Omajaden bis in die Jetztzeit. Weiterhin verglich er islamische Regierungen mit Regierungsformen in christlichen Ländern seit der Zeit des Römischen Reichs zu unseren heutigen Demokratien.

Er ging auf historische Vergehen sowohl islamischer als auch christlicher Regierungsformen ein und zog den Schluss, dass es heute aus kulturellen Gründen unangebracht sei für christliche Regierungen ihre Regierungsform islamischen Nationen überzustülpen.

Der zweite Teil der Veranstaltung verlief in einem Frage und Antwort Format. Die Moderatorin stellte Dr. Azmayesh, dem Gründungsmitglied des Intercultural Centres, einem gemeinnützigen Verein aus dem Vereinigten Königreich, der sich der Verständigung der Kulturen und der Überwindung Integrations hemmender Faktoren verschrieben hat, einige Fragen. Der Religionswissenschaftler und Koran-Experte Dr. Azmayesh gab zu bedenken, dass die islamischen Regierungesformen seit der Zeit der Omajaden, niemals die im Koran vertretenen Werte einer islamischen Zivilisation repräsentiert haben. Er wies darauf hin, dass der Koran in der gesamten Geschichte islamischer Regierungen durchgehend ignoriert wurde. Stattdessen setzte sich eine Regierungsform durch, die auf Werten und Traditionen der arabischen Stämme in der Region aus der Zeit vor dem Islam begründet war. Die koranischen Werte und Prinzipien einer muslimischen Gesellschaft finden sich in einigen Versen, die von Gerechtikeit handeln, wenn Gleichheit für alle, unabhängig von Rasse, Religion oder Geschlecht etabliert sind. Dazu findet sich im Koran das Bild einer Waage, welche den Stellenwert der Gleichheit und Gleichwertigkeit hervorhebt.

Wie auch heutzutage üblich, interpretieren die Richter die Gesetze eines Landes gemäß dem Sinn der Verfassung oder des Grundgesetzes des jeweiligen Landes. In ähnlicher Weise müssen die Koranverse im Rahmen des göttlichen Ziels oder im Geiste der Verse betrachtet werden. Diese Werte oder dieser "Geist" bezieht sich auch auf die Bedeutung des Wortes Islam, das innere Ruhe oder Frieden bedeutet. Die muslimische Begrüßungsformel "Salam" basiert auf dem Wort für Frieden. Der Koran weist alle Muslime an, jedem Menschen mit dem Wunsch nach Frieden ohne Rücksicht auf ihre oder seine Religion zu begegnen. Im Sinne der koranischen Werte ist es für einen Muslim nicht hinnehmbar, die Religion oder den Glauben eines Menschen in Frage zu stellen. Unter Berücksichtigung der Prinzipien der inneren Ruhe (Salam) und aus dem Geiste des Korans heraus, ist es klar, dass alle Vorwürfe gegen den Koran und alle barbarischen Handlungen im Namen des Islam ausschliesslich Ergebnisse eines Missbrauchs der koranischen Texte sind.

Dr. Azmayesh, Autor von "New Researches on the Quran", verwies auf sein Buch, in dem er klar darlegt, dass selbstsüchtige Interessen einiger Machthaber dazu geführt haben, dass die Koranverse nach ihrer politischen Agenda ausgelegt wurden und der heutige islamistische Extremismus ein Ergebnis dieser jahrhundertelangen Falschauslegung der Koranverse ist. Tatsächlich zeigt sich, dass schon in der Entstehungszeit des Islams zwei antagonistische Versionen einer Religion unter einem Namen in die Welt kamen.

Die zwei sich widersprechenden Islam Versionen

Azmayesh beschreibt in seinem Buch "New Researches on the Quran", wie es zu zwei sich widersprechenden Islam Versionen gekommen ist. Darüber sprach er auch im weiteren Verlauf der Veranstaltung. Eine Version nennt er Islam-Madani (Der Zivilisations-Islam). Sie basiert auf den koranischen Werten. Die zweite Version nennt er Islam of Badavi oder Islam der Stammestraditionen. Die heutigen Extremisten seien kein neues Phänomen, laut Azmayesh. Selbst Mohammed hatte es zu seinen Lebzeiten mit Gruppen zu tun, die an ihren Stammesbräuchen anhafteten und die Koranverse nach ihrem Belieben auslegten, um die junge muslimische Gemeinschaft zu spalten und sich Mohammed zu widersetzen.

Azmayesh führte weiter aus, dass der Koran diese Widersacher in einer großen Anzahl von Versen kritisiert. Sie werden dort als Monafegh oder Heuchler bezeichnet. Diese Leute hatten sich nur durch Lippenbekenntnisse zum Islam bekannt, hingen jedoch an ihren Privilegien und in ihren Herzen waren sie nach wie vor den barbarischen Stammesbräuchen verschrieben. Die barbarischen Element dieses Stammes-Islams enthalten Ausgrenzungen Andersgläubiger, Herabwürdigung von Frauen, wirtschaftliche Ausbeutung und Sklavenhaltung, Befürwortung von Invasionen und Angriffskriegen, sich selbst im Vergleich zu anderen Völkern und Nationen als höherwertig zu betrachten, brutale Strafen für diverse Vergehen.

Im Koran finden sich Warnungen an Mohammed welche Gefahren diese Monafegh oder Heuchler darstellten, wenn sie sogar Moscheen errichteten, um ihre Version des Stammes-Islam zu predigen. Der Koran weist Mohammed an, diese Moscheen der Heuchler zu zerstören, um dem Stammes-Islam keinen Raum zu gewähren sich auszubreiten und zu behaupten Einssein und Gott als oberste Prinzipien zu pflegen. Doch wie Dr. Azmayesh schildert, setzte sich die Version des Stammes-Islam kurz nach Mohammeds Tod dennoch durch und wurde durch die Begründung der Omajaden Dynastie in ihrem Macht- und Führungsanspruch gefestigt.

Es gibt einige Handlungen, wie Steinigungen, Vielweiberei, Menschenrechtsverletzungen, aufgezwungene Verhüllung (Hidschab), Verletzung von Frauenrechten, Misshandlungen und Geringschätzung von Nichtmuslimen, die von manchen mit Islam in Zusammenhang gebracht werden. Doch laut Azmayesh haben diese Handlungen keinerlei Basis im Koran und hängen mit grundlegend falschen Auslegungen der Koranverse zusammen. Oft stammen diese Auslegungen aus der Hinzuziehung sogenannter Überlieferungen (Revayat), die man Mohammed oder anderen bedeutenden religiösen Figuren zuschreibt.

Diese Fehldeutungen sind so stark verbreitet in dem Islam, der sich heute verbreitet, dass sie sogar die Bedeutung des Wortes Islam korrumpiert haben. Die schlichtweg falsche Übersetzung des Wortes Islam lautet Unterwerfung. Wie oben erwähnt, meint Islam innere Ruhe. 

Nach der Beantwortung der Fragen der Moderatorin Beverley Eve, ging Dr. Azmayesh auf Fragen aus dem Publikum ein. Die meisten Fragen bezogen sich auf einen sinnvollen Umgang mit der Einwanderung von Muslimen und auf geeignete Massnahmen im Umgang mit Gefahren durch Extremismus. Dr. Azmayesh konnte aufzeigen, wie falsche Interpretationen des Korans die Basis extremistischer Ideologien bilden. Auch tragen die manipulativen Beeinflussungen einer empfänglichen Gesellschaftsschicht durch extremistisches Gedankengut zur Gefahr bei. Somit müsse das Thema an der Wurzel angepackt werden. Ein Lösungsansatz dazu ist eine Aufklärung über die Inhalte des Korans und die koranischen Werte, die mit den Menschenrechten und dem Anspruch auf Gerechtigkeit für alle korrespondieren. Das wäre ein guter Anfang, um Hindernisse für ein friedliches Miteinander und eine gesunde Integration aufzulösen.

Wenn wir uns diese Mühe sparen wollten, könnten wir Zeugen werden eines weiteren Auseinanderdriftens unserer Gesellschaft und uns mit der Entwicklung einer Parallelgesellschaft mitten unter uns konfrontiert sehen, die demokratische Werte und Respekt vor den Menschenrechten und der Würde des Einzelnen ablehnen.

Dr. Azmayesh stellte klar, dass dieser Aufklärungsprozess nicht einfach sein wird. Für Aussichten auf Erfolg bedarf es der Unterstützung durch nationale Regierungen, gerade in der Phase, wenn Leute aus Ländern über die Grenzen strömen, in denen extremistische Rhetorik, Hetze und falsche Koraninterpretationen weit verbreitet sind.

Die Tropfen und der Ozean

Die Veranstaltung war von der Ausstellung einer französischen Künstlerin begleitet, die in ihren Werken das Verhältnis zwischen den Tropfen und dem Ozean thematisiert.

Grund für die Ausstellung bei der Dialog Veranstaltung ist laut Dr. Azmayesh eine uralte Tradition, die sich schon im 3. Jahrhundert nach Christus bei dem Propheten und Lehrer Mani ibn Patak findet. Mani war auch Künstler und nutzte die Darstellungen, um seine Lehren zu visualisieren und auch Analphabeten zugänglich zu machen.

Man konnte erfahren, dass Dr. Azmayesh in seinem Buch Bezug nimmt auf Mani, der sich als wahren Apostel Jesu empfand. Prophet Mohammed muss durch seine Reisen mit einer manichäischen Gemeinschaft verbunden gewesen sei.

Der Redner ergänzte, dass die Thematik der Tropfen und des Ozeans eine symbolische Darstellung von Einheit und Vielfalt ist. Jeder Tropfen repräsentiert die individuelle Vielfalt, während der Ozean göttliche Einheit darstellt. Jeder Tropfen entstammt dem Ozean und kehrt wieder zum Ozean zurück am Ende seiner Reise, so wie die individuellen Seelen aus der himmlischen Sphäre stammen, wohin sie auch zurückkehren. Die Tropfen stellen die Vielfalt des individuellen Bewusstseins dar, während der Ozean die Einheit des universellen und des kollektiven Bewusstseins repräsentiert. 

Darüberhinaus wies Azmayesh in Bezug auf den Titel der Veranstaltung darauf hin, wie der Tropfen beim Eintreten in das Gefäß seines physischen Körpers durch das selbstsüchtige Ego eingefangen wird, das die Anschauung und Wahrnehmung von Vielfältigkeit manipuliert und zu einer Quelle extremistischer Ideologien macht, indem es sich einredet ein Tropfen sei höherwertiger als die anderen Tropfen. Dies ist eine Problematik, die von Anbeginn der Menschheit auftritt.

Nichtsdestotrotz, lässt Azmayesh seine Zuhörer wissen, ist die Botschaft des Korans von einem geistigen Standpunkt zu betrachten. Dieser Standpunkt betrachtet jede individuelle Seele als Tropfen aus dem gleichen Ozean. Extremistisische Sichtweisen negieren dieses Verhältnis durch Missbrauch des Korans und durch Verbreitung der irrigen Ideen einer Überlegenheit eines Tropfens über den anderen. Damit brechen sie den Zusammenhalt unserer Gesellschaft durch ihre von Intoleranz und Hass durchtränkte Reden. Die Zuhörer erfahren, dass gemäß den Lehren des Korans, jedes Individuum die Krone Gottes trägt - man könnte auch sagen mit der göttlichen Würde ausgestattet ist - wodurch keiner von uns dem anderen die eigene Meinung überstülpen kann. Dies gilt als ein Prinzip geistiger Ritterlichkeit. Die ausgestellten Bilder drücken dieses Verhältnis aus.

Zum Abschluss der Veranstaltung spielte das Heart Ensemble aus London mystische Rhythmen. Diese Rhythmen kommen zum Ausdruck durch das musikalisch-poetische Aufleben lassen von Gedichten einiger Sufi Meister. Diese Gedichte sind Ausdruck von Toleranz und Menschlichkeit. Der letzte Gesang brachte eines der berühmtesten Gedichte zu Gehör. Bani Âdam (Die Kinder Adams) von Sa'adi aus Schiraz: 

"Die Kinder Adams sind aus einem Stoff gemacht,
als Glieder eines Leibs von Gott, dem Schöpfer, erdacht.
Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder,
dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wider.
Ein Mensch, den nicht die Not der Menschenbrüder rührt,
verdient nicht, daß er noch des Menschen Namen führt."

Links zu Interviews um die Veranstaltung herum:

Dr. Azmayesh wird von DorrTV zu den zwei Versionen von Islam interviewt: Interview 1
Dr. Azmayesh wird von DorrTV zu dem Konzept der Tropfen und dem Ozean interviewt: Interview 2
Tunne Kelam wird von DorrTV zu den Ergebnissen der Veranstaltung interviewt: Interview 3

© Gyula Fekete für mehriran.de 

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news-1010 Sun, 06 Mar 2016 09:59:11 +0100 Conference on Extremism, Islam, Democracy - Interview with Dr. Seyed M. Azmayesh (1) http://mehriran.de/artikel/conference-on-extremism-islam-democracy-interview-with-dr-seyed-m-azmayesh-1.html mehriran.de - This is the first interview with the author of the book "New Researches on the Quran: Why and How Two Versions of Islam Entered the History of Mankind" during the conference on Extremism, Islam and Democracy at the European Parliament in Brussels on 1st of March 2016. news-1009 Sun, 06 Mar 2016 09:51:19 +0100 Conference on Extremism, Islam, Democracy - Interview with Dr. Seyed M. Azmayesh (2) http://mehriran.de/artikel/conference-on-extremism-islam-democracy-interview-with-dr-seyed-m-azmayesh-2.html mehriran.de - This is the second interview with the author of the book "New Researches on the Quran: Why and How Two Versions of Islam Entered the History of Mankind" during the conference on Extremism, Islam and Democracy at the European Parliament in Brussels on 1st of March 2016. news-1008 Sat, 05 Mar 2016 13:09:43 +0100 „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ http://mehriran.de/artikel/habe-mut-dich-deines-eigenen-verstandes-zu-bedienen.html mehriran.de - Einführungsvortrag von Professor Dawud Gholamasad zu der Veranstaltung "Sind Menschenrechte und Islam vereinbar?" am 4. März 2016 an der Universität Hannover anlässlich der Vorstellung einiger neuen Thesen zu Islam durch Dr. Seyed Mostafa Azmayesh aus seinem Buch über zwei Versionen von Islam. mehriran.de - Die von dem Verein Karamat e.V. organisierte Veranstaltung wurde durch die Einleitung von Professor Gholamasad in größere Zusammenhänge kontextualisiert. Den Wahlspruch der Aufklärung „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ bezeichnet Gholamasad als Beginn eines Reformationsvorhabens. Diese Aussage charakterisiert auch den Ton der Veranstaltung mit Dr. Hans-Michael Haussig als Dialogpartner von Dr. Seyed M. Azmayesh zu seinen Forschungen.

Dawud Gholamasad

Zur Zivilisierung der Glaubensaxiome und Werthaltungen als einem Nachholeffekt des sozialen Habitus[1]

In meinem einleitenden Kurzbeitrag zur Eröffnung der Diskussion über die Forschungsergebnisse von Dr. Azmayesh über „Koran und Islam“ möchte ich thesenartig auf einen Zivilisierungsschub der religiösen Orientierung im nachrevolutionären Iran hinweisen, die ich als eine der unbeabsichtigten Folgen der Islamisierung der Revolution bezeichne; und als einen Nachholeffekt des sozialen Habitus der involvierten Menschen auffasse. Das bedeutet, dass ich die postrevolutionäre institutionelle Ent-Demokratisierung und den De-Zivilisierungsschub als einen Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der Mehrheit der sozialen Träger der Revolution begreife.[2] Als solche ist die „Islamische Republik“ der erste „Islamische Staat“ nach einer langen Modernisierungsphase in jüngster Geschichte. 

Mit dem Zivilisierungsschub der Glaubensaxiome[3] der Gläubigen geht eine Transformation ihrer Werthaltungen – als zentrale Elemente der Kultur – einher, die den durch Instinktreduktion und Verhaltensunsicherheit gekennzeichneten Menschen, als generelle Orientierungsstandards dienen.

Diese Zivilisierung der Glaubensaxiome und Werthaltungen wäre aber ohne die traumatischen Erlebnisse der Menschen im nachrevolutionären Iran kaum vorstellbar gewesen. Mit den schmerzhaften Erfahrungen einer religiös legitimierten totalitären Herrschaft entstand ein massenhaftes Bedürfnis nach einer religiösen Umorientierung, das von den sich als „religiöse Innovatoren“ („Noandischan-e Dini“) bezeichnenden Islamforschern befriedigt wird.

Diese Zivilisierung des Islamverständnisses, die sich in einer religiösen Umorientierung manifestiert, ergab sich aus den Reformierungsversuchen des Islams u.a. durch neue hermeneutische Koran-Rezeptionen in seinem historischen Kontext unter Berücksichtigung der linguistischen Aspekte der Koran-Interpretation, da die Sprache die Welt ist, wie Menschen sie erfahren. Zu diesen Reformationsversuchen gehören auch die Forschungen von Dr. Azmayesh.

Einer der Aspekte der Zivilisierung der religiösen Orientierung offenbart sich vor allem in einem „barmherzigen Gottesbild“ gegenüber dem unbarmherzigen und blutrünstigen Gottesbild der herrschenden Islamisten im Iran. Damit wird eine „Religion der Barmherzigkeit“ der „unbarmherzigen Religion“ der Islamisten entgegengesetzt.

Um die Bedeutung der Zivilisierung des Gottesbildes zu begreifen, muss man die Zivilisierung als eine gerichtete Entwicklung individueller Selbstregulierung momentaner trieb- und affektbedingter Verhaltensimpulse oder deren Umleitung auf sekundäre Ziele und deren Sublimierung begreifen. Diese ist eine Veränderung des sozialen Habitus bzw. der Persönlichkeitsstruktur der Menschen in Richtung auf ebenmäßigere, allseitigere und stabilere Selbstkontrollmuster. Dieser gerichtete psychische Transformationsprozess führt zum Strukturwandel des Seelenaufbaus der Menschen, zu dem auch die Gewissensbildung gehört.[4]

Ohne sich je von Fremdzwängen völlig loszulösen, gewinnen außerdem die Selbstzwänge gegenüber den Fremdzwängen größere Autonomie. Zu diesen Fremdzwängen gehören auch die religiösen Phantasien und Mythen sowie Götter.

Die Götter haben auf früheren Entwicklungsstufen, also etwa auf den durch Stämme und andere vorstaatliche Überlebenseinheiten repräsentierten Stufen Funktionen, die auf späteren Stufen in weit höherem Maße vom individuellen Gewissen und Verstand erfüllt werden. Für die heutigen gottesfürchtigen Gläubigen hat ihr Gott daher eine gewisse forensische Gewissensteilfunktion, dessen Zivilisierung eine entscheidende Bedeutung zukommt; damit können Menschen mit sich selbst und mit anderen Menschen friedlicher leben.

Dazu kommt einer realitätsangemesseneren Darstellung der Anfangsgeschichte des Islams sowie der Biografie des Gründers des Islam, Mohammed, eine entscheidende Bedeutung zu, weil er und seine tradierten Verhaltens- und Denkweisen für die gläubigen Muslime einen fremdzwangsartigen Vorbildcharakter haben.

Damit werden dem Islamismus als einer globalen Herausforderung alternative Lesarten des Islams als eines Wandlungskontinuums entgegengesetzt. Denn der Koran ist nicht nur geschrieben; er muss auch gelesen werden. Damit wird das nicht mehr lebendige Wort wieder lebendig. Denn Lesen und Denken sind Lebensäußerungen und verleihen den Worten das Leben, das sie verlieren, sobald sie niedergeschrieben worden sind.

So kann man die Aussage, Mohammed sei der letzte Gesandte Gottes gruppencharismatisch auslegen und wie die Islamisten „als auserwählte Kinder Gottes“ die Weltherrschaft beanspruchen. Oder sie als Beginn der Aufklärung im Sinne Kants als „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ begreifen; und dabei den Wahlspruch der Aufklärung bedienen: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“[5]

Wir lesen, dass wir uns Gottes Gesetze unterwerfen sollen im Sinne der Islamisten als einer Unterwerfung unter die Scharia; oder diese als Naturgesetze entdecken und befolgen; bzw. als soziale Regelmäßigkeiten wie z.B. der Zivilisation erkennen und uns entsprechend den Zivilisationsstandards benehmen. In diesem Sinne folgen wir verantwortungsbewusst den Natur- und Humanwissenschaftlern als neuen Propheten, die durch Paradigmenwechsel immer erneut ersetzt werden. Dabei können wir im Sinne Aristoteles ein Gebot A nicht als etwas Gutes befolgen, weil es Gott geboten hat; sondern weil das Gebot A im Sinne des Zivilisationsstandards gut ist, uns vom Gott auferlegt  wurde.

Wir können uns fatalistisch dem vom Gott bestimmten Schicksal hingeben oder unser Schicksal als Ergebnis der selbstverantwortlichen Lösung der von Gott gestellten Aufgaben begreifen.

Wir können Sure 4, Vers 62 im Koran: „Oh ihr, die glaubt, gehorchet Allah und gehorchet dem Gesandten und denen, die Befehl unter euch haben“ so auslegen, wie die Theologen, die Jahrhunderte lang die „orientalische Despotie“  als Usurpatoren begriffen aber trotzdem als „Schatten Gottes auf Erde“ und Garanten der Ordnung und der Unterbindung der Anarchie legitimierten. Oder wie Chomeini als Begründung der Notwendigkeit der Hierokratie heranziehen, weil die Menschen unmündig seien und eines Vormundes bedürfen. Und solange der entrückte zwölfte Imam Mahdi nicht wieder erscheint, komme diese Aufgabe der Geistlichkeit zu.[6]

Schließlich kann man auch, die Volkssouveränität als Grundprinzip einer demokratisch verfassten Gesellschaft vorausgesetzt, daraus eine Parlamentarische Demokratie  legitimieren.

Es ist also nicht nur geschrieben; es muss auch gelesen werden. Darauf kommt es an.


[1] Einführung der Diskussion der Forschungsergebnisse von Dr. Azmayesh  über Koran und Islam am 4.3.016 in Hannover.

[2] Vergl. meine Beiträge über die Entstehung der „Islamischen Revolution“ im Iran: gholamasad.jimdo.com

[3] Glaubensaxiome sind Setzungen, die nicht erkenntnismäßig, sondern bekenntnismäßig festgestellt werden. Mit der dogmatischen Tradition des Islams, die als Orientierungsmittel ein Ersatz für fehlende Instinkte der Menschen ist, wurde über Jahrhunderte eine unschöpferische, starre Haltung reproduziert.

[4] Vergl. Norbert Elias, Zivilisation, in Bernhard Schäfer (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie, Opladen 1986, : 382ff.

[5] Immanuel Kant; Ausgewählte keine Schriften, Hamburg 1965, S. 1ff

[6] Ajatollah Chomeini, Der islamische Staat, Berlin 1980, S. 33f., S. 60ff.

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news-1005 Sun, 28 Feb 2016 11:55:20 +0100 Abdolvahab Shahidi - Navayi http://mehriran.de/artikel/abdolvahab-shahidi-navayi.html mehriran.de - Die Stimme der Sehnsucht erklingt in diesem Klassiker besonders intensiv. news-1004 Sat, 27 Feb 2016 21:28:33 +0100 Musik für Freiheit - Tag der Derwische in London http://mehriran.de/artikel/musik-fuer-freiheit-tag-der-derwische-in-london.html mehriran.de - Mehrere Ensembles aus Deutschland, dem Iran und Großbritannien spielten am Tag der Derwische (20. Februar 2016) für die Freiheit des Denkens und Glaubens weltweit. news-1003 Thu, 25 Feb 2016 01:16:19 +0100 Ist der Umsturz im Iran jetzt endgültig vollbracht? http://mehriran.de/artikel/ist-der-umsturz-im-iran-jetzt-endgueltig-vollbracht.html mehriran.de - Am Freitag sind Wahlen im Iran. Einer der größten Hoffnungsträger für Reformen im Iran ist von den Wahlen ausgeschlossen worden. Das "Ausschließregime" im Iran versucht die letzten formellen Voraussetzungen durchzuführen, um die Linie der Hardliner im Iran durchzusetzen.
mehriran.de - Warum Hassan Khomeini von den Wahlen zum Expertenrat ausgeschlossen werden musste. Am 9. Dezember 2015 kündigte Hassan Khomeini an, dass er bereit sei den Weg in die Politik zu gehen und sich für die Wahl in den Expertenrat 2016 aufstellen lassen wollte. Der Expertenrat ist die Institution, die den zukünftigen Obersten Führer wählen will. Doch seine Bewerbung wurde am 10. Februar 2016 vom Wächterrat abgelehnt.

Einige Kenner des Establishments im Iran und dessen Ideologie haben kürzlich Hoffnungen auf Veränderungen zum Besseren im Iran aufgegeben. Stattdessen betonen sie die ernsten Konsequenzen für das Land und die Region aus der Entscheidung den Enkel des Gründungsvaters der Islamischen Republik Iran von den Wahlen auszuschließen. Ein Enkel Khomeinis namens Hassan Khomeini, Theologe aus Qom, wurde von den Pragmatikern des Regimes als Trumpfkarte für die Zukunft eines nicht-revolutionären und friedlichen Iran betrachtet. Doch die Vorauswahl der Kandidaten zur Wahl für den Expertenrat (Majles Khobregan)[1] scheint getrieben von Voreingenommenheit und Parteilichkeit getrieben zu sein. Extremistische Mitglieder des für die Vorauswahl zuständigen Wächterrats (Shorâie Negahban)[2] haben das leuchtende Vorbild jener, die Hoffnungen auf substanzielle Verbesserungen im Iran hatten, in den Schatten der Bedeutungslosigkeit gestellt. Die Kräfte hinter der Fraktion Akbar Haschemi Rafsandschanis konnten ihr Ass im Ärmel nicht ausspielen. Wie ist das geschehen und welche Relevanz hat das? Wer sind diese Pragmatiker und wer sind die Extremisten?

Irans Machtzentren

Iran ist von jeher ein Land der Vielfalt und stellt ein Mosaik aus unterschiedlichen Kulturen, Religionen und ethnischer Herkunft dar. Vielfältige politische Interessen sind im Land vertreten. Vielfalt ist ein Thema das sich seit je her wie ein roter Faden durch den Iran zieht, aber auch brutale Bemühungen, abweichende Meinungen und Gruppen unter die Knute einer einzigen Ansicht zu zwingen.

Das aktuelle System im Iran ringt heftig um den Kurs für die Zukunft, mal wieder. Grob gesehen versuchen zwei gegensätzliche Kräfte innerhalb des Establishments, den Kurs des Staates seit Anfang der Revolution zu bestimmen.

Ajatollah Ruhollah Khomeini war der erste Oberste Führer des Landes nach der Revolution. Er vereinigte unterschiedliche Strömungen in Auflehnung gegen ausländische Mächte, den Kurs des Landes zu bestimmen. Die Revolution war zunächst so etwas wie ein nationales Erwachen. Das Gesicht Khomeinis und sein Name wurden zu einem Symbol für die Iraner und Menschen in der Region, sowie in der dritten Welt, die den Wunsch verfogten, den Einfluß der USA und ihrer Eigeninteressen vor Ort zurück zu drängen. Doch einige Jahre nach der Revolution wurde der Name Khomeinis von vielen Exiliranern und westlichen Beobachtern mit Blutvergießen, Gewalt und Ungerechtigkeit in Verbindung gebracht.

Khomeini hatte ein islamisches System auf Grundlage einiger republikanischer Elemente geschaffen und dem Land den Namen Islamische Republik Iran gegeben. An der Spitze des Staates installierte er die Stellung eines Obersten Führers, einer Person die den Verborgenen Imam[3] in seiner Zeit der Abwesenheit auf Erden vertritt. Diese Person sollte überragende theologische Qualifikationen vorweisen können. Der Oberste Führer ist eingebettet und hängt zusammen mit zwei weiteren Institutionen, die eine wichtige Kontrollfunktion in Irans Machtgefüge einnehmen: der Wächterrat (Shorâie Negahban) und der Expertenrat (Majles Khobregan). Die Mitglieder des Expertenrats werden zwar durch das Volk gewählt, doch findet eine sorgfältige Vorauswahl der Kandidaten durch Mitglieder des Wächterrats statt.

Dieser Wächterrat besteht aus 6 Faghis (Islamische Rechtsgelehrte) und 6 Religionsgelehrten. Die Religionsgelehrten werden durch den Obersten Führer ernannt. Die Faghis werden durch den Chef der Justiz ernannt (zur Zeit Sadegh Laridschani). Der Expertenrat wählt, ernennt oder entlässt den Obersten Führer. Die 88 Mitglieder sind allesamt islamische Theologen (Mujtahids) und sollten über hohe Qualifikationen verfügen. Aktuell ist der Vorsitzende Mohammad Yazdi, ein Theologe aus Qom.

Hassan Khomeini ausgeschlossen

Die bekanntesten Mitglieder des Wächterrats sind die drei Geistlichen: Mohammad Yazdi, Mahmoud Hashemi Shahroudi und der Vorsitzende des Wächterrats Ahmad Dschannati. Alle drei sind Mitglieder des Expertenrats. Sie sind bekannt für ihre strikten Auslegungen und harschen politischen Ansichten sowie für ihre Unterstützung für den theologisch nicht sehr hoch qualifizierten Obersten Führer Ali Khamenei. Shahroudi stammt aus dem Irak. Er gehörte nicht zum Kreis der Vertrauten um Ajatollah Khomeini, gewann jedoch an Macht, als Khamenei zum Nachfolger des Obersten Führers ernannt wurde. Weil Khamenei nicht qualifiziert war, unterwies ihn Shahroudi in Fiqr, islamischem Recht. Khameneis Ansichten gründen auf Shahroudis Interpretationen von islamischem Recht.

Wie zuvor erwähnt, können die Mitglieder des Wächterrats die Kandidaten für die Wahl zum Expertenrat vorauswählen. Am 26. Februar wird die nächste Wahlrunde zu dieser Institution abgehalten. Wie in den Jahren zuvor wurden tausende Bewerber abgelehnt. Diese Ablehnungen scheinen sich auf Personen zu fokussieren, die eher reformistisch denken und nicht aus der Seilschaft Khameneis stammen und auch nicht mit den Ansichten der Hardliner und Armaggedonisten übereinstimmen. 

Parsine (iranisches Nachrichtenportal) hat einige interessante Details über die Ablehnung Hassan Khomeinis veröffentlicht. Nejatollah Ebrahimian, Jurist und Sprecher des Wächterrats, gab während einer Pressekonferenz bekannt, dass ihm keine Informationen zu den Entscheidungsvorgängen vorlägen, da er und die anderen Juristen nicht in den entsprechenden Treffen Teil nehmen würden. Er stellte klar, dass die Entscheidungen gemäß der Form in Versammlungen der 6 Kleriker getroffen werden sollten. Doch die wichtigsten Entscheidungen wurden nur durch eine Person getroffen.

Mohammad Yazdi und Ahmad Dschannati wußten von nichts, was den Schluß zulässt, dass Mahmoud Shahroudi die Entscheidung getroffen haben muss.

Laut Parsine hat Shahroudi den Namen Hassan Khomeinis von der Liste gelöscht. Laut offizieller Version wurde Hassan Khomeini ausgeschlossen, da er die Qualifikationen nicht erfülle. Die Behörden behaupteten, alle Bücher Hassan Khomeinis gelesen zu haben und alle seine Lehrveranstaltungen gehört zu haben, wodurch sie zu dem Schluß gekommen seien der Grad seines Wissens über Islam (Idschtehad) sei nicht ausgereift, wodurch er nicht beurteilen könne, wer der kommende Führer sein könnte oder gute Entscheidungen in Abwesenheit Khameneis mittragen könne (Der Expertenrat sollte das tun).

Manche glauben Hassan Khomeini sei zurück gewiesen worden, weil er nicht an einer erforderlichen Prüfung teilgenommen hätte.

Interessanterweise hatten ihm erst kurz vor seiner Bewerbung hochstehende Ajatollahs, die unabhängig vom Regime sind, eine sehr hohe Qualifikation bescheinigt. Rafsandschani hatte die Autorisierung für seine Idschtehad von Ajatollahs wie Khorasani, Ardebili, Amoli und anderen erwirkt, um Hassan Khomeini starken und soliden Rückhalt für seine Bewerbung und die Wahl in den Expertenrat zu verschaffen.

Weiterhin zitiert Parsine Mohsen Bayat, den Sohn von Ajatollah Bayat Zanjani (ein weiterer unabhängiger religiöser Gelehrter) im Artikel: "Die Prüfung war gar nicht wichtig, diese Entscheidung wurde schon vor der Prüfung getroffen. Er wäre sowieso abgewiesen worden, ob mit bestandener Prüfung oder ohne."

Offiziell wurde also Hassan Khomeini nicht abgelehnt, weil er nicht an der Prüfung Teil genommen hat, sondern weil ihm die Qualifikation fehlen soll, beurteilen zu können, welche Kriterien ein zukünftiger Führer der Islamischen Republik vorweisen sollte.

Im Parsine Artikel heißt es weiter: "Rafsandschani hat Hassan Khomeini ermutigt, sich mit dem Nimbus seines Großvaters einzubringen, um Mahmoud Shahroudi die Stirn zu bieten. Shahroudi wird von Khamenei gestützt und will alle Gegner und abweichenden Ansichten zum System auslöschen."

Vor wenigen Tagen besuchte Hassan Khomeini den oben erwähnten Mohammad Yazdi in seinem Büro in Qom, um aus seinem Mund zu hören, warum er nicht zur Wahl zugelassen worden sei. Darüber berichteten Medien der Hardliner, wie Jahan News[2], Tasmeen[3] und Naseem[4]. Die Medien berichteten, Yazdi habe die Sache mit der Qualifikation und der mangelnden Urteilsfähigkeit in Bezug auf einen Obersten Führer nochmals ins Spiel gebracht, worauf Khomeini zu weinen begonnen habe. Hassan Khomeini reagierte via Telegram sofort auf die Unterstellung er habe geweint und gab bekannt, dass Yazdi ihm anvertraut hatte, es sei nicht er gewesen, der ihn abgelehnt habe.

Auch dies ist ein weiterer Hinweis darauf, dass Shahroudi die Entscheidung in Übereinstimmung mit Khamenei getroffen hat.

Rafsandschani gegen Khamenei

Diese Entscheidung ist ein Schlag ins Gesicht jener, die zutiefst überzeugt waren von einer Veränderung im Verhalten des Systems im Iran.

Als der Gründer der Islamischen Republik Iran, Ajatollah Khomeini, 1989 starb, schien niemand geeignet zu sein, die Nachfolge anzutreten. Khamenei besaß keine ausreichenden theologischen Qualifikationen und wurde trotzdem von Akbar Haschemi Rafsandschani als beste Option im Expertenrat vorgeschlagen und von diesem dann auch zum Obersten Führer gewählt.

Schon zu Zeiten Ajatollah Khomeinis haben sich verschiedene politische Strömungen innerhalb des Establishments positioniert. Eine dieser Strömungen besteht aus Revolutionären, die sich einer dauerhaften Revolution verschrieben haben, um die ganze Welt zu beeinflussen und die Wiederkehr des Verborgenen Imams [5] vorzubereiten und seine Wiederkehr zu beschleunigen durch Schaffung von Chaos und Blutvergießen. Diese Revolutionäre interessieren sich nicht für Wirtschaft oder die Entwicklung einer Gesellschaft, da ihr Ziel in der Zerstörung der Welt liegt, um danach eine neue Zivilisation mit neuen Paradigmen zu errichten.

Eine weitere Strömung entstand hinter den Gedanken und der Arbeit des Pragmatikers Akbar Hashemi Rafsandschani, der Khomeini sehr nahe stand. Sein Ansatz gleicht dem Ansatz Ajatollah Khomeinis. Sie wandten sich gegen den Westen und vor allem gegen die USA als imperialistische und kolonialistische Kräfte und stellten sich gegen die Ausbeutung der Dritten Welt. Zu dem Strom Rafsandschanis zählen Personen wie der ehemalige Präsident Khatami, der derzeitige Präsident Rohani, sein Außenminister Zarif und der Kandidat, den Rafsandschani gerne weiter unterstützt gehabt hätte: Hassan Khomeini.

Das Ziel Rafsandschanis und seiner politischen Freunde den Nuklear Vertrag unter Dach und Fach zu bringen, war die Normalisierung der Beziehungen zu den USA. Der Ansatz folgte pragmatisch der Anpassung des Vorgehens in der Politik der USA. Sie wollten sich von einem ideologischen Festhalten an revolutionären und absoluten Ideen lösen und nicht weiter Hass und Ablehnung schüren.

Dagegen steht die Fraktion der Hardliner hinter Khamenei, die verschiedene Schlüsselposten besetzt halten. Zu nennen sind Mahmoud Shahroudi, der Mann der Hassan Khomeini von den Wahlen ausgeschlossen hat, Hossein Taeb, Kopf des ideologischen Think Tanks Ammaryioun, Ahmad Dschannati, Vorsitzender des Wächterrats und ein Leiter der Freitagspredigt oder Hossein Shariatmadary, dem Herausgeber der größten Hardliner Zeitung Kayhan. Alle genannten Männer sind Ideologen, die sich für die anhaltende Revolution stark machen und die Wiederkehr des Verborgenen Imams beschleunigen wollen.

Das Geheimnis hinter der Ablehnung Hassan Khomeinis

Warum war diese Entscheidung ihn abzulehnen relevant und was hätte passieren können, wenn Hassan Khomeini Mitglied im Expertenrat geworden wäre? Wir haben gehört, dass der Grund für seine Ablehnung nach einer Durchsicht seiner Werke erfolgt ist, die den Eindruck bestärkte er könne nicht über den zukünftigen Führer befinden. Was ist das Besondere seiner Werke? Das Geheimnis liegt darin, dass sich Hassan Sufitum und Mystik (Tasawuf va Erfan) zugewandt hat. Er ist Dozent an religiösen Seminaren in Qom. Er spricht häufig über Saadi, Hafis, Rumi, weltberühmte Mystiker und Schöpfer wundervoller Sufi Poesie. Vor einigen Jahren besuchte er das Oberhaupt des größten Sufi Ordens im Iran (Dr. Ali Tabandeh vom Shah Nematollah Gonabadi Orden). Bevor die Versammlungshalle der Gonabadi Derwische in Qom zerstört wurde [6], nahm er häufig Teil an den Zeremonien dort. All dies wurde sehr genau und kritisch von den Hardlinern beobachtet.

Eine Institution im Iran, die dem Obersten Führer am nächsten steht und für die ideologische Schulung der Kader der Revolutionsgarden zuständig ist, heißt Moasseseyeh feraq va adyan [7] (Institut für Religionen und Weltanschauungen). Die Mitglieder dieses Instituts sind sehr einflussreich. Seit zehn Jahren hat dieses Institut Schriften herausgegeben, die gegen Sufi-Derwische hetzen und Verleumdungen streuen.

Teil dieses ideologischen Eifers ist Mahmoud Shahroudi, ein im Irak geborener und aufgewachsener Geistlicher, dessen Farsi nicht ganz flüssig ist. Sein Wissen über Islam scheint auf den Überlieferungen (Rewayat) der Schia zu gründen. Für Shahroudi scheint es keine bessere Religion und Weltsicht zu geben als die Schia, weshalb in seinem Verständnis die Welt unter der Ideologie des Velayat-e Faghi und des Schiismus beherrscht werden sollte. Er scheint sehr gute Kenntnisse in Fiqr und schiitischer Jurisprudenz zu haben. Sufitum und Mystik lehnt er vehement ab. Er strebt danach, die schiitische Welt von allen Spuren der Mystik und des Sufitums zu säubern. Zu Ajatollah Khomeinis Lebzeiten war er noch unbedeutend, doch nahm seine Karriere einen steilen Verlauf nachdem Khamenei die Nachfolge antrat. Ali Khamenei hatte sehr geringe theologische Kenntnisse und wurde bald von Shahroudi in Fiqr und schiitischer Jurisprudenz unterwiesen. Dadurch wuchs seine Bedeutung. Er war kein Freund von Rafsandschani und den engen Schülern um Ajatollah Khomeini. 1989 (1368 nach dem iranischen Kalender) begann die verborgene Gegnerschaft zwischen den beiden Schwergewichten.

Wieso lebt dieser Hass gegen Sufitum in den Herzen verschiedener Hardliner? Der Kern des Sufitums ist das Streben nach Frieden in der Welt. Dagegen ist das Ziel der staatlichen Geistlichen, die eine eigene Interpretation der schiitischen Ideologie haben, die Bedingungen für das Erscheinen des letzten Erlösers (Mahdi) zu schaffen. In dieser Überzeugung erscheint der Mahdi auf Erden, um einen Endzeitkrieg zu führen, der die Zivilisation zerstört und schließlich ein neues Zivilisationsmodell implementiert.

Die Vorstellungen der Sufis sind ihren Ideen entgegengesetzt, weshalb sie Sufitum hassen. Die beiden Weltanschauungen sind antagonistisch und schließen sich jeweils aus.

Der letzte Schritt in der Vollendung des Umsturzes mit dem Ziel das Erbe Ajatollah Khomeini vollständig auszulöschen ist vollbracht

Rafsandschani gehört zur Fraktion der Pragmatiker. Sein Denkansatz könnte so zusammengefasst werden: "Jetzt ist der beste Augenblick gekommen, um sich mit den Amerikanern und aller historischen Feinden der Islamischen Republik zu versöhnen." Khamenei's Denkansatz ist entgegengesetzt. Könnte so zusammengefasst werden: "Wir können niemals Freunde der Amerikaner werden, sondern sollten das System der USA bekämpfen und entfernen."

Der Fall von Hassan Khomeini hängt mit der Weltanschauung der Armaggedonisten zusammen. Es zeigt sich, dass die Kräfte, die Ahmadinedschad zur Präsidentschaft verholfen haben, immer noch im Hintergrund aktiv sind und ihren Coup d'etat gegen das Erbe des Systemgründers Ajatollah Khomeini voran treiben.

Khomeini opponierte gegen die Politik der Vorherrschaft der USA und brachte heftige Kritik gegen die Rolle der USA beim Umsturz Mossadeghs in den 50er Jahren auf, aber Khomeini war kein Armaggedonist. Der Grundansatz der Lehren Ruhollah Khomeinis ist auf friedliche Koexistenz ausgerichtet.

Khameneis Ansatz heute ist durch und durch absolut und ideologisch, während Khomeinis Opposition dem pragmatischen Anlass einer anmaßenden Supermacht entsprang. Laut Rafsandschani sei es jetzt aber an der Zeit, sich mit den USA zu vertragen, da sich deren Außenpolitik geändert habe. Er dachte vor Kurzem laut über die Eröffnung einer Botschaft in den USA nach und brachte eine Normalisierung der Beziehungen ins Spiel.

Doch es sieht nach zwei Lagern im Iran aus, die wiederum die beiden Lager USA/Westen und Russland/China bedienen.

Pasdaran, Ammariyon, Bassidschi, Shahroudi, Khamenei suchen die Unterstützung der Russen, der Inder, der Chinesen, um den Westen auf breiter Basis zu konfrontieren.

Sie werfen Rafsandschani vor, nicht ideologietreu zu sein, sondern ein pragmatischer Wendehals. Für die Hardliner muss der nächste Führer ein revolutionär gesonnener Mann sein.

Hassan Khomeini hat keine revolutionäre Sicht, da er Frieden anstrebt, doch die Revolutionäre wollen einen Krieger und Führer der andauernden Revolution.

Diese Wahlen und das Geschehen im Hintergrund sind äußerst wichtig.

Der Krieg in der Region könnte sich in weitere Länder, wie Saudi Arabien und Jordanien ausweiten. Die Hardliner streben das Ende der arabischen Führer an und bereiten eine weitere Militarisierung des Iran vor. Iran droht eine religiös verbrämte Militärdiktatur.

Die Reformer brauchten eine symbolische Figur und haben es mit dem Enkel des Gründungsvaters probiert, doch es sieht jetzt danach aus, als würden sie mit leeren Händen dastehen.

Hassan wird durch diesen Ausschluss keine Chancen mehr haben auf eine Regierungsfunktion. Keine Hoffnung für Iran. Kein Platz für Pragmatiker. Khamenei hat schon seine Opponenten Mehdi Karoubi und Mir-Hossein Mousavi aus dem Ring geworfen. Jetzt Hassan Khomeini. Dadurch schätzen Beobachter, steige die Wahrscheinlichkeit für weitere militärische Verstrickungen Irans in der Region.

Ajatollah Khomeini und die Händler der Zerstörung

Vom Anbeginn der Revolution und der Herrschaftszeit Ajatollah Khomeinis 1979 kämpften zwei antagonistische Kräfte gegen einander innerhalb der Elite des Regimes. Die Zeit des Showdowns scheint gekommen zu sein.

Ruhollah Mussavi Khomeini wurde schon bald nach einem Referendum mit der Frage, ob die Bevölkerung ein islamisches Land haben wollten oder nicht zum Obersten Führer. Er schuf die sogenannte Islamische Republik. Obwohl er der Oberste Führer war und das bei vielen Iranern verehrte Gesicht der Revolution, hatte er tatsächlich nicht wirklich die Kontrolle über das Land. Die Besetzung der US-Botschaft hieß er im Nachhinein zwar gut, aber geplant und durchgeführt wurde sie von anderen Kräften.

Einige Gelehrte im Iran und außerhalb haben Ajatollah Khomeini persönlich gekannt und haben seine Werke genau studiert. Sie konstatieren Khomeini einen Hang zum Sufitum. So soll er eine Anweisung erlassen haben, die Sufis in Ruhe praktizieren zu lassen und sie nicht anzugreifen. Er scheint sogar einer Sufi Linie aus Indien angehört zu haben, der sein emigrierter Vater schon entstammte. Trotzdem findet man in seinen Gedichten auch Kritik an Sufis, die sich als Sufis ausgeben, aber nicht danach leben. Sufitum und die Ideologie der Hardliner im Iran sind antagonistisch. Sufitum lehrt Toleranz und Frieden und Entwicklung, während die Hardliner auf Gewalt und Blutvergießen und absolutem Gehorsam dem Führer gegenüber beharren, was man durchaus als faschistische Interpretation von Islam betrachten kann.

Während seiner Herrschaft wuchs ein Strom revolutionärer Kräfte hinter den Kulissen heran. Es heißt, diese Leute seien schon hinter der Besetzung der US-Botschaft gestanden und seien heute mächtige Mitglieder des Tiefenstaates. Diese Leute waren Schüler des charismatisch-schrägen Professor Ahmad Fardids [8], der seine Schüler von seiner Ideologie vom Tag nach dem Morgen begeistern konnte.

Khomeini lehnte Ahmad Fardid ab. Nichtsdestotrotz schaffte es Fardid, den Keim seiner Ideologie in die Herzen seiner Anhänger zu pflanzen. Im Prinzip stützt sich diese Ideologie auf einige Gedanken Martin Heideggers. Sie besagt, dass wir in einer durch und durch dekadenten Zeit leben, die sich ihrem Ende naht. Dieses Ende gilt es aktiv herbeizuführen und für Zerstörung und Chaos zu sorgen, damit die glorreiche Zeit nach dem Morgen folgen kann. Seine Anhänger tummeln sich heute in Think Tanks wie Ammariyon, dem Mehdi Taeb vorsteht.

Man könnte diese Leute auch als Händler der Zerstörung bezeichnen. Sie handeln mit Ausgrenzungen und Auslöschung.

"Eine Besonderheit in Fardids Weltsicht ist seine völlige Ablehnung der Geschichte und der Philosophie. Er beklagte den Verlust der Metaphysik seit der Philosophie Aristoteles' und der nachfolgenden Griechen und betrachtete auch die Islamische Philosophie nur als  Abzweig dieser Entwicklung. Er sehnte sich nach der neuen Gesellschaft der metaphysischen Menschen, in der das Licht des wahren Gottes scheint. Sein Schlagwort für diese Anschauung lautet "von der Zeit vor dem Gestern zur Zeit nach dem Morgen". Die Jetzt-Zeit hatte aus seiner Sicht keine Bedeutung. Er verglich die Philosophie der Griechen aus dem Okzident mit dem Sonnenuntergang: die Welt ward dunkel. Der Gott der Jetzt-Zeit war für ihn nur eine satanische Ersatzgestalt des wahren Gottes. Der Gott der Jetzt-Zeit war kein guter Gott, sondern ein mächtiger Gott (Ta'rut=Anti-Gott). Diese Ersetzung hatte sich laut Fardid mit der Okzidentalisierung der Geschichte, einer lichtlosen Geschichte, zugetragen.

Die Morgenröte des Ahmad Fardid

Fardid wartete auf die neue Morgenröte. Nach seinem Bild würde die Geschichte erst wieder einsetzen, wenn ein charismatischer Führer käme. Der einzige Weg zu einer neuen Gesellschaft ging über die totale Zerstörung der westlichen Welt und jeder Spur der westlichen Welt im Orient, tabula rasa. Aufgabe der Menschen der Jetzt-Zeit sei es mit Hilfe einer Revolution das Ende der dunklen Zeit herbeizuführen und die Grundlagen zu schaffen für einen Anführer, der ein Mann mit farreh = Charisma sein würde. Die Ankunft dieses Messias würde der Anbeginn einer glorreichen Geschichte sein. Den Messias hielt Fardid für die einzige Möglichkeit der Dekadenz ein Ende zu bereiten. Was die Vorstellungen einer zukünftigen Gesellschaft anbelangt, bezog er sich auf Lehren von Scheich Mahmoud Shabestary und Ibn Arabi und entwickelte eine Art Pantheismus. Die Welt der Zeit nach dem Morgen wäre die Welt der Namen Gottes. Es wäre eine Zeit der wahren Dinge an sich und nicht der Vorstellungen. Das Dasein stellt für Fardid eine Art Gefängnis für das Wesen dar, jedes Wesen ist im Dasein gefangen. Fardid machte die Gleichung 'estgh = Gefängnis = être = Dasein' auf. Er entlehnte von Ibn Arabi und Heidegger eine ähnliche Idee von Entwicklung zu einer Einheit aller Wesen und Dinge. In unserer dunklen Zeit sei es nicht möglich Gottes Namen zu sehen, behauptete Fardid.

Letzenendes wollte Fardid zu einer neuen Gesellschaft durch Konfrontation gelangen. Er machte Freimaurerei, Imperialismus und Zionismus für die Situation der Menschheit verantwortlich. Seither wird dieser Vorwurf von Vertretern des Regimes im Iran immer wieder vorgebracht. Freimaurerei, Imperialismus und Zionismus stehen als Synonym für die Westlichen Gesellschaften im Allgemeinen."


[1] de.wikipedia.org/wiki/Politisches_System_des_Iran; www.nzz.ch/international/naher-osten-und-nordafrika/die-versiegelte-tuer-ld.4526; iranjournal.org/tag/expertenrat

[2] www.zeit.de/politik/ausland/2016-01/iran-waechterrat-schliesst-reformkandidaten-von-wahl-aus

[3] mehriran.de/artikel/der-iranische-mythos.html; mehriran.de/artikel/ein-un-schiitischer-schiitenstaat-namens-islamische-republik-iran.html; www.ag-friedensforschung.de/regionen/Iran/staat.pdf

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news-1002 Wed, 24 Feb 2016 00:18:19 +0100 Menschenrechte im Iran - Aktion am Kröpke, Hannover http://mehriran.de/artikel/menschenrechte-im-iran-aktion-am-kroepke-hannover.html mehriran.de - Aktivisten der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran, Faradarmangaran und Karamat e.V. demonstrieren in Hannover mit Musik für die Freilassung aller Gewissensgefangenen im Iran. mehriran.de - Mit Trommeln, Sprüchen, Plakaten und Flyern protestierten mehrere Dutzend Aktivisten am Dienstag, 23.02.2016 für die Freilassung aller Gewissensgefangenen im Iran. Journalisten wie Isa Saharkhiz, Menschenrechtler wie Narges Mohammadi, Geistliche, die sich für die Trennung zwischen Staat und Religion aussprechen wie Ajatollah Boroudscherdi oder Wissenschaftler, die zuviel Aufmerksamkeit und dadurch viele Anhänger gewinnen, wie Mohammad Ali Taheri sitzen im Gefängnis, weil ein Teil des Regimes im Iran eifersüchtig über die eigene Macht und die Deutungshoheit für "Islam" hütet.

"Kurz vor den Parlamentswahlen und den zeitgleichen Wahlen zum Expertenrat am 26. Februar im Iran, ist es wichtig gewesen, den Menschen dort zu signalisieren, dass man im Westen die Vorgänge im Iran beobachtet und sich für die Rechte der Bürgerinnen und Bürger einsetzt," sagt Rasul Moatamedi, ein Geschäftsmann aus dem Iran, der aufgrund seiner Weltanschauung aus dem Iran fliehen musste. Er hätte seinem Heimatland auch für immer den Rücken zu kehren können und sich nicht mehr für Iran interessieren müssen, doch es ist ihm wichtig zu betonen, dass er das Privileg nutzen will in einer freien Gesellschaft zu leben und sich für Menschen, die leiden einsetzen will. Um keine Repressionen für seine Verwandten im Iran herauf zu beschwören, verhüllt er sein Gesicht und tritt mit seinem Künstlernamen auf, den er auch für die Veröffentlichung seiner Gedichte verwendet.

Eines seiner Gedicht war der Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh gewidmet. Es könnte für jeden anderen Menschen gelten. Hier bei einer Veranstaltung in Hannover von einem Sprecher rezitiert: Eingeschrieben.

Eingeschrieben

Freiheit für Nasrin (flüstern)
Blume der Freiheit! Dein Name ist eingeschrieben
in die Lippen der Menschen

Deine Blätter tanzen zärtlich
wie Schritte von Liebenden im Sand.

Freiheit für Nasrin...Soutoudeh 

Rose der Freiheit!
Deine Wurzeln ragen in die Tiefen bebender Herzen!
Deine Blüten beleben die Augen.

Freiheit für Nasrin...Soutoudeh

Zeichen der Freiheit! Dein Duft weckt
den Mut der Menschen
deinen Namen in die Welt hinaus zu flüstern..... 

Freiheit für Nasrin...Soutoudeh

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news-1001 Sun, 21 Feb 2016 01:09:39 +0100 Die größten Irrtümer und Missverständnisse über Islam - Kapitel Menschenrechte im Koran http://mehriran.de/artikel/die-groessten-irrtuemer-und-missverstaendnisse-ueber-islam-kapitel-menschenrechte-im-koran.html mehriran.de - Hintergründe, Hinweise, Klärungen zu Koran und Islam. Wir veröffentlichen in mehreren Kapiteln eine allgemein zugängliche Schrift zu grundlegenden Fragen über Islam.

Um die Gleichwertigkeit aller Menschen hervorzuheben, wendet sich der Koran mit seinen Lehren sehr häufig an die Nachfahren Adams.[1] Daher wendet sich Gott im Koran allgemein an die Menschheit und die Menschen, unabhängig vom Geschlecht oder anderen Unterscheidungsmerkmalen. Der Koran betont sogar, dass jeder Mensch das Potential in sich trägt Gottes Stellvertreter auf Erden zu werden. Daher ist ein Mensch unabhängig von seiner Rasse, Hautfarbe oder Geschlecht zu betrachten:

Wir haben die Kinder Adams geehrt, haben sie über Land und Meer getragen, sie mit Gütern versorgt und sie vielen Geschöpfen vorgezogen. 
Sure 17, Vers 70.

Er ist es, Der euch zu Statthaltern auf Erden gemacht hat. Sure 35, Vers 39.

Der Wert allen Lebens wird hervorgehoben, weshalb der Koran zu dieser Aussage kommt:

Deswegen schrieben wir den Kindern Israels vor, dass jeder, der einen Menschen tötet - es sei denn als Vergeltung für Mord oder Unheilstiftung auf Erden - gleichsam die ganze Menschheit tötet; und wer einem, den der Tod bedroht, zum Leben verhilft, der hat gleichsam der gesamten Menschheit zum Leben verholfen. Sure 5, Vers 32.

Aus geistiger Sicht lässt sich die Nähe zu Gott nur durch gute Taten, die aus reiner und uneigennütziger Absicht entspringen, erreichen. Damit sind Menschen gemeint, deren Sinn sich auf die positive Entwicklung der Welt richtet, unabhängig von dem Geschlecht oder dem Ansehen der Person, die gute Taten vollbringt.[2] Dieses grundlegende Prinzip ist das wichtigste Fundament des koranischen Bildungsanspruchs, der eine Fortsetzung aller Prophetenlehren bis in die Zeit Mohammeds ist.

Dieses Prinzip stellt den geistigen Kern der koranischen Lehren dar und liegt vielen Suren zu Grunde, wie zum Beispiel in der Geschichte der "Zivilisation von Saba". Die Menschen von Saba lebten in einer fruchtbaren Gegend und wurden von Königin Balkis, der berühmten Königin von Saba regiert.[3]

Diese Königin lebte zur Herrschaftszeit Salomos, einem Propheten Gottes und Sohn König Davids. Als Salomon von dieser Zivilisation unter der Herrschaft einer weisen Frau erfuhr, sandte er ihr eine Einladung, ihn in seinem Reich zu besuchen, um Balkis und ihr Volk mit dem monotheistischen Weg vertraut zu machen.

Die edle Balkis, Königin von Saba, nahm die Einladung wohlwollend an und zog mit ihrem Hofstaat nach Palästina, wo Salomon lebte. Dort wurde sie in den monotheistischen Schulungs-weg, genannt Islam[4], durch Salomo eingeweiht.

Von dieser Begegnung schreibt der Koran in der Sure Naml (Die Ameisen), um am Beispiel des Großreichs von Saba zu zeigen, dass auch eine Frau ein Land regieren kann und diese Tätigkeit für jeden Menschen möglich wäre, losgelöst von der Frage des Geschlechts.

Diese Tätigkeit erfordert die Fähigkeiten, Pläne zu machen, Verhandlungsgeschick, Weisheit, Übersicht und umfassendes Wissen anstatt Zwang und Vorurteile. So erlebte Salomon alle diese Fähigkeiten an Balkis und versuchte nicht, sie vom Thron zu stoßen, nur weil sie eine Frau war, sondern schätzte ihre Fähigkeiten, über Saba zu herrschen.

Diese auf Gleichwertigkeit gründenden Lehren spiegeln sich im Koran wider, insbesondere in der Sure 27, genannt Naml. Diese Sure behandelt ein weiteres Phänomen der irdischen Welt. Einige Zeilen gehen auf verschiedene Tiere ein, die in Gruppen oder Kollektiven leben. 

Die Lebensumstände der Ameisen werden in dieser Sure erwähnt, wie sie verschiedene Aufgaben erfüllen und unter der Fürsorge und Führung durch die Ameisenkönigin miteinander kooperieren.[5] Auch die Welt der Bienen wird im Koran aufgeführt, nämlich wie die Bienen auch von einer Königin und nicht von einem König geführt werden und alle Tätigkeiten unter der Leitung der Bienenkönigin so fein wie ein Uhrwerk aufeinander abgestimmt sind.[6] 

Noch interessanter ist jedoch die Schilderung im Koran, wie die Königin der Ameisen ihren Ameisen befiehlt, sich so schnell wie möglich unter die Erde zurückzuziehen bis das Heer Salomos das Vadi Naml (Tal der Ameisen) durchquert hat, um nicht von den Hufen und Stiefeln der Armee zertrampelt zu werden. Salomo bekommt diese Anweisung der Ameisen-königin mit, lächelt und bewundert ihr Ver-ständnis und ihre Umsicht.[7]

Dieses Motiv setzt sich in der gleichen Sure in der Geschichte der Königin von Saba fort, worin König Salomon zum Ausdruck bringt, dass die Schöpfung nichts mit dem Geschlecht zu tun hat und Gott die Gleichwertigkeit zwischen Frau und Mann hoch hält.

Als Prophet Mohammed jedoch nach Art der ihm vorausgehenden Propheten versuchte, die ungebildeten Bewohner der Wüsten der Arabischen Halbinsel aufzuklären, wiesen die meisten die Werte und Lehren des Korans ab und weigerten sich, die abergläubischen Überzeugungen ihrer Vorfahren loszulassen. Ein Teil dieses Aberglaubens gründete auf der Überlegenheit der Männer über Frauen.

Als der Koran offenbart wurde, lebten viele Männer und Frauen auf der Arabischen Halbinsel, die wegen ihrer Armut nicht heiraten konnten. Andere heirateten in der Hoffnung, einen männlichen Nachkommen zu zeugen, der für das wirtschaftliche Auskommen der Familie hätte arbeiten können. Zeugten sie dann jedoch Mädchen, begruben sie diese lebend gleich nach der Geburt. Viele Väter, deren Frauen Mädchen geboren hatten, gerieten in Rage und fühlten sich anderen Männern gegenüber minderwertig.

Frauen waren wirklich rechtlos, was viele zwang, Schutz zu suchen im Zelt (Tschador) einer der Männer, so dass die reicheren Männer großen Zulauf hatten, da sich die Frauen dadurch erhofften, ihr Leben zu verbessern. Somit hatten reiche Männer zahlreiche Frauen in ihrem Zelt.

Leute mit abergläubischen und frauenfeindlichen Ansichten konnten daher die Hinweise Mohammeds, sich zu den Werten im Koran zu bekennen und Männer und Frauen als gleichwertig zu betrachten, nicht annehmen. Sie lehnten die Lehren Mohammeds und die Inhalte seines Buches offen ab.[8] Sie forderten Mohammed auf, entweder seine Lehren zu verschweigen oder sie zu ändern und das Buch so umzuschreiben, dass seine Inhalte mit ihren Stammesbräuchen übereinstimmen.

Mohammed gab jedoch nicht auf und unternahm es mit großer Entschlossenheit, Bewohner der Arabischen Halbinsel in einer auf Entwicklung angelegten Weise zu erziehen und sie mit menschlichen Werten vertraut zu machen, um sie aus dem Zustand der Unwissenheit und Un-bewusstheit herauszuführen. 

Dabei machte Mohammed sie mit Kernlehren, wie der Alleinheit Gottes, der Unterstützung Gottes für seine ihm Zugewandten vertraut. Er pries ihnen die Heirat als wünschenswerte Praxis an und warnte sie vor der Ungerechtigkeit, ihre neugeborenen Mädchen bei lebendigem Leib zu begraben, da sich am Tag der Auferstehung ihre so abgewiesenen Töchter erheben und sich bei Gott über sie beschweren würden.

Der Prophet der Muslime gestand Frauen das Recht zu, Zeugnis abzulegen und Erbschaften anzutreten. Er wies darauf hin, dass es vor Gott keine Unterschiede zwischen Mann und Frau im Glauben gibt.

Den Männern legte er ans Herz, ihr aus-schweifendes Leben zu unterlassen und zu üben, Frauen nicht lustvoll anzustarren. Den Frauen empfahl er, den Männern nicht launisch und unzuverlässig gegenüberzutreten.

Prophet Mohammed gab den Männern zu be-denken, dass es so gut wie unmöglich sei, zwei Frauen gerecht zu werden und sie gleich zu behandeln, wodurch kein Mann mehr als eine Frau heiraten sollte.[9]

Entgegen der Bräuche der Zeit der Unkenntnis verbat Mohammed den Männern das Begaffen von Frauen und auferlegte den muslimischen Frauen in Mekka, ihren Nacken, ihre Brüste und ihr Geschlecht zu bedecken und sich sittsam zu verhalten. Auch sollten die muslimischen Frauen nicht die Blicke der Männer durch aufreizendes Verhalten auf sich ziehen oder beim Gehen ihre Reize besonders zur Geltung bringen.[10]

Das wiederum zeigt, dass der Koran keine Anweisung erteilt, ein hidschab (Kopftuch) zu tragen, sondern nur den Körper ab dem Nacken abwärts in der Weise zu verhüllen, dass die geschlechtsspezifischen Merkmale nicht so stark zur Geltung kommen.

Hier sollten wir hervorheben, dass einige Korandeuter versucht haben, Koranverse so auszulegen, dass Frauen gezwungen werden können, ihren Kopf, ja sogar ihr Gesicht zu verhüllen. Dafür gibt es im Koran keinen Beleg. Keiner der Verse weist Frauen an, Kopf und Gesicht zu verhüllen. Der Koran legt den Muslimen nahe, dass der Schmuck zinat der Frauen nur für ihre Ehemänner und Vertrauten zu sehen sein sollte. Es gibt jedoch Unterschiede zwischen zinat (Schmuck, Zierde, Ornat), hosn (Sinn, Einsicht in innere Schönheit, auch eines Gedankens) und dschamal (Anziehungskraft, Glanz, durchscheinende Schönheit, innerer geistiger Ausdruck von Schönheit).

Darüber hinaus fordert der Koran sowohl Männer als auch Frauen auf, keusch zu sein, um ihr Seelenheil nicht zu gefährden. Dabei wird nicht zwischen Männern und Frauen unter-schieden, sondern es wird beiden Geschlechtern empfohlen, ihr Verhalten gewissenhaft zu über-prüfen.

Der Koran enthält keinen Aufruf zu einem pflichtgemäßen Tragen eines hidschab[11] und es muss niemand spezifische Kleidung tragen. Der Prophet hat einfach nur den gläubigen Frauen geraten, sich sittsam anzuziehen, was den dortigen Bräuchen in der Zeit der Unwissenheit widersprach.[12]

Natürlich waren das aus unserer heutigen Sicht kleine Schritte, um die Männer und Frauen auf der Arabischen Halbinsel allmählich aus ihrem ungebildeten Zustand zu befreien, damit ihr Geist, ihre Seele und ihr Verstand vorbereitet werden konnten, um die Lehren der Propheten und die göttliche Anschauung auf die Gleichwertigkeit zwischen Frauen und Männern aufzunehmen, wie wir sie in dem Abschnitt über das Königreich Saba und die Sure Die Ameisen beschrieben haben.

Um wirklich zu verstehen, welche Haltung der Koran Frauen gegenüber einnimmt, müssen wir den allgemeinen Geist des Korans hinterfragen, den Geist der abrahamitischen Lehren, der sich aus der Zeit des Propheten Abraham bis in die Ära Mohammeds durchgezogen hat.

Wie im Koran dargestellt, weisen auch die Ansichten der Propheten und der heiligen Bücher zu Fragen der inneren Entwicklung auf eine substanzielle Entwicklung aller Menschen hin, ungeachtet ihrer Abstammung oder ihres Geschlechts.


[1] O ihr Menschen, Wir haben euch von Mann und Weib (Adam und Eva) erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, dass ihr einander kennen möchtet. Sure 49, Vers 13.

[2] Der Edelste vor Gott ist der Frommste unter euch.(idem)

[3] Der Wiedehopf hatte sich nicht weit davon aufgehalten und sprach: "Ich habe etwas erfahren, was du nicht weißt. Ich bringe dir aus Saba eine wichtige zuverlässige Nachricht. Ich habe dort gesehen, dass eine Frau als Königin über das Volk herrscht, die von allen Gaben hat und einen gewaltigen mächtigen Thron besitzt. Sure 27 Namal, Verse 22, 23. Gehe mit diesem Brief von mir zu ihnen und wirf ihn hin, dann wende dich von ihnen ab und höre, was sie einander sagen!" Die Königin sagte: "Ihr Vornehmen! Mir ist ein achtbarer Brief zugeworfen worden." Er kommt von Salomo und lautet: Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Gütigen! Seid mir gegenüber nicht hochmütig, und kommt ergeben zu mir! Sure 27, Verse 28-31.

[4] Islam: Schulungsweg von einem siechen Herzen zu einem heilen Herzen, von Entfremdung zum Einssein und Verbundensein mit dem Schöpferischen.

[5] Als sie ins Tal der Ameisen kamen, sagte eine Ameise: "O ihr Ameisen! Geht in eure Wohnungen, sonst zertreten euch Salomo und seine Streiter, ohne es zu merken." Sure 27, Vers 18.

[6] Und dein Herr gab den Bienen ein: "Baut euch Behausungen in den Bergen, in den Bäumen und in den von den Menschen errichteten Bienenstöcken!" Ernährt euch dann von allen Früchten und nutzt die Wege, die Gott euch geebnet hat!" Aus ihren Leibern kommt ein Labsal verschiedener Art, das den Menschen Heil bringt. Darin ist ein Zeichen für Menschen, die nachdenken können. Sure 16, Verse 68-69.

[7] Da lächelte er heiter über ihre Worte. Sure 27, Vers 19.

[8] Die Ungläubigen sagen: "Wir werden weder an diesen Koran noch an die vor ihm offenbarten Schriften glauben." Du müsstest sehen, wie die Ungerechten am Jüngsten Tag vor ihrem Herrn stehen und einander Vorhaltungen machen werden. Die Unterdrückten werden den Überheblichen sagen: "Wenn ihr nicht gewesen wäret, wären wir Gläubige." Sure 34, Vers 31.

[9] Und wenn ihr fürchtet, ihr würdet nicht gerecht gegen die Waisen handeln, dann heiratet Frauen, die euch genehm dünken, zwei oder drei oder vier; und wenn ihr fürchtet, ihr könnt nicht billig handeln, dann (heiratet nur) eine oder was eure Rechte besitzt. Also könnt ihr das Unrecht eher vermeiden. Sure 4, Vers 3.

Mohammed hatte mehrere Frauen. Diese Tatsache nutzen einige seiner Gegner, um daraus den Schluss zu ziehen, dass Islam Vielweiberei unterstützt. Wer jedoch genauer auf Mohammeds Leben schaut, wird zu einem ganz anderen Schluss kommen. Schauen wir zunächst auf seine Zeit in Mekka. Dort hatte er nur eine Frau. Er hatte im Alter von fünfundzwanzig Jahren die fünfzehn Jahre ältere Witwe Khadidscha bin Chuwaylid geheiratet. Laut allgemeiner Meinung gingen aus dieser Verbindung ein Sohn und zwei Töchter hervor. Offensichtlich haben nur die beiden Töchter das Erwachsenenalter erreicht. Allgemein ist man sich auch darüber einig, dass Mohammed ein zweites Mal heiratete, nachdem Khadidscha gestorben war und er nach Medina zog.

Dazu sollten wir berücksichtigen, dass die Rolle Mohammeds in der Gesellschaft Medinas einen anderen Stellenwert bekam, als die Bewohner Medinas ihn baten, ihr Anführer zu sein und er sich gezwungen sah, aus der neuen Rolle heraus einige der Bräuche in der Stadt anzunehmen, um den Frieden in der Stadt zu wahren.

Zu diesen Bräuchen der Stadt gehörte die besondere Vertragsgestaltung, die mit arrangierten Heiraten besiegelt und bekräftigt wurden. Dieser Brauch war nicht nur auf der Arabischen Halbinsel üblich, sondern auch in anderen Weltteilen. Daher sollten alle nach Khadija folgenden Verbindungen Mohammeds unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden. Die Frauen, die auf diese Art Teil seiner Familie wurden, betrachtete Mohammed nicht als seine "Ehefrauen" im engeren Sinne. Ein Beleg für diesen Schluss ist die Kinderlosigkeit aus diesen Verbindungen. Daraus ergibt sich, dass er die Frauen, die er als Ergebnis des gebräuchlichen Vertragsabschlusses in sein Haus aufnahm, nicht als seine "echten Frauen" betrachtete, denn die Vermählungen ergaben sich aus politischen oder humanitären Erwägungen heraus.

Die Frauen waren entweder Witwen der im Kampf getöteten Muslime und standen ohne Beschützer da oder waren Teil einer einflussreichen Familie oder eines Clans, die Mohammed ehren oder die Allianz mit ihnen bekräftigen musste.

Die einzige Frau, der nachgesagt wird, dass sie nach Khadidscha Mohammed einen Sohn (der nicht überlebt hat) geboren haben soll, war Maria al-Qibitiyya. Den meisten Berichten zu Folge war aber Maria al-Qibitiyya eine koptische Nonne und christliche Gelehrte, die tiefe Gespräche mit Mohammed über Spiritualität und das Leben Jesu geführt haben soll. Auch die bekannteren historischen Biografien von ibn-Hischam und ibn-Ischaq über Mohammeds Leben reihen Maria al-Qibitiyya nicht als eine seiner Ehefrauen ein.

[10] ... Sie sollen den Boden nicht mit den Füßen schlagen, um verdeckten Schmuck bemerkbar zu machen. Kehrt alle reumütig zu Gott zurück, ihr Gläubigen, damit ihr Erfolg erzielt! Sure 24, Vers 31.

[11] Der Koran kennt im Allgemeinen keine Zwangsbekehrung oder gewaltsames Auferlegen von Islam. Er bietet nur Anleitung an. Es gibt keinen Zwang im Glauben. Sure 2, Vers 256.

[12] Und sage den gläubigen Frauen, sie sollen den Blick niederschlagen und ihre Keuschheit wahren und ihre Zierde nicht zeigen, außer dem, was davon sichtbar ist, und sie sollen ihre Tücher über ihren Kleiderausschnitt ziehen und ihre Zierde niemandem zeigen außer ihren Ehemännern, ihren Vätern, Schwiegervätern, ihren Söhnen, Stiefsöhnen, ihren Brüdern, den Söhnen ihrer Brüder und ihrer Schwestern, den Frauen, mit denen sie Umgang haben, den Leibeigenen, den mit ihnen lebenden Männern, die Frauen nicht mehr begehren, und den Kindern, die noch kein Verlangen nach Frauen haben... Sure 24, Vers 31.

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news-999 Sat, 20 Feb 2016 15:14:17 +0100 Hannover spielt mit - Protest gegen Unrechtsjustiz im Iran http://mehriran.de/artikel/hannover-spielt-mit-protest-gegen-unrechtsjustiz-im-iran.html IOPHRI - Die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran, Faradarmangaran und Karamat e.V. kündigen eine Mustra in der Innenstadt Hannovers für Dienstag, 23.Februar an. mehriran.de - Aus aktuellem Anlass kündigte heute die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI) eine erneute Aktion zusammen mit Faradarmangaran und Karamat e.V. in Hannover an. Immer noch werden zahlreiche Journalisten, Blogger, Oppositionspolitiker, Gewerkschaftler und andere Gewissensgefangene im Iran durch falsche Anschuldigungen und Verdächtigungen unter unwürdigen Bedingungen im Gefängnis gehalten. Einige wenige, wie die iranische Bloggerin Atena Daemi sind vor Kurzem frei gelassen werden, doch darben immer noch viele Männer und Frauen auf Grund unbestimmter Sicherheitsbedenken und willkürlicher Vorwürfe in Haft. Männer wie der Journalist Issa Saharkhiz, Sadiq Kabudvand, Mohammed Ali Taheri und Ajatollah Boroudscherdi oder Frauen wie Narghes Mohammadi und Zeinab Dschalalian oder die sieben Führer der Baha'i werden aus politischen Gründen festgehalten oder weil sie Dinge zur Sprache bringen, die im Iran durch bestimmte Regimekräfte nicht gerne in der Öffentlichkeit gesehen werden. Auch ethnische Minderheiten wie Kurden und Araber werden im Iran immer wieder ausgegrenzt, verfolgt oder gar unter Vorwürfen des Drogenhandels oder der Gefährdung der inneren Sicherheit des Staates auch mal schnell hingerichtet.

Am Dienstag, 23. Februar zwischen 17:00 und 18:00 Uhr versammeln sich Aktivistinnen und Aktivisten am Kröpke, um die Öffentlichkeit in Deutschland und durch verschiedene Interviews, die in den Iran gesandet werden über den aktuellen Stand zu informieren. Gleichzeitig wird durch Sprechchöre auf den trockenen Hungerstreik von Mohammed Ali Taheri aufmerksam gemacht und die Behörden in Deutschland aufgefordert sich für seine Freilassung einzusetzen.

Am Samstag, 20.02. demonstrierten Aktivisten von IOPHRI in Birmingham für seine Freilassung:

Hier geht es zu einem Interview mit Radio Farda: https://www.youtube.com/watch?v=MbEgRAN36B0&feature=youtu.be

Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran

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news-998 Sat, 20 Feb 2016 14:59:48 +0100 Mohammad Ali Taheri wieder im trockenen Hungerstreik http://mehriran.de/artikel/mohammad-ali-taheri-wieder-im-trockenen-hungerstreik.html mehriran.de - Mohammad Ali Taheri ist am Freitag 19. Februar 2016 wieder in einen trockenen Hungerstreik getreten. mehriran.de - Der Wissenschaftler und iranischen Denker Mohammad Ali Taheri ist am Samstag 30. Januar (10. Bahman) zum vierzehnten Mal in einen Hungerstreik getreten, um gegen gesetzwidriges Verhalten der Justizbehörden zu protestieren.

Herr Taheris reguläre Haftstrafe endete am 7. Februar 2016 (18. Bahman 1394). Da er bereits vorher befürchtete nicht frei gelassen zu werden, trat er am 4.Februar (15. Bahman) in einen trockenen Hungerstreik. Nach vier Tagen verschlechterte sich sein körperlicher Zustand, wodurch er für zwei Tage in die Intensivstation des Baghiatollah Krankenhauses versetzt wurde. Die Behörden zwangen ihn Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Doch ab letzten Freitag hat er auch wieder die Flüssigkeitsaufnahme verweigert. Herr Taheri hat jetzt den zweiundzwanzigsten Tag seines Hungerstreiks hinter sich.

Der Gründer der Komplementärmedizin Faradarmani und Psymentologie gibt durch seinen trockenen Hungerstreik ohne Rücksicht auf sein Leben die klare Botschaft, dass er unter unfairen Bedingungen in Haft sitzt. Eine klare Botschaft mit der er die iranische Justiz warnt, die Verantwortung für solche willkürlichen Handlungen unter dem Druck der Sicherheitskräfte zu tragen.

Laut einem Interview mit der Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh durch VOA (Voice of Amerika) sei das Hafturteil gegen Mohammad Ali Taheri von Anfang an unfair gewesen ist. Gemäß der Justizgesetze sei es nicht rechtens , dass einem Gefangenen während seiner Abbüßung einer schweren Haftstrafe erneut falsche Vorwürfe zur Last gelegt werden.  Dieser Prozess zeige ein unfaires Verfahren gegen Herrn Taheri.   

http://m.ir.voanews.com/a/nasrin-sotoudeh-mohammad-ali-taheri/3185205.html

Währenddessen gehen laut der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran Proteste gegen seine Behandlung durch die Behörden im Iran und im Ausland weiter. In Tehran versammeln sich seine Anhänger an verschiedenen Knotenpunkten der Stadt, zum Beispiel am Mausoleum von Ajatollah Khomeini mit Fotos von Taheri und einem Schild, auf dem sie ihren Hungerstreik in Solidarität mit Taheri bekunden. Gestern fand in Birmingham,GB, eine Mustra (musikalische Straßenaktion) durch Mitglieder von IOPHRI und Anhängern Taheris statt. Für Dienstag, 23. Februar haben IOPHRI und Anhänger Taheris eine Aktion in Hannover angekündigt.

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news-996 Tue, 16 Feb 2016 18:10:26 +0100 Reformation des Islam? - ein Beitrag aus sozialwissenschaftlicher Sicht mit Hinblick auf Iran http://mehriran.de/artikel/reformation-des-islam-ein-beitrag-aus-sozialwissenschaftlicher-sicht-mit-hinblick-auf-iran.html mehriran.de - Impulsvortrag zur Einleitung der Veranstaltung "Sind die Menschenrechte mit dem Koran vereinbar?" am 4. März 2016 in Hannover. Prof. Gholamasad hat uns vorab seine Einleitung zur Veranstaltung zur Verfügung gestellt. Motto: "Wir können uns fatalistisch dem von Gott bestimmten Schicksal hingeben oder unser Schicksal als Ergebnis der selbstverantwortlichen Lösung der von Gott gestellten Aufgaben begreifen." Zur Zivilisierung der Glaubensaxiome und Werthaltungen als einem Nachholeffekt des sozialen Habitus[1]

In meinem einleitenden Kurzbeitrag zur Eröffnung der Diskussion über die Forschungsergebnisse von Dr. Azmayesh über „Koran und Islam“ möchte ich thesenartig auf einen Zivilisierungsschub der religiösen Orientierung im nachrevolutionären Iran hinweisen, die ich als eine der unbeabsichtigten Folgen der Islamisierung der Revolution bezeichne; und als einen Nachholeffekt des sozialen Habitus der involvierten Menschen auffasse. Das bedeutet, dass ich die postrevolutionäre institutionelle Ent-Demokratisierung und den De-Zivilisierungsschub als einen Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der Mehrheit der sozialen Träger der Revolution begreife.[2] Als solche ist die „Islamische Republik“ der erste „Islamische Staat“ nach einer langen Modernisierungsphase in jüngster Geschichte.

Mit dem Zivilisierungsschub der Glaubensaxiome[3] der Gläubigen geht eine Transformation ihrer Werthaltungen – als zentrale Elemente der Kultur – einher, die den durch Instinktreduktion und Verhaltensunsicherheit gekennzeichneten Menschen, als generelle Orientierungsstandards dienen.

Diese Zivilisierung der Glaubensaxiome und Werthaltungen wäre aber ohne die traumatischen Erlebnisse der Menschen im nachrevolutionären Iran kaum vorstellbar gewesen. Mit den schmerzhaften Erfahrungen einer religiös legitimierten totalitären Herrschaft entstand ein massenhaftes Bedürfnis nach einer religiösen Umorientierung, das von den sich als „religiöse Innovatoren“ („Noandischan-e Dini“) bezeichnenden Islamforschern befriedigt wird.

Diese Zivilisierung des Islamverständnisses, die sich in einer religiösen Umorientierung manifestiert, ergab sich aus den Reformierungsversuchen des Islams u.a. durch neue hermeneutische Koran-Rezeptionen in seinem historischen Kontext unter Berücksichtigung der linguistischen Aspekte der Koran-Interpretation, da die Sprache die Welt ist, wie die Menschen sie erfahren. Zu diesen Reformationsversuchen gehören auch die Forschungen von Dr. Azmayesh.

Einer der Aspekte der Zivilisierung der religiösen Orientierung offenbart sich vor allem in einem „barmherzigen Gottesbild“ gegenüber dem unbarmherzigen und blutrünstigen Gottesbild der herrschenden Islamisten im Iran. Damit wird eine „Religion der Barmherzigkeit“ der „unbarmherzigen Religion“ der Islamisten entgegengesetzt.

Um die Bedeutung der Zivilisierung des Gottesbildes zu begreifen, muss man die Zivilisierung als eine gerichtete Entwicklung individueller Selbstregulierung momentaner trieb- und affektbedingter Verhaltensimpulse oder deren Umleitung auf sekundäre Ziele und deren Sublimierung begreifen. Diese ist eine Veränderung des sozialen Habitus bzw. der Persönlichkeitsstruktur der Menschen in Richtung auf ebenmäßigere, allseitigere und stabilere Selbstkontrollmuster. Dieser gerichtete psychische Transformationsprozess führt zum Strukturwandel des Seelenaufbaus der Menschen, zu dem auch die Gewissensbildung gehört.[4]

Ohne sich je von Fremdzwängen völlig loszulösen, gewinnen außerdem die Selbstzwänge gegenüber den Fremdzwängen größere Autonomie. Zu diesen Fremdzwängen gehören auch die religiösen Phantasien und Mythen sowie Götter. 

Die Götter haben auf früheren Entwicklungsstufen, also etwa auf den durch Stämme und andere vorstaatliche Überlebenseinheiten repräsentierten Stufen Funktionen, die auf späteren Stufen in weit höherem Maße vom individuellen Gewissen und Verstand erfüllt werden. Für die heutigen gottesfürchtigen Gläubigen hat ihr Gott daher eine gewisse externe Gewissensteilfunktion, dessen Zivilisierung eine entscheidende Bedeutung zukommt; damit können Menschen mit sich selbst und mit anderen Menschen friedlicher leben.

Dazu kommt einer realitätsangemesseneren Darstellung der Anfangsgeschichte des Islams sowie der Biografie des Gründers des Islam, Muhammad, eine entscheidende Bedeutung zu, weil er und seine tradierten Verhaltens- und Denkweisen für die gläubigen Muslime einen fremdzwangsartigen Vorbildcharakter haben. 

Damit werden dem Islamismus als einer globalen Herausforderung alternative Lesarten des Islams als eines Wandlungskontinuums entgegengesetzt. Denn der Koran ist nicht nur geschrieben; er muss auch gelesen werden. Damit wird das nicht mehr lebendige Wort wieder lebendig. Denn Lesen und Denken sind Lebensäußerungen und verleihen den Worten das Leben, das sie verlieren, sobald sie niedergeschrieben worden sind. 

So kann man die Aussage, Muhammad sei der letzte Gesandte Gottes gruppencharismatisch auslegen und wie die Islamisten „als auserwählte Kinder Gottes“ die Weltherrschaft beanspruchen. Oder sie als Beginn der Aufklärung im Sinne Kants als „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ begreifen; und dabei den Wahlspruch der Aufklärung bedienen: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“[5]

Wir lesen, dass wir uns Gottes Gesetze unterwerfen sollen im Sinne der Islamisten als einer Unterwerfung unter die Scharia; oder diese als Naturgesetze entdecken und befolgen; bzw. als soziale Regelmäßigkeiten wie z.B. der Zivilisation erkennen und uns entsprechend den Zivilisationsstandards benehmen. In diesem Sinne folgen wir verantwortungsbewusst den Natur- und Humanwissenschaftlern als neuen Propheten, die durch Paradigmenwechsel immer erneut ersetzt werden. Dabei können wir im Sinne Aristoteles ein Gebot A nicht als etwas Gutes befolgen, weil es Gott geboten hat; sondern weil das Gebot A im Sinne des Zivilisationsstandards gut ist.

Wir können uns fatalistisch dem vom Gott bestimmten Schicksal hingeben oder unser Schicksal als Ergebnis der selbstverantwortlichen Lösung der von Gott gestellten Aufgaben begreifen.

Es ist also nicht nur geschrieben; es muss auch gelesen werden. Darauf kommt es an.

Professor Dawud Gholamasad, Sozialwissenschaftler Universität Hannover


[1] Einführung der Diskussion der Forschungsergebnisse von Dr. Azmayesh  über Koran und Islam am 4.3.016 in Hannover.

[2] Vergl. meine Beiträge über die Entstehung der „Islamischen Revolution“ im Iran: gholamasad.jimdo.com

[3] Glaubensaxiome sind Setzungen, die nicht erkenntnismäßig, sondern bekenntnismäßig festgestellt werden. Mit der dogmatischen Tradition des Islams, die als Orientierungsmittel ein Ersatz für fehlende Instinkte der Menschen ist, wurde über Jahrhunderte eine unschöpferische, starre Haltung reproduziert.

[4] Vergl. Norbert Elias, Zivilisation, in Bernhard Schäfer (Hrsg): Grundbegriffe der Soziologie, Opladen 1986, : 382ff.

[5] Immanuel Kant; Ausgewählte keine Schriften, Hamburg 1965, S. 1ff

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news-995 Tue, 16 Feb 2016 00:48:38 +0100 Die größten Irrtümer und Missverständnisse über Islam - Kapitel Auslegungen des Korans und Qualifikationen, den Koran zu interpretieren http://mehriran.de/artikel/die-groessten-irrtuemer-und-missverstaendnisse-ueber-islam-kapitel-auslegungen-des-korans-und-qualifikationen-den-koran-zu-interpretieren.html mehriran.de - Hintergründe, Hinweise, Klärungen zu Koran und Islam. Wir veröffentlichen in mehreren Kapiteln eine allgemein zugängliche Schrift zu grundlegenden Fragen über Islam.  

Teil I - Die größten Irrtümer und Missverständnisse über Islam - Kapitel Einführung in den Begriff Islam

Auslegungen des Koran

Irreführende oder unrichtige Auslegungen des Korans, genauso wie schlechte Auslegungen anderer heiliger Texte, stellen uns vor große Herausforderungen in modernen multikulturellen Gesellschaften. Um den Koran auslegen zu können, sollte man sich an den Prinzipien orientieren, die der Prophet Mohammed selbst aufgestellt hat und man sollte den besonderen Aufbau des Korans kennen, sowie die Werte, die sein Fundament ausmachen.

Um den Koran zu erforschen und die Bedeutung der Verse zu verstehen, muss man sie auf mehreren Ebenen erfassen. Zunächst sollte man die Bedeutung und den Sinn der Worte aufnehmen können, dann auf einer allegorischen oder hermeneutischen Ebene und schließlich auf der geistigen oder metaphysischen Ebene. Wenn man diese drei Ebenen nicht erfassen kann, erliegt man sehr schnell den Fallstricken mangelhafter Interpretationen des Korans. Aus diesem Grund findet sich im Koran der Hinweis, dass nur Gelehrte aller Bedeutungsebenen den Koran auslegen sollten.

Er ist es, Der dir das Buch herabgesandt hat. Es enthält eindeutige, grundlegende Verse, die den Kern des Buches bilden und Verse, die verschieden gedeutet werden können. Diejenigen aber, die im Herzen abwegige Absichten hegen, befassen sich vorrangig mit den nicht eindeutigen, mit der Absicht, Verwirrung zu stiften und eigene Deutungen zu entwickeln. Die einzig richtige Deutung weiß nur Gott allein. Diejenigen aber, die über tiefgreifendes, fundiertes Wissen verfügen, bekennen: "Wir glauben daran. Alles ist von Gott, unserem Herrn." So denken nur die, die sich ihres gesunden Verstandes bedienen.
Sure 3, Vers 7.

Daher lässt sich nachvollziehen, dass Wort für Wort Übersetzungen des Korans, wie sie heute im Westen üblich sind, gewöhnlich unrichtige Aussagen enthalten. Es ist unabdinglich, den Koran in seiner Sprache, Arabisch, zu erforschen und alle Ebenen seiner Aussagen zu erfassen. Dies ist alles andere als einfach, denn wir sollten berücksichtigen, dass viele der Worte im Koran nur scheinbar arabische Worte sind, aber eigentlich weisen diese Begriffe eine frappierende Ähnlichkeit mit dem Altsyrischen und sogar dem Altpersischen auf.

Ohne Kenntnisse in Etymologie[1] in Bezug auf die Koranverse kann sich niemand seiner Auslegung sicher sein. Daher würde man der Sache gerechter werden, wenn nur Fachleute, die sich dieser Nuancen bewusst sind und die alle Bedeutungsebenen dieser Verse erfassen können, den schwierigen Versuch unternehmen, den Koran auszulegen.

Dies hat Mohammed auch als Vermächtnis seiner Nachwelt hinterlassen, wie uns ein von allen Muslimen anerkanntes Hadith[2] eröffnet: ‘Ich werde jetzt diese Welt verlassen und hinterlasse euch zwei bedeutende Vermächtnisse: das Buch Gottes und meine Familie étràt oder Tradition sonat. Haltet euch an beide, um von Gott vor jeglicher Abspaltung und Abweichung beschützt zu sein.'[3]

Nehmen wir all diese Aspekte zusammen, wird klar, dass eine Auslegung des Korans schwierig ist und jemanden braucht, der spirituell hoch entwickelt ist, fachkundig in der arabischen sowie in weiteren Sprachen ist und sich der unter-schiedlichen Sinnebenen in jedem Vers bewusst ist. Daher werden die Leser des Korans in dem weiter oben zitierten Vers an die Gefahren erinnert, den Koran nach eigenem Gutdünken und eigensüchtigen Interessen auszulegen.[4] Um dieser Fallgrube zu entgehen, sollte man sich geistig hochstehend entwickeln und seine eigen-süchtigen Interessen zurückstellen können.

Da die Übersetzung des Korans keine einfache Aufgabe ist, sollte man nicht allzu leichtfertig jegliche Auslegung oder Übersetzung als korrekte Wahrheit und einzige Bedeutungsmöglichkeit der Verse betrachten.

Das letzte zu berücksichtigende Kriterium in der Auslegung und im Gesamtverständnis des Korans bezieht sich auf die Verse, die den Auf-bau einer Zivilisation in genau definierten Ent-wicklungsschritten schildern. Diese Verse basieren auf einem naschk genannten Prinzip. 

Historische Entwicklungen menschlicher Gesellschaften und das koranische Prinzip der Aufhebung (naschk)

Der Koran ist ein Buch, das den Menschen und der Gesellschaft Entwicklungsschritte zu einer substanziellen Evolution aufzeigt. Die Methode der Vermittlung gemäß der chronologischen Lehren des Korans macht Gebrauch von dem Prinzip der "Aufhebung" oder "Annulierung". Im Koran heißt es:

Du Mensch! Du strebst mit aller Mühe deinem Herrn zu; und du sollst Ihm begegnen.
Sure 84, Vers 6.

In einem weiteren Vers heißt es:

Der Edelste vor Gott ist der Frommste unter euch.
Sure 49, Vers 13.

Das Prinzip des naschk annuliert einen alten Vers durch einen neuen Vers. Naschk bedeutet "Aufhebung, Auslöschung, Streichung, Über-tragung, Unterdrückung, Auflösung". Die Arbeitsweise von naschk wird in diversen Versen, wie in der Sure 7, Vers 154, Sure 45, Vers 29, Sure 22, Vers 52, Sure 2, Vers 106 und in der Sure 16, Vers 101 angewandt. Diese Verse sind als "Aufhebungsverse" bekannt.

Wenn Wir (einem Gesandten) das wunderbare Zeichen eines vorigen vorenthalten oder es in Vergessenheit geraten lassen, so geben wir ihm ein besseres oder ein ähnliches. Weißt du nicht, dass Gottes Allmacht unermesslich ist?
Sure 2, Vers 106.

Wenn Wir dir ein Zeichen geben, das die Zeichen von Gesandten vor dir ersetzt - Gott weiß wohl, was Er offenbart - sagen die Ungläubigen: "Du bist ein Lügner!" Doch die meisten von ihnen sind unwissend.
Sure 16, Vers 101.

In diesen Versen findet man das Prinzip der Aufhebung eines älteren Verses und seine Ersetzung durch einen jüngeren Vers erläutert. Gemäß diesem Prinzip wird der aufgehobene Vers mansoukh in seiner Relevanz gegenüber dem neuen Vers nasekh herabgestuft und der neue Vers gewinnt dadurch eine höherwertige Gültigkeit. Auf dem geistigen Schulungsweg der substanziellen Entwicklung ist es üblich, dass ein Anfänger auf dem Weg von soghm zu selm die Stufen der inneren Entwicklung und der Entfaltung der seelischen Eigenschaften allmählich und in organischer Weise kennen und ausüben lernt. Wenn ein Novize Fehler begeht, wird ihm verziehen, jedoch wird von den Fortgeschrittenen erwartet, nicht die Verfehlungen eines Anfängers zu begehen.

Die Evolution der Menschheit hat mit der Bildung kleiner Gruppen, bestehend aus Männern, Frauen und Kindern begonnen, die als soziale Zelle in unterschiedlichen Regionen der Welt im Stil der Gemeinschaften der Steinzeit zusammen lebten. Im Laufe der Geschichte und vieler Jahrtausende haben sich diese einfachen Gruppen weiterentwickelt und haben einen neuen Schritt eingeleitet, als sie die ersten Stadtstaaten in Regionen wie Mesopotamien gründeten. Später sehen wir blühende Zivilisationen auftauchen, wie die sumerische, die babylonische, die assyrische, die persische, die griechisch-römische, die sich überlagerten und einander ablösten.

Jahrhunderte später wichen die alten Zivilisationen den modernen Gesellschaften. So sehen wir, wie die Menschheit eine allmähliche Entwicklung durchlaufen hat, die sich aus Sklavenhaltergesellschaften hin zu Zivilisationen entwickelten, die sich demokratisch verstehen und Menschenrechte respektieren.

Die Geschichtsbücher beschreiben, wie sich im 6. Jahrhundert n. Chr. zwei weit entwickelte Zivilisationen und Großmächte, Persien und Byzanz, gegenüberstanden, die in unmittelbarer Nachbarschaft herumwandernder Beduinen auf der Arabischen Halbinsel lebten, die noch keine historische Weiterentwicklung erfahren hatten, da sie sich den abergläubischen Traditionen der Stämme und Bräuchen ihrer Vorfahren vehement verschrieben hatten und nicht davon abweichen wollten.

Die Koranlehren enthalten verschiedene Aspekte, die allesamt auf eine geistig-kulturelle-soziale Erneuerung in jener Region zielten.

Dreiundzwanzig Jahre lang wurden Moham-med koranische Lehren offenbart. In dieser Zeit der schrittweisen Offenbarungen leiteten die Verse eine allmähliche Entwicklungsmethode für die Gläubigen an. Die koranische Methode der schrittweisen Evolution versucht den Lebensstil der Bewohner der Arabischen Halbinsel weiter zu entwickeln.

Die Stufen der Entwicklung beginnen mit dem Ist-Zustand einer in Obskurantismus, Unwissen und Götzendienerei verfangenen Gesellschaft, leiten zum Zustand des Anfängers auf dem Weg von soghm zu selm als Muslim (Gläubiger) über, erreichen dann den Zustand eines Mo'men (glaubwürdiger Muslim), er-reichen die Stufe des Zustands eines Mottaghi (frommer Muslim) und erreichen die Ebene eines Seddigh (gewissenhafter, gerechter Muslim). Schließlich gilt es, sich als Krönung den Zustand des Abd (ein Monotheist, der die Einheit allen Seins erfahren hat) zu erarbeiten.

Neben den Anleitungen zu einer geistigen Entwicklung und zum Erlangen von Weisheit betont der Koran auch die Wichtigkeit, lesen und schreiben zu lernen und sich mit Büchern zu beschäftigen.[5] Eine der ersten Maßnahmen Mohammeds in Medina war die Einführung einer Art Schulpflicht für die eingewanderten Muslime. Er schickte sie in die Schulen der Juden, um dort lesen und schreiben zu lernen und Wissen zu erlangen. Die geistigen Lehren Mohammeds waren vermischt mit Lehren, die sich auf die Entwicklung menschlicher Werte in der Gesellschaft bezogen. Dies kam daher, dass er erkannt hatte, dass eine geistige Entwicklung nicht ausreichte, um sich gegen Despotismus und abergläubische Praktiken aufzulehnen, um eine friedliche auf Teilhabe basierende demokratische Gesellschaft zu gründen.

O Prophet! Fürchte Gott und höre nicht auf die Ungläubigen und die Heuchler! Gottes Wissen und Weisheit sind unermesslich. Befolge alles, was dir von deinem Herrn offenbart wird! Gott weiß genau, was ihr tut. Verlass dich auf Gott allein! Gott genügt als Hüter.
Sure 33, Verse 1-3.

Irreführende Deutungen des Koran

Letztlich kann man sich auch klar machen, dass der eine oder andere sich auf eine gewisse Anzahl überlieferter Hadithe verlässt, um im Namen des Islams unmenschliche Handlungen zu begehen oder sachlich falsche Unterstellungen über den Koran in die Welt zu bringen. Doch um ein abschließendes Urteil über den Koran zu fällen, verlangt auch schon der Koran, dass man sich allein auf seine Aussagen beziehen sollte. Die Gültigkeit eines Hadith kann an den Aussagen im Koran überprüft werden. Wenn das Hadith mit der Aussage des Korans übereinstimmt, kann es als eine aussagekräftige Überlieferung gelten.


[1] Wortherkunft

[2] Ein Hadith ist ein mündlich überlieferter Spruch, der Mohammed zugeordnet wird. Um jedoch ein Hadith als authentisch zu klassifizieren, muss es eine eindeutige schriftliche Spur der Überlieferung bis in die Zeit des Propheten geben und noch wichtiger: es muss mit den Versen des Korans in der Sinngebung übereinstimmen.

[3] Hadith Nabavi zitiert von Zeyd ibn Argham, wie Muslem in seinem Sahih berichtet, Hadith as-Sagàlayn wird von vielen Berichterstattern zitiert: Al-Termazhi ; as-Sonan, vol. 5 im Kapitel ‘al-Managhib fil Ahlol bayt en Nabbi’. Ahmad Hanbal. Al-Musnàd, vol. III, p. 14, 17, 26, 59. Hâkim sagt in Al-Mustadrak, vol. 3 p. 109 dies Hadith sei Sahihlaut Muslim und Bokhari in ihren Büchern Sahih. Mohammad Baghir el Majlesi, Bihâr ol Anwar, vol. 3 p. 106.

[4] Ein klassisches Beispiel eigensüchtiger Auslegung des Korans ist der Einsatz von Steinigungen als Form einer islamischen Strafe, wie es einige Kleriker im Verlauf der Geschichte immer wieder getan haben. Der Koran hat die Steinigung unter keinen Umständen als islamische Strafe aufgeführt, sondern hat die Steinigung als Strafe geschildert, die Despoten an den Propheten Gottes vollziehen ließen. Daher lehnt der Koran solche Strafen vehement und entschieden ab. Es gibt aber immer noch einige Kleriker, die behaupten, Steinigung sei eine gerechte Strafe.

[5] Gott hat den Gläubigen wahrhaftig eine Gnade erwiesen, indem Er einen Gesandten aus ihrer Mitte mit der Botschaft betraute, der ihnen die offenbarten Zeichen Gottes vorträgt, der sie läutert und sie das Buch und die Weisheit lehrt. Denn zuvor hatten sie sich in schwerem Irrtum befunden. Sure 3, Vers 164.

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news-993 Thu, 11 Feb 2016 00:28:34 +0100 Die größten Irrtümer und Missverständnisse über Islam - Kapitel Einführung in den Begriff Islam http://mehriran.de/artikel/die-groessten-irrtuemer-und-missverstaendnisse-ueber-islam-kapitel-einfuehrung-in-den-begriff-islam.html mehriran.de - Hintergründe, Hinweise, Klärungen zu Koran und Islam. Wir veröffentlichen in mehreren Kapiteln eine allgemein zugängliche Schrift zu grundlegenden Fragen über Islam. Aus dem Klappentext: Schon als der Koran zur Zeit Mohammeds aufkam, gab es immer wieder falsche Auslegungen seiner Verse durch bestimmte Leute. Das hat Gefahren für Gesellschaften und Individuen mit sich gebracht, deren Ernst uns heute allzu deutlich vor Augen geführt wird. In diesem Buch findet sich eine Beschreibung der sachgemäßen Methoden, wie man an eine Auslegung des Korans herangehen kann. Diese Methoden sind den Koranversen entnommen, ebenso wie die Qualifikationsanforderungen an jene, die dieses Buch auslegen wollen. Schließlich bekommen die Leser ein tieferes Verständnis über einige Prinzipien des Islams. Der Begriff „Islam“ wird auf seine Grundbedeutung zurückgeführt und die größten Irrtümer und Missverständnisse über Islam werden in Bezug auf Menschenrechte, Frauenrechte und Dschihad beleuchtet.
Einführung

Die heiligen Koranverse sind im Lauf der Jahrhunderte durch irrtümliche Deutungen, sachlich falsche Zitate und unrichtige Übersetzungen der Texte, wie auch durch Zitieren einiger Stellen außerhalb ihres Zusammenhangs missbraucht worden. Da die Diskussionen um Islam nicht abreißen wollen und eine wachsende Zahl extremistischer Gruppen weltweit im Namen des Islams agieren, wollen wir einen Beitrag zur Aufklärung der häufigsten Irrtümer und falscher Vorstellungen in Bezug auf den Koran und Islam leisten. Ziel ist es, in diesem Werk auf diese Irrtümer und falschen Vorstellungen in Bezug auf die Verse des Korans bei Muslimen sowie Nicht-Muslimen einzugehen und die authentischen Kernaussagen des Korans zur Geltung zu bringen. Die Fehlurteile, die wir in dieser Schrift aufgreifen, beziehen sich auf die Darstellungen im Koran zu Menschenrechten, der Gleichwertigkeit zwischen Frauen und Männern und dem Konzept des Dschihad. 

Bevor wir die Betrachtung der Einzelheiten der unterschiedlichen Fehldeutungen vornehmen, erachten wir es als wichtig, den geistigen Kern des Islams und seiner wichtigsten Basis zu betrachten.

Dadurch wird man leichter nachvollziehen, warum einige Verse des Korans scheinbar nicht den eindeutigen Prinzipien des Islams entsprechen, sei es durch gewisse Fehldeutungen und fehlerhafte Übersetzungen, sei es dadurch, dass sie aus dem Gesamtzusammenhang heraus- gerissen wurden.

Dieser Aspekt sollte gerechterweise nicht außer Acht gelassen werden, so wie in jeder zivilisierten Gesellschaft ein Richter die Gesetze des Landes im Kontext des Geistes der Verfassung oder der Grundrechte betrachtet. In ähnlicher Weise sollten die Koranverse auch im Kontext des spirituellen Rahmens oder "Geistes" betrachtet werden, der in den Versen enthalten ist.

Der erste Schritt dieses Prozesses wird darin bestehen, den Begriff Islam, wie der Koran ihn definiert, zu untersuchen.

Oft findet sich der Begriff Islam mit "Unterwerfung" oder "Gehorsam" übersetzt und wird als "blindes Folgen" gedeutet. Diese Übersetzung ist falsch und irreführend. Die Wurzeln des Begriffs Islam sind selm und salam, was mit "Heil" oder "Frieden" übersetzt werden kann. Salama und yaslemo sind Verbformen von selm und drücken aus "den Frieden im Herzen erwerben" oder "ein heiles Herz erlangen". Tasleem hingegen ist der Ausdruck, der mit "Unterwerfung" übersetzt werden müsste. 

Das Wort Islam bezieht sich auf die Bedeutung von "Heil", "Heilung", "Gesundheit" oder "Frieden". Ein Individuum, das sich dem Erlangen dieses inneren "Heils" oder "Friedens" verschreibt, wird Muslim genannt. Der Koran schildert die Erkenntnis als Ausgangspunkt für die Entscheidung, ein solches Ziel anzustreben, mit einem "kranken" oder "unruhigen" Herzen soghm zu leben. Mit Hilfe der Koranlehren kann ein Suchender sein Herz aus einem Zustand des soghm in einen Zustand des selm verwandeln. Selm bedeutet "heiles" oder "gesundes" Herz.

Laut Koran lässt sich eine weitere Verwandlung des Herzens erzielen, aus dem Zustand des salem kann der Suchende sein Herz in den Zustand des salim verwandeln. Salim ist ein "immunisiertes" oder "heiliges" oder "sicheres" Herz.

Im Koran wird Abraham als Vorbild genannt, dessen Herz den Zustand salim erreicht hatte. Beachten wir, dass alle diese Begriffe wie Islam, Muslim, Selm, Salem und Salim sich alle von der Wurzel Salam ableiten lassen und in der jeweiligen Weise etwas zum Ausdruck bringen, das mit Heilung, Heil sein, Gesund sein oder Frieden zu tun hat.

Der Koran spricht auch von dem Zielort der Andächtigen im Nachtodlichen und nennt diesen Ort Dar al-Salam, was wir mit Haus des ewigen Friedens übersetzen können, auch bekannt als Paradies oder Himmel.

Darüberhinaus ist es nicht unüblich, Muslime as-Salam-Alaikum zur Begrüßung sagen zu hören. Übersetzt heißt das "Friede sei mit dir". Die Bedeutung dieser Begrüßungsformel und des Wortes salam sowie seiner Ableitungen werden im Koran stark hervorgehoben.

Die vierte Sure (an-Nisa, Die Frauen) weist die Gläubigen in Vers 94 an: und sagt nicht zu einem, der euch mit Salam, dem Friedensgruß, begrüßt "Du bist ein Ungläubiger!"

Aus diesem Vers kann man ableiten, dass die Lehren des Islam einem Muslim verbieten, die Religion oder den Glauben eines anderen in Frage zu stellen. Der Koran betont hingegen, dass die Begrüßung mit Salam (Frieden) ein Beweis einer guten Tat ist und wer mit Salam begrüßt wird, hat die Pflicht, den Friedensgruß zu erwidern, um bei einem Versäumnis entsprechend zu antworten, nicht zu sündigen. Dabei ist der Glaube oder die Religion dessen, der den Friedensgruß ausgesprochen hat, völlig unerheblich.

Vers 63 der Sure 25 (al-Furqan, Der Maßstab) beschreibt die Jünger des Allbarmherzigen als äußerst demütig. Sie antworten mit dem Friedensgruß Salam, wenn sie von den Unwissenden hart angegangen werden. Gott wird im Koran mit verschiedenen Namen bezeichnet[1]: salam. Auch diesen Aspekt können wir nicht außer Acht lassen.

Das Wort salam spielt im Islam eine entscheidende Rolle und der ganze geistige Schulungsweg dreht sich um salam und seine Ableitungen. Wer die Prinzipien des salam berücksichtigt und den Geist des Korans erfasst, kann feststellen, dass jede Schuldzuweisung dem Koran gegenüber und jede barbarische und gewalttätige Handlung im Namen des Islams einfach nur ein Ergebnis des Missbrauchs der koranischen Texte ist.

Oft ist es so, dass die Unkenntnis über den Aufbau des Korans zu vielen Missverständnissen und falschen Interpretationen der Verse führen kann.

Im Allgemeinen kann man den Koran in drei Hauptkategorien aufteilen. Die erste und rele-vanteste Kategorie von Versen bilden die Kern-lehren des Islams, die nach Ansicht der Muslime von dem Erzengel Gabriel dem Propheten Mohammed offenbart wurden. Die zweite Kategorie von Versen besteht aus Fragen an Mohammed, die ihm seine Jünger und andere Zuhörer seiner Unterweisungen gestellt haben. Die dritte Kategorie der Koranverse besteht aus den Antworten, die Mohammed auf die ihm gestellten Fragen gegeben hat. Zu den Fragen-stellern gehörten oft auch seine Gegner, die entschlossen waren, seine Mission bei jeder sich ergebenden Gelegenheit zu untergraben und häufig versuchten, sich lustig über ihn zu machen. Viele Missverständnisse in Bezug auf den Koran erwachsen durch die Unkenntnis von der Bedeutung des Aufbaus dieses Buches, gerade aus der Kategorie von Versen, welche die Fragen an Mohammed enthalten. So kann man jetzt ahnen, wie einige der Verse fälschlicherweise für Kernlehren des Islams gehalten werden können.

Dr. Seyed Mostafa Azmayesh

Die nächsten Kapitel beschäftigen sich mit der Wissenschaft den Koran auszulegen, mit den Menschenrechten im Koran und mit dem koranischen Verständnis des Begriffs Dschihad. Sie werden nach und nach im Abstand einiger Tage veröffentlicht. Wenn Sie Interesse an der ganzen Schrift haben, können wir Ihnen die gesamte Schrift "Die größten Irrtümer und Missverständnisse über Islam" als PDF Datei zur Verfügung stellen.(Schreiben Sie Ihre e-mail an info at mehriran.de)


[1] Gott wird mit einer Vielzahl von Namen benannt. Sie bezeichnen einzelne Aspekte, Eigenschaften oder Qualitäten des Göttlichen.

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news-992 Thu, 11 Feb 2016 00:21:29 +0100 Vierzehnter Hungerstreik statt Freiheit http://mehriran.de/artikel/vierzehnter-hungerstreik-statt-freiheit.html mehriran.de - Pressemitteilung der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran. mehriran.de - Information für Menschenrechtsaktivisten mit besonderem Fokus auf den Iran und die Welt.

Der Wissenschaftler Mohammad Ali Taheri ist Gründer der Methode „Faradarmani und Psymentology „Komplementärmedizin“. Er sitzt seit 5 Jahren in Einzelhaft im Evin-Gefängnis. Laut des jüngsten Berichts seines Anwalts Seyed Alizadeh Tabatabai  sollte er am 7. Februar 2016 freigelassen werden. Aus Protest gegen eine ungerechte Behandlung, sowie unerträgliche psychische Folter und Unterdrückung, trat er zum vierzehnten Mal am 30. Januar 2016 in einen trockenen Hungerstreik.

Wegen seines schlechten gesundheitlichen Zustands wurde er ins Krankenhaus Baghiatolah transportiert. Nach zwei Tagen Aufenthalt auf der Intensivstation wurde er wieder zurück in die  vorhergehende Zelle ins Evin-Gefängnis eingeliefert.

Er will seinen Hungerstreik bis zu seiner Freilassung nicht brechen ohne Rücksicht auf sein Leben. Zahlreiche Anhänger von Dr. Taheri und Menschenrechtsaktivisten im Iran und im Exil haben angekündigt ebenso in einen Hungerstreik zu treten.

10. Februar 2016, IOPHRI

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news-991 Wed, 03 Feb 2016 12:04:22 +0100 Solidaritätsaktion in Brüssel vor dem Europäischen Parlament http://mehriran.de/artikel/solidaritaetsaktion-in-bruessel-vor-dem-europaeischen-parlament.html IOPHRI - Eine Aktivistengruppe der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran hat den Auftakt für weitere Forderungen zur Freilassung von Dr. Mohammed Ali Tâheri in Brüssel gemacht. Die Aktionen zur Freilassung von Herrn Tâheri gehen am Freitag, 5.02.2016 weltweit weiter. In Berlin werden Aktivistinnen und Aktivisten vor der Botschaft der sogenannten Islamischen Republik Iran protestieren, skandieren, musizieren. Gleichzeitig läuft die Aktion "Das altruistische Selfie" weltweit. Hierbei handelt es sich um ein Foto, das Menschen von sich und einem Bild von Tâheri vor einer repräsentativen Kulisse ihrer Stadt machen. Die Fotos werden dann durch das Netz kursieren und an NGO's und Regierungsorganisationen gehen. Damit wollen die Aktivisten der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschen im Iran, von Faradarmangaran, und von Karamat e.V. ihre Solidarität zum Ausdruck bringen.

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news-989 Tue, 02 Feb 2016 00:03:34 +0100 Weltweite Solidarität für Mohammad Ali Tâheri http://mehriran.de/artikel/weltweite-solidaritaet-fuer-mohammad-ali-taheri.html mehriran.de - Das Regime im Iran beabsichtigt in unrechtmäßiger Weise den kurz vor seiner Haftentlassung stehenden Lehrer und Wissenschaftler Mohammed Ali Tâheri im Gefängnis zu behalten und mit neuen erfundenen Vorwürfen anzuklagen. Aus diesem Grund ist Herr Tâheri zum vierzehnten Mal in den Hungerstreik getreten, um auf seine Situation aufmerksam zu machen. mehriran.de - Am Freitag, 5. Februar 2016 (16. Bahman) werden Menschen weltweit an einer Solidaritätsaktion zu seiner Freilassung teilnehmen. 

Das altruistische Selfie

Um 16:30 MEZ werden Menschen Fotos von sich und einem Foto/Poster von Herrn Tâheri vor einem markanten Punkt ihrer Stadt aufnehmen und im Internet hochladen.

In Berlin werden sich zur gleichen Zeit mehrere Gruppen für seine Freilassung vor der Botschaft Irans einsetzen.
Ab 16:00 Uhr skandieren, singen und musizieren Menschenrechtsaktivisten für seine Freilassung.

Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran, Faradarmangaran, Karamat e.V. 

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news-988 Mon, 01 Feb 2016 14:12:48 +0100 Steinmeier soll sich für die Freilassung politischer Gefangener einsetzen http://mehriran.de/artikel/steinmeier-soll-sich-fuer-die-freilassung-politischer-gefangener-einsetzen.html Pressemitteilung der Gesellschaft für bedrohte Völker: Deutscher Außenminister im Iran und Saudi-Arabien erwartet (2.2.) GESELLSCHAFT FÜR BEDROHTE VÖLKER 
PRESSEMITTEILUNG    Göttingen, den 01. Februar 2016

Deutscher Außenminister im Iran und Saudi-Arabien erwartet (2.2.) 
Steinmeier soll sich für die Freilassung politischer Gefangener einsetzen
Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) hat Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier gebeten, sich im Iran für die Freilassung politischer Gefangener wie der sieben Mitglieder des ehemaligen informellen Führungsgremiums der Baha’i-Religionsgemeinschaft oder des gewaltlosen kurdischen Menschenrechtlers Mohammad Sadiq Kabudvand einzusetzen „Die Gewissensgefangenen haben in den iranischen Haftanstalten Unsägliches auszustehen. Die sieben Baha’i sind nur aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt worden. Wir appellieren an Sie, jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen und sich für die Freilassung von Frau Mahvash Sabet, Frau Fariba Kamalabadi, Herrn Jamaloddin Khanjani, Herrn Afif Naeimi, Herrn Saeid Rezaie, Herrn Behrouz Tavakkoli und Herrn Vahid Tizfahm auszusprechen“, schrieb die Menschenrechtsorganisation an Steinmeier. Die beiden Frauen und fünf Männer sind seit dem 14. Mai 2008 in Gefangenschaft. Die etwa 300.000 Bahá’í stellen im Iran die größte nichtislamische Minderheit, sind jedoch praktisch rechtlos. Ihre Religion hat ihre Wurzeln im Iran und ist eine eigenständige Glaubensgemeinschaft mit derzeit rund sieben Millionen Angehörigen weltweit. Der Bundesaußenminister soll am Dienstag nach Teheran und Riad aufbrechen. 
„Wir begrüßen es sehr, dass sich Außenminister Steinmeier für eine Deeskalation zwischen dem Iran und Saudi-Arabien einsetzen will“, erklärte der GfbV-Nahostreferent Kamal Sido am Montag in Göttingen. Die Regierungen beider Staaten missbrauchen die Religion zur Durchsetzung ihrer geopolitischen Interessen. Der Iran unterstützt das schiitisch geprägte syrische Regime von Baschar Assad und die schiitischen Huthi-Rebellen im Jemen. Saudi-Arabien liefert radikalen sunnitischen Rebellen in Syrien und im Irak Waffen und Geld für ihren „heiligen Krieg“ vor allem gegen Angehörige der ethnischen und religiösen Minderheiten wie Kurden, christliche Assyrer/Chaldäer/Aramäer, Yeziden und Armenier. 
Im Jemen führen Saudi-Arabien und ihre Verbündete einen Krieg gegen die vom Iran unterstützen schiitischen Huthi-Rebellen seit März 2015. „Es muss gelingen, Iran und Saudi-Arabien dazu zu bewegen, aufeinander zuzugehen, um die Kriege in Syrien und im Jemen zu beenden. Dies wäre ein großer Schritt hin zur Bewältigung der humanitären Flüchtlingskrise in den beiden arabischen Ländern. Denn die Menschen dort wollen nichts lieber als in ihrer Heimat bleiben“, sagte Sido. Etwa elf Millionen syrische Staatsbürger sind auf der Flucht. Im Jemen gibt es rund 2,3 Millionen Vertriebene innerhalb des Landes. Dort wurden nach UN-Angaben seit März 2015 etwa 6.000 Menschen im Bürgerkrieg getötet, davon die Hälfte Zivilisten. 80 Prozent der Bevölkerung sind auf Hilfslieferungen angewiesen. 

Kontakt: Dr. Kamal Sido, GfbV-Nahostreferent, Tel. 0173 67 33 980.

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news-986 Mon, 01 Feb 2016 12:13:23 +0100 Interview mit einem Flüchtling aus dem Iran http://mehriran.de/artikel/interview-mit-einem-fluechtling-aus-dem-iran.html mehriran.de - Arman Charostaei stammt aus dem Iran. Vor drei Jahren ist er aus dem Land geflohen, weil die Behörden seine Aktivitäten als Blogger, der sich für Demokratie im Land eingesetzt hat und die Organisation "Junge Menschen für Freiheit im Iran" gegründet hat, als Staats gefährdend betrachteten. Eine Rückkehr ist für ihn mit der Aussicht verbunden weiterer Folter, langer Gefängnisstrafen oder im schlimmsten Fall wegen Spionage und Landesverrats zum Tode verurteilt zu werden. Wir haben ein schriftliches Interview mit ihm geführt. mehriran.de - Interview mit einem Flüchtling aus dem Iran.

Stellen Sie sich bitte kurz vor, wie sie heißen, wie alt Sie sind, woher sie stammen und welche Bildung Sie durchlaufen haben.

Mein Name ist Arman Charostaei, 29 Jahre alt, wohnhaft in Plüderhausen. Ich bin seit über 3 Jahren in Deutschland, habe im Iran Informatik studiert, arbeitete nebenbei in einer Internet Firma und gründete dann im Iran meine eigene Internetfirma. 

In welcher Situation leben Sie jetzt? 

Ich bin 2012 aus politischen Gründen nach Deutschland geflüchtet. Seit dem bin ich in der Warteschleife und warte auf mein Asylrecht, was mit vielen Einschränkungen verbunden ist. Was meine Ziele hier angeht, werde ich trotz großem Willen gehindert. Ich darf keine Ausbildung machen, nicht studieren, nicht mal einen vernünftigen Sprachkurs besuchen und ein Recht auf eigenen Wohnraum habe ich auch nicht. Trotzdem spiele ich in SVP(sportverein-pluederhausen)  Fußball und lerne jeden Tag zu Hause am meinem Copmuter und mit Hife des Internets Deutsch. Auch bin ich sehr bemüht mich an soziale Aktivitäten zu beteiligen und besuche zum Beipiel in meinem Wohnort ein Jugendfreizeithaus, unterhalte mich mit den Besuchern und Mitarbeitern dort, suche das Gespärch und mache damit sehr positive Erfahrungen. 

Wann und warum sind Sie aus dem Iran geflohen?

Seit 2006 gehöre ich zu den bekannten und aktiven iranischen BLOGGERN, die sich für eine Demokratie im Iran einsetzen. Zahlreiche Videos und Interviews im Internet und bei Youtube belegen offensichtlich, dass ich zu der Speersptize der iranischen Opposition gehöre. Im Februar 2010 wurde ich mit meinem jüngeren Bruder verhaftet und für 45 Tage in Einzelhaft gesteckt. Physisch sowie psychisch erlitten wir in dieser Zeit Folter und Gewalt. Nach über zwei Monaten wurden wir nach der Bezahlung von 100 Millionen ‘Toman‘ frei gelassen. Wir mussten auch unterschreiben, dass wir uns im Iran politisch an gar keinen Aktionen beteiligen. Trotzdem gründete ich nur ein Jahr später die Organisation der „junge Menschen für Iranischen Freiheit“ und landete deshalb wieder für 3 Monate ins Gefängnis. Ich habe noch 9 Monaten Satz  Gefängnis. Ein zurückgehen in den Iran ist für mich unmöglich da mein Leben und Sicherheit 100% in Gefahr ist. 

Welcher Religion oder Weltanschauung folgen Sie und welche Werte liegen Ihnen besonders am Herzen?

Ich bin als Muslim geboren habe aber heute keine Religion. Ich glaube an das Gute und Positive in den Menschen. Die Menschenrechte so wie es in der Charta der Vereinten Nationen steht ist für mich die Grundlage meiner Werte. Außerdem, nicht lügen, nicht betrügen, nicht klauen!

Was stört Sie am Leben in Iran?

Mich stören sehr viele Sachen in meinem Land. Die Armut, die Korruption, die Arbeitslosigkeit, die Respressionen des Regiems und die Freiheit der Menschen die bei vielen Dingen sehr eingeschränkt ist.
Im Iran herrscht eine Theokratie, das ist ein Gottesstaat. Dabei muss man wissen, dass wir bis zu der Revolution im Jahre 1979 ein sehr westlich orientiertes Land waren. Die islamische Revolution war in meinen Augen eine nationale Tragöide, die uns in den letzten 37 Jahren sehr viel Unheil gebracht hat.


Was gefällt Ihnen am Leben in Iran?

Das Wetter, die Gastfreundlichkeit, das Essen, dass meine Familie vor allem meine liebe Mutter und mein kleiner Bruder da sind. Gebe es im Iran Freiheit würde ich keine Sekunde flüchten wollen, aber leider haben wir eine ganz andere Situation.


Was stört Sie am Leben in Deutschland? 

Für den Schutz, den mir Deutschland gegeben hat, bin ich vom tiefsten Herzen dankbar,
Dennoch habe ich sehr viel Heimweh, ich habe nicht viele Freunde hier, das Erlernen der Sprache ist sehr schwer, das Wetter ist kalt.
Aber was mich am meisten stört und einschränkt ist, dass ich nach 3 Jahren mein Asylrecht nicht bekomme.
Dass ich keine eigene Wohnung habe, dass ich keinen Sprachkurs besuchen kann, nicht mein eigenes Geld verdienen kann, nicht studieren kann.
Ich werde hier bisher nur geduldet, obwohl mein Leben im Iran gefährdet ist und ich 100% das Recht auf Asyl habe.


Was gefällt Ihnen in Deutschland?

Ich liebe Deutschland und lese gerne die Deutschen Philosophen.
Vor allem liebe ich den Deutschen Fussball. Schon im Iran war ich verrückt danach.
Mir gefällt hier die Freiheit, die Gleichberechtigung, die Demokratie, die deutsche Technik, die deutsche Pünktlichkeit und Diziplin.


Was können Iraner von Deutschen lernen? 

Diziplin, Pünktlichkeit, die Kunst zu Organisieren und zu koordinieren.

Was können Deutsche von Iranern lernen?

Dass man auch mal bißchen lockerer die Sachen sehen soll und sich nicht viel Stress um Kleinigkeiten machen soll.


11. Was wünschen Sie sich für Iran? 

Ich wünsche für mein Land Freiheit, Wohlstand und Demokratie. Ich wünsche mir, dass junge Menschen wie ich nicht mehr flüchten müssen und ihren Beitrag zum Aufstieg des Irans im eigenen Land leisten.

12. Was erhoffen Sie sich für Ihr eigenes Leben in Deutschland?

Ich hoffe, dass ich sobald wie möglich meinen Aufenthalt hier bekomme, schnell die Sprache vertiefe, studiere und einen positiven Beitrag hier leiste. Ich möchte weiterhin die deutsche Kultur und das Land kennenlernen, Freundschaften schließen und hier die Gesellschaft mitgestalten.
Danke für die Möglichkeit des Interviews.

Interview Helmut N. Gabel, mehriran.de, Januar 2016

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news-985 Thu, 28 Jan 2016 20:19:35 +0100 IOPHRI Mitglieder setzen sich im Europäischen Parlament für die Freilassung von Gewissensgefangenen im Iran ein http://mehriran.de/artikel/iophri-mitglieder-setzen-sich-im-europaeischen-parlament-fuer-die-freilassung-von-gewissensgefangenen-im-iran-ein.html IOPHRI- Als Präsident Rohani am Dienstag weitreichende wirtschaftliche Geschäfte zwischen europäischen Handelspartnern und Iran wieder in Gang brachte, trafen Mitglieder der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI) Abgeordnete des EP zum Austausch über die Menschenrechtssituation im Iran. IOPHRI - Am Dienstag und Mittwoch dieser Woche tauschten sich Mitglieder von IOPHRI im Europäischen Parlament zu der aktuellen Menschenrechtssituation im Iran aus. Einige besorgte Abgeordnete begründeten ihr Interesse an den Gesprächen teilzunehmen mit langjährigen Erfahrungen unter rigiden Herrschaftssystemen. Der estnische Parlamentarier Tune Kelam glaubt nicht an den Erfolg des Prinzips "Wandel durch Handel" wenn die Einhaltung der Menschenrechte nicht gleichermaßen in den Fokus der Berichterstattungen in Europa rücken wie die Handelsbeziehungen. Er verweist darauf, dass schon die Nuklearverhandlungen das Thema der Menschenrechte sehr stark in den Hintergrund gerückt haben und geht davon aus, dass jetzt Geschäftsinteressen des Westens im Iran unabhängige Berichte aus dem Iran blockieren werden.

Am Ende der Gespräche stand die Bitte eine Petition zur Freilassung des Gesundheitsforschers Dr. Mohammed Ali Tâheri zu unterschreiben. Mehrere Abgeordnete kamen der Bitte umgehend nach.

Hier der Wortlaut der Petition:

"Wir appellieren an den Präsidenten Hassan Rouhani, den Leiter der Justiz Sadeq Larijani und weitere Verantwortliche der Islamischen Republik Iran ihre besondere Aufmerksamkeit auf den Fall Herrn Mohammad Ali Tâheris zu lenken.

Dr. Mohammed Ali Taheri (geboren 1956) ist kein politischer Aktivist. Er hat mit Erlaubnis der Behörden ein psychologisches Institut gegründet mit dem Fokus physische und seelische Gesundheit zu fördern. Seine Lehre nennt sich Interuniversalismus (auch Psymentologie). Die Methoden dieser Lehre haben rasch Verbreitung gefunden unter zehntausenden Iranerinnen und Iranern. 2010 verhafteten Geheimdienstmitarbeiter Dr. Taheri und beschuldigten ihn der Blasphemie, Apostasie, Beleidigung des Propheten und Gefährdung der nationalen Sicherheit. Ein Gericht verurteilte ihn zum Tode. Sein Todesurteil beruhte auf einem Gesetz, das drei Jahre nach seiner Verhaftung erlassen wurde. Wir sind darüber erleichtert, dass Herrn Taheris Todesurteil nach internationalen Protesten aufgehoben wurde und seine Haftstrafe am 7. Februar 2016 enden wird.

Wir betrachten die Entlassung von Herrn Taheri als ein Indikator für Irans Bereitschaft die internationalen Beziehungen zu normalisieren und ebenso als Schritt der eigenen Bevölkerung nicht länger die Menschenrechte zu verweigern. Die iranische Justiz muss das Datum von Herrn Taheris Entlassung bestätigen. Gleichzeitig treibt uns auf Grund gewisser Anzeichen die Sorge um, dass die Behörden planen Herrn Taheri mit neuen erfundenen Anschuldigungen im Gefängnis festzuhalten.

Er hat bereits fünf Jahre in Einzelhaft verbracht. Herr Taheri hat sich mehrmals in den Hungerstreik begeben, um seine Unschuld hervorzuheben. Einmal dauerte der Hungerstreik 70 Tage. Als Ergebnis schlechter Behandlung und der wiederholten Hungerstreiks befindet sich Herr Taheri in einem kritischen gesundheitlichen Zustand.

Daher möchten wir, Mitglieder des Europäischen Parlaments, Ihnen unsere Besorgnis über Herrn Taheris Gesundheitszustand überbringen und Sie um seine sofortige und bedingungslose Freilassung aus dem Evin Gefängnis bitten."

Die Unterzeichner:

Tunne Kelam MEP, Estland

Andrey Kovachev MEP, Bulgarien

Petri Sarvamaa MEP, Finnland

Wim van de Camp MEP, Niederlande

Cristian Preda MEP, Rumänien

Bendt Bendtsen MEP, Dänemark

László Tőkés MEP, Ungarn

Marijana Petir MEP, Kroatien

Alojz Peterle MEP, Slowenien

Eduard Kukan MEP, Slowakei

http://www.eppgroup.eu/et/news/MEPs-urgent-appeal-on-Dr.-Mohammed-Ali-Tahiri

 

 

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news-983 Mon, 25 Jan 2016 20:43:38 +0100 Menschheit, Hass und Liebe - Teil III http://mehriran.de/artikel/menschheit-hass-und-liebe-teil-iii.html mehriran.de - Dieses Manifest wurde im Dezember 2007 durch die Bewegung fortschrittlich denkender Sufi-Muslime geschrieben und 2009 als kostenlose Schrift herausgegeben. Sie ist aktueller denn je. Wir veröffentlichen diese Schrift in mehreren Teilen auf mehriran.de in der Hoffnung Dialoge in Gang zu setzen, die unerlässlich für einen zivilisierten Fortbestand und Weiterentwicklung unserer modernen Gesellschaft sind.  

mehriran.de - Fortsetzung von Teil I und Teil II

Warum ist der Koran bedeutsam?

In den islamischen Ländern können alle anderen heiligen Schriften, wie die Baghavadgita, die Bibel, die Thora, das Awesta usw. keine Alternative zum Koran darstellen. Die Bevölkerung der islamisch geprägten Länder glaubt an den Islam und wenn jemand anführt, dass in der Bibel oder in der Baghavadgita oder in jeder weiteren Offenbarungsschrift etwas anderes geschrieben steht, sagen die Muslime: „ Na prima, das ist für die, die daran glauben wichtig. Wir folgen unserem muslimischen Glauben. Uns interessiert keine andere Schrift oder Kultur oder Religion. Für uns ist der Inhalt des islamischen Glaubens wichtig. Durch die ganze Geschichte hindurch, wenden sich die Sufi an die Muslime mit der Frage, was sie unter Islam verstehen, welches Konzept sie vom Islam haben. Wir wissen nicht, wie es für euch ist, aber für uns ist der Koran die Hauptsäule des Islam und was im Koran steht, wenden wir im täglichen Leben an. Für alles, was wir tun, haben wir die Unterstützung im Koran. Wir sind also Muslime, haben aber ein anderes Verständnis des Korans. Wir sollten also unsere Versionen des Korans miteinander vergleichen, um zu schauen, welche näher am Koran ist. Die Hauptquelle für den Islam ist der Koran. Und wir müssen auf diese Weise entscheiden, welcher Weg der des Korans ist.

Der Koran gibt Gottes Wort wieder. Was danach kommt, entspringt dem Verstand, der Anmaßung oder der Erfindung der Menschen. Der Koran ist heilig, andere Aussagen sind nicht heilig. Da wir den Koran haben, warum sollten wir uns auf andere Schriften beziehen?

Die Sufis haben den Anspruch zu versuchen den Lehren des Korans zu folgen; nicht mehr und nicht weniger. Das ist alles. Aus diesem Grund wurde das Sufitum in den muslimischen Ländern immer als Alternative zum Islam betrachtet, blieb aber eine Randerscheinung, weil niemand im Namen des Sufitums jemals ein Land regiert hat.

Vergangener und gegenwärtiger Anspruch der Sufis

Sufitum hat den Zweck, übersinnliche Wahrnehmung auszubilden, damit sich der Einzelne selbst wesenhaft erkennt, damit er oder sie sich ganzheitlich entwickeln kann. Doch ist es wichtig zu wissen, dass die Hauptquelle der Inspiration der Koran ist.
Die Sufis halten sich für authentische Muslime. In ihren Augen haben sie das Koranwissen aufgenommen und gründen ihre Handlungen auf diese Werte dieser Schrift.

Rumi hat diese Tatsache sehr eindringlich hervorgehoben. Er lebte in einer sehr unruhigen Zeit der Weltgeschichte. Es war die Zeit der Mongolenstürme in vielen Regionen der Welt, insbesondere in den muslimischen Ländern. In dieser Zeit konnte Rumi Dschingis Khan keinen Ratschlag geben. Sie teilten nicht die gleiche Weltanschauung. Dschingis Khan hatte die Jassa, die Gesetzessammlung der mongolischen Völker. Er folgte einer anderen Schrift, anderen Grundsätzen.

Saadi und Hafis jedoch konnten den Herrscher ihrer Zeit und ihrer Region kritisieren, weil er vorgab Muslim zu sein. Hafis sagte zu ihm: „Was du da tust, stimmt nicht mit den Grundsätzen des Islam überein, denn es widerspricht dem Koran.“

Warum ist dies nicht nur für muslimische Länder bedeutsam?

Die Hauptsorge der gesamten Welt gilt der Frage, wie mit den Herausforderungen, die aus muslimisch geprägten Ländern kommen, umgegangen werden kann. Viele Menschen in muslimischen Staaten wollen die Symbole von Zivilisation und Fortschritt im Namen des Islams angreifen und zerstören. Wenn wir das Problem der Fehldeutung des Islam lösen können, wenn wir den Muslimen klar machen können, dass es einen Weg gibt, der näher an den Lehren des Koran, eine menschlichere Version von Islam, die dem Geist der Koranweisheiten näher ist, wenn viele Muslime eine andere Haltung gewinnen, werden viele Probleme in der Welt gelöst sein.

Dies ist die Bedeutung und der Anspruch von Sufitum für unsere Zeit.

Bedeutsam war die Existenz des Sufitums stets, doch der Unterschied liegt darin, dass Sufis mit den eigenen Zielen beschäftigt waren. Sie haben ihre Schüler unterwiesen, um Frieden und Ruhe in jedem Einzelnen zu ermöglichen. Doch stehen wir jetzt vor der Frage, wie wir die Friedensbotschaft, einen Weg zu Frieden in der ganzen Welt, aufzeigen können.

Die Aufgabe der Sufis in der Gegenwart lautet: schaue mit offenem Sinn in den Koran und du wirst eine ganz andere Version darin finden. Wir können Muslime sein, ohne reaktionär zu sein; wir können Muslime sein ohne fanatisch zu sein; wir können tolerant und Muslim sein, all dies ist möglich.

In der Gegenwart hat das Sufitum eine historische Mission: der ganzen Welt und nicht nur den Muslimen zu zeigen, dass viele Missverständnisse über die Lehren des Korans und des Islams kursieren.

Der Auftrag Mohammeds

In unserer Zeit stecken wir in einem sehr großen Dilemma. Als Mohammad 15 Jahrhunderte vor unserer Zeit in Arabien lebte, war er in einen Stamm hineingeboren, der sich völlig in Aberglauben und Obskurantismus verloren hatte. Diese Menschen konnten weder lesen noch schreiben. Sie beteten Idole aus Stein und Holz an. Es waren Menschen, die Vernunft, Philosophie, Wissenschaft und Weisheit nicht erfahren hatten. Mohammad war ein Prophet, ein göttlicher Bote, ein spiritueller Lehrer. Eine der Folgen seiner Mission war eine kulturelle Revolution, die sich in seiner Heimatregion vollzog. Zum ersten Mal konfrontierte er sein Volk mit dem Wort „Ketab“. Das Buch. Was ist ein Buch? Wie kann man ein Buch schreiben? Wie kann man ein Buch lesen? Wie kann man aus einem Buch lernen? All das brachte er ihnen bei.

Er forderte seine Leute auf, mit dem Steine-anbeten aufzuhören und stattdessen den Weg Gottes zu gehen. Wie? Durch Selbsterkenntnis. Erforsche dein Wesen, das wird genügen. Er zeigte ihnen Kultur und Weisheit und die Überlieferung von Wissen und Weisheit an die kommenden Generationen durch das Schreiben und Lesen von Büchern. Es war eine sehr umfassende historische Mission für seine Zeit. Und jetzt erleben wir, wie Leute in bestimmten Teilen der Welt mit überwiegend muslimischer Bevölkerung, obwohl sie Muslime sind und sich Anhänger Mohammads wähnen, in die Gegenrichtung der kulturellen und spirituellen Revolution ihres eigenen Propheten gehen. Zur Zeit Mohammads verwandelten sie die Beytullah, das Haus Gottes in Mekka, in ein Haus der Idole. Es war mit 360 Idolen gefüllt. Jeder Stamm hatte sein eigenes steinernes Idol darin platziert. Somit war es nicht länger Gottes Haus, sondern ein Götzenhaus. Es war die Zeit, die von Aberglauben und Obskurantismus und Geistesdunkelheit beherrscht war. Die Aufgabe Mohammads war die Idole zu vernichten und sie aus dem Haus Allahs zu verbannen.

Jetzt befinden wir uns im 21. Jahrhundert und wir sehen Leute, die einen vertrockneten Brunnen in der Wüste anbeten und Wunder daraus erwarten.

Also, wenn dies kein Aberglaube ist, was ist Aberglaube dann? Dieser Glaube an den vertrockneten Brunnen und die Erwartung von Wundern daraus, hat mit dem Islam nichts zu tun, mit dem Koran nichts gemein.[1] Es läuft der Mission Mohammads zuwider. Es ist sehr schwer anzunehmen und schier unglaublich, dass Millionen Menschen diesen Weg des Aberglaubens gehen. Dabei glauben sie auch noch, aufrechte und gute Muslime zu sein. Sie glauben die besten Menschen, die je von Gott geschaffen wurden, zu sein. Im Koran gibt es einen Vers, der besagt: „Die größten Verlierer sind die Menschen, die die falschen Handlungen vollführen und glauben, gute Taten zu vollbringen.“ Sie verlieren ihre Energie und ihre Zeit, während sie glauben, Gutes zu vollbringen und dabei Schlimmstes tun. Sie sind die größten Verlierer vor Gott. Dieses Beispiel erleben wir in unserer Zeit. Jeden Tag werden eine Unmenge abergläubischer Praktiken unter dem Namen von Islam angewandt. Die große Mehrheit dieser Menschen weiß nichts über die Lehren des Korans. Islam ist unbekannt. Der Koran ist unbekannt. Es ist notwendig, all diesen Menschen klar zu machen, dass ihr Handeln und Denken im Gegensatz zu den Lehren und der Mission Mohammads steht.
Nicht erfinden wollen wir, was wir hier sagen. Die Sufis sagen dies seit 15 Jahrhunderten. Die Sufis erwarten kein Wunder aus irgendeinem trockenen Brunnen. Sie suchen Gottes Licht in ihrem Herzen. Wenn der Weg des Sufitums bei der muslimischen Bevölkerung und bei der Nicht-Muslimischen Bevölkerung bekannt ist, könnten Frieden und Toleranz zwischen den Zivilisationen und den Kulturen und den Religionen möglich sein. Darüber hinaus wird weniger Spielraum für Aberglauben innerhalb der muslimischen Länder sein. Das betrachten wir als sehr, sehr wichtig.

Notwendigkeit unserer Zeit

Die Notwendigkeit unserer Zeit liegt im Verhindern von Aberglauben.

Wir wollen die Gesellschaften in der gesamten Welt und besonders die westlichen Gesellschaften sensibilisieren, einen Dialog über den echten Islam zu führen, denn wir sehen, dass sich im Westen das Missverständnis bezüglich Islam unter den Einwanderern muslimischen Glaubens immer weiter verschärfen wird. Sie glauben, wenn sie gegen die etablierte Gesellschaft sind oder hasserfüllt gegen die Gesellschaft vorgehen, seien sie gute Muslime.
Wir wollen ihnen sagen, dass dies nicht wahr ist. Islam ist der Weg von Entwicklung, Fortschritt und Entdeckungen. Es ist sehr wichtig, die ganze Welt darüber aufzuklären, was der Koran mitzuteilen hat: dass die Anbetung von trockenen Brunnen und ähnlichem nichts mit Islam zu tun hat, dass es nicht nötig ist, die Menschen zu fanatisieren und durch absonderliche Lehren Gehirnwäsche bei den Leuten zu betreiben, um sie nachher zu Selbstmordattentaten und anderen zerstörerischen Handlungen gegen die moderne Gesellschaft aufzuhetzen.

Nur durch den Intellekt oder Reden über Menschenrechte ist es nicht möglich, in den Köpfen der Bewohner muslimischer Länder etwas zu erreichen. Wenn die UN die Regierung eines muslimischen Landes ermahnt, die Menschenrechte zu beachten, antwortet die Regierung: „Ihr folgt den Menschenrechten, die ihr selbst erfunden habt. Wir folgen dem islamischen Recht, das von Gott gegeben wurde und das uns viel wichtiger ist, als eure Menschenrechte.“ Wir müssen ihnen entgegnen, dass das nicht stimmt. Was diese Regierungen befolgen, steht nirgendwo im Koran. Im Koran steht das Gegenteil von dem, was sie tun. Wir müssen mit ihnen von Muslim zu Muslim sprechen. Christen oder Buddhisten zum Beispiel können keine Kritik an den Muslimen anbringen, denn ihr Standpunkt wird von vorneherein von einem Muslim nicht akzeptiert. Ein Muslim erhebt den Anspruch Recht zu haben, da er bereits ein Muslim ist und ein Nicht-Muslim liegt falsch, einfach dadurch, weil er kein Muslim ist. Ein Dialog ist so nicht möglich. Sie halten sich für höherwertig. Doch wenn man mit ihnen als Muslim spricht und man ihnen aufzeigen kann, dass ihr Konzept von Islam nichts mit dem Koran gemein hat, werden sie sich auf diese Weise überzeugen lassen.
Es ist allemal vernünftiger, Gespräche auf internationaler Ebene über den Stellenwert der Menschenrechte im Koran zu führen, als in der Stube zu sitzen und Rechtsgutachten über Menschenrechte zu erlassen. Wir rufen hiermit nachdrücklich die internationale Gemeinschaft zu einem Dialog über den Stellenwert von Menschenrechten im Koran auf.

Bewegung Fortschrittlich Denkender Sufi-Muslime


[1] Nahe Qom, Iran, steht ein Brunnen über den eine Moschee gebaut wurde. Laut Mahmoud Ahmadinedschad, einem ehemaligen Präsidenten Irans, wird der verborgene Mahdi, der sehnsüchtig erwartete Erlöser der Schiiten, aus diesem Brunnen in die Welt zurück kehren. Seither pilgern Millionen Gläubige dorthin, um ihre Klagen und Wünsche auf Zetteln in den Brunnen zu werfen.

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news-982 Mon, 25 Jan 2016 18:14:39 +0100 Menschheit, Hass und Liebe - Teil II http://mehriran.de/artikel/menschheit-hass-und-liebe-teil-ii.html mehriran.de - Dieses Manifest wurde im Dezember 2007 durch die Bewegung fortschrittlich denkender Sufi-Muslime geschrieben und 2009 als kostenlose Schrift herausgegeben. Sie ist aktueller denn je. Wir veröffentlichen diese Schrift in mehreren Teilen auf mehriran.de in der Hoffnung Dialoge in Gang zu setzen, die unerlässlich für einen zivilisierten Fortbestand und Weiterentwicklung unserer modernen Gesellschaft sind. mehriran.de - Fortsetzung von Teil I 

Was ist Sufitum?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten zu erklären, was Sufitum bedeutet. Wir könnten uns auf eine Vielzahl von Büchern und eine Menge unterschiedlicher Erklärungen durch ebensoviele Sufi Lehrer und Sufi Meister beziehen. Doch wenn wir die gemeinsame Botschaft aller Sufi Meister über die Jahrhunderte betrachten, kommen wir zu folgender Aussage: „Betrachte das Buch deiner selbst, deines geistigen Zustands, damit wirst du vollauf beschäftigt sein.“[1] Mit anderen Worten können wir sagen: kenne Dich selbst und Du wirst Gott kennen. Es ist genau dasselbe.
Jedoch ist das „Kenne Dich selbst und Du wirst Gott kennen“ älter als Sufitum. Diese Aussage findet sich auf einem antiken Tempel in Griechenland geschrieben. (Delphi: Gnothi Seauton)
Diese Botschaft ist von den Sufis weitergetragen worden. Doch haben wir einen weiteren Satz: „Lies im Buch Deiner eigenen Schöpfung, Deines eigenen Daseins, es wird Dich ausreichend beschäftigen.“ Diesen Satz betrachten wir etwas näher. Es wird gesagt, das gesamte Universum sei voller Zeichen, die die Aufmerksamkeit eines Suchenden zum Schöpfer lenken: (2) in allen Teilen der Welt und bei jedem, der sich selbst ernsthaft erforscht. Wenn ein Suchender beginnt, sich selbst zu erforschen, gelangt er zur Wahrheit. Er wird sofort verstehen, was mit Wahrheit gemeint ist. Und er kann nur durch die Erforschung und Erkenntnis seines Selbst zur Wahrheit gelangen. Somit ist dieser Satz „Erforsche das Buch Deines Selbst, es wird dich ausreichend beschäftigen“[2] sehr wichtig. Dies ist eine Zeile, die im Koran geschrieben steht. Im Koran wird also der Einzelne aufgefordert, sich nach einer profunden und wesenhaften Erforschung seiner selbst, tiefgreifend kennen zu lernen. Der Einzelne wird eingeladen, Schicht um Schicht sein Wesen zu durchdringen, bis hin zu seinem wesenhaften Kern; in die Weite seines oder ihres Ozeans einzutauchen.
Die gemeinsame Botschaft des Sufitums und der Lehren aller Sufi Meister über die Jahrhunderte heißt demnach: kenne Dich selbst und Du wirst die Wahrheit erkennen. Wir sollten beachten, dass dieser Satz der wichtigste Appel im Koran ist.

Aber wie kann ich eintauchen in die Tiefe meines Selbst? Wie kann ich mich erkennen? Durch welche Methode kann ich mich kennen lernen? Wir wissen es einfach nicht. Alleine durch mich und meinen Verstand wird es nicht gehen, denn der Verstand hat Grenzen. Mein geistiger Wesenskern aber hat keine Grenzen. Etwas Unbegrenztes kann nicht durch etwas Begrenztes aufgefasst werden. Was kann ich also tun? Die Sufis sagen, dass Gott aus seiner Milde heraus seine eigenen Lehrer, die spirituellen Lehrer gesandt hat, um geeignete Methoden vorzustellen und uns zu lehren, wie wir uns selbst kennen lernen können.

In den Augen der Sufis besteht die Hauptbotschaft der spirituellen Lehrer, die Propheten und Heilige genannt werden, in der Methode der Selbst-Wahrnehmung und der tiefen Selbst-Erfahrung. Das bedeutet für einen Sufi, dass jeder Prophet ein spiritueller Lehrer ist. Jeder Prophet wurde durch Gott gesandt, um der Menschheit Methoden der Selbst-Entwicklung beizubringen. Dadurch erkennen wir die Botschaft der Sufis für jede Einzelne und jeden Einzelnen: wie du und ich und jeder sich selbst entdecken kann.
Die Sufis haben nichts erfunden, was die Methoden der Selbst-Entwicklung anbelangt, aber sie geben diese Methode von Generation zu Generation weiter, entweder durch die göttlichen Lehrer oder durch die Propheten. Die Sufi-Meister bewahren den Rahmen der spirituellen Lehren der Propheten, die dem Individuum ermöglichen, sich geistig weiter zu entwickeln. Dies ist die Hauptbotschaft der Sufis.

Weiterhin sagen die Sufis: du kennst Deinen Schöpfer nicht und Du kennst Deine Welt nicht und Du kennst nicht Deinen Nachbarn. Wenn Du Dich selbst nicht kennst, lebst Du in Unwissenheit. Die unwissenden Menschen sind es gewohnt, sich als Mittelpunkt des Universums zu empfinden und alles für sich zu beanspruchen und Konflikte und Kriege vom Zaun zu brechen und für andere eine Menge Scherereien zu beschwören, weil sie mit sich selbst nicht im Reinen sind. Wenn du dich kennst und dich selbst entdeckst, wirst Du eine Welt voll tiefer Ruhe erfahren. Wenn Du Dich selbst nicht kennst, lebst Du in einem inneren Konflikt mit Dir selbst.

Der erste Schritt im Sufitum ist, Dich selbst kennenzulernen. Nachdem Du Dich selbst entdeckt hast, erfährst Du Ruhe und Dein Verhalten verändert sich. Du beginnst toleranter zu werden. Du verstehst, was Toleranz bedeutet und welchen Wert Toleranz hat.

In den Augen der Sufi besteht das Hauptproblem der Aggressoren darin, dass sie hinter etwas her sind, aber nicht wissen, wonach sie streben.
Sie gehen von hier nach dort und wieder von dort nach hier. Das eigentliche Ziel ihrer Suche ist in ihnen selbst verborgen, doch entfremden sie sich immer weiter von sich selbst.

Was ist das Ziel der Sufis? Was ist die Methode der Sufis? Was ist die Quelle der Inspiration der Sufis? Welches Zukunftsbild haben die Sufis von der Welt?
Was wir hier sagen, findet sich in den Beschreibungen eines jeden Sufi-Meisters wieder. Dies sind die Botschaften von Hafis, von Shah Nematollah, von Saadi, von jedem bedeutenden Sufi-Meister. Insbesondere finden wir dies alles bei Rumi. Wir könnten Tausende von Beispielen dieser Aufforderung eines jeden Sufi anführen.

Kenne Dich selbst. Wenn Du Dich selbst kennst, wirst Du tolerant. Wenn Du Dich selbst kennst, kannst Du Deine Gefühle, Deine Vorstellungen beherrschen und letztenendes kannst Du selbst Herr im eigenen Haus sein. Dadurch erlangst Du innere Ruhe. Und wenn Friede Dein Dasein durchdringt, wirst Du mit allem um Dich herum in Frieden sein. Dies sind Botschaft und Ziel im Sufitum.

Maulana Rumi ist in der ganzen Welt bekannt. Er zeigt uns eine Methode der Selbst-Entwicklung. Er ist überzeugt davon, dass viele individuelle und soziale Probleme durch die Anwendung seiner Methode gelöst werden können.

Ich möchte folgendes Beispiel anführen: zwei Personen schließen einen Vertrag miteinander ab, zum Beispiel heiraten sie oder sie schließen einen Geschäftsvertrag ab und sie meinen es ganz ernst, doch ganz plötzlich geschieht etwas, was nicht vorhergesehen und nicht geplant war. Warum geschieht so etwas? Ich tue vielleicht etwas, was für meinen Partner vollkommen unerwartet ist, so dass mein Partner sich von mir trennen will und mir sagen wird, er hätte nicht gewusst, dass ich so oder so sei, er habe mir niemals zugetraut, dass ich so etwas tun würde. Wenn er das vorher gewusst hätte, hätte er niemals einen Pakt mit mir geschlossen. Ja und das stimmt natürlich. Doch ist es in Wirklichkeit so, dass die Person, die beschuldigt wird, etwas für seinen Partner vollkommen Unerwartetes zu tun, selbst nicht von sich gedacht hatte, es zu tun. Also, der Partner der Person sagt, er habe nicht diese Handlung erwartet, er habe die Person nicht gekannt. Tatsächlich jedoch kennt die Person sich selbst nicht. Wir sind uns demnach unserer Selbst und unserer Handlungen nicht bewusst. Es gibt Milliarden von Möglichkeiten und wir wissen nicht, was wir tun sollen, wie wir uns entscheiden können, wie wir uns selbst beherrschen können. Nur wenn etwas Ungewohntes geschieht, kritisieren uns die Menschen um uns herum dafür, dies und jenes zu tun und nicht etwas anderes. Sie sagen, sie hätten uns diese oder jene Tat nicht zugetraut und sie haben Recht, denn wir hätten sie uns auch nicht zugetraut.

Alle sozialen Probleme zwischen Individuen entstehen auf Grund dessen, dass wir uns nicht verstehen. Alles ist dadurch möglich. Es trifft auf jeden Menschen zu. Niemand kennt sich selbst. Ich würde gerne alles Mögliche wissen, nur nichts über mich selbst. Und dies ist das größte Übel, das wir ausrichten können. Wir entfernen uns so unglaublich weit von unserem geistigen Wesen.

Es gibt ein persisches Sprichwort[3] Du hast Durst und das Wasser steht im Krug. Doch Du gehst so weit weg, um nach Wasser zu suchen. Du gehst zum Meer, um den Fluss zu finden und du findest ihn nicht und es wird alles verworren und verwickelt– dabei ist das Wasser im Krug. Dein Geliebter ist im Haus, während Du überall in der Welt herumreist, um seine Spur zu finden. Aber er ist ja zu Hause bei Dir! Die Wahrheit ist also in Dir. Du gehst überall hin, um die Wahrheit zu finden und schließlich vergisst Du die Wahrheit und Dich selbst und alles Mögliche kann Dir widerfahren.


Als ein Sufi-Meister wandte Rumi ganz gewissenhaft den Aufruf im Koran an, der jedes Individuum dazu aufruft, das Buch der eigenen Schöpfung zu lesen, sich selbst zu entwickeln. Zuerst arbeitete Rumi an seiner eigenen Entwicklung, danach begleitete er andere Menschen in dieser Weise und hinterließ die Botschaft an die Menschheit, persönlich nach Selbsterkenntnis zu streben, sich im Geist zu finden. Ein sehr wichtiges Beispiel dafür finden wir in einem Buch Rumi‘s. Rumi beschreibt im 6. Band seines Mathnawi, wie ein reicher Mann stirbt und seinem Sohn sehr viel Geld hinterlässt. Sein Sohn, der ganz plötzlich zu sehr viel Geld gekommen war, hatte nie gearbeitet und hatte sich nie für die Erwirtschaftung des Reichtums anstrengen müssen. Er kannte den Wert seines Erbes nicht. So gab er das Geld mit vollen Händen aus und nach einigen Jahren war er arm. Er war völlig blank. Gewohnt zu arbeiten war er auch nicht und hatte weder eine Ausbildung noch eine Anstellung, um Geld zu verdienen. Also begann er zu weinen und bat Gott, ihm zu helfen, einen Weg zu finden, um an Essen zu gelangen. Nachdem er eines Nachts viel geweint und Gott angefleht hatte, schlief er endlich ein und träumte von einem verborgenen Schatz, den er fände, wenn er nach Bagdad reiste. Also reiste er aus seiner Heimatstadt in Ägypten nach Bagdad, wo er sofort nach seiner Ankunft ins Gefängnis gesteckt wurde. Man hatte ihn für einen von der Polizei in Bagdad lange gesuchten Räuber gehalten. Der Richter wollte seinen Beteuerungen, doch gar nicht der Räuber zu sein und zum ersten Mal in seinem Leben in Bagdad zu sein, keinen Glauben schenken und ließ ihn im Gefängnis. Endlich, nach vielen langwierigen Untersuchungen der Sachlage, begann man ihm zu glauben, dass er zum ersten Mal in Bagdad und nicht der gesuchte Räuber sei. Doch bevor er entlassen wurde, wollte sein Wächter wissen, warum er denn seine Heimatstadt verlassen habe und nach Bagdad gekommen war. Er erzählte von seinem Traum, in dem er den Schatz gesehen hatte und nach Bagdad geschickt wurde. Der Wächter brach in Gelächter aus und schalt den Mann als überaus dumm. Er erzählte seinem Gefangenen von einer Karte, die er gefunden hatte, auf der ein Schatz eingezeichnet war. Er beschrieb den Ort des Schatzes genau in der Heimatstadt, in der Straße und im Garten des Gefangenen. Dieser eilte zurück, grub an dem ihm bezeichneten Ort in seinem Garten und fand tatsächlich den Schatz, von dem er geträumt hatte.

Er träumte somit von einem verborgenen Schatz und davon, dafür nach Bagdad gehen zu müssen. Er deutete den Traum so, dass er nach Bagdad reisen müsste, weil er dort den Schatz heben könnte. Gemeint war jedoch, er sollte nach Bagdad reisen, um herauszufinden, wie er den Schatz finden könne. Letztendlich befand sich der Schatz unter seinen Füßen.

Diese Geschichte existierte bereits lange Zeit vor Rumi und Rumi erwähnt sie in seinem Buch.

Nezami lebte 150 Jahre vor Rumi. Er erzählte die Geschichte von einem Mann, der in einer Ruine lebte. In dieser Ruine war ein Schatz vergraben. Der Mann war bitterarm. Er war ein Bettler. Jeden Morgen ging er in die Straßen, um zu betteln und kehrte abends zurück. Er starb, ohne den Schatz unter seinen Füßen zu entdecken. Sein ganzes Leben verbrachte er als Bettler. Wir sind genau solche Bettler, lautet Nezami‘s Botschaft. Wir stieren zu den Schätzen links und rechts und der kostbarste Schatz ist in uns selbst verborgen. Doch sind wir uns dessen nicht bewusst und es ist uns auch gleich.

Wir sollten anfangen, eine direkte Verbindung zu unserer Substanz zu graben, um unseren von Gott gegebenen verborgenen Schatz zu finden.

Rumi und andere Sufi-Meister hoben stets hervor, dass sich die Methode der Eingeweihten und der Propheten und Heiligen, diesen verborgenen Schatz zu finden, schon immer von den Methoden der Denker, der Philosophen und der Wissenschaftler unterschied. Wodurch? Die letzteren verwenden ihre fünf Sinne und ihre Vernunft, um auf verstandesmäßige Weise die Welt zu erforschen und das, was hinter den Dingen begründet liegt, zu erfassen.

Rumi führt an, dass die Methode der Sufis anders ist. Die Methode und das Ziel der Sufi ist die Entwicklung der Fähigkeit hinter die Dinge zu schauen; durch die Schleier der Materie andere Dimensionen des Lebens zu erfassen. Die Substanz des Menschen ist wesenhaft, geistig, von göttlicher Natur. Man könnte sie als Hauch Gottes bezeichnen. Mit unseren gewöhnlichen fünf Sinnen, mit denen wir alles Materielle wahrnehmen, genauso wenig wie durch unseren Verstand, können wir diese Seite in uns nicht erfassen. Durch die fünf Sinne und mit Hilfe der Vernunft können wir unser wahres geistiges Selbst nicht auffassen. Wie können wir es anstellen, unsere übersinnliche Wahrnehmung zu entwickeln, um unser geistiges Selbst zu finden?

Rumi und alle Sufi-Meister, die auf den Spuren des Propheten wandeln, sagen: Es ist klar, wozu der Prophet Mohammad und der Koran aufrufen. Erforsche dein eigenes Lebensbuch, das wird genügen. Es ist nicht nötig, Kriege vom Zaun zu brechen, Konflikte anzuheizen und desgleichen mehr. Strebe danach, dich selbst zu erkennen.

Es ergeben sich zwei Erkenntnisse: es ist notwendig, dass wir uns selbst erkennen. Dafür müssen wir eine bestimmte Methode anwenden. Durch Anwendung unseres Verstandes, wie die Philosophen es tun, entdecken wir unser wahres Selbst nicht. Denn unser wahres Selbst ist eine geistige Realität, die aus einer anderen Sphäre stammt und nichts mit der materiellen Welt und mit der Natur gemein hat. Wir können unsere spirituelle Natur nicht mit materiellen Instrumenten entdecken.

Rumi sagte, wir müssten eine andere Methode anwenden, um eine Fähigkeit in uns zu entwickeln, die uns ermöglicht, uns selbst zu entwickeln. Dies ist die Fähigkeit der geistigen Erkenntnis. Sie gewährt uns eine andere Perspektive und ein tieferes Verstehen unserer selbst.

Wenn jemand die tiefe Wirklichkeit von Liebe in sich erfährt, beginnt  der Kraftstrom der Liebe in seinem Dasein zu fließen. Dadurch beginnt er zu verstehen, was Liebe ist und wie die Wechselwirkungen des gesamten Universums mit jedem einzelnen Partikel im Universum zusammenhängen. Dann beginnt er Liebe zum Schöpfer und zu der gesamten Schöpfung zu empfinden. Das Ergebnis der Selbst-Entwicklung, des Selbst-Verstehens, der Selbst-Wahrnehmung gipfelt in dieser Kraft der Liebe, die nicht aufhört, wie Hafis sagt: „In den Augen der Diener des Feuertempels bin ich kostbar, denn in meinem Herzen leuchtet eine ewige Flamme.“

Darin liegt das Ergebnis. Das Herz von Hafis ist voller Liebe. In den Dichtungen von Hafis, Rumi, Saadi und so weiter, finden wir einen starken und kraftvollen Strom von Liebe, weil sie ihr geistiges Selbst entdeckt haben. Sie haben die Reise zu sich selbst vollbracht. Saadi sagt: „Ich empfinde Liebe zur gesamten Welt. Mein Geliebter lebt in jedem Teilchen der Welt und ich bin voller Liebe für meinen Geliebten, der überall durch alles west und waltet.“

Die Entwicklung geistiger Wahrnehmung

Die Sufi Methode geistige Wahrnehmung zu entwickeln ist sehr klar. Sie ist auf zwei Säulen aufgebaut.

Eine Säule besteht aus stiller Meditation und einer intensiven Aufmerksamkeit auf das Pulsieren unseres Herzmuskels.

Die zweite Säule besteht darin, sich auf den Schwingen spezifischer Rhythmen in andere Dimensionen zu erheben.

Dies ist die Methode, die Rumi seinen Schülern beibrachte und die seine Schüler überlieferten. Vor Rumi war es so und nach Rumi blieb es so, dass die Methode der Sufi-Entwicklung nichts mit Verstandesdenken und sinnlicher Wahrnehmung zu tun hat. Die Geistesschüler entwickeln die geistige Wahrnehmung durch Meditation in der Stille und durch Anwendung bestimmter wirkungsvoller Rhythmen.

Die Quelle der Inspiration für den Sufi ist der Koran. Es könnte im Prinzip jedes göttliche oder heilige Buch in der Welt sein. Die Besonderheit unserer heutigen Zeit jedoch liegt darin, dass es sehr viel Verwirrung und Missverständnisse und Vermischungen gibt in Bezug auf die Lehren des Korans.
Viele Menschen, die sich selbst als Muslime bezeichnen, vollbringen unzählige Taten, die als fanatisch, barbarisch oder verbohrt beschrieben werden können. Sie führen diese Taten aus, sie erlauben anderen, diese Taten auszuführen, sie erlauben jede rote Linie zu überschreiten im Namen des Islam. Aber was ist die Quelle ihrer Inspiration? Über welchen Islam sprechen sie? Sehr oft sprechen sie über einen revolutionären Islam. Aber was meinen sie mit revolutionärem Islam?

Letztenendes sollte jede Art von Islam in Übereinstimmung mit den koranischen Lehren sein. Sie können nicht im Gegensatz zu den koranischen Unterweisungen stehen. Also sollten wir erfahren, von welchem Islam sie sprechen. Wir würden gerne wissen, ob diese Personen, die sich selbst als Muslime bezeichnen, wirklich an den Koran glauben oder nicht. Akzeptieren sie den Koran als die Hauptquelle der Inspiration für ihr Handeln oder nicht? Wenn wir auf den Koran schauen, sind viele Handlungen, die jetzt im Namen des Islam geschehen, schlichtweg unmöglich, wenn die Prinzipien aus dem Koran berücksichtigt werden.

Die Bedeutung des Sufitums zeigt sich in ihrer eigenen Methode der Schulung, der Absicht, des Zieles, des Ausgangspunktes, die alle aus dem Koran extrahiert sind und sich in Versen des Korans wiederfinden. Dies ist nicht der Fall bei intoleranten Personen, die alles Mögliche im Namen des Islams tun und die Lehren des Korans verwerfen.

Einer der Gründe, warum unserer Ansicht nach Sufitum in der Vergangenheit und in der Gegenwart stets mit Argwohn betrachtet wurde, ist, dass die Sufi sich sehr stark an den Koran anlehnen.


[1] (اقراء کتابک کفی بنفسک )

[2] اقْرَأْ كِتَابَكَ كَفَى بِنَفْسِكَ الْيَوْمَ عَلَيْكَ حَسِيبًا          Koran/ S 17- v.14
سَنُرِيهِمْ آيَاتِنَا فِي الآفَاقِ وَفِي أَنْفُسِهِمْ حَتَّى يَتَبَيَّنَ لَهُمْ أَنَّهُ الْحَقُّ     Koran    S 41/ v.53

[3]م   آب در کوزه و ما تشنه لبان میگردیم        یار  درخانه و ما گرد جهان میگردی

Ein Manifest von Dr. Seyed Mostafa Azmayesh, Paris und der Bewegung fortschrittlich denkender Sufi Muslime (Einzelpersönlichkeiten aus Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Schweden, Dänemark, Österreich, Schweiz, Frankreich, Großbritannien, Spanien)

Ende Teil II - Fortsetzung im Abstand einer Woche.

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news-981 Mon, 18 Jan 2016 00:07:12 +0100 Interview mit Frau Faezeh Haschemi Rafsanjani, DorrTV http://mehriran.de/artikel/interview-mit-frau-faezeh-haschemi-rafsanjani-dorrtv.html mehriran.de - DorrTV ist ein Internet TV Sender, der mit Interviews von oppositionellen Politikern im Iran von sich reden macht. Da im Iran immer noch Zensur herrscht und freie Äußerungen zu gesellschaftspolitischen Themen schwer zu finden sind, gewinnt der Sender mehr und mehr Aufmerksamkeit im Iran wie im Ausland. Wir werden nach und nach einige Zusammenfassungen von Interviews mit Anwälten zu Menschenrechtsthemen oder Oppositionspolitikern im Vorfeld der anstehenden Wahlen im Iran veröffentlichen. mehriran.de - In einem Gespräch mit DorrTV am 10.01.2016, beschrieb Frau Faezeh Haschemi Rafsanjani ihre Ansichten über islamisches Recht und die Verfassung Irans, sowie Meinungsfreiheit und Freiheit der Presse.

Frau Faezeh Haschemi Rafsanjani sagte aus, dass die Ansätze von Herrn Taheri auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert. Seine Lehre kann daher für Irans Präsenz in der Welt als Vorteil gesehen werden.

Herrn Taheri einzusperren oder ihn gar zum Tode zu verurteilen seien gegen die islamischen Prinzipien. Frau Faezeh Haschemi Rafsanjani fügte hinzu, obwohl die Entwicklung und Veränderungen in der iranischen Gesellschaft zu Rechtsstaatlichkeit und Respekt gegenüber den bürgerlichen Freiheiten sehr langsam seien, könne die aktive Präsenz aller iranischer Bürger in der bevorstehende Wahlperiode eine gute und sinnvolle Methode auf dem Weg dahin sein.

https://www.youtube.com/watch?v=lfsYPFKeJGw.

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news-979 Mon, 18 Jan 2016 00:03:28 +0100 Interview mit Dr. Ahmed Shaheed am 10.09.2015 bei DorrTV http://mehriran.de/artikel/interview-mit-dr-ahmed-shaheed-am-10092015-bei-dorrtv.html mehriran.de - DorrTV ist ein Internet TV Sender, der mit Interviews von oppositionellen Politikern im Iran von sich reden macht. Da im Iran immer noch Zensur herrscht und freie Äußerungen zu gesellschaftspolitischen Themen schwer zu finden sind, gewinnt der Sender mehr und mehr Aufmerksamkeit im Iran wie im Ausland. Wir werden nach und nach einige Zusammenfassungen von Interviews mit Anwälten zu Menschenrechtsthemen oder Oppositionspolitikern im Vorfeld der anstehenden Wahlen im Iran veröffentlichen. In einem Interview mit DorrTV äußert sich Dr. Ahmed Shaheed (UN- Sonderberichterstatter für Menschenrechte im Iran) besorgt über die Menschenrechtslage im Iran. Der Anlass zu seiner Sorge ist die häufige Vollstreckung der Todesstrafe und ungerechte Urteile, die gegen internationale Gesetze verstoßen.

Im Falle von Herrn Dr. Taheri gibt es sehr viele unklare Punkte, die nicht im Einklang mit den Richtlinien des Völkerrechts sind. Nach dem angeblichen Verbrechen, was in seiner Akte festgehalten wurde, kann er gemäß dem Völkerrecht nicht zum Tode verurteilt werden. Aus diesem Grund sind zahlreiche Völkerrechtsverletzungen in der Akte von Herrn Dr. Taheri vorhanden. Die Akte von Herrn Taheri soll erneut geprüft werden!

Herr Dr. Ahmed Shaheed findet: wenn der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen auf spezielle Fälle hindeutet, wird Iran vorsichtiger werden in Bezug auf Verletzungen der Menschenrechte.

https://www.youtube.com/watch?v=eY3kjOcqYnc

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news-978 Sun, 17 Jan 2016 23:19:47 +0100 Interview mit Seyed Mahmoud Alizadeh Tabatabai http://mehriran.de/artikel/interview-mit-seyed-mahmoud-alizadeh-tabatabai.html mehriran.de - DorrTV ist ein Internet TV Sender, der mit Interviews von oppositionellen Politikern im Iran von sich reden macht. Da im Iran immer noch Zensur herrscht und freie Äußerungen zu gesellschaftspolitischen Themen schwer zu finden sind, gewinnt der Sender mehr und mehr Aufmerksamkeit im Iran wie im Ausland. Wir werden nach und nach einige Zusammenfassungen von Interviews mit Anwälten zu Menschenrechtsthemen oder Oppositionspolitikern im Vorfeld der anstehenden Wahlen im Iran veröffentlichen. mehriran.de - Seyed Mahmoud Alizadeh Tabatabai berichtet in einem Interview mit DorrTV von seinem Treffen am 04. Januar 2016 mit seinem Mandanten Mohammad Ali Taheri im Teheraner Evin-Gefängnis: ihm gehe es gut und er sei dankbar und froh über die Ankündigung seiner Freilassung und die Aufhebung seiner Todesstrafe.

In der vorläufigen Sitzung einer Anhörung wurde Herr Taheri in Bezug auf seine Mystiklehre über das Thema „Antithese“ befragt. Die fragende Person verwechselte seine Theorie über ,,Antithese" mit der marxistischen Antithese, was wohl dazu führte, dass man Herrn Taheri als Teil einer marxistischen Gruppe ,,abstempelte". Weitere Untersuchungen fanden bezüglich der ,,Faradarmani" statt.

Die gegen Herrn Taheri verhängte Todesstrafe wurde von einer höheren Instanz des Höchsten Gerichts aufgehoben. Der Chef dieser Abteilung ist sowohl Oberbefehlshaber der Streitkräfte als auch der Justizchef des ganzen Landes. Er hat die Akte von Herrn Taheri sorgfältig geprüft und die Todesstrafe ausgeschlossen.

Herr Alizadeh hofft auf die tatsächliche Freilassung von Herrn Taheri am 07.Februar 2016 (iranischer Kalender: 18. Bahman 1394).

https://www.youtube.com/watch?v=dVNuVK2KMQo&feature=youtu.be

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news-977 Sun, 17 Jan 2016 17:45:12 +0100 Menschheit, Hass und Liebe - Teil I http://mehriran.de/artikel/menschheit-hass-und-liebe-teil-i.html mehriran.de - Dieses Manifest wurde im Dezember 2007 durch die Bewegung fortschrittlich denkender Sufi-Muslime geschrieben und 2009 als kostenlose Schrift herausgegeben. Sie ist aktueller denn je. Wir veröffentlichen diese Schrift in mehreren Teilen auf mehriran.de in der Hoffnung Dialoge in Gang zu setzen, die unerlässlich für einen zivilisierten Fortbestand und Weiterentwicklung unserer modernen Gesellschaft sind. mehriran.de - Dezember 2007 - Dieses Manifest ist ein Aufruf an die ganze Welt zu Toleranz und Liebe.

Progressive Sufi-Muslim Movement / Bewegung Fortschrittlich Denkender Sufi-Muslime

Mancher Muslim wähnt sich höherwertig gegenüber anderen Menschen. Er hält nichts von Gesprächen über den Koran und den Islam mit Christen, Juden oder Andersgläubigen. Wenn wir mit ihnen jedoch von Muslim zu Muslim sprechen können und sie entdecken lassen können, dass ihr Konzept vom Islam nicht mit dem Koran übereinstimmt, wird das eine starke Wirkung haben.

Es macht mehr Sinn teilzunehmen an einem internationalen Dialog zu der Frage der Menschenrechte im Koran, als irgendwo am Schreibtisch zu sitzen und Fatwas gegen Menschenrechte zu erlassen.

Wir sind eine Organisation unabhängiger Mitglieder. Es ist die Bewegung Fortschrittlich Denkender Sufi-Muslime. Die Quellen religiöser Inspiration und die Zukunft der Menschheit sind unser Anliegen.

Mit diesem Manifest rufen wir die Menschengemeinschaft zu einem Dialog über den Stellenwert der Menschenrechte im Koran auf.

Die Krise 

Der Konflikt zwischen Ost und West ist eine vergangene und eine gegenwärtige Tatsache. In den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens herrscht eine schlechte Erinnerung an die Periode des Kolonialismus. Möglicherweise auf Grund dieser Zeit und der im Gedächtnis verankerten negativen Konsequenzen für die Bevölkerung der betroffenen Länder leben dort sehr viele Menschen, die ganz und gar nicht wohlwollend auf  westliche Länder schauen. Sie verabscheuen sogar deren Kultur.

Die Regierungen bestimmter muslimisch geprägter Staaten versuchen diesen historischen Konflikt in der Bevölkerung gegen westliche Länder und ihre Lebensweise in ihrem Sinne zu lenken und zu nutzen. Es ist eine Manipulation mit Hilfe von Religion. Religion wird als ein Manipulationsinstrument für die Massen angewandt. Die Massen werden durch Religion manipuliert und die Religion wird verändert, um die Massen zu manipulieren.

In bestimmten muslimischen Ländern haben Regierungsangehörige bei öffentlichen Reden populistische Botschaften: „Jeder Aspekt einer Religion wie der Islam hat eine politische Note.“(1)

Dieselben Regierungsvertreter sind überzeugt davon, es genüge den Menschen zu sagen, die USA sei der Teufel selbst und jeder werde das Paradies erreichen, wenn er durch Selbstmordattacken den USA und ihren Interessen schadet. Es wird ferner behauptet, es sei ein Versprechen Gottes, das Paradies zu erlangen, indem man andere durch Selbstmord ins Verderben zieht. Ein fanatischer Muslim wird sich alleine wegen der ihm angebotenen Perspektive dafür gewinnen lassen. Um seines Glaubens Willen wird er solch einen Selbstmord in Betracht ziehen. Somit ist es sehr einfach, die Vorstellungen der Menschen durch das Instrument der Religion zu manipulieren. Bestimmt werden sich manche im Nahen und Mittleren Osten fragen: wenn wir dieses Instrument weglassen, wie können wir dann die Menschen lenken oder wie können wir sonst dem Westen die Stirn bieten?

Die Sufis und der Koran

Die Antwort der Sufis ist: Gott hat die heiligen Bücher mitnichten dafür geschickt, um von Menschen in Krisenzeiten nach ihren eigenen Absichten manipuliert zu werden.

Diese Menschen sollten aufhören, den Koran zu kommentieren und zu interpretieren. Sie dürfen nicht den Koran und den Islam und den Glauben der Menschen in ihr Kalkül und in ihre Politik hineinziehen. Dies ist den Menschen gegenüber nicht gerecht. Denn die Bevölkerung dieser Regionen wird dem Imperialismus und Kapitalismus nichts entgegen setzen können. Vielmehr wird die Region schwächer und schwächer, weil die Menschen ihr Vertrauen und ihren Glauben verlieren und sich dem Drogen- und Alkoholkonsum zuwenden werden. Heutzutage ist der ausufernde Drogenkonsum im Iran und in vielen islamischen Ländern eines der drängendsten Probleme. Diese Art, sich den Problemen des Alltags zu entziehen, ist sehr weit verbreitet und außer Kontrolle der betreffenden Regierungen. Viele Menschen verlieren ihre Hoffnungen, die sie in Religion und Spiritualität gesetzt haben. Um sich zu trösten und eine oftmals trostlose Lebenssituation aufzufangen, entscheiden sie sich für den Konsum von Drogen.

Die Zeitspanne, den Glauben der Menschen zu manipulieren, ist sehr kurz. Hinter den Manipulationen der Behörden steht kein langfristiger Plan. Die Verantwortlichen dieser Machenschaften wissen darum. Also wäre es doch angebracht,  andere Lösungen für die angeblichen Auseinandersetzungen mit den imperialistischen und früheren Kolonialmächten zu finden, als den Koran für ihre Zwecke zu missbrauchen. Es ist in keinster Weise erlaubt, Gott und sein Buch und den Glauben der Leute an Gott für politische Angelegenheiten zu manipulieren.

Über die Absichten von Sufitum herrscht Verwirrung. Während wir diese Gedanken entwerfen, können wir sicher sein, dass die betreffenden Regierungen uns den Vorwurf machen werden, im Auftrag imperialistisch gesinnter Staaten zu arbeiten und dass wir die Menschen daran hindern wollen, im Namen des Islam  revolutionär zu sein. Doch was wir wünschen, ist nicht die Revolution der Menschen aufzuhalten. Die Revolution hat mit Sufitum nichts zu tun. Der Sufi hat als echter Muslim die Absicht, den Respekt vor der Heiligkeit des Koran und des Islam zu verteidigen. Jeder Sufi sollte sich in dieser Weise einsetzen, den Respekt und den Wert des Heiligen Koran und der Islamischen Lehren zu verteidigen. Ein Sufi kann nicht mit den Händen im Schoss zusehen, was dem Islam gegenüber an Schaden angerichtet wird. Die fundamentalistischen Regimes fügen dem Islam einen viel höheren Schaden zu, als die Imperialisten und Kapitalisten den muslimischen Ländern jemals zufügen könnten. Also müssen die Verantwortlichen andere Wege gehen, um ihre Probleme zu lösen. Wir als Sufis möchten gerne die Heiligkeit des Buches verteidigen. Dies ist für uns sehr wichtig.

Der historische Konflikt zwischen Ost und West, der in der Zeit Marco Polo’s  begann, befindet sich auf dem Höhepunkt. Jede Seite würde gerne die Übermacht in der Welt ausüben und somit stehen sie sich entgegen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verlor die Ideologie des Marxismus-Leninismus, der sich auf den dialektischen Materialismus stützte, ihre einstige Bedeutung. In der Zwischenzeit ereignete sich die islamische Revolution im Iran, basierend auf der schiitischen Ideologie und nahm den Platz der Sowjetunion als ein Antipode der USA ein. Der Islam wurde eine staatlich gelenkte Religion. Eine Religion im Dienste der Regierung. Einer Regierung, die sich diese Religion für eigene Zwecke dienstbar macht.

Vor diesem Ereignis waren die Medressen im Iran, wie zum Beispiel in Mashad, in Qom usw. vom Staat unabhängige religiöse Seminare. Nach der Revolution jedoch haben die religiösen Zentren ihre Unabhängigkeit eingebüßt. Alle unabhängigen religiösen Personen im Iran haben ihren Rang und ihre Stellung verloren. Jetzt manipuliert das System die Religion. Die Religion steht im Dienste des Systems. Es handelt sich um ein religiöses System und einen religiösen Staat und eine Staatsreligion. Daneben gibt es sehr viele andere fanatische und extreme Bewegungen, wie den Salafismus, den Wahabismus, den Islam talibanischer Art und andere mehr, die noch radikaler sind als die Extremisten im Iran. Daran lässt sich ablesen, dass die Welt auf einen großen, gefährlichen Abgrund zusteuert, der wie ein Drache sein Maul aufreißt, um alles zu verschlucken. Als allererstes werden die Menschenrechte und die menschlichen Werte von diesem Drachenmaul verschlungen werden.

Das allerdrängendste Dilemma unserer Zeit ist die Frage nach der Lösung dieser Herausforderungen.  Das erste, was in dieser turbulenten und konfliktreichen Zeit geopfert wird, ist die Heiligkeit des Koran und die tiefe Weisheit der Propheten, die durch ihr Wirken der Menschheit im Allgemeinen spirituelle Werte und Lehren brachten und dem Einzelnen aufzeigten, wie sie sich substantiell entwickeln können. All diese Lehren, die Inhalt jeder Religion - Islam eingeschlossen -  sind, werden völlig ausgeblendet. Dafür wird jeder Aspekt von Extremismus und Intoleranz in der ganzen Welt mit Islam in Verbindung gebracht. Wir würden gerne verstehen, welche Bedeutung wirklich hinter Islam steht. Wir würden gerne wissen, ob es noch eine andere Version des Islam gibt und ob es eine andere Lesart des Islam gibt, welche von den Muslimen verteidigt wird, welche sich im Rahmen des Korans bewegen und den historischen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten und alle weiteren Verzweigungen des Konflikts beiseite lassen. Wir möchten gerne entdecken, was uns der Koran lehrt und wie wir den Koran besser verstehen können, um den Stellenwert des Korans in der heutigen Zeit zu finden. Wir werden Sufitum erleben, indem wir eine andere Version des Islam hervorheben, die dazu beitragen kann, Frieden in der gesamten Welt und Frieden in jedem Einzelnen entstehen zu lassen.

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[1] Rouh ollah Hossienian/ ref- www.katib-blogfa.com/ 3 juily-2007/ 12 /4/1386

 آیت‌الله نوری همدانی گفت هدف از ترویج تصوف  سرکوب اسلام خروشان و ناشی از فرهنگ اهل بیت(ع) است و  سلاطین جبار با پرو بال دادن به شخصیت هایی چون بایزید بسطامی و فضیل عیاض، قصد بدل سازی برای ائمه اطهار(ع) را داشتند تا به وسیله ارتباط با این افراد، تدین خود را که برای مردم اهمیت داشت، اظهار کنند.  اینها بلایایی بود تا اسلام دارای فرهنگ جهاد را به کشکول و تبرزین و سبیل و چله نشینی تبدیل کنند.

Ayatollah Nouri Hamedani- Qom/ Wednesday 4th July 2007/ 13/4/1386, www.sufinews.blogfa.comwww.insideofira.com

Ayatollah Nouri Hamedani-Qom/Monday 5th December 2007/26/9/1386

www.insideofiran.com/en/?p=694 

Ein Manifest von Dr. Seyed Mostafa Azmayesh, Paris und der Bewegung fortschrittlich denkender Sufi Muslime (Einzelpersönlichkeiten aus Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Schweden, Dänemark, Österreich, Schweiz, Frankreich, Großbritannien, Spanien)

Ende Teil I - Fortsetzung im Abstand einer Woche.

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news-974 Mon, 11 Jan 2016 19:28:32 +0100 Die treuen Kämpfer für Menschenrechte auf dem Ida-Ehre-Platz in Hamburg http://mehriran.de/artikel/die-treuen-kaempfer-fuer-menschenrechte-auf-dem-ida-ehre-platz-in-hamburg.html mehriran.de - Sie stammen aus dem Iran, leben seit Jahrzehnten in Deutschland, haben aber ihre leidenden Landsleute nicht vergessen. mehriran.de - Die Hamburger Bürgerinnen und Bürger kennen sie schon gut. Jeden Samstag steht eine Gruppe Exiliranerinnen und Exiliraner am Ida-Ehre-Platz, die mit den sogenannten Trauernden Mütter im Iran (Madarane Parkeh Laleh) sympathisiert. Es sind meist Frauen, aber auch Männer tragen Plakate und zeigen sich mit Bannern, die die Freilassung aller Gefangenen aus politischen oder Gewissensgründen fordern. Sie setzen sich auch für ein Ende der Hinrichtungen und die Aufhebung der Todesstrafe im Iran ein. Manche Passanten lassen sich auf Gespräche ein und informieren sich, andere scheinen einen Anlass zu finden, ihren Vorurteilen freien Lauf zu lassen. Meist murmeln diese Unverständnis oder Unwillen über Fremdheit und können sich nicht überwinden ins Gespräch zu gehen.

Viele der Männer und Frauen sind selbst Verfolgte des Regimes im Iran, die fliehen mussten, weil sie selbst oder ihre Angehörigen in den Fokus ideologischer Hardliner gekommen sind.

Im Iran herrscht seit 1979 ein komplexes System, das sich als "Islamisch" versteht und sich dem sogenannten Obersten Rechtsgelehrten in allen relevanten Entscheidungen beugt. Das Prinzip nennt sich Velayat-e Faghi. Manche Beobachter sagen mit Blick auf die von breiten Gesellschaftsgruppen getragenen Revolution von 1979 im Iran, sie sei spätestens mit der Besetzung der amerikanischen Botschaft von fanatischen Kräften usurpiert worden, die sich Dank des Krieges gegen Saddam Hussein, fester in den Tiefenstaat und in einige militärisch-wirtschaftlich-juristische Institutionen einnisten konnten. Viele Revolutionäre der ersten Stunden haben sich enttäuscht von dem Ergebnis der Revolution abgewandt. Heute heisst es, wann man die Brutalität der jetzigen Machthaber geahnt hätte, wäre man doch lieber bei den Unterdrückungsmechanismen des Schahs verblieben.

Im Iran kämpfen momentan hauptsächlich zwei Machtblöcke, die in tausende von Untergruppen fraktioniert sind, um die Macht im Iran. Diese beiden Machtblöcke gehören beide der politischen Elite im Iran an. Der eine Machtblock besteht aus Eiferern, Gewaltideologen und treu ergebenen Führerhörigen und schart sich um den Obersten Führer Ali Khamenei. Khamenei ist im theologischen Sinne der Idee des Velayat-e Faghi sehr schwach für die Position legitimiert. Sein jetziger Hauptkontrahent Akbar Rafsandjani, ehemaliger Präsident Irans und jetziges Mitglied im Nationalen Sicherheitsrat, hatte Khamenei nach dem Tod der charismatischen Gründerfigur Ajatollah Khomeini zum Nachfolger vorgeschlagen. Doch seit Khamenei das Amt des Obersten Führers inne hat (1989), haben sich die ehemaligen Verbündeten zu Gegnern entwickelt. Rafsandjani unterstützt Präsident Rohani und scheint die Absicht zu hegen, das Amt des Obersten Führers nach Khameneis Tod nicht mehr besetzen und aus der Verfassung streichen zu wollen, was die Vertreter der Revolutionsgarden und alle Eiferer im Sinne der "Islamischen Weltrevolution" in Rage versetzt. Khamenei wiederum wird nachgesagt, er würde seinen Sohn Mojtaba darauf vorbereiten sein Nachfolger zu werden.

Mojtaba Khamenei wiederum wird eine führende Rolle in der blutigen Niederschlagung der Proteste von 2009 nachgesagt.

In der Zeit dieser starken Rivalität wird das Anliegen aller Menschenrechtler für die politischen Gefangenen im Iran kaum noch wahrgenommen. Gleichzeitig trauen sich immer mehr Menschen auf die Straße zu gehen und gegen Ungerechtigkeiten zu protestieren. Die iranischen Behörden haben große Furcht vor Eskalationen im Land. Gleichzeitig sind die wirtschaftlichen Interessen an Iran im Westen sehr stark angewachsen und Menschenrechte werden nicht so genau betrachtet. Auch ein Sicherheitsinteresse des Westens ist nicht zu vernachlässigen: Iran wird von manchen Politikern und Intellektuellen als stabilisierender Faktor in der Region betrachtet und dadurch eher nicht öffentlich gescholten.

Umso wichtiger ist die Beharrlichkeit der Frauen und Männer in Hamburg, auf die nach wie vor prekäre Menschenrechtssituation im Iran aufmerksam zu machen. Manchmal werden sie von Passanten gefragt, warum sie sich hier noch für Menschen im Iran einsetzen. Dann lächeln sie und sagen, weil wir die Situation dort vor Ort gut kennen und es gar nicht anders geht als auf diese Situation aufmerksam zu machen. Ein isoliertes Leben in Deutschland zu führen und sich nicht für das Leid ihrer Mitmenschen in der alten Heimat zu interessieren, erscheint ihnen leer.

2016, Gyula Fekete für mehriran.de

 

 

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news-969 Sun, 10 Jan 2016 08:29:03 +0100 Hamburg singt für die Freilassung aller Gefangenen aus politischen Gründen im Iran http://mehriran.de/artikel/hamburg-singt-fuer-die-freilassung-aller-gefangenen-aus-politischen-gruenden-im-iran.html Am Samstag, 9.01.2016 zog eine musikalische Karawane vom Rathaus zum Ida-Ehre-Platz. Die Freilassung aller Gefangenen aus politischen Gründen stand im Vordergrund, stellvertretend wurden einige Namen skandiert. Kaboudvand, Hassanpour, Mohammadi, Taheri, Boroujerdi, Baha'i, Sedighi, Hedayat, Daemi, Ardeshir, Saharkhiz, Jalalian waren die Namen derer, die am Häufigsten zu hören waren. Rede von Helmut N. Gabel, Mitglied der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran, zur Einstimmung der Teilnehmer auf die Mustra. Folgende Organisationen waren an der Karawane beteiligt: Erfâne Halghe, Verein zur Förderung von Demokratie und Menschenrechte im Iran aus Hamburg, Madarane Irani Hamburg, kurdische Organisationen (PKDI), Hamayesh Hamburg, Verein zur Unterstützung des Kampfes des iranischen Volkes, Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran, Karamat e.V.

Freiheit für alle politischen- und Gewissensgefangenen im Iran

Diese Straßenaktion findet in Hamburg statt, um friedliche Aktivisten (Frauen und Männer) im Iran in ihren Forderungen zu unterstützen. Diese Forderungen basieren auf grundlegenden Bürger- und Menschenrechten. Jede öffentliche Forderung in Deutschland wiegt im Iran schwer, denn das Regime im Iran möchte die Anerkennung vor allem der Menschen in Deutschland. Wir sind nicht gegen diese Anerkennung, denn Iran hatte einst eine starke Zivilisation und hoch entwickelte Werte. Doch mit dem Regime, dass seit mehr als 30 Jahren im Namen Gottes die Herrschaft brutal ausübt, werden alle diese Werte über Bord geworfen und Gewalt und Intoleranz zum Kult erhoben. Diese Anerkennung kann sich das Regime verdienen, wenn es Taten zeigt, die für eine Gesellschaft, die auf Meinungsfreiheit und Offenheit füreinander basiert, akzeptabel sind.

Im Iran stehen in diesem Jahr Wahlen an. Wir begrüßen die Wahlen, denn sie sind eine Chance den Menschen im Iran Schritt für Schritt Gerechtigkeit, bürgerliche Rechte, Meinungsfreiheit und Würde zu ermöglichen. Wir ermutigen mit unserer Aktion alle Menschen im Iran, sich auf der Grundlage der Menschenrechte für die Freilassung der politischen- und Gewissensgefangenen im Rahmen ihrer persönlichen Möglichkeiten einzusetzen. Wir hoffen, dass Herr Mohammad Javad Larijani es endlich Ernst meint mit seinen Äußerungen die Todesstrafe im Iran zu beenden.

Wir rufen das Regime auf, endlich ihrem Totenkult abzuschwören und ein Ende der Verstümmelungen und Hinrichtungen im Iran einzuläuten. Wir fordern das Regime auf, allen politischen Gefangenen und Gewissensgefangenen die Freiheit zu geben und ihr zukünftiges Handeln nach internationalen Rechtsstandards auszurichten. Wir wünschen den Iranerinnen und Iranern ein Ende des obszessiven Personen- und Führerkults.

Mögen die Menschen Irans die Möglichkeit bekommen ihre Kraft, Fantasie, Kreativität und Größe zu leben und eines Tages als Inspiration für Frieden und Kooperation für die gesamte Region aufzutreten. Dafür singen wir ein Gedicht, dass ihr alle in der Schule gelernt habt. Es stammt von Sa'adi aus Schiraz:

„Die Kinder Adams sind aus einem Stoff gemacht

als Glieder eines Leibs von Gott, dem Herrn, erdacht.

Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder,

dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wider.

Ein Mensch, den nicht die Not der Menschenbrüder rührt,

verdient nicht, dass er noch des Menschen Namen führt.“

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news-967 Thu, 31 Dec 2015 19:48:20 +0100 Islam - zwei gegensätzliche Religionen, ein Name http://mehriran.de/artikel/islam-zwei-gegensaetzliche-religionen-ein-name.html mehriran.de - Interview mit Dr. Seyed Mostafa Azmayesh, Religionswissenschaftler, Forscher auf dem Gebiet der Spiritualität, Menschenrechtsanwalt und Sufi Meister über Koran, Islam, das Leben Mohammeds und zu Gewalt im Namen von Islam. mehriran.de - Die Gewalt im Namen von Islam rückt stärker ins Bewusstsein und in den Alltag westlicher Gesellschaften. Im Mittleren Osten wird diese Gewalt gegen Muslime und Mitglieder anderer Religionen schon lange erfahren. Durch Angriffe wie kürzlich in Paris, sind westliche Gesellschaften jetzt stärker davon betroffen.

Interviewer: Wie können Texte des Korans, die scheinbar zu Gewalt auffordern oder Gewalt anpreisen, aufgefasst werden? Was sollten wir wissen über den Kulturraum und die Zeit, in der der Koran entstanden ist und bekannt wurde? Und wie können wir ihn heutzutage auslegen?

Über den Koran und die beiden Versionen von Islam

Dr. Azmayesh: Keinesfalls fordert der Koran zu Steinigungen, Kopftuch, Vielweiberei, Hinrichtungen durch den Strang oder Töten anderer Menschen auf und dennoch wird all dies im Namen des Islams ausgeführt. Was hier geschieht, passiert auf Grund einer Anschauung von Islam, die sich auf ausgedachte Überlieferungen (Rewayat) stützt und den Koran links liegen lässt. Diese Überlieferungen (Rewayat) wurden willkürlich und fälschlicherweise dem Propheten Mohammed zugesprochen, um ihnen Gültigkeit und Legitimation zu verleihen. Sie haben nichts mit den Lehren des Korans zu tun. Sie widersprechen gänzlich den Botschaften des Korans.
Schon zu Lebzeiten Mohammeds entstanden zwei entgegengesetzte Religionen unter gleichem Namen und in der gleichen Periode. Das hat alles noch gar nichts mit den späteren Abspaltungen von Sunniten und Schiiten und allen weiteren islamischen Denominationen zu tun. Im Koran finden sich Verse, die eindeutige Kritik an den sogenannten Monafeghoun (Heuchler) oder "falschen Muslimen" üben. Diese "Heuchler" waren Anhänger von Stammestraditionen, die sich an ihren Ahnen und Bräuchen orientierten. Sie hielten an ihren abergläubischen Überzeugungen fest, wodurch sie die kulturell-geistigen Lehren des Propheten Mohammed gänzlich ablehnten.

Dass sich Anhänger der vor-islamischen Ahnenkulte und der Götzendienerei zum Islam bekannten, stellte sich recht bald als Lippenbekenntnis heraus, denn sie waren ihren Überlieferungen verhaftet, während sie eine Gruppe "falscher Muslime" innerhalb der neugeborenen Gemeinschaft der Muslime in Mekka bildeten. Diese "falschen Muslime" gaben ein Lippenbekenntnis ab, als sie sich zum Islam bekannten (Shàhâdàt ol Léssânnieh) und die Einheit Gottes priesen, sowie Mohammad als Propheten anerkannten, ohne wirklich davon überzeugt zu sein. Nachdem sie dann Teil der Gemeinschaft der Muslime waren, bauten sie Moscheen, um im Namen Allahs zu beten und zu predigen, taten dies jedoch nach ihrem eigenen Gutdünken und brachten ihre eigenen Interpretationen hervor, um die Menschen von den spirituellen Lehren des Korans abzubringen.
Sie bekämpften Islam nicht mehr als Feinde, sondern integrierten sich in die Gemeinschaft der Muslime, um den Einfluss Mohammads und seiner Führung zu mindern und die Muslime dazu zu bringen, ihnen zu folgen. Sie hielten nichts von dem Islam, der mit den Lehren aus dem Koran übereinstimmte. Eine komplette Sure schildert die Heuchelei dieser Leute und verurteilt ihre Haltung. Das findet sich auch in einigen weiteren Versen. Diese "falschen Muslime" lebten in Medina zu Lebzeiten Mohammeds.  Hier ist die Geschichte der Menschheit Zeuge geworden, wie zwei sich widersprechende Religionen unter dem Namen Islam seit 622 n.Chr. (nach dem Auszug Mohammeds und seiner Gefährten von Mekka nach Medina) geboren wurden.


Es gibt diverse Unterschiede von großer Tragweite zwischen den beiden Islam-Versionen, die man den Islam der abergläubischen Beduinen und den Islam der Bürger (al-Islam ol Màdàni: in Medina) nennen könnte. Der Koran enthält die Botschaft, Menschen dazu zu inspirieren, hoch zivilisierte Gesellschaften aufzubauen, die sich auf Recht, Gleichwertigkeit, Partnerschaftlichkeit, Toleranz, Ritterlichkeit, Bildung, Respekt für Bürgerrechte gründen. So finden sich im Koran die Königreiche von David und Salomo als Beispiele für eine spirituelle Kultur und den Aufbau einer idealen Gesellschaft. Im Koran wird jeder individuelle Mensch als Stellvertreter Gottes auf Erden betrachtet. Im Gegensatz dazu, waren die Nomaden und herumziehenden Beduinen der arabischen Halbinsel jener Zeit ein Leben ohne Bindungen an einen Ort gewohnt und lehnten zivilisatorische Errungenschaften ab. Ihre Weltsicht widersprach zivilisatorischen Werten und Errungenschaften. Sie sicherten ihr Überleben dank Raubüberfällen, Eroberungen und in Besitznahme anderer Leute Güter. Sie wirkten als Zerstörer von Zivilisationen. 

Diese beiden antagonistischen Weltsichten gab es seit Anbeginn der Menschheit. Doch diese aggressive Weltsicht mit ihren Werten fehlt nicht nur gänzlich darin, sondern widerspricht geradezu dem Koran. So setzten sich an Stelle des Korans gewisse Überlieferungen (Rewayat) durch, die von bestimmten Geistlichen unter Menschen, die weder schreiben noch lesen konnten, verbreitet wurden. Diese Geistlichen erfanden also "überlieferte" Sprüche (Rewayat) und ordneten sie dem Propheten Mohammad zu. 

Der Koran hat zwei Aspekte: am Wesentlichsten sind die Lehren über die Entwicklung der individuellen Substanz, ein Weg, der für jeden Menschen möglich ist. Der zweite Aspekt enthält Gesetze und Prinzipien zur Gestaltung des Gesellschaftslebens, die einen Entwicklungscharakter haben und der jeweiligen Zeit und den jeweiligen Umständen angepasst sein müssen. Ein Beispiel: es findet sich im Koran ein Gesetz, das die Anbetung von Götzen und das Erbringen von Opfern diesen Idolen gegenüber für die Menschen auf der Arabischen Halbinsel verbietet. Zur gleichen Zeit gab es in unmittelbarer Nachbarschaft der Arabischen Halbinsel (z.B. in Persien) ein Kastenwesen, wo die Menschen in ihrer jeweiligen Kaste limitiert waren; manche Menschen durften schreiben lernen und Schulen besuchen, andere nicht. Der Koran postuliert Gleichwertigkeit und fordert Chancengleichheit für alle Menschen. Unterschiede zwischen Menschen entspringen dann eher aus dem Grad ihrer Nähe zu Gott und ihrem inneren Entwicklungszustand. Diesen Zustand kennt alleine Gott und keine menschliche Autorität. Dadurch kann sich niemand erlauben, andere abzuwerten. Jeder ist gleichwertig. Diese Ansicht von Gleichwertigkeit lebte weder auf der Arabischen Halbinsel, noch in den Anrainerstaaten jener Zeit. So führten die Lehren des Korans dieses Prinzip ein. Es heißt im Koran, dass jeder Mensch ein potentieller Stellvertreter Gottes auf Erden sei. Diese Tatsache ist unabhängig von Hautfarbe, Sprache, sozialem Hintergrund eines Menschen und anderer sekundärer Merkmale einer Person. Viele Verse des Korans sprechen nicht von Muslimen und Nicht-Muslimen, sondern von den Kindern Adams, "Bani Âdam".

Interviewer: Wie können Menschen, die sich dem Islam verbunden fühlen, angesichts von Gewalt im Namen des Islams reagieren? Was ist Ihre Antwort auf diese Gewaltanwendung, der damit verbundenen Unwissenheit und den damit in Zusammenhang stehenden Anschuldigungen? 

Gewalt im Namen des Islams            

Dr. Azmayesh: Die Angriffe, die im Namen des Islams von fanatischen Islamisten stattfinden, entbehren jeder Verbindung mit der Lehre des Islam. Für mich finden sich die Unterweisungen des Koran allesamt im Koran und die Grundlage dieses Buches ist Einheit. Das Buch betont die Schöpfung der Welt durch einen einzigen Schöpfer und den eigentlichen Grund der Schöpfung: in diesem endlosen Weltall ist der Mensch Stellvertreter Gottes. Es ist einfach nicht möglich, ein anderes menschliches Wesen, einen Mitmenschen und gleichfalls Stellvertreter Gottes, zu enthaupten. Dies sind Sufi Weisheiten, die der Koran enthält. Leute, die Mitmenschen im Namen des Islam töten, haben leider gar keine Kenntnisse über Islam. Der Islam dieser Leute hat nicht im Geringsten etwas mit dem Koran gemein, ihre Handlungen widersprechen den Lehren des Korans. Die Definition von Islam findet sich im Koran: es ist der Name eines methodischen Vorgehens, einer praktischen Anwendung, die seit der Zeit Abrahams bis in die Zeit Mohammeds zur Anwendung kam. Es ist der Pfad der substanziellen Entwicklung einer Person, die eine Reihe von Übungen praktiziert, um ihr "krankes" oder "unentwickeltes" Herz in ein "gesundes" oder "erleuchtetes" Herz zu verwandeln. Die Methode umfasst verschiedene Elemente oder Anwendungsformen, wie Selbstbetrachtungen und Selbsterkenntnis oder das Ausüben bestimmter Rhythmen, stilles oder hörbares Rezitieren von Mantren oder Zhikrs (rhythmisch wiederholte Namen Gottes), Herz-Meditationen und Hinwendung der Aufmerksamkeit im Alltag auf Gott. Die Hinwendung der Aufmerksamkeit auf das Herz und die Verbindung zum Herzen ist in dieser Methode entscheidend. Wenn unser Herz nicht gesund ist, können Körper und Seele ebenfalls nicht ihre volle Kraft entfalten oder gesund sein. Ein Muslim ist ein Mensch, der diesen Prozess mit der Absicht einer "Gesundung" durchläuft.

Interviewer: Zitiert wird neben den Stellen im Koran, wo Gewalt zur Sprache kommt, immer wieder auch das Leben des Propheten Mohammad als Beispiel für Gewaltanwendung. Wie können wir solchen Vorwürfen am besten begegnen?

Das Leben des Propheten Mohammad

Dr. Azmayesh: War Mohammad ein Krieger oder jemand, der seine spirituelle Entwicklung aktiv in die Hand genommen hat? Hat er Frauen von seinen Gegnern geraubt? War er Analphabet, wodurch der Koran nach seinem Tod geschrieben wurde? Hat Mohammad Menschen gezwungen, sich zum Islam zu bekennen? Das sind einige der fixen Ideen und Vorstellungen, Vorurteile in vielen Köpfen, die sich im Verlauf der Geschichte angesammelt haben und die Mohammad schlecht aussehen lassen.
Nach der öffentlichen Bekanntgabe seiner Mission predigte Mohammad für die Dauer von 23 Jahren: 13 Jahre davon in Mekka und danach 10 Jahre in Medina. Er hat seine Weltanschauung und seinen Aufruf an die aggressiven Stämme der Umgebung, ihr Verhalten an friedlichen Werten auszurichten, verteidigt. Gleichzeitig war er gegenüber anderen Weltanschauungen tolerant, was sich mit der Formel "ihr habt eure Überzeugungen, ich habe meine" ausdrücken lässt. Er war bereit, Dialoge zu führen und forderte andere auf, mit ihm zu diskutieren. Gleichfalls heißt es im Koran: "Mit Menschen Gespräche zu führen ist die beste Art des Umgangs."Viele Menschen jener Region haben jedoch seine Lehren über den Weg der Liebe, der Toleranz, der Einheit, der Partnerschaftlichkeit nicht angenommen und haben ihn und seine Gedanken als Bedrohung ihrer gewohnten Lebensführung betrachtet.

Die Kernursache der ganzen Kämpfe und militärischen Auseinandersetzungen liegt in der Absicht bestimmter Leute, Mohammed zu ermorden. Mohammed flüchtete aus Mekka nach Medina, wo er über 30 Angriffe seiner Gegner aus Mekka abwehren musste, um seiner persönlichen Vernichtung und der Auslöschung seiner Gemeinschaft zu entgehen. Da er sich verteidigen musste, ließ er einen Wall und einen Stadtgraben um Medina ziehen, um Medina vor Überraschungsangriffen zu schützen. Schließlich wurden seine Gegner mürbe und ihr Glaube an ihre eigene Weltanschauung begann immer weiter abzunehmen, so dass sie sich am Ende der Gemeinschaft Mohammeds anschlossen. Zuletzt zog Mohammed kampflos nach Mekka ein und erklärte das Ende der Zeit der Götzenanbetung. Dann wies er die Entfernung der Idole aus der Kaaba an, um der Kaaba ihre ursprüngliche Widmung zurück zu geben. Schließlich kehrte er zurück nach Medina, wo er Zeit seines Lebens verblieb.
In groben Zügen war das die Lebensgeschichte Mohammads. Nach seinem Tod folgten vier von der Gemeinschaft gewählte Kalifen, von denen der letzte, Ali ibn Abi Talib, durch einen Eiferer während eines Morgengebets in der Moschee von Kufa (im heutigen Irak) ermordet wurde. Danach usurpierte ein despotisches System die Macht und formte ein Reich, das seinen Herrschaftsbereich unter der Flagge des Islams von China bis nach Spanien expandierte. Alte Stammesbräuche, wie Sklavenhaltung, Enthauptungen, Steinigungen, Genitalverstümmelungen bei jungen Mädchen, Verschleierungszwang, wurden auf der Grundlage von Überlieferungen (Rewayat) - die einige den Machthabern nahe stehende Leute erfunden und dem Propheten zugeschrieben hatten - fortgesetzt. Dies nutzte den Despoten, die die Macht ergriffen und sich selbst zum Kalifen und Führer der Gemeinschaft der Muslime proklamiert hatten.

Interviewer: Im Iran werden Sufis unterdrückt, da man ihnen vorwirft, keine guten Muslime zu sein. Sie versuchen schon seit vielen Jahren eine Stimme für sie zu sein und ihnen zu helfen. Das bedeutet, Sie sind sehr erfahren darin und wissen vermutlich, wie mit dem Druck der aktuellen Zeit umzugehen ist. Wie kann man am besten mit einem solchen Druck umgehen?

Dr. Azmayesh: Der Leitstern meines Handelns ist geistige Ritterlichkeit (Javânmardy). Was wir seit Jahren in Europa versuchen, ist über die Gefahren aufzuklären, die aus den Ereignissen im Iran vor mehr als 35 Jahren erwachsen sind. Da ich aus dem Iran stamme, habe ich all das erfahren und jetzt sehe ich, dass es sich in Europa anbahnt. Daher versuchen wir die internationale Gemeinschaft über die zunehmende Gefahr aufzuklären. Es gilt sich der Gleichgültigkeit und Unwissenheit über die Gefahr, die mehr und mehr zunimmt, entgegenzustellen. Die Gefahr wird zu wenig ernst genommen. Die Leute denken oft, dass sich all dies woanders zuträgt, bevor sie plötzlich mit unerwarteten Situationen konfrontiert werden und viel zu spät erwachen und feststellen, dass ihr Handlungsspielraum sehr klein geworden ist. Das Phänomen, mit dem wir es zu tun haben, ist anti-zivilisatorisch und brandgefährlich. Die Gräueltaten im Sindschar sind bekannt geworden: Männer wurden ermordet, da sie sich nicht den Aggressoren anschließen wollten, Frauen wurden auf Märkten als Sklavinnen verkauft. Das ist nicht zu fassen, es ist empörend und die Taten lassen sich überhaupt gar nicht aus dem Islam heraus rechtfertigen oder womöglich gut heißen. Die Gefahren eines auf Überlieferungen (Rewayat) gegründeten Islams für die an einer konstruktiven Zivilisation interessierten Menschen, sollten uns allen bewusst sein. Darüber gilt es öffentlich und wiederholt und deutlich zu sprechen. Dafür braucht es immer wieder geeignete Plattformen und vertiefende Gespräche für die ich zur Verfügung stehe.

All rights reserved, Dr. Seyed Mostafa Azmayesh

Dezember 2015

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news-966 Wed, 30 Dec 2015 15:44:31 +0100 Seyed Khalil Alinejad http://mehriran.de/artikel/seyed-khalil-alinejad.html Musik in memory of one of the greatest artists originating from Iran. news-965 Tue, 29 Dec 2015 15:57:21 +0100 Seyed Khalil Alinejad spielt Tanbur und singt http://mehriran.de/artikel/seyed-khalil-alinejad-spielt-tanbur-und-singt.html Einer der größten Musiker singt mit inniger Leidenschaft eine Hymne. Seyed Khalil Alinejad starb in Göteborg bei einem Hausbrand im November des Jahres 2001. Die Umstände seines Todes wurden nie aufgeklärt. Laut Berichten soll er vor dem Brand mit einem Messer schwer verletzt worden sein. Er wohnte in sehr bescheidenen Verhältnissen in einem Asylheim der südschwedischen Stadt. 

Seinen Lebensunterhalt verdiente er mit Unterricht auf dem der Laute ähnlichen Instrument Tanbur und der kurdischen Rahmentrommel Daff. Er war Angehöriger der Ahl-e Hagh, einer der Mystik zugetanen Gruppe mit langer Tradition im West-Iran. 

Er hat zahlreiche Verehrer und Nachahmer in West und Ost, wird aber weitestgehend ignoriert von westlichen Medien. Seine Musik gilt seinen Anhängern als unsterblich. Jedes Jahr finden Gedenkfeiern zu seinen Ehren statt.

Etwas mehr Informationen gibt es auf Englisch:

http://www.iranhrdc.org/english/publications/witness-testimony/1000000276-witness-statement-of-hamed-khajeheian.html

http://www.huffingtonpost.com/stephen-schwartz/mourning-seyed-khalil-alinejad_b_1115697.html

http://www.ahl-alquran.com/English/show_news.php?main_id=20536

http://www.iranhrdc.org/english/publications/witness-testimony/1000000276-witness-statement-of-hamed-khajeheian.html

 

 

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news-964 Tue, 29 Dec 2015 12:17:49 +0100 Den Frieden trommeln http://mehriran.de/artikel/den-frieden-trommeln.html Politische- und Gewissensgefangene im Iran bekommen Unterstützung aus Hamburg. Am Samstag, 9. Januar 2016 zieht eine musikalische Karawane durch die Innenstadt. Sie stehen seit Jahren auf Europas Straßen oder klopfen an die Türen staatlicher Institutionen, um Aufmerksamkeit für die verzweifelte Lage der vielen Gewissens- und politischen Gefangenen im Iran zu gewinnen. Die Menschen, die ihre freie Zeit damit verbringen sich für sie fremde und ferne Menschen einzusetzen, sind in verschiedenen Vereinen und Nichtregierungsorganisationen organisiert. Sie stammen aus dem Iran oder aus Deutschland. Der gemeinsame Nenner sind grundlegende Rechte des Menschseins, wie freie Meinungsäußerung und das Recht die eigene Weltanschauung zu haben. In einem Gedicht des iranischen Dichters und Mystikers Saadi Shirazi drückt sich für viele Menschenrechtsaktivisten aus, warum sie sich einsetzen:

„Die Kinder Adams sind aus einem Stoff gemacht
als Glieder eines Leibs von Gott, dem Herrn, erdacht.
Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder,
dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wider.
Ein Mensch, den nicht die Not der Menschenbrüder rührt,
verdient nicht, dass er noch des Menschen Namen führt.“

Schon am 11. Dezember, einen Tag nach dem internationalen Tag der Menschenrechte, setzte sich eine Karawane von Aktivisten vor dem Gebäude des "Spiegel" in Gang und bewegte sich für die Freiheit aller Gewissensgefangenen im Iran skandierend zum Redaktionsgebäude der "Zeit", wo jeweils Dossiers einiger Gewissensgefangenen im Iran an die Redaktionen übergeben wurden.

Im Iran werden die Aktionen als Unterstützung für dortige Menschenrechtsaktivisten wie die Sacharow Preisträgerin Nasrin Sotoudeh, die regelmäßig mit anderen auf die Straße geht, aufgefasst. Auch die Gefangenen wissen es zu schätzen, es gibt ihnen neuen Lebensmut. Behördenvertreter im Iran wollen die Aktionen nicht kommentieren, aber es zeigt sich, dass so viel Öffentlichkeit über die Zustände im Iran, die mit hohem Einsatz versucht werden zu verbergen, den Vertretern des Systems Druck machen. So kann man ab und zu von Erfolgen sprechen, wenn Todesurteile aufgehoben werden oder wie im Fall Nasrin Sotoudehs 2013 die Gefängnisstrafe vorzeitig ausgesetzt wird.

Karawane zieht im Dezember 2015 durch Hamburg

Am Samstag, 9. Januar 2016 werden Aktivisten der Internationalen Organisation für Menschenrechte im Iran (IOPHRI), Erfane Halghe, Unterstützungsgruppe für die Mütter vom Laleh Park im Iran (Madarane Parke Laleh), Verein für Menschenrechte und Demokratie im Iran, Hamayesh Hamburg e.V., PDKI, Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), Karamat e.V. und Einzelpersonen eine Aktion auf dem Ida-Ehre-Platz für die Freilassung aller politischer- und Gewissensgefangene im Iran durchführen. Einige der Aktivisten werden das Gedicht von Saadi auf Trommeln und singend zum Besten geben.

Stellvertetend für alle politischen- und Gewissengefangenen im Iran wird auf das Schicksal von Narges Mohammadi, Mohammad Ali Taheri, Atena Daemi, Sadiq Kabudvand und Ajatollah Kazemei Boroujerdi hingewiesen.

Berichte bisheriger Veranstaltungen in Frankfurt, Hannover, Berlin, Hamburg:

https://www.gfbv.de/de/news/freiheit-fuer-sadiq-kabudvand-und-alle-politischen-gefangenen-im-iran-7579/

karamat.eu/artikel/teheran-london-und-berlin-proteste-gegen-menschenrechtsverletzungen-im-iran.html

http://www.amnesty-hamburg.de/bezirk-hamburg/veranstaltungsberichte/87-zeig-gesicht-fuer-menschenrechte-im-iran-2010

https://www.youtube.com/watch?v=Z17u31bO5Yo

https://www.youtube.com/watch?v=yKWn422IlyA

mehriran.de/artikel/azady-freiheit-fuer-alle-gewissensgefangenen-im-iran.html

mehriran.de/solidaritaet.html

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news-963 Sat, 12 Dec 2015 10:13:19 +0100 Âzâdy - Freiheit für alle Gewissensgefangenen im Iran http://mehriran.de/artikel/azady-freiheit-fuer-alle-gewissensgefangenen-im-iran.html mehriran.de - Musikalische Strassenaktion zur Freilassung aller Gewissensgefangenen im Iran geht weiter. Am Freitag, 11. Dezember 2015 zog eine Karawane der Protestierenden durch Hamburg. mehriran.de - Mehrere Dutzend Männer und Frauen zogen um 14:00 Uhr am neuen Redaktionsgebäude des "Spiegels", Ericusspitze 1, mit Bildern und Plakaten von Gewissensgefangenen im Iran und Forderungen zu ihrer Freilassung in Richtung Innenstadt los. Unterwegs machte die Karawane halt vor dem Gebäude der "Zeit", Speersort 1, um lautstark und mit Unterstützung von Rahmentrommeln Forderungen zur Freilassung der Gewissensgefangenen kund zu tun. Beiden Redaktionen wurde jeweils ein Dossier zu den aktuellen Menschenrechtsverletzungen durch das Regime im Iran übergeben.

Die Abschlusskundgebung mit Rufen nach Freiheit für Iran fand auf dem Ida-Ehre-Platz statt, wo Tausende Menschen ihre Einkäufe erledigend und Geschäftstermine wahrnehmend entlang gingen. Die Aktion erzeugte große Aufmerksamkeit.

Dorr TV berichtet hier über die Aktion in den Iran: Link.

Folgende Organisationen waren an der Aktion beteiligt: 

Erfân-e Halghe, Verein für Menschenrechte und Demokratie im Iran, Gesellschaft für bedrohte Völker, Hamayesh, Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran, Solidarität mit den Müttern von Parke Laleh im Iran, PDKI, Verein zur Unterstützung des Kampfs des iranischen Volkes, Karamat e.V.

Diese Organisationen sind bereit die Mustra (musikalische Strassenaktionen) zur Freilassung aller Gewissensgefangenen im Iran fortzusetzen.

Hier einige Eindrücke von der Aktion:

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news-962 Fri, 04 Dec 2015 23:30:40 +0100 Filmvorführung “To Light a Candle“ http://mehriran.de/artikel/filmvorfuehrung-to-light-a-candle.html Anlässlich des Internationalen Tags der Menschenrechte lädt die Baha'i Gemeinde herzlich zur Filmvorführung mit anschließendem Panel ein: Können wir uns in Deutschland überhaupt vorstellen, was es bedeutet, keinen Zugang zu Bildung zu haben? Nicht studieren zu dürfen und von den meisten Berufen ausgeschlossen zu sein? Eigentlich nicht. Bildung ist ein Menschenrecht und ein Lebensrecht. Es ist der wichtigste Zugang zu Teilhabe und einem selbstbestimmten Leben. Die Realität jedoch sieht oft anders aus: In vielen Ländern der Welt ist das Recht auf Bildung für bestimmte Menschengruppen ein Luxusgut - so auch für Geflüchtete in Deutschland oder die im Iran lebenden Bahá’í.

Filmvorführung “To Light a Candle“

Anschließendes Panel: 

Maziar Bahari, Filmemacher (via Skype); 

Sepehr Atefi, iranischer Menschenrechtsaktivist und 

Nora Hauptmann, Kiron Open Higher Education.

Moderation: Shila Meyer-BehjatJournalistin und 

Leiterin der Online-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins enorm.

9. Dezember 2015 im Babylon

Einlass: 17.00 Uhr 

Beginn: 17.30 Uhr 

Ab 19.30 Uhr: Get together 

Babylon, Rosa-Luxemburg-Str.30, 10178 Berlin 

EINTRITT FREI.

Die Dokumentation des preisgekrönten iranischen Filmemachers Maziar Bahari erzählt die Verfolgungsgeschichte der Bahá’í im Iran und zeigt ihre Initiative, mit dem „Bahá’í Institute for Higher Education“ jungen Bahá’í-Studenten im Iran eine Lebensperspektive zu bieten. Bahari ist zudem Initiator der weltweiten Kampagne #notacrime, die sich für das Recht auf Bildung und freie Meinungsäußerung im Iran einsetzt.  

Kiron Open Higher Education gUG ist ein Social Start Up, dessen Ziel es ist, geflüchtete Menschen weltweit durch kostenfreie Hochschulbildung dazu zu befähigen, sich sowohl auf wirtschaftlicher Ebene in den Arbeitsmarkt als auch auf sozialer Ebene in die Gesellschaft zu integrieren. Im Oktober 2015 konnten die ersten 1.350 Studierenden ihr Studium bei Kiron aufnehmen.

Im Gespräch erfahren Sie Hintergründe und wie Sie unterstützen können.

Über Facebook zusagen, teilen und informiert bleiben. 

Weiterführende Informationen: 

Dafür steht Kiron Open Higher Education.

Mehr zu Maziar Baharis Menschenrechtskampagne #notacrime.

BABYLON: http://www.babylonberlin.de

Hinweis: Foto- und Filmaufnahmen von Gästen und Mitwirkenden der Veranstaltung können im Rahmen des Internet-Auftrittes der Bahá’í-Gemeinde Deutschland KdöR und in sozialen Netzwerken veröffentlicht werden. Mit der Teilnahme an der Veranstaltung erklären sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer damit einverstanden. 

Bahá'í-Gemeinde in Deutschland K.d.ö.R.

Vertretung Berlin

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news-960 Mon, 30 Nov 2015 14:30:39 +0100 Vom Alex bis zum Brandenburger Tor - Musikalische Strassenaktion für Gewissensgefangene im Iran http://mehriran.de/artikel/vom-alex-bis-zum-brandenburger-tor-musikalische-strassenaktion-fuer-gewissensgefangene-im-iran.html mehriran.de - Am Samstag, 28. November zog eine Karawane mehrerer Dutzend Aktivisten durch Berlin, um die Freilassung von Friedensaktivisten im Iran zu fordern. mehriran.de - Nachdem im Iran letzten Montag im Zuge des Besuchs von Wladimir Putin zahlreiche Friedensaktivisten auf der Straße verhaftet wurden, haben sich Mitglieder der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI), Erfân-e Halghe und Karamat e.V. in Berlin zu einer musikalischen Strassenaktion versammelt.

Vom Alexanderplatz zog die Karawane bis zum Brandenburger Tor und skandierte "Freiheit den Gefangenen im Iran" und "Azâdi, azâdi, azâdiyeh Tâheri, Boroujerdi, Soltani, Saharkhiz...". Die Namen vieler Gefangenen wurden genannt, die am Montag verhaftet wurden und die in einen Hungerstreik getreten sind.

 

Bericht auf DorrTV (screenshot)

 

Die Karawane zieht in Richtung Brandenburger Tor

In Interviews mit Radio Farda und DorrTV gaben Sprecher von Erfân-e Halghe und IOPHRI zu bedenken, dass Aktivisten im Exil bereit sind, sich dem Hungerstreik der Verhafteten anzuschliessen und sich öffentlich vor Regierungsgebäuden in Deutschland zu exponieren im Einsatz für die Freilassung aller Gewissensgefangenen im Iran. Weitere musikalische Strassenaktionen (Mustra) sind geplant.

Hier der Bericht auf DorrTV in Farsi.

Rasoul Moatamedi, mehriran.de

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news-959 Mon, 23 Nov 2015 22:31:12 +0100 Gas OPEC in Teheran - kein guter Tag für Friedensaktivisten http://mehriran.de/artikel/gas-opec-in-teheran-kein-guter-tag-fuer-friedensaktivisten.html mehriran.de - Während heute neun Länder mit hohen Gasvorkommen in Teheran zusammen kamen, um über eine gemeinsame Vorgehensweise zu beraten, wurden Demonstranten, die seit Wochen regelmäßig vor dem Evin Gefängnis friedlich für Gerechtigkeit und die Freilassung aller Gewissensgefangenen eintraten unter brutalen Schlägen verhaftet. mehriran.de - Schon am letzten Samstag wurden zwölf Aktivisten festgenommen und wie von Verwandten zu hören ist im Gefängnis misshandelt. Die meisten Aktivisten sind Anhänger des alternativen Heilers Mohammad Ali Tâheri, der beschuldigt wird den Obersten Führer beleidigt zu haben und Gotteslästerei betrieben zu haben. Heute morgen setzten die Sicherheitskräfte Schlagstöcke ein und verhafteten Dutzende von Aktivisten, darunter Mohammad Nourizad, einem bekannten Regime Kritiker, der einst für die Khamenei nahe Hardlinerzeitung Kayhan schrieb, bis er es wagte Kritik am Obersten Führer zu üben. Nourizad hat nach Verbüssung seiner Haftstrafe die Seiten gewechselt und besucht Menschen in ganz Iran, die durch das Regime zu Schaden gekommen sind. So hat er - für Iran eine gewagte, mutige Tat - einem Baha'i Jungen die Füsse küsst. Baha'i werden im Iran nicht als offizielle Religion anerkannt und in immer neuen Wellen drangsaliert, vom Studium ausgeschlossen und durch systembetriebene Hetzkampagnen auch von Eiferern brutal attackiert.

Weitere Aktivisten, die verhaftet wurden, sind Esmail Zartosht, Ahmadi Ragheb, Hooshang Ne'matifar, Simin Eyvaz Zadeh (Mutter des verhafteten Kinderrechtsanwalts Omid Alishenas), Hashem Zeinali (Vater von Saeed Zeinali, Student der im Juli 1999 verhaftet wurde und seither vermisst wird), Reza Malek (ehemaliger Gewissensgefangener), Mohsen Sodscha und viele andere, deren Namen noch nicht bekannt sind.

Erst kürzlich schloss der Oberste Führer aus, dass man Gewalt durch Islam rechtfertigen könne, aber durch solche Aktionen, die sich in wiederholte ähnliche Ereignisse einreihen, wecken nicht das Vertrauen der Weltgemeinschaft in die hehren Absichten des Herrn Ali Khamenei.

Bericht auf Persisch über die Verhaftungen: Dorr TV

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news-958 Sun, 22 Nov 2015 02:13:21 +0100 Der Engel aus Teheran http://mehriran.de/artikel/der-engel-aus-teheran.html mehriran.de - Dr. Mohammad Maleki hat nichts mehr zu verlieren. Der 83-jährige protestiert seit Monaten jede Woche vor dem Teheraner Evin Gefängnis gegen das Regime. mehriran.de - Sein Beispiel macht Schule. Mehr und mehr Menschen schliessen sich ihm und anderen Aktivisten in den friedlichen Protesten an. Dr. Mohammad Maleki war Rektor der Teheraner Universität, seine Worte hatten einmal Gewicht. 

Jetzt leidet er an Prostatakrebs und ist gezeichnet von Verfahren, die ihm das Regime immer wieder angehängt hat, wegen angeblicher Gotteslästerei und Beleidigung des Obersten Führers Ali Khamenei. Seine Worte haben beim Regime kein Gewicht mehr. Er antwortet auf die Frage nach einer Botschaft an diesen Obersten Führer, dieser solle sich endlich zur Ruhe setzen, da ihm die Qualifikation für das Amt fehle und seine Herrschaft über Iran ein Ende haben müsse.

Vor sechs Jahren gingen die Behörden noch voller Eifer gegen ihn vor. Jetzt lassen sie ihn gewähren, weil sie sich uneinig sind welche Reaktion angemessen wäre.

Der klein gewachsene Mann verzichtet auf sein Mittagessen, um sich die teuren Medikamente gegen den Krebs zu leisten, denn er will so lange wie möglich leben, um - wie er sagt - durch die Gewalt des Regimes umzukommen. Er hofft dadurch, der Weltöffentlichkeit das wahre Wesen des Regimes vor Augen führen zu können. Vor dem Gefängnis steht er jede Woche zusammen mit Aktivisten wie Nasrin Sotoudeh, Mohammad Nourizad und Anhängern von Dr. Tâheri, einem alternativen Heiler der viele Anhänger gefunden und sich dadurch beim Regime unbeliebt gemacht hat, so dass er sogar zum Tode verurteilt wurde. Auch ihm wurde Gotteslästerei und noch Beleidigung des Propheten vorgeworfen. 

Dieses Beispiel ist symptomatisch für die Lage im Iran. Auch Monate nach dem Nukleardeal mit der internationalen Gemeinschaft bessert sich die Menschenrechtssituation dort nicht. Menschenrechtsorganisationen berichten sogar von einer sich immer weiter verschlechternden Lage. Doch im Westen ist man fast verstummt, was die Menschenrechtsverletzungen anbelangt. Die Probleme mit Flüchtlingsströmen und blutigen Attentaten hinter der eigenen Haustüre sind eine große Herausforderung für die Politik in Europa, passendere Rahmenbedingungen zu schaffen. 

In Teheran hingegen sind gestern über 100 Menschen verhaftet worden. Lange hatten die Behörden zugesehen, wie die Zahl der Protestierenden vor dem Evin Gefängnis stetig wuchs. Maleki wurde nicht angefasst, aber jene, denen er durch sein Beispiel Mut gemacht hatte.

Dr. Mohammad Maleki ist der Überzeugung, dass sein Einsatz für die Menschenrechte im Iran und dem Frieden im ganzen Nahen Osten dient, letztendlich der ganzen Welt. Sein Leben stellt er auf undramatische Weise für die Zukunft anderer zur Disposition.

Vahid Beheshti, Dorr TV

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news-957 Sun, 22 Nov 2015 01:52:17 +0100 Islamismus und Islamophobie schaukeln sich gegenseitig hoch und reduzieren demokratische Rahmenbedingungen in Europa http://mehriran.de/artikel/islamismus-und-islamophobie-schaukeln-sich-gegenseitig-hoch-und-reduzieren-demokratische-rahmenbedingungen-in-europa.html Einige Thesen zur Psychogenese von Islamismus und Islamophobie als gegenseitige Eskalation der de-zivilisierenden Aspekte der Demokratisierung in Europa In diesem Beitrag möchte ich – aus aktuellem Anlass –  Thesenartig auf die interdependenten sozio- und psychogentischen Aspekte des Islamismus und der Islamophobie als De-Zivilisierungsschübe in Europa hinweisen, die ich als Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der involvierten Menschen in Demokratisierungsprozessen diskutieren möchte. Damit soll eine Überwindungsperspektive des Problems erörtert werden, indem die Ungleichzeitigkeit der drei komplementären und reversiblen Aspekte von Demokratisierungsprozessen sowie ihre Richtung und Richtungsbeständigkeit berücksichtigt werden. Denn in der Regel werden die funktionellen, institutionellen und sozial-habituellen Aspekte der Demokratisierung auf ihre institutionellen Aspekte zustandsreduziert.

I. Zum Zusammenhang von Demokratisierung, Zivilisierung[1] und De-Zivilisierung als komplementäre und reversible Prozesse 

a.   Um diesen Zusammenhang zu begreifen, müssen die Gerichtetheit, Richtungsbeständigkeit, Ungleichzeitigkeit und Reversibilität der funktionellen, institutionellen und sozialhabituellen Aspekte der Demokratisierung berücksichtigt werden.

b.  Der Umgang mit den vier Zwängen sind entscheidend für diese Entwicklungsrichtungen:

                                                i.      Die Kontrolle der außenmenschlichen Natur in Gestalt der Naturwissenschaft und der technologischen Entwicklung,

                                              ii.     Die Kontrolle der Fremdzwänge in Gestalt der Bedrohung anderer Menschen und anderer Menschengruppen, die zur Entstehung des Staates als einer Verteidigungs- und Angriffseinheit sowie des Gewalt- und Steuermonopols führt.

                                            iii.     Die Umwandlung der Fremdzwänge in Selbstzwänge bzw. in Selbstbeherrschung.

                                           iv.     Die Kontrolle der eigenen Natur in Gestalt der der Entwicklung individueller Selbstregulierung momentaner trieb- und affektbedingter Verhaltensimpulse oder deren Umleitung auf sekundäre Ziele und deren Sublimierung.

c.   Mit dem habituellen Aspekt der Demokratisierung sind die Fragen verbunden, inwieweit die Wertmaßstäbe zivilisiert und verinnerlicht worden sind. Diese Zivilisierung manifestiert sich u.a. in vorherrschende Gebote und Verbote sowie in den Scham- und Peinlichkeitsschwellen der Menschen als deren Verbots- bzw. Gefahrenzonen.

d.  Zu den demokratisierungsrelevanten Hauptkriterien des Zivilisierungsprozesses gehören u. a.:

1.  Veränderungen des sozialen Habitus bzw. der Persönlichkeitsstruktur der Menschen in Richtung auf ebenmäßigere[2], allseitigere[3] und stabilere[4] Selbstkontrollmuster.

2.  Ohne sich je von Fremdzwängen völlig loszulösen, gewinnen außerdem ihre Selbstzwänge gegenüber den Fremdzwängen größere Autonomie. (Z.B. Privateigentum als ein Verhalten) 

3.  Das Gleichmaß der Selbstregulierung im Verhältnis zu allen Menschen und in fast allen Lagen nimmt zu. Dies manifestiert sich in Erweiterung der Toleranzgrenze und abnehmender Diskriminierung.

4.  Im Zusammenhang mit der zunehmenden Verselbstständigung der individuellen Selbstregulierungsinstanzen, zu denen Verstand wie Gewissen, Ich wie Über-Ich gehören,  erweitert sich auch die Reichweite des Vermögens eines Menschen, sich mit anderen Menschen in relativer Unabhängigkeit von deren Gruppenzugehörigkeit zu identifizieren, also auch Mitgefühl mit ihnen zu empfinden.

5.  Ein De-Zivilisierungsschub bedeutet dann eine Veränderung in entgegengesetzte Richtung, d.h. vor allem (siehe Selbstwertlinie):

a.   eine Erhöhung der Erregbarkeit bzw. Affektivität im Sinne zunehmender „Unsachlichkeit“ bzw. Realitäts- Unangemessenheit des Erlebens und Verhaltens, weniger ebenmäßige, weniger allseitige und weiniger stabilere Selbstkontrollmuster.

b.  sowie eine Verringerung der Reichweite der Identifizierung und des Mitgefühls.[5]- wie wir sie bei Islamismus und Islamophobie vorfinden.

II. Islamismus und Islamphobie als ein sich gegenseitig hochschaukelnder De-Zivilisierungsschub.

a.   In diesem Sinne teilen Islamismus und Islamophobie gewisse Strukturähnlichkeiten trotz ihrer Gestaltunterschiede.

b.  Islamismus manifestiert eine massenhafte Identitätskrise, die als Folge der Diskontinuität der Lebenszusammenhänge zu begreifen ist. 

c.   Diese Identitätskrise ist Funktion einer Modernisierung der islamisch geprägten Gesellschaften. 

·     Mit den Globalisierungsprozessen und im Zuge der funktionellen Integrationsprozesse der islamisch geprägten Gesellschaften, geht eine institutionelle Modernisierung dieser Gesellschaften einher.

o  Es entsteht zwar Lohnarbeit, aber ohne dass die Arbeiter reell unter das Kapital subsumiert wären und Normen abstrakter Arbeit verinnerlicht hätten. 

o  Es entstehen moderne Verfassungen und Rechtssysteme, unter denen die Menschen zumeist aber nur formell subsumiert sind, ohne dass aus ihnen selbstbewusste Staatsbürger werden.

o  Auch die Säkularisierung des Alltagslebens bleibt mehr oder weniger eine Fassade, unter der sich enorme innere Spannungen und Konflikte verbergen. Dabei werden die Menschen unsicherer in der Steuerung ihres Verhaltens.

o  Diese Transformationsspannungen und -konflikte sind Nachhinkeffekt ihres sozialen Habitus bzw. ihrer Persönlichkeitsstruktur. Sie ist gekennzeichnet durch mangelnde Individualisierung und relativ geringere emotionale Entbindung von dem tradierten Zivilisationsmuster angesichts der modernen Anforderungen.

·     Diese Modernisierung vollzieht sich in Form sozialer Differenzierungs- und Integrierungsprozesse, die als soziale Auf- und Abstiegsprozesse erfahren werden.

·     Mit der Transformation der Gesellschaft in Modernisierungsprozessen verlieren die herrschenden sozialen Funktionsträger nicht nur ihre sozialen Funktionen, sondern auch ihre Werte verlieren mehr oder weniger an Bedeutung, weil die transformierte Gesellschaft neue spezifische Werte und Gesetze braucht, um die Beziehungen der Mitglieder zueinander und zu der Ganzheit zu regeln.

·     Dieser existentiell bedrohende soziale Abstieg wird nicht nur als ein Funktionsverlust und als Entwertung der affektiv besetzten eigenen Werte erlebt, sondern auch als eine erschütternde soziale Erniedrigung.

·     Der Islamismus ist Folge dieses erschütternden Erlebnisses traditioneller sozialer Gruppen und eine Reaktion gegen den Untergang der Scharia als offizieller normativer Struktur der Gesellschaft; diese  werden als eigen definierte Werte der Islamisten demonstrativ hervorgehoben und gegen moderne Werte verteidigt, die als „verwestlicht“ bekämpft werden.

·     Islamismus ist daher ein chiliastisch geprägter Nativismus: er ist also die demonstrative Hervorhebung der als selbstwertrelevant definierten Werte der sich als „rechtgläubig“ begreifenden Muslime, die die „Scharia“ als Inbegriff des „Islams“ und göttlicher Regulationsprinzipen der gesellschaftlichen Beziehungen im Sinne der Herstellung der paradiesischen Glückszustände auf Erden verstehen.

·     Mit der „Scharia“ wird eine selbstwertrelevante institutionalisierte Diskriminierung Andersdenkender und Andersgläubiger sowie der Frauen angestrebt und etabliert. Diese ist ein massiver Schub der De-Zivilisierung.

Dabei wird die physische Gewalt wieder zum Regulationsprinzip gesellschaftlicher Beziehungen.

d.  Die Islamophobie ist eine Radfahrermentalität: d.h. man beugt sich vor den Mächtigen und zertritt zugleich die Machtschwächeren.

„Man unterwirft sich dem Großen, um über Kleine Herr zu sein: diese Lust überredet uns zur Unterwerfung“ (Nietzche)

a.    sie ist eine, durch das selbstwertrelevante fiktive[6] Ziel der Überlegenheit geprägte, Grundhaltung, die zur Feindseligkeit von neurotischen[7] Europäern gegenüber den Muslimen drängt, die sie als starken Auftrieb von Unten erfahren.

b.  Als „Arbeiteraristokratie“ vergleichen sie sich mit den mächtigeren Gruppen in Europa und betrachten ihren, von Muslimen unterscheidenden, Verhaltensstandard als Distinktionsmittel und Hauptinstrument ihrer Prestigekonkurrenz und Prestigepolitik.

c.   Dies ist aber nur durch eine „Pars-pro-toto“-Verzerrung der Realität möglich. Dabei werden die besten Charaktereigenschaften der Minderheit der eigenen Gruppe für die „Wir-Gruppe“ verallgemeinert und der De-Zivilisierungsschub einer Minderheit der Muslime als Zivilisationsstandard „der Muslime“ generalisiert, um die eigene selbstwertrelevante feindliche Haltung ihnen gegenüber subjektiv zu legitimieren.

d.  Deswegen riecht alles, was an ihre Peinlichkeitsschwelle rührt, „islamisch“,  ist gesellschaftlich minderwertig; und umgekehrt rührt alles, was „Islamisch“ ist, an ihrer Peinlichkeitsschwelle – als eine Art Angst[8] 

e.   Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, sich von allem, was „islamisch“ ist, zu unterscheiden, die diese Empfindlichkeit verschärfen, weil sie sich weder durch ihre beruflichen Leistungen noch durch Besitztum und Geld  als Hauptinstrument der Prestigekonkurrenz und Prestigepolitik bedienen können.

f.    Ihr ganzes Wollen, Denken, Fühlen und Handeln ist aber durch ihr Minderwertigkeitsgefühl angestachelt, weil sie sich im Vergleich mit den mächtigeren Etablierten unzulänglich empfinden.

 (Selbstwertlinie & Unerreichbare Maßstäbe)

g.   Diese fiktive Überlegenheit der neurotischen Europäer ist Funktion ihrer „tendenziösen Brille“, die ihre Aufmerksamkeit und damit die bewusste Aufnahme des jeweiligen Inhalts ihrer Erlebnisse, Wahrnehmungen und ihres Denken  steuert.

h.  Diese „tendenziöse Brille“ ist Funktion einer in Europa tradierten kolonialen Kultur der Machtüberlegenheit. 

i.     Denn sie schauen wie jeder Mensch zwar mit ihren eigenen Augen, sie sehen aber mit den Augen des Kollektivs.[9]

j.    Mit dieser tendenziösen Brille wird der „Islam“ gleichgesetzt mit Islamismus, gegenüber dem sie als Nativismus den eigenen Chauvinismus demonstrativ hervorheben und so zur Eskalation der Feindseligkeit in Europa beitragen. 

k.  Damit entsteht eine „Beziehungsfalle“ bzw. eine „Schicksalsschleife“ des Islamismus und der Islamophobie, die sich gegenseitig hochschaukeln. Und dadurch die Rekrutierungsmöglichkeit des IS in Europa erhöht.

III.     Förderung des Gleichwertigkeitsgefühls und Ermutigung der Migranten als notwendiger Präventionsmaßnahme gegen  Islamismus und Islamophobie

a.  Nur durch die Anerkennung der Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Migranten als Einzelne und Gruppen fühlt sich der potentielle Islamist dazugehörig und findet produktiv seinen Platz in der Gesellschaft, wo er als Staats- und Wirtschaftsbürger respektvoll behandelt wird.

b.  Ohne eine emotionale Entbindung im Sinne der „Ausreifung“ der Migranten aus den früheren Integrationseinheiten, die bisher die überlagerten Schichten ihres sozialen Habitus geprägt haben, wäre keine produktive Integration im Sinne der „Einreifung des Charakters“ möglich.

c.   Der „Islamische Staat“ (IS) repräsentiert in diesem Sinne eine Art „Scheingemeinschaft“, eine Art „Ur-Wir“, welches auf einer Verschmelzungsphantasie der „Wir-brüchigen“ basiert und auf das frühkindliche Erlebnis der Dyade bzw. „symbiotischen Einheit“ zurückzuführen ist.

d.  Die potentiellen Islamisten, „die Schläfer“, entstehen dadurch, dass die emotionalen Entbindungen der Migranten nicht gefördert und die Chance neuer beruflicher und affektiver Bindungen durch ihre Ermutigung verweigert wird – indem man ihnen das Gefühl der Selbstachtung und Leistungsfähigkeit vorenthält.

e.   Diese Transformation der islamisch geprägten Menschen in gewaltbereite Islamisten ist dann die Folge einer Umfinalisierung der versagenden Menschen, bei denen sich die Balance zwischen ihrer Kooperations- und Konfliktsbereitschaft zugunsten der letzteren verschiebt.

f.     Dies geht aber einher mit der Verschiebung der Balance zwischen ihren überlagerten Schichten des sozialen Habitus zugunsten älterer Schichten. Vor allem zugunsten der vorsprachlichen und unbewussten Ebene, welche dann dominierend handlungssteuernd wirken. 

g.   Wenn sie ihre bisherigen Ziele, dazu zu gehören und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, nicht durch nützliche Mitarbeit erreichen können; wenn sie sich nicht dazugehörig fühlen und sich ihres Wertes nicht sicher sind, finden sie andere Ziele; Ziele, die ihnen größere Möglichkeiten zu bieten scheinen, sich wichtig und bedeutend zu empfinden.

h.  Mit dem Erlebnis des Versagens und dem sich daraus ergebenden Abwehrprozess der Regression, die zu einer mehr oder weniger starken Infantilisierung führt, bemächtigen sie sich vor allem „Ziele des störenden oder versagenden Kindes“.[10]

i.     Jeder dieser Ziele stellt aber ihre Überzeugung dar, unter welchen Umständen sie sich wichtig, bedeutend und dazugehörig fühlen können.

j.    Das erste Ziel ist in der Regel, sich um jeden Preis Beachtung zu verschaffen, weil sie ihr Gefühl der Zusammengehörigkeit von der Beachtung der anderen abhängig machen. Wenn aber die positiven Methoden versagen, versuchen sie mit störenden Mitteln die ersehnte Beachtung herbeizurufen.

k.  Wenn der dadurch entstandene Machtkampf mit den Etablierten verstärkt wird, dann versuchen sie ihren Platz in der Gesellschaft durch verschiedene Formen der Machtkämpfe zu gewinnen. 

l.   Wenn die Machtkämpfe zu brutalen und gewalttätigen Reaktionen der Etablierten zu ihrer Unterdrückung führen, dann können sie versuchen, andere so zu verletzen, wie sie sich von ihnen verletzt fühlen: Rache ist dann das dritte Ziel, das einzige Mittel, bei dem sie sich zur Geltung bringen können. Deswegen kann der blutrünstige Islamist, der vor laufender Kamera unschuldige Menschen enthauptete, in einem Interview behaupten, erst hier habe er den Sinn seines Lebens gefunden.

m.  Der Islamismus ist deswegen der destruktive Ausdruck des Versagens der islamisch geprägten Menschen, ihren Platz produktiv in der Gesellschaft zu finden. Die bisher bekannt gewordenen Informationen über die rekrutierten Islamisten aus Europa demonstrieren exemplarisch, wie die Verweigerung der Produktivität zur Destruktivität führt.

n.  Allerdings bleiben noch mehr entmutigte Muslime, die jeden Versuch der Beitragsleistung und Anteilnahme aufgeben, da sie keine guten Ergebnisse ihres Bemühens erwarten. Ihre  Passivität und Lethargie manifestiert sich deswegen in ihrem „chiliastischen Quietismus“ in Gestalt der „friedlichen“ Muslime, die ihren „paradiesischen Glückszustand“ nicht unbedingt auf der Erde suchen.

o.  Um aber ihre schlummernde „Aufbruchsbereitschaft zur Herstellung der paradiesischen Zustände“ nicht zu aktivieren, muss eine Deeskalation der gegenseitigen Feindseligkeit und der sie begleitenden Gewaltakte angestrebt werden. 

p.  Die Deeskalation hat nur eine Chance, wenn wenigstens die eher distanziertere Seite des Konfliktes in Europa das zunehmende emotionale Engagement bremst. Denn jedes weitere Gefühl der Bedrohung (des Selbstwertes) steigert das emotionale Engagement und führt zu weiterer Eskalation der Gewalt und Gewaltbereitschaft.

Fazit: Zur  absolut notwendigen Bedingung der Überwindung der Islamophobie gehören:

· die Förderung der Einsicht in den Selbstzwang zu einem fiktiven Ziel der Überlegenheit in entwickelteren Gesellschaften und damit,

· die Überwindung des sonst kultivierten neurotischen Apperzeptionsschemas in einem institutionalisierten Bildungsprozess im Sinne einer humanistischen Umorientierung und

· Förderung des Gleichwertigkeitsgefühls.

Nur so ist eine Verschiebung der Balance zwischen Kooperation und Konflikt zugunsten der ersteren möglich.  

Denn Menschen sind im Unterschied zu manchen anderen sozialen Lebewesen auf die Mobilisierung ihrer natürlichen Anlage zur Selbstregulierung durch das persönliche Lernen von Trieb- und Affektkontrolle im Sinne gesellschaftlicher Zivilisationsmuster angewiesen, um mit sich selbst und mit anderen Menschen leben zu können.[11]

Hannover, 31.10.2015

http://gholamasad.jimdo.com/kontakt/

 


[1] Die Zivilisierung bezieht sich auf die Entwicklung individueller Selbstregulierung momentaner trieb- und affektbedingter Verhaltensimpulse oder deren Umleitung auf sekundäre Ziele und deren Sublimierung. Dieser gerichtete psychische Transformationsprozess führt zum Strukturwandel des Seelenaufbaus der Menschen als Einzelne und Gruppen.

[2] Die stetige Selbstkontrolle sucht die Kontraste und plötzliche Umschwünge im Verhalten, die Affektgelegenheit aller Äußerungen  gleichermaßen zu verringern.

[3] Das ganze Verhalten, alle Leidenschaften werden gleichermaßen einer genaueren Regelung unterworfen.

[4] Abnehmende Triebdurchlässigkeit der Verhaltenssteuerung.

[5] Vgl. Norbert Elias, Zivilisation, in: Bernhard Schäfers (Hrsg.), Grundbegriffe der Soziologie, Opladen 1986, S. 382ff.

[6]„Als eigentliche Fiktionen im strengen Sinne des Wortes stellen sich Vorstellungsgebilden dar, welche nicht nur der Wirklichkeit widersprechen, sondern auch in sich selbst widerspruchsvoll sind.“ (Hans Vaihinger, die Philosophie des Als Ob, Volksausgabe, 1924/2014, S. 15)

[7] „Das neurotische und psychotische Seelenleben als das Haften an der >>leitenden Fiktion>>…“ (Alfred Adler, Praxis und Theorie der Individualpsychologie, München 1930/ Köln 2012, S. 117)

[8] Vergl. Elias, Norbert, Über den Prozeß der Zivilisation, Bd. 2, S. 410f.

Sham- und Peinlichkeitsgefühl sind eine Art Angst, die sich automatisch und gewohnheitsmäßig bei bestimmten Anlässen in dem Einzelnen reproduziert. Es ist eine Angst vor der Übertretung gesellschaftlicher Verbote und damit verbundene Unterlegenheitsgefühl. Bei der Scham-Erregung ist man selbst der (potentielle) Täter; bei der Peinlichkeit sind die Anderen.  Sie sind also Ängste vor sozialer Degradierung, die sich aus der Wehrlosigkeit vor der Überlegenheit Anderer ergibt. (Vergl. Elias, N. a.a.O., S. 397ff)

[9] „Wir schauen mit den eigenen Augen, wir sehen mit den Augen des Kollektivs. ( Ludwig Fleck, a.a.O, S. 154)

[10] Vergl. Rudolf Dreikurs, Grundbegriffe der Individualpsychologie,  Stuttgart, 19906,   S. 73f. & 99f.

[11] ibid.

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news-956 Wed, 21 Oct 2015 17:51:16 +0200 Zur Psychogenese von Islamismus und Islamophobie als gegenseitige Eskalation der de-zivilisierenden Aspekte der Demokratisierung in Europa: Förderung der Gleichwertigkeit als notwendiger Präventionsmaßnahme http://mehriran.de/artikel/zur-psychogenese-von-islamismus-und-islamophobie-als-gegenseitige-eskalation-der-de-zivilisierenden-aspekte-der-demokratisierung-in-europa-foerderung-der-gleichwertigkeit-als-notwendiger-praeventionsmassnahme.html „Man unterwirft sich dem Großen, um über Kleine Herr zu sein: diese Lust überredet uns zur Unterwerfung“ (Friedrich Nietzsche) In diesem Beitrag möchte ich – aus aktuellem Anlass – auf die interdependenten sozio- und psychogentischen Aspekte des Islamismus und der Islamophobie als De-Zivilisierungsschübe in Europa hinweisen, die ich als Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der involvierten Menschen in Demokratisierungsprozessen diskutieren möchte. Damit soll eine Überwindungsperspektive des Problems erörtert werden, indem die Ungleichzeitigkeit der drei komplementären und reversiblen Aspekte der Demokratisierungsprozesse sowie ihre Richtung und Richtungsbeständigkeit berücksichtigt werden. Denn in der Regel werden die funktionellen, institutionellen und sozial-habituellen Aspekte der Demokratisierung auf ihre institutionellen Aspekte zustandsreduziert. Vernachlässigt werden:

1.     die gerichtete funktionelle Demokratisierung im Sinne der Verschiebung der Machtbalance zwischen den Machtstärkeren und Machtschwächeren zugunsten der letzteren im Zuge der inner- und zwischenstaatlichen Differenzierungs- und Integrationsprozesse, ohne zu institutioneller Demokratisierung zu führen. Dabei müssen die Menschen mit ihren Funktionseinschränkungen und Funktionsverlusten bzw. Funktionserweiterungen neben der Entstehung neuer Funktionen erhebliche soziale Auf- und Abstiegserfahrungen machen, die zuweilen emotional nicht verkraftbar sein können. Hinzu kommen Brüche in der Kontinuität der Lebenszusammenhänge, die mit erheblichen Identitätskrisen begleitet sind.

2.     der gerichtete und reversible Transformationsprozess des sozialen Habitus der involvierten Menschen im Sinne ihrer Zivilisierung und De-Zivilisierung, die deren ganzes Wollen, Denken, Fühlen und Handeln prägen.

Aus diesem Grunde möchte ich zunächst kurz auf den Zusammenhang von Demokratisierung, Zivilisierung und De-Zivilisierung als komplementäre und reversible Prozesse eingehen. Damit sollen Islamismus und Islamophobie als sich gegenseitig hochschaukelnde de-zivilisierende Aspekte der Demokratisierung in Europa verstanden werden. 

Zum Zusammenhang von Demokratisierung, Zivilisierung und De-Zivilisierung als komplementäre und reversible Prozesse

Zu den demokratisierungsrelevanten Hauptkriterien des Zivilisierungsprozesses gehören u. a. Veränderungen des sozialen Habitus bzw. der Persönlichkeitsstruktur der Menschen in Richtung auf ebenmäßigere, allseitigere und stabilere Selbstkontrollmuster. Ohne sich je von Fremdzwängen völlig loszulösen, gewinnen außerdem ihre Selbstzwänge den Fremdzwängen gegenüber größere Autonomie. Das Gleichmaß der Selbstregulierung im Verhältnis zu allen Menschen und in fast allen Lagen nimmt zu. Im Zusammenhang mit der zunehmenden Verselbständigung der individuellen Selbstregulierungsinstanzen, zu denen Verstand wie Gewissen, Ich wie Über-Ich gehören,  erweitert sich auch die Reichweite des Vermögens eines Menschen, sich mit anderen Menschen in relativer Unabhängigkeit von deren Gruppenzugehörigkeit zu identifizieren, also auch Mitgefühl mit ihnen zu empfinden. Ein De-Zivilisierungsschub bedeutet dann eine Veränderung in entgegengesetzte Richtung, d.h. eine Erhöhung der Irritabilität sowie eine Verringerung der Reichweite der Identifizierung und des Mitgefühls.[1]

Daher erlaubt eine angemessene Berücksichtigung dieser zivilisatorischen Aspekte der Demokratisierungsprozesse im Zusammenhang mit ihren funktionellen und institutionellen Dimensionen den gewalttätigen Islamismus und Islamophobie in Europa als einen Nachhinkeffekt des sozialen Habitus zu diskutieren, unter Berücksichtigung entsprechender Konsequenzen: vor allem der Notwendigkeit der Förderung der Zivilisierung des sozialen Habitus der Menschen in einem gezielten humanistisch geprägten institutionellen Bildungsprozess. Denn Menschen sind im Unterschied zu manchen anderen sozialen Lebewesen auf die Mobilisierung ihrer natürlichen Anlage zur Selbstregulierung durch das persönliche Lernen von Trieb- und Affektkontrolle im Sinne gesellschaftlicher Zivilisationsmuster angewiesen, um mit sich selbst und mit anderen Menschen leben zu können.[2]

Ohne derartige Förderungsmaßnahmen kann sich die Balance zwischen Kooperation und Konflikt zwischen den Menschen als Einzelne und Gruppen zugunsten ihrer Konfliktsbereitschaft verschieben und die Entstehung solcher sozialen Bewegungen wie Islamismus und Islamphobie Vorschub leisten, die sich als interdependente De-Zivilisierungsschübe gegenseitig eskalieren.

Islamismus und Islamphobie als sich gegenseitig zur Eskalation bringende De-Zivilisierungsschübe. 

Wenn man diese Verschiebung der Balance zwischen Konflikt und Kooperation der Menschen zugunsten der zuweilen blutigen Konfliktaustragungen begreifen will, muss man wissen, dass Menschen von Natur aus gegenseitig aufeinander angewiesen und voneinander abhängig sind. Aus diesem Verflechtungsprozess interdependenter Menschen gestalten sich Figurationen, wie Familien, Stämme, und Interessengruppen oder Staaten mit entsprechender Machtbalance und mehr oder weniger offenen Machtkämpfen. Dabei geht es immer um die Chance, das Verhalten der anderen gegen ihren Willen zu beeinflussen und zu steuern. Darum sind diese Konflikte immer auch selbstwertrelevant. Denn mehr Macht bedeutet im Rahmen der durch Konkurrenz geprägten Kulturen mehr Selbstwert. In diesem Sinne sind die Menschen getragen von einer mehr oder weniger starken Tendenz, sich mit anderen zu vergleichen und zu messen. Dabei steuert diese Tendenz, als eine Art Selbstzwang, das Verhalten und Erleben der involvierten Menschen. Deswegen bekommen wir nur aus dieser Interdependenz ihrer Beziehungen heraus einen Einblick in ihr Seelenleben bzw. in die Psychogenese ihrer zielgerichteten Verhaltens- und Erlebensmuster; denn Menschen sind überhaupt nicht in der Lage zu denken, zu fühlen, zu wollen und zu handeln, ohne dass ihnen ein Ziel vorschwebt. Das ist nur nachvollziehbar, wenn man berücksichtigt, dass die Existenz des „Seelischen Organs“ der Menschen  genauso zielgerichtet ist wie alle seine anderen Organe: ohne die Sonne gäbe es keine Augen, ohne die Erdanziehungskraft gäbe es keine Füße, ohne die Luft gäbe keine Lungen und ohne Handlungsziele bzw. Finale  gäbe es auch kein  Seelenleben.

Aber diese Zielgerichtetheit des Seelenlebens der Menschen verleiht dem „fiktiven Endziel“ bzw. dem als fix gedachten oder empfundenen Finale, unter deren Herrschaft alle im Einzelnen sichtbaren Ziele geraten, die entscheidende Bedeutung. Und wegen dieser Zielgerichtetheit des Seelenlebens der Menschen ist das Leben ein Sollen[3], mit entsprechenden zivilisatorisch geprägten moralischen Maßstäben.

Demzufolge ist das, was Seelenleben genannt wird, nur verständlich als ein Kommunikationssystem in einem dynamischen Netz von kommunikativen Beziehungen in Raum und Zeit, das als Figurationen bezeichnet werden kann. Folglich ist das Sprechen, Fühlen, Denken und Verhalten von Menschen, kurz ihr individualisierter sozialer Habitus nur begreifbar als selbstwertrelevante Stellungnahmen zum Leben, zu sich selbst und zu den Mitmenschen, als ihre Antworten in den jeweils spezifischen Figurationen.

Mit der funktionellen Demokratisierung ihrer Beziehungen, als Reduktion der Machtdifferentiale zwischen Individuen und Menschengruppen, können sich eine institutionelle Demokratisierung und entsprechende Zivilisierungen der Verhaltens- und Erlebensmuster der involvierten Menschen in Richtung der Erhöhung ihrer Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung, im Sinne der emotionalen Verankerung der demokratischen Normen, vollziehen. Daher geht  mit der funktionellen Demokratisierung, früher oder später, eine Verschiebung der Selbstwertbeziehungen zugunsten der früher machtschwächeren Menschen als Einzelne und Gruppen einher; da ihre interdependenten Beziehungen zugleich ihre Selbstwertbeziehungen sind: Denn das, was sich auf der funktionellen Ebene als Machtdifferentiale bzw. als Verringerung derselben vollzieht, wird in der Regel von den in diesen Prozessen involvierten Menschen auch mit mehr oder weniger zeitlicher Verzögerungen erfahren und empfunden. Diese interdependenten Selbsterfahrungen und damit einhergehend auch Selbstbewertungen manifestieren sich in ihren Selbstwertbeziehungen. Was auf der funktionellen Ebene also die Machtbeziehungen bzw. Machtdifferentiale sind, sind auf der habituellen Ebene die selbstwertrelevanten Erfahrungen dieser Machtbeziehungen: ihre Selbstwertbeziehungen.

Allerdings kann die Transformation des sozialen Habitus der involvierten Menschen hinter der funktionellen und institutionellen Demokratisierung hinterherhinken. Dies manifestiert sich in Erniedrigung und Diskriminierung der Machtschwächeren als Kompensation der Machstärkeren von ihrer eigenen Machtreduzierung. Denn je höher man sich auf der Selbstwertlinie fühlt, desto tiefer fällt man. Je höherer der Geltungsanspruch ist immer verbunden mit größerer Angst vor sozialem Abstieg. Mit dem höheren Spannungsbogen reduziert sich die Toleranzgrenze, die sich in Reduzierung der Reichweite der Identifizierung mit Mitmenschen manifestiert.

In dieser Konstellation wird das Minderwertigkeitsgefühl der Machtschwächeren, angesichts ihrer gesteigerten Aspirationen, schmerzhafter empfunden, weil das Minderwertigkeitsgefühl als eine Gefühlslage dann entsteht, wenn  der angestrebte Geltungsanspruch nicht aus eigenen Kräften erreichbar ist. Diese Gefühlslage ist dann der Ausgangspunkt für ein kompensatorisches Streben, da sich im Minderwertigkeitsgefühl ein den Selbstwert verneinendes Empfinden manifestiert.[4] Dies wird als eine existentielle Gefahr empfunden, weil der eigene Selbstwert und dessen Anerkennung existentiell notwendig sind.

Und je höher das angestrebte fiktive Ich- und Wir-Ideal angesichts der Verfügbarkeit der Machtchancen ist, desto destruktiver das kompensatorische Streben. Denn je stärker ihr Spannungsbogen ist – d.h. je größer der Differenz zwischen Minderwertigkeitsgefühl und Geltungsstreben ist – desto egozentrischer und emotional engagierter das Verhalten und Erleben der Menschen.  Damit einher geht eine Verringerung der der Reichweite der Identifikation der Menschen mit Menschen und des Mitgefühls mit ihnen.

Worin die Überwindung dieser negativen Ausgangslage gesehen und mit welchen Mitteln sie angestrebt wird, ergibt sich nicht nur aus der individuellen Situation der Menschen als Einzelne und Gruppen. Hier kann sich auch der Nachhinkeffekt des sozialen Habitus manifestieren: Die früher eingeübte Art und Weise, in der die Menschen als Einzelne und Gruppen auf das Minderwertigkeitsgefühl geantwortet haben, verfestigt sich in ihrem Lebensplan. Während aber die individuell fixierte Prestigepolitik vorsprachlich ist, wird das zugrunde liegende gruppenspezifische Muster zumeist sprachlich tradiert. Diese als Geschichte gefeierten Überlieferungen werden wiederum individualisiert rezipiert.

Wenn man daher begreift, dass die Sprache die Welt ist, wie Menschen sie erfahren, wird die Bedeutung der sozialen Vererbung der Verhaltens- und Erlebensmuster und entsprechender Regulationsprinzipien durch die Sprachvermittlung verständlich.

Die virulente Gewaltbereitschaft und die unbarmherzig gewalttätigen, blutrünstigen Kommunikationsmittel der Islamisten, als Ausdruck eines De-Zivilisierungsschubes, deuten auf diese Überlieferung der Erfahrungen der anfänglich kriegerisch geführten Expansion der Herrschaft Mohammads und seiner Nachfolger hin. Sie werden aber, je nach dem Zivilisierungsgrad der Muslime, unterschiedlich rezipiert. Die Islamistische Rezeption reduziert sich, entsprechend ihres   niedrigeren Grades der Trieb- und Affektkontrolle, auf Zivilisationsstandards der beduinischen Stämme vor 14 Jahrhunderten, wenn sie ihre blutigen Taten subjektiv rechtfertigen wollen. Diese sind ihre stets allgegenwärtigen Vorbilder. Deswegen darf man sie nicht danach beurteilen, was sie sagen sondern danach, was sie tun und wozu sie das tun, was sie tun. Denn das, was sie sagen, sind lediglich subjektive Rechtfertigungen ihrer barbarischen Taten für sich und die Ausbeutung der Glaubensaxiome und Werthaltungen der Muslime, welche deren Hautopfer sind. Wie sollen sie denn sonst ihren barbarisch gewaltsamen Versuch der Befriedigung ihrer unersättlichen Geltungssucht mit allen Mitteln, subjektiv rechtfertigen, während sie aus ihrer Unsicherheit und ihrem Minderwertigkeitsgefühl heraus unaufhörlich nach einer „göttlichen Herrschaft“ über ihre Mitmenschen zu gelangen streben. Diese eigene Vergöttlichung und ihre angestrebte „göttliche Herrschaft“ sollen sich ja in einem „Islamischen Staat“ manifestieren, der einer subjektiven Rechtfertigung bedarf; dabei bleiben ihnen selbst ihre eigenen wahren Motive verkannt und unbewusst.

Aber gerade was diese subjektive Rechtfertigung und als Gegenpart auch die Islamophobie ermöglicht, ist die Identifizierung des Islamismus mit dem zustandsreduzierten Vorstellungsgebilde „Islam“, welches jedoch nur als ein Wandlungskontinuum erschlossen werden kann[5]. Denn die Subsumierung der lückenlosen Wandlungszusammenhänge von Ereignissen über Jahrhunderte unter den Begriff „Islam“ als einer „symbolischen Fiktion“ führt zu seiner Hypostasierung, als ob es diesen unabhängig von den Muslimen und ihren unterschiedlichen Lesarten geben würde. Diese Vergegenständlichung eines Vorstellungsgebildes des „Islam“ unabhängig von den islamisch geprägten Menschen vollzieht sich in der Regel durch die fiktiven Abstraktionen in der  Sprache: indem man aus bequemen Abstraktionen Wirklichkeiten macht, „als ob sie etwas Besonderes, selbständig Existierendes wären ohne die Objekte, an denen wir sie faktisch finden.“[6] Somit werden die über Jahrhunderte überlieferten Glaubensaxiome und Werthaltungen der Muslime mit unterschiedlicher Lesart, die sich in verschiedenen islamisch geprägten Territorialstaaten manifestierten, auf einen Zustandsbegriff „Islam“  reduziert.

Obwohl Fiktionen als Vorstellungsgebilde Produkte der Einbildungskraft sind, können sie als Substitutionen im weiteren Sinne betrachtet werden, indem an die Stelle der Wirklichkeit irgendetwas Unwirkliches gesetzt wird. Problematisch wird es, wenn man diese symbolischen Repräsentanten der Wirklichkeit mit der Wirklichkeit verwechselt; einer Wirklichkeit, die „an sich“ nicht erkennbar ist, sondern nur eine erfahrene Wirklichkeit ist. Von daher ist die Sprache die Welt, wie Menschen sie erfahren. Vor allem im Alltagsleben, in dem Menschen nicht danach fragen, was Dinge „an sich“ bedeuten, sondern was sie „für mich“ bedeuten. In diesem Zusammenhang also wird danach gefragt, welche selbstwertrelevante Bedeutung sie „für mich“ haben: erhöhen oder erniedrigen sie meinen Wert. Mit dieser egozentrischen Brille, durch die die Welt angeschaut wird, wird allerdings eine selbstwertrelevant gerichtete Aufmerksamkeit bedingt; denn „man muss eine gerichtete Bereitschaft zum Sehen besitzen“[7], um sehen zu können.

In einem selbstwertrelevanten Apperzeptionsschema[8] der egozentrischen Menschen als Einzelne und Gruppen, die mit einer egozentrisch „tendenziösen Brille“ alle Eindrücke als „grundsätzlich“ und polargegensätzlich im Sinne von „Oben-Unten“, „Sieger-Besiegter, „Männlich-Weiblich“, „Mächtig-Ohnmächtig“, „Nichts-Alles“ usw. bewertet, liegt die Bedingung der Möglichkeit des Islamismus genauso wie der Islamophobie als ideologisch unterschiedlich gefärbte egozentrische  Schema des Selbstwertes. Dabei wird Oben als Wertvoll bzw. Vollwertig und Unten als Minderwertig empfunden. Mittels diesem egozentrischen Apperzeptionsschema, mit dem man den Abstand der Wirklichkeit von einem tendenziös verstärkten Ideal misst, kann man immer Menschen als Einzelne und Gruppen, gemessen an diesem Ideal, verdammend beliebig entwerten.[9]

Dieses Schema des Selbstwertes  führt zur „Islamophobie“, weil sie mit einer „Pars-pro-toto“-Verzerrung der Realität einhergeht. Dabei werden die besten Charaktereigenschaften der Minderheit der eigenen Gruppe für die „Wir-Gruppe“ verallgemeinert und der De-Zivilisierungsschub einer Minderheit der Muslime als Zivilisationsstandard „der Muslime“ generalisiert. Damit kann die eigene selbstwertrelevante feindliche Haltung ihnen gegenüber subjektiv legitimiert werden.

In dieser feindseligen Haltung den Muslimen gegenüber und ihrer Entwertung und Marginalisierung manifestiert sich ebenfalls einer der Aspekte der De-Zivilisierung: die Verengung der Reichweite des Vermögens der Identifizierung der Menschen mit Menschen relativ unabhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit.

Die Islamophobie als eine Entwertungstendenz ist also eine, durch das selbstwertrelevante fiktive Ziel der Überlegenheit angetriebene, feindliche Haltung neurotischer Europäer, deren ganzes Wollen, Denken, Fühlen und Handeln durch ihr Minderwertigkeitsgefühl angestachelt ist. Sie sind geprägt durch eine durch den Kolonialismus überlieferte neurotische Kultur der Überlegenheit. Denn sie schauen zwar mit den eigenen Augen, sie sehen aber mit den Augen des Kollektivs.[10] Ihre nachhinkenden Glaubensaxiome und Werthaltungen sind neurotisch, weil „das neurotische und psychotische Seelenleben als das Haften an der »leitenden Fiktion« im Gegensatz zum Gesunden (…)“[11] zu begreifen ist. Fiktiv ist ihr starres „Ideales Leitbild“ der Überlegenheit als Orientierungsmittel, weil es nicht nur der Wirklichkeit widerspricht, sondern auch in sich widerspruchsvoll ist.[12] Diese Widersprüche bleiben ebenfalls unverstanden durch ihre tendenziöse Erinnerung und Aufmerksamkeit, die eine „Pars-Pro-toto“-Verzerrung der Realität ermöglichen. Auf diese Weise wird der Entzug des Mitgefühls für die Muslime emotional verträglich gemacht und die Einengung der eigenen Reichweite des Vermögens der Identifizierung mit Menschen relativ unabhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit im Sinne eines De-Zivilisierungsschubes stolz nach außen demonstriert.

Mit diesem tendenziösen Apperzeptionsschema wird „der Islam“ sowohl gleichgesetzt mit Islamismus als einer gewalttätigen demonstrativen Hervorhebung der als eigen definierten Werte der „Rechtgläubigen“, die mit der „Scharia“ – als Inbegriff des „Islams“ im Sinne der überlieferten göttlichen Regulationsprinzipen der gesellschaftlichen Beziehungen – zur Herstellung der „paradiesischen Glückszustände auf Erden“ streben. Indem dem Islamismus als einer chiliastisch geprägten nativistischen Bewegung[13] zugleich der eigene Chauvinismus gegenübergestellt wird, wird zu einem Teufelskreis der Feindseligkeit beigetragen, womit die gewalttätigen Islamisten weitere Anhänger rekrutieren können.

Förderung der Gleichwertigkeit als notwendige Präventionsmaßnahme gegen Islamismus und Islamophobie

Nur durch die Anerkennung der Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Migranten als Einzelne und Gruppen fühlt sich der potentielle Islamist dazugehörig und findet produktiv seinen Platz in der Gesellschaft, wo er als Staats- und Wirtschaftsbürger respektvoll behandelt wird. Auf diese Weise ist er in der Lage aus den erinnerten „Wir-Bezügen“ herauszuwachsen und seine Verschmelzungsphantasien von einem „Ur-Wir“ zu überwinden und als ein, mehr oder weniger emanzipiertes, Individuum in eine entwickeltere „Wir-haftigkeit“ – als „Wirtschaftsbürger“, „Staatsbürger“ und im Zeitalter der Globalisierung als „Weltbürger“ – hineinzuwachsen.  

Ohne eine emotionale Entbindung im Sinne der „Ausreifung“ aus den früheren Integrationseinheiten, die bisher die überlagerten Schichten seines sozialen Habitus geprägt haben, wäre keine produktive Integration im Sinne der „Einreifung des Charakters“ möglich. Diese „Formung des Charakters“ bedarf es allerdings einiger Generationen. Diese Transformationen der Grundeinstellungen bzw. des sozialen Habitus ist aber scheinbar bei vielen islamisch geprägten Jugendlichen versagt geblieben, die nun als Außenseiter durch den IS rekrutiert werden können. Diese Rekrutierung vollzieht sich durch die Aktivierung ihres nativistisch geprägten Chiliasmus, ihrer Aufbruchsbereitschaft zur Herstellung der „paradiesischen Glücksumstände auf Erden“. Damit wird unbewusst, die Aufhebung der Spannung angestrebt, die sich aus der erheblichen Abstand ihres wirklichen Selbstwertgefühls und ihres Geltungsanspruches ergibt und mit einem überwältigenden Gefühl der Minderwertigkeit verbunden ist.

Der IS repräsentiert in diesem Sinne eine Art „Scheingemeinschaft“, ein Art „Ur-Wir“, welches auf einer Verschmelzungsphantasie der „Wir-brüchigen“ basiert und auf das frühkindliche Erlebnis der Dyade bzw. „symbiotische Einheit“ zurückzuführen ist. Ihr Nativismus drückt sich aus in der demonstrativen Hervorhebung des auf die Scharia reduzierten „Islam“ als eigen definierter Werte, die als normative Struktur des „Islamischen Staates“ wiederbelebt werden sollen (Revivalismus). 

Würden die emotionalen Entbindungen der Migranten nicht gefördert und die Chance neuer beruflicher und affektiver Bindungen durch ihre Ermutigung verweigert – indem man ihnen das Gefühl der Selbstachtung und Leistungsfähigkeit vorenthält – entstehen die entmutigten Islamisten. Diese Transformation der islamisch geprägten Menschen in gewaltbereite Islamisten ist dann die Folge einer Umfinalisierung der versagenden Menschen, bei denen sich die Balance zwischen ihrer Kooperations- und Konfliktsbereitschaft zugunsten der letzteren verschiebt. Dies geht aber einher mit der Verschiebung der Balance zwischen ihren überlagerten Schichten des sozialen Habitus zugunsten älterer Schichten. Vor allem zugunsten der vorsprachlichen und unbewussten Ebene, welche dann dominierend handlungssteuernd wirken. 

Wenn sie ihre bisherigen Ziele, dazu zu gehören und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, nicht durch nützliche Mitarbeit erreichen können; wenn sie sich nicht dazugehörig fühlen und sich ihres Wertes nicht sicher sind, finden sie andere Ziele; Ziele, die ihnen größere Möglichkeiten zu bieten scheinen, sich wichtig und bedeutend zu empfinden. Mit der Erlebnis des Versagens und dem sich daraus ergebenden Abwehrprozess der Regression, die zu einer mehr oder weniger starken Infantilisierung führt, bemächtigen sie sich vor allem „Ziele des störenden oder versagenden Kindes“.[14] Jeder dieser Ziele stellt aber ihre Überzeugung dar, unter welchen Umständen sie sich wichtig, bedeutend und dazugehörig fühlen können.

Das erste Ziel ist in der Regel, sich um jeden Preis Beachtung zu verschaffen, weil sie ihr Gefühl der Zusammengehörigkeit von der Beachtung der anderen abhängig machen. Wenn aber die positive Methoden versagen, versuchen sie mit störenden Mitteln die ersehnte Beachtung herbeizurufen.

Wenn der dadurch entstandene Machtkampf mit den Etablierten verstärkt wird, dann versuchen sie ihren Platz in der Gesellschaft durch verschiedene Formen der Machtkämpfe zu gewinnen.

Wenn die Machtkämpfe zu brutalen und gewalttätigen Reaktionen der Etablierten zu ihrer Unterdrückung führen, dann können sie versuchen, andere so zu verletzen, wie sie sich von ihnen verletzt fühlen: Rache ist dann das dritte Ziel, das einzige Mittel, bei dem sie sich zur Geltung bringen können. Deswegen kann der blutrünstige Islamist, der vor laufender Kamera unschuldige Menschen enthauptete, in einem Interview behaupten, erst hier habe er den Sinn seines Lebens gefunden.

Der Islamismus ist deswegen der destruktive Ausdruck des Versagens der islamisch geprägten Menschen, ihren Platz produktiv in der Gesellschaft zu finden. Die bisher bekannt gewordenen Informationen über die rekrutierten Islamisten aus Europa demonstrieren exemplarisch, wie die Verweigerung der Produktivität zur Destruktivität führt.

Allerdings bleiben noch mehr entmutigte Muslime, die jeden Versuch der Beitragsleistung und Anteilnahme aufgeben, da sie keine guten Ergebnisse ihres Bemühens erwarten. Ihre  Passivität und Lethargie manifestiert sich deswegen in ihrem „chiliastischen Quietismus“ in Gestalt der „friedlichen“ Muslime, die ihren „paradiesischen Glückszustand“ nicht unbedingt auf der Erde suchen.

Um aber ihre schlummernde „Aufbruchsbereitschaft zur Herstellung der paradiesischen Zustände“ nicht zu aktivieren, muss eine Deeskalation der gegenseitigen Feindseligkeit und der sie begleitenden Gewaltakte angestrebt werden.

Die Deeskalation hat nur eine Chance, wenn wenigstens die eher distanziertere Seite des Konfliktes in Europa das zunehmende emotionale Engagement bremst. Denn jedes weitere Gefühl der Bedrohung (des Selbstwertes) steigert das emotionale Engagement und führt zu weiterer Eskalation der Gewalt und Gewaltbereitschaft.

In diesem Sinne haben alle Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft sich ihrer Verantwortungsethik bewusst zu werden und sie als einer der Aspekte der Zivilisierung des Verhaltens und Erlebens zu pflegen. Damit soll die Balance zwischen Kooperation und Konflikt zugunsten der ersteren verschoben werden, durch Herstellung und Erweiterung des Mitgefühls mit Mitmenschen relativ unabhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit. Hinzu kommen die allseitige Förderung der beruflichen und staatlichen Bindungen der Menschen als Voraussetzung der Bildung der verantwortungsbewussten „Wirtschaftsbürger“ und „Staatsbürger“ als unverzichtbare Integrationsmaßnahmen. Außerdem ist die Förderung der Identität dieser Bürger als „Weltbürger“, angesichts der zunehmenden Globalisierung zu unabdingbarer Notwendigkeit geworden. Dies wäre aber ohne Förderung des Ethos der Menschenrechte und einer praktischen Verteidigung derselben undenkbar. Vor allem muss mit einem praktischen Diskriminierungsverbot zur Förderung der „Logik des menschlichen Zusammenlebens“ beigetragen werden. Nur mit dieser aktiven Humanisierung der Gesellschaft, in der jeder seinen Nebenmenschen als Gleichwertig anzusehen und mit Respekt zu behandeln lernt, wird sich die Balance zwischen Kooperation und Konflikt zugunsten zunehmender Kooperationsbereitschaft verschieben können.

Hannover, 22.10.2015

P.S.: Für weitere Beiträge über Islamismus und Demokratisierungsprobleme in islamisch geprägten Gesellschaften verweise ich auf meine Webseite: gholamasad.jimdo.com


[1] Vgl. Norbert Elias, Zivilisation, in: Bernhard Schäfers (Hrsg.), Grundbegriffe der Soziologie, Opladen 1986, S. 382ff.

[2] ibid.

[3] Vgl.  Alfred Adler, Praxis und Theorie der Individualpsychologie, München 1930/ Köln 2012, S. 14

[4] Vgl. Henry Jacoby, Alfred Adlers Individualpsychologie und dialektische Charakterkunde, Ffm., 1983, S.48

[5] So wie bei Juristen ein Einzelfall unter einen „Allgemeinbegriff“ subsumiert wird, dem er eigentlich nicht angehört wie z.B.  Mord, Diebstahl als  „analogische Begriffe“ bzw. „symbolische Fiktionen“ (vgl. Hans Vaihinger, die Philosophie des Als Ob, Volksausgabe, 1924/2014, S. 32). Somit sind die Kategorien wie Dogmen analogische Fiktionen:  Nach Analogie menschlicher, subjektiver Verhältnisse wird das Wirkliche gedacht. (Ibid., S. 28)

[6] Hans Vaihinger, ibid., S. 205

[7] Ludwig Fleck, Erfahrung und Tatsache, Ffm. 1983, S. 154.

[8] Apperzeption bedeutet, im Unterschied zur Perzeption, die klare und bewusste Aufnahme des jeweiligen Inhalts eines Erlebnisses, einer Wahrnehmung oder eines Denkens.

[9] Vgl. Alfred Adler, Praxis und Theorie der Individualpsychologie, München 1930/ Köln 2012, S. 153

[10] „Wir schauen mit den eigenen Augen, wir sehen mit den Augen des Kollektivs. ( Ludwig Fleck, a.a.O, S. 154)

[11] Alfred Adler, a.a.O, S. 117

[12]  „Als eigentliche Fiktionen im strengen Sinne des Wortes stellen sich Vorstellungsgebilden dar, welche nicht nur der Wirklichkeit widersprechen, sondern auch in sich selbst widerspruchsvoll sind.“ (Hans Vaihinger, die Philosophie des Als Ob, Volksausgabe, 1924/2014, S. 15

[13] Vgl. Dawud Gholamasad, Zur Sozio- und Psychogenese der Selbstmordattentate der Islamisten, unter: http://gholamasad.jimdo.com  Und ders., Iran – Die Entstehung der „Islamischen Revolution“, Hamburg 1985, S. 461ff.

[14] Vergl. Rudolf Dreikurs, Grundbegriffe der Individualpsychologie,  Stuttgart, 19906,   S. 73f. & 99f.

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news-950 Mon, 19 Oct 2015 23:20:34 +0200 Menschenrechtsbeauftragter zum Gesundheitszustand von Mohammad Ali Taheri http://mehriran.de/artikel/menschenrechtsbeauftragter-zum-gesundheitszustand-von-mohammad-ali-taheri.html Pressemitteilung des Auswärtigen Amts vom 19.10.2015: Anlässlich aktueller Meldungen über den kritischen Gesundheitszustand des zum Tode verurteilten Iraners Mohammad Ali Taheri erklärte der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt, Christoph Strässer, heute (19.10.): "Ich bin äußerst besorgt über den sich stetig verschlechternden Gesundheitszustand von Mohammad Ali Taheri, der sich aus Protest gegen sein Todesurteil seit mehr als 60 Tagen im Hungerstreik befindet.
Seine Verurteilung erfolgte offenbar lediglich aufgrund seiner Weltanschauung und seiner religiösen Lehren. Sie stellt damit eine eklatante Missachtung des Menschenrechts auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit dar, zu dessen Achtung und Schutz sich Iran völkerrechtlich verpflichtet hat.
Ich fordere Iran auf, das Todesurteil gegen Mohammad Ali Taheri umgehend aufzuheben und ihm bis zu seiner Freilassung uneingeschränkten Zugang zu seiner Familie, seinen Anwälten und zu umfassender medizinischer Versorgung zu gewähren."

Hintergrund:

Mohammad Ali Taheri, Gründer der spirituellen Bildungs- und Kultureinrichtung „Erfan-e-Halgheh“ („Mystik des Ringes“), wurde im Mai 2011 festgenommen und im Oktober 2011 wegen „Beleidigung der islamischen Heiligkeit“ zunächst zu fünf Jahren Haft, 74 Peitschenhieben und einer Geldstrafe verurteilt. In einem erneuten Verfahren wurde er im August 2015 zum Tode verurteilt.

Das Verfahren weist nach Berichten von Menschenrechtsorganisationen zahlreiche Mängel auf; u.a. werde Taheri der Kontakt zu seinen Anwälten verwehrt. Der aktuelle Verfahrensstand ist unbekannt. Seit seiner Verhaftung soll er sich ununterbrochen in Einzelhaft im Teheraner Evin-Gefängnis befinden. Am 13.08.2015 ist Mohammad Ali Taheri aus Protest gegen die Verurteilung und gegen fehlenden Zugang zu seinen Rechtsbeiständen zum wiederholten Mal in Hungerstreik getreten.

Original: http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Infoservice/Presse/Meldungen/2015/151019-RHH_Al_Taheri.html

Weitere Informationen zum Fall auf mehriran.de: http://mehriran.de/artikel/der-fall-taheri-und-die-unwuerdigen-spiele-des-regimes-im-iran.html

und bei Amnesty International: https://www.amnesty.org/en/documents/mde13/2245/2015/en/

Urgent action: http://ua.amnesty.ch/urgent-actions/2014/08/212-14/212-14-2

 

 

 

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news-949 Fri, 16 Oct 2015 15:24:00 +0200 Bitte setzen Sie sich für die die Freilassung der politischen Gefangen im Iran ein! Appell an Frank-Walter Steinmeier http://mehriran.de/artikel/bitte-setzen-sie-sich-fuer-die-die-freilassung-der-politischen-gefangen-im-iran-ein-appell-an-frank-walter-steinmeier.html mehriran.de - Brief von Tilman Zülch, Generalsekretär der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) an Aussenminister Steinmeier vor seiner Reise in den Iran. An den Bundesminister des Auswärtigen 
Herrn Frank-Walter Steinmeier 
Auswärtiges Amt
11013 Berlin 
  
                                                                              Göttingen, den 16. Oktober 2015 
  
Bitte setzen Sie sich für die die Freilassung der politischen Gefangen im Iran ein! 
  
Sehr geehrter Herr Minister, 
  
im Namen unserer Menschenrechtsorganisation sowie im Namen von vielen in Deutsch­land lebenden Iranern bitte ich Sie, sich bei Ihrem Besuch am Samstag im Iran für die Freilassung von Gewissensgefangenen einzusetzen. Als Außenminister eines der wich­tigsten EU-Länder sollten Sie jede bietende Gelegenheit nutzen, um sich für die aus reli­giösen Gründen inhaftierten Bahá’i und alle anderen politischen Gefangenen wie den gewaltlosen kurdischen Menschenrechtler Mohammad Sadiq Kabudvand zu engagieren. 
  
Bitte sprechen Sie auch das Schicksal des gewaltlosten iranischen Gefangenen Moham­mad Ali Taheri und des Gefangenen Omid Kokabee an. Kokabee gehört der turkmeni­schen Minderheit an und ist seit 2011 inhaftiert. Ali Taheri trat vor 66 Tagen in den Hun­gerstreik. Die Gewissensgefangenen haben in den iranischen Haftanstalten Unsägliches auszustehen. Bitte helfen Sie ihnen, ihre Freiheit wiederzuerlangen! 
  
Die sieben Mitglieder des ehemaligen informellen Führungsgremiums der iranischen Baha’i-Glaubensgemeinschaft Frau Mahvash Sabet, Frau Fariba Kamalabadi, Herr Jamaloddin Khanjani, Herr Afif Naeimi, Herr Saeid Rezaie, Herr Behrouz Tavakkoli und Herr Vahid Tizfahm sind seit dem 14. Mai 2008 in Gefangenschaft. Die beiden Frauen und fünf Männer wurden nur aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit zu 20 Jahren Haft verur­teilt. Die rund 300.000 Bahá’í stellen im Iran die größte nichtislamische Minderheit, sind jedoch praktisch rechtlos. Ihre Religion hat ihre Wurzeln im Iran. Sie ist eine unabhängige Offenbarungsreligion mit derzeit etwa sieben Millionen Angehörigen weltweit. 
  
Wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, dass sich seit Amtsantritt von Präsident Hassan Rohani vor zwei Jahren nichts für die unterdrückten und diskriminierten Minder­heiten im Iran verbessert hat. Es ist jetzt dringend an der Zeit, dass Rohani seine Wahl­versprechen einlöst und endlich ein Zeichen setzt: Die politischen Gefangenen müssen umgehend freigelassen werden! 
  
Im Vielvölkerstaat Iran sind die Volksgruppen der Aseri, Kurden, Araber, Belutschen, Tur­kmenen, Assyrer sowie andere kleinere ethnische Minderheiten nicht als eigenständige Völker mit eigener Sprache und Kultur anerkannt. Sie alle leiden unter Unterdrückung und Diskriminierung. Gruppen und Individuen mit von der Staatsreligion abweichenden Weltanschauungen wie Bahá’í, Sufi-Derwische, Sunniten und sogenannte Neue Christen werden immer wieder willkürlich beschuldigt, Spione ausländischer Mächte zu sein und kurzerhand zu Staatsfeinden erklärt. Ein iranisches Gesetz sieht die Todesstrafe für sol­che Vergehen vor. Es ist nicht zu erwarten, dass Gerichte ein unabhängiges Urteil fällen. Doch internationale Aufmerksamkeit kann aggressiveres Vorgehen gegen diese Gruppen verhindern. 
  
Mit freundlichen Grüßen 
Tilman Zülch, Generalsekretär der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV)

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news-948 Fri, 16 Oct 2015 15:11:00 +0200 Der Fall Tâheri und die unwürdigen Spiele des Regimes im Iran http://mehriran.de/artikel/der-fall-taheri-und-die-unwuerdigen-spiele-des-regimes-im-iran.html mehriran.de - Im Iran herrschen im Hintergrund die Revolutionswächter und wollen jeden loswerden, der eigenständig denkt und es zu einer gewissen Berühmtheit bringt. Ein alternativer Heiler hat viele Anhänger gewonnen, jetzt läuft er Gefahr sein Leben zu verlieren. mehriran.de - Dr. Mohammad Ali Tâheri sitzt seit 5 Jahren im Gefängnis. Er hat mehrmals gegen seine Inhaftierung durch mehrere Hungerstreiks protestiert. Seit August 2015 ist er wieder in einen Hungerstreik getreten, seither sind mehr als 60 Tage vergangen und er ist gewillt weiter zu machen, obwohl ihn aus dem In- und Ausland gut gemeinte Appelle erreichen, den Streik zu brechen. Sein Fall ist ein Beispiel für die skandalösen Machtstrukturen im Iran und macht deutlich wo die Strippenzieher hinter den Kulissen sitzen. 

Amnesty International setzt sich mit einer Urgent Action für sein Leben ein und schreibt dazu: 

www.amnesty.de/urgent-action/ua-212-2014-2/zum-tode-verurteilt

"Mohammad Ali Taheri ist im Zusammenhang mit seiner spirituellen Weltanschauung und Lehren wegen "Beförderung von Verdorbenheit auf Erden" zum Tode verurteilt worden. Er ist ein gewaltloser politischer Gefangener.

Gegen Mohammad Ali Taheri erging am 1. August ein Todesurteil wegen "Verbreitung von Verderbtheit auf Erden" (efsâd-e fel arz). Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe beziehen sich auf die Gründung der spirituellen Gruppe Erfân-e-Halgheh. Er musste sich zuvor in zwei Sitzungen am 11. März und am 29. April vor der Abteilung 26 des Teheraner Revolutionsgerichts verantworten. Bis zum 20. August hat er nun die Möglichkeit, Rechtsmittel gegen seine Verurteilung einzulegen.

Amnesty International vorliegenden Informationen zufolge basiert das Todesurteil gegen Mohammad Ali Tâheri auf denselben spirituellen Lehren und Praktiken, die auch schon im Oktober 2011 die Grundlage seiner Verurteilung in mehreren Anklagepunkte waren. Er war 2011 unter anderem wegen "Beleidigung islamischer Heiligkeiten" zu fünf Jahren Haft, 74 Hieben und einer Geldstrafe von neun Milliarden Rial (ungefähr 277.000 Euro) verurteilt worden. Seit seiner Inhaftierung im Mai 2011 befindet er sich in der den iranischen Revolutionsgarden unterstellten Abteilung 2A des Evin-Gefängnisses in Teheran in Einzelhaft. Amnesty International befürchtet, dass Mohammad Ali Tâheri wegen "Beförderung von Verdorbenheit auf Erden" zum Tode verurteilt worden ist, weil die Revolutionsgarden diesbezüglich Druck ausgeübt haben. Dies lässt Zweifel an der Unabhängigkeit und Unparteilichkeit des iranischen Justizsystems aufkommen."

Die ausgesprochenen Zweifel von Amnesty International an der Unabhängigkeit und Unparteilichkeit des iranischen Justizsystems sind vollkommen gerechtfertigt. Das lässt sich am Fall Tâheri sehr gut nachvollziehen. 

Es gibt innerhalb des Systems im Iran Institutionen, die vergleichbar mit Einrichtungen anderer Staaten sind. So gibt es eine angeblich unabhängige Justiz unter ihrem Leiter Sadegh Larijani, die tatsächlich unabhängig von der Regierung ist, in diesem Fall der Regierung unter Hassan Rouhani. Sie ist mit Diebstählen, Gewaltakten, Drogendelikten, Familiensachen und anderen Streitigkeiten befasst. Dazu gibt es Gerichte, die nur für Geistliche zuständig sind, Militärgerichte und Revolutionsgerichte, die eingeschaltet werden, wenn jemand verdächtigt wird dem revolutionären Staat Iran gefährlich zu werden. Alle diese Gerichte wiederum müssen sich Weisungen einer Geheimdienstinstitution der Pasdaran fügen, die "Zâbetin-e Qoveyieh Ghazâyieh" heisst (Befehlsgeber für die Gerichtsbarkeit). 

Weiterhin gibt es einige ideologisch arbeitende Institutionen (think tanks), welche die Aufgabe haben die Ideologie des Systems zu tragen, zu verteidigen, zu verbreiten und auf verschiedenen Ebenen durchzusetzen. Diese Institutionen gehören auch zum mächtigen Apparat der Revolutionsgarden (Pasdaran). Eine dieser Institutionen (Zentrum für Weltanschauungsfragen und Religionen, Feragh va Adyan) überwacht und prüft alle weltanschaulichen und religiösen Gruppen im Land und weltweit. Hier werden auch die Kader der Pasdaran ideologisch geschult.

Grundsätzlich organisiert dieses Zentrum Ausstellungen, in denen andere religiöse oder spirituelle Gruppen als Satanisten diffamiert oder als Staatsfeinde und fünfte Kolonne des Westens im Iran dargestellt werden. Junge Geistliche werden in Provinzstädte geschickt, um einfache Bürger gegen Baha'i, Sufi-Derwische oder andere Gruppen aufzuhetzen.

Gegen Mohammad Ali Tâheri ist dieses Zentrum nun vor fünf Jahren gerichtlich vorgegangen. Er wurde vor einem Revolutionsgericht angeklagt "Verderbtheit auf Erden" (efsâd-e fel arz) zu verbreiten und islamische Heiligkeiten beleidigt zu haben.

Herr Tâheri hätte sich gerne selbst vor Gericht verteidigt, was ihm nicht gewährt wurde. Er sollte seinen Standpunkt schriftlich einreichen. Die 200 Seiten, die er daraufhin als Verteidigungsschrift verfasste, wurde jedoch von Mitarbeitern des Zentrums für Weltanschauungsfragen und Religionen konfisziert und dem Gericht nicht vorgelegt. Stattdessen brachte das besagte Zentrum Rechtsgutachten dreier Ajatollahs aus Ghom vor Gericht ins Spiel und berief sich auf religiöses Recht anstatt auf gesetzliche Grundlagen. Auf Druck und Weisung der Pasdaran Abteilung  "Zâbetin-e Qoveyieh Ghazâyieh" verurteilte der zuständige Richter dann im August 2015 Herrn Tâheri zum Tode. 

Das Urteil wurde nicht gleich veröffentlicht. Hier sieht man sehr gut wie das Regime im Iran dann sein Spiel mit der öffentlichen Meinung sehr subtil und mehrstufig umsetzt. Der Richter informierte lediglich den inzwischen hinzugezogenen neuen Anwalt Tâheri's am Telefon darüber, dass ein Todesurteil gegen seinen Mandaten gefällt worden war. Der Anwalt, Alizadeh Tabatabei, der auch Mehdi Hashemi und Amir Helmati vor Gericht vertreten hat, veröffentlichte dann durch Interviews die Entscheidung des Gerichtes. Umgehend wurde die Entscheidung jedoch offiziell dementiert und erst eine Woche später in einer Pressekonferenz von Mohsen Ejei, dem Sprecher der Justiz, bestätigt. Anwalt Alizadeh Tabatabei reiste daraufhin nach Qom und suchte das Gespräch mit den drei Ajatollahs, die als Quelle des zu Grunde gelegten Rechtsgutachtens genannt worden waren und erfuhr, dass keiner von den dreien eine solche Fatwa erlassen hatten, geschweige denn, dass sie Herrn Tâheri und seinen Fall kannten, um in der Lage zu sein ein Rechtsgutachten zu seinem Tod zu erlassen. Dann legte er Berufung gegen das Todesurteil ein. Ejei bestätigte in einer weiteren Pressekonferenz daraufhin noch einmal das Todesurteil und den Eingang der Berufung und versprach den Fall an den Obersten Gerichtshof weiter zu leiten, der über das Todesurteil zu befinden habe. Seither sind zwei Monate vergangen und nichts ist passiert.

Mohammad Ali Tâheri ist entschlossen seinen Hungerstreik weiter zu führen. Es ist sein einziges Mittel sich gegen die Willkürjustiz zu wehren.

Im Iran und in europäischen Ländern organisieren Aktivisten Protestaktionen.

Menschenrechtsaktivisten aus Teheran, wie die Rechtsanwältin Nasrin Sotoudeh, der Journalist Mohammad Nourizadeh oder der ehemalige Teheraner Universitätsrektor Mohammad Maleki geben in Interviews mit DorrTV zu verstehen, dass die mächtigen Revolutionswächter im Iran die Popularität Tâheri's nicht mehr tolerieren wollten und ihn auf diesem Weg aus dem Weg schaffen wollen.

V. Beheshti, ein führendes Mitglied der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran, lebt in London. Er warnt davor, dass das Regime im Iran mit dem Fall Tâheri einen Präzedenzfall schaffen will, um später einfacher Anführer missliebiger Gruppen "gesetzlich" aus dem Leben zu befördern.

Helmut N. Gabel für mehriran.de

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news-947 Mon, 12 Oct 2015 22:42:00 +0200 Karawane der Freiheit in Hannover http://mehriran.de/artikel/karawane-der-freiheit-in-hannover.html mehriran.de - Am Montag, 12.10.2015 startete vor dem Opernhaus Hannovers eine Karawane mit Plakaten, Musikinstrumenten und einer klaren Forderungen nach Freiheit für alle Gewissensgefangenen im Iran. Über kurze Besuche im Rathaus, im Landtag und in der Marktkirche endete der Zug mit einer Schlusskundgebung am Platz der Weltausstellung. mehriran.de - Aktivisten von Karamat e.V., der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran, Erfân-e Halghe und Amnesty International zogen bei strahlendem Sonnenschein singend und skandierend durch die Innenstadt Hannovers, sammelten Unterschriften und verteilten Flyer, in denen die Menschenrechtssituation aktuell dargelegt wurde.

Im Iran herrscht auch nach dem Atomdeal mit den 5+1 Ländern eine Unrechtsjustiz. So wurde ein Mann, der alternative Heilmethoden entwickelt hat und viele Anhänger im Iran gefunden hat, der Gotteslästerei bezichtigt und zum Tode durch den Strang verurteilt, was eigentlich selbst im Iran gegen jedes recht und Gesetz verstößt. 
Die Aktivisten zogen durch die Stadt und baten um Unterstützung durch Unterschriften und Fotos auch im Rathaus, im Niedersächsischen Landtag und in der Marktkirche. 

Dr. Mohammad Ali Tâheri ist jetzt seit 70 Tagen im Hungerstreik. Er protestiert gegen das ungerechte und ideologisch getriebene Urteil gegen ihn. Verschiedene Organisationen versuchen weltweit durch verschiedene Aktionen auf sein Schicksal aufmerksam zu machen.

Im Iran solidarisieren sich immer mehr Menschen mit jenen, die seit Tagen vor dem Evin Gefängnis in Teheran für seine bedingungslose Freilassung protestieren.

Helmut N. Gabel für mehriran.de

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news-946 Fri, 09 Oct 2015 12:51:00 +0200 Hannover - Karawane für die Freiheit aller Gewissensgefangenen im Iran http://mehriran.de/artikel/hannover-karawane-fuer-die-freiheit-aller-gewissensgefangenen-im-iran.html mehriran.de - Am Montag, 12.10.2015 wird ab 12:10 eine Karawane von Aktivisten mit Musikinstrumenten vom Opernplatz zum Rathaus, zum Landtag und zur Marktkirche ziehen und um Unterstützung für die verfolgten Iranerinnen und Iraner und für die Freilassung aller Gewissensgefangenen bitten. Mehriran.de - Eine Mustra (musikalische Strassenaktion) wird am Montag, 12.10.2015 in Hannover durchgeführt werden. Im Fokus der Aktion wird der seit mehr als 60 Tagen hungerstreikende Dr. Mohammed Ali Tâheri stehen.

Iran ist ein Land voller Vielfalt, wie ein bunter Teppich, ein reiches Mosaik mit bunten Motiven. Schöne Landschaften, gastfreundliche Menschen und reiche Geschichte. Als der Schah Reza Pahlevi 1979 die Unterstützung westlicher Mächte verlor und aus dem Land floh, gab es eine breite Koalition aus allen gesellschaftlichen Schichten, die die Revolution mittrug. Doch bald übernahmen bärtige Revolutionsgardisten die Regie und begannen erst die Macht an sich zu reißen und schliesslich Andersdenkende zu beseitigen. Die sogenannte "Islamische Republik Iran“ hat seither diese Linie fortgeführt. Politische Gegner werden getötet oder für lange Zeit inhaftiert, zum Teil auch ohne Prozess (z.B. Zahra Rahnavard, Mehdi Karroubi, Mir Hossein Mousssavi). Religiöse Minderheiten oder selbst Muslime, die für eine Trennung zwischen Religion und Staat eintreten (z.B. Ayatollah Boroujerdi) werden in immer wieder kehrenden Kampagnen unter Druck gesetzt, verhaftet, geschlagen, gefoltert, dürfen viele Berufe nicht mehr ausüben oder werden vom Studium ausgeschlossen (Baha’i, Sufi-Derwische und andere Mystiker). Vor allem werden die Führer religiöser Minderheiten zur Zielscheibe (das Führungsgremium der Baha’i, Dr. Nour Ali Tabandeh, Oberhaupt der Nematollah Gonabadi Derwische u.a.). Ethnische Gruppen wie Kurden, Balutschen und Araber werden grundsätzlich verdächtigt Separatisten zu sein und stark benachteiligt, verfolgt und diskriminiert. Sunniten oder christliche Konvertiten werden verfolgt oder am Ausüben ihres Glaubens gehindert.

Journalisten und Anwälte, die sich eine eigene Meinungen leisten, sich für ihre verfolgten Mandanten einsetzen oder Nachrichten veröffentlichen, in denen diese Verfolgungen zur Sprache kommen, müssen um ihr Leben, ihren Beruf und ihre Rechte fürchten. Manche fliehen aus dem Iran (Shirin Ebadi, Shadi Sadr u.a.), andere erklären sich nach massivem Druck bereit zu kollaborieren und manche halten den Druck aus und nehmen großes Leid auf sich (z.B. Nasrin Sotoudeh, Mohammad Nourizad u.a.). Neuerdings werden auch Ärzte und Heiler verfolgt. So wird der für alternative Heilmethoden bekannt gewordene Dr. Mohammad Ali Tâheri mit der Todesstrafe bedroht. Ihm wird Gotteslästerung vorgeworfen. Dr. Tâheri hat seit mehr als 60 Tagen einen Hungerstreik auf sich genommen, um gegen die Behandlung durch die Behörden zu protestieren.Da das Regime im Iran sehr darum besorgt ist, als moralisch hochstehendes Land weltweit wahrgenommen zu werden, reagieren die Behörden dort oft nur, wenn man sich im Westen für Gefangene interessiert und öffentlich aktiv wird.

Wir bitten Sie die Aktion durch ein Foto gemeinsam mit uns zu unterstützen und fordern die Behörden im Iran auf, Herrn Tâheri bedingungslos frei zu lassen und ihm seine Rechte zu gewähren.

Die Initiative geht von Mitgliedern der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran zusammen mit Erfân-e Halghe und Karamat e.V. aus. Andere Organisationen haben ihre Mithilfe zugesagt.

Auch Amnesty International hat den Fall aufgegriffen und bittet um Unterstützung: 

https://www.amnesty.org/en/documents/document/?indexNumber=mde13%2F2618%2F2015&language=en

Helmut N. Gabel für mehriran.de

 

 

 

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news-945 Fri, 09 Oct 2015 11:15:00 +0200 Musik aus dem Iran http://mehriran.de/artikel/musik-aus-dem-iran.html Ahl-e hagh ist eine Gemeinschaft, die sich als Liebende verstehen. Ihre Musik ist durchdrungen von der Liebe zum Schöpferischen. Es sind Hymnen, die Gott gewidmet sind und der Brüderlichkeit und Solidarität untereinander. Über diesen Link zu entdecken:

https://www.facebook.com/687469477953778/videos/1100657679968287/

 

 

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news-944 Tue, 06 Oct 2015 14:16:00 +0200 Brüssel - Musik für die Freilassung aller politischen Häftlinge im Iran http://mehriran.de/artikel/bruessel-musik-fuer-die-freilassung-aller-politischen-haeftlinge-im-iran.html Die Serie von musikalischen Protesten auf den Strassen Europas hält an. Am Wochenende protestierten Aktivisten vor dem Evin Gefängnis in Teheran, in Stockholm und vor dem EU Parlament in Brüssel. mehriran.de - Die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI) hält zusammen mit anderen Organisationen seit August immer wieder musikalische Strassenaktionen in großen europäischen Städten und in der Hauptstadt Irans ab.


Luxemburg Platz in Brüssel

Dabei wird auf das Schicksal verschiedener politischer Gefangenen aufmerksam gemacht und ihre Freilassung gefordert.

Am kommenden Montag, 12.10. um 12:10 beginnt am Opernplatz in Hannover eine Karawane von Musikern einen Zug zum Rathaus, zum Landtag und zur Marktkirche, um die wesentlichen Gestalter der Politik in Niedersachsen/Hannover anzusprechen. Es wird Musik gemacht und Flyer verteilt. Weiterhin werden Protestnoten an Bürgermeister Schostok, Ministerpräsident Weil und einen Vertreter oder eine Vertreterin der Marktkirche in Hannover übergeben, um die Unterstützung für den Aufruf zur Freilassung zu gewinnen.

IOPHRI

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news-942 Mon, 05 Oct 2015 23:50:00 +0200 Freiheit für alle politischen Insassen und Gewissensgefangenen im Iran http://mehriran.de/artikel/freiheit-fuer-alle-politischen-insassen-und-gewissensgefangenen-im-iran.html Musikalische Strassenaktion (Mustra) durch die Innenstadt Hannovers am 12. Oktober, ab 12:10 vom Opernplatz Iran ist ein Land voller Vielfalt, wie ein bunter Teppich, ein reiches Mosaik mit bunten Motiven. Schöne Landschaften, gastfreundliche Menschen und reiche Geschichte. Als der Schah Reza Pahlevi 1979 die Unterstützung westlicher Mächte verlor und aus dem Land floh, gab es eine breite Koalition aus allen gesellschaftlichen Schichten, die die Revolution mittrug. Doch bald übernahmen bärtige Revolutionsgardisten die Regie und begannen erst die Macht an sich zu reißen und schliesslich Andersdenkende zu beseitigen. Die sogenannte "Islamische Republik Iran“ hat seither diese Linie fortgeführt. Politische Gegner werden getötet oder für lange Zeit inhaftiert, zum Teil auch ohne Prozess (z.B. Zahra Rahnavard, Mehdi Karroubi, Mir Hossein Mousssavi). Religiöse Minderheiten oder selbst Muslime, die für eine Trennung zwischen Religion und Staat eintreten (z.B. Ayatollah Boroujerdi) werden in immer wieder kehrenden Kampagnen unter Druck gesetzt, verhaftet, geschlagen, gefoltert, dürfen viele Berufe nicht mehr ausüben oder werden vom Studium ausgeschlossen (Baha’i, Sufi-Derwische und andere Mystiker). Vor allem werden die Führer religiöser Minderheiten zur Zielscheibe (das Führungsgremium der Baha’i, Dr. Nour Ali Tabandeh, Oberhaupt der Nematollah Gonabadi Derwische u.a.). Ethnische Gruppen wie Kurden, Balutschen und Araber werden grundsätzlich verdächtigt Separatisten zu sein und stark benachteiligt, verfolgt und diskriminiert. Sunniten oder christliche Konvertiten werden verfolgt oder am Ausüben ihres Glaubens gehindert.
Journalisten und Anwälte, die sich eine eigene Meinungen leisten, sich für ihre verfolgten Mandanten einsetzen oder Nachrichten veröffentlichen, in denen diese Verfolgungen zur Sprache kommen, müssen um ihr Leben, ihren Beruf und ihre Rechte fürchten. Manche fliehen aus dem Iran (Shirin Ebadi, Shadi Sadr u.a.), andere erklären sich nach massivem Druck bereit zu kollaborieren und manche halten den Druck aus und nehmen großes Leid auf sich (z.B. Nasrin Sotoudeh, Mohammad Nourizad u.a.).Neuerdings werden auch Ärzte und Heiler verfolgt. So wird der für alternative Heilmethoden bekannt gewordene Dr. Mohammad Ali Tâheri mit der Todesstrafe bedroht. Ihm wird Gotteslästerung vorgeworfen. Dr. Tâheri hat seit mehr als 50 Tagen einen Hungerstreik auf sich genommen, um gegen die Behandlung durch die Behörden zu protestieren.Da das Regime im Iran sehr darum besorgt ist, als moralisch hochstehendes Land weltweit wahrgenommen zu werden, reagieren die Behörden dort oft nur, wenn man sich im Westen für Gefangene interessiert und öffentlich aktiv wird. So bitten wir alle Aktivisten nach Hannover, dem Ruf nach Freiheit für alle politischen Insassen und Gewissensgefangenen im Iran eine Stimme zu verleihen: Montag, 12. Oktober 2015, ab 12:10 ziehen wir vom Opernplatz zum Rathaus, zum Landtag, zur Marktkirche und zum Kröpke als Karawane mit bunten Plakaten von Menschen, die im Iran gefangen gehalten werden. Wir halten jeweils vor Ort, verteilen Flugblätter und spielen symbolisch 121 Sekunden einen einfachen Rhythmus, dann zieht die Karawane weiter. Die Initiative geht von Mitgliedern der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran zusammen mit Erfân-e Halghe und Karamat e.V. aus. Andere Organisationen haben ihre Mithilfe zugesagt.

Helmut N. Gabel, IOPHRI

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news-940 Sun, 27 Sep 2015 19:03:00 +0200 Flashmob für M.A. Tâheri in Hannover http://mehriran.de/artikel/flashmob-fuer-ma-taheri-in-hannover.html mehriran.de - Mitglieder der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran, Karamat e.V. und Erfân-e Halghe machten am Samstag, 26. September 2015 mit einer kurzen musikalischen Strassenaktion (Mustra) auf die drohende Hinrichtung von M. A. Tâheri im Iran aufmerksam. mehriran.de - In einem Gespräch mit einem Mitglied der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI) in Hannover, erfuhr unsere Reporterin vor Ort, dass sowohl in Teheran, Iran als auch in Los Angeles, USA und in London, UK sich mehrere Menschenrechtsaktivisten für die Freilassung aller Gewissensgefangenen im Iran und auch von M. A. Tâheri seit mehreren Monaten einsetzen.

In Teheran protestieren neben der berühmten Rechtsanwältin Nasrin Sotoudeh und anderen Menschenrechtsaktivisten, die im Iran bereits Haftstrafen wegen ihrer Äußerungen zur Menschenrechtslage im Iran verbüßt haben, immer mehr junge Anhänger der von Dr. Tâheri gegründeten Organisation Erfân-e Halghe.

Auch Amnest hat eine urgent action (Aufruf zum eiligen Handeln) erlassen: Amnesty - Tâheri.

Frau B. Mennas von IOPHRI kündigte weitere öffentliche Proteste in Brüssel, Genf, London und anderen Städten weltweit an.

Das Regime im Iran geht nach wie vor gegen Menschen vor, die für eine Trennung zwischen Religion und Staat eintreten oder sich weigern die Ideologie des Staates als ihren Glauben auszugeben oder sich kritisch gegenüber der Menschenrechtslage im Iran äußern.

Lotte Günther für mehriran.de, Hannover, am 27. September 2015

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news-939 Mon, 21 Sep 2015 23:05:00 +0200 Teheran, London und Berlin - Proteste gegen Menschenrechtsverletzungen im Iran http://mehriran.de/artikel/teheran-london-und-berlin-proteste-gegen-menschenrechtsverletzungen-im-iran.html mehriran.de - Sie stehen mit Plakaten von Gewissensgefangenen auf öffentlichen Plätzen, rufen oder singen nach Freiheit für Gefangene des Regimes und spielen auf persischen Instrumenten, um die Aufmerksamkeit der Umstehenden zu gewinnen. mehriran.de - Mitglieder der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran und weitere MenschenrechtsaktivistInnen kämpfen um das Leben von Gewissensgefangenen und um ein Ende von Hinrichtungen im Land von Hafis und Sa'adi.

Vertreter des Regimes im Iran sind sehr sensibel, was man im Westen über das Land sagt. Die sogenannte Islamische Republik Iran möchte als moralisch hochstehendes Land wahrgenommen werden und als Retter der Stabilität im Nahen Osten gelten. Jeder Hinweis auf die miserable Menschenrechtssituation im Iran wird abgebügelt, relativiert oder als Einmischung in die inneren Angelegenheiten abgekanzelt oder gar als Umtrieb dekadenter westlicher Mächte zugeschrieben.

Doch die Tatsachen sprechen gegen das Saubermann-Image, das Iran sich gerne geben würde. Die Hinrichtungszahlen nehmen erschreckender Weise weiter zu und Gründe für Hinrichtungen sind abstrus und gänzlich unvereinbar mit internationalem Recht, das Iran offiziell anerkennt.

So ist das Leben des beliebten Heilers und Lehrers Mohammad Ali Tâheri in Gefahr, da ihm diffuse Vorwürfe der Gotteslästerei angehängt werden. Zur Zeit prüft ein Berufungsgericht nach intensivem Druck aus dem Ausland die Stichhaltigkeit der Vorwürfe. Menschenrechtler wie Dr. Seyed Mostafa Azmayesh befürchten, dass mit dem Fall Tâheri ein Präzedenzfall geschaffen werden soll, um später auf einfachere Weise Anführer weltanschaulicher oder religiöser Gruppen aus dem Weg zu räumen. Da im Iran Religion und Staat verquickt sind, wird jeder Mensch, der eine andere Weltanschauung hat als die offizielle Lesart der ideologischen Verbrämung eines schiitischen Islams, vom Staat als Konkurrent gesehen und verfolgt.

 Berlin, Alexanderplatz Berlin, AlexanderplatzTeheran, vor dem Evin GefängnisLondon, Trafalgar Square

In London, Teheran und Berlin gab es am Wochenende Strassenaktionen, die auf diese Situation aufmerksam gemacht haben. In Kürze werden in Brüssel, Genf und New York sowie weiteren Städten die nächsten Aktionen der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran und anderer Aktivisten erwartet.

IOPHRI, September 2015

 

 

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news-938 Mon, 14 Sep 2015 02:27:00 +0200 Exklusivinterview mit Ahmed Shaheed zu Iran http://mehriran.de/artikel/exklusivinterview-mit-ahmed-shaheed-zu-iran.html mehriran.de - Iran führt immer noch keine fairen Gerichtsverfahren durch. Einer von vielen betroffenen Gewissensgefangenen im Iran ist Dr. Mohammad Ali Taheri, der Begründer von Erfan-e Halghe. mehriran.de - In den vergangenen Tagen ist die Zahl der Hinrichtungen in Iran weiter gestiegen. Gestern sind 10 Personen, von denen einer Lehrer war, im Gefängnis von Karadsch gehängt worden. Keiner dieser Personen ist ein faires Gerichtsverfahren ermöglicht worden.

Der Begründer einer spirituellen Bewegung namens Erfan-e Halghe, Dr. Mohammed Ali Taheri, dessen Aktivitäten und Lehrtätigkeiten im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen des Regimes statt gefunden haben, wurde vor Kurzem ohne Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt. Herr Taheri berichtet, er hätte sich nie selbst verteidigen oder von einem Anwalt vertreten werden dürfen und man habe ihm erst jüngst einen Anwalt zugestanden.

Das bedeutet das Justizsystem im Iran hat entschieden Herrn Taheri ohne Gerichtsurteil hinzurichten. Dies ist ein symptomatischer Fall für die Justiz im Iran.

DorrTV: "Herr Shaheed, Sie sind als Sonderberichtserstatter für die Menschenrechte im Iran von den Vereinten Nationen berufen worden. Geben Sie bitte ihre Einschätzung dazu, dass im Iran Todesurteile ohne Gerichtsverfahren erlassen werden."

Dr. Ahmed Shaheed: "Danke sehr. Das Thema ist sehr Ernst. Wiederholt habe ich in meinen Berichten schwere Bedenken geäussert zur Anwendung der Todesstrafe im Iran, sowohl was die absolute Anzahl der Hingerichteten und Personen, die auf ihre Hinrichtung warten, als auch die Gründe für die Todesurteile angeht; ebenso habe ich mich bezogen auf das von Ihnen angesprochene Thema der unfairen Gerichtsverfahren, die noch nicht einmal die grundlegendsten Standards des anzuwendenden Verfahrensrechts betrifft. Diese Bedenken muss ich leider weiter äußern und zusätzlich habe ich jüngst bemerkt, dass es eine Verschärfung in der Anzahl der Hinrichtungen gegeben hat, wodurch der Hintergrund, den ich eben erwähnte sehr schwerwiegend ist.
Der Fall von Dr. Taheri ist ein Fallbeispiel bei dem den Behörden vorgeworfen wird, dass es ernste Defizite bei den Standards eines fairen Gerichtsverfahrens geben soll. Die gegen Dr. Taheri erhobenen Vorwürfe sind sehr unbestimmt und allgemein und entsprechen nicht anerkannten Mindestanforderungen internationalen Rechts. Darüberhinaus entsprechen die vorliegenden Vorwürfe auch nicht internationalen Gesetzen zur Todesstrafen. Es gibt also eine Reihe von Verletzungen internationaler Gesetze, die vermutlich im Fall von Dr. Taheri zu finden sind."

DorrTV: "Was kann das Menschenrechtskommittee der Vereinten Nationen unternehmen, um das Leben politischer und religiöser Häftlinge zu retten, die sich keines Verbrechens schuldig gemacht haben und ausschliesslich eingesperrt werden wegen ihrer Weltanschauung und ihres Glaubens."

Dr. Ahmed Shaheed: "Die Vereinten Nationen sind eine Institution verschiedener Mitgliedsstaaten, wodurch das Menschrechtskommittee auch eine Einrichtung der Mitgliedsstaaten darstellt, das in Bezug auf Menschenrechte eine schützende Aufgabe inne hat. Daher können die VN zunächst auf internationaler Ebene die Probleme zur Sprache bringen und besonders in diesem speziellen Fall an die Regierung im Iran appellieren ihren internationalen Verpflichtungen nachzukommen. Iran hat sich der grundlegenden Menschenrechtskonventionen zu internationalem Recht, ein Beispiel dafür ist das ISSFBI, angeschlossen. Dazu gibt es eine Reihe von mutmaßlichen Verletzungen dieser Verträge, die sich in mehreren Gerichtsverfahren finden lassen, inklusive in dem Verfahren gegen Dr. Taheri. Das bedeutet die VN können an die Regierung Iran's schreiben und ernste Bedenken äußern über die mutmaßlichen Verletzungen seiner internationalen gesetzlichen Verpflichtungen und die VN können mit weiteren Mitgliedern des Menschenrechtskommittees über dieses Thema sprechen und sie bitten ebenso ihre Bedenken kund zu tun und die Regierung im Iran auf zu fordern Stellung dazu zu nehmen und auf die konkreten Fälle ohne Verzug und angemessen zu antworten."

DorrTV: "Die Justiz im Iran scheint nicht gewillt ihr Verhalten in Bezug auf die internationalen Menschenrechtskonventionen zu verändern. Statt dessen verleumdet das Regime Sie als den Menschenrechtsbeauftragten der Vereinten Nationen für Iran, verbreitet Propaganda gegen Sie und bekämpft Ihre Berichte zur Menschenrechtslage im Iran und will die Welt glauben machen, dass Ihre Berichte nur die Meinung der iranischen Opposition widerspiegeln. Interessanterweise beruhen ja Ihre Berichte auf Fakten und Zahlen, die auch in Presseorganen innerhalb Irans publiziert wurden. Meine Frage: wie kann das Menschenrechtskommittee der VN die Justiz im Iran dazu bringen sich an die internationalen Verträge zu halten, die sie selbst unterzeichnet haben?"

Dr. Ahmed Shaheed: "Wie Sie wissen gibt es die Universal Periodic Review (wiederkehrende universelle Überprüfung), bei der alle Länder sich vor dem Menschenrechtskommittee zu verantworten haben. Dort werden die Länder gebeten Stellung zu ihrem Umgang mit den Menschenrechten im eigenen Land zu beziehen und dann Empfehlungen anderer Staaten anzunehmen und zurück zu kehren vor die Kommission und darzulegen, wie sie mit den Empfehlungen umgegangen sind. Iran hat zwei solcher Überprüfungen gehabt, die letzte war erst letztes Jahr (2014).

In jedem Fall ist es an den betroffenen Ländern selbst die eigenen Versprechen umzusetzen. Iran hat eine Reihe von Versprechen abgegeben, Rechtsgrundsätze und Rechtsstaatlichkeit walten zu lassen und seinen Verpflichtungen nachzukommen. Tatsächlich verlangt die eigene Verfassung die Anwendung von Rechtsstaatlichkeit und fairen Gerichtsverfahren. Wenn ein Staat die grundlegenden Rechte seiner Bevölkerung anhaltend verletzt, wird der Grad der Beunruhigung im Kommittee steigen und falls diese Situation weiter anhält, dann werden die Mitglieder des Kommittees selbstverständlich noch genauer Hinschauen, was in dem Land passiert. Durch diese Art Einsicht zu schaffen und Transparenz und Aufmerksamkeit zu erzeugen, hofft das Kommittee, dass Länder wie Iran sich an ihre Verpflichtungen in Bezug auf das Implementieren fairer Gerichtsverfahren halten.

Sie sind in Ihrer Frage auf die Äußerungen der Regierung zu meinen Berichten eingegangen und haben ganz zu Recht gesagt, meine Berichte würden auf Tatsachen gründen. Am Fallbeispiel von Dr. Taheri können wir zeigen, dass die Vorwürfe gegen ihn wie Blasphemie oder Verderbtheit auf Erden sehr vage und unbestimmt sind und weit unterhalb der Grenze liegen, ab der nach internationalem Recht die Todesstrafe verhängt werden kann.

Eine solche Tatsache erfodert kein Statement oder Meinungsäusserung durch die Opposition Iran's. Der Fall liegt klar auf der Hand bezüglich der Verfassung Iran's, den Gesetzen Iran's und ihre Übereinstimmung mit internationalen Menschenrechtsstandards."

DorrTV: "Falls das Regime nicht einwilligt gemäß den Menschenrechtsverträgen und der internationalen Konventionen zu handeln, was wird die Antwort des VN Menschenrechtskommittees sein? Welche Art von Sanktionen muss Iran erwarten?"

Dr. Ahmed Shaheed: "Es gibt eine Vielzahl von Optionen für das Menschenrechtskommittee betreffend Länder, die anhaltend Menschenrechte verletzen. Es ist nicht meine Aufgabe solche Handlungen vorzuschlagen oder darüber Spekulationen anzustellen, doch kann ich klar sagen, dass dieses Kommittee ein Mandat hat Menschenrechte zu schützen, sich für Menschenrechte einzusetzen und hat daher eine Anzahl von Instrumenten zur Verfügung, um Länder zu gewinnen sich verstärkt für den Schutz der Menschenrechte einzusetzen. Also nochmals, da das Kommittee ein Organ der VN Mitgliedsstaaten ist, gibt es eine Neigung den Staaten sehr viel Zeit einzuräumen, um dies umzusetzen, doch werden Sie an Hand der Aktionen des Kommittees feststellen, dass es in der Vergangenheit gewisse Werkzeuge gab, die zum Ausüben von mehr Druck auf ein Land genutzt wurden, um sie zur Einhaltung der Verpflichtungen gegenüber Menschenrechten zu bewegen."

DorrTV: "Was schlagen Sie vor muss getan werden, um das Leben von Dr. Taheri und dasjenige anderer Gewissensgefangenen im Iran zu retten?"

Dr. Ahmed Shaheed: "Ich denke Iran reagiert auf Druck. Die Erfahrung der Vergangenheit zeigt zum Beispiel, dass bei Reaktionen des Menschenrechtskommittees auf bestimmte Probleme, Iran auf einige spezifische Fälle eingegangen ist. Daher denke ich, gibt es die Möglichkeit, dass Iran den Fall von Dr. Taheri aufgreifen und prüfen wird, wie der Fall neu betrachtet werden kann und Reaktionen auf das Problem zeigen, die konform gehen mit den Menschenrechtsverpflichtungen des Landes. Daher denke ich lautet die Antwort genaues Hinschauen, weitere internationale Aufmerksamkeit zu dem Thema und vor allem Gespräche zu Menschenrechtsthemen ausgehend von Ländern, die jetzt in der Zeit von Iran's erhöhtem internationalem Engagement auf den Iran zugehen."

DorrTV: "Wie gehen Sie damit um, dass wikileaks auf Grundlage falscher Dokumente und Gerüchten berichtet haben soll, Sie hätten Geld von Saudi Arabien erhalten, um den Menschenrechtsbericht zu erstellen?"

Dr. Ahmed Shaheed: "Schauen Sie, wiki-leaks hat sehr schnell auf diese Anschuldigung reagiert und hat den- oder diejenigen, der oder die diese Anschuldigungen vorgebracht haben aufgefordert Dokumente oder Schriftverkehr zu verlinken, die eine solche Behauptung stützen - das Ergebnis war, dass es leere Behauptungen waren und es keine Dokumente gab. Das wurde also sehr schnell aufgeklärt.

Was mich mehr bewegt sind Menschen im Iran, die meinen, Propaganda sei wichtiger als sich um Menschenrechtsverletzungen zu kümmern. Das ist wirklich erschreckend, betrüblich und bedauerlich! Ich meine es ist jetzt höchste Zeit, dass diese Leute realisieren, dass sie nicht ständig alle Menschen für dumm verkaufen können. Wenn es zu Hause Probleme gibt, die gelöst werden müssen, sollten sie eher angepackt werden, als versucht werden Propaganda Werkzeuge zu finden, um jene zu untergraben und anzuschwärzen, die diese Probleme aussprechen."

Übersetzung aus dem Englischen Helmut N. Gabel, Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran

Exklusivinterview mit dem Menschenrechtsbeauftragten der VN für Iran, Ahmed Shaheed durch DorrTV am Mittwoch, 9.September 2015 auf Englisch.

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news-937 Fri, 04 Sep 2015 10:37:00 +0200 Strassenaktion für die Freiheit aller Gewissensgefangenen im Iran auf dem Berliner Alexanderplatz http://mehriran.de/artikel/strassenaktion-fuer-die-freiheit-aller-gewissensgefangenen-im-iran-auf-dem-berliner-alexanderplatz.html Nach wie vor bedroht das Regime im Iran Menschen mit eigener Meinung oder Weltanschauung massiv. Diese musikalische Strassenaktion wendet sich vor allem gegen die drohende Todesstrafe für Mohammed Ali Taheri. Pressemitteilung:

„Nach wie vor übt das Regime im Iran Druck auf Minderheiten aus, nach wie vor werden Menschen auf Grund ihrer Überzeugungen mit dem Tode bedroht. Mohammad Ali Taheri, Begründer einer spirituellen Bewegung im Iran, wurde wegen „Verderbtheit auf Erden“ angeklagt. Ihm droht der Tod durch den Strang. Zahlreiche seiner Anhänger befinden sich nach Protesten für seine Freilassung in iranischen Gefängnissen mit dem Vorwurf die Sicherheit des Staates zu gefährden. Taheri befindet sich seit Oktober 2011 in Einzelhaft unter dem Vorwurf „islamische Heiligkeiten“ beleidigt zu haben. Eine solche Beleidigung wird durch das Regime abgeleitet, dass er durch seine Praktiken den Interessierten Methoden zur Heilung aufzeigt, die keine religiöse Behörde oder ein Mitglied der Mullahhierarchie braucht. Die Verurteilung zum Tode für Ausübung der Glaubens- und Meinungsfreiheit stellt eine extreme Verletzung von Menschenrechten dar. 
In Solidarität mit allen Gewissensgefangenen im Iran und aus Protest gegen die Vorgehensweise des Regimes im Fall Taheri wird die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI) zusammen mit dem Verein Karamat und weiteren Menschenrechtsorganisationen am Samstag, 5. September 2015 ab 16:15 eine musikalische Strassenaktion auf dem Alexanderplatz in Berlin durchführen. Ein Kamerateam eines iranischen Senders wird die Aktion vor Ort aufnehmen und verschiedene Interviews zu dem Fall Taheri und anderen Gewissensgefangenen durchführen.“

Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran

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news-936 Tue, 07 Jul 2015 21:59:00 +0200 Warum Hardliner im Iran gerne andere ausschliessen und Hass nähren http://mehriran.de/artikel/warum-hardliner-im-iran-gerne-andere-ausschliessen-und-hass-naehren.html mehriran.de - Rede bei den Vereinten Nationen in Genf. Dieser kurze Bericht konzentriert sich auf Menschenrechtsverletzungen gegen religiöse und spirituell gesinnte Gruppierungen im Iran. Außerdem wird es um die Mechanismen gehen, warum das Regime ein aktives Interesse verfolgt Menschenrechte zu verletzen, anstatt grundlegende Rechte der Bürgerinnen und Bürger im Iran zu schützen. Genf, mehriran.de - Präsident Rouhani versprach substanzielle Änderungen bei den Menschenrechten als er vor zwei Jahren antrat, doch wir sehen tendenziell eher eine Verschlechterung.

Bildungsfreiheit, Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit, Freiheit des Ausdrucks und weitere Felder ernsthafter individueller Selbstbestimmung sind dauerhaft gefährdet ausgehebelt zu werden.

Das Regime wendet hauptsächlich zwei Werkzeuge an, um die Gesellschaft zu unterdrücken und das Fortbestehen der Machtelite zu sichern, um ihre Ziele zu erreichen: Ehtelâf va tars (Zerwürfnis und Angst). Das Regime setzt diese Werkzeuge geschickt ein, um seine "Säuberungen" von allen Andersdenkenden voranzubringen. Ein wichtiges Argument soll nicht außer Acht gelassen werden. Die Gruppen, die durch das Regime als regimefeindlich eingestuft werden, müssen laut Aussagen von Regimevertretern aus Gründen der Staatsräson verfolgt werden und diese Praktik findet nach wie vor eine perfide Fortsetzung. Dies ist jedoch nichts als eine Ausrede, um willkürlich Feinde zu konstruieren, denen man Staats gefährdende Umtriebe andichtet, um sie beseitigen zu können.

Während der vergangenen Jahrzehnte haben eine Vielzahl von Zeugen immer wieder von den Verfolgungen religiöser und ethnischer Minderheiten durch das Regime im Iran berichtet. Es gibt nicht wenige Berichte über das Vorgehen gegen Kurden, Balutschen, Araber oder weniger bekannte Volksgruppen, ebenso über Baha'i, Sunniten, konvertierte Christen, Ahl-e Hagh, Anhänger von Mohammad Ali Tâheri und Erfân-e Halghe oder Sufi Derwische des Nematollah Gonabadi Ordens unter Leitung von Dr. Nour Ali Tabandeh. Sie alle erleiden immer wieder Verfolgung, Erniedrigung, Angriffe verschiedenster Natur durch Agenten des Regimes.

Wie Sie vielleicht wissen, gibt es im Iran eine Machtelite, die auf der revolutionären Agenda namens "Islamische Revolution" beharrt und die sich nicht auf die Grenzen des Staates beschränkt. Die Vertreter dieser Interessen beharren weiterhin darauf, jeden zu verfolgen, den sie selbst als Feind ihrer sogenannten Islamischen Revolution definieren. Eine ihrer Hauptpublikationsorgane ist die Webseite "Ammaryioun", die auch den Namen der Gruppe zum Ausdruck bringt. Diese revolutionär gesinnten Fundamentalisten durchdringen die Kaderschulungen in den Universitäten, bei den Revolutionswächtern und in anderen Institutionen, die unter der Aufsicht des sogenannten "Obersten Führers" stehen. Ihre Weltanschauung könnte als radikaler Klerikalfaschismus bezeichnet werden.

Es gibt hauptsächlich drei Stufen in der Vorgehensweise des Regimes und vornehmlich dieser Gruppierung innerhalb der Machtelite, die konsequenterweise und immer wieder zu Menschenrechtsverletzungen führen:

1.    Bücher oder Artikel veröffentlichen, neuerdings auch Ausstellungen veranstalten, die vollgespickt sind mit Verleumdungen, bodenlosen Behauptungen und historischen Interpretationen, die einer ernsthaften Überprüfung nicht Stand halten

2.    Junge Kleriker in Schnellkursen "erziehen", das bedeutet sie mit gewissen Hassgedanken indoktrinieren

3.    Die jungen Kleriker in verschiedene Städte und Regionen schicken, wo sie die Bevölkerung gegen Minderheiten aufstacheln sollen, die leichte Zielscheiben abgeben, da sie weder von Machteliten im Iran besonderen Schutz zu erwarten haben noch von Wortführern in anderen Ländern

Weiterhin gibt es zwei Anschuldigungen, die regelmäßig gegen verschiedene Gruppen und Individuen vorgebracht werden, um sie als Feinde abzustempeln und deren Folgen zur Hinrichtung führen könnten:

1.    Moharebeh (Feindschaft zu Gott), welche eine politische Anschuldigung darstellt, da im Iran Religion und Staat auf's Engste miteinander verschweisst sind

2.    Beleidigung des Propheten oder Beleidigung von Heiligen, welches erstmal eine religiöse Anschuldigung darstellt, die mit einem Rechtsgutachten eines Ajatollahs angereichert, einem Aufruf an die Gläubigen zum Töten gleich kommt und oft eine Art Präzedenzfall für den Tatbestand schafft 

An Hand zweier Beispielen will ich im Folgenden einen kleinen Einblick aus einer umfangreichen Sammlung herzzerreissender und unmenschlicher Geschichten geben, die aus den Prinzipien und der Politik dieses Regimes erwachsen. Ich werde sprechen über die verzweifelte Situation von Herrn Mohammed Ali Tâheri und die Angriffe gegen eine Sozialeinrichtung für Arme, Alte und Pflegebedürftige namens "Madad kari-ye Reza" erwähnen. 

1. Dr. Mohammed Ali Tâheri

·      Wissenschaftler und Gründer des Interuniversalismus (Erfân-e Halgheh), Heiler

·      er hat mehrere ganzheitliche Heilansätze entwickelt

·      er ist Leiter eines Instituts, das 2006 seine Pforten in Teheran eröffnet hatte, die ihm im August 2010 schon wieder verschlossen wurden

·      Herr Tâheri wurde 2010 verhaftet und wegen "Handlungen, die aus religiösen Gründen verboten sind" angeklagt - er hatte während einer Heilsitzung die Handgelenke einer Frau angefasst, um eine Heilmethode anzuwenden

·      schliesslich wurde er wegen "Beleidigung islamischer Heiligen" verurteilt und zu 5 Jahren Haft ins Gefängnis geschickt, wo er Folter erlitt, Todesdrohungen aushalten musste und Isolationshaft gesteckt wurde

·      er hat 12 Versuche unternommen mit einem Hungerstreik gegen seine verzweifelte Lage zu protestieren

·      man betrachtet ihn als Gefahr für das Regime, da er viele Anhänger anzuziehen begann und zu viel Aufmerksamkeit für seine Methoden gewonnen hatte

·      in 2011 erliessen 14 Ajatollahs ein Rechtsgutachten (Fatwa), das Dr. Tâheri als Apostaten und Häretiker (Mortad) einstufte, was einem Aufruf an die Gläubigen zum Töten gleich kommt

·      ein Brief von 2013, der von diversen Rapporteuren unterschrieben wurde, mahnt die Verantwortlichen im Iran keine Hinrichtung zu zu lassen, die Gefahr der Hinrichtung besteht aber nach wie vor

Ahmad Salek Kashâni ist der Leiter der Kommission für Kultur des Parlaments. Er insistiert auf den Tod von Herrn Tâheri, da seine Ideen junge Menschen in die Irre führen würden und sie abfallen könnten von der ideologischen Version des Staatsislams. Diese Aussage eines hohen Vertreters des Staates ist ein erschreckendes Zeichen für die tatsache, dass die Rechte unschuldiger Menschen nicht respektiert werden.

2. Soziale Einrichtung Madad kari-ye Reza

·      Das Gebäude der Sozialeinrichtung "Reza", die von Mitgliedern des Nematollah Gonabadi Ordens geleitet wird, wurde vor einem Monat geschlossen und versiegelt. Weitere Nebengebäude für Verwaltung, Unterricht und das Altenheim wurden ebenso von den Behörden geschlossen.

·      Zusammen mit Agenten des "Büros für Sekten und Religionen" drangen Sicherheitsoffiziere, para-militärische Bassidschi Kräfte und Geheimdienstmitarbeiter in das Privathaus von Herrn Ali Akbar Bonakdar, einem Mitglied der Gonabadi Derwische und Leiter der Sozialeinrichtung "Reza", ein. Herrn Bonakdar's Eigentum wurde konfisziert, zugleich wurde er samt Familie in die Büros der Einrichtung gefahren, um weitere Ermittlungen durchzuführen.

·      Vor Ort begannen die Beamten alle Dokumente und Ordner im Büro zu durchsuchen und sie schliesslich einzupacken. Beladen mit Ordnern, Aufzeichnungen, Computern und weiteren Gegenständen der Einrichtung verliessen die Agenten dann den Ort.

·      Diese Einrichtung arbeitet mit Unterstützung einiger Derwische schon länger als zwanzig Jahre in diesem öffentlichen Dienstleistungssektor und bietet Unterstützung bei Bildung, Gesundheitsversorgung, Arbeitsvermittlung, Arbeit mit Senioren usw.

·      aus dem Informationsministerium kommt der Vorwurf an die Einrichtung die Verbreitung und Entwicklung von Sufitum voranzutreiben.

Laut einiger Schätzungen gibt es im Iran um die 10-20 Millionen Derwische mitsamt ihren Angehörigen. Diesen ist es nicht erlaubt eigene Publikationsorgane zu haben. Eine Webseite, die den Derwischen nahe steht ist verboten und wird durch Filter im Iran blockiert. Jede öffentliche Nachricht über Derwische erschreckt das Regime, da die Agenten die Einheit und Einigkeit großer Gruppen fürchten und vor allem den Widerstand der Derwische gegen immer wieder neu einsetzende Verfogungswellen durch das Regime. Als die Behörden 2006 einen Versammlungsraum der Derwische in Qom zerstörten, wurden 2.000 Derwische verhaftet, da sie einen Schutzkreis um ihr Haus gemacht hatten, um es vor der Zerstörung zu bewahren. Vor der öffentlichen Meinung in diesen Momenten und Situationen der Solidarität fürchten sich die Verantwortlichen des Regimes, wodurch gewaltige Anstrengungen unternommen werden alle Menschenrechtsverletzungen unter den Teppich zu kehren.

In den Reden von Ideologen im Iran kann man zwei Hauptargumentationslinien finden mit denen die Verfolgungen von Derwischen gerechtfertigt werden.

1.    Derwische sind Spione der Briten, da sie zu Zeiten der Britischen Tea Company im 18./19. Jahrhundert aus Indien zurück in den Iran kehrten, um eine sanfte Version des Islams einzuführen. Angeblich wurden sie von den Briten geschickt, um im Iran als Agenten der Briten tätig zu sein.

2.    Derwische können nicht als religiöse Gruppe betrachtet werden, da sie sich nicht dem Systemführer unterwerfen und sich lauthals äußern, wenn sie von Regimekräften angegriffen werden. Stattdessen wirft man ihnen vor, eine politische Gruppe zu sein und Teil der sogenannten Aufrührer, da ihr Leiter, Dr. Nour Ali Tabandeh, zu Beginn der Revolution Mitglied einer politischen Partei war. Aus dieser Tatsache und daraus, dass Derwische Mehdi Karoubi während der Präsidentschaftswahl aus Dankbarkeit dafür, dass er die Verfolgungen und Angriffe gegen Derwische zur Sprache gebracht hatte, unterstützt haben, versucht das Regime den Derwischen zu unterstellen, dass sie eine politische Gruppe seien, die in Opposition zum Regime sind.

Ganz gleich was Vertreter des Regimes im Iran der Welt mitteilen werden, um die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit von seiner revolutionären Agenda und seinen Zerstörungen wegzulenken - es scheint, dass geradezu das Gegenteil von dem, was behauptet wird, wahr ist. Während Vertreter der Regierung sich bemühen die Welt zu überzeugen, dass Iran keine Gewissensgefangenen hat und nur Menschen inhaftiert, denen man kriminelle Handlungen vorwirft und die nicht auf Grund ihrer ethnischen oder sozialen oder religiösen Zugehörigkeit verfolgt würden, setzt die Ammaryioun Gruppe ihre Zerstörungen unvermindert fort.

Der Mechanismus der Zerstörung ist insgesamt komplex aufgebaut, doch lässt er sich auch grob so umreissen: Wähle jene Gruppen aus, die wenige oder keine Verteidiger in der Welt haben, schmähe sie und bringe sie in Verruf durch eine scheinbare "Islamische" Begründung. Wiegele bestimmte Bevölkerungsgruppen auf und gehe brutal und gewalttätig gegen sie vor, sei es physisch oder durch Ausschluss von bestimmten Berufen, Zerstörungen ihrer Friedhöfe oder Schliessung ihrer Sozialeinrichtungen. Falls eine Person mit Gewicht in der westlichen Öffentlichkeit die Sache doch zur Sprache bringen sollte, werden die Verfolgungen für eine Weile ausgesetzt, bis die Aufmerksamkeit wieder nachlässt. Danach werden die Agenten ihre rechtsbrecherischen Aktionen wieder aufnehmen und so weiter...

Um dem Regime Einhalt zu gebieten, braucht es eine dauerhafte Wachsamkeit dessen Plänen und Taten gegenüber und es wird für alle, die Menschenrechte respektieren sicher nicht verkehrt sein, dem Rat eines alten persischen Sufi-Derwisches zu folgen: "Wenn die Ameisen sich zusammen tun, werden sie den Drachen sicher häuten."

Helmut N. Gabel, Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran, Deutscher Zweig, Berlin

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news-933 Sun, 21 Jun 2015 12:41:00 +0200 Islamismus und Islamophobie heizen sich auf Kosten der Demokratisierung in Europa an http://mehriran.de/artikel/islamismus-und-islamophobie-heizen-sich-auf-kosten-der-demokratisierung-in-europa-an.html In diesem Beitrag möchte ich auf die interdependenten sozio- und psychogentischen Aspekte des Islamismus und der Islamophobie als De-Zivilisierungsschübe in Europa hinweisen, die ich als Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der involvierten Menschen in Demokratisierungsprozessen diskutieren möchte. Damit soll eine Überwindungsperspektive des Problems erörtert werden, indem die Ungleichzeitigkeit der drei komplementären und reversiblen Aspekte der Demokratisierungsprozesse sowie ihre Richtung und Richtungsbeständigkeit berücksichtigt werden. Wie und warum sich Islamismus und Islamophobie gegenseitig als de-zivilisierende Aspekte der Demokratisierung in Europa gegenseitig hochschaukeln

„Man unterwirft sich dem Großen, um über Kleine Herr zu sein: diese Lust überredet uns zur Unterwerfung“ (Friedrich Nietzsche)

In diesem Beitrag möchte ich auf die interdependenten sozio- und psychogentischen Aspekte des Islamismus und der Islamophobie als De-Zivilisierungsschübe in Europa hinweisen, die ich als Nachhinkeffekt des sozialen Habitus der involvierten Menschen in Demokratisierungsprozessen diskutieren möchte. Damit soll eine Überwindungsperspektive des Problems erörtert werden, indem die Ungleichzeitigkeit der drei komplementären und reversiblen Aspekte der Demokratisierungsprozesse sowie ihre Richtung und Richtungsbeständigkeit berücksichtigt werden. Denn in der Regel werden die funktionellen, institutionellen und sozial-habituellen Aspekte der Demokratisierung auf ihre institutionellen Aspekte zustandsreduziert. Vernachlässigt wird:

·      die gerichtete funktionelle Demokratisierung im Sinne der Verschiebung der Machtbalance zwischen den Machtstärkeren und Machtschwächeren zugunsten der letzteren im Zuge der inner- und zwischenstaatlichen Differenzierungs- und Integrationsprozesse, ohne zu institutioneller Demokratisierung zu führen. 

·      der gerichtete und reversible Transformationsprozess des sozialen Habitus der involvierten Menschen im Sinne ihrer Zivilisierung und De-Zivilisierung, die deren ganzes Wollen, Denken, Fühlen und Handeln prägen.

Aus diesem Grunde möchte ich zunächst kurz auf den Zusammenhang von Demokratisierung, Zivilisierung und De-Zivilisierung als komplementäre und reversible Prozesse eingehen.

Zum Zusammenhang von Demokratisierung, Zivilisierung und De-Zivilisierung als komplementäre und reversible Prozesse

Zu den demokratisierungsrelevanten Hauptkriterien für einen Zivilisierungsprozess gehören u. a. Veränderungen des sozialen Habitus der Menschen in Richtung auf ebenmäßigere, allseitigere und stabilere Selbstkontrollmuster. Ohne sich je von Fremdzwängen völlig loszulösen, gewinnen die Selbstzwänge den Fremdzwängen gegenüber größere Autonomie. Das Gleichmaß der Selbstregulierung im Verhältnis zu allen Menschen und in fast allen Lagen nimmt zu. Im Zusammenhang mit der zunehmenden Verselbständigung der individuellen Selbstregulierungsinstanzen erweitert sich auch die Reichweite des Vermögens eines Menschen, sich mit anderen Menschen in relativer Unabhängigkeit von deren Gruppenzugehörigkeit zu identifizieren, also auch Mitgefühl mit ihnen zu empfinden. Ein De-Zivilisierungsschub bedeutet dann eine Veränderung in entgegengesetzte Richtung, eine Verringerung des Mitgefühls.[1]

Eine angemessene Berücksichtigung dieser drei Dimensionen der Demokratisierungsprozesse erlaubt den gewalttätigen Islamismus und Islamophobie in Europa als einen Nachhinkeffekt des sozialen Habitus zu diskutieren, unter Berücksichtigung entsprechender Konsequenzen: vor allem der Notwendigkeit der Förderung der Zivilisierung des sozialen Habitus der Menschen in einem gezielten humanistisch geprägten institutionellen Bildungsprozess. Denn Menschen sind im Unterschied zu manchen anderen sozialen Lebewesen auf die Mobilisierung ihrer natürlichen Anlage zur Selbstregulierung durch das persönliche Lernen von Trieb- und Affektkontrolle im Sinne gesellschaftlicher Zivilisationsmuster angewiesen, um mit sich selbst und mit anderen Menschen leben zu können.[2]

Islamismus und Islamphobie als ein sich gegenseitig zur Eskalation  bringender De-Zivilisierungsschub.

Wenn man gewalttätige Konfliktaustragungen von Islamisten begreifen will, muss man wissen, dass Menschen von Natur aus gegenseitig auf einander angewiesen und voneinander abhängig sind. Aus diesem Verflechtungsprozess interdependenter Menschen gestaltet sich eine Figuration, wie Familie, Stamm, Staat mit entsprechender Machtbalance und entsprechenden Machtkämpfen. Dabei geht es immer um die Chance, das Verhalten der anderen gegen ihren Willen zu beeinflussen und zu steuern. Darum sind diese Konflikte immer auch selbstwertrelevant. Sie sind getragen von einer Tendenz, sich mit anderen zu vergleichen und zu messen; sie steuern als eine Art Selbstzwang das Verhalten und Erleben der involvierten Menschen. Deswegen bekommen wir nur aus dieser Interdependenz ihrer Beziehungen heraus einen Einblick in ihr Seelenleben bzw. in die Psychogenese ihrer zielgerichteten Verhaltens- und Erlebensmuster, denn Menschen sind nicht in der Lage zu denken, zu fühlen, zu wollen, zu handeln, ohne dass ihnen ein Ziel vorschwebt.[3] Aber diese Zielgerichtetheit des Seelenlebens der Menschen verleiht dem „fiktiven Endziel“ bzw. dem als fix gedachten oder empfundenen Finale, unter deren Herrschaft alle im einzelnen sichtbaren Ziele geraten, die entscheidende Bedeutung. Und wegen dieser Zielgerichtetheit des Seelenlebens der Menschen ist das Leben ein Sollen[4], mit entsprechenden zivilisatorisch geprägten moralischen Maßstäben.

Demzufolge ist das, was Seelenleben genannt wird, nur verständlich als ein Kommunikationssystem in einem dynamischen Netz von kommunikativen Beziehungen in Raum und Zeit, das als Figuration bezeichnet werden kann. Folglich ist das Sprechen, Fühlen, Denken und Verhalten von Menschen, kurz ihr individualisierter sozialer Habitus nur begreifbar als selbstwertrelevante Stellungnahmen zu den Mitmenschen, als ihre Antworten in der jeweils spezifischen Figuration.

Mit der funktionellen Demokratisierung ihrer Beziehungen, als Reduktion der Machtdifferentiale zwischen Individuen und Menschengruppen, können sich eine institutionelle Demokratisierung und entsprechende Zivilisierung der Verhaltens- und Erlebensmuster der involvierten Menschen, im Sinne der emotionalen Verankerung der demokratischen Normen, vollziehen. Damit einher geht eine Verschiebung der Selbstwertbeziehungen mehr oder weniger zugunsten der früher machtschwächeren Menschen als Einzelne und Gruppen, da diese interdependenten Beziehungen zugleich ihre Selbstwertbeziehungen sind: Denn das, was sich auf der funktionellen Ebene als Machtdifferentiale bzw. als Verringerung derselben vollzieht, wird in der Regel von den in diese Prozesse involvierten Menschen auch mit mehr oder weniger zeitlicher Verzögerungen erfahren und empfunden. Diese Selbsterfahrungen und damit einhergehend auch Selbstbewertungen manifestieren sich in ihren Selbstwertbeziehungen. Was auf der funktionellen Ebene also die Machtbeziehungen bzw. Machtdifferentiale sind, sind auf der habituellen Ebene die selbstwertrelevanten Erfahrungen dieser Machtbeziehungen: die Selbstwertbeziehungen.

Allerdings kann die Transformation des sozialen Habitus der involvierten Menschen hinter der funktionellen Demokratisierung hinterherhinken. In dieser Konstellation wird das Minderwertigkeitsgefühl der Machtschwächeren, angesichts ihrer gesteigerten Aspirationen, schmerzhafter empfunden, weil das Minderwertigkeitsgefühl als eine Gefühlslage dann entsteht, wenn Angestrebtes nicht aus eigenen Kräften erreichbar ist. Diese Gefühlslage ist der Ausgangspunkt für ein kompensatorisches Streben, da sich im Minderwertigkeitsgefühl ein den Selbstwert verneinendes Empfinden manifestiert.[5]

Und je höher das angestrebte fiktive Ich- und Wir-Ideal angesichts der Verfügbarkeit der Machtchancen ist, desto destruktiver das kompensatorische Streben. Worin die Überwindung dieser negativen Ausgangslage gesehen und mit welchen Mitteln sie angestrebt wird, ergibt sich nicht nur aus der individuellen Situation der Menschen als Einzelne und Gruppen. Hier kann sich auch der Nachhinkeffekt des sozialen Habitus manifestieren: Die früher eingeübte Art und Weise, in der die Menschen als Einzelne und Gruppen auf das Minderwertigkeitsgefühl antworteten, verfestigt sich in ihrem Lebensplan. Während die individuell fixierte Prestigepolitik vorsprachlich ist, wird das zugrunde liegende gruppenspezifische Muster zumeist sprachlich tradiert. Diese als Geschichte gefeierten Überlieferungen werden wiederum individualisiert rezipiert.

Wenn man daher begreift, dass die Sprache die Welt ist, wie Menschen sie erfahren, wird die Bedeutung der sozialen Vererbung der Verhaltens- und Erlebensmuster und entsprechender Regulationsprinzipien durch die Sprachvermittlung verständlich. Die virulente Gewaltbereitschaft und die unbarmherzig gewalttätigen, blutrünstigen Kommunikationsmittel der Islamisten, als Ausdruck eines De-Zivilisierungsschubes, deuten auf diese Überlieferung der Erfahrung der anfänglich kriegerisch geführten Expansion der Herrschaft Mohammads und seiner Nachfolger hin. Auf diesen niedrigen Grad der Trieb- und Affektkontrolle der beduinischen Stämme vor 14 Jahrhunderten beziehen sich die Islamisten, wenn sie ihre blutigen Taten subjektiv rechtfertigen wollen. Sie sind ihre allgegenwärtigen Vorbilder. Deswegen darf man sie nicht danach beurteilen, was sie sagen sondern danach, was sie tun und wozu sie das tun, was sie tun. Denn das, was sie sagen, sind lediglich subjektive Rechtfertigungen ihrer barbarischen Taten für sich und die Ausbeutung der Glaubensaxiome und Werthaltungen der Muslime. Wie sollen sie denn sonst ihren gewaltsamen Versuch, ihre Geltungssucht mit allen Mitteln zu befriedigen, indem sie aus ihrer Unsicherheit und Minderwertigkeit heraus unaufhörlich nach einer „göttlichen Herrschaft“ über ihre Mitmenschen zu gelangen streben, subjektiv rechtfertigen? Diese ihre angestrebte „göttliche Herrschaft“ soll sich ja in einem „Islamischen Staat“ manifestieren, der einer subjektiven Rechtfertigung bedarf, während ihnen ihre wahren Motive verkannt und unbewusst bleiben.

Aber gerade was diese subjektive Rechtfertigung und als Gegenpart auch die Islamophobie ermöglicht, ist die Identifizierung des Islamismus mit dem zustandsreduzierten Vorstellungsgebilde „Islam“, welches jedoch nur als ein Wandlungskontinuum[6] erschlossen werden kann;  sie setzt aber die Hypostasierung des „Islam“ als einer Fiktion  voraus. Diese Vergegenständlichung eines Vorstellungsgebildes vollzieht sich durch die fiktiven Abstraktionen in der Sprache, indem man aus bequemen Abstraktionen Wirklichkeiten macht, „als ob sie etwas Besonderes, selbständig Existierendes wären ohne die Objekte, an denen wir sie faktisch finden.“[7] Obwohl Fiktionen als Vorstellungsgebilde Produkte der Einbildungskraft sind, können sie als Substitutionen im weiteren Sinne betrachtet werden, indem an die Stelle der Wirklichkeit irgendetwas Unwirkliches gesetzt wird. Problematisch wird es, wenn man diese symbolischen Repräsentanten der Wirklichkeit mit der Wirklichkeit verwechselt; einer Wirklichkeit, die „an sich“ nicht erkennbar ist. Von daher ist die Sprache die Welt, wie Menschen sie erfahren. Vor allem im Alltagsleben, in dem Menschen nicht danach fragen, was Dinge „an sich“ bedeuten, sondern was sie „für mich“ bedeuten. In diesem Zusammenhang also, welche selbstwertrelevante Bedeutung sie „für mich“ haben.

In diesem selbstwertrelevanten Apperzeptionsschema[8] eines Neurotikers, der alle Eindrücke als „grundsätzlich“ und sie tendenziös und polargegensätzlich im Sinne von „Oben-Unten“, „Sieger-Besiegter, „Männlich-Weiblich“, „Nichts-Alles“ usw. wertet, liegt die Bedingung der Möglichkeit der Islamophobie als ein Schema des Selbstwertes. Mit dieser neurotischen Apperzeption, mittels derer man den Abstand der Wirklichkeit von dem tendenziös verstärkten Ideal misst, kann man verurteilend einen wirklichen Menschen an einem Ideal  messen, damit man ihn dabei beliebig entwerten kann.[9]

Damit diese tendenziöse Apperzeption zur Islamophobie führen kann, bedarf es also einer „Pars-pro-toto“-Verzerrung der Realität, indem die besten Charaktereigenschaften der Minderheit der eigenen Gruppe für die „Wir-Gruppe“ verallgemeinert werden und der De-Zivilisierungsschub einer Minderheit der Muslime als Zivilisationsstandard „der Muslime“ generalisiert wird, um die eigene selbstwertrelevante feindliche Haltung ihnen gegenüber subjektiv legitimieren zu können. In dieser feindseligen Haltung den Muslimen gegenüber und ihrer Entwertung und Marginalisierung manifestiert sich ebenfalls einer der Aspekte der De-Zivilisierung: die Verengung der Reichweite der Identifikation der Menschen mit Menschen relativ unabhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit.

Die Islamophobie als eine Entwertungstendenz ist also eine, durch das selbstwertrelevante fiktive Ziel der Überlegenheit angetriebene, feindliche Haltung neurotischer Europäer, deren ganzes Wollen, Denken, Fühlen und Handeln durch ihr Minderwertigkeitsgefühl angestachelt ist. Sie sind geprägt durch eine durch den Kolonialismus überlieferte neurotische Kultur der Überlegenheit. Diese nachhinkenden Glaubensaxiome und Werthaltungen sind neurotisch, weil „das neurotische und psychotische Seelenleben als das Haften an der »leitenden Fiktion« im Gegensatz zum Gesunden (…)“[10] zu begreifen ist. Fiktiv ist ihr „Ideales Leitbild“ der Überlegenheit als Orientierungsmittel, weil es nicht nur der Wirklichkeit widerspricht, sondern auch in sich widerspruchsvoll ist.[11] Diese Widersprüche bleiben ebenfalls unverstanden durch tendenziöse Erinnerung und Aufmerksamkeit, die eine „Pars-Pro-toto“-Verzerrung der Realität ermöglichen. Auf diese Weise wird der Entzug des Mitgefühls für die Muslime emotional verträglich gemacht und die Einengung der eigenen Reichweite der Identifikation mit Menschen relativ unabhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit im Sinne eines De-Zivilisierungsschubes stolz nach außen demonstriert.

Mit dieser tendenziösen Verknüpfung der Ereignisse wird „der Islam“ sowohl gleichgesetzt mit Islamismus als einer gewalttätigen demonstrativen Hervorhebung der als eigen definierten Werte der „Rechtgläubigen“, die mit der „Scharia“ als Inbegriff des „Islams“ im Sinne der überlieferten göttlichen Regulationsprinzipen der gesellschaftlichen Beziehungen zur Herstellung der paradiesischen Glückszustände auf Erden dienen. Indem dem Islamismus als einer chiliastisch geprägten nativistischen Bewegung[12] zugleich der eigene Chauvinismus gegenübergestellt wird, wird zu einem Teufelskreis der Feindseligkeit beigetragen, womit die gewalttätigen Islamisten weitere Anhänger rekrutieren können.

Der Beitrag der Presse als vierter Gewalt in der Staatsgesellschaft, die ihrer Verantwortungsethik nicht gerecht wird.

Hinzu kommen die provokativen Karikaturen in der Presse, die im Namen der Meinungs- und Pressefreiheit verteidigt werden, statt sich als „vierter Gewalt“ im Staat einer Verantwortungsethik  verpflichtet zu fühlen. Dabei wird ungeachtet der, durch den Minderwertigkeitskomplex stark gesteigerten, Erregbarkeit und Empfindlichkeit der Islamisten das Ethos der Presse- und Meinungsfreiheit als eine Art Gesinnungsethik demonstrativ hervorgehoben ohne zu merken, dass ihre „Freiheit“ genauso eine Fiktion ist wie der „Gott“ der Islamisten, in dessen Namen für die Etablierung der „Scharia“ als ewig gültiges Rechtssystem, sie die Wiedergeburt der Barbarei rechtfertigen.

Dabei wird nicht nur verdrängt, dass ein „gesunder Mensch“ die nützliche Fiktion „Freiheit“ nur als ein „ideales Leitbild“ und als ungefähres Orientierungsmittel erfasst.[13] Sie ist bloß ein angestrebtes Ziel der Erweiterung der Handlungs- und Entscheidungsspielräume, aber keine existierende Realität, die mit allen Mittel und um jeden Preis verteidigt werden müsste. Gerade diese Hypostasierung der Fiktion charakterisiert ihre doppelte Widersprüchlichkeit. Aber dieser selbstwertrelevant demonstrativ hervorgehobene Wert „Freiheit“ verblendet die Augen für die Tatsache, dass ein stark neurotischer oder gar psychotischer Islamist sich keineswegs seiner Verantwortlichkeit für sein eigenes Gefühl des „Beleidigt seins“ bewusst sein kann, so wie es anscheinend unterstellt wird. Gerade weil er alle anderen Menschen für seine eigene Gefühlslage verantwortlich macht, ist er solch ein blutrünstiger Islamist geworden, der als Rache sogar unschuldige Menschen stellvertretend enthaupten kann.

Solange die Bannerträger dieser Fiktionen, sich gegenseitig in ihrer fiktiven Überlegenheit zu übertreffen versuchen, wird sich die Spirale der Eskalation der gegenseitigen Feindseligkeit und der sie begleitenden Gewaltakte weiter hochschaukeln. Die Deeskalation hat nur eine Chance, wenn wenigstens die eher distanziertere Seite des Konfliktes in Europa das zunehmende Engagement bremst. Denn jedes weitere Gefühl der Bedrohung (des Selbstwertes) steigert das emotionale Engagement und führt zu weiterer Eskalation der Gewalt und Gewaltbereitschaft.

In diesem Sinne haben alle Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft sich ihrer Verantwortungsethik bewusst zu werden und sie als einer der Aspekte der Zivilisierung zu pflegen. Damit soll die Balance zwischen Kooperation und Konflikt zugunsten der ersteren verschoben werden, durch Herstellung und Erweiterung des Mitgefühls mit Mitmenschen relativ unabhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit. Hinzu kommen die allseitige Förderung der beruflichen und staatlichen Bindungen als Voraussetzung der Bildung der verantwortungsbewussten „Wirtschaftsbürger“ und „Staatsbürger“ als unverzichtbare Integrationsmaßnahmen.

Hannover, 14.06.2015

Für weitere Beiträge über Islamismus und Demokratisierungsprobleme in islamisch geprägten Gesellschaften verweise ich auf meine Webseite: gholamasad.jimdo.com


[1] Vgl. Norbert Elias, Zivilisation, in: Bernhard Schäfers (Hrsg.), Grundbegriffe der Soziologie, Opladen 1986, S. 382ff.

[2] ibid.

[3] Das „Seelische Organ“ der Menschen ist genauso zielgerichtet wie alle anderen seine Organe: ohne Sonne gäbe es keine Augen, ohne Erdanziehungskraft gäbe es keine Füße und ohne Handlungsziele u.a. gäbe es auch keine  Seelenleben.

[4] Vgl.  Alfred Adler, Praxis und Theorie der Individualpsychologie, München 1930/ Köln 2012, S. 14

[5] Vgl. Henry Jacoby, Alfred Adlers Individualpsychologie und dialektische Charakterkunde, Ffm., 1983, S.48

[6] „Islam“ als Wandlungskontinuum  bezieht sich auf einen lückenlosen Wandlungszusammenhang von Ereignissen, der unter „Islam“ als eine „analogische Fiktion“ subsumiert wird - so wie bei Juristen ein Einzelfall unter einen „Allgemeinbegriff“ subsumiert wird, dem er eigentlich nicht angehört wie z.B.  Mord, Diebstahl als  „analogische Begriffe“ bzw. „symbolische Fiktionen“ (vgl. Hans Vaihinger, die Philosophie des Als Ob, Volksausgabe, 1924/2014, S. 32). Somit sind die Kategorien wie Dogmen analogische Fiktionen:  Nach Analogie menschlicher, subjektiver Verhältnisse wird das Wirkliche gedacht. (Ibid., S. 28)

[7] Hans Vaihinger, ibid., S. 205

[8] Apperzeption bedeutet die klare und bewusste Aufnahme des jeweiligen Inhalts eines Erlebnisses, einer Wahrnehmung oder eines Denkens. Damit ist also verbunden eine selbstwertrelevante Gerichtetheit der Aufmerksamkeit.

[9] Vgl. Alfred Adler, Praxis und Theorie der Individualpsychologie, München 1930/ Köln 2012, S. 153

[10] Alfred Adler, a.a.O, S. 117

[11]  „Als eigentliche Fiktionen im strengen Sinne des Wortes stellen sich Vorstellungsgebilden dar, welche nicht nur der Wirklichkeit widersprechen, sondern auch in sich selbst widerspruchsvoll sind.“ (Hans Vaihinger, die Philosophie des Als Ob, Volksausgabe, 1924/2014, S. 15

[12] Vgl. Dawud Gholamasad, Zur Sozio- und Psychogenese der Selbstmordattentate der Islamisten, unter: gholamasad.jimdo.com/vortr%C3%A4ge/zur-sozio-und-psychogenese-der-selbstmordattentate-der-islamisten/

[13] Vgl. Alfred Adler, a.a.O, S. 117

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news-932 Thu, 18 Jun 2015 17:36:00 +0200 Einladung zur Menschenrechtsaktion http://mehriran.de/artikel/einladung-zur-menschenrechtsaktion.html Mahnwache am Mittwoch, den 01.07.2015, von 11 Uhr an vor dem Generalkonsulat der Islamischen Republik Iran, Raimundstraße 90 in 60320 Frankfurt am Main Iranischer Staatspräsident hat Wahlversprechen nicht eingelöst 
Verfolgung von religiösen Minderheiten und Andersdenkenden beenden: Freiheit für Sadiq Kabudvand und alle politischen Gefangenen im Iran! 

„Freiheit für den Menschenrechtler Sadiq Kabudvand! Freiheit für alle politischen Gefangenen im Iran!“ Unter diesem Motto rufen die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)[angefragt], Karamat e.V., die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI), Komkar - Verband der Vereine aus Kurdistan in Deutschland und iranische sowie kurdische Vereine für Dienstag (01.07.14) zu einer Mahnwache vor dem Generalkonsulat der Islamischen Republik Iran in Frankfurt/Main auf. Mit der Menschenrechtsaktion wollen die Organisatoren sowohl an das Schicksal des am 01. Juli 2007 inhaftierten gewaltfreien kurdischen Menschenrechtlers Mohammad Sadiq Kabudvand als auch an das von hunderten anderen politischen Gefangenen erinnern und ihre sofortige Freilassung fordern. 
  
„Vor zwei Jahre wurde Präsident Hassan Rohani gewählt und nichts hat sich für die unterdrückten und diskriminierten Minderheiten verbessert“, kritisiert die GfbV. „Es ist jetzt dringend an der Zeit, dass Rohani seine Wahlversprechen einlöst und end­lich ein Zeichen setzt: Die politischen Gefangenen müssen umgehend freigelassen werden!“ 
  
Im Vielvölkerstaat Iran sind die Volksgruppen der Aseri, Kurden, Araber, Belutschen, Turkmenen, Assyrer sowie andere kleinere ethnische Minderheiten nicht als eigenständige Völker mit eigener Sprache und Kultur anerkannt. Sie alle leiden unter Unterdrückung und Diskriminierung. Menschengruppen und Individuen mit von der Staatsreligion abweichenden Weltanschauungen, wie Baha'i, Sufi-Derwische, Sunniten und sogenannte Neue Christen werden immer wieder willkürlich beschuldigt, Spione ausländischer Mächte zu sein und kurzerhand zu Staatsfeinden erklärt. Ein iranisches Gesetz sieht die Todesstrafe für solche Vergehen vor. Es ist nicht zu erwarten, dass Gerichte ein unabhängiges Urteili fällen. Doch internationale Aufmerksamkeit kann aggressiveres Vorgehen gegen diese Gruppen verhindern. 

Mahnwache am Mittwoch, den 01.07.2015, von 11 Uhr an vor dem Generalkonsulat der Islamischen Republik Iran, Raimundstraße 90 in 60320 Frankfurt am Main 
  
Kontakt: Dr. Kamal Sido, GfbV-Nahostreferent, Tel. 0173 67 33 980. 

Weitere Infos: http://www.amnesty-iran.de/Main/20111127001

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news-931 Mon, 15 Jun 2015 23:17:00 +0200 Proteste in Köln http://mehriran.de/artikel/proteste-in-koeln.html Mitglieder der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI) sind weiter aktiv auch auf den Straßen Europas. In Köln sangen sie für die Freiheit von Derwischen im Iran. Das Regime im Iran befindet sich in einer empfindlichen Phase der Nuklearverhandlungen. Die Hardliner im Tiefenstaat versuchen diese Verhandlungen zu torpedieren, da sie um Iran's Souveränität fürchten. Dafür gehen sie auf allen möglichen Ebenen auf Konfrontation mit der derzeitigen Regierung, die einen Deal anstrebt, um wieder genügend Einnahmen zu generieren. 

Diesen Deal wünschen sich auch sehr viele Politiker und Verantwortlichen in Europa und hängen Menschenrechtsverletzungen im Iran nicht an die große Glocke, während im Hintergrund Gespräche mit Verantwortlichen im Iran geführt werden. Leider macht man sich nicht klar, dass diese Gespräche Makulatur sind, denn die Verletzungen, Herabwürdigungen werden von Leuten begangen, die ausserhalb gesetzlicher Rahmenbedingungen stehen und nicht unter dem Einfluss jener mit denen gesprochen wird.

Die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI) wird sich weiterhin in ganz Europa so laut es nur geht für die Menschenrechte aller Bürgerinnen und Bürger im Iran einsetzen und nicht dulden, dass klammheimlich der Anspruch Menschenrechtsstandards gegen Nukleardeals und wirtschaftliche Interessen unter den Tisch fallen gelassen werden.

Jonathan Lark, IOPHRI

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news-930 Mon, 15 Jun 2015 17:39:00 +0200 Überfall auf soziale Einrichtung in Shahriar http://mehriran.de/artikel/ueberfall-auf-soziale-einrichtung-in-shahriar.html Erneut überfallen Geheimdienstagenten eine soziale Einrichtung der Nematollah Gonabadi Derwische im Iran und hinterlassen Verletzte und Zerstörungen. In Shariar, südlich von Teheran, waren Mitarbeiter einer sozialen Einrichtung für Pflegebedürftige, Alte und Hilfsbedürftige, damit beschäftigt das neu errichtete Gebäude einzurichten als eine Gruppe Agenten ihr Zerstörungwerk begann. Scheiben und Türen wurden eingeschlagen. Anwesende wurden von den Agenten wüst beleidigt, beschimpft und geschlagen.

Schon das Haupthaus (Madadkhani Reza) in Teheran wurde vor wenigen Wochen durch Agenten angegriffen, die Hilfsbedürftigen auf die Straße gesetzt und die Türe versiegelt. 

Regelmäßig finden Angriffe auf Sufi-Derwische im Iran statt, da Teile des Regimes die Sufi-Derwische als ideologische Konkurrenz fürchten und eine friedliche und tolerante Interpretation des Korans nicht wahr haben wollen. Gleichzeitig haben Derwisch Orden im Iran sehr viel Zulauf von jungen Menschen, die sich mit den Hassparolen im Namen des Islam nicht identifizieren können. Das Regime fürchtet um das Seelenheil der Bevölkerung und natürlich bleiben staatlichen Mullahs auch die Geldzubringer und Anhänger weg.

In regelrechten Schmutzkampagnen ziehen junge Mullahs durch die Provinz und hetzen Mitglieder der eher ungebildeten Bassidschi gegen Derwische, Baha'i und andere Minderheiten auf. Im Staatsfernsehen werden Sendungen ausgestrahlt und in Ausstellungen werden Behauptungen aufgestellt, die diese Gruppen als Feinde und Spione brandmarken, um eine vergiftete Atmosphäre in der Gesellschaft herzustellen. Nach solchen Kampagnen finden regelmäßig Angriffe gegen Einrichtungen, Geschäfte und Versammlungshäuser dieser eigenständig Denkenden statt.

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news-929 Wed, 20 May 2015 21:14:00 +0200 Menschenrechte im Iran in Zeiten politischer Annährung http://mehriran.de/artikel/menschenrechte-im-iran-in-zeiten-politischer-annaehrung.html mehriran.de - Dr. Kamal Sido, GfbV, über seinen Beitrag beim Pressegespräch zu Iran am Montag, 18. Mai 2015. mehriran.de - Am 18. Mai 2015 haben wir in Berlin mit einigen Journalisten über die „Menschenrechte im Iran in Zeiten politischer Annährung“ gesprochen. An dem Gespräch nahmen Prof. Ingo Hofmann, Sprecher der Baha'i-Gemeinde in Deutschland, Dr. Seyed M. Azmayesh von der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (Paris) und ich teil. Moderiert wurde das Gespräch von Helmut N. Gabel, Pressesprecher von Karamat e.V. (Hannover). Eigentlich wollte ich „eine Bilanz ziehen“, wie sich die Menschen- und Minderheitenrechte, nach fast zwei Jahren Präsidentschaft von Hassan Rohani, „verbessert“ haben. Denn eine Verbesserung wurde von Rohani versprochen.

Aus aktuellem Anlass musste ich mich in meinem Bericht vor allem auf die Lage in den kurdischen Gebieten des Irans konzentrieren. Die Menschenrechte unter Präsident Rohani werden massiv verletzt. Dies zeigten die Ereignisse der vergangenen Tage in Iranisch-Kurdistan. Dort wurden kurdische Proteste blutig niedergeschlagen. Mindestens zwei Kurden wurden dabei von iranischen Sicherheitskräften getötet, 50 wurden verletzt und mindestens 282 festgenommen.“

Auslöser der Proteste war die versuchte Vergewaltigung einer Kurdin am 4. Mai in der Stadt Mahabad im Nordwesten des Iran. Das 25 Jahre alte Opfer kam dabei zu Tode. Die junge Frau arbeitete als Zimmermädchen in einem Hotel. Sie wollte einem Bediensteten der iranischen Behörden entkommen, der versucht haben soll, sie zu vergewaltigen. Dabei stürzte sie aus dem vierten Stock des Hotels in den Tod. Kurdische Aktivisten aus Mahabad sprachen von einem feigen Mord. In vielen Städten der mehrheitlich kurdischen Region des Iran kam es zu Protesten, die zum Teil gewaltsam aufgelöst wurden. In sozialen Medien kam es zu einer gewaltigen Welle von Solidarität mit der jungen Kurdin. „Wir sind alle Farinaz! Das ist der Ruf nach Freiheit für alle Menschen in Kurdistan und im Iran“, war zu lesen. 
Am Ende meines Berichts wiederholte ich die Forderungen der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV):

- Selbstverwaltung für ethnische Minderheiten innerhalb einer iranischen Föderation.

- Glaubensfreiheit für alle religiösen Gemeinschaften, vor allem das Recht der Muslime (Sunniten und Schiiten) ihren Glauben wechseln zu dürfen. Ohne dieses Recht, also die Abschaffung der Apostasie, kann man von einer wirklichen Glaubensfreiheit im Iran und in anderen islamischen Ländern nicht sprechen.

- Abschaffung der Todesstrafe und Einhaltung internationaler Menschenrechtsstandards.

Kamal Sido, Gesellschaft für bedrohte Völker, Göttingen

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news-927 Sun, 17 May 2015 13:18:00 +0200 Freiheit für Mohammad Ali Taheri http://mehriran.de/artikel/freiheit-fuer-mohammad-ali-taheri.html Material über Mohammed Ali Taheri, dem Gründer von Erfan-e Halgheh, einer spirituell ausgerichteten Gruppe, die ihre Wurzeln im Iran hat und der vom Regime mit dem Tode bedroht wird. Mohammad Ali Taheri ist ein Wissenschaftler und Gründer der Erfan-e Halgheh auch „Interuniversalismus„ genannt sowie zwei alternative Medizinen „Faradarmani“ und „Psymentology“(Mental-Seele). 

Mohammad Ali Taheri stellt einen Andersdenkenden und Forscher dar, der seit der Kindheit vieler Fragen über das Universum, Menschheit und Existenz hat. Seine Begeisterung und sein Genie, die Geheimnisse des Universums und die Sterne zu entdecken, führten ihn sogar ohne Lehrer zu Erfindungen der Flugzeuge, Hubschrauber sowie Fabriken.

Nachdem Jahre langer "spiritueller Eingebungen", die  ihm Verbindung zum "kosmischen Bewusstsein“ ermöglichten, ist es ihm gelungen gewisse Methoden zur Entwicklung, Entfaltung sowie Verbesserung der menschlichen Sicht- und Verhandlungsweise und ihrer Denkhorizonte zu leisten.

 Er hat es geschafft, auf dem Gebiet der physischen und psychischen Gesundheit des Menschen große Fortschritte zu erzielen und sich für den Weltfrieden und die Welteinheit einzusetzen. Er hat diesbezüglich zahlreiche Auszeichnungen und Preise von internationalen Gremien und Institutionen verliehen bekommen.

2006 eröffnete er in Teheran das Kultur- und Bildungsinstitut Erfan-e Halgheh, um seine spirituelle Weltanschauung weiterzuentwickeln und zu verbreiten. Dort praktiziert er die Lehre mit seinen AnhängerInnen in "Heilsitzungen", in denen alternative, nicht-medizinische Heilmethoden zu körperlichem und geistigem Wohlbefinden führen sollen.

Mohammad Ali Taheri wurde erst am 18. April 2010 festgenommen und mehr als zwei Monate lang festgehalten. Im August 2010 wurden dann die drei Büros des Instituts in Teheran von den Behörden geschlossen.

Er wurde zu fünf Jahren Haft und 74 Peitschenhieben verurteilt, weil er bei einer "Heilsitzung" eine seiner Anhängerin an den Händen genommen hatte. Der Vorwurf gegen ihn lautete  "Begehen einer aus religiöser Sicht verbotenen Handlung".

Mohammad Ali Taheri ist einer von den unzähligen Opfern, der nicht nur als Andersdenkender sondern auch und vor allem als eine Integrationsfigur für tausende seiner Anhänger von dem Regime gefürchtet wird. Daher muss er, als „sicherheitsgefährdende Person“ eingeschätzt, mit allen möglichen Mitteln eliminiert werden. 

Mohammad Ali Taheri wurde nach zahlreichen Hausbesuchen vom Geheimdienst der Revolutionsgarde (Sepahe Pasdaran) am 4.Mai 2011 verhaftet. Ihm wurden in einem unfairen Gerichtsprozess und ohne Gewährung eines Rechtsbeistandes Anschuldigungen zur Last gelegt, die nach eindeutigen Hinweisen völlig unberechtigt und unbegründet sind. Seitdem befindet er sich in Isolationshaft, wo er miserablen Haftbedingungen ausgesetzt ist. In seiner Haftzeit ist er aus Protest gegen seine unfaire Gerichtsverhandlung, Einzelhaft und seinen kritischen Zustand zwölf Mal in den Hungerstreik getreten.

Daraufhin wurde er neun Monate lang ohne Kontakt zur Außenwelt in Trakt 2A des Evin-Gefängnisses festgehalten. Am 30. Oktober 2011 sprach ihn die Abteilung 26 des Teheraner Revolutionsgerichts wegen "Beleidigung islamischer Heiligkeiten" schuldig und verurteilte ihn zu fünf Jahren Haft. Das Gericht entschied jedoch, dass der Straftatbestand saab ul-nabi (vorsätzliche Verunglimpfung des Propheten Mohammed), den die Staatsanwaltschaft vorgebracht hatte, in seinem Fall nicht erfüllt war.

Das islamische Strafgesetzbuch hätte dafür die Todesstrafe vorgesehen und nicht 5 Jahre Haft.

In einem aus dem Gefängnis geschmuggelten Brief beschreibt Mohammad Ali Taheri, wie er in den Monaten nach seiner Festnahme am 4. Mai 2011 psychisch gefoltert worden sein soll. Unter anderem sollen die Behörden gedroht haben, ihn und seine Familie zu töten.

Im August 2011 strahlte Kanal 2 des Rundfunks der Islamischen Republik Iran ein "Geständnis" von Mohammad Ali Taheri aus, in dem er seine früheren Aktivitäten und Lehren in Verbindung mit Erfan-e Halgheh als "illegal", "aus religiöser Sicht verboten" und "Bedrohung für die Sicherheit" verurteilt. Zudem fordert er darin seine AnhängerInnen auf, seine schriftlichen und aufgezeichneten Materialien nicht weiterzuverbreiten. (Die übliche Geständnisse unter Zwang, grausamen Folter und Bedrohung der Familie ist im Iran sehr bekannt.)

Mohammad Ali Taheri wurde im März 2013 nur sechs Tage Ausgang gewährt. Er wurde während dieser Zeit sowohl bei sich zuhause als auch an öffentlichen Orten streng überwacht.

Seit Jahren setzen sich zahlreiche Anhänger von Erfan-e Halgheh aus aller Welt und Menschenrechts Organisationen wie Amnesty International für die  Rechte von Taheri sowie das Recht der  anderen Andersdenkenden im Gefängnis der islamischen Regierung Irans  ein bzw. sie protestieren gegen massiven Menschenrechtsverletzungen im Iran.

Der UN-Menschenrechtsausschuss, der die Einhaltung des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte (IPBPR) durch die Vertragsstaaten überwacht, stellt klar, dass sich das völkerrechtliche Verbot von Folter und anderer grausamer, unmenschlicher und erniedrigender Behandlung nicht nur auf Handlungsweisen bezieht, die körperliche Schmerzen verursachen, sondern auch auf Maßnahmen, die seelisches Leid hervorrufen. Der Ausschuss betont zudem ausdrücklich, dass Einzelhaft über lange Zeit hinweg Maßnahmen gleichkommen könnte, die unter Artikel 7 des IPBPR verboten sind (Allgemeine Bemerkung Nr. 20, Absätze 5 und 6). Der Iran ist Vertragsstaat des IPBPR.

Darüber hinaus verstößt die erneute Gerichtsverhandlung für ihn nach vier Jahren Einzelhaft eindeutig gegen die Menschenrechtsgesetze.

"Jeden Tag in Einzelhaft ist wie 10 Tage im Sammelhaft, so wird geschätzt, ist er seit 40 Jahren im Gefängnis."  

Brief Ali Taheri's an Ahmad Shaheed, UN Rapporteur für Iran

Sehr geehrter Vorsitzende / sehr geehrter Rapporteur für Menschenrechte

Verehrter Herr Ahmad Shahid, achtungsvoll möchte ich, Mohammad Ali Taheri, geboren im Jahre 1956, der Gründer von Erfan e Halgheh (Keyhani) , Faradarmani und Psymentology Ihnen mitteilen, dass ich seit 2010 durch den Sicherheitsdienst der Sepah mit dem Vorwurf der Aktivitäten gegen die Nationalen Sicherheit festgenommen und 67 Tage in Einzelhaft im Evin-Gefängnis, Abteilung 2A (Spezialabteilung für Gefangene des Sicherheitsdienst der Sepah) inhaftiert wurde. Anfang 2011 wurde ich erneut unter folgenden ebenso herbeigeführten wie falschen Anschuldigungen festgenommen und in derselben Abteilung in Einzelhaft inhaftiert: die Gefährdung der (nationalen) Sicherheit, Abtrünnigkeit, Feindschaft mit Gott und Seinem Gesandten, Verunglimpfung der Heiligen, Beleidigung des Propheten und als „Sünder auf der Erde“.

Der Untersuchungsrichter der 5. Kammer des Evin-Gefängnis (Herr Assadi) und 6 weitere Verhörbeamte haben mich während ihrer Vernehmungen und Verhören wie nachfolgend aufgelistet illegal und gesetzeswidrig behandelt (hierzu stehe auch persönlich zur Aussage zu Verfügung):

1) Die verhörende Personen setzten mich unter psychischem Folter und Druck, indem sie mir falsches und angeblich durch 15 hohe Geistliche ausgesprochenes Todesurteil vorlegten. Sie behaupteten, meine Bücher und Artikeln, meine Schriften und Unterricht-CDs der Geistlichkeit zur Überprüfung und zur Beurteilung bzw. der Urteilsfindung vorgelegt zu haben. Und diese hätten mich per „Fatwa“ mit dem Vorwurf der Abtrünnigkeit und ...... zum Tode verurteilt. Das Urteil sei ohne weiteres rechtlich bindend und sofort vollstreckbar. Jeden Tag sagte man mir, ich solle mich auf meiner Hinrichtung vorbereiten. Einer von ihnen meinte sogar, für den unmöglichen Fall, dass ich dort frei käme, würde ich durch einen Terroranschlag ums Leben kommen, eher ich mein Haus erreichen würde. Es gebe viele Moslems, die bereitwillig die Urteile der Geistlichen vollstrecken würden. Letztlich neun Monate nach meiner zweiten Inhaftierung und nachdem ich zweimal in Hungerstreik getreten war, wurde ich vor einem außerordentlichen Gericht gestellt. Bei der nicht öffentlichen Sitzung des Gerichts wurde über die gegen mich erhobenen Vorwürfe und über die Gründe für solche Urteile durch die Geistlichkeit verhandelt und erst dort durch meinen Anwalt habe ich erfahren, dass die mir vorgelegten (vorgetragenen) Urteile gefälscht waren. Und das nur weil der Vernehmungsbeamte basierend auf sechs unzutreffende Annahmen die Geistlichkeit um ihr Urteil gebeten hatte und sie hat aufgrund dieser falschen Anschuldigungen geurteilt, wobei es sich nicht um ein rechtskräftiges Urteil handeln sollte. Man hatte nur versucht mich durch Vortäuschungen und durch die Vorlage solcher gefälschten Urteile seelisch und psychisch unter Druck zu setzen. Ich sollte die mir gemachten Vorwürfe, vor allem die der Abtrünnigkeit akzeptieren beziehungsweise zugeben. Sie meinten, wenn ich die Vorwürfe akzeptiere und Reue zeigen würde, würde man mich begnadigen und freilassen.

2) Das Angebot, eine Verbindung zu den USA zuzugeben, um der Todesstrafe zu entgehen. Sie sagten, sie würden das Todesurteil aufheben und mich stattdessen zu 8 Jahre Haft wegen der Verbindung zu USA verurteilen, falls ich ihr Angebot annehmen würde. Mit dieser List, mich mit den USA in Verbindung zu bringen, wollten sie Erfan Halgheh (Keyhani) schädigen und als ein Werkzeug der USA darstellen.

3) Die Drohung, meiner Frau etwas anzutun und somit meine Kinder ohne Obhut und schutzlos werden zu lassen. Nachdem sie mit ihren Versuchen scheiterten mich zu derartigen Aussagen (siehe Unterpunkte 1 und 2)) zu drängen, drohte mir einer der Verhörende damit „seine Leute“ zu meiner

Frau zu schicken um ihr etwas anzutun und ....... Einerseits diese Drohung gegen meine Familie und das angebliche Todesurteil gegen mich und anderseits mein Entschluss, mich ihren vor-diktierten Lügen nicht zu beugen, setzte mir psychisch so zu, dass ich vier Mal versucht habe mir das Leben zu nehmen. Ich wollte mit meinem Tod ihren teuflischen Plan durchkreuzen, meine Familie retten und keine Lügenaussage machen.

4) Die Stellung und das Ansehen der geschätzten hohen Geistlichen instrumentalisiert bzw. missbraucht, um psychischen Druck und Folter auszuüben und ihre Sicherheitspläne durchzuführen.

5) Einerseits psychischen Druck ausgeübt und anderseits falsche Versprechung der Freilassung gemacht, dafür verlangten sie eine vorab diktierte und bestellte Aussage. Nach einigen Monaten Einzelhaft, vier Suizidversuche und zwei Hungerstreiks aber auch aus unheimlicher Sorge um meine Familie (nachdem der Untersuchungsrichter und die Verhörbeamte ihr geplantes Szenario nicht hatten durchsetzen können) habe ich mich auf das Angebot des Untersuchungsrichters eingelassen. Ich stand unter einem enormen Druck und wollte, dass das alles aufhört. Nach meiner Zustimmung sollte ich nach einem bestellten Interview freigelassen werden. Bei dem Interview hielt mir der Untersuchungsrichter auf einem Zettel selbst verfasste Texte, die ich vorlesen musste und zwei Verhörbeamte machten Filmaufnahmen. Dabei habe ich u.a. gesagt, dass meine Aktivitäten usw. illegal gewesen sind. Ich habe jedoch den Vorwurf der Abtrünnigkeit und ....trotz weiterem Druck abgelehnt bzw. nicht zugegeben. Nach dem Interview haben sie aber nicht Wort gehalten, ich habe danach erfahren, dass sie es durch verschiedene Medien (u.a. die 20.30 Uhr - Nachrichten im 2. Kanal) verbreitet hatten, mich als Scharlatan und Betrüger bezeichnet und versuchten private Nebenkläger zu rekrutieren. Außerdem wurde diese Aufnahme als ein Geständnis von mir in meine Akte und in der Klageschrift aufgenommen.

6) Der Untersuchungsrichter ließ in den Fragebögen an mancher Stellen Platz frei zum nachtragen von Fragen. Es lief so, dass er seine Fragen, die er mir stellte, auf einem Schmierzettel notierte. Ich sollte auf dem Verhörbogen meine Antworten schreiben und dabei Platz für die Fragen frei lassen, diese wollte er später dort eintragen.

7) Hinderung zur Selbstverteidigung mit allen Mitteln, so zum Beispiel (a) Ich durfte weder meinen Anwalt sehen noch mit ihm telefonieren. Obwohl ich zu meiner Verteidigung zwei Anwälte hatte, habe ich sie nie treffen dürfen. (b) Drohungen gegen den Anwalt. ( c) Es gab für mich im Gefängnis keine Möglichkeit eine schriftliche Stellungnahme zu meiner Verteidigung abzugeben. Ich habe auch beim Richter darum gebeten und er hat sich bei einem Vernehmungsbeamten erkundigt. Der Beamte hat es abgelehnt, dass ich aus meiner Zelle heraus schriftliches Statement abgebe. (d) kein Zugang zum Papier und Stift. (e) Ich hatte keine Gelegenheit mich zu der Veröffentlichung der bestellten Bücher gegen mich zu äußern. Diese Bücher wurden vor dem Gericht als Beweismittel gegen mich vorgebracht. (f) Meine Bücher, Schriften und CDs wurden vom Gericht als Beweismittel und zur Aufklärung des Sachverhalts nicht zugelassen.

8) Anschaffung und Vorbringen von gefälschten Büchern gegen mich (offiziell als kritische Schriften gegen meine Bücher und Veröffentlichungen deklariert) Sie sollten den Geistlichen als Beweis für meine Abtrünnigkeit und dem Gericht als Beweismittel für das Verfahren dienen, ohne die Möglichkeit, mich dazu äußern oder verteidigen zu können

9) Es gab Versuche zwischen meiner Familie und mir Zwietracht und Konflikt zu stiften, meine Frau sollte verzweifeln und so sollten die Gefüge meiner Familie auseinanderbrechen. Dafür bedienten sie sich schmutzige Methoden und Szenarien, u.a. setzten sie mich unter Druck um zuzugeben eine zweite Frau zu haben. Oder z.B. haben sie meine Frau bei ihrer Vernehmung zu Hause gefragt, ob sie meine erste oder zweite Frau sei. Allerdings setzen sie solche Methoden bei allen Gefangenen ein um die Beziehung zwischen ihnen und ihren Familien zu zerstören.

10) Das Zusammentragen von durch die Überwachungsdienste (Sicherheitsdienste) der Ministerien, Ämter, Behörden und Organen ebenso bestellten wie falschen Informationen zur Vorlage beim Gericht.

11) Verbreitung von Lügenpropaganda und Verleumdungen über diverse Medien.

12) Personen, die im Zusammenhang mit mir festgenommen wurden, wurden unter psychischen Druck gesetzt, um aus ihnen vor-diktierte Aussagen zu bekommen. Ich kann bezeugen, dass diese Beschuldigten und ich mit Schlägen, Beschimpfungen und Erniedrigungen bedroht wurden, sie schlugen gegen unsere Stühle und unsere Waden und meinten: „ Ihr werdet so lange nicht aus dem Gefängnis freikommen, solange ihr nicht das niederschreibt, was wir euch sagen.“ Diese Personen sollten für ihre eigene Freilassung falsche Aussagen gegen mich machen und mich anzeigen.

13) Sie stellten bei ihren Verhören, Vernehmungen und der Gerichtsverhandlung Nachforschungen und Ermittlungen über meinen Glaube und meine Ansichten an und verbaten mir im Gefängnis den Koran oder andere religiöse Schriften zu lesen.

14) Für die Beschlagnahmung meiner persönlichen Unterlagen und Dokumente – einige Beutel an Unterlagen – wurde eine allgemeine und nicht detaillierte Quittung ausgestellt.

15) Es wurde Druck ausgeübt um von mir Geständnis über verbotene Beziehungen zu bekommen.(Dies wird übrigens ausnahmslos bei allen Gefangenen durchgeführt)

16) Um meine Frau zu einem bestellten Interview zu bewegen, wurde sie unter Druck gesetzt.

17) Meine Bücher, Zeitschriften, Artikel und Schriften wurden ohne jegliche richterliche Verfügung durch Verhörbeamte verbrannt.

18) Die Beschlagnahmung meiner Ringe-Kollektion, Unterlagen und Dokumente, Fotoalben und einiger privaten Sachen ohne richterliche Verfügung.

19) Beschimpfungen, unwürdige Erniedrigungen und Beleidigungen, sowie Drohungen zur Anwendung von körperlicher Gewalt

20) Bis einem Jahr nach meiner Festnahme keine Besuchererlaubnis für meine Familie.

21) Sicherheitsrelevante Gründe erfinden, Vorwürfe wie: Abtrünnigkeit, Feindschaft mit Gott und Seinem Gesandten, Verunglimpfung der Heiligen und als „Sünder auf der Erde“. Dieser Vorwand wird dazu benutzt, die Festnahme und Inhaftierung von freidenkenden (liberalen) und einflussreichen Personen mit gutem Ruf unter den Menschen gesetzlich zu rechtfertigen. Auch ich wurde unter so einem unbegründeten und inszenierten Vorwurf der Verunglimpfung der Heiligen bei einem bestellten, förmlichen und politischen Schauprozess vor einem nicht öffentlichen Gericht

zu fünf Jahre Haft in der speziellen Sicherheitsabteilung A2 und nicht in einer allgemeinen Haftanstalt verurteilt. Außerdem wurde meine Kunst-Kulturanstalt Erfan Halgheh (Keyhani) als eine „Sektenanstalt“ bezeichnet und unter dem unwahren Vorwurf der „pyramidale Aktivitäten“ diffamiert. Dies war eine weitere politische Inszenierung um die friedfertige Anhängerschaft der Erfan Halgheh (Keyhani) zu unterdrücken. Bis heute sind viele von ihnen festgenommen und unter verschiedenen Methoden unter Druck gesetzt worden.

22) Unbegründete und beweislose Vorwürfe erheben, um die Verfahren ewig offen zu halten und jeweils die betroffene Person immer wieder bzw. wann sie wollen festzunehmen. Auch in meinem Fall bestehen nach wie vor die Vorwürfe der Mitgliedschaft in der Organisation der Fedaei- Partisanen und des „ Sünder auf der Erde“. Ein weiterer Grund für solche Tricks und Inszenierungen ist, damit die betroffenen Personen daran gehindert werden, solche illegalen Prozesse anzuzeigen und diese Unterdrückungen und Ungerechtigkeiten bekanntzumachen. Sollte sich jemand darüber beschweren wollen, wird sofort einen dieser Vorwürfe reaktiviert und die betroffene Person festgenommen und inhaftiert.

23) Es wird versucht privaten Nebenklagen zu konstruieren und zu leiten um die öffentliche Meinung in die Irre zu führen.

24) Die Drohung, private Filmaufnahmen (diese sollen angeblich heimlich durch ihre Beamten aufgenommen worden sein) von Personen aus meinem Umfeld über das Internet zu verbreiten, sollte ich mich der Zusammenarbeit mit ihnen verweigere. Vermutlich handelt es sich dabei um einen Täuschungsmanöver (Bluff), denn mir wurden überhaupt keine Aufnahmen gezeigt.

25) Missachtung meiner Privatsphäre und der meiner Familie, indem sie aus unserem Familienalbum private Bilder – ohne Kopfbedeckung – von meiner Frau und meiner Tochter ins Internet gestellt haben. Ebenfalls wurde ein etwa weniger Sekunden langes Filmsegment aus den Aufnahmen (dabei halte ich vor mindestens 400 Personen in einer meiner Vorlesungen eine Frau, die kurz ihre Kontrolle verloren hat, kurzzeitig an ihrem Handgelenk fest) aus meinen Kulturveranstaltungen im Internet veröffentlicht. Das Gericht hat mich wegen unsittlicher Berührung einer fremden Frau zu 74 Peitschenhieben verurteilt.

26) Meine sämtliche Unterlagen, Dokumente und Urkunden u.a. zu meiner Schul- und Berufsausbildung, zu meinem Wehrdienst und aus meiner Kunst-Kultur-Institut sind beschlagnahmt oder verschwunden. Sie wurden dem Gericht vorenthalten um die Aktivitäten der Institut als illegal und mich als nicht-gebildet darzustellen. Das Fehlen der Unterlagen und Urkunden sollte das Entkräftigen der Vorwürfe vor dem Gericht verhindern.

27) Inhaftierung in der speziellen Sicherheitsabteilung (A2) und die Hinderung meiner Unterbringung in einer allgemeinen Haftanstalt.

28) Mir wurde für jegliche Kontaktaufnahme zu den Medien mit meiner Sicherheit gedroht.

29) Hinderung daran, die Gesetzesübertretungen und Verstöße der Verhörbeamten bei den zuständigen Gerichte anzuzeigen, trotz mehrfachen Hungerstreiks.

30) Den Hungerstreik als eine Straftat bezeichnet und es mit dem Verbot des Telefonierens und des Besuchs von meiner Familie belegt. Außerdem hat man mir damit gedroht, die anderen Verfahren

gegen mich zu eröffnen (s. Punkt 22) und mich während des Hungerstreiks in Einzelhaft (aus der 2- Personen-Zelle) zu nehmen. (Ich bin während meiner Haftzeit insgesamt 7 Mal in den Hungerstreik getreten).

31) Nicht-Beachtung meiner Anzeige gegen die Gesetzesübertretungen und Verstöße der Verhörbeamten zu Beginn der Verhandlung durch den Richter der ersten Gerichtsinstanz. 32) Raub aus den Räumen meines Instituts, obwohl sie durch den Verhörbeamten verplombt worden waren. 33) Die Verhörende meinte, dass das Gericht (der Richter) ihre Forderungen entsprechen wird und dass auch das Revisionsgericht dieses Urteil bestätigen wird.

Berichte einiger meiner Mithäftlinge (nach meiner Einzelinhaftierung und während der Haft in der 2-Mann-Zelle) über die ihnen gegenüber ausgeübten ungesetzlichen Übergriffe

1) Die Verhöre haben in privaten Wohnungen stattgefunden. Es gibt Anzeichen dafür, dass es solche nicht-offizielle und über das gesamte Stadtgebiet verteilte Wohnungen gibt, wo die Verhöbeamte Gefangene verhören.

2) Anwendung von körperlicher Gewalt (mehrere Personen berichteten davon), Beleidigungen und Beschimpfungen (Berichte sowohl aus der Untersuchungshaft als auch aus solchen Privatwohnungen)

3) Unter Gewalt erpressten vordiktierten Aussagen (sowohl in Untersuchungshaft als auch in Privatwohnungen)

4) In einigen Fällen und am Ende der Untersuchungshaft sind manch einer Gefangene gezwungen worden, es schriftlich, mit seiner Unterschrift, zu bestätigen, dass er keine Bürgschaft hinterlegen könne.

5) Die Beschuldigten sind damit gedroht worden, ihre Familienmitglieder zu inhaftieren oder ihnen etwas anzutun.

6) Man nimmt die nahen Verwandten der Personen in Geiselhaft um diese zu zwingen, sich zu stellen. Dies wird besonders bei Personen, die sich ins Ausland abgesetzt haben, angewandt (2 Berichte darüber).

7) Es werden unbegründete Vorwürfe und ohne Beweismittel erhoben damit sie jederzeit ein Verfahren gegen die Person eröffnen können.

8) Personen werden unter Druck gesetzt, um aus ihnen gefälschte Aussagen gegen andere zu erpressen (besonders gegen ausgesuchte Persönlichkeiten)

9) Jedem Angeklagten (bis auf den älteren Personen) wird den Vorwurf der unerlaubten (unsittlichen) Beziehungen gemacht (in der Regel unbegründet bzw. unwahr)

10) Es wird versucht, das Familiengefüge des Angeklagten zu zerstören, indem sie der Familie falsche Informationen über angebliche Beziehungen des Angeklagten geben. So soll einen Keil zwischen der Familie und dem Angeklagten getrieben, ihn isolieren und damit die Familie sich nicht weiter um die Haftsituation und die Freilassung des Angeklagten kümmert. 11) Die Verhörbeamte sind in ihren

Entscheidungen frei, für wie lange sie eine Person in der Haftanstalt A2 in Untersuchungshaft nehmen.

12) Die Festnahme von Personen ohne ausreichende Beweise für eine strafbare Verfehlung und erst nach der Festnahme und nach einem vorbestimmten Szenario auf verschiedenen Wege nachträglich Beweismitteln Erfinden bzw. zusammentragen.

13) In der gesamten Zeit der Untersuchungshaft wird dem Gefangenen jegliche Kontaktaufnahme zum Anwalt verwehrt, ebenso wie die Möglichkeit der Ausführungen zur eigenen Verteidigung. Ein Anwalt erscheint nur formal in der Akte.

14) Die nicht-Unabhängigkeit der Richter und Untersuchungsrichter bei ihren Urteilen, die Verhörbeamte beeinflussen die gesamten Gerichtsverhandlungen.

15) Die Beschwerden der Beschuldigten über die Verhöre, Vernehmungen oder Gerichte werden nicht an die zuständigen Justizorgane weitergeleitet.

16) Die Persönlichkeit des Beschuldigten angreifen (terrorisieren), seinen Namen in Verruf bringen und seine Schuld als erwiesen behaupten, solange es kein Gegenteil lautendes Urteil ergangen ist.

Abschriften an: Vorsitzende der Judikative, das Menschenrechtsbüro der Judikative, das Büro des religiösen Führer, die Sicherheitsabteilung der Judikative, die Verehrten hohen Geistlichkeiten, den Staatspräsident, den Parlamentspräsident, den Parlamentsmitglied Herr Ali Motahari, Europäische Menschenrechtskommission.

Gez. Mohammad Ali Taheri 05.01.1392 ( 25.03.2013 ) 

Amnesty International hat am 12. Mai 2015 ein Dokument zu Herrn Taheri veröffentlicht: https://www.amnesty.org/en/documents/MDE13/1637/2015/en/

Im weiteren veröffentlichen wir auf englisch geschriebene Dokumente, die den Fall vor der UN (Vereinte Nationen) und im Australischen Parlament behandeln:

NATIONS UNIES, HAUT COMMISSARIAT DES NATIONS UNIES AUX DROITS DE L’HOMME

PROCEDURES SPECIALES DU CONSEIL DES DROITS DE L’HOMME

UNITED NATIONS OFFICE OF THE UNITED NATIONS HIGH COMMISSIONER FOR HUMAN RIGHTS

SPECIAL PROCEDURES OF THE HUMAN RIGHTS COUNCIL

Mandates of the Working Group on Arbitrary Detention; the Special Rapporteur on the promotion and protection of the right to freedom of opinion and expression; the Special Rapporteur on freedom of religion or belief; the Special Rapporteur on the independence of judges and lawyers; the Special Rapporteur on the situation of human rights in the Islamic Republic of Iran; and the Special Rapporteur on torture and other cruel, inhuman or degrading treatment or punishment

REFERENCE: UA G/SO 218/2 G/SO 214 (67-17) G/SO 214 (56-23) G/SO 214 (3-3-16) Iran (2011-16) G/SO 214 (53-24) IRN 13/2013

Excellency, 22 August 2013

We have the honour to address you in our capacity as Chair-Rapporteur of the Working Group on Arbitrary Detention; Special Rapporteur on the promotion and protection of the right to freedom of opinion and expression; Special Rapporteur on freedom of religion or belief; Special Rapporteur on the independence of judges and lawyers; Special Rapporteur on the situation of human rights in the Islamic Republic of Iran; and Special Rapporteur on torture and other cruel, inhuman or degrading treatment or punishment pursuant to Human Rights Council resolutions 15/18, 16/4, 22/20, 17/2, 22/23, and 16/23.

In this connection, we would like to draw the attention of your Excellency’s Government to information we have received regarding the risk of imminent execution of Dr Mohammad Ali Taheri.

According to the information received:

Dr Mohammad Ali Taheri, honorary doctor and author of alternative medicine theories diffused both in Iran and internationally, allegedly faces a risk of imminent execution and grave threats to his health. According to the information received, in 2011, fourteen Shia religious authorities (ayatollahs) declared that Dr Taheri was to be considered an apostate and heretic (mortad), thereby calling their followers to kill him (fatwa). Dr Taheri was subsequently arrested on 4 May 2011 under the suspicion of apostasy (irtidad) by the Islamic Republic of Iran’s Revolutionary Guard, which allegedly requested a death sentence for him.. On 8 August 2013, Dr Taheri’s close family members were reportedly informed by officials of Evin Prison, where he has been detained since, that a death verdict had been rendered against him and that he would soon be executed.

According to the information received, the Iranian Parliament’s National Security Committee banned in 2008 any courses relating to alternative medicine theories from Dr Taheri’s institute, the Interuniversal Mysticism (Halqeh) Art and Culture Institute. On 18 April 2010, Dr Taheri was reportedly arrested for the first time by the Islamic Republic of Iran’s Revolutionary Guard, under suspicion of posing a threat against national security, and was detained in solitary confinement for more than two months. He was also allegedly prevented to access a lawyer. Upon his release, on a security deposit of one billion rials, the Ministry of Intelligence and Security reportedly banned the continuation of research on any of his theories in all national universities.

Dr Taheri was reportedly arrested for a second time by the Islamic Republic of Iran’s Revolutionary Guard on 12 April 2011, outside of his house, and detained at Evin Prison for twenty-four hours. On 4 May 2011, Dr Taheri was allegedly arrested again under the suspicion of apostasy (irtidad) and has since been held in solitary confinement at Evin Prison. After three closed court sessions, Dr Taheri was reportedly sentenced in October 2011 by Judge Pir-Abbasi, of Branch 26 of the Revolutionary Court in Tehran, to seven years imprisonment, seventy-four lashes, and a fine of nine billion and one hundred million rials.

Dr Taheri has allegedly been subject to interrogation under torture, punching, kicking, being presented with false death sentences, and subject to mock executions to force him to confess, and deprived of the possibility of contacting a lawyer to prepare his defence. He was also allegedly threatened with harm to his family members. Dr Taheri reportedly suffers from serious physical and mental conditions, among which a mouth and jaw infection, and has been deprived of access to a doctor. He reportedly has attempted to commit suicide on four occasions. On 20 March 2013, Dr Taheri was reportedly given leave for six days from Evin Prison for the Iranian New Year. On this occasion, his family members allegedly observed the sequels of torture, suicide attempts, and eight hunger strikes on his body. On 12 July 2013, Dr Taheri reportedly started a hunger strike for the ninth time, which is still on-going.

Without expressing at this stage an opinion on the facts of the case and on whether the detention of the abovementioned person is arbitrary or not, we would like to appeal to your Excellency’s Government to take all necessary measures to guarantee his right not to be deprived arbitrarily of his liberty and to fair proceedings before an independent and impartial tribunal, in accordance with articles 9 and 10 of the Universal Declaration of Human Rights (UDHR) and articles 9 and 14 of the International Covenant on Civil and Political Rights (ICCPR).

Furthermore, we should like to appeal to your Excellency’s Government to seek clarification of the circumstances regarding the case of the person named above. We would like to stress that each Government has the obligation to protect the right to physical and mental integrity of all persons. This right is set forth inter alia in the UDHR and the ICCPR.

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In this context, we would like to draw the attention of your Excellency’s Government to paragraph 1 of Human Rights Council Resolution 16/23 which “Condemns all forms of torture and other cruel, inhuman or degrading treatment or punishment, including through intimidation, which are and shall remain prohibited at any time and in any place whatsoever and can thus never be justified, and calls upon all States to implement fully the absolute and non-derogable prohibition of torture and other cruel, inhuman or degrading treatment or punishment.”

We would also like to draw your Excellency’s Government’s attention to paragraph 7b of Human Rights Council Resolution 16/23, which urges States “(t)o take persistent, determined and effective measures to have all allegations of torture or other cruel, inhuman or degrading treatment or punishment investigated promptly, effectively and impartially by an independent, competent domestic authority, as well as whenever there is reasonable ground to believe that such an act has been committed; to hold persons who encourage, order, tolerate or perpetrate such acts responsible, to have them brought to justice and punished in a manner commensurate with the gravity of the offence, including the officials in charge of the place of detention where the prohibited act is found to have been committed; and to take note, in this respect, of the Principles on the Effective Investigation and Documentation of Torture and Other Cruel, Inhuman or Degrading Treatment or Punishment and the updated set of principles for the protection of human rights through action to combat impunity as a useful tool in efforts to prevent and combat torture.”

We would like to remind your Excellency's Government of article 14(1) of the ICCPR, which states: “[...] everyone shall be entitled to a fair and public hearing by a competent, independent and impartial tribunal established by law."

In this connection, we would like to refer Your Excellency's Government to the Basic Principles on the Role of Lawyers, adopted by the Eighth United Nations Congress on the Prevention of Crime and the Treatment of Offenders, Havana, Cuba, 27 August to 7 September 1990, and in particular:

- principle 2, which states: “Governments shall ensure that efficient procedures and responsive mechanisms for effective and equal access to lawyers are provided for all persons within their territory and subject to their jurisdiction, without distinction of any kind, such as discrimination based on race, colour, ethnic origin, sex, language, religion, political or other opinion, national or social origin, property, birth, economic or other status;”

- principle 8, which states: “All arrested, detained or imprisoned persons shall be provided with adequate opportunities, time and facilities to be visited by and to communicate and consult with a lawyer, without delay, interception or censorship and in full confidentiality. Such consultations may be within sight, but not within the hearing, of law enforcement officials;”

- principle 21, which states: “It is the duty of the competent authorities to ensure lawyers access to appropriate information, files and documents in their possession or

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control in sufficient time to enable lawyers to provide effective legal assistance to their clients. Such access should be provided at the earliest appropriate time.”

We would also like to remind your Excellency's Government of the Guidelines on the Role of Prosecutors, adopted by the Eighth United Nations Congress on the Prevention of Crime and the Treatment of Offenders, Havana, Cuba, 27 August to 7 September 1990, and in particular:

- guideline 12, which states: “Prosecutors shall, in accordance with the law, perform their duties fairly, consistently and expeditiously, and respect and protect human dignity and uphold human rights, thus contributing to ensuring due process and the smooth functioning of the criminal justice system.”;

- guideline 13, which states: “In the performance of their duties, prosecutors shall: (a) Carry out their functions impartially and avoid all political, social, religious, racial, cultural, sexual or any other kind of discrimination; (b) Protect the public interest, act with objectivity, take proper account of the position of the suspect and the victim, and pay attention to all relevant circumstances, irrespective of whether they are to the advantage or disadvantage of the suspect;”

- guideline 16, which states: “When prosecutors come into possession of evidence against suspects that they know or believe on reasonable grounds was obtained through recourse to unlawful methods, which constitute a grave violation of the suspect's human rights, especially involving torture or cruel, inhuman or degrading treatment or punishment, or other abuses of human rights, they shall refuse to use such evidence against anyone other than those who used such methods, or inform the Court accordingly, and shall take all necessary steps to ensure that those responsible for using such methods are brought to justice.”

Furthermore, we would like to remind your Excellency’s Government that article 18(1) of ICCPR stipulates that “everyone shall have the right to freedom of thought, conscience and religion. This right shall include freedom to have or to adopt a religion or belief of his choice, and freedom, either individually or in community with others and in public or private, to manifest his religion or belief in worship, observance, practice and teaching.”

With regard to allegations of “apostasy” against Dr Taheri, we would like to respectfully remind your Excellency’s Government that article 18(2) of the ICCPR provides that “no one shall be subject to coercion which would impair his freedom to have or to adopt a religion or belief of his choice.” Moreover, as the Human Rights Committee has emphasized in paragraph 3 of its General Comment no. 22 (1993), “article 18 does not permit any limitations on whatsoever on the freedom of thought and conscience or the freedom to have or adopt a religion or belief on one’s choice.” In paragraph 5 of the same Comment, the Committee further observes that the freedom to "have or to adopt" a religion or belief necessarily entails the freedom to choose a religion or belief, including the right to replace one's current religion or belief with another or to adopt atheistic views, as well as the right to retain one's religion or belief. Article 18(2)

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bars coercion that would impair the right to have or adopt a religion or belief, including the use of threat of physical force or penal sanctions to compel believers or non-believers to adhere to their religious beliefs and congregations, to recant their religion or belief or to convert. [..]”

With regard to the decision of the Iranian Parliament’s National Security Committee to ban in 2008 any courses relating to alternative medicine theories from Dr Taheri’s institute, the Interuniversal Mysticism (Halqeh) Art and Culture Institute, we would like to draw the attention of your Excellency's Government to the General Assembly's resolution 36/55 (A/RES/36/55) in which the General Assembly asserts in article 6(c) that the right to freedom of thought, conscience, religion or belief includes the freedom, “To make, acquire and use the necessary articles and materials related to the rites or customs of a religion or belief;” and further in (d) “To write, issue and disseminate relevant publications in these areas.” In this context, we would like to draw the attention of your Excellency's Government to paragraph 4 of the Human Rights Committee's General Comment 22, which provides that “In addition, the practice and teaching of religion or belief includes acts integral to the conduct by religious groups of their basic affairs, [...] the freedom to establish seminaries or religious schools and the freedom to prepare and distribute religious texts or publications.”

We would also like to appeal to your Excellency’s Government to take all necessary steps to secure the right to freedom of opinion and expression in accordance with fundamental principles as set forth in article 19 of the ICCPR, which provides that “Everyone shall have the right to freedom of expression; this right shall include freedom to seek, receive and impart information and ideas of all kinds, regardless of frontiers, either orally, in writing or in print, in the form of art, or through any other media of his choice.”

In view of the urgency of the matter, we would appreciate a response on the initial steps taken by your Excellency’s Government to safeguard the rights of the above- mentioned person in compliance with the above international instruments.

Moreover, it is our responsibility under the mandates provided to us by the Human Rights Council, to seek to clarify all cases brought to our attention. Since we are expected to report on these cases to the Human Rights Council, we would be grateful for your cooperation and your observations on the following matters, when relevant to the case under consideration:

  1. Are the facts alleged in the summary of the case accurate?

  2. Has a complaint been lodged by or on behalf of the alleged victim?

  3. Please provide the details, and where available the results, of any

investigation, medical examinations, and judicial or other inquiries carried out in relation to this case. If no inquiries have taken place, or if they have been inconclusive, please explain why.

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4. Please provide the full details of any prosecutions which have been undertaken. Have penal, disciplinary or administrative sanctions been imposed on the alleged perpetrators?

5. Please indicate whether compensation has been provided to the victim or the family of the victim.

6. Please provide information concerning the legal grounds for the arrest and detention of Dr Taheri and how these measures are compatible with international norms and standards as stated, inter alia, in the UDHR and the ICCPR.

7. Please provide the full details of how the prosecution, imprisonment and sentencing to death of Dr Taheri are in compliance with international human rights law, in particular with the rights to freedom of religion and belief and to fair trial.

We undertake to ensure that your Excellency’s Government’s response to each of these questions is accurately reflected in the report we will submit to the Human Rights Council for its consideration.

While waiting for your response, we urge your Excellency’s Government to take all necessary measures to guarantee that the rights and freedoms of the above mentioned person are respected and, in the event that your investigations support or suggest the above allegations to be correct, the accountability of any person responsible of the alleged violations should be ensured. We also request that your Excellency’s Government adopt effective measures to prevent the recurrence of these acts.

Please accept, Excellency, the assurances of our highest consideration.

El Hadji Malick Sow
Chair-Rapporteur of the Working Group on Arbitrary Detention

Frank La Rue
Special Rapporteur on the promotion and protection of the right to freedom of

opinion and expression

Heiner Bielefeldt
Special Rapporteur on freedom of religion or belief

Gabriela Knaul
Special Rapporteur on the independence of judges and lawyers

Ahmed Shaheed 6

Special Rapporteur on the situation of human rights in the Islamic Republic of Iran

Juan E. Méndez
Special Rapporteur on torture and other cruel, inhuman or degrading treatment or punishment 

 

aus Australien:

THE SENATE PROOF ADJOURNMENT

Iran

SPEECH Thursday, 2 October 2014

BY AUTHORITY OF THE SENATE

Thursday, 2 October 2014 THE SENATE 113

Date Thursday, 2 October 2014 Page 113

Questioner
Speaker Dastyari, Sen Sam

Senator DASTYARI (New South Wales) (19:25): Most chronologies of the Arab Spring begin in Tunisia in December 2010. But others will recall the frustration that swept across the Middle East and North Africa much earlier, which began with the Iranian presidential elections in June 2009. I can vividly remember the explosive protests filling the streets across Iran with a sea of green. It was the Twitter revolution, Mousavi's green movement. Among the arrests, the violence and the accusations, you may also recall moments of optimism. Was the Iranian Republic finally going to free itself from a militant religious tyranny? Were the people of Iran finally going to win their freedom, denied to them for so long—freedom of expression, freedom of assembly, freedom of worship?

This possibility remains deeply personal for me. As many of you in this chamber know, I was born under this religious tyranny myself. While I have been incredibly fortunate, lucky, to have been gifted a new life in Australia, I am also very conscious that there are tens of millions of people who have not had that opportunity.

Iran has long had a difficult relationship with the global community. In recent times it has even been considered a pariah state. Diplomatic relations have understandably been characterised by mistrust and sometimes outright hostility. Sanctions have restrained the economy. Last year, hope emerged that this might change. Iran's new President, Hassan Rouhani, made statements calling for 'constructive and dignified engagement with the world', hinting perhaps that there could be a brighter future for the people of Iran. Iranian Foreign Minister Mohammad Javad Zarif went further and described ambitions of 'elevating the stature of Iran and achieving long-term comprehensive development'.

There have already been a few cautious diplomatic improvements. The UK has reopened its embassy in Tehran after closing it in 2011. Speaking last month on the modest improvements in relations with the United States, President Rouhani said: 'It is not written in stone. One day this will change.' But we cannot expect Iran to change overnight. There have been reformers before. Rodger Shanahan of the Lowy Institute noted last year that former president, Muhammad Khatami, commanded significant public support in two presidential elections but still failed to create a lasting shift within the regime. By giving

Source Senate Proof Yes

Responder Question No.

action to the statements he made in his 2013 campaign, Rouhani can now show that the new Iranian leadership is different and a break from the antagonism of the past.

Iran's international standing could be significantly improved by a firm commitment to protecting basic rights, including the freedom of expression. Dr Shanahan suggests that 'the release of political prisoners and a relaxing of social policies are two issues that could win him early plaudits and be achieved at low cost to the establishment'.

Ahead of President Rouhani's first address to the UN General Assembly in 2013, 11 political prisoners were released, including high-profile human rights lawyer Nasrin Sotoudeh. This is a positive and symbolic move from a president who campaigned for expanded civil rights and freedoms. It shows there is a potential to fulfil a promise of a freer and more just society. But now the time has come for the administration to show that this was more than just a gesture.

Ahmed Shaheed, the UN special rapporteur on human rights in Iran, noted that there are around 900 prisoners of conscience in Iran. These are people who have been detained for their beliefs. His latest report to the UN Human Rights Council states that:

As at 14 January 2014, at least 895 "prisoners of conscience" and "political prisoners" were reportedly imprisoned. This number includes 379 political activists, 292 religious practitioners, 92 human rights defenders (including 50 ethnic rights activists), 71 civic activists, 37 journalists and netizens, and 24 student activists ...

One such prisoner of conscience is Mohammad Ali Taheri, who has been detained since 2011. A founder of the spiritual group Erfan e Halghe, he was tried on charges of insulting Islamic sanctities, and sentenced to five years imprisonment and now, reportedly, faces the possibility of execution. Amnesty International reports that he has been held in solitary confinement at the notorious Evin Prison in Tehran and repeatedly threatened with death by guards and tortured into confessing that his spiritual beliefs were both forbidden and a threat to national security. The incarceration of Mohammad Ali Taheri and hundreds of others casts a long shadow over Iran's credibility.

SPEECH

CHAMBER

Thursday, 2 October 2014 THE SENATE 114

The government of Iran must be made aware that the world is watching. We cannot remain silent while political prisoners are executed on politically motivated charges. We must call on President Rouhani and the Iranian leadership to keep faith with their people and to improved civil liberties and political freedoms. They must end these abuses and ensure that they are never allowed to happen again. The Iranian government should release the likes of Mr Taheri and other political prisoners as a matter of urgency. I call on the Iranian ambassador to Australia to provide a clear commitment that Mr Taheri's imprisonment will not be followed by his execution.

The UN rapporteur's report also recently highlighted the fact that Iran executed more people per capita than any other country, with at least 687 people put to death last year, an increase of 165 on the previous year. This rapid escalation caused UN Secretary-General Ban Ki- Moon to register his own alarm at the situation. Mr Ban said that since taking office President Rouhani 'has not made any significant improvement' on human rights. Other concerns include the lack of any significant improvement in freedom of expression and judicial independence, the treatment of ethnic and religious minorities and a disregard for due process and the right to a fair trial.

Despite the rhetoric, Human Rights Watch cautions that little improvement has occurred in human rights and that arrests motivated by political opposition or religion are still common. Amnesty International has reported a 'sharp rise in arrests, prosecutions and imprisonment of independent journalists'. Hadi Ghaemi, executive director of the International Campaign for Human Rights in Iran, says:

... the people of Iran need more than words; they need action ...

In the international community, we should set the same standard. Ahmed Shaheed notes that:

... international momentum in support of human rights reforms in Iran is growing ...

This support should serve as a reminder that:

... the world is watching, it's aware of the facts and expects change.

The UN Human Rights Council's Universal Periodic Review is set to take place at the end of this month. This is an opportunity for Iran not only to ratify 126 recommendations it previously accepted but to exceed our expectations. Progress on these issues would strengthen the case to further reduce sanctions. In meeting the international standards for civil and political freedoms and human rights,

President Rouhani would be taking important steps towards fulfilling the hopes and aspirations of the millions of Iranians. 

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news-924 Mon, 11 May 2015 19:40:00 +0200 Pressegespräch: Menschenrechte im Iran in Zeiten politischer Annäherung http://mehriran.de/artikel/pressegespraech-menschenrechte-im-iran-in-zeiten-politischer-annaeherung.html mehriran.de - Am Montag, 18.05.2015 lädt Karamat e.V. in die Niedersächsische Landesvertretung zum Pressegespräch ein. Welche Bilanz ziehen Menschenrechtler nach fast zwei Jahren Präsidentschaft von Rohani und beginnender Annäherung zwischen dem Iran und dem Westen?

Wie wirkt sich die Annäherung zwischen dem Iran und dem Westen nach der Beilegung des Nuklearstreits auf die Menschenrechtspolitik gegenüber iranischen Bürgern aus?

Wie ist die jüngste Aussage (US-Fernsehsender PBS) des iranischen Außenministers Javad Zarif zu verstehen: „Wir inhaftieren niemanden wegen seiner Meinung."? Fakt ist, dass nach wie vor Menschen auf Grund ihrer religiösen, ethnischen oder weltanschaulichen Überzeugungen verfolgt werden und inhaftiert sind.

Wie können Bürger und Bürgerinnen im Westen die Zivilgesellschaft im Iran unterstützen? Welche Maßnahmen westlicher Staaten könnten helfen, die Menschenrechtsverletzungen durch das Regime im Iran einzudämmen?

Ausgewiesene Experten berichten über die aktuelle Menschenrechtslage im Iran und stehen als Gesprächspartner für Fragen und Hintergründe zu Iran zur Verfügung. 

Dr. Seyed M. Azmayesh, Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran, Paris

Prof. Ingo Hofmann, Sprecher der Baha'i Gemeinde in Deutschland, Berlin

Dr. Kamal Sido, Nahostreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker, Göttingen

Moderation: Helmut N. Gabel, Pressesprecher Karamat e.V., Hannover

Nach den kurzen einführenden Statements der jeweiligen Sprecher, folgt ein Gespräch mit den Anwesenden.

Montag, 18. Mai 2015, 14:00 - 15:30 Uhr

Landesvertretung Niedersachsens, In den Ministergärten 10, 10117 Berlin

Namentliche Anmeldungen bitte bis 16. Mai an presse (at) karamat.eu

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news-923 Tue, 05 May 2015 23:26:00 +0200 IOPHRI protestiert auch in London http://mehriran.de/artikel/iophri-protestiert-auch-in-london.html mehriran.de - Aktivisten der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI) setzen ihre Proteste gegen die Verfolgungen von Minderheiten im Iran fort. Am 4. Mai 2015 staunten Touristen, Passanten, Künstler, Journalisten und Polizisten nicht schlecht als sich mehrere Dutzend Aktivisten von IOPHRI am Trafalgar Square in London versammelten und mit Musik auf persischen Rahmentrommeln, Interviews und lauthals vorgetragenen Slogans zur Freilassung von willkürlich verhafteten Sufis und anderen Minderheiten im Iran bemerkbar machten. 

Das Regime im Iran verfolgt unvermindert Andersdenkende. Der Regierung Rohanis ist es bisher nicht gelungen die Aktivitäten der Sicherheitskräfte und Machenschaften einiger Hardline Gruppen einzuschränken. Der Machtkampf mit verteilten Rollen zwischen Hardlinern und dem Westen gegenüber offen stehenden Gruppen im Iran, der in der Regierungszeit Khatamis unter anderem zu den sogenannten Kettenmorden geführt hat, scheint sich in ähnlicher Weise unter Rohani zu wiederholen. Während Rohani und Zarif versuchen die Welt von den friedlichen Ambitionen des Regimes zu überzeugen, trifft im Iran die eiserne Faust der Hardliner Menschen, die sich für Toleranz, Frieden und Kooperation einsetzen.

Die Aktion auf dem Trafalgar Square, London richtete sich gegen die jüngsten Angriffe der Sicherheitskräfte auf das Oberhaupt des Nematollah Gonabadi Ordens und die Schliessung eines von Sufi-Derwischen betriebenen Alten- und Pflegeheims.

Ein Aktivist von IOPHRI, Vahid Beheshti, kündigte die Fortsetzung und Ausweitung der Proteste in weitere Städte Europas an. Beheshti vermutet, dass die Aussichten auf eine Einigung im Atomstreit mit dem Westen, einigen Extremisten des Regimes das Signal gegeben haben, sie dürften weiterhin ungestraft ihre Verfolgungen wieder aufnehmen, da keine Sanktionen zu befürchten seien.

 

Helmut N. Gabel für mehriran.de

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news-920 Mon, 04 May 2015 20:11:00 +0200 Die Barbaren des Regimes setzen ihre Barbareien fort http://mehriran.de/artikel/die-barbaren-des-regimes-setzen-ihre-barbareien-fort.html IOPHRI.SE - Sicherheitskräfte im Iran starten weitere Attacken gegen Derwische und andere missliebige Bürger unter konstruierten Vorwürfen. mehriran.de - Wie Aktivisten der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI) aus Stockholm berichten, haben Sicherheitskräfte im Iran weitere Attacken gegen Derwische in Teheran und auf der Insel Kish durchgeführt. Dies gaben die Aktivisten während einer großen Kundgebung in der schwedischen Hauptstadt bekannt. Sie warnten das Regime vor weiteren Angriffen.

Derwische, Baha'i, Sunniten und konvertierte Christen werden im Iran willkürlich verfolgt und unter zum Teil bizarren Vorwürfen verhaftet, attackiert und verfolgt. Ihr Grabstätten und Versammlungshäuser werden zerstört.

Zuletzt wurde das Oberhaupt des Nematollah Gonabadi Ordens, Dr. Nour Ali Tabandeh, bei einer Autofahrt zu einer Zeremonie von Zivilagenten in einem Geländewagen und einem Motorrad verfolgt und bedrängt. Die Agenten trugen Mundschutz und filmten alle Insassen des Fahrzeugs des greisen Oberhaupts. Die Agenten wurden ihrerseits aus einem unauffällig begleitenden Fahrzeug der Derwische fotografiert.

Diese Drohkulisse soll die Derwische einschüchtern. Derwische gehören im Iran zu jenen Kräften der Zivilgesellschaft, die immer wieder gegen willkürliche Inhaftierungen und brutale Verhöre durch die Sicherheitskräfte protestieren. Das Regime im Iran sieht sein Image bei seinen internationalen Freunden dadurch in Gefahr.

Laut Ali Reza Hosseinzadeh, einem nach Schweden geflüchteten Studenten aus dem Iran, werden die Proteste gegen Verfolgungen diverser Gruppen im Iran und gegen die vielen Hinrichtungen im Iran fortgesetzt und die europäischen Regierungen gebeten das Regime unter Druck zu setzen.

Helmut N. Gabel für mehriran.de


 

 

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news-919 Wed, 29 Apr 2015 10:57:00 +0200 Altenheim in Teheran von Sicherheitskräften überfallen http://mehriran.de/artikel/altenheim-in-teheran-von-sicherheitskraeften-ueberfallen.html Madadkâri Reza ohne Gerichtsbeschluss geschlossen, Menschen auf die Straße gesetzt mehriran.de - Sicherheitskräfte kamen am Sonntag unvermittelt, verhafteten den Direktor des Altenheims, Herrn Bonakhtar und seine Familie, konfiszierten Computer und Dokumente und warfen am nächsten Tag sämtliche Bewohner des Altenheims auf die Straße und versiegelten die Türen.


Logo des überfallenen Altenheims

Was sich surreal anhört, ist die Fortsetzung religiöser Verfolgungen im Iran. Das Altenheim wird von dem Derwisch Orden Nematollah Gonabadi betrieben. Die Gruppe wird immer wieder brutalen Attacken, willkürlichen Verhaftungen und wüsten Verunglimpfungen ausgesetzt.

Im Iran ringen derzeit zwei Gruppierungen innerhalb der Machtelite, um die Hoheit im Iran. Die mehr oder minder nach Westen offeneren Politiker und Mullahs hinter Hashemi Rafsandschani und dem Präsidenten Rohani kämpfen um Deutungshoheiten gegen das Kamp der Hardliner und Gewalt Befürworter, das sich verbissen an den Obersten Führer klammert.

Während das Lager um Rohani Dokumente veröffentlicht, die das Ausmaß der Korruption in der Ära Ahmadinedschad aufdecken, versuchen Hardliner mit schlecht gefälschten Papieren nachzuweisen, dass Rafsandschani noch unter dem Schah ein Agent des Geheimdienstes Sawak war.

Mit allen Mitteln versuchen die Hardliner der Regierung Rohani Schaden zu zufügen und sie zu schwächen. Darunter gehören auch Grabschändungen auf Baha'i Friedhöfen und jüngst Überfälle auf Altenheime.

Helmut N. Gabel für mehriran.de

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news-917 Thu, 09 Apr 2015 23:20:00 +0200 Christoph Strässer im Dialog über Menschenrechtssituation im Iran http://mehriran.de/artikel/christoph-straesser-im-dialog-ueber-menschenrechtssituation-im-iran.html Berlin - Mitglieder von Karamat e.V. und der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran hatten Gelegenheit mit dem Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung über die programmatischen Menschenrechtsverletzungen im Iran zu sprechen. Eine der Aufgaben des Menschenrechtsbeauftragten liest sich auf der Website des Auswärtigen Amtes so: "Menschenrechtspolitik ist mehr noch als andere Politikbereiche auf die aktive und fortlaufende Partizipation der Zivilgesellschaft angewiesen. Der Beauftragte bildet hier eine Schnittstelle zwischen Regierung und Zivilgesellschaft. Dazu gehört einerseits die Teilnahme am nationalen und internationalen Menschenrechtsdiskurs, aber auch an der Arbeit der internationalen Gremien und Einrichtungen des Menschenrechtsschutzes."

Christoph Strässer, SPD, ist seit 2014 im Amt und er nimmt gemäß seiner unabhängigen Position auch kein Blatt vor den Mund. Schon am 2. Oktober 2014 brachte er seine Sorge um die Gesundheit einiger Gefangenen im Iran zum Ausdruck: "Mit größter Besorgnis erfüllen mich Berichte über den kritischen Gesundheitszustand der neun inhaftierten Anhänger des Nematollahi-Gonabadi-Ordens. Diese waren aus Protest gegen anhaltende Repressionen gegenüber Angehörigen der religiösen Sufi-Minderheit in Iran vor einem Monat in Hungerstreik getreten.

Iran hat sich mit der Ratifizierung des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte verpflichtet, auch das Menschenrecht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit zu achten und zu schützen. Die Unterdrückung religiöser Minderheiten steht dazu in eklatantem Widerspruch.
Ich fordere Iran auf, seiner Verpflichtung nachzukommen, die Menschenrechte Aller unabhängig von religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit zu achten und alle Personen, die aufgrund ihrer religiösen oder politischen Weltanschauung inhaftiert sind, unverzüglich frei zu lassen.
Darüber hinaus appelliere ich an alle Verantwortlichen in Iran, den Hungerstreikenden umgehend dringend benötigte medizinische Behandlungen zu gewähren."

Das Regime im Iran mag solche Öffentlichkeit gar nicht. Es will mit sauberer Weste da stehen und sich als Staat dargestellt sehen, der in der Region für Stabilität sorgt. Die Wirklichkeit im Iran ist jedoch trotz vieler Beteuerungen des Regimes alles andere als rosig. Fundamentalistische Gruppierungen innerhalb des Staates stehen etwas moderateren Strömungen gegenüber. Die Ersteren sorgen regelmäßig für gewaltsame Übergriffe gegen Individuen, politische Gegner und Minderheiten im Iran. Grund dafür ist die Ideologie der fundamentalistischen Gruppen, welche die Staatsideologie des Velayat-e Faghi (Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten) zu einer Imamologie verklären. Das bedeutet, sie betrachten den sogenannten Obersten Religiösen Führer (seit 1989 Ali Khamenei) als heiligen Stellvertreter Gottes auf Erden und verlangen von allen Bürgern und Bürgerinnen eine Unterwerfung unter seine Herrschaft. Da die Ideologie im Iran eine Verquickung zwischen Religion und Politik praktiziert, verlangen die Fundamentalisten, dass alle religiösen Minderheiten (auch Atheisten, Agnostiker oder andere Weltanschauungen) die Autorität des Obersten Führers anerkennen, drohen ansonsten mit Verfolgung und Auslöschung. 

Diese fundamentalistischen Strömungen fackeln nicht lange, sondern setzen immer wieder ihre Propaganda- und Verfolgungsmassnahmen um, wenn niemand hinschaut, niemand berichtet und niemand sich interessiert. 

Aufgrund von Protesten und Aktionen verschiedener Menschenrechtsorganisationen und mit Hilfe der Pressemitteilung des Menschenrechtsbeauftragten Christoph Strässer ist es gelungen das Regime zu bewegen sich mit den Fällen der inhaftierten Derwische zu beschäftigen und frühzeitigere Haftentlassungen zu erwirken. Da jedoch die Verfolgungen gegen Minderheiten programmatisch sind, gibt es immer wieder neue Fälle zu beachten. Diese Woche erst sind vier Derwische ins Exil in eine entlegene Provinz geschickt worden. Ihnen wird Feindschaft gegen Gott (Mohareb) vorgeworfen. Dies ist ein Vorwurf, der wie so oft aus der Luft gegriffen ist, jedoch immer dann zum Tragen kommt, wenn das Regime einen Vorwand braucht, um Menschen zu strafen, auszugrenzen und anzuschwärzen. Mittlerweile gibt es im Iran ein Gesetz, das mystische Gruppen generell in den Verdacht stellt Gottesfeindschaft zu betreiben, wodurch eine gefährliche Möglichkeit stets vorhanden ist, Menschen willkürlich zu verhaften, zu foltern, falsche Geständnisse zu erzwingen und beiseite zu schaffen.

Wir von Karamat e.V. protestieren dagegen und helfen mit im Westen diese unwürdigen Verhältnisse zur Sprache zu bringen. In diesem Fall ist der beste Schutz für die verschiedenen Gruppen innerhalb der Zivilgesellschaft vor den Schmutzkampagnen, Hasstiraden und Verfolgungen der Fundamentalisten die Veröffentlichung. Das Regime im Iran mag sich selbst gerne mit weißer Weste darstellen und erhebt den Anspruch moralisch hochstehend zu sein. Es kann die großen schwarzen Flecken aber nur entfernen, indem es die Würde und die Rechte der Individuen und der Minderheiten respektiert und nicht indem es einen Mantel des Schweigens, des Leugnens und des Vertuschens über die Untaten legt.

Hier geht es zu einem Interview in persischer Sprache über den Dialog mit Christoph Strässer und die Situation verfolgter Gruppen im Iran.

Artikel vom 8.04.2015 von der Webseite Karamat.eu

Karamat e.V. // Informationen zu Karamat unter www.karamat.eu.

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news-916 Tue, 07 Apr 2015 02:23:00 +0200 Four Dervishes charged with Moharebeh http://mehriran.de/artikel/four-dervishes-charged-with-moharebeh.html Four Dervishes from Kovar have been charged with “forming a terrorist group against the government,” “participating in gatherings with the aim of overthrowing the regime,” “enmity against God” and “having illegal weapons” in the revolutionary court of Shiraz on Saturday morning, 5th of April. According to several reports from Iran and Majzouban-e Nour website Mohsen Esmaili, Seyyed Ebrahim Bahrami, Mohammad Ali Sadeghi and Mohammad Ali Dehghan were tried by Judge Vaezi in branch 14. of the Shiraz Revolutionary Court Shiraz and charged with “forming a terrorist group against the government,” “participating in gatherings with the aim of overthrowing the regime,” “enmity against God” and “having illegal weapons”. All these fabricated charges were denied by them and their lawyer, Kamran Sadeghi. These persons belong to the mystical order of Shah Nematollah Gonabadi and were kept in the Adel Abad prison of Shiraz.

Meanwhile the head of the International Organisation to preserve Human Rights in Iran (IOPHRI), Dr. Seyed Mostafa Azmayesh, had a talk to the representative for Human Rights of the German government, Mr. Christoph Strässer, about the situation of religious minorities in Iran. He stressed on the fact that the persecutions of Baha'i, Ahl-e Hagh, Nematollah Gonabadi Dervishes and others by the regime in Iran are purely programmatic and due to the current ideology under Ali Khamenei. The gruesome ideology regards the mystics as a danger as they refuse to submit to the religious leader Khamenei who claims to be the vicar of God on earth and does not tolerate the principle of the Dervishes to have their spiritual master. Dervishes don't accept the mixing of politics and religion as Mr. Khameneis ideology claims to be the best thing to do to manage a society. For these reasons the regime fabricates the charge of Mohareb (enmity against God) and can easily arrest those it would like to silence, damage or exterminate. The cases of the Dervishes were brought to the attention of the German official.

The four Dervishes had been arrested on April 30th, 2013 in Kovar, close to Shiraz and were incarcerated in the intelligence center of Shiraz for a month under physical torture. 

Their family photos were misused to threaten and intimidate them. According to their accounts the agents have been insulting their beliefs and the history of the Goanabadi Nematollahi community to put them under more pressure.

This pressure has caused them various sufferings ranging from back ache and nervous problems for one of them, which in fact makes it necessary to send him to the hospital.

In September 2011, some hardliner groups were incited by a young Mullah who had been send to the region. They gathered in front of the houses of the Dervishes in Kovar and insulted them. This resulted in a contention in which a Dervish was killed by being shot and several were wounded. Since then there has been a great amount of arrests and pressure upon the Dervishes of Kavar during which 100 of them have been arrested, tortured and tried. The arrests are still continuing but despite all complaints of Dervishes there is no arrest and judiciary process on those who caused all these conflicts.

The four Dervishes have been sentenced to exile in Bandar Abbas, province of Khuzestan.  

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news-912 Wed, 04 Mar 2015 02:30:00 +0100 Freiheit für vier http://mehriran.de/artikel/freiheit-fuer-vier.html Monatelanges Tauziehen um die Freilassung von Gewissensgefangenen im Iran zeitigt eine positive Perspektive. Die Arbeitsgruppe Menschenrechte des Vereins Karamat meldet die Freilassung von vier Gewissensgefangenen aus dem berüchtigten Evin Gefängnis. Es handelt sich um Mitglieder der Redaktion von Majzooban-e Nour, einer Online Zeitung, die sich auf Nachrichten zu Sufi Derwischen und zu Menschenrechten im Allgemeinen spezialisiert hatte. Afshin Karampour, Farshid Jadollahi, Amir Eslami und Omid Behrouzi  sind heute vorzeitig aus der Haft entlassen worden. Ihr ursprüngliches Urteil lautete auf siebeneinhalb Jahre Haft, die in eine Strafe von dreieinhalb Jahren Haft und zweieinhalb Jahren auf Bewährung umgewandelt wurde.

Nach Jahre langem Ringen, um ihre Freilassung, konnte sich der moderatere Flügel der Regierung Rohanis gegen die Hardliner im Justizapparat durchsetzen. Iran steht auf internationalem Parkett immer noch unter enormem Druck und ist auf good will Gesten angewiesen. Kommende Woche wird in Genf, Schweiz, vor den Vereinten Nationen ein erneuter negativer Bericht über die miserable Menschenrechtslage im Iran erwartet.

Mitglieder von Karamat haben sich durch verschiedene Aktionen für die Freilassung ebenso eingesetzt als auch Amnesty International und das Team um Christoph Strässer, SPD, der für Menschenrechte zuständige Beauftragte der Bundesregierung im Auswärtigen Amt.

Unter anderem führten Mitglieder von Karamat in Zusammenarbeit mit der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI) musikalische Proteste vor der Botschaft Irans in Berlin-Dahlem und vor dem Brandenburger Tor (noch ein Link) immer wieder durch und informierten die deutsche Öffentlichkeit über aktuelle Menschenrechtsverletzungen durch das Regime im Iran.


Die Freude über die Freilassung der Freunde war groß

Weitere Mitarbeiter von Majzooban-e Nour und ihr nahe stehende Menschenrechts Aktivisten sind weiterhin in Haft. Dies sind Hamid-Reza Moradi Sarvestani, Salehedin Moradi Sarvestani, Mostafa Daneshjou, Reza Entesari, Mustafa Abdi and Kasra Nouri. Die Personen wurden im September 2011 verhaftet, nachdem Majzooban-e Nour über eine Hass-Kampagne einiger extremistischen Mullahs und Angriffen auf Derwische in der Stadt mit  tödlichen Folgen für einen Derwisch, Vahid Banâni, in der Provinzstadt Kovar, Iran, berichtet hatte.

Der Vorwurf gegen die Personen lautete Gefährdung der inneren Sicherheit des Staates. Die Hass-Kampagne war Teil einer erneuten Säuberungswelle, die im Iran seit Beginn der Revolution 1979 gegen unterschiedliche Gruppierungen regelmäßig aktiv vorangetrieben wird, wenn der Westen nicht hinschaut oder die Extremisten im Tiefenstaat sich besonders durch den Führer Ali Khamenei getragen fühlen. 
Am 2. September 2011 fand ein Angriff gegen Derwische des Gonabadi Ordens in der Stadt Kovar, Region Fars, statt. Der Angriff erfolgte nachdem ein junger Prediger aus der Theologenstadt Qom in die Region entsandt wurde. Hodschatoleslam Shabazi hatte Flugblätter verteilt und Reden vor Mitgliedern der paramilitärischen und Führer-hörigen Bassidschi gehalten, worin er die Derwische im Allgemeinen als Feinde des Regimes portraitierte und ihnen vorwarf einen "amerikanischen Islam" zu propagieren. Nach dem gleich Schema sind seit 2006 in Bouroudscherd, Isfahan, Qom und in anderen Städten Bassidschi aufgehetzt worden und Versammlungshäuser der Derwische in Schutt und Asche gelegt worden.

An der konsequenten Freilassung aller verbliebenen Gewissensgefangenen im Iran, wird sich die Ernsthaftigkeit des Regimes die Rechte seiner eigenen Bürger zu respektieren, messen lassen müssen. Karamat wird weiterhin dabei helfen Menschenrechtsverletzungen zur Sprache zu bringen und sich für die Freilassung aller Gewissensgefangenen einsetzen.

Helmut N. Gabel für mehriran.de

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news-911 Thu, 26 Feb 2015 14:20:00 +0100 Freiheit für Majid Tavakoli http://mehriran.de/artikel/freiheit-fuer-majid-tavakoli.html Amnesty International Hochschulgruppe veranstaltet in Hannover einen sehr gut besuchten und informativen Event zu den krassen Menschenrechtsverletzungen im Iran. Obwohl Iran aus dem Fokus der Weltpresse und der Lokalpresse nahezu verschwunden ist, finden nach wie vor schwere Menschenrechtsverletzungen statt. Dies zur Sprache zu bringen, lud die Amnesty International Hochschulgruppe Hannover Studenten und andere Bürgerinnen und Bürger Hannovers ins Freizeitheim nach Linden ein.

Peggy Kurpiers, seit über 40 Jahren im Einsatz für die Menschenrechte weltweit, deutete die Not so vieler Teile der Gesellschaft im Iran durch Verletzungen ihrer Rechte durch das Regime an und führte insbesondere die missliche Lage der Frauen aus. Auch erwähnte sie die vielfältigen Bedrohungen, Verleugnungen, Ausgrenzungen und Folterungen ethnischer Minderheiten, wie zum Beispiel der Araber in den Provinzen Balutschistan und Khusestan, sowie der Bahai und der Sufi Derwische durch Verantwortliche und durch staatlich gelenkte Milizen an.

Michael Höntsch, Mitglied des Niedersächsischen Landtags für die SPD, erinnerte sich zunächst an die Zeit des Schahbesuchs im Jahr 1968 in Deutschland und die sogenannten "Prügelperser", die protestierende Studenten mit langen Latten in Schach zu halten versuchten. Er beklagte die Missachtung der Menschenrechte von Seiten der deutschen Wirtschaftselite und deutete an, wie die Todesstrafe an vielen Iranern vollzogen wird, in dem man den Tod durch den Strang von deutschen Kränen an ihnen vollzieht. Zu dieser beschämenden Situation fügte er noch hinzu, dass die deutsch-iranische Parlamentariergruppe den Iran derzeit für sein Engagement gegen den sogenannten islamischen Staat lobt und dadurch über die Menschenrechtsverletzungen im Iran hinwegsieht. Michael Höntsch ist Mitglied bei Amnesty International und hat eine Patenschaft für den inhaftierten Studentenführer Majid Tavakoli übernommen.

Die Amnesty Hochschulgruppe warb auch unter den anwesenden Studenten, Mitglied bei Amnesty zu werden und eine Petition zur Freilassung von Majid zu unterzeichnen.

Die beiden Referenten plädierten für Aufmerksamkeit den Menschen im Iran gegenüber und brachten ihre Überzeugung zum Ausdruck, dass eine Diktatur endlich sei und dass sich die Einzelfallarbeit auf jeden Fall lohne, auch wenn sie mühsam sein und viel Beharrlichkeit erfordere.

Die Veranstaltung wurde von zwei studentischen Moderatoren professionell eingeführt und mit einem kleinen Überblick über Iran, sowie persönlichen Beispielen über Erfahrungen im Iran angereichert.

Helmut N. Gabel für mehriran.de

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news-910 Wed, 18 Feb 2015 12:16:00 +0100 Die Liebenden sollen dem Obersten Führer gehorchen http://mehriran.de/artikel/die-liebenden-sollen-dem-obersten-fuehrer-gehorchen.html In der sogenannten Islamischen Republik Iran werden Sufi-Derwische verhöhnt, verteufelt und verfolgt - leider ist auch unter Präsident Rohani keine Besserung in Sicht. Dieser Beitrag wurde in der 1. Ausgabe 2015 der Zeitschrift "menschenrechte" der IGFM, Frankfurt zuerst veröffentlicht und stammt aus dem November 2014. 

Sie huldigen der spirituellen Liebe, üben sich in Demut und suchen Gott durch ihre Herzen. Die weltoffene Auffassung von Sufis ist den Hardlinern des Establishments im Iran ein Dorn im Auge. Um sie unter die Knute der religiös und politisch verbrämten Staatsideologie zu zwingen, werden subtile und brutale Vorgehensweisen des Regimes über die Jahre hin immer schärfer und deutlicher sichtbar.

Sufis[1] haben einen großen Teil der iranischen Kultur über Jahrhunderte geprägt, brutalen Verfolgungen getrotzt und haben sich immer wieder sinnstiftend, kulturschaffend und verbindend in die Gesellschaft eingebracht.

Einer der größten schiitischen Derwisch Orden geht auf den Gelehrten und Musiker Schah Nematollah Vali[2] zurück. Heute zählt der Nematollah Gonabadi Orden um die vier Millionen Mitglieder und erfreut sich großer Beliebtheit bei vielen jungen Frauen und Männern, die den Versprechungen der bärtigen Revolutionäre von einer gerechten Gesellschaft unter Wahrung islamischer Werte nicht vertrauen. Statt dessen wenden sie sich Menschen zu, die Großzügigkeit, Solidarität und Toleranz praktizieren und die eine gegensätzliche Anschauung von Islam vertreten.

Hier liegt auch ein Teil der Motivation fundamentalistischer Regimekreise gegen diese "Gläubige des Herzens"vorzugehen. Noch während Khatamis Regierungszeit wurde eine Anzahl von Schriften durch das Kayhan Institut herausgegeben, die sich massiv gegen Derwische und andere Andersgläubige richteten und sie ideologisch als Feinde des Regimes und global als Spione des Westens abstempelten. Später erwuchsen diverse Schmutz -und Hetzkampagnen und schliesslich[3] zerstörten in einigen Provinzen aufgehetzte Bassidschi Versammlungshäuser und griffen Derwische an . Dazu verhängten Behörden Berufsverbote, Reiseverbote und Versammlungsverbote gegen Derwische.

Der Prediger Mohammad Madani aus Gonabad bezeichnet Sufis wiederholt als schmutzige Hausratten, die vergiftet werden müssen.

Der Minister für Geheimdienste und innere Sicherheit, Mohammad Alawi, warnte noch im August 2014 vor Lehrern und Schulbehörden davor, Schüler nur mit Wissen anzufüllen und nicht die Gefahr zu sehen, dass sie sich dem Sufitum zuwenden.  Sufis stellt er als Satansjünger dar.

Die Dämonisierung und Hetze gegen Sufis und andere Andersgläubige geht sogar so weit, dass eine staatlich organisierte Ausstellung in Teheran und jüngst in Khorramabad in der Provinz Lorestan, verschiedene Gruppierungen als Satansanhänger präsentiert, allen voran Dr. Tabandeh, den Leiter des Nematollah Gonabadi Sufi Ordens aus Teheran.

Vor wenigen Wochen hat das Parlament in Teheran ein Gesetz durchgewunken, dass mystische Gruppen, abweichlerische Sekten und Gruppen mit Satanisten auf eine Stufe stellt und verbietet. Das Strafmass wird noch verhandelt. Wenn dieses Gesetz greifen wird, können Behörden wahllos Derwische unter Anklage stellen und sich auf das Verbot berufen. Das wäre eine weiteres Druckmittel gegen Menschen im Iran, die sich nicht von den Herren einer korrumpierten Ideologie widerstandslos ins Joch des schweigenden Gehorsams drängen lassen.

Helmut N. Gabel


[1] Es gibt im Iran sehr viele verschiedene Derwischorden, die sich

[2] Schah Nematollah Vali lebte im  14./15. Jahrhundert.

[3] Besonders deutlich ab 2006. Siehe Berichte auf www.mehriran.de.

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news-909 Mon, 26 Jan 2015 11:49:00 +0100 Iran im Spiegel der Menschenrechte http://mehriran.de/artikel/iran-im-spiegel-der-menschenrechte.html Amnesty International Hochschulgruppe Hannover lädt ein zur Diskussion über die aktuelle Menschenrechtslage im Iran. Am 25. Februar 2015 findet im Freizeitheim Linden um 19:00 (Einlass ab 18.30) der Informations- und Diskussionsabend „Iran im Spiegel der Menschenrechte“ mit u.a. Michael Höntsch von der SPD, Peggy Kurpiers von Amnesty International und Akram, einer Pianistin aus Teheran, die den Abend musikalisch begleiten wird, statt. 
Dazu herzliche Einladung!

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news-908 Mon, 01 Dec 2014 23:51:00 +0100 Hardliner in Iran sehen ihre Felle davon schwimmen http://mehriran.de/artikel/hardliner-in-iran-sehen-ihre-felle-davon-schwimmen.html Khamenei's engster Berater befiehlt Ruhe: Ali Akbar Velayati will ein Ende der Kritik an den Ergebnissen der Nuklearverhandlungen. Der ehemalige Außenminister Iran's Ali Akbar Velayati fordert die Kritiker an den Nuklearverhandlungen mit westlichen Staaten (5+1) auf, Khamenei's Entscheidung als das letztgültige Wort zu akzeptieren. Khamenei hat sich hinter den amtierenden Außenminister Zarif und das bisher in den Verhandlungen Erreichte gestellt. Im Grunde hat Iran wieder eine halbjährige Verlängerung der Verhandlungen erreicht und die Freigabe einiger Milliarden Dollar aus dem eingefrorenen Guthaben Irans im Ausland.

Hardliner wie Hassan Abbasi, Said GhassemiHossein Schariatmadari, Ahmad Khatami und andere sehen derweil die Ziele der sogenannten islamischen Weltrevolution gefährdet. Die sonst so Führer treue Ideologen stemmen sich schon lange gegen jegliche Verhandlungen mit dem Westen. Während Khamenei sich in der Frage der Nuklearverhandlungen der Linie des Politfuchses Akbar Rafsandschani angeschlossen zu haben scheint, sind die Hardliner nicht mehr still zu bekommen. Ihre Kritik wird immer giftiger.

Velayati's Äußerungen zeigen, dass es im Hintergrund innerhalb der Führungselite des Landes viele Differenzen auszutragen gibt.

Es steht nicht zum Besten mit der Wirtschaft im Iran. Die Sanktionen wirken sich nach wie vor aus. Von dem jetzt freigegebenen Geld wird sicher nichts bei der Bevölkerung ankommen. Es gilt sicherheitsrelevante Themen zu finanzieren. Präsident Assad musste seine Subventionen in Syrien streichen, weil kein Geld mehr dafür aus dem Iran zur Verfügung steht. Der Toman ist im Verhältnis zum Dollar wieder um 15% abgewertet worden. Der Brotpreis wird um 30% angehoben werden. All das erhöht die Gefahr von Massenprotesten in den Straßen Iran's.

Dass die Verantwortlichen sich auf solche Proteste vorbereiten, lassen auch Berichte unabhängiger Quellen über Intensivierungen von Trainings paramilitärischer Einheiten in großen Städten schliessen. Sollten solche Proteste auftreten gibt es drei mögliche Szenarien für deren Ausgang, gleichzeitig eine Mischung aus allen drei Szenarien.

1. Brutalste und blutige Niederschlagung der Proteste und damit Rückfall in die Resignation der Reform orientierten Iraner. Nächste Fluchtwelle aus dem Iran in größerem Format.

2. Ausbruch eines Bürgerkriegs zwischen verfeindeten Fraktionen, die das als Gelegenheit begreifen ihren Machtbereich gewaltsam zu erweitern. Im schlimmsten Fall setzen sich die Hardliner durch, erpressen eigene Kandidaten für verschiedene Gremien wie den Sprecher des Expertenrats und den Obersten Führer nach Khamenei.

3. Eingriff fremder Kräfte mit ungewissem Ausgang, im Idealfall setzen sich Reform orientierte Kräfte durch und bestimmen in mehreren Stufen eine neue Verfassung ohne religiösen Führer, die von aufgeklärten Iranern getragen wird.

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news-907 Tue, 18 Nov 2014 23:59:00 +0100 Zoorkhaneh - House of Strength, The Ancient Pahlevani http://mehriran.de/artikel/zoorkhaneh-house-of-strength-the-ancient-pahlevani.html Short documentaries - The House of Strength, Zoorkhane in Iran Pahlevani is an Iranian martial art that combines elements of Gnosticism and ancient Persian beliefs. It describes a ritual collection of gymnastic and callisthenic movements performed by ten to twenty men, each wielding instruments symbolizing ancient weapons. The ritual takes place in a ''Zoorkhane,'' a sacred domed structure with an octagonal sunken arena and audience seats. The ''Morshed'' (master) who leads the Pahlevani ritual performs epic and Gnostic poems and beats out time on a ''zarb'' goblet drum. The poems he recites transmit ethical and social teachings and constitute part of Zoorkhanei literature. Participants in the Pahlevani ritual may be drawn from any social strata or religious background, and each group has strong ties to its local community, working to assist those in need. During training, students are instructed in ethical and chivalrous values under the supervision of a ''Pīshkesvat'' (champion). Those who master the individual skills and arts, observe religious principles and pass ethical and moral stages of Gnosticism may acquire the prominent rank of ''Pahlevanī'' (hero), denoting rank and authority within the community. At present, there are 500 Zoorkhanes across Iran, each comprising practitioners, founders and a number of ''Pīshkesvats.''

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news-906 Tue, 18 Nov 2014 23:30:00 +0100 Kurdischer Daf Spieler http://mehriran.de/artikel/kurdischer-daf-spieler.html Mokhktar Zand Salimi spielt einen feurigen kurdischen Rhythmus auf der Daf. news-905 Tue, 18 Nov 2014 23:20:00 +0100 "Daf im Regen" http://mehriran.de/artikel/daf-im-regen.html Seyed Mohammed Jaberi gehört zu den besten Daf Spielern der Welt. Er stammt aus dem Iran und lebt in England. news-903 Mon, 17 Nov 2014 21:49:00 +0100 Die taumelnden Revolutionäre http://mehriran.de/artikel/die-taumelnden-revolutionaere.html Irans Ideologen suchen eine bedeutende Position in der Vielfalt islamisch geführter Länder Sie traten einst an, um eine Weltrevolution anzuzetteln und den Globus mit einem schiitischen Kalifat zu überziehen. Irans Revolution von 1979 richtete sich gegen die Alleinherrschaft des Schah und war ursprünglich getragen von vielfältigen religiös-politischen, liberalen, linken, rechten und bürgerlichen Gruppierungen. Schliesslich setzten sich religiös-politische Hardliner hinter Ajatollah Khomeini[1] durch und riefen die sogenannte Islamische Republik aus. In mehreren Wellen wurden gnadenlos politische Gegner ausgeschaltet oder "gedreht", sowohl im Inland als auch im Ausland[2]. Die Weiterführung der Revolution wurde in die Verfassung[3] aufgenommen. Das Streben die eigene Ideologie vom Obersten Führer[4] in andere Länder zu exportieren, wird stetig und mit Kalkül ausgebaut. Syrien, Libanon, Jemen, Irak sind Länder, in denen Irans Wirken inzwischen deutlich sichtbar ist. Nicht wenige afrikanische und südamerikanische Länder sind unter deutlichem Einfluss Irans, was sich vor allem auf dem Gebiet ideologischer Schulungen, Waffen- und Ölgeschäften niederschlägt. Hier wirken vor allem Mitglieder militärisch geschulter Angehörige der Quds-Armee, die als Auslandsabteilung der Pasdaran[5] geschaffen wurden.

In Europa versuchen gut geschulte iranische Agenten die Herzen und Köpfe vor allem von Akademikern auf sanfte Weise zu gewinnen. Iran definiert diesen Kampf als Kampf gegen die Kultur-NATO[6]. Während im Land selbst Sufi-Derwische[7] allen möglichen Schickanen ausgesetzt sind und teilweise ihrer Rechte beraubt werden, nutzen Agenten des Regimes gerne die Weisheiten und schönen Verse eines Hafis, Sa'adi oder Rumi, um die Sinne deutscher, englischer oder französischer Geisteswissenschaftler zu betören. Oft werden Akademiker und junge Studierende in den Iran auf Kosten des Regimes eingeladen und auf eine begleitete Charme-Tour geschickt, so dass sie in ihre Länder zurück kehren und von der Schönheit Irans schwärmen ohne in Kontakt mit den brutalen Seiten der Realität im Land in Berührung gekommen zu sein.

Die Angst vor Protesten

"Jeder Angriff ist nur so gut wie die Verteidigung es zulässt" - wird sich der Nachfolger Ajatollah Khomeinis, der greise Ali Khamenei[8], sagen, denn er sorgt sich sehr um seine schwach legitimierte Machtstellung und die Erhaltung des Status Quo im Land. Jeder Protest, jede Gedenkveranstaltung, die nicht von seinen Schergen organisiert wurde, ist eine potentielle Gefahr und wird mit brutalen Mitteln beantwortet. Zwei der folgenreichsten Protestveranstaltungen[9] endeten mit Blutvergiessen und anschliessenden härteren Zensurmassnahmen.

Als der vorschnell "Arabischer Frühling" genannte Protestzug die nordafrikanischen Länder erschütterte, beeilte sich auch Khamenei die Proteste in seinem Sinne zu instrumentalisieren und sprach im Gegenzug von "Islamischem Erwachen" ganz im Sinne der "islamischen" Revolution im Iran. Hier trat offen zu Tage die Rivalität sunnitischer Herrscher in Saudi Arabien, Qatar und anderen Ländern mit dem schiitischen Herrscher Irans, der den Anspruch hat auch Sunniten für seine Weltrevolution einzubinden.

Schliesslich entwickelte sich in Syrien ein Stellvertreterkrieg zwischen Kräften, die aus dem Iran in Syrien für Assad kämpften, Kräften, die unabhängig versuchten zu agieren und Kräften, die ihre Hauptunterstützung aus arabisch-sunnitisch geprägten Ländern bekamen.

Selbst die Türkei unterstützte alle möglichen Gruppierungen im Kampf gegen Assad und stand damit auch in Gegnerschaft zu Iran.

Ein Ergebnis dieser Rivalitäten ist das Hervortreten der Dâesch Gruppierung oder IS, die sich mit obskurer Unterstützung aus verschiedenen Richtungen im Irak und in Syrien militärisch gnadenlos durchsetzt. Die von Iran gesteuerten schiitischen Milizen[10] im Irak versuchen gegen die Dâesch vorzugehen und liefern ähnlich brutale Ergebnisse ab.

Angesichts der vielen Widerstände[11] gegen die Einflüsse des schiitischen Regimes in ausseriranischen Gebieten und der wirksamen Sanktionen gegen Iran, sieht sich der Oberste Führer Khamenei gezwungen über Alternativen nachzudenken. Zugleich gibt es immer wieder Gerüchte Ali Khamenei sei sterbenskrank, wodurch Nachfolger[12] gehandelt werden. Und es brodelt im Land. Menschen trauen sich immer wieder auf die Straße zu gehen. Sufi-Derwische protestieren vor dem Evin Gefängnis[13] oder vor dem Büro des Oberstaatsanwalts in Solidarität mit ihren Glaubensbrüdern, die unrechtmäßig gefangen sind, es finden Proteste gegen Hinrichtungen statt, Proteste gegen Säure-Attentate, Arbeiter und Lehrer beschweren sich über nicht bezahlte Löhne u.a.

Es wird zunehmend komplizierter für Iran eine führende Position in dem Spektrum islamisch orientierter Länder zu finden. Der Politfuchs Akbar Rafsandschani rät schon seit einiger Zeit Khamenei von seiner Position als Revolutionär abzuweichen und einen moderaten Islam zu installieren, um weite Teile der Bevölkerung zu erreichen und zu erwartende Proteste gegen das Regime zu verhindern.

Auf der anderen Seite sind Ideologen der islamisch-politischen Weltrevolution wie Said Ghassemi und Hassan Abbasi[14] in Alarmstellung, denn ihr Stern am Himmel würde dadurch verglühen. Sie haben stets Treue dem Führer gegenüber gelobt und nährten eine Ideologie der Opferbereitschaft für ihn und die Revolution. Immer wieder haben sie in Kampagnen Listen voller bereitwillige Selbstmordattentäter zusammengestellt und den Führer aufgefordert nicht nachgiebig gegenüber dem Westen zu sein. Als Khamenei in einem Interview bekräftigte, dass er voll hinter den Nuklearverhandlungen mit den USA steht, waren die Hardliner sehr enttäuscht.

Ob sich wirklich substanzielle Änderungen im Iran zutragen, muss die nächste Zeit zeigen. Das Regime muss an vielen Fronten kämpfen und gleichzeitig sein Ziel nicht aus den Augen verlieren. Die Revolutionäre taumeln. Gefallen sind sie noch nicht.

Mitte November 2014 ist der Leiter des iranischen Staatsfernsehens (IRIB) Ezzatollah Zarghami nach zehnjähriger Amtszeit[15] von seinem Stellvertreter Mohammad Sarafraz abgelöst worden. Sarafraz gilt als Begründer des englisch sprachigen Press TV, arabisch sprachigen al-Alam und spanisch sprachigen Hispan TV. Die Sender sind Prestigeprojekte und sollen die offizielle Linie des Regimes im Ausland darstellen. Ein Milliarden schweres Budget steht den Machern zur Verfügung.

Das Staatsfernsehen ist alles andere als beliebt. Im Iran setzen sich die Bürger lieber der Gefahr aus entdeckt zu werden, als sich die staatliche Propaganda ins Wohnzimmer zu holen. Vor allem nach der Niederschlagung der Grünen Bewegung 2009 schauen die Bürger Teherans zu 70% ausländische Sender per Satellit oder über Internet. Immer wieder holt die Polizei massenweise Satelittenschüsseln von Hausdächern herunter, doch die Leute sind erfinderisch und finden Wege sich über die Verbote hinwegzusetzen. Khamenei fürchtet ausländische Sender, denn darüber könnten Aufrufe an die Bevölkerung übermittelt werden Proteste auf die Straßen zu bringen.

So kann man den Wechsel als Hinweis verstehen, dass nun das staatliche Fernsehen attraktiver gestaltet werden soll, um die Iraner wieder an sich zu binden und die taumelnden Revolutionäre wieder zu stabilisieren in ihrem Kampf um Deutungshoheit für einen politischen Islam.


[1] www.bpb.de/internationales/asien/iran/40110/das-politische-system

[2] z.B. das Attentat vom 17. September 1992 im Restaurant Mykonos in Berlin. Details zu dem Anschlag.

[3] www.eslam.de/manuskripte/verfassung_iri/praeambel%20.htm Unterpunkt Staatlichkeit im Islam

[4] Der Oberste Führer ist sowohl militärisches, staatliches und religiöses Oberhaupt und soll direkt von Gott seine Befehle erhalten. Alle Untertanen sind zu Gehorsam verpflichtet, ansonsten werden sie als Häretiker und Verräter betrachtet.

[5] Pasdaran sind die sogenannten Revolutionsgarden, die dem Obersten Führer direkt unterstellt sind und als Hüter der Revolution nach Innen wirken. Die Quds-Armee (Jerusalem-Armee) widmet sich dem Export der Revolution.

[6] www.iran-now.de/$210303

[7] www.heise.de/tp/artikel/22/22413/1.html

[8] en.wikipedia.org/wiki/Ali_Khamenei - mehriran.de/fileadmin/Downloads/Ali_Chamene_i.pdf

[9] Die Kettenmorde in den 90er Jahren und die Niederschlagung der Studentenproteste durch Ketten und Messer schwingende paramilitärische Bassidschi Einheiten auf Motorrädern und die Proteste von 2009 nach der fingierten Wiederwahl von Präsident Ahmadinedschad.

[10] www.zeit.de/politik/ausland/2014-06/irak-iran-revolutionsgarden-quds-brigaden

[11] Zum Beispiel wurde Ministerpräsident Nouri al-Maliki gegen den Willen Irans von Haider al-Abadi ersetzt, der sich Irans Drängen widersetzt das von den iranischen Volksmujahedin bewohnte Camp Ashraf aufzulösen.

[12] www.theguardian.com/world/2014/oct/31/iran-ayatollah-ali-khamenei-succession-supreme-leader

[13] observers.france24.com/content/20140924-police-iranian-sufi-protest-dervishes - hriran.com/en/test/42-dervishsufi/5107-gonabadi-dervishes-and-civil-disobedience.html - de-de.facebook.com/pages/mehrirande/490297334318676

[14] mehriran.de/artikel/kaderschmiede-der-diktatur.html

[15] khabarnegaran.info/article.php3

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news-902 Wed, 05 Nov 2014 00:10:00 +0100 Shokraneh Tanboor http://mehriran.de/artikel/shokraneh-tanboor.html Ein begnadeter Musiker aus dem Iran: Seyed Khalil Alinejad. Er spielt Daf und Tanbour. Die Wirkung seiner Musik geht tief ins Herz. news-901 Sat, 01 Nov 2014 15:47:00 +0100 Das Regime im Iran erlässt ein Gesetz gegen mystische Gruppierungen http://mehriran.de/artikel/das-regime-im-iran-erlaesst-ein-gesetz-gegen-mystische-gruppierungen.html Mehriran.de - Iran schafft neue Möglichkeiten Gruppierungen, die sich außerhalb der Staatsideologie bewegen zu diskriminieren. Das Parlament in Tehran hat ein neues Gesetz verabschiedet, welches hinsichtlich seines noch nicht festgelegten Strafmaßes betrachtet werden muss.

Diskutiert wurde über die allgemeine Vorgehensweise gegen Gruppierungen, die sich außerhalb der Staatsideologie bewegen. Die Kulturkommission, welche zu dem Majilis gehört, bestätigte die besprochenen Anhaltspunkte im Mai diesen Jahres, 2014. Khabaronline berichtet nach einer Meldung der Presseagentur der ISNA (Iranian Student’s News Agency)folgende Stellungnahme von Seyed Ali Taheri, Sprecher der Kommission für Kulturangelegenheiten des Parlamentes:

„Das Vorhaben die ‚andersdenkenden’ Gruppen (gorouhak enherafi), was sich auf Gruppen wie die abweichlerischen Sekten (Fergeh Enherafi), die kürzlich formierten mystischen Sekten[1] (Erfan no Zohour), Satanism (Shaytan Parasti), und ... bezieht, wurde am 5. Mai 2014 befürwortet und verabschiedet. Die juristische und kulturelle Kommission des Parlaments wird die notwendigen Entscheidungen bezüglich der Details diesen Gesetztes treffen."

Das Gesetz wurde jetzt vor zwei Wochen verabschiedet, ohne das Strafmaß festzulegen.

Das neue Gesetz zählt lediglich die Namen einiger „mystischer Gruppen“ auf, wie zum Beispiel die kürzlich formierte Erfan-Gruppe und Satanisten“ (erfan hâyé Now Zohour, Shaytan pàràsti, va ...) und schließt mit dem Wort „und....“ ab. Diese ungenaue Beschreibung ist sehr besorgniserregend, da dadurch der Nematollah-Gonabadi Derwisch Orden gemeint ist, worüber die Verantwortlichen aber einen Deckmatel des Schweigens legen möchten. Die Behörden ziehen es vor, den Namen des Ordens nicht zu erwähnen.

Das neue in Kraft tretenden Gesetz befugt die Justiz, die Polizei und den Klerus, jedes Mitglied des Nematollah-Gonbandi Ordens aufgrund seiner Zugehörigkeit zu dem Derwisch Orden als einen Kriminellen zu betrachten. Hierbei ist hervorzuheben, das diese Befugnis sich lediglich auf die Zugehörigkeit zu einem Sufi Derwisch Orden bezieht und nicht auf eine ausgeführte Straftat.

Ein weiteres neues Gesetz, welches durch das rechtlich befugte Einschreiten der sogenannten Bassidschi Agenten, die das Prinzip ‚Amr é béh Mà'rouf Và Nàhi é àz Monkar’[2] ausführen,  wird das Leben der in Iran lebenden Derwische erheblich erschweren.   

Ein Sprecher der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran betont: „Sollten weltweit Menschenrechtler zu diesen diktatorischen, so genannten Gesetzen, die erst kürzlich von den Mullahs des iranischen Parlamentes in Kraft gesetzt wurden, keinen Bezug nehmen, werden in den kommenden Wochen, Monate und Jahren unter dem Vorwand und Schutz dieser zwei neuen Gesetze, Maßnahmen und Kampagnen gegen die Derwische sichtbar werden“.

Das „Killer-Regime“ in Iran fürchtet Kritik und Proteste

Auch wenn das Regime sich vor internationaler Kritik und Protesten fürchtet, hält es immer wieder an seinen strickten Strafmaßnahmen und unfairen Gerichtsverfahren fest. Von massiven Protesten unter Druck gesetzt, lässt die Behörde jedoch von Zeit zu Zeit von seinen strickten Maßnahmen ab. So wurde zum Beispiel Nasrin Sotoudeh aufgrund von mehreren langen internationalen Protesten freigelassen. Wahrscheinlich auch, um „dem Westen“ guten Willen zu zeigen und die Ergebnisse in den Nuklearverhandlungen positiv zu beeinflussen. Das Selbe ereignete sich nach einem eindringlichen Appell an die iranischen Behörden seitens Amnesty International sowie einer Pressemitteilung aus dem deutschen Auswärtigen Amt zur Freilassung von neun Derwische, die sich in einem Hungerstreik befanden. Die Pressemitteilung des Auswärtigen Amtes ging konkret auf die schwierige Situation der Derwische ein und kritisierte das Regime im Iran. Keiner dieser internationalen Proteste[3] halfen jedoch Reyhane Jabberi, die in einem unfairen Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt und brutal hingerichtet wurde. Eines von vielen Opfern eines Regimes, das manche für ein Killerregime halten.

Nach der Veröffentlichung einer Bücherserie in 2005, die zur Hetze gegen die Sufi Derwische diente, folgten weitere Diffamierungsaktionen der Kleriker, um den Haß der Bassidschi Gruppen gegen die Sufi-Mystiker zu schüren. Es folgten gewalttätige Attacken gegen Anhänger des Nematollah Ordens in den Regionen Qom, Isfahan, Bouroujerd, Kavar sowie in anderen Regionen Irans. Hunderte von Derwisch Frauen und Männer wurden in Folge der Attacken ernsthaft verletzt. Ein Derwisch wurde in einer Attacke in 2011 erschossen. Durch Berichterstattung der Ereignisse zogen die Derwische internationale Aufmerksamkeit auf sich und damit auch den Zorn des Regimes. Die iranische Regierung fürchtet jegliche Art von negativer Publizität. Die Berichterstatter wurden sofort verhaftet und wegen Verletzung der Nationalen Sicherheit sowie wegen Propaganda gegen das Regime angeklagt.

Die Flamme des Widerstands gegen die Diskriminierung der Sufi Derwische wurde jedoch durch Hungerstreiks, Proteste von Verwandten und Freunden der Angeklagten, sowie Solidaritätsaktionen von Mitgliedern des Nematollah Ordens und der Internationalen Organisationen zum Schutz der Menschenrechte in Iran, in den Straßen europäischer Hauptstädte aufrechterhalten.

Markus Löning [4], Beauftragter der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe und sein Nachfolger Christoph Strässer[5] sprachen sich gegen das inhumane Vorgehen gegen die inhaftierten Derwische aus und appellierten an das Regime, sich an das Internationale Übereinkommen über die Menschenrechte zu halten.

Neues Gesetz setzt internationale Proteste in Bewegung

Ein bedeutender Akteur des Europäischen Parlaments ist Tunne Kelam, ein Mitglied des estnischen Parlaments und Mitglied der EPP[6]. Nachdem die Majles das neue Gesetz verabschiedet hatte, veröffentliche MEP Kelam folgende Stellungnahme:

"Mit größter Besorgnis erfüllen mich Berichte über den kritischen Gesundheitszustand der neun inhaftierten Anhänger des Nematollahi-Gonabadi-Ordens. Diese waren aus Protest gegen anhaltende Repressionen gegenüber Angehörigen der religiösen Sufi-Minderheit in Iran vor einem Monat in Hungerstreik getreten.
Iran hat sich mit der Ratifizierung des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte verpflichtet, auch das Menschenrecht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit zu achten und zu schützen. Die Unterdrückung religiöser Minderheiten steht dazu in eklatantem Widerspruch.
Ich fordere Iran auf, seiner Verpflichtung nachzukommen, die Menschenrechte Aller unabhängig von religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit zu achten und alle Personen, die aufgrund ihrer religiösen oder politischen Weltanschauung inhaftiert sind, unverzüglich frei zu lassen.


Iran weist fortwährend jegliche Verantwortung für die Unterdrückung der Derwische von sich. Warum beschuldigt ein Minister für Information die Derwische öffentlich, Anhänger Satans zu sein und warum wurde eine Ausstellung in Khorramabad eröffnet, in der die Derwische als Anhänger Satans dargestellt werden? Warum hat die iranische Regierung ein neues Gesetz erlassen, welches „Anhänger von mystischen Gruppen“ und sogenannten  „Satanisten“ unter Beschuss nimmt.

Wir protestieren gegen diese eklatante Diskriminierung und den gesetzten Rahmen für zukünftige Verfolgungen gegen Gruppierung die, laut Iran, sich außerhalb der Staatsideologie bewegen.

Darüberhinaus appellieren wir an die iranische Behörde die neun Gonabadi Derwische unverzüglich freizulassen und allen Gonabadi Derwischen das Recht, ihre Religion und Glaubensrichtung frei ausüben zu können, zu gewähren.

Hintergrund:

Die Situation der ethnischen und religiösen Minderheiten in Iran ist besorgniserregend. Obwohl Juden, Christen und Zoroastrier laut der iranischen Verfassung als Minderheiten anerkannt sind und ihnen, wenn auch nur auf dem Papier, religiöse Rechte und Freiheiten zugesprochen werden, geht die Regierung gegen Mitglieder mystischer Sufi Gruppen, wie zum Beispiel dem Schah Nematolah Gonabadi Orden, auch Sufi Derwische genannt, harsch vor. Mitglieder von Sufi Derwisch Orden werden sehr oft diskriminiert und durch gewalttätige Aktionen davon abgehalten, ihre religiösen Praktiken auszuführen.

Im September 2011 hatten iranische Streit- und Sicherheitskräfte landesweite Maßnahmen, insbesondere in Kavar, gegen die Sufi Derwische ausgeführt, welche unter anderem auch zu einer schwerwiegenden Menschenrechtsverletzung der Sufi Derwische führte. Im Rahmen dieser Attacken wurden Mitglieder des Nematollah Gonabadi Ordens sowie einige ihrer Redakteure, Journalisten und Anwälte festgenommen. 

Erst kürzlich traten neun Derwische in einen Hungerstreik, der über vier Wochen lang anhielt (31.08. – 04.10.2014). Durch den Hungerstreik protestierten die Sufi Derwische gegen die weit verbreitete Verfolgung von Mitgliedern des Nematollah Gonabadi Ordens und die anhaltenden schlechten Zustände in iranischen Gefängnissen.

Im Folgende sind die Namen der neun Sufi Derwische, die in den Hungerstreik getreten waren, aufgeführt: Omid Behrouzi, Mostafa Daneshjou, Afshin Karampour, Farshid Yadollahi, Mostafa Abdi, Reza Entesari, Amir Eslami, Hamidreza Moradi Sarvestani und Kasra Nouri.

Einer der ausschlaggebenden Gründe für den Hungerstreik waren die diskriminierenden Kommentare gegen die Sufi Derwische, die von Herrn Alawi, Sicherheits- und Informationsminister, bei einem öffentlichen Treffen mit Lehrern ausgingen.

Nachdem die Derwische über die schweren Attacken der Sicherheitskräfte in Kavar sowie den Tod eines Mitglieds des lokalen Sufi Ordens in den Nachrichten berichteten, wurden alle neun Derwische wegen Propaganda gegen das Regime und wegen Verletzung der Nationalen Staatssicherheit angeklagt.

Derartige Anklagen gegen Gefangene aus Gewissengründen, die sich nicht der iranischen Staatsideologie fügen, sind im Iran keine Seltenheit.

Noch vor ein paar Tagen verabschiedete das iranische Parlament ein Gesetz zur Konfrontierung von „deviant sects and groups, mystical sects and satanists“. Über das Strafmaß wird immer noch verhandelt."[7]


[1] Erfan kann mit Mystik (unmittelbare Anschauung oder Wissen) übersetzt werden und umfasst Sufitum, Derwischtum und eben auch den Nematollah Gonabadi Orden

[2] Menschen etwas verbieten und sie zu anderem zu ermutigen

[3] www.auswaertiges-amt.de/DE/Infoservice/Presse/Meldungen/2014/141025_MRHHB_Hinrichtung_Iran.html

[4] www.auswaertiges-amt.de/DE/Infoservice/Presse/Meldungen/2013/130328-MRHH_Sufi_Iran.html

[5] www.auswaertiges-amt.de/DE/Infoservice/Presse/Meldungen/2014/141002-MRHH_Iran.html

[6] www.eppgroup.eu/mep/Tunne-KELAM

[7] www.eppgroup.eu/news/-Call-to-the-release-of-nine-Gonabadi-Dervishes-in-Iran

Helmut N. Gabel für mehriran.de

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news-899 Tue, 21 Oct 2014 23:20:00 +0200 Iran erlässt Gesetz gegen mystische Gruppen und verhandelt noch über das Strafmass http://mehriran.de/artikel/iran-erlaesst-gesetz-gegen-mystische-gruppen-und-verhandelt-noch-ueber-das-strafmass.html Mehriran.de - Im Iran sieht es nicht gut aus für Sufi Derwische und auch andere Gruppierungen, die sich ausserhalb der Staatsideologie bewegen oder von dem Regime so definiert werden. Nachdem im Mai 2014 eine Pressemitteilung quasi unbemerkt von der allgemeinen Öffentlichkeit durchgegangen ist, hat das Parlament im Iran mittlerweile vor einigen Tagen dem Gesetzesentwurf zugestimmt und verhandelt noch über das Strafmass.

"According to the press agency "Khabar online" reporting from ISNA on 11th of May 2014, Seyed Ali Taheri spokesman of the Commission of the Cultural section of the parliament in Iran said: the project to confront "the deviated groups, the  deviated sects, the recently-appeared mystical sects and satanism " was passed to exam during the day of Monday 5th of May 2014 and was confirmed and accepted. The juridical and cultural commissions of the parliament will take the necessary decisions about the detail of this law." 

Das Gesetz ist ein Ergebnis jahrelanger ideologischer Hetze durch bestimmte Würdenträger und Funktionsträger des Staates.

Zwei kleine Beispiele:

  • Ajatollah Mohammad Madani aus Gonabad bezeichnet 2009 die Derwische als dreckige Hausratten, die man vergiften müsse, um sie los zu werden.
  • Mohammad Alawi, Informationsminister, bezeichnet Ende August 2014 die Derwische öffentlich vor Lehrern und Verantwortlichen der Schulbehörden als irregeleitete Abweichler und Satanisten vor denen es auf jeden Fall gilt Schüler zu bewahren, damit sie ja keine Derwische werden.

Öfter finden sich auch Zuschreibungen wie "Spione Frankreichs, Englands, der USA oder Israels", je nachdem welche der Mächte gerade am dunkelsten aus Sicht des Regimes erscheint.


Die Konsequenz dieses Gesetzes für Gruppen und Einzelpersonen, die das Regime in „Deviated sects, deviated groups, recently appeared mystical sects oder satanism“ willkürlich zuordnen kann, ist verheerend und setzt viele Millionen Menschen im Iran der Willkür der staatlichen Organe aus, die sich nach wie vor als Erfüllungsgehilfen einer Revolution mit dem Ziel eines weltweiten Khalifats unter der Führung des Obersten Führers Irans verstehen.

Konkret stehen u.a. die Mitglieder des Nematollah Gonabadi Ordens unter starkem Druck aber auch z.B. Ayatollah Boroujerdi, der für die Trennung von Staat und Glaubensfragen/Religion eintritt und viele andere. Jeder, der sich nicht unter die Ideologie des Staates beugt, läuft Gefahr durch dieses Gesetz in ernsthafte Schwierigkeiten zu kommen. Da das Strafmaß noch nicht feststeht, ist auch nicht das gesamte Ausmaß abzusehen.

Links: http://khabaronline.ir/detail/354586/Politics/parliament 

http://insideofiran.org/component/content/article/25-1389-11-29-10-03-18/14386-1393-07-28-21-16-39.html 

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news-897 Mon, 06 Oct 2014 14:44:00 +0200 Die schier unlösbaren außenpolitischen Probleme Irans http://mehriran.de/artikel/die-schier-unloesbaren-aussenpolitischen-probleme-irans.html „Ich bin ein Revolutionär und kein Diplomat“ („Der Führer der Revolution, Khamenei)“ Iran als Vaterland der „Gläubigen der Welt“ („Om ol Ghora“) und als „Nationalstaat“

Die Bedeutung der Äußerungen Khamenei - er sei ein Revolutionär und kein Diplomat - als Legitimation seiner „Unnachgiebigkeit“ in den Verhandlungen über das Nuklearprogramm Irans und seine gleichzeitige „taktische Flexibilität“ in den Verhandlungen als „heroisches Reaktionsvermögen“ angesichts der unübersehbaren Gefährdung seines Reimes aufgrund der internationalen Sanktionen, dokumentieren die Lage, in die er sich und den Iran hineinmanövriert hat. Er hat zwar mit seiner scheinbar „revolutionären“ Haltung gegenüber den „gierigen Verhandlungspartnern“, die „zu viel verlangen“, Zeit gewonnen um die wissenschaftlichen und technischen Potentiale zur Herstellung der Atombombe herbeizuschaffen. Er hat aber damit die Kosten einer friedlichen Lösung des Problems unermesslich erhöht, ohne je die Chance zu bekommen, Iran tatsächlich zu einer Atommacht zu machen. In eine Sackgasse geraten, scheint er einzusehen, dass seine Strategie der Herrschaftssicherung mittels Atombombe selbst herrschaftsgefährdend wurde. Deswegen durften die Verhandlungen erneut aufgenommen werden.

Aber selbst nach einer Verlängerung der Verhandlungsdauer bestehen immer noch ernsthafte Zweifel über eine für beide Seiten zufrieden stellende Einigung bis Nov. 2014. Dies nicht deswegen, weil unlösbare technische Probleme vorliegen, sondern weil die Zielkonflikte der Verhandlungsparteien schwer zu vereinbaren sind: Während die „internationale Gemeinschaft“ einen atomfreien Iran anstrebt, versucht Irans „Revolutionsführer“ die Chance einer atomaren Bewaffnung weiterhin offen zu halten, in dem er die Eliminierung der technischen Voraussetzungen des Baus und der Nutzung der Atombombe nicht zustimmen will.  Darauf insistiert er weiterhin, obwohl ein Verpassen dieser letzten Chance einer diplomatischen Lösung des Problems erhebliche Folgen für die weitere Existenz der „Islamischen Republik“ haben könnte. Nicht nur wären mögliche militärische Interventionen zur Zerstörung des atomaren Potentials Irans nicht mehr ausgeschlossen. Auch die Fortsetzung der Wirtschaftssanktionen würde früher oder später dem Regime die materielle Existenzgrundlage entziehen, weswegen sich der Revolutionsführer widerwillig zu Verhandlungen bereit erklärte und zugleich ihre Unfruchtbarkeit betonnte. Dabei sind die wirklich Notleidenden jeder weiteren Fortsetzung der Sanktionen diejenigen Iraner, deren Mehrheit schon jetzt unter der Armutsgrenze dahin vegetiert. Aber „der Führer“ würde nur dann den Forderungen der „internationalen Gemeinschaft“ nachgeben, wenn er tatsächlich die existentielle Gefährdung des Regimes des „Führers der Gläubigen der Welt“ nicht mehr abzuwenden glaubt. Warum?

Der Grund liegt in der strukturellen Beschaffenheit der „Islamischen Republik“, weswegen für den „Revolutionsführer“ der Existenz der „totalen theokratischen Herrschaft“ absolute Priorität zukommt. Dies hat ja sogar Khomeini ausdrücklich betont und als sein Vermächtnis hinterlassen, wobei „für die Aufrechterhaltung des Systems sogar die primären Gebote des Islams suspendiert werden dürfen“.  

Genau diese Systemerhaltung um jeden Preis ist – neben einer alles durchdringenden totalen Ideologie mit zentralen integrativen Feindbildern und der Schaffung eines neuen Menschentyps u.a. - eines der wesentlichen Merkmale des Totalitarismus. Nicht „die nationale Sicherheit Irans“ sondern „die Sicherung der absoluten Herrschaft des Theologen“ hat hier die absolute Priorität. Denn für die Islamisten ist nicht das iranische Volk und sein Staat die „Angriffs - und  Verteidigungseinheit“ und das Objekt der Hingabe sondern die „Islamische Gemeinschaft“. Deswegen ist die „Islamische Republik“ als Staat auch nur „das Vaterland der Gläubigen“ („Om ol Ghora“), wie die Sowjetunion „das Vaterland der Werktätigen der Welt“ sein wollte. Damit verbunden ist die strategische Hoffnung auf eine Weltherrschaft „der wahren Gläubigen“

Damit verschiebt sich strukturell die Balance zwischen Verteidigungs- und Angriffscharakter des „Islamischen Staates Irans“ zugunsten seines Angriffscharakters. Äußerlich manifestiert sich dieser aggressive Charakter in der allgegenwärtigen Existenz der exterritorialen Einheiten der „Revolutionsgarde“ (Die Quds Revolutionsgarde), deren Aufgabe in der „Erweiterung der strategischen Tiefe“ der „Islamischen Republik“ bestehe.  Kein Wunder, dass sich die Nachbarstaaten im Nahen und Mittleren Osten sich angesichts dieser informellen praktischen Grenzverschiebungen durch die revolutionären Stellvertreter der „Islamischen Republik“ gefährdet fühlen.

In diesem Sinne begreift sich Khamenei revolutionär als „Führer der Gläubigen der Welt“, dessen Aufgabe er in der Errichtung der Weltherrschaft der Muslime sieht. Für ihn ist deswegen die Welt eingeteilt in „das Haus des Islams“ („Dar ol Islam“) und in „Feindes Land“ (Dar ol Harb), dessen Unterwerfung die Aufgabe jedes wahren Gläubigen ist. Es ist dieses totalitäre Streben nach einer Weltherrschaft der islamistischen Schiiten mit ihren globalen und regionalen integrativen Feindbildern, die mittlerweile zur regionalen Verschärfung der Konfessionalisierung der Konflikte und damit zur Verschärfung der Stellvertreterkriege geführt hat.

Genau aus demselben totalitären Grund dürfen die Beziehungen zu Israel und den USA als „Erzfeinde“ nicht normalisiert werden. Denn eine totalitäre Herrschaft ist ohne integrative Feindbilder überhaupt nicht existenzfähig. Sie ist aber auch auf innerstaatliche integrative Feindbilder angewiesen, die sie sich erneut schafft sobald welche eliminiert worden sind.

Aus diesem Doppelcharakter der „Islamischen Republik“ als Staat, an dessen Spitze ein „Weltrevolutionär“ steht, ergibt sich ein Spagat, der zwei Entwicklungstendenzen nahe legt. Sie manifestieren sich in zwei unterschiedliche Typen der Diktatur, autoritäre versus totalitäre, wie sie gegenwärtig Rohani und Khamenei als deren Träger repräsentieren.

Iran zwischen totalitärer und autoritärer Diktatur

Diese Entwicklungstendenzen sind das Ergebnis des Scheiterns der „Islamistischen Reformisten“ und der Wahl Rohanis als Kandidat der „Mitterechtkoalition“ der Kerngruppen der Macht in der „IR“.

Im Unterschied zum „Revolutionsführer“, strebt Rohanis „Regierung der Besinnung und Hoffnung“ außenpolitisch die „Reduzierung“ der Spannungen in den zwischenstaatlichen Beziehungen insbesondere zu den USA und Saudi-Arabien an, um so die existentielle Gefährdung der „Islamischen Republik“ zu reduzieren. Aus diesen unterschiedlichen Orientierungen ergibt sich daher eine strukturelle Verschiedenheit der Politikstile, die sich auch in unterschiedlichen innenpolitischen Handlungsstrategien manifestieren. Während der „Führer“ weiterhin eine gnadenlose Stabilisierung seiner totalitären Herrschaft mit allen Mitteln anvisiert und mit der Verschärfung der Verfolgung, der Unterdrückung Andersdenkender und der Steigerung der Anzahl der Hinrichtungen demonstrieren will, dass sich mit dem Regierungswechsel nichts verändert hat, zielt die „Mitterechtskoalition“ Rohanis auf die Abschwächung des Totalitarismus hin zu einer „autoritären Diktatur“. Damit hoffen die moderateren konservativen Islamisten, das Regime auch innenpolitisch retten zu können; sie versuchen den Druck auf die Beherrschten zu reduzieren, mit dem sie sonst durch eine verordnete Hingabe zum Regime  und zu dessen ideologisch vorgegebenen Zielen ihre „praktische Loyalität“ (Eltezam-e Amali“) beweisen müssten. Neben vergeblichen zaghaften „Liberalisierungsversuchen“ des Alltagslebens, um die Entfremdung und totale Abwendung weiterer Teile der Bevölkerung zu verhindern, versprach Rohanis „überfraktionelle“ Regierung ebenso erfolglos gewisse „Bürgerechte“ und „Rechtsstaatlichkeit“, um die Eliminierung weiterer Teile der Kerngruppen der Macht zu verhindern. Diesem, dem totalitären Herrschaftsgebaren des „Führers“ konträren systemimmanenten Politikstil, wird aber von den radikal-konservativen Islamisten erheblicher Widerstand entgegen gesetzt, die mit dem „Führer“ weiterhin bloß einen Schein der „Rechtstaatlichkeit“  vortäuschen wollen. Sie sind außerdem nicht gewillt, ihr Streben, ihre Intervention in alle sozialen Bereiche, mit der sie einen „Islamischen Menschentyp“ im Sinne einer fundamentalistischen Lesart des Schiismus zu formen hoffen, zu reduzieren.

Damit soll die Etablierung einer autoritären Diktatur unter der Führung einer Mitterechtskoalition der Islamisten verhindert werden, die sich durch ihre außenpolitischen Erfolge und die Aufhebung der Sanktionen erhebliche Chancen bei den nächsten Parlamentswahlen versprechen. Dies setzt natürlich voraus, dass faire Wahlen stattfinden und die Kandidaten durch den „Wächterrat“ überhaupt zur Wahl zugelassen werden. Dies ist aber höchst unwahrscheinlich, weil mit dem außenpolitischen Erfolg das „Verfallsdatum“ der konservativen Mitterechtskoalition erreicht ist. Sollten Sie aber keinen außen- und wirtschaftspolitischen Erfolg vorweisen können, verlieren sie jegliche Wahlchance.

Von daher hängt die Normalisierung der außenpolitischen Beziehungen im Allgemeinen und die Lösung des Nuklearproblems im Besonderen nicht nur von solch einer institutionellen Verschiebung der Machtbalance ab, solange die verfassungsmäßig garantierten „Imperative des Führers“ („Hokm-e Hokumati“) unangetastet bleiben.

Aus diesem Grunde ist eine konstruktive Außenpolitik, eine friedliche Koexistenz mit Nachbarn und ein produktiver Beitrag Irans zur Lösung regionaler und internationaler Probleme nur durch eine institutionelle Demokratisierung Irans, getragen von überzeugten Demokraten, und Etablierung von rechtsstaatlichen Verhältnissen möglich. Die demokratische Überwindung einer totalitären Herrschaft ist aber erfahrungsgemäß ohne internationale Unterstützung, der Förderung der Menschenrechte und freien, fairen Wahlen ein Ding der Unmöglichkeit.

28.09.2014

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news-896 Mon, 06 Oct 2014 14:32:00 +0200 Die Außenseiter und ihre Flagge des Hasses - eine psycho-soziologische Studie http://mehriran.de/artikel/die-aussenseiter-und-ihre-flagge-des-hasses-eine-psycho-soziologische-studie.html Dawud Gholamasad führt sein Verständnis über den sogenannten islamistischen Terrorismus von einer psycho-soziologischen Perspektive aus. Er beschreibt diese Ideologie als eine Kompensation von Minderwertigkeitsgefühlen derjenigen Menschen, die sich als marginalisierte Außenseiter empfinden. „Wenn die Menschen die Moral der Religion subordinieren (was   auch nur beym unterdrückten Pöbel möglich und nötig ist) so werden sie dadurch feindselig, heuchlerisch afterrednerisch subordinieren sie aber die Religion der Moral so sind sie gütig wohlwollend und gerecht“ (Kant)

Die blutige Erfahrung des gewalttätigen Siegeszuges der ISIS-Kämpfer und ihre Attraktion für tausende Sympathisanten in der westlichen Welt stellen erneut dringender denn je die Frage nach der Sozio- und Psychogenese solcher blutrünstigen Aggressivität von Menschen, die einen erbarmungslosen Vernichtungskampf gegen Andersdenkende im Namen des „Islams“ führen und die Errichtung eines grenzenlosen Khalifats anstreben. Diese Diagnose erlaubt eine angemessene Lösung des Problems, wenn man die militärische und die gegenwärtig anvisierten Lösungsoptionen für fragwürdig hält.

In diesem Beitrag möchte ich daher thesenartig diese islamistische Bewegung als einen aktivierten chiliastisch[1] geprägten Nativismus[2] der sich marginalisiert und diskriminiert fühlenden Menschen charakterisieren, die mit der Scharia ihre als eigen definierten Werte demonstrativ hervorheben und blutig mit modernsten Waffen durchzusetzen versuchen.[3]

-       Zum selbstwertrelevanten Aspekt der chiliastisch geprägten nativistischen Bewegungen

Die ISIS-Kämpfer sind ein exemplarisches Beispiel einer nativistischen Bewegung der islamisch geprägten Außenseiter, die in ihrer kompensatorischen Reaktion auf ihre Diskriminierungserfahrungen die Scharia als Schema ihres Selbstwertes gegenüber den regionalen und globalen Etablierten demonstrativ hervorheben. Diese selbstwertrelevante Reaktion ist  chiliastisch geprägt, weil mit der Durchsetzung der Scharia paradiesische Glückszustände auf Erden herzustellen geglaubt wird.

Der Selbstwert ist eine affektiv besetzte Bewertung, die man von sich selbst in der sozialen Interdependenz der Menschen als Einzelne und Gruppen hat. Er kann je nach den Machtdifferentialen  genauso affektiv  positiv besetzt sein wie negativ. Negativ sind sie, wenn die Machtunterschiede so groß sind, dass der Außenseiter sich mit den Etablierten als „Angreifer“ identifiziert und die etablierten Wertzuschreibungen verinnerlicht. Verschiebt sich die Machtbalance zugunsten der Außenseiter im Sinne einer funktionalen Demokratisierung[4], entsteht ein heftiger Kampf um die Definitionsmacht zur Bestimmung des Schemas des Selbstwertes. Erinnert sei an den Ausruf der schwarzen Bürgerrechtsbewegung  in den USA auf dem Höhepunkt ihrer Auseinandersetzung: „black is beautiful“. Die Heftigkeit der Auseinandersetzung um das Schema des Selbstwertes verweist auf die existentielle Bedeutung des Selbstwertes, weil er als Orientierungsmittel der Menschen unverzichtbar ist. Er ermöglicht den Menschen, sich zeitlich, räumlich und intersubjektiv symbolisch in ihrer fünfdimensionalen Welt zu orientieren. Er ermöglicht die Beantwortung der Fragen, was die „Objekte“ der Wahrnehmung „für mich“ bzw. „für uns“ bedeutet bzw. bedeuten. In diesem Sinne ist Orientierung eine bedeutungs- und handlungsbezogene menschliche Selbst- und Weltsicht. Da aber diese Welt eine symbolisch vermittelte Welt ist, ist sie auch nur eine erfahrene Welt wie es der Bezugsrahmen der jeweiligen Sprachen  erlaubt. Denn die Sprache ist die Welt, wie sie erfahren wird. Daher ermöglicht jede Sprache nur ein gruppenspezifisches Wahrnehmungsmuster der Welt hinsichtlich der Handlungsbedingungen und Handlungsangebote, weil es sich dabei um intersubjektive Wahrnehmungen der bestehenden Verhältnisse als Handlungsangebote für die involvierten Menschen handelt.

Das dominierende Schema des Selbstwertes bzw. das Muster der Selbstbewertung von Menschen als Einzelne und als Gruppen bestimmt, worauf sich der Selbstwert bezieht.  Da die Menschen sich selbst nicht nur als Einzelne sondern auch als Gruppen bewerten, kann sich ihr Selbstwert je nach der Ich- und Wir-Balance ihrer Identität, genauso auf die Persönlichkeit und die Fähigkeiten und Fertigkeiten der Individuen beziehen als auch auf ihre selbstwertrelevanten gruppenspezifischen Merkmale, d.h. auf national-, klassen-, schichten-, Standes-, kasten-,  rassen-,  geschlechts- und altersspezifische oder ethnische, konfessionelle und moralische Zuschreibungen. Mit diesen Ingredienzen des Selbstwertes entstehen die selbstwertrelevanten nationalistischen, ständischen, rassistischen, konfessionellen, ethnischen, paternalistischen Selbstwertbeziehungen, die sich mit entsprechenden moralischen Konnotationen gemäß der gruppenspezifischen Machtbalance ergeben. Je nach der jeweiligen Definitionsmacht wird also bestimmt, auf welche erstrebenswert oder moralisch gut betrachteten Eigenschaften, Qualitäten, Objekte, Ideen, praktischen bzw. sittlichen Idealen oder Verhaltens- und Erlebensmuster und Charaktereigenschaften sich der Selbstwert bezieht. Daraus ergeben sich die jeweils entsprechend dominanten sozialen Kategorisierungen.

Mit diesen sozialen Kategorisierungen konstituieren sich aber zugleich entsprechende mehr oder weniger stabile selbstwertrelevante Gruppierungen der Menschen mit entsprechender Reichweite ihrer Identifikationdie je nach der bestehenden Machtbalance bestimmte interdependente Rechte und Pflichten definieren. Dabei kann „mehr Macht“ zu einem gefühlten „mehr Wert“ führen und aus dieser Logik der Emotionen ein Hegemonialrausch entstehen, wie er gegenwärtig bei ISIS zu beobachten ist.

In diesem Sinne begründet der Selbstwert, im Sinne einer reflexiven Selbstbewertung interdependenter Menschen als Einzelne und Gruppen, entsprechende Selbstwertbeziehungen im Sinne politisch-moralischer Kategorisierungen der Menschen und die Gewissheit, in bestimmten Situationen „im Recht“ zu sein, bzw. ein zustehendes Recht wahrzunehmen, einzufordern oder zu erstreiten. Diese Gewissheiten konstituierenden Schemata der Selbstwerte werden sozial vererbt und prägen als soziale a priorien das Verhaltens- und Erlebensmuster der nächsten Generationen.

Entlang dieses Schemas der Selbstwerte konstituieren sich auch die sozialen Hauptspannungsachsen jeder Gesellschaft mit ihrer jeweils entsprechenden Machtbalance, welche die Richtung und Richtungsbeständigkeit sozialer Auseinandersetzungen interdependenter Menschen als Etablierte und Außenseiter bestimmen. Sie konstituieren jene Zielkonflikte, wie sie sich aus ihren jeweiligen Glaubensaxiomen und Werthaltungen ergeben,  und das Verhalten und Erleben der involvierten Menschen jenseits ihrer materiell begründbaren sozialen Kategorisierungen bzw. Klassifizierungen effektiv steuern.

-       Zur selbstwertrelevanten Verzerrung der Selbst- und Fremdwahrnehmung als ein Nachhinkteffekt des sozialen Habitus

Was die ISIS besonders charakterisiert ist ihre extrem geringe Reichweite der Identifikation mit Menschen jenseits ihrer Gruppenzugehörigkeit und ihre erbarmungslose Intoleranz gegenüber allen Andersgläubigen, die sie abschlachten und deren Frauen sie in der Tradition der frühislamischen Expansion versklaven.

In der Regel ist Toleranz Funktion der zunehmenden Selbstreflexionsfähigkeit der Menschen, welche ihre zunehmende Individualisierung voraussetzt. Mit der letzteren entsteht zugleich  eine zunehmende emotionale Distanzierungsfähigkeit der Menschen nicht nur von sich selbst sondern auch  von „Objekten“ ihrer Wahrnehmung. Mit diesem distanzierten Urteilsvermögen sind sie zunehmend befähigt zu fragen, was die „Dinge an sich“ bedeuten anstatt der Frage nach ihrer Bedeutung „für mich“ bzw. „für uns“ als Wunsch- oder Furchtobjekte. Dazu gehört auch eine zunehmend distanzierte Selbstwahrnehmung und Selbstbewertung, die eine realitätsnahe Selbsteinschätzungsfähigkeit als einen Aspekt des sozialen Habitus der Menschen ermöglicht. Eine selbstwertdienliche Verzerrung der Realität als Funktion des Engagements wäre damit ein Nachhinkteffekt des sozialen Habitus der  Massenindividuen, die zunehmend durch die Desintegration ihrer tradierten Wir-Einheiten wie ethnischer und konfessioneller Gruppierungen entstehen ohne in moderne Überlebenseinheiten der Staatsgesellschaften integriert werden zu können. Als Außenseiter marginalisierte und diskriminierte Massenindividuen mit einer Ich-Wir-Balance ihrer Identität zugunsten ihrer tradierten Wir-Identität, sind sie Opfer zweier Arten der selbstwertdienlichen Verzerrung ihrer Selbstwertschemata. Eine Verzerrung, die durch die unmittelbare Involvierung in einer existentiell relevanten sozialen Auseinandersetzung noch verstärkt wird und eine distanziertere Selbstbewertung zusätzlich erschwert. Sie verstärkt die „Pars-pro-toto Verzerrung der Realität“, indem die Ingredienzen des Selbstwertschemas der wertvollsten Minderheit der eigenen Gruppe auf die gesamten eigene Gruppenmitglieder verallgemeinert werden; zugleich werden die als minderwertig betrachteten Ingredienzen der Selbstwertschema einer Minderheit der Fremdgruppen auf ihre gesamten Gruppenmitglieder verallgemeinert, die zur Verstärkung des eigenen Überlegenheitsgefühls beiträgt. Zugleich intensiviert sich  die Tendenz, eigene Erfolge im Zweifelsfall eher inneren „Ursachen“ wie etwa eigene Fähigkeiten und Fertigkeiten und eigene Misserfolge eher äußeren „Ursachen“ wie ungünstige  Situationen, dem Zufall etc. vor allem aber den boshaften Intrigen der zu bekämpfenden feindlichen Gruppen zuzuschreiben. Mit der Verabsolutierung der letzteren selbstwertdienlichen Verzerrung der Realität wird zugleich die eigene Entschlossenheit zur endgültigen Eliminierung dieser fremden Verursacher mit allen Mitteln legitimiert.[5]

Wird die Hauptspannungsachse wie im Falle der ISIS konfessionalisiert, so wird die Moral der Religion subordiniert. Damit werden die involvierten Menschen feindseliger, heuchlerischer und selbstwertdienlich verleumderischer. Dabei wird „der Islam“ auf die Scharia reduziert und als göttlich ewig gültige Gebote und Verbote zum moralischen Bewertungsmaßstab der Menschen als Einzelne und Gruppen erhoben und zugleich jede soziale Abweichung davon als Frevel mit der Todesstrafe bestraft. Mit dieser Eliminierung jedes moralischen Gehalts der Religion verwandelt sich der Islam zum Islamismus als einer säkularisierten totalitären Ideologie und zum Orientierungsmittel einer totalitären sozialen Bewegung, die sich durch eine ausgeprägte Nekrophilie auszeichnet[6]. Ihre Liebe zum Toten[7] ist die Hauptantriebskraft einer chiliastisch geprägten, nativistischen Bewegung blutrünstiger Menschen, die ihre Minderwertigkeitskomplexe barbarisch zu kompensieren versuchen. Im Gegensatz zur reaktiven Aggression im Dienste des Lebens ist die nekrophil-destruktive Aggression zutiefst irrational. Die nekrophil-destruktive Orientierung entspringt einer Leidenschaft, die permanent auf Zerstörung der Objekte der Aggression ausgerichtet ist, weil der nekrophil Handelnde durch alles, was tot, Nicht-Leben, Nicht-Wachstum ist, angezogen wird. Fehlen Aggressionsobjekte, so macht sich die nekrophile Persönlichkeit selbst zum Objekt mit dem Ergebnis des Selbstmordes.[8] Der Selbstmordattentäter kombiniert beides.[9] 

-       Zur Unangemessenheit der vorgenommenen Lösungsstrategie der Allianz unter Führung der USA

Ist also der massenhafte regionale und internationale Zulauf zur ISIS  als eine selbstwertrelevante kompensierende Reaktion auf massive Erfahrungen der Marginalisierung und Diskriminierung zurückzuführen, muss jede effektive Lösungsstrategie auf ihre institutionelle Aufhebung gerichtet sein. Ist die gegenwärtige Allianz faktisch darauf aus?

Es ist tatsächlich tragisch-komisch, dass die Schöpfer der ISIS als potentielle Opfer seiner Aggressionen nun die Hauptträger der internationalen Allianz zur Gefahrenabwehr  geworden sind. Dieser Bumerangeffekt zeigt aber zugleich die langfristige Unangemessenheit der Förderung der Gewalttätigkeit in der Lösung der inner- und zwischenstaatlichen Konflikte. Er zeigt aber auch die Interdependenz inner- und zwischenstaatlicher Formen der Konfliktaustragung. Erst die Suspendierung von Gewalt als Regulationsprinzip inner- und zwischenstaatlicher Beziehungen schafft die Voraussetzung der zivilisierten Formen der Konfliktaustragung. Da dies bist jetzt versäumt wurde, kommt die Allianz ohne militärischen Einsätze nicht aus, weil ihr eigenes Geschöpf sich verselbständigt hat.

Aber selbst wenn die Allianz inzwischen begriffen hätte, dass das Problem militärisch unlösbar bleibt, wenn die entsprechenden politischen Lösungsmaßnahmen ausbleiben, ist die Effektivität der eingeleiteten inklusiven politischen Maßnahmen zur politischen Integration der marginalisierten und diskriminierten Sunniten fraglich. Sogar die vorschwebende regionale Teilung des Landes entlang der ethnischen und konfessionellen Zugehörigkeit scheint keine demokratische Lösungsstrategie zu sein. Denn sie reproduziert die rudimentär bestehenden tribalen Seilschaften und verstärkt die Position der Stammesführer ohne Stämme und leistet der Reproduktion der autoritäreren Orientierung der inzwischen funktional von der Nabelschnur der Stämme entbundenen Massenindividuen Vorschub, anstatt sie demokratisch institutionell zu integrieren.

Deswegen scheint die gegenwärtig effektive Form der Überwindung der ethnischen und konfessionellen Diskriminierung durch eine Institutionalisierung der politischen Gerechtigkeit in einer föderativ organisierten demokratischen Staatsform zu bestehen. Eine föderative Staatsverfassung, deren Gebietsteilung nicht nach ethnisch-konfessionellen Grenzziehungen als vielmehr nach dem Subsidiaritätsprinzip[10] vorgenommen wird, wird längerfristig die effektive Lösungsform bieten, wenn man dem zunehmenden tribalen Desintegrationsprozess angemessen Rechnung  trägt. Damit wird die nationalstaatliche Integration demokratisch und gerecht gefördert und durch entsprechende  Förder- und Ausgleichsmaßnahmen der Entwicklung regionaler Disparität entgegengewirkt. Denn Subsidiarität als eine politische, ökonomische und gesellschaftliche Maxime strebt die Entfaltung der individuellen Fähigkeiten, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung an. Demnach werden Aufgaben, Handlungen und Problemlösungen so weit wie möglich selbstbestimmt und eigenverantwortlich unternommen, also vom Einzelnen, vom privaten, von der kleinsten Gruppe oder der untersten Ebene einer Organisationsform, als auch in der  Organisationsform eines Staates. Nur die Herstellung und der Betrieb allgemeiner Reproduktionsbedingungen der Staatsgesellschaft als einer Angriffs- und Verteidigungseinheit werden zentralstaatlich unternommen. Die föderative Organisationsform der Bundesrepublik Deutschland könnte u.a. als ein Modell dafür dienen.

Hannover 24.09.2014

gholamasad.jimdo.com


[1]           Chiliasmus bezieht sich auf kollektive Aufbruchsbereitschaft zur Herstellung paradiesischer  Glücksumstände auf Erden.

[2]           Nativismus bezieht sich auf demonstrative Hervorhebung der als Eigen definierten Werte.

[3]                Vergl. Dawud Gholamasad, Iran: Die Entstehung der „Islamischen Revolution“, Hamburg, 1985

[4] Die hier verwendeten Macht- und Funktionsbergriffe sind Beziehungsbegriffe. Von gesellschaftlichen Funktionen kann man nur reden, wenn man es mit mehr oder weniger zwingenden Interdependenzen zu tun hat. Sie sind Verhalten und Erleben steuernd. Dies Reziprozität der Funktionen können genauso berufliche Natur sein wie emotional. Als Feinde haben die Menschen für einander auch Funktionen, die man kennen muss, wenn man die Handlungen und Plänen  der einzelnen feindselig verwickelten Parteien verstehen will. ( Ver. Norbert Elias, Was ist Soziologie, München 1986, S. 80ff.). Die funktionale Demokratisierung bezieht sich auch die Verschiebung der Balance dieser funktionalen Interdependenzen zugunsten der mehr Abhängige, ohne dass diese sich instutionalisiert hat oder emotional verankert haben muss.

[5]                Vergl.  Dawud Gholamasad, Die Selbstmordattentate der Islamisten als Funktion der Destruktivität ihres Wir-Ideals, in STUDIA NIEMCOZNAWCZE, Warszawa 2004, tom XXVII, 91-106

[6]                Dawud Gholamasad, Irans neuer Umbruch, von der Liebe zum Toten zur Liebe zum Leben, Hannover, 2010

[7] Auch die Fixierung auf die ewig gestrige Scharia als eine Fixierung an ewig gültige Gebote und Verbote Gottes, die keine Änderung zulässt, ist ebenso eine Manifestation der Nekrophilie, im Sinne der Liebe zum Toten.

[8]                Vergl. Reiner Funk, Mut zum Leben, Stuttgart, 1978, S.69

[9]                Vergl. Dawud Gholamasad, Einige Thesen zum Islamismus als globaler Herausforderung, in Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, 18. Jan. 2002, S. 16- 23 & ders. Selbstbild und Weltsicht islamistischer Selbstmord-Attentäter, Berlin 2006

[10]               Vergl. Otfried Höffe, Demokratie im Zeitalter der Globalisierung, München 199, S. 126ff.

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news-895 Sun, 05 Oct 2014 23:46:00 +0200 Chronologie der Ereignisse um die neun gefangenen Derwische http://mehriran.de/artikel/chronologie-der-ereignisse-um-die-neun-gefangenen-derwische.html mehriran.de - Das Regime im Iran fürchtet das Beispiel der ausdauernden Derwische. Nach einer Pressemitteilung des Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, Christoph Strässer, bewegt sich das Regime und macht Zugeständnisse an die Derwische. Diese haben den Hungerstreik solange ausgesetzt bis die Versprechen umgesetzt sind.

1.    Am 24. August 2014 hält der iranische Geheimdienstminister Mahmoud Alawi eine Rede während einer Bildungskonferenz vor Vorschul- und Gymnasialbehörden. Dort lässt er verlauten: "Wir müssen die Gedanken und Glaubensüberzeugungen der 6 - 18jährigen Schüler genauestens überwachen und uns nicht nur auf ihre Wissensaufnahme kümmern. Damit einhergehend müssen wir sie daran hindern den Weg der Sufis zu betreten und als Satanisten zu enden."
 
2.    Am 31. August 2014 treten neun Mitglieder des Nematollah Gonabadi Ordens im Teheraner Evin Gefängnis und im Nezam Gefängnis von Schiraz in einen unbefristeten Hungerstreik. Hamid-Reza Moradi Sarvestani, Afshin Karampour, Farshid Yadollahi, Reza Entesari, Amir Eslami, Omid Behroozi, Mostafa Daneshjou, Mostafa Abdi, und Kasra Nouri verkünden auch ihren Schweige-Eid aus Protest gegen die illegalen Vorgehensweisen der Gefängnisverwaltung gegen sie und andere Gewissensgefangene.
 
3.    Reza Entesari's physischer Zustand ist am 31. August 2014 kritisch. Die Gefängnisverantwortlichen verweigern ihm eine Fahrt ins Krankenhaus.
 
4.    Am 3. September 2014 veröffentlicht die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran eine Antwort auf die Aussage des iranischen Geheimdienstministers Alawi. Dr. Seyed M. Azmayesh, Leiter der Organisation, erwidert: "Jeder Gedanke, der sich als Entgegengesetzt zur derzeitigen Regime Ideologie zeigt, gilt als Satanismus. Tatsächlich findet sich an der Wurzel der aktuellen Systemideologie im Iran etwas, was durchaus als 'religiöser Faschismus' bezeichnet werden kann.
 
5.    Am 3. September 2014 werden in einer Nacht-und Nebelaktion die beiden im Teheraner Evin Gefängnis (Trakt 350) festgehaltenen Derwische Amir Eslami und Mostafa Abdi in Einzelhaft gesteckt.
 
6.    Die Zellengenossen des Menschenrechtsaktivisten Reza Entesari im Evin Gefängnis berichten über seine miserable gesundheitliche Lage, doch die Gefängnisleitung verweigert nach wie vor einen Transfer in ein Krankenhaus oder medizinische Station.
 
7.    Am 5. September 2014 verweigern Afshin Karampour, Reza Entesari und Mostafa Daneshjoo auf Grund weiteren Drucks der Gefängnisverwaltung ihre Medikamente.
 
8.    Am 10. September 2014 veröffentlichen die Derwische ihr Testament. Hier ein Auszug aus dem Vermächtnis der Derwische: "Geistige Brüder des Nematollah Gonabadi Ordens, freie Männer und Frauen in der Welt!! Diese Feinde, die das Gesetz im Namen von Religion missbrauchen, foltern uns langsam zu Tode. Wir werden nicht auf Grund unseres Hungerstreiks sterben, sondern zu Tode gebracht. Nach unserer Überzeugung und angesichts der Geschichte werden wir ewig leben. Wir glauben an eine Politik befreite Version des Islam, die nicht von Machtinteressen verfälscht ist und die eine freie, lebenspendende Geistseele als Realität im Menschen respektiert. ... Wir möchten mit unserem Testament an alle freien Menschen in der Welt und vor allem an alle Gonabadi Derwische appelieren, unsere Beschwerden untersuchen zu lassen und alle Gesetzesbrecher und Verantwortlichen für die Folterungen und Grausamkeiten vor Gericht zu bringen."
 
9.    Am 10. September 2014 schreibt das Forum freier Anwälte an Dr. Ahmad Shaheed, UN Rapporteur für Menschenrechte im Iran: "Hinweis zu Farshid Yadollahis Lage - Das Forum freier Anwälte unterstützt Farshid Yadollahis berechtigte Forderungen. Wir erklären hiermit, dass der Leiter der Justiz (Sadegh Larijani) die Regeln und Richtlinien in diesem Fall völlig missachtet hat und dadurch verantwortlich für die Gefährdung von Leib und Leben von Farshid Yadollahi und den anderen Hungerstreikenden ist."
 
10. Am 11. September 2014 haben Wärter die Zellen der beiden Derwische Mostafa Daneshjou und Reza Entesari unter dem Vorwand einer Inspektion mit gewaltsamer Brutalität durchsucht und absichtlich persönliche Gegenstände zerstört.
 
11. Am 13. September 2014 reisen aus ganz Iran 2.000 Derwische unter dem Motto "Aus ganz Iran zum Evin Gefängnis" nach Teheran, um Solidarität zu bekunden und friedlich zu protestieren.
 
12. Am 15. September 2014  nimmt eine Vertreterin der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran an der 27. Menschenrechtsversammlung der Vereinten Nationen in Genf teil und berichtet über den Zustand der Hungerstreikenden Gonabadi Derwische und ihre Hilferufe an die Internationale Gemeinschaft.
 
13. Derwische versenden Briefe an verschiedene Behörden im Iran: Geheimdienstministerium, Oberster Führer, Minister der Justiz. Sie erhalten keinerlei Reaktion.
 
14. Am 16. September 2014 wird Hamid Reza Moradi von Wärtern im Evin Gefängnis brutal angegriffen.
 
15. Am 20. und 21. September 2014 versammeln sich Gonabadi Derwische aus verschiedenen Städten Irans friedlich vor dem Haus des Generalstaatsanwalts in Teheran, verbinden sich die Augen und fesseln ihre Hände mit weissen Tüchern. Sie verlangen von den Behörden ins Gefängnis gebracht zu werden, wenn diese sich weigern die verhafteten Derwisch-Brüder frei zu lassen. Sie werden gnadenlos mit Knüppeln niedergeschlagen, die Behörden setzen Tränengas ein. 800 Derwische wurden in Gewahrsam genommen. 100 Derwische erlitten ernste Verletzungen am Kopf, Rücken, an den Armen und im Gesicht und wurden in Krankenhäuser gebracht.
 
16. Am 22. September 2014 verliert Amir Eslami das Bewusstsein.
 
17. Am 24. September 2014 fällt Mostafa Daneshjoo auf Grund des Hungerstreiks in Ohnmacht.
 
18. Am 26. September 2014 - Die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran erlässt eine Pressemitteilung, in der sie die Vertreter Irans darauf hinweist, dass sie in verschiedenen Ländern Europas Proteste auf den Straßen und ebenso Hungerstreiks freiwilliger Menschen organisieren wird, wenn sie die Lage der Derwische weiterhin ignoriert.
 
19. Am 28. September 2014 versammeln sich wieder Derwische friedlich in Teheran, um zu protestieren und Solidarität mit ihren gefangenen Brüdern zum Ausdruck zu bringen.
 
20. Die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran führt am 28. September 2014 eine Strassenaktion in Stockholm, Schweden und in London, Großbritannien durch. Vertreter kündigen als nächsten Schritt einen Hungerstreik europäischer Aktivisten an.
 
21. Am 2. Oktober 2014 veröffentlicht Christoph Strässer, Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung im Auswärtigen Amt eine Pressemitteilung, in der er seine Sorge und die Sorge der Bundesregierung über die kritische Lage der Nematollah Gonabadi Derwische im Allgemeinen und den Gesundheitszustand der neun Hungerstreikenden im Besonderen ausdrückt.
 
22. Nach einem Bericht von BBC Farsi, Radio France International am 3. Oktober 2014 über die Pressemitteilung, machen die Behörden im Iran Versprechen die Fälle der Derwische genauer zu untersuchen und die neun Derwische erklären sich bereit ihren Hungerstreik auszusetzen aber sofort wieder aufzunehmen, wenn die Behörden nicht handeln sollten.

 

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news-894 Thu, 02 Oct 2014 17:20:00 +0200 Pressemitteilung: Menschenrechtsbeauftragter Strässer besorgt über Gesundheitzustand hungerstreikender Häftlinge in Iran http://mehriran.de/artikel/pressemitteilung-menschenrechtsbeauftragter-straesser-besorgt-ueber-gesundheitzustand-hungerstreikender-haeftlinge-in-iran.html Anlässlich aktueller Meldungen über den kritischen Gesundheitszustand von neun inhaftierten und seit einem Monat hungerstreikenden Anhängern des mystischen Nematollahi-Gonabadi-Ordens, Angehörige einer religiösen Minderheit in Iran, erklärte der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt, Christoph Strässer, heute (02.10.):

"Mit größter Besorgnis erfüllen mich Berichte über den kritischen Gesundheitszustand der neun inhaftierten Anhänger des Nematollahi-Gonabadi-Ordens. Diese waren aus Protest gegen anhaltende Repressionen gegenüber Angehörigen der religiösen Sufi-Minderheit in Iran vor einem Monat in Hungerstreik getreten.
Iran hat sich mit der Ratifizierung des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte verpflichtet, auch das Menschenrecht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit zu achten und zu schützen. Die Unterdrückung religiöser Minderheiten steht dazu in eklatantem Widerspruch.
Ich fordere Iran auf, seiner Verpflichtung nachzukommen, die Menschenrechte Aller unabhängig von religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit zu achten und alle Personen, die aufgrund ihrer religiösen oder politischen Weltanschauung inhaftiert sind, unverzüglich frei zu lassen.
Darüber hinaus appelliere ich an alle Verantwortlichen in Iran, den Hungerstreikenden umgehend dringend benötigte medizinische Behandlungen zu gewähren."

Hintergrund:

Die Situation für ethnische und religiöse Minderheiten in Iran ist besorgniserregend. Während Juden, Christen und Zoroastrier laut der iranischen Verfassung als religiöse Minderheiten anerkannt sind und zumindest offiziell Religionsfreiheit genießen, werden Angehörige mystischer Orden innerhalb des Islams (z.B. des schiitischen Nematollahi-Gonabadi-Ordens), auch Sufis oder Derwische genannt, häufig diskriminiert oder durch gewaltsame Übergriffe an ihrer Religionsausübung gehindert.

Anfang September 2011 gab es schwere Übergriffe der Sicherheitskräfte in vielen Landesteilen, v.a. in Kavar, im Zuge derer eine Vielzahl von Sufis sowie Mitarbeiter der zum Nematollahi-Gonabadi-Orden gehörigen Website „Majzooban-e-Noor“  und deren Verteidiger festgenommen wurden. Neun der Inhaftierten - zu Haftstrafen von viereinhalb bis zehneinhalb Jahren verurteilt - sind aus Protest gegen die andauernde landesweite Verfolgung des Nematollahi-Gonabadi-Ordens und gegen die schlechten Haftbedingungen am 31.08.2014 in Hungerstreik getreten. Es handelt sich um die im Teheraner Evin-Gefängnis inhaftierten Omid Behrouzi, Mostafa Daneshjou, Afshin Karampour, Farshid Yadollahi, Mostafa Abdi, Reza Entesari, Amir Eslami, Hamidreza Moradi Sarvestani sowie Kasra Nouri im Nezam-Gefängnis Shiraz. Ihnen wurde u.a. „Propaganda gegen das Regime“ und „Handeln gegen die nationale Sicherheit“ vorgeworfen.

http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Infoservice/Presse/Meldungen/2014/141002-MRHH_Iran.html

http://www.christoph-straesser.de/meldung.php?meldung=3039&page=0

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news-892 Sun, 28 Sep 2014 23:07:00 +0200 Proteste in Teheran und Europa http://mehriran.de/artikel/proteste-in-teheran-und-europa.html Aus Solidarität mit den neun Hungerstreikenden Derwischen sind hunderte Menschen in Teheran auf die Strasse gegangen. Auch in Europa haben sich Aktivisten der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran in verschiedenen Städten an die Öffentlichkeit gewandt und um Unterstützung gebeten. Nachdem letztes Wochenende um die Tausend Derwische friedlich vor dem Gebäude des Generalstaatsanwalts in Teheran demonstriert haben und um die 40 Personen von der Polizei brutal zusammen geschlagen wurden, haben sich auch an diesem Wochenende (27./28.09.2014) wieder Hunderte Derwische auf die Strasse gestellt. Aus Provinzstädten wird berichtet, dass Derwische, die ihre Heimatstädte verlassen wollten, verhaftet wurden und an der Reise nach Teheran gehindert wurden. Dieses Mal lud Justizminister Mostafa Pourmohammadi eine Delegation der Derwische in sein Büro ein und behandelte sie sehr zuvorkommend. Er bat um eine Ende der Strassenaktionen und versprach binnen einer Woche die Fälle der neun verhafteten Derwische, die seit dem 31. August in einen Hungerstreik getreten sind genau zu prüfen.

Die Derwische willigten ein und machten ihre Entschlossenheit klar ihre Proteste fortzusetzen, wenn die Woche Aufschub keine Klärung gebracht hat. Die Taktik des Regimes immer wieder Zeit zu gewinnen durch diverse Zusicherungen ist ein bekannter Trick, der auch in den Verhandlungen um die Nuklearaktivitäten des Regimes über Jahre zum Einsatz gekommen ist.

Hier ein kurzer Ausschnitt aus dem friedlichen Protest der Derwische:

https://www.youtube.com/watch?v=z1hSKsI6QH4

Gleichzeitig gingen in London, Stockholm und Kopenhagen Aktivisten der Internationalen Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran auf die Straße und trugen ihren Protest an markanten Plätzen an die Öffentlichkeit.

 

 

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news-891 Sun, 28 Sep 2014 22:46:00 +0200 Derwische im Iran lassen sich nicht mehr alle Attacken gefallen - das Regime setzt seine Diskreditierungsversuche fort http://mehriran.de/artikel/derwische-im-iran-lassen-sich-nicht-mehr-alle-attacken-gefallen-das-regime-setzt-seine-diskreditierungsversuche-fort.html "Missbrauch von Frauen - eine Taktik, die allen vom rechten Glauben abgefallenen Gruppen zu eigen ist" - Schlagzeile der "Feghre News" Webseite im Bemühen Derwische zu diskreditieren. "Ferghe News" ist eine Webseite, die von einer Propaganda Abteilung des iranischen Geheimdienstes betrieben wird. Mitglieder dieser Abteilung sind Schüler von Hossein Shariatmadari, dem Herausgeber der Tageszeitung Kayhan, die als Blatt der Hardliner hinter dem Führer Khamenei agiert. Diese Abteilung hat den Auftrag das Netz nach aktuellen Themen zu durchforsten und zu prüfen wie diese Themen benutzt werden können, um Gegner auszuschalten. Während militärische Abteilungen Gegnern eher nach dem Leben trachten oder sie als Informanten gewinnen wollen, hat diese Abteilung den Auftrag rufschädigende Verleumdungen zu verbreiten. Ein Teil der Arbeit besteht darin, aktuelle Themen in der Gesellschaft oder moralische Grundsätze aufzugreifen und Vorwürfe zu erfinden, die man dann in Verknüpfung den Gegnern anhängt. Beliebte Themen die man ideologischen Gegnern um die Ohren wirft, sind sexueller Missbrauch, Geldzuwendungen oder Landesverrat durch Kontakte im Ausland. Wenn in der Gesellschaft die Empörung wegen eines aktuellen Finanzskandals groß ist, wird dem Gegner eine Finanzgeschichte an den Hals geworfen, sind Vergewaltigungen aufgedeckt worden, springen die Agenten auf diesen Zug auf oder wird in der Gesellschaft Gleichheit der Geschlechter diskutiert, wird den Gegnern unterstellt Frauen zu unterdrücken.

Aktuell bereiten die Derwische des landesweit vertretenen und in der Bevölkerung sehr respektierten Nematollah Gonabadi Ordens im Iran dem Regime Kopfzerbrechen. Nach mehreren zerstörerischen Aktionen paramilitärischer Kräften gegen Versammlungshäuser und Mitglieder des Ordens und vielen Beschwichtigungsversuchen von Seiten mancher Regimevertreter, haben sich die Derwische entschlossen nicht mehr nachzugeben und so lange zu protestieren bis die Fälle bereinigt und grundlegend geklärt und die schriftlichen und mündlichen Schmutzkampagnen gegen die Derwische eingestellt werden. Neun unrechtmäßig inhaftierte Derwische sind seit dem 31. August in einen Hungerstreik getreten und haben schon ihr Testament gemacht. Aus Solidarität mit diesen Gefangenen gehen viele Hundert Derwische in Teheran immer wieder vor das Haus des Generalstaatsanwalts und protestieren auf friedliche Weise. An manchen Tagen werden sie verhaftet an anderen Tagen werden sie brutal zusammen geschlagen und dann werden sie von Mostafa Pourmohammadi in sein Büro eingeladen und mit dem Versprechen die Fälle genau zu untersuchen wieder weg geschickt und gebeten die Proteste einzustellen. Gleichzeitig wird ein psychologischer Krieg gegen die Derwische im Netz fortgesetzt, um ihr gutes Ansehen in der Bevölkerung zu schädigen.

Wir übersetzen den kompletten Artikel stilgetreu und stellen ihn der Wissenschaft und der Öffentlichkeit zur Verfügung:

Selbst Leute, die nur wenig wissen über die Mechanismen und Arbeitsweisen der abweichlerischen Gruppen, wissen sehr wohl, dass die Anführer dieser Sondergruppen Frauen missbrauchen und instrumentalisieren. Frauen haben innerhalb von Sufi Gruppen nie eine bedeutende Rolle gespielt. Ihnen wurde kein Respekt gezollt und kein Platz wurde ihnen eingeräumt. Es ist, als hätte dieses "Geschöpf" (die Frau) nie existiert und ihr Dasein sei in der Öffentlichkeit verheimlicht worden.

Nach Ansicht dieser abweichlerischen Gruppe (der Derwisch Gruppe) sind Frauen Wesen zweiter Klasse, deren Schöpfung in der Erfüllung männlicher Bedürfnisse liegt. In Übereinstimmung mit den Geständnissen von Frauen, die Mitglieder dieser abweichlerischen Gruppen waren, wurden sie nie als Derwische anerkannt, sondern waren nur Spielgefährtinnen der männlichen Derwische. Sie bekamen in den Aktionen der Derwisch Gruppen nie eine führende Rolle zugewiesen.

Der wichtigste Punkt, der uns deshalb sehr erstaunt, ist aber, dass die weiblichen Derwische bei Demonstrationen in der ersten Reihe vor den Männern stehen.

Nach uns vorliegenden Informationen hat Mostafa Azmayesh (Vertreter des Nematollah Gonabadi Ordens im Ausland) an die Derwische appeliert bei der heutigen Demonstration vor dem Justizgebäude ihre Frauen als Schutzschild einzusetzen. Dadurch soll die Gruppe größer erscheinen und der Polizei soll ihre Arbeit erschwert werden, weil die Derwische besser entkommen können und sich dem Zugriff entziehen können."

Original auf persisch: http://ferghenews.com/index.php?page=viewnews&id=3280

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news-890 Sun, 28 Sep 2014 00:39:00 +0200 URGENT ACTION HUNGERSTREIKENDE IN KRITISCHEM ZUSTAND http://mehriran.de/artikel/urgent-action-hungerstreikende-in-kritischem-zustand.html Im Iran sind neun Angehörige der religiösen Minderheit der Gonabadi-Derwische als gewaltlose politische Gefangene in Haft. Sie sind am 31. August aus Protest gegen die weitverbreitete Schikanierung und Verfolgung der Gonabadi-Derwische in einen Hungerstreik getreten. Ihr Gesundheitszustand ist kritisch. URGENT ACTION
  • Iran

UA-242/2014

Index:

MDE 13/051/2014

25. September 2014

Angehörige des Ordens der Gonabadi-Derwische:
Herr MOSTAFA ABDI
Herr REZA ENTESARI
Herr HAMIDREZA MORADI
Herr KASRA NOURI
Herr AMIR ESLAMI
Herr FARSHID YADOLLAHI
Herr MOSTAFA DANESHJOO
Herr AFSHIN KARAMPOUR
Herr OMID BEHROUZI

Helfen Sie jetzt aktiv mit!Wie funktioniert das?0005 haben sich bereits eingesetzt.

Am 31. August sind neun Derwische des Nemattolah-Gonabadi-Ordens, einem der größten Sufi-Orden im Iran, in den Hungerstreik getreten. Ihr Gesundheitszustand ist kritisch. Mostafa Abdi, Reza Entesari, Hamidreza Moradi und Kasra Nouri sowie ihre ebenfalls inhaftierten Rechtsbeistände Amir Eslami, Farshid Yadollahi, Mostafa Daneshjoo, Afshin Karampour und Omid Behrouzi gaben an, dass sie ihr Testament geschrieben haben und bereit seien, zu sterben, wenn die Behörden der Schikanierung, Verfolgung und Inhaftierung von Gonabadi-Derwischen und ihren Rechtsbeiständen sowie der Zerstörung ihrer Bethäuser (hosseinieh) kein Ende setzen. Mostafa Daneshjoo, Reza Entesari und Afshin Karampour intensivierten ihren Protest am 5. September noch, indem sie Medikamente verweigerten. Mostafa Daneshjoo soll an chronischem Asthma leiden. Sein Gesundheitszustand verschlimmerte sich noch durch den fehlenden Zugang zu einer angemessenen Gesundheitsversorgung und seiner dreimonatigen Inhaftierung in einer Kellerzelle ohne Fenster oder Lüftung im Evin-Gefängnis von Februar bis Mai 2013. Afshin Karampour soll starke Rückenbeschwerden haben und Reza Entesari leidet Berichten zufolge an Herzproblemen. Der Gesundheitszustand der anderen Hungerstreikenden soll aufgrund der schlechten Haftbedingungen ebenfalls kritisch sein.

Die meisten Männer waren im September 2011 infolge einer Welle von Festnahmen von Gonabadi-Derwischen inhaftiert worden. Sie wurden lange in Einzelhaft gehalten, ohne Zugang zu Rechtsbeiständen und ihren Familien. Nach zwei Jahren Untersuchungshaft und einem unfairen Gerichtsverfahren wurden sie im Juni 2013 von Abteilung 15 des Revolutionsgerichts in Teheran zu Haftstrafen verurteilt. Hamidreza Moradi erhielt zehneinhalb Jahre Haft, Reza Entesari wurde zu achteinhalb Jahren, Mostafa Abdi zu drei Jahren und ihre Rechtsbeistände Amir Eslami, Farshid Yadollahi, Mostafa Daneshjoo, Afshin Karampour und Omid Behrouzi zu jeweils siebeneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Kasra Nouri wurde im April 2013 in einem anderen Fall von Abteilung 3 des Revolutionsgerichts in Schiras zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Die gegen die Männer erhobenen Anklagen waren konstruiert. Sie lauteten auf "Verschwörung gegen die nationale Sicherheit durch Mitgliedschaft in einer abartigen Sekte", "Verbreitung von Propaganda gegen den iranischen Staat", "negative Beeinflussung der öffentlichen Meinung" und "Störung der öffentlichen Ordnung". Die Männer sind gewaltlose politische Gefangene, die nur deshalb inhaftiert sind, weil sie ihren Glauben praktiziert und sich mit ihrer rechtmäßigen Arbeit als Journalisten und Rechtsanwälte für die Wahrung der Menschenrechte der Gonabadi-Derwische eingesetzt haben.

Amnesty International vorliegenden Informationen zufolge waren die inhaftierten Derwische in den Monaten vor ihrem Hungerstreik zunehmenden Schikanierungen durch die Behörden ausgesetzt. Sie wurden von Zelle zu Zelle verlegt und mussten diese mit Häftlingen teilen, die wegen schwerer Straftaten verurteilt worden waren. Sie durften weder die Gefängnisbibliothek benutzen noch an die frische Luft gehen und sich mit anderen Mithäftlingen unterhalten. Kasra Nouri befindet sich im Nezam-Gefängnis in der Provinz Fars im Südosten des Irans, die anderen Männer im Evin-Gefängnis in Teheran.

SCHREIBEN SIE BITTE

E-MAILS, TWITTER-NACHRICHTEN ODER LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN

  • Ich bitte Sie eindringlich, Mostafa Abdi, Reza Entesari, Hamidreza Moradi, Kasra Nouri, Amir Eslami, Farshid Yadollahi, Mostafa Daneshjoo, Afshin Karampour Omid Behrouzi sowie alle anderen inhaftierten Gonabadi-Derwische unverzüglich und bedingungslos freizulassen, sollten sie nur deshalb inhaftiert sein, weil sie friedlich von ihren Rechten auf Religions-, Meinungs-, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit Gebrauch gemacht haben.
  • Stellen Sie bitte sicher, dass die Männer jede benötigte medizinische Versorgung erhalten.
  • Ich bitte Sie, der Diskriminierung und Gewalt gegen Gonabadi-Derwische sowohl per Gesetz als auch in der Praxis ein Ende zu setzen.

APPELLE AN

RELIGIONSFÜHRER
Ayatollah Sayed 'Ali Khamenei
The Office of the Supreme Leader
Islamic Republic Street - End of Shahid Keshvar Doust Street
Tehran, IRAN
(Anrede: Your Excellency / Exzellenz)
E-Mail: info_leader@leader.ir
Twitter: @khamenei_ir

OBERSTE JUSTIZAUTORITÄT
Ayatollah Sadegh Larijani
[c/o] Public Relations Office, Number 4
2 Azizi Street intersection
Tehran, IRAN
(Anrede: Your Excellency / Exzellenz)

KOPIEN AN
PRÄSIDENT
Hassan Rouhani
The Presidency
Pasteur Street
Pasteur Square
Tehran
IRAN
Twitter: @HassanRouhani (Englisch)
@Rouhani_ir (Persisch)

BOTSCHAFT DER ISLAMISCHEN REPUBLIK IRAN
S. E. Herrn Alireza Sheikh Attar
Podbielskiallee 65-67
14195 Berlin
Fax: 030-8435 3535
E-Mail: info@iranbotschaft.de

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort, so dass sie noch vor dem 6. November 2014 ankommen. Schreiben Sie in gutem Persisch, Arabisch, Englisch, Französisch oder auf Deutsch.

HINTERGRUNDINFORMATIONEN (AUF ENGLISCH)

Hundreds of supporters of the nine hunger strikers gathered outside the Office of Tehran's Prosecutor in Arq Square, Tehran, on 21 and 22 September, to support their demands that the authorities respect the "civil rights" of Gonabadi dervishes as "equal members of society". Those present at the protest reported that riot police were deployed to disperse the crowd, arresting over 800 people, and injuring at least 60, including several children, using batons, electric cables, buckshot and tear gas. Amnesty International understands that most of those detained were released after spending up to 48 hours in the basements of various police stations in southern Tehran.

Gonabadi dervishes in Iran consider themselves Shi'a Muslims. They are Sufis who describe Sufism as neither a religion nor a sect, but rather a way of life by which people - from any religion - may find God. Gonabadi dervishes, and members of Iran's other religious minorities, suffer discrimination, harassment, arbitrary detention and attacks on their prayer houses. President Rouhani's Special Advisor on Ethnic and Religious Minority Affairs, Ali Younesi, stated in February 2014 that "Muslim sects like dervishes" must not experience arbitrary restrictions and abuses in practicing their faith and must receive protection from the police. The persecution of dervishes, which increased after a speech by the Supreme Leader in the religious city of Qom in October 2010 denouncing "newly created circles of false mysticism", has, however, continued unabated.

The wave of arrests of Gonabadi dervishes, including the men on hunger strike, followed a confrontation with state-affiliated paramilitary basij forces in the town of Kavar in Fars Province on 3 September 2011 when members of the basij armed with batons gathered in the town square chanting anti-dervish slogans and setting fire to stores displaying photos of dervish leaders in the windows. This confrontation led to the security forces using excessive force, shooting one person dead and wounding at least five others, and was the subject of UA 280/11 (http://amnesty.org/en/library/info/MDE13/080/2011/en). Amir Eslami and Afshin Karampour were arrested on 4 September 2011, after they were invited by the Governor of Kavar to negotiate for the release of approximately 60 dervishes who had been arrested. They were arrested upon arrival at the Governor's office. Hamidreza Moradi, Reza Entesari and Mostafa Abdi were arrested the next day by plainclothes agents during a raid on the house of one of the administrators of the website Majzooban-e Noor, which is dedicated to reporting human rights violations against dervishes. Lawyers Omid Behroozi and Farshid Yadollahi were arrested on 7 and 11 September respectively, suggesting a plot to target journalists and lawyers working to defend the human rights of dervishes. Mostafa Daneshjoo, who was a few days from completing a six-month sentence for "spreading lies" in defending his dervish client, was transferred from the Sari Prison in the north of the country to Evin Prison in Tehran on 29 October 2011, and accused of fresh charges.

Veröffentlicht von Amnesty Deutschland: http://www.amnesty.de/urgent-action/ua-242-2014/hungerstreikende-kritischem-zustand

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news-887 Thu, 25 Sep 2014 00:18:00 +0200 Das Regime fürchtet Proteste von Derwischen auf den Straßen Teherans http://mehriran.de/artikel/das-regime-fuerchtet-proteste-von-derwischen-auf-den-strassen-teherans.html Als sich mehrere Hundert Frauen, Kinder und Männer am Samstag und am Sonntag (20./21.09.2014) vor dem Haus des Generalstaatsanwalts in Teherans Beheschtstraße versammelten, hatte die Polizei wenig Geduld und prügelte gewohnt brutal auf die Protestierenden ein. Wie Quellen aus dem Iran übereinstimmend berichten sollen um die 800 Derwische aus dem ganzen Land nach Teheran gefahren sein, um aus Solidarität mit inhaftierten Mitgliedern des renommierten Nematollah Gonabadi Derwisch-Ordens zu protestieren.

Neun inhaftierte Derwische, deren Menschen- und Bürgerrechte von den Behörden regelmäßig verletzt werden, haben sich zu einem gemeinsamen Hungerstreik entschieden, den sie nur aufgeben wollen, wenn ihre Forderungen erfüllt werden. (http://mehriran.de/artikel/hungerstreik-der-neun.html) Die neun Männer sind fest entschlossen dem Tod ins Auge zu blicken und haben ihr Testament gemacht. Diese Aktion hat andere Derwische bewegt sich einem  friedlichen Protest vor dem Büro des Generalstaatsanwalts anzuschliessen.

Zahlreiche Knochenbrüche von den Schlagstöcken der Polizisten und heftig gereizte Lungen vom Tränengas der überreagierenden Behörden haben die Mehrzahl der Protestierenden als Quittung bekommen.

Das Regime hat auch unter Präsident Rohani keine Verbesserung der Lage der Derwische und eine Unterbindung der Angriffe gegen die Derwische gebracht. Ideologische Zirkel im Iran agitieren heftig gegen den Nematollah Gonabadi Orden, da sich deren Überzeugungen nicht mit der politisierten Version einer buchstabengetreuen Auslegung der muslimischen Religion vereinen lassen und das Regime sich in seiner Legitimation durch die friedlichen Lehren der Sufis bedroht sieht.

Im Schatten der von Vertreibungen, unmenschlichen Barbareien und Grausamkeiten geprägten Region des Nahen Ostens spielt sich unbeachtet von großen Medien ein weiterer zerstörerischer Konflikt leise ab. Die Derwische sind entschlossen ihren Hungerstreik fortzusetzen, während in Europa Proteste vor Botschaften der IRI zu erwarten sind. Am Samstag läuft ein Ultimatum der Derwische für die Behörden ab.

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news-886 Thu, 11 Sep 2014 20:26:00 +0200 Hungerstreik der Neun http://mehriran.de/artikel/hungerstreik-der-neun.html Neun im Iran inhaftierte Derwische sind in einen Hungerstreik getreten und haben ein Vermächtnis verfasst. Die Derwische gehören der Nematollah Gonabadi Gemeinschaft an, einem traditionsreichen Orden, der auf den Musiker, Mystiker und Gelehrten Schah Nematollah Vali (1330-1431) zurückgeht.

Die in den berüchtigten Gefängnissen Evin, Teheran und Nezam, Schiraz inhaftierten Männer haben ihren Hungerstreik begonnen, um gegen die illegalen Handlungen der Gefängnisverantwortlichen zu protestieren.

Generell ist zu beobachten, dass Teile des Regimes im Iran religiöse Minderheiten zunehmend brutal verfolgen und mit diversen Restriktionen belegen. Ziel der Verfolgungen ist die Einbindung des bei der Bevölkerung beliebten Ordens in die Ideologie des Regimes, um potentielle Alternativen einer spirituellen, friedlichen, partnerschaftlichen, kulturell hochstehenden und kreativen Variante des Islams auszuschalten. Diesem Unterfangen versuchen sich die Verantwortlichen des Ordens und seine Mitglieder regelmäßig zu entziehen und nehmen statt dessen die Verfolgungen und Beeinträchtigungen durch die Handlanger des Regimes in Kauf.

Unter der Regierung Ahmadinedschads gab es regelmäßig gewaltsame Exzesse gegen die Derwische. In der Zeit seit Rohani haben keine weiteren Zerstörungen von Versammlungshäusern statt gefunden, doch werden immer noch Einzelpersonen und ihre Familien unter starken Druck gesetzt, schickaniert und als Bürger ohne Rechte behandelt. Desweiteren verhindert der Justizapparat unter Sadegh Larijani und Mohsen Edscheie die Aufhebung der illegalen Anschuldigungen und Verurteilungen gegen Anwälte, Journalisten und Fotografen der Derwische.

Der Hungerstreik der neun Männer begann am 9. September 2014, nachdem die Gefängnisleitung weitere Restriktionen gegen die inhaftierten Derwische angewiesen haben. Nach einem gemeinsamen Protest mit anderen Gewissensgefangenen der Sektion 350 im Teheraner Evin Gefängnis gegen die Haftbedingungen und gegen die Besuchsverbote, wurden die Häftlinge von den Wärtern brutal geschlagen und in Zellen des allgemeinen Trakts mit Mördern und Drogendealern verlegt. Dieser Akt an sich ist zunächst illegal, zugleich auch lebensgefährlich für die Gewissensgefangenen. Im Iran kommt es immer wieder vor, dass Mörder aus der Haft entlassen worden sind, weil das Regime ihnen Freiheit versprach gegen die Beseitigung eines für das Regime unbequemen Mithäftlings.

Die Hungerstreikenden haben ihr Testament geschrieben und begründen ihren Hungerstreik mit folgendem Statement:

"Brüder im Geiste, freie Männer und Frauen! Wir, die inhaftierten Derwische, werden unseren Hungerstreik so lange fortsetzen bis wir Sicherheitsgarantien für die Derwische von offiziellen Stellen erhalten, bis hochrangige Offizielle für ihre Rechtsbrüche an den Derwischen zur Verantwortung gezogen werden und bis die Feindseligkeiten und Hetzereien der Ignoranten in Talaren, die sich mit religiösen Namen schmücken, gegenüber den Praktizierenden des Sufitums aufhören, denn dieses Mal sind wir bereit unser Leben zu lassen und haben unser Testament gemacht."

Weiterhin erklären die Derwische ihre Handlung mit folgenden Hintergründen: "Brüder und Schwestern im Geiste! Wir inhaftierten Derwische sind wenige Mitglieder einer alten und noblen Sufi Familie. Wir haben uns stets für Frieden und Partnerschaft, für körperliche, geistige und seelische Gesundheit der Individuuen und der Gemeinschaft eingesetzt.

Nun sehen wir uns mit einer Reihe ungesetzlicher und zermürbenden Massnahmen gegen unsere Mithäftlinge und uns durch die Gefängnisleitung und den Justizapparat konfrontiert, die wir nicht länger hinnehmen. 

Geschätzte Brüder und Schwestern, ihr habt uns bisher stets darin unterstützt den Rechtsweg einzufordern und den Druck auf die Häftlinge zu reduzieren. Ihr habt euch unserem ersten Hungerstreik angeschlossen, um uns eure Unterstützung zu signalisieren. Ihr habt euch vor dem Gericht und vor den Haftanstalten versammelt und darauf gedrängt, dass die Rechte der Gefangenen wieder hergestellt und eingehalten werden. Ebenso seid ihr nicht müde geworden mit den Verantwortlichen zu sprechen und Briefe zu schreiben und habt dabei erlebt wie sie sich alle aus der Affäre gezogen haben und ihre Hände in Unschuld gewaschen haben und untätig geblieben sind und auch keiner zur Rechenschaft gezogen wurde.

Heute denken wir an Euch, denn was Euch außerhalb der Gefängnismauern angetan wird, ist viel härter und schlimmer als was uns auferlegt wird.

So streben wir mit dem Hungerstreik nicht an, ins Krankenhaus gebracht zu werden, um unsere Krankheiten und Verletzungen zu behandeln oder um im gleichen Trakt zu sein oder wieder in Trakt 350 verlegt zu werden oder die Verpflichtung Gefängniskleidung zu tragen erlassen zu bekommen oder aus Einzelzellen in die allgemeinen Zellen verbracht zu werden oder faire Verfahren und Anhörungen zugestanden zu bekommen oder grundlegende durch das Gesetz geregelte Rechte für Gefangene zu erhalten oder aus der Haft entlassen zu werden - sondern wir verlangen ein Ende der Behauptungen, Verleumdungen und Anklagen Derwische seien ein Gefahr für die nationale Sicherheit und wir fordern die Rehabilitation des guten Leumunds der Derwische! 

Wir fordern die Aufhebung jeglicher Verbote und Einschränkungen, die gegenüber den ehrwürdigen und hochangesehenen Älteren und Ordensleitern eingesetzt wurden. Wir verlangen die Aufhebung der Nachrichtensperre betreffs der Gonabadi Derwische. Wir fordern ein Ende und ein Verbot der Brandstiftungen an Versammlungshäusern der Derwische. Wir verlangen von den Behörden die Berufsverbote aufzuheben und die Entlassungen rückgängig zu machen.

Wir setzen uns für eine Gesellschaft ein, die der Bevölkerung Mut ihr Leben zu ergreifen macht und nicht sie im Namen von Religion zu Gefangenen zu machen. Wir wollen eine Gesellschaft, die Frieden und persönliche Verantwortung ermöglicht und nicht von Männern in religiösen Gewändern vereinnahmt wird, die der Bevölkerung die innere Ruhe und den Frieden rauben."

Die neun Unterschreiber dieser Aufrufs beenden ihr offizielles Statement mit diesen Abschiedsworten: "Brüder im Geiste des Nematollah Gonabadi Ordens, freie Männer und Frauen weltweit! Feinde der Religion und des Rechts, die sich hinter einer religiösen Maske und dem Anschein von Recht verstecken, gefährden alles Lebendige und alles Seelenverwandte und massakrieren uns. Wir werden nicht auf Grund des Hungerstreiks sterben, wir werden getötet. Doch wir sind überzeugt, dass wir aus Sicht eines wahrhaftigen und reinen Islams, der unser inneres Seelenleben belebt und uns ewigen Atem einhaucht im Sinne der Geschichte für immer lebendig bleiben werden. Unser Vermächtnis richtet sich an alle freien Männer und Frauen in der Welt, insbesondere an die Gonabadi Derwische: bringt alle Rechtsbrecher und Verantwortlichen für die Grausamkeiten, Folter und Qualen vor Gericht. Lebt wohl!"

Unterschrieben von: Hamid-Reza Moradi Sarvestani, Afshin Karampour, Farshid Yadollahi, Reza Entesari, Amir Eslami, Omid Behroozi, Mostafa Daneshjou, Mostafa Abdi, and Kasra Nouri.

weitere Infos auf Englisch: http://www.insideofiran.org/en/component/content/article/98-religious-freedom/9842-hundreds-of-dervishes-sign-up-for-support-campaign.html

 

 

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news-885 Mon, 30 Jun 2014 16:38:00 +0200 "Ich brauche das Licht..." http://mehriran.de/artikel/ich-brauche-das-licht.html Im Rahmen der Ausstellung "Iran's Herz schlägt" brachten am Freitag, 27. Juni 2014 Mitglieder des Vereins Karamat Texte, Gedichte, Geschichten und Musik in der Burgdorf Paulus Kirchengemeinde zu Gehör.

Nach einer Einführung in die Ausstellung "Iran's Herz schlägt" durch Erika Büchse von Amnesty Burgdorf, las Frau Steinmann einen Ausschnitt aus einem Brief der zu zehn Jahren Haft verurteilten Bahareh Hedayat an ihren Mann:
"...... Ich brauche das Licht …. Hier ist das Leben dunkel und schwer. Und nun diese einfache Liebesgeschichte ist Dein Geschenk zum 12. Kennenlerntag – weg von Politik und Gefängnis und …… in all‘ den Jahren hat nur Deine Liebe mich gerettet und aufrecht gehalten!" 

Von Liebe, Licht und Finsternis erzählten die Texte, Gedichte und Weisheitsgeschichten, die im weiteren Verlauf des Programms zu Gehör gebracht wurden.

Gunda Dieterich, Barbara Mann, Eva-Mareike Knoche und Helmut N. Gabel spielten auch rhythmisch-meditative Sufi Musik auf der persischen Rahmentrommel und der Tombak.

Hier kommen die Texte und Worte des Abends zum Nachlesen für die zahlreichen interessierten, berührten und begeisterten Gäste.

Der deutsche Dichter Friedrich Hölderlin dichtete in seinem Hyperion:

"Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch."

Amnesty und andere Organisationen wie zum Beispiel die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran (IOPHRI) oder der Verein Karamat und viele andere Vereine und Einzelpersonen sorgen dafür, dass die Gefahren durch Despoten und Ideologen bekannt werden, so dass sich Menschen den Gefahren stellen können. 

Wenn wir beser verstehen wollen, was im Iran passiert, warum es passiert und wie den Menschen im Iran nachhaltig geholfen werden kann, müssen wir in die Kulturgeschichte Irans schauen. Wir tun das mit kurzen fragmentarischen künstlerischen Zeugnissen.

Die zeitgenössische Dichterin Aramesh aus Hamburg hat iranische Wurzeln und lebt das Geschehen in der Heimat ihrer Vorfahren mit. Sie schreibt immer wieder eindrückliche Gedichte auf Deutsch und ermutigt dadurch andere Menschen sich zu beschäftigen mit der reichen Kulturgeschichte Irans und seiner Despoten, die Zwang, Schrecken und Gewalt auf die Bevölkerung ausüben.

Immer wieder - Aramesh

Versprechen ziehen wie leere Kreise
bis unter das Dach des Damavand.
Über dem Flussbett erheben sich
Tausende von Fledermäusen, die mit
Ihrem Flügelschlag Lebensfäden schneiden
und unzählige Herzen erzittern lassen.

Die Nacht wurde beauftragt, den Sternen
zu verbieten, zusammen zu kommen, um
sich im Mondschein zu treffen. Schuldig
gewordene Sterne werden am Gewölbe
gehenkt. Unlängst wurde der Mond für
unerlaubtes Licht in Verbannung geschickt.

Was nützt es der verletzten Erde zu beben,
wenn selbst die Steine sich zum Wurf
bereiten und Tote aus ihrem Schlaf
erwachen, während schwarze Reiter auf
Schattenpferden ihre Knüppel über
dem jungen Kornfeld schwingen?

Mag mich der raue Hauch des Evin lehren,
meine Knochen zu zählen oder das Blut von
meinem Munde zu trinken, meine Stimme
wird wie eine Taube durch die Gitter gleiten,
und sich mit dem großen Schwarm vereinen.

Eine der entscheidenden ideologischen Fragen ist die Frage der Anbindung des Menschen an eine jenseitige Kraft, ein jenseitiges Wesen. Die herrschende Ideologie im Iran betrachtet das Individuum auch in dieser Frage wie in vielen anderen Fragen auch als ewig unmündig und zu Gehorsam gegenüber staatlich verordneten Autoritäten verpflichtet. Die meisten Menschen im Iran sind immer noch sehr religiös gesinnt, zumindest haben sie einen äusserst ausgeprägten Familiensinn und Sinn für Zusammengehörigkeit oder Anbindung. 

Wir haben im Westen durch Friedrich Nietzsche von dem Menschheitslehrer Zarathustra (Zartosht) erfahren, auf den sich die Religion der Zarathustrier beruft. Die zeitliche Einordnung seines Lebens ist so gut wie nicht bestimmbar und es liegen verschiedene Hinweise vor, die zu unterschiedliche Epochen zeigen. Eine Variante lautet er habe 1000 vor Christus gelebt. Vor allem in der Zeit der Sasaniden (3.-7. Jahrhundert nach Christus) entstand eine Staatsreligion, die bestimmte Zarathustrische Lehren zu verbindlichen Dogmen erhob und schriftliche Zeugnisse produzierte, die sie Zarathustra zusprach. Einer der Texte enthält folgende Passage:

»Wer ist der Erzeuger, der Urvater des göttlichen Rechtes? Wer setzte die Bahn fest der Sonne und der Sterne? Wer ist's, durch den der Mond bald zunimmt und bald schwindet? Wer hält die Erde unten, wie auch das Himmelsgewölbe, dass sie nicht stürzen? Wer die Gewässer und die Pflanzen? Wer schirrt dem Wind und den Wolken das Rennzweigespann vor? Wer ist, Allweiser, der Schöpfer des guten Sinnes? Welcher Meister schuf die Lichter und die Finsternisse? Welcher Meister schuf Schlaf und Wachen? Wer ist's, durch den Morgen, Mittag und Abend sind, den Verantwortungsbewussten an seine Pflicht zu mahnen?«

Und hier findet sich schon ein Kontrapunkt für die zur Zeit herrschende Ideologie im Iran. Verantwortungsbewusst kann nur handeln, der auch einen Entscheidungsspielraum hat und nicht als ewig unmündig kategorisiert wird.

Duft der Heimat, Aramesh

Mutter Iran, Dein Lächeln gleicht den grünen
Steinen, poliert von den Zungen der Quellen
auf ihrer Reise durch bizarre Berge, um
den Geschmack der Heimat zu spüren.

Deine Hände trösten den wilden Mohn, der
in den kargen Steppen in Vergessenheit geriet,
und entlocken den Wüsten ein Seufzen,
dessen Sehnsucht die Hitze mit sich trägt.

Dein Leib beherbergt prachtvolle Gärten, in
denen Rosen neben Palmen tanzen und
Nachtigallen im Einklang mit den Zikaden
ihren Gesang dem Jasmin schenken.

Dein Safran zeigt sein Goldlächeln, während
die Nacht sich mit diamantenen Sternen schmückt
und über ehrwürdigen Gemäuern vergangener
Epochen wacht, gespiegelt in stillen Teichen.

Jahrtausendealte Gedichte, wie ein Schatz von
Mund zu Mund gesprochen… und Du, Koroush,
milder Herrscher der Menschheit, wer könnte
Dich und den Heiligen Ziegel je vergessen?

Mutter Iran, Du wurdest Gefangene der
Gnadenlosen, ausgeliefert den Händen von Mördern
und Tyrannen, die Opfer steinigen und den Namen
Gott mit der Peitsche auf die Haut zeichnen.

Ihr Hass singt seine grausigen Lieder in den Gassen
der Gegenwart, während am Galgen unsere Kinder
sterben. Geflüsterte Worte werden in Mauern geritzt
und in die Wunde unserer Herzen.

Mutter Iran, bedecke Dich nicht mit dem Tschador
der Trauer. Weine keine blutigen Tränen. Wir werden
uns stets erinnern, wer wir sind. Kein Untergang, keine
Gewalt, aber wir brauchen euch, Einheit der Menschheit…

Einer der größten Herrscher, der für Vielfalt in der Einheit eingestanden ist, hat im 6. Jahrhundert vor Christus eine ganze Dynastie (Achämeniden) begründet: Kyros der Große (Kourosh). In einem schriftlichen Zeugnis beschreibt er sich selbst:

"Ich bin Kyros, der König des Alls, der große König, der mächtige König, König von Babylon, König von Sumer und Akkad, König der vier Weltgegenden, Sohn des Kambyses, des großen Königs, Königs der Stadt Anshan, Enkel des Kyros, des großen Königs, Königs der Stadt Anshan, Urenkel des Teispes, des großen Königs, Königs der Stadt Anshan, der ewige Sproß des Königtums. ... Meine weit ausgebreiteten Truppen zogen friedlich innerhalb Babylons umher, in ganz Sumer und Akkad ließ ich keinen Feind aufkommen, des Inneren Babylons und aller seiner Kult-Stätten nahm ich mich gern an. Die Einwohner Babylons befreite ich von dem Joche, das ihnen nicht ziemte. Ihrer Wohnungen Verfall besserte ich aus, ließ aufgraben ihren Einsturz." 

Seine Kulturleistung für einen menschlicheren Umgang mit einander findet sich in einem Tonzylinder, der als erste Menschenrechtscharta in die Geschichte eingegangen ist. Ein Ausschnitt daraus lautet:

"Ich verkünde, dass jeder Mensch verantwortlich für seine eigene Taten ist, und niemals seine Verwandten für seine Vergehen büßen müssen und niemand aus einer Sippe für das Vergehen eines Verwandten bestraft werden darf. Bis zu dem Tage, an dem ich mit dem Segen von Mazda herrsche, werde ich nicht zulassen, dass Männer und Frauen als Sklaven gehandelt werden, und ich verpflichte meine Staatsführer, den Handel von Männern und Frauen als Sklaven mit aller Macht zu verhindern. Sklaverei muss auf der ganzen Welt abgeschafft werden! Ich verlange von Mazda, dass er mir bei meinem Vorhaben und Aufgaben gegenüber den Völkern von Iran, Babylon und den Ländern aus vier Himmelsrichtungen zum Erfolg verhilft."

Man denke nur, welch eine Leistung diese Absicht in einem Umfeld des Rechts des Stärkeren und der selbstverständlichen Versklavung war!

In der Zeit der Sasaniden (3.-7. Jahrhundert nach Christus) lebte ein Mann, der Impulse und Weisheiten aus Taoismus, Buddhismus und Urchristlichen Lehren vereinigt und damit viele Menschen erreicht hat. Mani gilt als Begründer der Manichäer Religion, die sich von China über Afrika bis nach Südspanien ausbreitete bevor sie brutal unterdrückt und ihre Mitglieder verfolgt wurden. Er zeigte den Menschen Wege auf sich aus Leid und Not zu erheben und zu befreien. Einige seiner Schriften sind verloren gegangen und einige erhalten geblieben. Hier ein Hymnus von Mani:

“Das glänzend helle Licht des Weltalls bist Du,
der breite Durchlass für alle entweichende Seelen.
Jene dunklen Wesen, die deiner nicht Inne werden
und sich stets abwenden, fallen in traurige Schwermut. 
Allumfassendes Lichtwesen wirke durch unsere Hände
heilend auf diese Frau, lass sie das lebendig Gute erfahren.

Und hilf auch jenen Seelen, deren Befreiung vorgesehen ist,
Dass sie den nächsten Durchlass finden in das rettende Land."

Aber es gab auch Frauen, die durch ihre Weisheit schon in früher Zeit auffielen, auch wenn sie von orthodoxen Kräften gar nicht gern gesehen waren. Eine diese Frauen war Rabia, eine Sufi Meisterin, die im 8. Jahrhundert nach Christus in Basra lebte:

Als Waisenkind verarmter Eltern wurde Rabia in die Sklaverei verkauft, wobei ihr Herr auch die sexuelle Verfügungsgewalt über sie besaß. Sie schlief oft wochenlang nicht und verbrachte die Zeit mit Fasten, im Gebet und in Meditation. Eines Nachts bemerkte ihr Herr einen hellen Lichtschein über ihrem Kopf, der das gesamte Haus erleuchtete. Darüber erschrocken ließ er sie frei und sie begann in der Wüste ein abgeschiedenes Leben als Sufi. Auch wenn sie später in die Stadt Basra zurückkehrte, blieb sie ihr gesamtes restliches Leben keusch und lehnte trotz legendärer Schönheit jedes Heiratsangebot ab. Eines Tages sah man Rabia in den Straßen von Basra mit einem Eimer Wasser in der einen Hand und einer Fackel in der anderen Hand. Als sie gefragt wurde, was dies zu bedeuten habe, antwortete sie: „Ich will Wasser in die Hölle gießen und Feuer ans Paradies legen, damit diese beiden Schleier verschwinden und niemand mehr Gott aus Furcht vor der Hölle oder in Hoffnung aufs Paradies anbete, sondern nur noch um Seiner ewigen Schönheit willen."
Rabia wurde einmal gefragt: „Liebst Du Gott?“ Sie antwortete: „Ja.“ – „Hasst Du den Teufel?“ Sie antwortete: „Nein. Meine Liebe zu Gott lässt mir keine Zeit, den Teufel zu hassen.“

Ein anderer Sufi Meister oder Mystiker lebte im 13. Jahrhundert in Konya, der damaligen Hauptstadt des Seldschukischen Reiches. Er wird Rumi (derjenige aus Ostrom) oder liebevoll Maulana (Mewlana-unser Herr) genannt und wird sowohl in der türkischen als auch in der iranischen Kultur verehrt. Wir erzählen die Geschichte von dem "Elefanten im dunklen Raum". Beispiele sind auf einer CD versammelt: "Wer klopft an die Tür?".

Eine weitere Frau, die das Leid ihrer Landsleute zur Sprache bringt ist Simin Behbahani. Sie dichtet so:

Nicht einer, nicht zwei...es waren fünf

Nicht einer, nicht zwei...es waren fünf - und dennoch
mir ist's als wären es mehr als zehn mal fünf gewesen.
Und wie nur ist es möglich, dass Galgen (an denen sie hingen)
einst Bäume waren, die sich den Äxten widersetzten?

Sagt mir wie ich beschreiben soll die Tage als die Galgen noch Bäume waren:
Aufrecht und frei die Kronen erhoben, gruben sie ihre Hacken in die Wiese.
Als die Brise sie im Garten fand und sich um ihre Zweige wand
Rührte ihre Botschaft alle auf sanft tänzelnde Weise.

Jetzt sind auf ihnen Häupter gewachsen,
Köpfe, die vom gebroch'nen Genick hängen
Köpfe ausgewachsener Gestalten,
vielleicht auf ihre Weise Champions.
Sie werden dem Warten überlassen,
mit baumelnden Beinen, gänzlich ihrer Worte und Sprache beraubt, -
diese Köpfe, deren Geschichten Stapel von Büchern hätten füllen können!

Nur Wolken könnten jetzt Tränen auf ihre gebrochenen Leiber regnen,
denn Mütter durften nicht bei ihnen weilen selbst nicht beim Tod.

Verschwendet keine Beschwerde über den gewissenlosen Richter, der
Feind war, nicht Feind der Dunkelheit und Tyrannei,
sondern Feind des Schöpfers des Lebens.

Weitere Geschichten und Gedichte von Rumi sind zum Besten gegeben worden und auch dieses Gedicht von Rasoul Fagh aus der Solidaritätsaktion der Betreiber der website mehriran.de.

Den Kindern der Freiheit

Den Kindern der Freiheit

gleichen Winde und Wellen,

Stürme und Sternenlicht

nicht zu fassen werden sie sein.

Ihr Kinder der Freiheit 
kennt Eure Träume,

andere schlafen
 für Ewigkeiten durchs Leben.

Harte Felsen macht ihr mürbe

und sie stürzen,

kalte Herzen und blinder Gehorsam
 
sind nicht Teil Eurer Lebensmelodie.

Wenn Ihr singt, Ihr Kinder der Freiheit

zittern die Herrscher im Turm,

wenn Eure Arme sich umfassen

endet die Zeit der Despoten.

Oh Ihr Kinder der Freiheit

ich höre uns träumen,

ich höre im Herzen unsre feurige Melodie -

und wann werden wir sie wieder gemeinsam singen? ---

Vielleicht gibt es innerhalb der Machtelite Menschen, die Gutes wollen, aber Böses bewirken, weil sie sich den Dimensionen ihres Handelns nicht bewusst sind. Diese Menschen müssen durch stetes 'name and shame' von Außen auf diejenigen Dimensionen aufmerksam gemacht werden, die sie lieber ausblenden.

Neben der Einzelfallarbeit, die Amnesty mit Hilfe so vieler Menschen in wunderbarer und unermüdlicher, selbstloser Arbeit leistet, braucht es weitere Massnahmen, damit die Bürgerinnen und Bürger Irans in einem freiheitlichen statt bevormundendem System ihr Schicksal endlich selbst gestalten und sich nicht nur wehren und durchlavieren müssen. Es braucht ein gemeinsames Bewusstsein der Gefahren für das Menschsein aller auf der ganzen Welt.

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news-882 Wed, 11 Jun 2014 01:22:00 +0200 Ja und Nein - Warum sie im Iran Menschenrechte verletzen http://mehriran.de/artikel/ja-und-nein-warum-sie-im-iran-menschenrechte-verletzen.html Rede am 10.06.2014 während der 26. Sitzung des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen in Genf. - Im Iran werden grundlegende Menschenrechte weiterhin massiv verletzt. Es gibt jene, die für Verbesserungen der Menschenrechtslage in der Iranischen Gesellschaft kämpfen. Doch sie sehen sich einer Gruppierung gegenüber, die den Anschein erweckt ein Wolf im Schafspelz zu sein. Die Mitglieder der Fraktion dieser Wölfe sind überzeugt von messianischen Ideologien im Sinne Ahmad Fardids und verbergen sich hinter einer Maske, die sie Islam nennen.

Das Netzwerk dieser Leute heisst Ammaryioun. Zwei einflussreiche Mitglieder dieser bedrohlichen messianischen Sekte sind Mehdi Taeb, Leiter des Ammar Think Tanks und Hossein Shariatmadari, Herausgeber der Tageszeitung Keyhan. Ihre Ideologie verspricht jenseitige Erlösung von irdischen Leiden und sieht für Nichteinsichtige und Andersdenkende Zwangsmassnahmen verschiedenster Art vor. Sie scheuen sich nicht internationales und selbst nationales Recht zu brechen, Andersdenkende zu verteufeln, mit erfundenen Anschuldigungen zu überhäufen und zu hetzen. Das Geschäft, das sie betreiben, heisst geistige Brandstiftung.

Andererseits könnte der neue Präsident Rohani sich als Held für kurze Zeit erweisen, der zumindest versucht die genannten "Wölfe" und ihre Absichten sichtbarer werden zu lassen, obwohl der Weg zum Respekt der Bürgerrechte und der Menschenrechte im Iran noch ein langer sein wird.

Doch warum sollte jemand im Iran ein Interesse haben Menschenrechte zu verletzen?

Wichtige Stützen des Velayat-e Faghi Führungsprinzips wie Makarem Shirazi, Ahmad Alamolhoda und Ahmad Khatami, propagieren ihre Überzeugungen immer wieder während der wichtigen Freitagspredigten. Sie betonen, dass die Bevölkerung sich hinter das Regime stellen muss, da dieses System ein Alleinstellungsmermal für sich in Anspruch nimmt den Weg zum Paradies zu ebnen - und wer nicht folgt sollte gezwungen werden. Nun, das ist eine unglaubliche Anmassung!

Leuten den Weg zum Paradies ebnen mag für viele attraktiv klingen, wenn man nur sehr oberflächlich auf ein solches Versprechen schaut. Für diese scheinbar noble Absicht Menschen den Weg ins Paradies zu ebnen, schreiben Kleriker für Leute anderer Glaubensvorstellungen oder Andersdenkender die Anwendung von Gewalt vor.

Wer gewohnt ist in engen Vorstellungen zu denken: "Doch warum sollte jemand nicht ins Paradies wollen und warum sollte die Regierung nicht den Menschen den Weg dorthin ebnen?"

Vielleicht gehen Menschen eigene Wege ins Paradies, vielleicht wollen sie gar nicht ins Paradies, vielleicht dies, vielleicht jenes. Diese Entscheidung sollte den Individuen und nicht einem System oder einer Regierung für die Menschen zu entscheiden überlassen sein.

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen schreibt in Artikel 18:

"Jeder Mensch hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfasst die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, in der Öffentlichkeit oder privat, durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Vollziehung von Riten zu bekunden."

Diese Erklärung beinhaltet, dass jeder Mensch das Recht und die Freiheit hat seine Religion, seinen Standpunkt und wie er das Paradies erreicht selbst wählt.

Wie wir eben von verschiedener Seite und von verschiedenen Vertretern ethnischer, religiöser und anderer Gruppen erfahren haben, ist dies nach wie vor nicht der Fall im Iran!

Denken Sie! Vor wenigen Tagen hat das Parlament in Teheran ein Gesetz verabschiedet, das Kleriker schützen soll, die zu physischer Gewalt und Vergewaltigungen aufrufen, wenn sich eine Frau in der Öffentlichkeit ohne die obligatorische Verhüllung zeigt. 

Darüberhinaus behindern die Anstrengungen der Ammaryioun Gruppe und seiner Mitglieder wiederholt Absichten und Schritte, die von der Regierung Rohanis versucht werden. 

Auf der einen Seite veranlasste Rohani die Freilassung von Frau Sotoudeh - vermutlich um sich auf internationaler Ebene einiges an Glaubwürdigkeit für die Verhandlungen um das Nuklearprogramm zu verschaffen - auf der anderen Seite setzen paramilitärische Kräfte im Dienst des Regimes Zerstörungen von Baha'i Friedhöfen fort oder greifen politische Gefangene im Evin Gefängnis an.

Einerseits durften Derwische nach 8 Jahren wieder ihre Schriften und Bücher veröffentlichen, auf der Teheraner Buchmesse ausstellen und bei öffentliche Konfernzen ihr Wissen beitragen, andererseits wird weiter Druck auf Nematollah Gonabadi Derwische ausgeübt. Willkürliche Verhaftungen, Verweigerung medizinischer Hilfe, Anwendung von Gewalt gegen Inhaftierte und Verurteilungen ohne Anhörungen sind immer noch gegeben. Hier nur einige Namen domumentierter Fälle: Seyed Ebrahim Bahrami, Mohammed-Ali Dehghan-Borki, Mohsen Esmaili, Kasra Nouri, Mohammad Ali Sadeghi, Abbas Salehian-Barzeki, Farshid Yadollahi, Omid Behrouzi.

Herr Rohani scheint gegen Windmühlen zu kämpfen, wenn er an die Adresse der Freitagsprediger gerichtet, deren krude Ansichten über die Pflicht der Regierung, die Bevölkerung zur Befolgung bestimmter als Islamisch bezeichneten Regeln zu zwingen, damit allen der Weg ins Paradies geebnet werde: "Manche Leute gehen offensichtlich keinen wichtigeren Aufgaben nach. Sie haben keine Arbeit, keinen Beruf, geben sich Täuschungen hin und sorgen sich unaufhörlich über den Glauben der Bevölkerung und deren Leben nach dem Tod. Weder wissen sie was Religion ist noch ein Leben nach dem Tod, aber sie sorgen sich unaufhörlich darum."

Wenn wir nun fragen: "Gibt es eine Verbesserung oder eine Verschlechterung der Menschenrechtssituation im Iran, seit die neue Regierung an der Macht ist?" - könnte ein Teil der Wahrheit Ja sein, aber sicherlich wiegt das Nein stärker. 

Viel wichtiger jedoch sind die Signale der internationalen Gemeinschaft für die leidende Bevölkerung im Iran und natürliche die Signale an die Vertreter eines Systems, die ihre Ansichten wie das Paradies zu erreichen sei gnadenlos jedem Individuum überstülpen wollen.

Solche Unterdrückungen zur Sprache bringen, wie es Ahmad Shaheed kürzlich zusammen mit weiteren Menschenrechtsbeauftragten seine Stimme getan hat, ist nach wie vor nötig und sollten ruhig häufiger geschehen. Auch unter dem Eindruck vieler erschütternder Konflikte in anderen Regionen der Welt, sollte die weltweite Aufmerksamkeit in Bezug auf Iran nicht nachlassen.

Zum Schluss lade ich Sie alle ein, den berühmten Ratschlag des iranischen Dichters Sa'adi an seine Landsleute zu beherzigen: "Wenn die Ameisen ihre Kräfte vereinen, werden sie mit Leichtigkeit die Wölfe überwinden." - und fügen wir noch hinzu - sogar die Wölfe im Schafspelz.

Helmut N. Gabel für mehriran.de

Quelle: http://mehriran.de/artikel/ja-und-nein-warum-sie-im-iran-menschenrechte-verletzen.html

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news-880 Sat, 07 Jun 2014 23:41:00 +0200 "Wo haben Sie Religion studiert Herr Rohani? In Qom oder in Britannien?" http://mehriran.de/artikel/wo-haben-sie-religion-studiert-herr-rohani-in-qom-oder-in-britannien.html Die Kluft zwischen Hardlinern und Regierung im Iran. Ideologische Steinwürfe zwischen beiden Lagern zeigen das Bild einer zerrissenen Elite. Wo steht Khamenei? Anfang August 2013 wurde der neue Präsident Hassan Rohani in sein Amt eingeführt und vielerlei Hoffnungen begleiten seither sein Wirken. Er hatte sich Diplomatie auf die Fahnen gesetzt, um ein Ende der wirkungsvollen Sanktionen zu erreichen.

"Dieses Land braucht nationale Entschlossenheit, um sich von Extremismus zu entfernen in Wirtschaft und Politik." - sagte Rohani bei seiner Amtseinführung, während sein Oberster Führer Khamenei seine Unterstützung zum Ausdruck brachte: "Die Wahl Rohanis ist eine deutliche Botschaft." 

Es war schon damals klar, dass die Hardliner, in deren Händen Justiz, Polizei sowie Pasdaran und Bassidschi liegen, Rohani das Leben schwer machen würden. Rohani erreichte die vorzeitige Freilassung von Nasrin Sotoudeh im Herbst 2013, um der Welt zu zeigen, dass er etwas bewirken kann. Doch werden andere Entlassungen wie zum Beispiel von Mehdi Karroubi, Mir Hossein Mousavi, Zahra Rahnavard oder verschiedener ethnischer, religiöser oder politischer Dissidenten nach wie vor verhindert. Dafür prügelten Geheimdienstagenten in Kampfausrüstung im April 2014 unbarmherzig auf politische Gefangene der Abteilung 350 im Teheraner Evin Gefängnis ein.

Jüngst wurde die Kluft zwischen Hardlinern und der aktuellen Regierung unter Rohani an ideologischen Streitereien sichtbar.

Zu den Hardlinern, die sich als ewige Wächter und Fortführer der sogenannten islamischen Revolution empfinden, gehören Männer wie Hossein Shariatmadari, Herausgeber der Keyhan, Mehdi Taeb, Direktor des sehr aktiven Think Tanks Ammaryioun, Said Ghassemi, Mitglied einer ideologischen Kaderschmiede der Pasdaran oder Mesbah Yazdi, einem Religionsphilosophen und Direktor des Imam Khomeini Institutes in Qom. 

Rohani geniesst die Unterstützung des gut vernetzten Politfuchses Rafsandjani und vieler moderater Kleriker. Deutet man die Bilder des diesjährigen Khomeini Gedenktages Anfang Juni folgerichtig, dann scheint sogar Khamenei von seinen treuesten und entschlossensten Anhängern abzurücken. Khamenei wich am Gedenktag nicht von der Seite Hassan Khomeinis, dem Enkel des Urrevolutionärs. Solche Gesten sind nicht zufällig. Hassan Khomeini unterstützt Rohani und versucht seit Jahren gegen den Widerstand der Hardliner einige Aspekte der Islamischen Revolution seines Großvaters in weicheren Auslegungen darzustellen. Neben anderen Anzeichen könnte man das als Bekenntnis Khameneis zu Rohanis Weg verstehen und Ermahnung an die Hardliner sich zurück zu halten.

Mesbah Yazdi und Hassan Rohani disputierten jüngst über die Rolle von Religion im Staatswesen. Rohani sprach von Geistlichen, die sich ständig um das Seelenheil der Bevölkerung im Jenseits machen und obwohl sie keine Ahnung von Religion hätten, würden sie die Bevölkerung zwingen wollen sich in einem engen Korsett zum Paradies zu begeben und dazu auch noch der Regierung die Verantwortung übertragen dafür zu sorgen, dass Leute in diesen eng gesteckten Grenzen ihr Leben führen. Mesbah Yazdi ist bekannt dafür, Zwang und Gewalt zur Durchsetzung bestimmter Vorstellungen von Islam zu propagieren. Er giftete denn auch gleich zurück, natürlich ohne Rohanis Namen zu nennen: "Wo haben Sie Religion studiert? In Qom oder in Britannien?" Rohani hat unter anderem in Glasgow studiert.

Vor kurzem hatte Hossein Shariatmadari Besuch vom Minister für Nachrichtenwesen und Staatssicherheit Mahmoud Alawi. Shariatmadari galt bislang immer als heimliches Sprachrohr Khameneis mit seinen scharfzüngigen Artikeln in seiner Zeitung Keyhan. Shariatmadari spart auch nicht mit Kritik an Rohani, seine Befürchtung ist, dass die sogenannte Islamische Revolution im Bemühen die Sanktionen aufzuheben verloren geht. Doch Khamenei scheint den Hinweisen Rafsandjanis zu vertrauen durch Verhandlungen mit den USA die Haut Irans zu retten, anstatt weiterhin auf Konfrontation zu setzen. Aus unterrichteten Kreisen heisst es, dass die lange von Obama verschmähten iranischen Oppositionellen Volksmujahedin ein Bündnis mit dem syrischen Oppositionsführer im Exil Ahmad Dscherba geschlossen hätten, wodurch die USA schliesslich ihre Bedenken zu Waffenlieferungen an die Freie Syrische Armee fallen gelassen hätten und hoch entwickelte Boden-Luft Raketen liefern werden, um Assad, den Verbündeten Irans,  endlich zu stürzen. Das wiederum wäre ein herber strategischer Schlag für Iran.

Alawi hatte wohl den Auftrag Shariatmadari davon zu überzeugen, dass Khamenei sich von der harten Linie der ewigen Revolutionäre gelöst hat, um nicht das System  in dieser brenzligen Weltlage zu gefährden.

Iran wird derzeit von einem Club alter Männer geführt. Wer weiss schon, was passieren wird, wenn sie einer nach dem anderen sich auf den Weg ins Jenseits machen werden? Oder wird doch die Generation um General Jafari, der die Pasdaran befehligt die Zügel wieder in die Hand nehmen, wie sie es bei der Wiederwahl Ahmadinejads 2009 getan haben? Was wird dann mit den Verhandlungen um das Nuklearprogramm?

Rasoul Moatamedi

Quelle: http://mehriran.de/artikel/wo-haben-sie-religion-studiert-herr-rohani-in-qom-oder-in-britannien.html

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news-878 Fri, 09 May 2014 21:33:00 +0200 Hadi Tabandeh verstorben http://mehriran.de/artikel/hadi-tabandeh-verstorben.html Wie die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran mitteilte ist der Sohn von Dr. Nour Ali Tabandeh heute im Krankenhaus verstorben. Hadi Tabandeh ist heute in einem Teheraner Krankenhaus verstorben. Laut Informationen aus dem Umkreis der Familie ist der Sohn des Oberhaupts des Nematollah Gonabadi Ordens einer Krankheit erlegen.

Derwische aus dem ganzen Land werden sich auf den Weg nach Teheran machen, um an dem Begräbnis teil zu nehmen. Aus dem Ausland ergehen Beileidsbekundungen an die Familie Tabandeh. Auch der Vorsitzende von IOPHRI, Dr Seyed M. Azmayesh, bezeugte der Familie seinen Respekt.

IOPHRI berichtet immer wieder von den Menschenrechtsverletzungen gegen Mitglieder des Nematollah Gonabadi Ordens durch fundamentalistische Regime Kräfte im Iran.

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news-877 Tue, 29 Apr 2014 20:05:00 +0200 Was haben wir nach dem Regierungswechsel im Iran zu erwarten http://mehriran.de/artikel/was-haben-wir-nach-dem-regierungswechsel-im-iran-zu-erwarten.html Vortrag für Amnesty International am 19. Juni 2014 - Ein zentrales Problem der Diskussion über die präventive gewaltlose humanitäre Intervention ist ihre missverständliche Verwechselung mit militärischer Intervention. Zudem wird sie entweder als illusionär belächelt oder als Verletzung der „nationalen Souveränität“ der Staaten kategorisch abgelehnt. Letztere übersieht die zunehmende Globalisierung und ihre institutionelle Folgen der „Souveränität“ auf allen Ebenen. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ (Kant)

Zwar ist seit Kants Beitrag zur „Aufklärung“ bekannt, dass „Aufklärung…der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit (ist). Er fügt aber hinzu: „Zu dieser Aufklärung wird nichts erfordert als Freiheit“, „ von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.“[1] Gerade diese existenzielle Freiheit wird in der „Islamischen Republik“ mit aller systematischen Gewalt unterdrückt. Um diese Freiheit im Sinne der Erweiterung des Entscheidungs- und Handlungsspielraum der Menschen zu ermöglichen, fühlt sich die humanistische Weltöffentlichkeit zur Intervention verpflichtet. Aber wie?

In diesem Beitrag möchte ich kurz die Notwendigkeit präventiver gewaltloser humanitärer Interventionen zur Förderung der institutionellen Sicherung dieser Freiheit in Iran diskutieren und zwar angesichts institutionalisierter Verletzungen der Menschenrechte und  in Anbetracht der illusionären Erwartungen, die Rohanis Wahlversprechen erweckt haben. Zumal die Charme Offensive Rohanis und die seines als versiert gehandelten Außenministers Zarif diese Illusionen noch verstärkt haben. Denn es gibt unzählige Versprechen, deren systemimmanente Erfüllung beim besten Willen mit unüberwindbaren institutionalisierten Hindernissen konfrontiert sind. Ihre Erfüllung würde nicht nur die Abschaffung der verfassungsmäßig verankerten Scharia als Bezugsrahmen jeglicher Entscheidungs- und Handlungsspielräume voraussetzen[2] sondern auch die der „totalen Herrschaft des Theokraten“, der sich als „Vormund der Nation“ begreift und eine totale „Gleichschaltung“ der Gesellschaft anstrebt.  Darüber hinaus blockiert die scheinbare Gewaltenteilung in diesem „totalen Überwachungsstaat“ -  in dem der „Führer“ über „Richtlinienkompetenz“ verfügt und auf jedem Gebiet das letzte Wort beansprucht - die Judikative direkt und die Legislative mittels einer Vorselektion der Parlamentarier durch den „Expertenrat“ vollkommen kontrolliert. Hinzu kommen die militärischen, paramilitärischen, polizeilichen und nachrichtendienstlichen Organe, die unter seinem unmittelbaren Kommando stehen. Zu einem mehr oder weniger ausführenden Organ der Politik des „Führers“ degradiert, hat der Staatspräsident zwar verfassungsrechtlich gewisse Rechte und Pflichten, wie z.B. die Wahrung der verfassungsmäßig garantierten Rechte der Staatsbürger. Allerdings fehlen ihm auch angesichts der mehr oder weniger unstabilen Machtbalance in der „Islamischen Republik“ die nötigen Sanktionsmittel, die formal rechtlich und tatsächlich weitgehend durch den Führer monopolisiert worden sind. Angesichts dieser institutionalisierten und realen Machbalance zugunsten der „konservativen Hardliner“ müssen die Wahlversprechen des Präsidenten illusionär bleiben. Die bevorstehenden Parlamentswahlen und die zu erwartenden Umbesetzung des „Expertenrats“ als Bollwerk der Hardliner sowie die mögliche Nachfolgeregelung für den  kränkelnden „Führer“ erschweren zudem jede politische Öffnung.

I. Zu den illusionären Erwartungen, die Rohanis Wahlversprechen geweckt haben

Zu diesen unerfüllbaren Wahlversprechen gehören u. a. die versprochene politische Liberalisierung sowie die Überwindung der  Frauen-  sowie religiösen und konfessionellen Diskriminierungen[3], die zuweilen mit ethnischen Diskriminierungen einhergehen. Diskriminierungen, die zuweilen zur zunehmenden Eskalation der Spirale der Gewalt wie z.B. neulich in Sistan und Belutschistan geführt haben. Eine Institutionalisierung der Freiheit und Gleichheit im Sinne der zunehmenden Erweiterung der Entscheidungs- und Handlungsspielräume der Menschen als Einzelne und unabhängig von ihren Gruppenzugehörigkeiten ist im Rahmen der „Islamische Republik“ ein unmögliches Unterfangen, selbst wenn Rohani ein „Bürgerrechtscharta“ in Aussicht stellt. Dies hat nicht nur die bisherige Erfahrung der Menschen seit der Konstitution dieser „Republik“ bewiesen. Das dieser Staatsform zugrunde liegende Bild des Menschen als ewig unmündig widerspricht der individuellen Freiheit, Gleichheit und dem Ethos der Menschenrechte. Als ewig unmündige Menschen haben Menschen demnach keine Rechte sondern nur religiöse Pflichten.  Dies drückt sich nicht nur in den verfassungsmäßigen Einschränkungen aller in der Verfassung verankerten bürgerlichen Rechte und Menschenrechte durch die Scharia aus, sondern auch in der Islamisierung der Menschenrechte, die anstatt den Islam zu humanisieren die Menschenrechte archaisiert, indem sie die vorislamischen archaischen Verhaltens- und Erlebensmuster  der arabischen Stämme zu „Gottes Gesetz“ erklärt und diese Scharia als einzigen Bezugsrahmen aller Menschenrechte zugrunde legt.[4]

Hinzu kommt der Charakter der „Islamischen Republik“ als eine Quadratur des Kreises, die sich als Folge einer Veralltäglichung der charismatischen Herrschaft Khomeinis ergab. Denn die „islamische Republik“ ist  Folge der „Islamisierung“  einer Revolution, die  als Funktion einer wachstumsorientierten Modernisierung eine funktionelle Demokratisierung der Gesellschaft, im Sinne der Verschiebung der Machtbalance zwischen Etablierten und Außenseiter zugunsten der Letzteren, Vorschub leistete und zugleich die institutionelle Demokratisierung der Gesellschaft  und des sozialen Habitus der involvierten Menschen unterband. Die Islamisierung der Revolution ist daher ein Nachhinkeffekt der Demokratisierung und Zivilisierung des sozialen Habitus im Sinne der Erziehung der sie tragenden Menschen zur Mündigkeit. Sie manifestierte sich in ihrem autoritären Charakter, der die charismatische Führungsfunktion Khomeinis hervorbrachte. Sie führte zur Etablierung einer Theoidiokratie, die sich  in einer institutionellen Ent-Demokratisierung und einem De-Zivilisierungsschub der Staatsgesellschaft in Gestalt eines zunehmenden Stellenwerts der Gewalt als Regulationsprinzip der inner- und zwischenstaatlichen Beziehungen und Konflikte ausdrückt. Die Förderung der Unmündigkeit in Gestalt der „Islamischen Kulturrevolution“, die Kasernierung der Gesellschaft sowie die polizeistaatliche Problemorientierung des Establishments und die Bildung der exterritorialen Einheiten der „Revolutionsgarde“ sind die nicht zu übersehbaren Manifestationen dieser Herrschaftsform. Diese Entwicklungsprozesse prägen eine „Republik“, die man als eine Theoidiokratie bezeichnen kann. 

II. Warum ist die als die beste Demokratie der Welt gepriesene „Islamische Republik“ eine Theoidiokratie und welche strukturelle Folgen ergibt sich für die Durchsetzung der Menschenrechte?

Allerdings möchte ich keinesfalls mit dieser Charakterisierung der „Islamischen Republik“ ihren sozialen Träger stigmatisieren, sondern nur auf die theologische Begründung der Notwenigkeit der Entstehung und Erhaltung dieser Herrschaftsform aufmerksam machen. Sie ist eine theokratisch begründete Herrschaft der Geistlichkeit, die als „Islamische Demokratie“ durch periodische Akklamationen der „Untertanen Gottes“ bestätigt wird. Ihren idiokratischen Charakter verdankt sie einer Herrschaftsform, der ein Bild der Menschen als ewig unmündig zugrunde liegt, die eines Vormundes der Geistlichkeit bedürfen.

Sie entstand als „Konstruktion einer Wirklichkeit“ durch Aj. Khomeinis Begründung der Notwendigkeit der Herrschaft der Theologen zur Durchsetzung der „Gottes Gebote“, weil nur dadurch ein „Chaos“ abgewendet werden könne. Da Menschen aber unmündig seien und damit unfähig zur Kenntnis dieser Gebote, bedürften sie einer Vormundschaft der Theologen als „Rechtsgelehrten“ im Sinne des „Philosophen Königs“ Plato.  Damit wurde eine theologisch begründete „Republik der Unmündigen“ konstituiert. Wer aber diese „Vormundschaft“ der Theologen akzeptiert, bestätigt seine Unmündigkeit und  identifiziert sich gern mit diesem Angreifer seiner eigenen Integrität. Als solche ist die „Islamische Republik“ eine theokratisch begründete Idiokratie im Sinne der Herrschaft der sich als dumm begreifenden unmündigen Menschen mittels der Theokraten.  Diese Herrschaftsform wird in der „Islamische Republik“ als „die beste Demokratie der Welt“ gepriesen.

Allerdings wurde vor und während der Revolution diese Version der Begründung der „Islamischen Republik“ in der Öffentlichkeit nicht offensiv vertreten, obwohl viele politisch aktiven Oppositionellen das diesbezügliche Buch von Aj. Khomeini über „Der Islamische Staat“ hätten kennen müssen. Deswegen erhielt diese Saatsauffassung unter der Führung Aj. Khomeini einen großen Zuspruch, weil er auch in seinen Pariser Erklärungen die Errichtung einer Republik nach westlichem Vorbild ausdrücklich in Aussicht stellte. Deswegen ist sie eine auf Lüge gegründete „Republik“, die sich nur durch weitere Lügen reproduzieren kann, wie sie sich in der alltäglichen Verlogenheit des Establishments und der unüberschaubaren und allgegenwärtigen Korruption im Lande manifestiert.

Da die sich im Nachhinein betrogen fühlenden ehemaligen Khomeinisten immer noch nicht bereit sind, auch ihre eigene Naivität als eine der Bedingungen der Möglichkeit der Glaubwürdigkeit dieses später von Khomeini als „List“ bezeichneten Betruges zu akzeptieren und weil sie inzwischen sukzessiv marginalisiert wurden, muss die „Islamische Republik“ mindestens für die restlichen 5 – 10 % der weiterhin sie tragenden Menschen als Theoidiokratie akzeptabel sein.

Die „Islamische Republik“ hat sich aber auch inzwischen mit der zunehmenden Marginalisierung der republikanischen Theokraten zu einer Theoidiokratie im Sinne der Herrschaft der dümmsten Theokraten entwickelt, wenn man ihre alltäglich verbreiteten  Selbst- und Weltbilder berücksichtigt. Wer z. B. heutzutage die Erdbeben als Folge des zunehmenden Sittenverfalls der Frauen begreift und deren Verschleierung als einzige Möglichkeit der Verhinderung der Wiederholung solcher Gottes Strafen begreift, kann doch keine Weisheit beanspruchen angesichts der inzwischen jedem zugänglichen naturwissenschaftlichen Erklärung der Naturereignisse.

Ein anderer Aspekt dieser Idiokratie der etablierten Theokraten ist ihr fundamentalistisches Bild von Scharia als den wörtlich überlieferten „Islamischen Gebote“, auf die sich die gegenwärtig dominante kerngruppe der Macht – die „Prinzipienorientierte“ („Ussulgerajan“) - richtet, für deren Durchsetzung der „Systemerhaltung“ eine absolute Priorität zukommt.

Sie folgen damit einer Vorgabe von Aj. Khomeini, der allerdings vor der Revolution die Notwendigkeit der Einhaltung der „Gebote des Islams“ als Begründung der Unentbehrlichkeit der Theokratie bemühte. Für ihn bekam aber nach der „Revolution“ und angesichts der Herausforderungen der demokratischen Opposition, „die Erhaltung des Systems“ (Hefz-e Nezam) die absolute Priorität sogar vor den „primären Gebote des Islams“, die ja zeitweilig suspendiert werden durften. Nicht nur die erbarmungslose Verfolgung und Unterdrückung  Andersdenkender seit der Machtergreifung Khomeinis ist die blutige Manifestation dieser Prioritätssetzung des Regimes, das sich zunehmend auf paramilitärischen Einheiten der „Bassidj“ und der sich für die Verteidigung der „Islamischen Revolution“ im In- und Ausland und auf allen Felder der Wirtschaft, Politik und Kultur  verpflichtet fühlenden „Revolutionsgarden“ stützen muss; sondern auch die der sich aus dieser totalitären Herrschaftsform ergebende allgegenwärtige Verlogenheit und Korruption im „Vaterland der Gläubiger der Welt“ (Ommol Ghora). 

III. Zur Dominanz des dogmatischen Gehalts einer Zwölferschiitischen Lesart des Islam in der „Islamischen Republik“ als „Islamisierung“

Diese Geschichte der zunehmenden Brutalisierung und Korrumpierung der „Islamischen Republik“ ist daher mit Blut geschrieben, die mit den Hinrichtungen der Verantwortlichen des „Ancien Regimes“ begann und mit der sukzessiven Eliminierung Andersdenkender bis heute fortgesetzt wurde, ohne durch einen „Regierungswechsel“ aufgehalten worden zu sein.

Diese Geschichte schreibt sich als Geschichte der „Islamisierung“ der nachrevolutionären „Staatsgesellschaft“. Dabei dominierte schon von Anfang an die Durchsetzung des dogmatischen Gehaltes einer Zwölferschiitischen Lesart des Islams, die gegenwärtig durch Extremkonservative „Usulgerajan“ („Prinzipienorientierte“) repräsentiert wird; unterdessen geriet mit der Unterdrückung der liberalen Islamisten der ethische Gehalt der Religion zunehmend in Vergessenheit. Diese  Vernachlässigung des ethischen Gehaltes des Islam ergab sich aus der von Khomeini geforderten Systemerhaltung um jeden Preis, die zu einer weiteren Glorifizierung einer besonderen Lesart der versteinerten Dogmen führte.

Durch die Verfassungsreform unmittelbar vor dem Ableben Khomeinis wurde der totalitäre Charakter der etablierten theokratischen Herrschaft in Form der „absoluten Schriftgelehrten Herrschaft“ sogar gesteigert und als ewig unveränderbar festgeschrieben. Seitdem ist sogar jede kritische Äußerung gegen diese Herrschaftsform strafbar. Dafür werden alle mobilisierbaren Machtquellen eingesetzt, um diese Herrschaft auch gewaltsam aufrechtzuerhalten, weswegen man auch von einer totalitäreren Gewaltherrschaft bzw. vom „Polizeistaat“ sprechen kann. Nicht nur verschiedene Sicherheitsorgane des Innenministeriums und der offizielle Nachrichtendienst, die unter dem direkten Kommando des Führers stehen, sorgen für die „Staatssicherheit“; sondern auch die allgegenwärtige „Revolutionsgarde“ mit ihrer zahlreichen „kulturellen“, „ökonomischen“, „politischen“, „ideologischen“ u.a. „Kampffronten“. Mit ihrem unter der direkten Befehlsgewalt des Führers stehenden parallelen Geheimdienst der „Revolutionsgarde“ mit eigenen Gefängnissen und Verhörpersonal, die informell nicht nur die Anklageschriften anhand der unter Folterung erpressten Geständnisse formulieren, sondern auch das jeweilige Strafmaß vorgeben. In diesem System  fungieren die, das Recht beugenden, „Richter“ lediglich als juristisches Feigenblatt der Gewaltherrschaft der „Revolutionsgarde“, deren rechtswidrige Handlungen sie juristisch legitimieren.

IV. Zum Unterschied der konservativen und moderaten Khomeinisten als Voraussetzung der Vermeidung illusionärer Hoffnungen auf „Moderate“

Nicht aber nur die demokratischen Kritiker dieser Herrschaftsform werden verfolgt - obwohl bis jetzt keine politischen Delikte gesetzlich definiert worden sind - weswegen sie unter dem Etikett „die Sicherheit gefährden“ verfolgt werden; sondern auch ihre systemimmanenten reformistischen Kritiker, die die Suspendierung der republikanischen Komponente der Verfassung beklagen und die Wiederbelebung dieser Komponente versprechen. Dies würde aber die verfassungsmäßige Einschränkung  eines absoluten Herrschers bedeuten, dessen Imperativ als unanfechtbare Pflicht jedes „Untertanen“ gilt; eines Herrschers, der mit Ludwig der XIV. sagen kann: ich bin der Staat!

Doch diese systemimmanente Kritik seitens derjenigen, die sogar ihre offiziell erwartete „praktische Verpflichtung gegenüber der Herrschaft des Theologen“ („Eltezam Amali be welajat“) unmissverständlich beteuern, ist eine unabdingbare Begleiterscheinung jeglicher Veralltäglichung der charismatischen Herrschaft, die „eine spezifisch außeralltägliche und reine persönliche soziale Beziehung"[5] ist.

Mit dem Ableben Khomeinis wurde zwar versucht - mit einer scheinbaren „Nachfolgedesignation“ durch Khomeini - den „Glaube an die Eigenlegitimität des Charismas“  in den „Glauben an den legitimen Erwerb der Herrschaft kraft rechtlicher und göttlicher Designation“ zu transformieren. Doch damit entstand auch ein unerbittlicher Konflikt unter den Erben Khomeinis, die zu sukzessiven Exklusionen immer weiterer Teile des politischen Establishments führte. Zuletzt führte dies zur Einkerkerung großer Teile der als „Reformisten“ bekannten ehemaligen „Jüngerschaft Khomeinis“, deren Führer und Präsidentschaftskandidaten der 11. Präsidentschaftswahlen, Mussavi und Kahroubi, wegen Anfechtung der Wahlergebnisse ohne jegliches Gerichtsverfahren unter Hausarrest stehen.

Was aber zur Neuformierung der Nachfolger Khomeinis in konservative „Usulgerajan“ („Prinzipienorientierte“) und „Moderate“ und „Reformisten“ treibt, sind ihre „autoritäre“ versus „demokratische“ Legitimationsprinzipien der veralltäglichten charismatischen Herrschaft des „Führers“.  Denn das seinem primären Sinn nach autoritär gedeutete charismatische Prinzip kann auch quasi „antiautoritär“ umgedeutet werden[6]. Für die autoritären Konservativen „Usulgerajan“, die zwischen „göttlich vermittelte Legitimität“ des Herrschers und seine „Akzeptanz“ (Maghbulijat) durch die Gemeinschaft der Gläubigen unterscheiden, ist die Herrschaft des „Revolutionsführers“ lediglich deswegen legitim, weil die Gläubiger ihm die Anerkennung schulden. Denn die Menschen haben nur religiös bestimmte Pflichten aber keine Rechte, die nur Gott zustehen und von ihm dem herrschenden Theologen verliehen werden. Diesem Glaubensaxiom u. a. folgend nennen sie sich „Usulgerajan“ („Prinzipien-Orientierte“), die sogar eine praktische „Verschmelzung mit der Herrschaft“ (Zob dar Valajat) anstreben und jegliche republikanische Komponente der Verfassung praktisch suspendieren so lange sie diese nicht formell aufheben können.

Was also die „moderaten“ und „reformistischen“ Fraktionen des politischen Establishments auszeichnet, ist ihr quasi „antiautoritäre“ Legitimationsprinzip der veralltäglichten charismatischen „Schriftgelehrten Herrschaft“, deren weitere Existenz und Stabilität sie als einem „Amtscharisma“ nur so garantiert sehen. Zwar ist diese theokratisch begründete totalitäre Herrschaft eine „traditionelle Herrschaft, Kraft Glaubens an die Heiligkeit der von jeher vorhandene Ordnungen und Herrengewalten“[7]. Als eine Art ständischer Herrschaft der Geistlichkeit versuchen die moderateren Fraktionen des Khomeinismus das Verhältnis zwischen dem Beherrschten und dem Herrscher „demokratisch“ umzudeuten. Demnach sei die freie Anerkennung des Herrschers durch die Beherrschten die Voraussetzung der Legitimität und die Grundlage seiner Herrschaft. Diese freie Anerkennung und Bewährung als Legitimationsgrundlage  der Herrschaft gab es praktisch während Khomeinis charismatischer Herrschaft, woran sich die „Reformisten“ nostalgisch als „goldene Ära des Imam“ (Mussavi) erinnern. Denn eine charismatische Herrschaft ist eine „Kraft affektueller Hingabe an die Person des Herren und ihre Gnadengaben (Charisma)“.[8]

Trotz solcher Differenzen mit den Konservativen sind aber die „Reformisten“ und „Moderaten“ von der Notwendigkeit der theokratischen Herrschaft weiterhin überzeugt. Selbst nach ihrer Exklusion von der Kerngruppe der Macht und der unbarmherzigen Verfolgung und Unterdrückung Teile ihrer Führung stellen nicht einmal alle „Reformisten“ die „Schriftgelehrten Herrschaft“ zur Disposition, die unaufhebbar über verfassungsmäßig garantierte absolute Herrschaftsgewalt verfügt.  Durch diese Unaufhebbarkeit des totalen Herrschaftsanspruchs des „Führers“, die im Innen und nach Außen durch die „Revolutionsgarde“ umfassend und mit allen Mitteln geschützt wird, ist aber eine gewaltsame Eskalation der politischen Konflikte um die institutionelle Demokratisierung der Staatsgesellschaft vorprogrammiert, wenn nicht präventiv gewaltlos humanitär interveniert wird.

V. Was bedeutet gewaltlose präventive humanitäre Intervention zur Unterstützung zivilgesellschaftlicher Entwicklungsprozesse?

Ein zentrales Problem der Diskussion über die präventive gewaltlose humanitäre Intervention ist ihre missverständliche Verwechselung mit militärischer Intervention. Zudem wird sie entweder als illusionär belächelt oder als Verletzung der „nationalen Souveränität“ der Staaten kategorisch abgelehnt.  Letztere übersieht die zunehmende Globalisierung und ihre institutionelle Folgen der „Souveränität“ auf allen Ebenen.

Wer aber eine „humanitäre Intervention“ als einen bewaffneten Eingriff in das Hoheitsgebiet eines anderen Staates zum Schutz von Menschen in einer humanitären Notlage ablehnt, hat keine andere Alternative als diese Notlagen präventiv vorzubeugen. Und zwar gewaltlos.  Die institutionalisierten Menschenrechtverletzungen und die institutionell vorprogrammierte blutiger Eskalation jedes politischen Konfliktes um institutionelle Demokratisierung, wie wir sie nicht nur in Ägypten und Syrien erleben, sondern auch bei der blutigen Unterdrückung der „Grünen Bewegung“ im Iran gesehen haben, machen die präventiven gewaltlosen humanitären Interventionen unabdingbar.

Jede präventive gewaltlose humanitäre Intervention muss daher auf eine Institualisierung der Rahmenbedingungen gewaltloser Austragung der Konflikte hin zielen, bevor sie aus schierer Verzweiflung in blutige bürgerkriegsartige Auseinandersetzungen ausufern wie in Syrien. Denn diese Konflikte sind Manifestationen der nie endenden Macht- und Statuskämpfe und als solche die Struktureigentümlichkeit jeder menschlichen Beziehung, die mit zunehmender funktionellen Demokratisierung der Gesellschaften sich vervielfältigen und verschärfen.

Es geht dabei um eine nie enden wollende Auseinandersetzung um die Verschiebung der Machtbalance und der Selbstwertbeziehungen der interdependenten Menschen als Einzelne und Gruppen zu eigenen Gunsten. Es geht also um die Steigerung der eigenen Machtchancen und des Selbstwertgefühls auf Kosten der Anderen. Es geht immer dabei um die Erweiterung der eigenen Chancen, das Verhalten der anderen Menschen als Einzelne und Gruppen  zu steuern. Und da zuweilen mehr Macht gleich gesetzt wird mit mehr Selbstwert, entsteht eine eigene „Logik der Emotionen“, die zu einem Teufelskreis der Eskalation der Konflikte beiträgt. Um die Eigendynamik dieser Eskalation hin zur gewaltsamen Austragung zu unterbinden, ist eine  präventive gewaltlose humanitärere Intervention unabdingbar. Sie soll zur Förderung gewaltloser Konfliktaustragung dadurch beitragen, indem sie ihre institutionellen Rahmenbedingungen durch Sanktionierung folgender Forderungen fördert:

1. Die Respektierung der Menschenrechte, zu dem die „Islamische Republik“ durch die Ratifizierung von internationalen Menschenrechtsabkommen verpflichtet ist,

2. Die Respektierung der rechtstaatlichen Grundsätze. Damit soll die Ausübung staatlicher Macht nur auf der Grundlage der Verfassung und von formell und materiell verfassungsmäßig erlassenen Gesetzen mit dem Ziel der Gewährleistung von MenschenwürdeFreiheit, Gerechtigkeit und Rechtssicherheit zulässig sein. So soll die Respektierung der in der Verfassung verankerten Grundrechte der Bürger garantiert werden.

3. Die Respektierung der Minderheitenrechte und des Diskriminierungsverbots als unabdingbare Komponente der Demokratie; sonst wäre das „Dritte Reich“ der demokratischste Staat in der Geschichte, denn zuweilen wird die „Diktatur der Mehrheit“ (siehe Ägypten) als „Demokratie“ definiert. In diesem Sinne behauptet auch Khamenei, dass Iran das demokratischste Land der Welt sei.

4. Die Abschaffung der institutionalisierten Frauen-, ethnischen und konfessionellen Diskriminierung.

5. Die Freilassung der, rechtswidrig und aufgrund erpresster Geständnisse verurteilten, politischen sowie andersdenkenden und andersgläubigen Gefangenen wie Baha‘i, Sufis u.a.

6. Die international garantierte freie Wahlen, da selbst nach Khomeini „die Wahlstimme der Maßstab ist“.

7. Ein Verfassungsreferendum, weil sogar nach Khomeini, der als Begründung der Notwendigkeit der Neugründung des nachrevolutionären Staates durch ein Referendum ausdrücklich hervorhob: „ Es ist das Recht der neueren Generationen ihre eigene Staatsform zu bestimmen“.

Hannover, 27.04.2014

http://gholamasad.jimdo.com/kontakt/


[1] Immanuel Kant, Ausgewählte keine Schriften, Hamburg 1965,  S. 1 & 3

[2] Vergl. Dawud Gholamasad, Zur Notwendigkeit gewaltloser humanitärer Interventionen in Iran angesichts institutionalisierter Verletzung der Menschenrechte, in: (http://gholamasad.jimdo.com/kontakt/)

[3] In der Praxis werden nicht nur die Sufis als „falche Mystiker“ verfolgt sondrn die Bahais, die sogar wie Aussätzige behandelt werden. Nach dem neuerlichen Rechtsgutachten (Fetwa) des „Führers“, Khamenei, ist jeder Umgang mit Bahais sogar tabu.

[4]Die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam ist eine 1990 beschlossene Erklärung der Mitgliedsstaaten der Organisation der Islamischen Konferenz, welche beispielsweise in Artikel 2 die Shari´a  als alleinige Grundlage der „Menschenrechte“ definiert.

[5] Max Weber, Staatssoziologie, Berlin 1956, S. 107

[6] Vergl. Max Weber, a.a.O, S. 109

[7] Ibib., S. 101

[8] Ibid., S. 104

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news-876 Tue, 01 Apr 2014 21:25:00 +0200 Menschenrechte für alle! http://mehriran.de/artikel/menschenrechte-fuer-alle.html Stoppt die Verfolgung friedfertiger Minderheiten im Iran. Gemeinsame Foto-Aktion der Gesellschaft für bedrohte Völker, der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, der International Organisation to Preserve Human Rights in Iran in und der Bahá'í- Gemeinde in Deutschland. Zeit: Samstag, 05.04. 2014, 10:00 – 20:00 Uhr

Ort: Potsdamer Platz (auf der Seite der Uhr) 

Trotz einer vorsichtigen Annäherung zwischen dem Iran und der internationalen Gemeinschaft, steht der Iran unverändert in der ersten Reihe der Menschenrechtsverletzer. Die sieben sog. Yárán (Pers. „Freunde“), die bis 2008 mit Wissen der iranischen Regierung das inoffizielle Führungsgremium der Bahá'í-Gemeinde im Land bildeten, sind dabei nur eines der bekanntesten Beispiele: Sie sind seit über 6 Jahren unter menschenunwürdigen Bedingungen in berüchtigten Gefängnissen des Landes inhaftiert. Die schwerwiegenden Anklagen sind frei erfunden, wie auch die Anwältin und iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi feststellt.

Passanten in Berlin und alle Leserinnen und Leser sind herzlich eingeladen sich an der Foto-Aktion am Samstag, den 05.04. auf dem Potsdamer Platz zu beteiligen!

Die Aktion lädt Passanten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens dazu ein, sich mit ihrem Foto auf dem roten Teppich vor der oben abgebildeten Leinwand für die Forderung zur Verbesserung der Menschenrechtslage im Iran einzusetzen.

Die so entstandenen Fotos werden auf einer hierfür eingerichteten Facebook-Seite veröffentlicht und mit den abgebildeten Personen verlinkt. Parallel dazu werden in kurzen Interviews Statements zu unterschiedlichen Menschenrechtsthemen in Bezug auf den Iran aufgenommen. 

Quelle: http://mehriran.de/artikel/menschenrechte-fuer-alle.html

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news-875 Tue, 01 Apr 2014 00:38:00 +0200 Der Tod eines Ḥezbollāhis Revolutionäre Dynamik und staatliche Ordnung in der Islamischen Republik http://mehriran.de/artikel/der-tod-eines-hezbollahis-revolutionaere-dynamik-und-staatliche-ordnung-in-der-islamischen-republik.html Dr. Walter Posch von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin hat einen Hintergrundbericht erstellt, der mir sehr hilfreich für das Verständnis des Tiefenstaates im Irans erscheint. (H. N. Gabel) "Nach der Wahl Ḥasan Ruḥānis zum Präsidenten der Islamischen Republik Iran im Juni 2013 lockerte sich das kulturelle Klima ein wenig, doch erwartungsgemäß wurden diese bescheidenen Veränderungen – meistens handelt es sich ohnehin nur um das Zurückrutschen der Kopftücher bei den Damen – von den Ḥezbollāhis als Angriff auf die sittliche, daher göttliche und politische Ordnung der Islamischen Republik betrachtet. Seit kurzem haben diese einen „Märtyrer“: einen 21-jährigen Burschen namens ˁAli Ḫalili, der am 3. Farvardin 1393/23. März 2014 an den Folgen einer Messerstecherei von vor zwei Jahren starb. Was den Fall politisch brisant macht, ist seine Zugehörigkeit zu den ezbollāhis. In diesem Hintergrundbericht werden die sozialen Dynamiken und Frustrationen, die sich am Fall Ḫalili ablesen lassen und die möglichen Konsequenzen für die Regierung Ruḥāni analysiert." Ḥezbollāh und amro l-maˁruf va nahiy ˁan al-monker

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news-873 Tue, 25 Mar 2014 21:13:00 +0100 Baha'i - "Erwecke in jeder Stadt eine neue Schöpfung" http://mehriran.de/artikel/bahai-erwecke-in-jeder-stadt-eine-neue-schoepfung.html Karamat e.V. / Dorr TV - Interview mit Peter Amsler, Referent für Menschenrechte der Baha'i Gemeinde in Deutschland. Wir sprechen mit Peter Amsler im Berliner Büro über Freiheit und Verantwortung, Angriffe auf Baha'i im Iran und dem Engagement in interreligiösen Dialogen. Seit 150 Jahren hat sich aus dem schiitischen Islam eine Religion entwickelt, die von ihrem Begründer Baha'ullah ihren Namen bezogen hat und in allen Kontinenten vertreten ist. Wie denken Baha'i über ihren Glauben, warum werden Baha'i im Iran verfolgt? Wie gehen Baha'i im Ausland mit den Verfolgungen ihrer Glaubensbrüder und Schwestern um? Warum sind Baha'i an unterreligiösen Dialogen interessiert?

Das Interview haben wir im März 2014 geführt, um ein Spektrum des Einflusses kulturell-religiöser Entwicklungen aus dem Orient in Europa vorzustellen.

Quelle: http://mehriran.de/artikel/bahai-erwecke-in-jeder-stadt-eine-neue-schoepfung.html

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news-872 Tue, 25 Mar 2014 20:44:00 +0100 Zusammenfassung der Ereignisse im Iran bezüglich der verhafteten Derwische des Nematolllah Gonabadi Ordens http://mehriran.de/artikel/zusammenfassung-der-ereignisse-im-iran-bezueglich-der-verhafteten-derwische-des-nematolllah-gonabadi-ordens.html Für die Internationale Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran zeigt sich, dass im Westen öffentliche Proteste gegen Unrecht durch das Regime im Iran den Menschen im Iran helfen und die Zivilgesellschaft dort stärken. 05. Juli 2013: 4 „Gonabadi Derwische“ wurden in der Provinz Kavar verhaftet. Die Verhafteten heißen Mohsen Esmaeili, Ebrahim Bahrami, Mohammad Ali Sadeghi und Mohammad Ali Dehghan. Sie wurden im Islamischen Revolutionsgericht der Stadt Shiraz (Provinz Fars) mit folgenden Vorwürfen verklagt: Bildung einer terroristischen Gruppe gegen den Staat, Teilnahme an Versammlungen mit dem Ziel Umsturz des Staates, Krieg gegen Gott und unerlaubte Führung von Waffen.

13. Juli 2013: 7 „Gonabadi Derwische“ mit den Namen Mostafa Daneshjoo, Farshid Yadollahi Farsi, Amir Eslami, Omid Behrouzi, Afshin Karampour, Reza Entesari und Hamidreza Moradi Sarvestani (Leiter der Webseite „Majzoubane Nour“ und Anwälte der Derwische) wurden in der 15. Filiale des Revolutionsgerichts in Teheran unter der Führung des Richters Salavati mit folgenden Vorwürfen verklagt: Propaganda gegen den Staat, Beleidigung des Führers, Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Bildung der Gruppe „Majzoubane Nour“ mit dem Ziel die nationale Sicherheit zu beeinträchtigen. Die genannten Personen wurden zu insgesamt 56 Jahre Haft verurteilt.

24. Juli 2013: Die Verurteilung von 4 „Gonabadi Derwischen“ mit den Namen Saleheddin Moradi, Behzad Nouri, Farzad Darvish und Farzaneh Nouri wurde in der 2. Filiale des Revolutionsgerichts in der Stadt Shiraz bekanntgegeben. Demnach wurden diese Derwische zu 8 Jahren Haft auf Bewährung und 12 Jahrem Verbannung verurteilt. Einer der Derwische, Saleheddin Moradi, wurde zu 3 Jahren Haft und Verbannung nach Hormozgan verurteilt. Die Anklage bei diesen Derwischen lautet: Abfall von Gott, Irregeleitetsein, Mitgliedschaft in unerlaubten Derwisch-Gruppen, Versammlung und Verschwörung gegen die nationale Sicherheit.

05. Oktober 2013: Die Anklagen von „Gonabadi Derwischen“ und die langjährigen Verurteilungen hatte in den letzten Jahren weite Dimensionen angenommen. Entsprechend hat die Webseite „Majzoubane Nour“ von 189 Verurteilungen in nur 10 Tagen berichtet.

3 „Gonabadi Derwische“ mit den Namen Kazem Dehghan, Hamidreza Arayesh und Mohammad Ali Shamshirzan aus der Provinz Kavar wurden vom Revolutionsgericht in Shiraz mit lebenslanger Verbannung von ihrem Geburtsort verurteilt. Diese Derwische wurden in die Provinzen Sistan Baluchestan, Khuzestan und Bandar Abbas verbannt.

18. Oktober: 2 Derwische, Alireza Roshan (Journalist, Dichter und Verteidiger der Rechte der Derwische) und Mehran Rahbari (Nematallahi Gonabadi Derwisch) wurden aus dem Evin Gefängnis entlassen.

16. Januar 2014: Kasra Nouri wurde mit dem Vorwurf Mitglied der Webseite „Majzoubane Nour“, die im Iran als Hauptinformationsquelle für „Gonabadi Derwische“gilt, verhaftet und nach 13 Monaten Untersuchungshaft wurde er vom Revolutionsgericht zur 4 Jahren und 4 Monaten Haft verurteilt.

Die Führung im Iran hat in den letzten anderthalb Jahren zahlreiche „Gonabadi Derwische“ und ihre Anwälte festgenommen. Aber noch wurden ihre Prozesse nicht durchgeführt.

Mostafa Daneshjoo (Anwalt der Derwische und einer der Leiter der Webseite „Majzoubane Nour“) wurde zu sieben einhalb Jahren Freiheitsstrafe und Hamidreza Moradi Sarvestani (Leiter der Webseite „Majzoubane Nour“ und einer der Verteidiger der Rechte der Derwische) wurde zu zehn ein halb Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.

02. März 2014: 6