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„Es ist in Eurem Interesse die Menschenrechte einzuhalten!“

mehriran.de - Vielfalt, Fraktionen, Verwerfungen - Gespräch über Kurden in der Türkei, im Iran, im Irak und in Syrien

Dr. Kamal Sido, Nahostreferent der GfbV bei seinem Vortrag im Landesmuseum Hannover am 07.07.2016

mehriran.de - Interview mit Kamal Sido von der Gesellschaft für bedrohte Völker. Gerade hat er im Landesmuseum Hannover über seine Reise in den Nordosten Syriens gesprochen und viele Eindrücke auch fotografisch mit seinem Publikum geteilt. Dort hat er mit Vertretern vieler ethnischer und religiöser Minderheiten gesprochen. Wir führen ein Interview mit ihm über seine Arbeit bei der Gesellschaft für bedrohte Völker und über historisch lange Zeiträume, was sich bei den Kurden und bei den sunnitischen Arabern in Bezug auf Islam und gesellschaftliche Perspektiven entwickelt hat.

mehriran.de: „Was ist die GfbV in deinen Worten? Warum gibt es sie?“

Dr. Kamal Sido: „Die GfbV ist aus einer kleinen Initiative 1968 hervorgegangen, die im wesentlichen von Tillmann Zülch und Klaus Guerke begründet wurde. Zülch teilt mit seiner Familie das Schicksal von Millionen deutscher Vertriebener. Sie sind im Winter von Ostpreußen bis in den Norden Westdeutschlands gezogen. Als Student entschloss er sich anderen Vertriebenen zu helfen und zwei Jahre später entstand zusammen mit weiteren Mitstreitern die Gesellschaft für bedrohte Völker. Hervorzuheben ist die Arbeit dieser Initiative gegen die vielfältigen Bedrohungen aus unterschiedlichsten Gründen. Wir setzen uns vor allem für Minderheiten ein. Amnesty konzentriert sich mehr auf Einzelschicksale, wir wenden uns gegen Gruppenverfolgungen. Wir sagen es auch ganz offen: wir ergreifen Partei für die Minderheit. Ich bin Referent für den Nahen Osten.

mehriran.de: „Wie bist Du zu dieser GfbV gekommen? Gab es ein ähnliches Schlüsselerlebnis in deinem Leben wie bei Tillmann Zülch? Was motiviert dich diese Arbeit mit so viel Herzblut durchzuführen“

Dr. Kamal Sido: „Ich bin Kurde mit Wurzeln in Syrien. Als junger Mann bin ich mit 19 nach Moskau gegangen. Die Situation der Kurden in der Türkei, in Syrien, Irak, Iran ist nicht einfach und war zu meiner Zeit auch nicht einfach. Schon die kurdische Sprache war verboten. In Syrien durften wir zum Beispiel keine kurdische Bücher haben. Ich erinnere mich noch ganz genau, dass es in unserem Dorf ein einziges Buch eines kurdischen Dichters in kurdischer Sprache gab. Das mussten wir immer verstecken. Mit diesem Buch haben wir kurdisch gelernt. Das Buch war so alt, so kaputt! Das haben wir manchmal unter der Erde vergraben, um es zu verstecken! Das hat mich geprägt. Aufgrund meiner ethnischen Zugehörigkeit und unserer Sprache wurden wir diskriminiert. In der Schule durften wir manchmal kein kurdisch sprechen. Kurdische Schulen gab es nicht. Richtig Kurdisch habe ich erst an der weit entfernten Uni in Moskau lernen können. Es gab einige 10.000 Kurden in der Sowjetunion, die hatten Bücher, Radiosendungen, Wörterbücher und dort habe ich richtig Kurdisch gelernt. Warum muss ein Mensch aufgrund seiner Zugehörigkeit zu einer anderen Ethnie und Sprache verfolgt werden? Als ich mit 19 Jahren in Moskau ankam, habe ich an die Ideen eines internationalen Sozialismus geglaubt, an Gleichberechtigung, Brüderlichkeit. Aber als ich bei den Kommunisten war, habe ich gesehen, dass da auch Machtmenschen am Hebel waren, die zwar Gleichheit propagiert haben, aber sobald sie an der Macht waren, haben sie eine Diktatur entstehen lassen. Die Kommunisten in Syrien solidarisierten sich mit den Menschen in z.B. Nicaragua, aber mit den Kurden in Syrien gar nicht. Dadurch kam ich in Konflikte mit den Kommunisten. Später 1990 kam ich nach Deutschland. Die Idee der Gleichberechtigung aller Völker hat mich aber nicht losgelassen. Für mich hatte sich also ein Kriterium entwickelt, wie man mit eigenen Minderheiten im Land umgeht. Mein Motto lautet also: ‘Jede Zivilisation ist daran zu messen, wie sie Minderheiten im eigenen Land behandelt’ (Gandhi). Das war meine Motivation. Ich lebe jetzt nach dieser Maxime, z.B. indem ich mich für die Minderheiten in den kurdischen Gebieten einsetze, Menschen wie Assyrer/Aramäer/Chaldäer, Araber - wie behandeln die Kurden die Minderheiten in ihrem Gebiet? Wie behandeln sie die Jeziden, die keine Muslime sind?”

mehriran.de: „Du hast vorhin in deinem Vortrag im Landesmuseum erwähnt, dass du in den kurdischen Regionen Nordost-Syriens vor Vertretern der lokalen Kurdenverwaltung über die Notwendigkeit einer multi-ethnischen und multi-religiösen Gesellschaften gesprochen hast. Gab es von Seiten deiner Zuhörer Reaktionen, Diskussionsbeiträge, eigene Ideen dazu oder haben die das nur so hingenommen, was du erzählt hast?“

Dr. Kamal Sido: „Ich glaube die Menschen in Syrien haben in den letzten 5 Jahren viele Erfahrungen sammeln können, wie die ethnischen und religiösen Konflikte zum Elend führen. Reine ethnische und religiöse Gesellschaften entstehen in der Regel nur dann, wenn man auch massenweise vertreibt. In diesen Gegenden, Kurdistan, Syrien, Irak lebten schon immer viele verschiedene Ethnien. Rein persische, rein kurdische oder rein arabische Gegenden sind nur durch Vertreibungen installiert worden. Und das führt zu Elend, das sehen wir schon.“

mehriran.de: „Wo liegt die Wurzel dieser Nicht-Toleranz Fähigkeit gegenüber anderen Minderheiten?“

Dr. Kamal Sido: „In der Geschichte gab es immer Perioden, wo die verschiedenen Ethnien aufeinander losgegangen sind. Es gab Perioden, in denen alle zusammenleben konnten und es gab immer wieder Phasen, in denen Konflikte, Kriege und Vertreibungen entstanden sind. Wir sollten uns aber an den Phasen orientieren, wo das Zusammenleben gelungen ist. In den verschiedenen Gemeinschaften gab es immer Elemente der Toleranz und eines friedlichen Miteinanders aber auch Elemente einer Ablehnung. Ich weise auf die unterschiedlichen Perioden der Entstehung des Islams in Mekka und Medina hin. Auch in späteren Zeiten sehen wir bei den Omayyaden oder den Abbassiden Zeiten größerer Toleranz aber auch sehr tyrannische Zeiten. Die Toleranz in Andalous führe ich auf die räumliche Distanz zum Kalifat der Abbassiden zurück, es lag also am politischen Kalkül diese Toleranz zu fördern. Es gibt also an dieser Stelle immer auch ein Interesse hinter der Toleranz, denke ich mir. es gilt also zu sagen: wir müssen unser Interesse im gemeinsamen friedlichen Leben suchen und nicht in der Konfrontation. 

mehriran.de: „Was ist der Grund dafür, dass z.B. in Syrien so viele Menschen den IS (Daesh) unterstützen? Wie konnte es soweit kommen, dass sich Menschen solchen ausgrenzenden Ideen begeistert anschliessen?“

Dr. Kamal Sido: „Ich glaube der Islam hat verschiedene Phasen. Eine Phase, die Hoffnung machte, war Ende des 19. Jahrhunderts, durch Dschamal ad din Afghani, Mohammed Abdou in Ägypten. Sie versuchten eine Art Reformation des sunnitischen Islam zu beginnen. Diese Entwicklung wurde durch die Entstehung der Muslimbrüder bei Seite gedrängt, auch die Entwicklung des Wahhabismus in Saudi Arabien gehört zu den rückwärts gewandten Versionen. Im Schiitentum gab es mit der Revolution im Iran 1979 einen großen Rückschlag. Die vielen freien schiitischen Lehrer in Nadschaf, Irak, Qom, Iran oder im Libanon haben sich mit der Machtübernahme Khomeinis zurück gezogen und eine starre Ideologie hat sich installiert.“

mehriran.de: „Wenn es eine Realität ist, dass Ideologien Menschen zu intoleranten Wesen und manchmal Monstern formen und Staaten oder mächtige Institutionen solche Entwicklungen voranbringen, was wäre dann eine Massnahme, die Menschen unterstützen kann Toleranz zu leben, das Andersartige auszuhalten?“

Dr. Kamal Sido: „Ich glaube jede Gruppe, jede Nation, jede Gemeinschaft muss leider eigene Erfahrungen machen. Man denkt, dass Menschen aus Büchern voneinander lernen, dass sie Strategien, Vorgehensweisen abgucken sollen. Bildung ist ein wichtiger Faktor, aber das ist nicht alles, Bildung kann die Probleme nicht lösen, aber viel einfacher machen, glaube ich. Bildung brächte den Vorteil, dass die Menschen andere Quellen studieren könnten und dadurch ihren Horizont erweitern könnten. Was ist bei anderen Völkern vorgefallen, was ist z.B. in Deutschland passiert usw. Bildung hätte das Ziel das Selbstdenken zu ermöglichen. Es ist nicht alles, aber es könnte eine große Hilfe sein, einen Sprung nach vorne zu machen. Wirtschaft und Armut ist ein weiterer Faktor, der Kampf um Umverteilung ist nicht zu ignorieren. Wenn wir z.B. auf Asylbewerberheime schauen, wo viele verschiedene Menschen auf Engstem Raum zusammen leben müssen, kommen diese Probleme sehr deutlich in Erscheinung. Die Kultur des Dialogs ist weiterhin sehr wichtig, dass Menschen lernen Konflikte und divergierende Meinungen durch Dialoge und Verhandlungen zu lösen und nicht durch Gewalt. Die Sprachlosigkeit der Menschen muss aufgelöst werden, indem sie die eigene Sprache sprechen lernen, aber auch eine Sprache die in größeren Zusammenhängen gesprochen wird. Mir macht das Sprechen verschiedener Sprachen vieles leichter und ich kann mich unterschiedlichen Umgebungen zurecht finden. Dadurch entstehen kaum Probleme. Dadurch kann man sich auch unter den Gemeinschaften und Ländern besser kennen lernen. Ich bin als Muslim geboren und war früher nie in einer Kirche oder einer Synagoge, das baut Vorbehalte und Ängste auf.“


Mitglieder der neu gegründeten Regionalgruppe in Hannover

mehriran.de: „Lass uns nochmals auf Kurden zu sprechen kommen. Neben den Kurden in Syrien gibt es viele andere Kurden im Irak, im Iran, ganz zu schweigen von den Kurden in der Türkei. Aber in sich unterscheiden sich die Kurden auch in vielfältiger Hinsicht: unterschiedliche Stämme, unterschiedliche Dialekte, unterschiedliche Weltanschauungen oder Religionen und sicher noch weitere Unterscheidungen, wenn man tiefer gehen will. Was sind in deiner Einschätzung die wichtigsten Unterschiede zwischen den Kurden in diesen vier Ländern und wie gehen die Kurden jeweils mit den Problemen, denen sie ausgesetzt sind, um?“

Dr. Kamal Sido: „Durch diese Grenzen entstehen natürlich neue Eigenschaften, neue Identitäten: türkische, syrische, irakische und iranische Kurden. Bis 1918 gab es zwei große Reiche, in denen Kurden zu Hause waren: osmanisches und persisches Reich. In den 20er, 30er, 40er Jahren entstanden neue Staaten wie Syrien, die Türkei, Irak. Doch auch in den traditionellen Stammesgesellschaften von früher gab es wesentliche Unterschiede. Ein Stamm war in sich abgegrenzt und bildete eine Gemeinschaft, einen Körper. Der Stamm war Garant für das Überleben des Individuums in wirtschaftlicher und überlebenstechnischer Hinsicht. Es gab also unterschiedliche Stämme. Doch auch in religiöser Hinsicht sind unterschiedliche Denominationen entstanden. Es gibt die sunnitischen Kurden, aber auch die schiitischen Kurden, weiterhin die Aleviten, die Jeziden und andere. Vergessen wir nicht die Dialekte. Die Kurden können sich zum Teil gar nicht unter einander verständigen. Auch heute nicht. Es gibt Kurmandschi, darin gibt es wiederum verschiedene Mundarten. Es gibt Sorani, Zaza - manche sagen es sei eine eigene Sprache. Dadurch entstehen auch Identitätsfragen. Zum Beispiel sagen einige Jeziden, sie seien keine Kurden, obwohl sie kurdisch sprechen. Viele Zaza sagen von sich sie seien keine Kurden, genauso wie im Iran die Ahl-e Hagh oder unter den Loren im Iran betrachten sich einige als Kurden, andere nicht, ebenso bei den Bakhtiari usw. Die Zersplitterungen sind sehr sehr vielfältig. Wie es dazu gekommen? Wir sagen immer der Orient ist das Herz und dort haben sich viele Völker vermischt. Viele Armeen und Völker sind durchgezogen und haben Spuren hinterlassen. Kurdistan war immer multi-religiös, im arabischen Teil Syriens und des Irak gibt es nur schiitische oder sunnitische Araber. Keine anderen Minderheiten mehr. Die kurdische Gemeinschaft ist multi-religiös, multi-ethnisch, vielsprachig, sie lebt in den Bergen wie in der Ebene. Es wird niemals eine Partei geben, die alle Kurden vertreten kann, niemals einen Kurdenführer, der alle Kurden vereinen wird. Es gibt zwar diverse Ansprüche und mancher träumt von einem Groß-Kurdistan, aber meiner Meinung nach wird es nicht dazu kommen, da sich die Kurden in vielen Dingen nicht einig sind. Wenn überhaupt, kann es zu mehreren kurdischen Staaten oder zu einer Konföderation kommen, denn diejenigen die Zaza sprechen wollen nicht von Kurmandschi Sprechenden geführt werden, die Aleviten nicht von Sunniten usw. Die moderne kurdische Freiheitsbewegung muss die Politik der Vielfalt propagieren, weil es im eigenen Interesse ist. Aber auch der schiitisch-sunnitische Konflikt der letzten Jahre hat Spuren in der kurdischen Gesellschaft hinterlassen. Die Kurden müssen sich oft auch entscheiden auf wessen Seite sie stehen. Auf Seiten der Türkei gegen den Iran? Auf Seiten Irans gegen die Türkei? Die Kurden versuchen sich herauszuhalten, doch es ist nicht einfach. Dann gibt es linke, sozialistische Parteien, aber auch konservative, usw. Das ist alles zusammen Kurdistan, sehr sehr vielfältig, sehr sehr komplex." 

mehriran.de: „Heisst das, wenn die Kurden diese Vielfalt zu beherrschen lernen, wäre das ein Modell für den ganzen Nahen Osten?“

Dr. Kamal Sido: „Ich persönlich befürworte das Modell einer vielfältigen Gesellschaft. Auch die sozialistisch orientierte PKK mit ihrem Führer Abdullah Öcalan, der im türkischen Gefängnis sitzt, propagiert diese Ideen. Öcalan spricht sogar von der Idee einer „demokratischen Nation“. Dewegen werfen ihm konservative Kurden Verrat vor, denn er spricht nicht von der „kurdischen Nation“, sondern von der „demokratischen Nation“. Diese Vision von Öcalan ist unter den Kurden gerade ein großes Streitthema. Das klingt ein wenig utopisch. Auf kurdisch klingt „Netewa demokratik“ etwas komisch. Meiner Ansicht nach muss die Vielfalt erhalten werden. Rein kurdische Gesellschaften wird es niemals geben, da müsste man viele Menschen vertreiben. Es muss also eine offene Gesellschaft mit verschiedenen Ethnien und Religionsgemeinschften sein, gleichberechtigt miteinander oder nebeneinander. Dies ist ist erst mal eine Idee, die von den kurdischen Linken kommt. Es wäre schön, aber ob es realistisch ist (zuckt mit den Schultern)? In Nordsyrien versucht man dieses Projekt: Rojava. Hier wurde mit den Minderheiten ein Konsens gefunden in der Bezeichnung. Es heisst nicht Rojava-Kurdistan. ‚Warum sollte ein Assyrer sich für den Begriff Kurdistan gewinnen lassen?’ Manche Kurden sprechen auch nicht von der Türkei, wenn es um ihre Heimat geht. Da muss man Kompromisse finden. So diskutiert man auch alte Namen wie Mesopotamien. Das ist sehr sehr schwierig und wird in verschiedenen Kommissionen ernsthaft diskutiert. Die streng nationalistischen Kurden lassen sich darauf aber nicht ein, für sie ist es Kurdistan und Punkt.“

Der dritte Weg

mehriran.de: „Wie sieht die Situation der Kurden im Iran aus?“

Dr. Kamal Sido: „In Syrien haben wir jetzt schon einige Jahre diesen Konflikt. Unter den Kurden gibt es verschiedene Gruppen. Die führende Partei ist die PYD, die PKK nahe Gruppe in Syrien, die dieses Projekt propagiert, vertritt von Anfang an die dritte Linie im Konflikt, d.h. ist weder mit dem Regime noch mit der islamistischen Opposition. Sie gehen einen eigenen Weg. Die Zeit hat gezeigt, dass sie Recht damit hatte. Das war auch meine Position unabhängig von dieser Partei. Ich kenne die Geschichte Syriens und ich kenne die Geschichte und die Sprache und die Mentalität der Leute in der Region. Es ist wichtig weder auf der einen Seite zu stehen noch auf der anderen, sondern von Fall zu Fall zu entscheiden. Es war der richtige Weg. Viele sagen diese PYD ist Assad nah. In Wirklichkeit gibt es einfach gemeinsame Interessen, wie z.B. den türkischen Einfluss in Syrien und die Islamisten bekämpfen. Assad macht das, weil er an der Macht bleiben will, die Kurden haben andere Gründe. Iran ist ein Verbündeter von Assad. Iran will aber nicht Islamismus bekämpfen, sondern Assad an der Macht halten. Die iranischen Kurden versuchen bei dem anderen Lager, bei den Saudis, bei den Türken Sympathie zu bekommen. Genau aus dem gleichen Grund: Realpolitik. Realpolitisch gesehen sucht man nach gemeinsamen Interessen. Die syrischen Kurden sind gegen die Politik des türkischen Staates, gegen Islamismus. Die iranischen Kurden wollen die iranische Zentralregierung bekämpfen, also bekommen sie Sympathien in Saudi Arabien, vielleicht in Ankara, nicht aber bei den Schiiten im Irak. Die Kurden im Irak haben unterschiedliche Beziehungen zu Iran. Es gibt zwei, drei Parteien. Barzanis Gebiet ist an der Grenze zur Türkei, er arbeitet mehr mit der Türkei. Er will die Grenze zur Türkei offen halten, um seine Erdölgeschäfte mit den Türken abzuwickeln. Talabanis PUK im Osten arbeiten intensiver mit dem Iran. Die brauchen die Ruhe an der Grenze zum Iran. Die iranischen Kurden arbeiten mehr mit Barzani, da Barzani keine guten Beziehungen zu Iran hat. Es gibt natürlich viele verschiedene Parteien, die wiederum in kleine Fraktionen aufgeteilt sind. Auch hier ist der dritte Weg entscheidend. Der dritte Weg ist für die Kurden im Nahen Osten der bessere. In diesem Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten Partei zu ergreifen, kann katastrophal für die kurdische Gesellschaft enden. Es wird einen totalen Sieg, eine totale Lösung nicht geben, sie auch nicht geben dürfen. Totalitaristische Ideologien sind immer gefährlich, denn totaler Sieg für die einen, bedeutet immer totale Niederlage für die anderen. Daher ist der Konsens sehr wichtig, wir müssen doch zusammen leben! Der IS ist doch ein Produkt von Ausgrenzung. Viele Sunniten betrachten den IS als ihren Schutz vor den Schiiten. De facto hat der IS jedoch den Sunniten geschadet. Viele sehen Iran hinter den Aktivitäten des IS, Tatsache ist aber, dass Iran die Situation zu nutzen weiss.“

mehriran.de: „Was ist deine Empfehlung für die Verantwortlichen und Vertreter der deutschen Politik. wie kann man diese Menschen unterstützen?“

Dr. Kamal Sido: „Es braucht offene Dialoge miteinander. Alle Probleme müssen offen angesprochen und nicht ausgeklammert werden. Man kann natürlich die Art und Weise wie man Probleme anspricht selbst festlegen, aber ansprechen muss man sie. Und dann mit allen Seiten sprechen. Bsp. Türkei. Dort gibt es verschiedene Gruppen, es gibt auch die Kurden, man muss auch mit den Kurden reden, dadurch kann man Einfluss auf die Entwicklung nehmen. Es gibt viele Kurden in Deutschland. Über Deutschland Einfluss auf die Türkei einnehmen. Die Alevitische Gemeinschaft ist sehr gut integriert in Deutschland. Sie nehmen Einfluss auf die Türkei. Vor kurzem ist etwas einmaliges in der Parteiengeschichte Deutschlands geschehen, als die deutsche Grüne Partei eine Wahlempfehlung für die HDP an die Menschen mit türkischem Pass in Deutschland gegeben haben. Das kommt daher, dass diese eine Million Aleviten, aber auch Assyrer/Chaldäer/Aramäer wahrscheinlich die Grüne Partei wählen und das Auswirkungen in die Realpolitik hat. So kann man der Türkei, die immer versucht Einfluss zu nehmen auf die türkischen Vereine in Deutschland etwas entgegensetzen, indem man auch seinen Einfluss geltend macht. Ziel ist keine Einmischung, sondern Vermittlung, zum Beispiel Türken und Kurden zum Dialog zusammen bringen. Deutschland könnte hier die Rolle eines ehrlichen Maklers übernehmen, könnte den Rahmen für solche Gespräche bilden. Es gibt viele, die Mitglieder bei der CDU, andere bei den Grünen, andere bei der SPD oder bei der Linke sind. Voraussetzung ist die Gleichbehandlung. Hier kann eine Aufhebung des PKK-Verbots  helfen. Die PKK muss sich aber an die demokratischen Spielregeln halten. Das Verbot ist ein Störfaktor. Es ist ein Schwert über allen Köpfen der Kurden. Die türkischen Vertreter müssen auch aufhören jeden Kurden, der sich frei äußern will unter Generalverdacht zu stellen und ihn mit der PKK in Verbindung bringen, um ihn so ins Abseits zu stellen und zu delegitimieren. Ähnlich wie im Iran, wer nicht auf der Linie Khameneis ist, wird sofort als Staatsfeind beschimpft. Mit der Aufhebung des PKK Verbots muss der Verfassungsschutz aber weiter ein Auge auf die extremistischen Ränder haben.“

mehriran.de: „Du hast eben ein Beispiel für Dialog gegeben, vorhin hast du auch über Bildung gesprochen. Wie genau stellst du dir diese Bildung vor?“

Dr. Kamal Sido: „Nicht jede Bildung ist da hilfreich. Kinder und Jugendliche den Koran nur auswendig lernen lassen ist zu wenig oder gar kontraproduktiv. Die Inhalte müssen auch verstanden werden. Die Zusammenhänge und Sinnkontexte des Korans müssen erfasst werden. Diese Inhalte müssen in der Schule klar dargestellt werden, anders als in der Türkei und in Saudi-Arabien. Den Menschen muss die Möglichkeit gegeben werden, weiter zu denken. Wenn man den Koran nur auswendig lernen lässt, verstehen die Menschen überhaupt nicht wovon die Rede ist. Das sind Projekte, die in der Schule durchgeführt werden müssen. Aber Bildung umfasst noch mehr. 

Was die Menschen in Nordsyrien anbelangt, braucht es eine klare und wohlwollende Behandlung. Bei meiner letzten Reise nach Nordsyrien haben ich in allen Gesprächen betont: ‚Wenn ihr die Minderheiten gut behandelt, werdet ihr mehr Unterstützung bekommen. Wenn ihr die Minderheiten unter euch schlecht behandelt, politische Gegner in den Gefängnissen foltert, bekommt ihr keine Unterstützung, auch von mir nicht. Keine Solidarität mit Folterern. Wenn ihr die Rechte der Minderheiten beachtet, bekommt ihr Unterstützung. Es ist in eurem Interesse die Menschenrechte einzuhalten!‘“

Interview vom 7.07.2016, © mehriran.de (Helmut N. Gabel)