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Haifisch oder Stimme der Vernunft? - Zum Tod Hashemi Rafsandschanis

mehriran.de - Einer der einflussreichsten politischen Akteure der Islamischen Republik Iran erlag am letzten Sonntag einem Herzstillstand. Millionen Iranerinnen und Iraner erwiesen ihm am Dienstag die letzte Ehre.

mehriran.de - Im Mai 2017 stehen im Iran wieder Präsidentschaftswahlen an. Der gegenwärtige Präsident Rouhani hätte erneut mit der Unterstützung seines Mentors Rafsandschani rechnen können. Nun ist der jedoch im Alter von 82 Jahren einem Herzinfarkt beim regelmäßigen Fitnessbad in seinem Pool erlegen. Im Krankenhaus konnte sein Leben nicht mehr gerettet werden.

Die letzten Jahre hatte sich Rafsandschani als Stimme der Vernunft gegeben, der den Hardlinern innerhalb der Machtelite Paroli bot und deren Beschimpfungen seiner Person und Familie weitgehend ignorierte. Doch ein Engel soll er nicht gewesen sein. Der als Politfuchs bekannte Pistazien-Milliardär hat viele Strippen in der Politik der Islamischen Republik gezogen. Er diente dem Regime in sehr unterschiedlichen Rollen und Funktionen, zuletzt als Vorsitzender des Schlichtungsrats. Er war auch schon Präsident und hat maßgeblich zur Auswahl des Nachfolgers des Revolutionsführers Khomeinis beigetragen.

Ali Khamenei hat Rafsandschani seine Stellung als Oberster Führer zu verdanken. In jener Zeit galt Hashemi Rafsandschani noch als "Hai". Später stellte ihn der in die USA geflohene Akbar Gandschi als "Roter Kardinal" dar. Rafsandschanis Kalkül den unerfahrenen Khamenei hochzuhieven und ihn zu kontrollieren ist nicht wirklich aufgegangen. Vielmehr entwickelten sich in den letzten 16 Jahren grob gesehen zwei Lager. Pragmatiker, Reformer und andere reihten sich in die tendenziell reformerischen Bemühungen Rafsandschanis ein, während Spitzenfunktionäre der Revolutionsgarden, Hardliner und Anhänger einer fortwährenden sogenannten islamischen Revolution hinter dem Obersten Führer Khamenei agierten.

Die Revolution von 1979 im Iran hat nach und nach viele Akteure desillusioniert. Angefangen mit Ajatollah Taleghani und später Ajatollah Montazeri, der Stellvertreter Khomeinis, reihten sich ab der Ära des Präsidenten Ahmadinedschad offen Mehdi Karroubi und Mir Hossein Mousavi in die Front der scharfen Kritiker Khameneis. Rafsandschani hat sich nie so offen gegen Khamenei gestellt, weil er große Sorge vor dem Zerbrechen des Systems hatte und lieber auf Kompromisse aus war. Aber hinter den Kulissen soll er laut diverser Beobachter viele Strippen gezogen haben, die eine sanfte Wandelabsicht für die Politik im Iran erkennen lassen könnten.

Aber schon das soll für Khamenei zu viel gewesen sein. Der mit ganz niedrigen geistlichen Würden und Befähigung angetretene Khamenei, der seit seiner Machtübernahme um Legitimation bemüht ist, versuchte in letzter Zeit immer wieder die sogenannte Islamische Revolution zu retten. Es wird ihm nachgesagt, dass ihm dafür alle Mittel Recht seien. Im Iran passiert das allermeiste hinter den Kulissen, da eine freie Berichterstattung unmöglich ist. Viele Journalisten, Menschenrechtler und sogar Mitglieder des Establishments haben sich schnell mit dem Vorwurf der Gefährdung der Sicherheit des Systems konfrontiert gesehen und sind auf die eine oder andere Weise ins Abseits gestellt worden. 

Parteigänger des Obersten Führers wie der Ideologe Hassan Abassi, das Sprachrohr Khameneis Hassan Shariatmadari oder auch der ehemalige Präsident Mahmoud Ahmadinedschad, sowie Mullahs wie der als Krokodil bekannte Messbar Yazdi haben Rafsandschani offen bekämpft und als Anführer der Fitneh-Bewegung bezeichnet. Der Name wurde nach den massiven Protesten gegen die Wahlfälschungen 2006 gerne inflationär gebraucht. Fitneh bedeutet Abweichung oder Abspaltung oder Ab-fall.

Jetzt spekulieren manche, dass der unerwartete und plötzliche Tod Rafsandschanis Folge einer raffinierten Ermordung sein könnte. Dazu werden verschiedene Indizien zusammen getragen.

Khamenei soll am Sonntag Vormittag in Qom eine Rede gehalten haben, in der er versprach, dass die Einheit des Landes bald wieder hergestellt sei. Hassan Abassi hat vor vier Wochen gedroht, dass Rafsandschani sein Leben lassen müsste. Ein hochrangiger Pasdar namens Dschafar Assadi hat kurz nach Rafsandschanis Tod gesagt: "Große Leute sind wichtig, wenn sie leben und sie sind wichtig wenn sie tot sind. Wir wissen was die Feinde des Systems für die Wahlen im Mai 2017 geplant hatten. Wir haben dafür gesorgt, dass diese Pläne nichtig werden." Dazu kommt, dass einige Fälle bekannt geworden sind, indem mittels nicht genauer identifizierter Substanzen Menschen getötet wurden. Es heisst, man habe ihnen entweder eine Nervengift verabreicht, dass zu einer Lähmung des Nervensystems geführt habe oder auch, dass die Arbeit des Herzens ausgesetzt habe und die Menschen scheinbar an einem Herzinfarkt gestorben seien.

Tatsache ist, dass Rafsandschani aus dem Weg ist und die Hardliner alles daran setzen werden, um die Machtverhältnisse wieder verstärkt zu ihren Gunsten zu verschieben.

Seine Bestattung war ein beeindruckender Massenauflauf. Die Angaben der Anzahl der Menschen auf den Strassen schwanken je nach Quelle zwischen 2,5 und 7 Millionen. Während das Regime das Begräbnis nutzte, um den Eindruck einer Eintracht zu erwecken, waren auch Rufe nach dem immer noch unter Hausarrest stehenden Mir Hossein Mussavi zu hören - eigentlich ein Affront gegen das Regime.

Weitere Artikel zum Tod Rafsandschanis:

Deutsch:

https://www.welt.de/politik/ausland/article161014511/Rafsandschanis-Tod-bringt-den-Atomdeal-in-Gefahr.html

http://www.spiegel.de/politik/ausland/irans-ex-praesident-rafsanjani-ist-tot-a-1129089.html

http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-01/frueherer-iranischer-praesident-rafsandschani-gestorben

http://www.focus.de/politik/ausland/tod-von-rafsandschani-irans-ex-praesident-architekt-der-islamischen-republik_id_6464902.html

http://www.heute.de/teheran-iran-ex-praesident-rafsandschani-gestorben-46279224.html

http://www.tagesspiegel.de/politik/zum-tod-des-iranischen-ex-praesidenten-rafsandschani-war-einflussreich-und-umstritten/19225500.html

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/ehemaliger-iranischer-staatspraesident-rafsandschani-ist-gestorben-14610366.html

https://de.qantara.de/content/zum-tod-von-irans-ex-praesident-rafsandschani-lenker-und-denker-der-islamischen-revolution 

http://www.aargauerzeitung.ch/ausland/der-tiefste-einschnitt-seit-dem-tod-von-ayatollah-khomeini-130840781 

Englisch:

http://www.rferl.org/a/iran-rafsanjani-secrets-he-takes-to-the-grave/28224008.html

http://www.aljazeera.com/indepth/features/2017/01/iran-reformists-stand-lose-rafsanjani-death-170109100325733.html

http://www.independent.co.uk/news/world/middle-east/ayatollah-rafsanjani-death-analysis-donald-trump-iran-nuclear-deal-a7518076.html

http://www.bbc.com/news/world-middle-east-38562490

https://www.ft.com/content/c3def514-d68f-11e6-944b-e7eb37a6aa8e

https://www.nytimes.com/2017/01/08/world/middleeast/iran-ali-akbar-hashemi-rafsanjani-dies.html?_r=0


Français:

http://www.lepoint.fr/monde/rafsandjani-l-impitoyable-mollah-devenu-apotre-de-la-moderation-09-01-2017-2095803_24.php

http://www.lemonde.fr/disparitions/article/2017/01/09/rafsandjani-le-parrain-de-la-republique-islamique-d-iran-est-mort_5059580_3382.html

http://www.lefigaro.fr/international/2017/01/08/01003-20170108ARTFIG00155-iran-l-ex-president-rafsandjani-est-mort.php

http://www.liberation.fr/planete/2017/01/08/l-ex-president-iranien-akbar-hachemi-rafsandjani-est-decede_1539953