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Die Weltanschauung al-Ghazalis als Basis für Legitimationsversuche "islamischer Staaten"

mehriran.de - Islamische Staaten versuchen ihr System aus einer Vielzahl von Quellen zu legitimieren. Eine der Hauptquellen, die am meisten bemüht wird ist die Weltanschauung al-Ghazalis. Diese Weltanschauung beruht auf den theologisch-philosophischen Erklärungen und Beschreibungen eines religiösen Staates, der Gottes Willen auf Erden in einer Regierung vertritt, die von Theologen getragen wird. Menschen werden zu gehorsamen Wesen reduziert, denen kein freier Wille zusteht. Demgegenüber sind Philosophen und Mystiker wie Avicenna, al-Farabi und Averroes kaum bekannt. Ihr Gesellschaftsmodell beruht auf der Entwicklung des Menschen und freien Willen.

 

al-Ghazali

mehriran.de - Der vor 905 Jahren verstorbene Theologe Mohammad al-Ghazali[1] hat viele Bücher geschrieben, doch sein bedeutendstes Buch ist das Ihiya ulum al-din ( Die Wiederbelebung der Religionswissenschaften). Das Buch hat er auf Arabisch verfasst, es besteht aus 54 Bänden. Weiterhin existiert ein Extrakt dieses Buches in Persischer Sprache mit dem Namen Kimiayeh Sa'âdat (Die Alchemie des Glücklichseins). Diese Bücher geben Zeugnis darüber wie al-Ghazali die Existenz einer religiös geprägten Gesellschaft legitimiert. Im Zusammenhang der Zeit betrachtet, kann man sehen wie diese Bücher al-Ghazali 's Gegenreaktionen eines Theologen auf die Gedanken al-Farabi's[2] über den Entwurf einer tugendhaften Gesellschaft sind.


al-Farabi

Zusammenfassung der Weltanschauung Imam Mohammad al Ghazalis

Al-Ghazali beginnt seine Anschauung von Gott und der Welt ausgehend vom Sein Gottes und wie wir Menschen von seiner Existenz wissen können. Er erklärt das Sein Gottes auf verschiedene Weisen, um zum Schluss zu kommen, dass Gott notwendigerweise existieren muss und er keine Wahl hat, nicht zu existieren. Das bedeutet, Gott kann sich nicht entschließen nicht zu sein. Gott ist - und sein Sein ist eine Notwendigkeit, es ist keine Möglichkeit.

Danach beschreibt al-Ghazali die Kategorien (Eigenschaften) Gottes. Eine der Eigenschaften Gottes, die al-Ghazali erwähnt, ist, dass Gott keinen Anfang und kein Ende hat - sein Dasein ist unendlich und ewig. Gott war schon vor dem Sein irgendeines anderen Wesens und wird sein auch nach dem Verschwinden aller Wesen. Dies ist die Bedeutung von Unendlichkeit und Ewigkeit. Gott existiert in Zeit- und Raumlosigkeit und kein Ort ist frei von seiner Anwesenheit. Er beschreibt alle diese Aspekte im Detail und stellt Bezüge zum Koran und zahlreichen Überlieferungen her, die Mohammed zugesprochen werden.

Später referiert er über eine weitere Eigenschaft Gottes: der Schöpfer. Laut al-Ghazali schuf Gott das gesamte Universum aus einem ihm bekannten Grund, welchen nur er kennt, wir Menschen aber nicht. Dann schuf Gott alle Wesenheiten, seien sie groß oder klein, um von ihnen verehrt zu werden. Jedes Geschöpf, jedes Wesen, das im Universum existiert, verehrt unbewusst und unwissentlich seinen Schöpfer. Später schuf Gott den Menschen, um von diesem bewusst und auch unbewusst verehrt zu werden.

Im weiteren Verlauf erhebt er die Frage, wie man Gott in richtiger und bewusster Weise verehren könne, das bedeutet, wie kann ein Mensch in bewusster Weise zu seinem Gott beten. Er erklärt, dass Menschen geschaffen wurden, um zu Gott zu beten. Gott soll also den Menschen geschaffen haben, damit dieser ihn anbete. Doch laut al-Ghazali wissen die Menschen nicht, wie sie zu Gott beten sollen. Aus diesem Grund hat Gott die Propheten geschickt, damit diese den Menschen Gehorsam Gott gegenüber beibringen und die richtige Art zu beten. Auf diese Weise soll Gott die Religionen geschaffen haben. Laut al-Ghazali hat Gott viele Propheten geschickt, deren letzter Mohammed war, der den Koran gebracht hat. Der Koran sei vor jeglicher Verfälschung geschützt und gibt laut al-Ghazali den Rahmen für eine Religion, die jedem Menschen aufzeigt, wie man in richtiger Weise lebt und Gott verehrt und mit anderen Menschen zusammenlebt und zusammenarbeitet und zuversichtlich sein kann und in seinem Leben keine Missetaten begeht, so dass man dann in den Himmel kommen kann - oder wenn man die Erwartungen des Schöpfers des Universums nicht erfüllt, man in der Hölle landet.

Doch al-Ghazali geht noch weiter und schreibt, es sei nicht ausreichend Propheten zu senden, die die korrekte Lebensführung erläutern, sondern es sei notwendig, dass die Propheten und ihre Nachfolger eine Gesellschaft schaffen, in der Menschen korrekt leben können und zu Gott beten können, um echtes Glück zu erfahren. Das Glück, das hier gemeint ist, wird dem guten Anbeter, der sich in der Gesellschaft korrekt verhält, zugestanden. Wenn er die Anleitungen alle genau befolgt, wird er dann als tugendhafter Muslim sterben und direkt in den Himmel eingehen. Al-Ghazali schreibt dem Staat die Rolle zu, eine Gesellschaft nach den Lehren des Propheten zu organisieren, um ewige Glückseligkeit für jeden zu gewährleisten.

Im darauffolgenden Kapitel gibt al-Ghazali genaue Abweisungen für jede Alltagshandlung, die ein Muslim exakt so durchzuführen habe: wie er sein Gesicht waschen solle, wie er seine Hände waschen solle, welches Wasser er für seine Reinigung vor dem Gebet benutzen solle und welches nicht, wie sich ein Muslim nach einem Toilettengang reinigen solle - jeder kleine Aspekt aus dem Alltag eines Menschen von seiner Geburt bis zu seinem Dahinscheiden ins Jenseits wird detailliert für jeden Menschen erläutert. Wer diesen Hinweisen al-Ghazali's folgt, der wird in dieser und in der jenseitigen Welt glücklich sein. Und wer diesen Anweisungen nicht folgt, wird in dieser Welt von dem Staat bestraft und im Jenseits schnurstracks in die Hölle eingehen.

Ein System der totalen Kontrolle - legitimiert durch al-Ghazali?

Dies ist die Beschreibung eines theokratischen Systems, das eine absolute und grenzenlose Kontrolle über die Menschen dieser Gesellschaft hat. Den Menschen wird keinerlei Freiheit zugestanden und al-Ghazali's Schrift fordert die Menschen auf zu akzeptieren, nicht geschaffen worden zu sein, um frei zu sein, sondern, um gehorsam zu sein. Dies alles kennzeichnet eine Gesellschaft von indoktrinierten und gleichgeschalteten Menschen, in der das von Klerikern getragene Herrschaftssystem alle Freiheiten hat, im Namen der Nachfolger Mohammeds und der Allmacht und Legitimität Gottes, alles zu tun, was den Vertretern eines solchen Systems beliebt. 

Heutzutage werden mehr und mehr Bücher und Artikel veröffentlicht, die sich auf al-Ghazali's Schriften beziehen oder sein Leben beschreiben. Die allermeisten dieser Veröffentlichungen stehen in irgendeiner Weise in Verbindung mit einem islamischen Staat, Diese Staaten unternehmen immer wieder den Versuch ihre Staatsform zu legitimieren, indem sie sich auf al-Ghazali beziehen. Die Autoren beschreiben gerne die beiden Lebensphasen al-Ghazalis. In seiner ersten Lebensphase hat er diese Art System in seinen Schriften und Rechtsgutachten (Fatwas) legitimiert. Das betrachten die Autoren als die authentische Phase, in der al-Ghazali nach Einschätzung dieser Autoren auf "dem rechten Weg" war. Seine zweite Lebensphase betrachten dieselben Autoren als eine Abweichung vom tugendhaften Pfad und als einen groben Fehler. Ghazali wandte sich dem mystischen Strom, genannt Sufismus, zu. Diese Autoren begründen ihre Position mit dem Hinweis, es sei nicht wichtig, ob al-Ghazali später seine erste Lebensphase sehr kritisch betrachtet habe und was er später über einen islamischen Staat geäußert habe, sein Irrtum habe eben mit der zweiten Lebensphase begonnen. Die mit den islamischen Staaten verbundenen Schreiber akzeptieren seine Selbstkritik in Bezug auf seine Werke der ersten Lebensphase schlichtweg nicht.


Alireza A'arafi, Internationale Universität al-Mustafa


Mohsen Araki, Weltverband für die Annäherung der Islamischen Rechts- und Denkschulen


Abdol-Hossein Khosrowpanah, Iranisches Institut für Philosophie, 

Eine genauere Untersuchung wird dazu führen, dass Autoren, die heutzutage über Ghazali schreiben in Verbindung stehen mit islamischen Staaten, wie zum Beispiel der Islamischen Republik Iran und deren ideologischen Zentren. Zu nennen wären die Internationale Universität al-Mustafa, die von Alireza A'arafi geführt wird, der von Generalsekretär Mohsen Araki geführte Weltverband für die Annäherung der Islamischen Rechts- und Denkschulen, das Iranische Institut für Philosophie (Andschomane Falsafe) unter Abdol-Hossein Khosrowpanah und weitere. Sie alle beanspruchen für sich Teil des legitimen religiösen Staates zu sein, der von al-Ghazali für die Sunniten beschrieben wurde. Weiter behaupten sie, nicht zwischen Sunniten und Schiiten zu unterscheiden und wie jüngst der Oberste Führer Irans Ali Khamenei sagte, gehe es ausschließlich um Islam. Das bedeutet, diese Bücher sind mit Vorsicht zu betrachten. Das beste und glaubwürdigste Buch über al-Ghazali stammt von Averroes (Ibn Rushd)[3] und heißt Tahâfat-ol Tahâfeh (Die Irrtümer des Buches über die Irrtümer). Es handelt sich hier um eine philosophische Erwiderung auf al-Ghazali's Tahâfat ol Falsafe (Die Irrtümer der Philosophen). Das Buch von Averroes wurde recht bald verbrannt[4], aber glücklicherweise hatte man bereits eine Übersetzung angefertigt, die erhalten geblieben ist. In islamisch geprägten Regionen wurde Averroes stets abgelehnt, doch wurden seine Werke mit dem Ende des Islamischen Reichs in Spanien veröffentlicht.


Averroes oder Ibn Rushd


Avicenna

Averroes
war Soziologe, Theologe, Historiker und Philosoph, doch trat er vornehmlich als Philosoph auf, während al-Ghazali Theologe war, der sich auf die Koran Verse und Überlieferungen, die man Mohammed zuschreibt, fokussierte und Methoden der Logik nutzte, um gegen Philosophie und Logik zu argumentieren. Wenn er also über Gott, Ewigkeit, Unsterblichkeit, Unendlichkeit schreibt nutzt er Begriffe der Philosophen, die vor seiner Zeit gelebt haben, wie zum Beispiel Avicenna[5] oder al-Farabi. Doch er vertritt eine Lehre, die abweicht von den Lehren der Philosophen, denn für Philosophen ist der Mensch nicht zum Gehorsam oder zur Unterwerfung geboren. Philosophen betrachten den Menschen als ein Wesen, das einen freien Willen hat. Ghazali hat sich gegen diesen Aspekt ausgesprochen und den Philosophen vorgeworfen die Tore für Ungehorsam und Beliebigkeit zu öffnen. Er bestand darauf, dass die Menschen Gott gegenüber gehorsam sein müssen und somit auch gegenüber dem Stellvertreter Gottes, der laut al-Ghazali in der Regierung eines Staates besteht.

Schlussfolgernd kann man sagen, dass al-Ghazali Islam zu einer Staatsideologie reduziert hat. Als er dies tat, übte er ein hohes Klerusamt im Dienste des Staates aus. Er schrieb diese Gedanken und Rechtsgutachten, um dem berühmten Staatslenker Khowajeh Nezam ol Molk e Toussi[6], Großwesir des Seldschukenherrschers Malekshah und den Abbassidischen Kalifen von Bagdad zu gefallen.

© Seyed M. Azmayesh, Übersetzung Helmut N. Gabel im Dezember 2016


[1] Abū Ḥāmid Muḥammad ibn Muḥammad al-Ghazālī c. 1058 – 18. Dezember 1111

[2] Abū Naṣr Muḥammad ibn Muḥammad al Farabi c. 872[2] in Fārāb[3] – zwischen 14. Dezember, 950 und 12. Januar, 951 in Damaskus

[3] Abū l-Walīd Muḥammad Ibn ʾAḥmad Ibn Rushd‎, 14. April 1126 – 10. Dezember 1198

[4] Jacob Anatoli (um 1194–1256) übersetzte seine Werke aus dem Arabischen ins Hebräische. Von der islamischen Orthodoxie werden seine Werke bis heute strikt abgelehnt.

[5] Abū Alī al-Husain ibn Abdullāh ibn Sīnā, c. 980 in Afschāna bei Buchara in Khorasan; † Juni 1037 in Hamedan

[6] Nizām al-Mulk Abū ʿAlī al-Hasan ibn ʿAlī ibn Ishāq at-Tūsī; * 10. April 1018; † 14. Oktober 1092