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Von Wölfen umzingelt - Interview mit Salih Gado, einem syrisch-kurdischen Politiker

mehriran.de - Salih Gado, Mitglied der syrisch-kurdischen Allianz aus Qamishli, kommt regelmäßig seit 30 Jahren nach Europa, um von der Situation der Kurden in Nordsyrien, der Kornkammer Syriens, zu berichten und um Unterstützung bei der Umsetzung eines föderalen Systems, in dem alle Volksgruppen gleichberechtigt leben können, zu werben. Salih Gado hat ganz Syrien zu Fuß kennen gelernt und eine Zeit lang in Damaskus gelebt. Wir haben ihn mit sprachlicher Unterstützung des Nahostreferenten der Gesellschaft für bedrohte Völker, Kamal Sido aus Göttingen, interviewen können.

 

mehriran.de - Interview am Donnerstag, dem 8.12.2016 mit dem syrisch-kurdischen Politiker Salih Gado aus der nord-syrischen Stadt Qamishli, der für ein föderales Syrien eintritt. Herr Gado, 70 Jahre alt, sagt von sich, er stamme aus West-Kurdistan, genannt Rojava, einer Gegend mit ursprünglich 3 Millionen Kurden. Mittlerweile sind mehr als 1 Million Menschen vor Kämpfen in anderen Teilen Syriens hierher geflohen. Salih Gado stammt aus einer ehrbaren kurdischen Grossgrundbesitzerfamilie. Er begann sich schon in seiner Jugendzeit in Damaskus für das politische Schicksal der Kurden in Syrien zu interessieren.

mehriran.de: Herr Gado, mit welchem Ziel sind Sie nach Deutschland gekommen und welche Botschaft haben sie für die deutsche Regierung?

Salih Gado: In den letzten 30 Jahren bin ich sehr häufig in Deutschland und in Europa gewesen. Unsere Botschaft hat sich in diesen 30 Jahren so gut wie gar nicht verändert. Da wir über keinen Staat und über keine diplomatischen Kanäle verfügen, hatten wir immer die gleichen Schwierigkeiten die deutsche Öffentlichkeit und vor allem die Regierungen zu erreichen, um von unseren Problemen und Sorgen zu erzählen. 

mehriran.de: Was haben denn ihre Leute in den letzten 30 Jahren alles durchgemacht? Schildern Sie doch, was sich alles verändert hat in diesen Jahrzehnten...

Salih Gado: In den letzten 30 Jahren haben unsere Leute unter einer Diktatur gelitten. Ich kann sagen, es waren eigentlich zwei verschiedene Ausgrenzungserfahrungen, die wir durchgemacht haben. Einmal aufgrund der politischen Konfiguration des diktatorischen Staates, waren die Kurden wie alle anderen Gruppen der staatlichen Unterdrückung ausgesetzt und zum anderen waren wir als Volk (Ethnische Minderheit, die Red.) von Verfolgungen betroffen. Die Situation in Syrien dürfte allgemein bekannt sein. Wir sollten aber genau hinschauen. Was mich anbelangt, ich komme aus Nordsyrien. Diese Region ist nahezu vollständig eingekesselt, worunter die Menschen sehr leiden. Alles, was man zum Leben braucht fehlt oder ist knapp. Wir sind von allen Seiten von Wölfen umzingelt. Türkei, Regime, Daesh (IS), Al-Nusra. 

mehriran.de: Wodurch schaffen die Menschen in ihrer Region sich der "Wölfe" zu erwehren?

Salih Gado: Unsere Leute sind Helden. Ich bin wirklich beeindruckt wie die Menschen zurecht kommen mit dem, was ihnen die Region bietet. Wir waren mal die Kornkammer Syriens, auch fördern wir etwas Öl, das in unserer Situation schwer an den Markt zu bringen ist. Militärisch halten wir uns mit Hilfe der Volksverteidigungseinheiten (YPG), von denen es auch Frauenbataillone gibt. Die sorgen dafür, dass wir schlafen können. Ich muss an dieser Stelle meinen Hut vor diesen Menschen ziehen und ihnen Respekt zollen für ihre Leistungen. Sie schützen nicht nur die Kurden, sondern alle Menschen, die in unsere Region gekommen sind. Das sind Aramäer/Assyrer/Chaldäer, Araber, Yeziden und andere.

mehriran.de: Wie organisiert sich diese Region im Moment auf der gesellschaftspolitischen Ebene?

Salih Gado: Die Verwaltung, welche die Geschäfte in die Hand genommen hat, ist 2 Jahre und 10 Monate alt. Diese Verwaltung ist in einer sehr schwierigen Situation entstanden. Ich habe vorhin die Blockaden durch die Türkei, das Regime, Daesh, andere radikale Islamisten erwähnt. Unsere Wirtschaft liegt da facto am Boden. Wir müssen mit sehr wenigen Mitteln auskommen und uns organisieren, wir haben kaum Fachleute. Dazu kommt, dass es das erste Mal in der Geschichte ist, dass wir selbst eine Verwaltung aufbauen. Wir sind immer beherrscht worden und konnten nie selbst eine Verwaltung aufbauen. Der Umgang der Menschen verändert sich dadurch auch, da wir früher immer von anderen verwaltet wurden. Es kommt dazu, dass wir diese Verwaltung in einem Land aufbauen, das durch den herrschenden Bürgerkrieg fast vollständig zerstört ist. Während andere für Zerstörungen sorgten, mussten wir uns in dieser Situation organisieren. 

mehriran.de: Wer hat diese Verwaltung in die Hand genommen? Sind Wahlen abgehalten worden oder wer sind die Menschen, die es an sich genommen haben eine Verwaltung aufzubauen?

Salih Gado: Der Bürgerkrieg war im Gange, die Gemeinden und Städte sind mehr und mehr heruntergekommen. Der syrische Staat hatte sich zurückgezogen und die Infrastruktur lag brach. In dieser Situation wurde unter uns diskutiert, was getan werden kann. Am 15. Januar 2014 gab es dann die Entscheidung einiger Organisationen, die darüber einig waren, dass die Situation nicht mehr haltbar war und wir uns irgendwie organisieren müssen. Wir müssen es ermöglichen, dass die Bevölkerung möglichst normal leben kann. Sich nahe stehende Organisationen und Persönlichkeiten, die ähnliche Bewertungen zur Lage teilten, haben auf einem gemeinsamen Kongress diskutiert, wie die Bevölkerung in diesem großen Gebiet verwaltet werden kann. So kam es, dass auf diesem Kongress der gemeinsame Entschluss entstand eine Verwaltung aufzubauen, damit das Leben von 3 Millionen Menschen weiter gehen kann. Infrastruktur, Dienstleistungen, ein Minimum an wirtschaftlichen Aktivitäten mussten wieder aufgebaut werden, Sicherheit musste auf den Straßen gewährleistet werden, soziale Probleme der Bevölkerung brauchten Widmung - jemand musste sich um all dies kümmern. 

mehriran.de: Dazu sind noch Flüchtlinge aus den umkämpften Landesteilen gekommen?

Salih Gado: Immer mehr Flüchtlinge (nâze'h), ich schätze 1,25 Millionen, sind zu den 3 Millionen aus anderen Landesteilen dazu gekommen.

mehriran.de: Wie können wir uns das vorstellen, wie wird in Rojava Wirtschaft betrieben? Welche Wirtschaftszweige gibt es da?

Salih Gado: Wir haben einen hohen Anteil an Landwirtschaft, den Anbau von Getreide und Oliven, die Herstellung von Olivenöl im Westen, in Afrin und im Osten auch Erdölförderung. Das Problem mit dem Erdöl ist die Abnahme, d.h. es funktioniert nur über Schmuggel. Das allermeiste Erdöl wird aber zum Heizen gebraucht, da unsere Region um Qamishli sehr arm an Wäldern ist. In der Region um Afrin wiederum ist viel Holz, jedoch kaum Erdöl. Jetzt kommt aber eine weitere Versorgungsproblematik hinzu. Die beiden Regionen sind durch einen Korridor getrennt, der von Islamisten bzw. von der Türkei gehalten wird. Das bedeutet, durch die fehlende Verbindung Landverbindung kann kein regulärer Austausch von Waren stattfinden. 

mehriran.de: Gibt es Staaten oder sonstige Organisationen, die die Menschen in Rojava unterstützen?

Salih Gado: Bis jetzt hilft uns niemand. 2014 war ich Leiter des Büros für Außenbeziehungen der autonomen Verwaltung. Wir haben viele Hilfegesuche auf unseren Rundreisen gestellt, haben viele Regierungen um Hilfe gebeten. Unsere Delegation hat ganz Europa bereist, alle haben uns gesagt, das würde sich alles gut anhören, was wir machen, aber bisher ist noch keine praktische Hilfe erfolgt. Humanitär hilft uns also keiner. Es gibt militärische Hilfe durch die USA. Der Luftraum wird geschützt und es erfolgen einige Waffenlieferungen. Mittlerweile gibt es zwei Flugplätze, die von den Amerikanern genutzt werden. Ein dritter Flughafen wird bei Kobane gebaut. 

mehriran.de: Zurück zur Botschaft an die Europäer. Sie reisen seit 30 Jahren nach Europa, Ihr Anliegen ist kaum verändert, ist wahrscheinlich in den letzten drei Jahren dringlicher geworden. Was braucht Ihr Volk, welche Botschaft haben Sie an Europa?

Salih Gado: Unsere Botschaft ist immer wieder - das wiederhole ich auch heute - wir haben noch nie gesagt, dass wir bessere Menschen sind, sondern wir sind nur Menschen, die das Recht auf Leben haben. Über Landesgrenzen hinaus betrachtet sind wir fast 40 Millionen Kurden. Wir erleben immer wieder Verfolgung, Unterdrückung, Zurückweisungen. Wir wollen sagen, wir sind auch Menschen, wir haben Rechte und brauchen Unterstützung. Warum soll uns geholfen werden? Wir sind eine Volksgruppe, die offen ist für neue Werte, für neue Ideen. Wir denken diese Werte und Ideen umsetzen und dadurch unsere Nachbarn positiv beeinflussen zu können. Wir können die westlichen Werte schneller empfangen, realisieren und aus der Region als ein funktionierendes Modell ausstrahlen lassen. Unsere Nachbarn werden sich durch ein gutes Beispiel überzeugen lassen. Das ist ein Grund, warum uns geholfen werden soll. 

Wir sind auch Muslime, aber es ist sehr selten, dass sich Kurden radikalisieren und dieses Übel namens Islamismus annehmen, obwohl es uns gar nicht gut geht. wir wollten uns mit dieser abwegigen Interpretation des Islam nicht abfinden und haben dagegen auch Widerstand geleistet. Wir haben Dutzende politische Organisationen in unserer Region, aber eine relevante Islamistische Gruppe, die Fuß fassen könnte in der Bevölkerung, gibt es unter Kurden nicht.

mehriran.de: Wie sind die Kurden in Rojava organisiert?

Salih Gado: Wir haben mehr politische Organisationen, die das gesellschaftliche Leben organisieren und Einfluss haben, die Stammesstrukturen haben in unserer Region keinen Einfluss. Seit 50 Jahren ist es so bei den Kurden, bei den arabischen Nachbarn sind die Clans noch mächtig. Unsere Entscheidungen haben für Clans auch manchmal provokativen Charakter. So hat die autonome Verwaltung die Vielehe verboten. Ein Mann kann nur noch eine Frau haben. Für unsere Verwaltung zählt die Säkularität, so haben die Stammesstrukturen bei uns in Rojava keine Bedeutung. 

mehriran.de: Wie ist das Verhältnis Russlands und Irans zur Region Rojava?

Salih Gado: Wenn ich mir die Lage mit Abstand und ohne Emotionen anschaue, dann muss ich sagen, dass die iranische Diplomatie viel tiefgreifender, weitsichtiger und klüger agiert. Wir wissen, dass der Iran keine kurdische Autonomie unterstützt, das wissen wir sehr genau, aber die Iraner scheinen nicht so plump, dumm und vulgär wie der türkische Präsident Erdogan. Die Iraner unterstützen voll das Regime von Assad und sie lehnen auch eine kurdische Verwaltung ab, aber sie greifen uns nicht so offensichtlich an. Vielleicht später. Vielleicht warten die Iraner auch erst Mal darauf, dass Türken und Kurden aufeinander losgehen und sich gegenseitig schwächen.

Zu den Russen haben wir in Rojava bessere Beziehungen, die Region um Afrin hat sehr gute Beziehungen zu den Russen. Dort wurden die Kurden indirekt von den Russen unterstützt, sonst hätten die Islamisten dort auch alles kaputt gemacht.

Vor mehr als zwei Monaten haben die Russen zuletzt einen Versuch unternommen zwischen Kurden und dem Regime zu vermitteln. Wir waren eine kurdische Delegation von acht Personen aus Kobani, Afrin, Qamishli. Wir haben uns in Latakia auf einem Stützpunkt der Russen getroffen. Dort waren Vertreter des Außenministeriums und des Verteidigungsministeriums. Die Russen hatten uns mit einem Spezialflugzeug abgeholt und wieder zurück gebracht. Die Russen haben konkrete Vorstellungen in Bezug auf die Zukunft Syriens, auch was die Kurden anbelangt. Die Russen hatten eine Erklärung vorbereitet und ganz konkrete Vorschläge gemacht, die sowohl das Regime als auch wir unterschreiben sollten. Das waren Punkte, die vollständig in unserem Interesse waren. Zum Beispiel reden die Russen von einem föderalen System, das ist genau auch unsere Forderung. Ein weiteres Beispiel bezieht sich auf die YPG, die es in eine staatliche Armee zu integrieren gilt, was auch unseren Vorstellungen entspricht. Weiterhin ging es um die Änderung des Namens "Syrisch-arabische Republik" in "Syrische Republik". Diese Erklärung haben wir aus Rücksicht auf andere Nachbarn nicht veröffentlicht oder offiziell bestätigt. Es ist aber auf einer Basis von Gerüchten bekannt geworden. Das Regime kann den Vorschlägen gar nicht zustimmen, denn das würde für sie de facto einer Teilung des Landes gleich kommen.

mehriran.de: Bedeutet das, dass keine Vereinbarung zu Stande gekommen ist?

Salih Gado: Es gab keine Abmachungen, aber wir haben erlebt, wie die Russen die Syrer unter Druck gesetzt haben, daraufhin haben die Syrer sich weitere Beratungszeit in Damaskus erbeten. Vieles wurde über unterschiedlichste Kanäle gestreut und mittlerweile glauben die Leute, dass über diese Dinge diskutiert wurde, aber offiziell will das noch keiner zugeben. Selbst das Staatsfernsehen hat über ein "Treffen" berichtet. 

mehriran.de: Waren bei dem Treffen nur die Kurden oder auch Vertreter anderer Gruppen?

Salih Gado: Nun, weil die Kurden sich nicht in allen Punkten einig sind, hat man zunächst nur die Kurden eingeladen und wenn hier Einigkeit erzielt wird, werden nach und nach andere Gruppen einbezogen, das war der Plan. Also, um die Probleme Stufe für Stufe abzuarbeiten ist diese Aufteilung vorgenommen worden. Später werden die Assyrer/Aramäer/Chaldäer mit einbezogen werden.

mehriran.de: Es heißt die USA würden sich zurück halten aus Verhandlungen, da die Russen traditionell bessere Beziehungen zu den Kurden in Syrien unterhalten. Weiter heisst es, dass die Verhandlungsinhalte aber durchaus abgestimmt sind zwischen den beiden Großmächten. Wie sehen Sie das? 

Salih Gado: Dem stimme ich vollständig zu, dass die Amerikaner die gleichen Ziele verfolgen wie die Russen und somit die Verhandlungen ganz den Russen überlassen haben. Was die Amerikaner nicht machen können oder wollen, geben sie an die Russen weiter. 

mehriran.de: Was sind Unterschiede zu den Kurden im Irak und wo unterstützen sie sich gegenseitig?

Salih Gado: Es gibt Meinungsverschiedenheiten auch unter den syrischen Kurden. Die Verwaltung wird gemeinsam organisiert, doch gibt es natürlich gesellschaftliche Meinungsverschiedenheiten. Zum Beispiel zwischen der Partei Demokratische Union (PYD), das ist die Hauptkraft, die die Verwaltung stellt und der Demokratischen Partei Kurdistan Irak von Massoud Harzani  bzw. denen, die Harzani unterstützen, gibt es viele Probleme und Meinungsverschiedenheiten. Ich gehöre zum Beispiel weder zur Harzani Partei, noch zur PYD. Wir haben eine Allianz - Kurdische Patriotische Allianz - die aus fünf Parteien besteht. Zu der Linken Demokratischen Partei gehöre ich, dann gibt es eine Demokratische Einheitspartei, dann gibt es die Kurdisch-Demokratische Partei al-Party, eine Partei heisst al-Wifaq, dann eine Reformpartei (Partei der Reformbewegung). Es gibt noch eine andere wichtige Partei, die heißt Peshveru-Partei (Fortschrittspartei), die sehen die Dinge auch wie wir, aber die machen bisher einen Alleingang. Wir haben noch den kurdischen Nationalrat, der steht Barzani nah und die arbeiten eng mit der syrischen Nationalkoalition, die wiederum von der türkischen Regierung unterstützt wird.

mehriran.de: Worin sind sich die meisten Kurden in Syrien einig und in welchen Fragen sind sie sich am Weitesten voneinander entfernt?

Salih Gado: Wir alle halten das Regime für ein diktatorisches Regime. Darin sind sich so gut wie alle einig. Wir als Kurdisch-Patriotische Allianz wollen, dass die syrisch-kurdische Bewegung einen eigenen Weg geht und sich nicht von den kurdischen Organisationen im Irak oder in der Türkei beeinflussen lässt. Dieser Kurdische Nationalrat will unbedingt unter der Ägide von Barzani stehen. Die regierende Partei (PYD) steht mehr der PKK nahe. Die   Kurdische Patriotische Allianz will einen eigenen, einen mittleren Weg gehen. 

In der Föderalismus-Frage sind wir auch fast alle einig. Was die YPG anbelangt, lehnen die Kollegen vom Kurdischen Nationalrat, die mit der türkischen Regierung zusammen arbeiten, deren Existenz eher ab. Die PYD, die Kurdische Patriotische Allianz, die Peshveru (Fortschrittspartei) sind alle laizistische Parteien, die lehnen den radikalen/gewalttätigen Islam ab, während der Nationalrat auf Grund ihrer Zusammenarbeit mit der Türkei ein wenig zum Islamismus tendieren, obwohl die kurdische Gesellschaft insgesamt diese politische Ideologie des Islamismus ablehnt. Durch die Zusammenarbeit mit der Türkei merkt man jedoch beim Nationalrat Tendenzen in diese Richtung. 

mehriran.de: Wenn Sie in naher Zukunft eine führende Rolle in Syrien innehätten, was würden Sie als erstes anpacken?

Salih Gado: Das erste wären allgemeine Wahlen abhalten, um ein Parlament wählen zu lassen. Wir haben bisher zu viel unter Diktaturen und diktatorischen Methoden gelitten. Es muss ein Parlament als Vertreter des Volkes Entscheidungen treffen. Ich würde mich also in einem solchen Parlament sofort dafür einsetzen, dass Menschen- und Minderheitenrechte anerkannt werden und in der Verfassung verankert werden. Ich würde vollständig Religion vom Staat trennen. Weiterhin würde ich mich für die Gleichstellung zwischen Mann und Frau einsetzen und die Gleichberechtigung aller Bewohner unabhängig ihrer ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit. Dann würde ich mich natürlich dafür einsetzen, dass es den Menschen auch wirtschaftlich besser geht. Ich würde dafür sorgen, dass die Medien immer unabhängiger arbeiten können. Wenn ich das alles machen könnte, das wäre natürlich alles wunderbar!

mehriran.de: Wie schätzen Sie das Verständnis der Bevölkerung ein - können die ihre Gedanken und Konzepte verstehen, teilen die Menschen in Ihrer Region Ihre Ziele? Verstehen die das gleiche unter Menschenrechten wie sie?

Salih Gado: Die wissen das ganz genau. Wir haben viele Vereine, die sich um die Menschenrechte kümmern. Die wissen, was ich meine.

mehriran.de: Was sind die größten Hindernisse für Ihre Vision und Vorgehensweise?

Salih Gado: Um diese Ziele umzusetzen brauchen wir Unterstützung. Wir haben keine Unterstützung durch die regionalen Mächte und auch keine von der internationalen Gemeinschaft. Wir treffen auf viele Widerstände in der Region. Das ist ein Problem. Die regionalen Mächte spielen eine entscheidende Rolle, die sorgen dafür, dass wir dieses Ziel nicht umsetzen können. Die Türkei will es nicht. Saudi-Arabien will es nicht. Qatar will es nicht. Iran will es nicht. Baschar Assad und das syrische Regime wollen es nicht. 

mehriran.de: Wer kann denn wirklich helfen?

Salih Gado: Natürlich müssen wir uns erstmal auf die Bevölkerung konzentrieren. Die Bevölkerung muss erst Mal aus eigener Kraft weitermachen. Und wir Politiker vor Ort müssen vielleicht noch pragmatischer werden. Es ist klar, dass wir uns zunächst auch gegenseitig helfen müssen. Wenn wir uns zerstreiten, wird uns keiner helfen wollen. 

mehriran.de: Was können Sie sich als Minimal- und Maximalhilfestellung vorstellen?

Salih Gado: Wir wissen, dass die Bundesrepublik Deutschland Interessen in der Region hat. Und wir wissen, dass wir selbst eine Kraft in der Region werden müssen, damit uns die Bundesrepublik helfen kann. Ein Minimum für uns wäre die Öffnung der Grenzübergänge in die Türkei, um das Leben wieder fließen zu lassen. Das ist für uns am dringlichsten.

mehriran.de: Ja, ich verstehe, das ist dringend, doch ein kleines Ziel scheint das nicht zu sein. Gibt es ein kleineres Ziel?

Salih Gado: Politische Signale wären durchaus wünschenswert. Eine positive Anerkennung und Bewertung unserer Verwaltung wäre zum Beispiel ein erstes wichtiges Signal für den Anfang. Wenn die Bundesrepublik zum Beispiel ein offizielles Statement diesbezüglich abgeben würde, wäre schon ein Minimalziel erreicht.

Was das Maximalziel anbelangt: wir wollen ein föderales demokratisches friedliches Syrien. Und ein Beitrag der Bundesrepublik wäre schon eine offizielle Unterstützung dieser Ziele.

mehriran.de: Danke an Sie Herr Gado, dass Sie für das Wohl Ihrer Region Verantwortung tragen und um Unterstützung werben. Danke an Kamal Sido für die Übersetzungsleistung. Hoffen wir das, dass sich der von Ihnen formulierte Ausstrahleffekt auf die Region ergibt, wenn in Syrien und der ganzen Region Frieden herrscht und alle Menschen gleichberechtigt an einer positiven Zukunft arbeiten können.

Weiter führende Informationen: https://www.gfbv.de/de/news/recherchereise-syrien-rojava-schutzzone-fuer-minderheiten-8088/

© Helmut N. Gabel für mehriran.de